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Full text of "Reallexikon der germanischen Altertumskunde, unter mitwirkung zahlreicher Fachgelehrten herausgegeben"

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THE CAMPBELL COLLECTION 

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The MacDonald-Stewart Foundation 

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The Canada Council 



REALLEXIKON 
DER GERMANISCHEN 
ALTERTUMSKUNDE 



ERSTER BAND 



A— E 



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LIBRARY 

■ Hill il'ii** •■»■»"'^ 

CAMPBELL 
COLLECTION 




BealltMJuTti 






UNTER MITWIRKUNG 
ZAHLREICHER FACHGELEHRTEN 

HERAUSGEGEBEN VON 

JOHANNES HOOPS 

ORD. PROFESSOR AN DER UNIV'ERSITÄT HEIDELBERG 



ERSTER BAND 

A— E 

MIT 47 TAFELN UND 62 ABBILDUNGEN IM TEXT 



SfraH&urg 

VERLAG VON KARL J. TRÜBNER 

1911 — 13 



1. Lieferung: A — Backwerk (S. i — 152), ausgegeben September 191 1. 

2. „ Backwerk — Brettspiel (S. 153 — 312), ausgegeben Februar 191 2. 

3. „ Brettspiel— Dichtung (S. 313—456), „ Juli „ 

4. „ Dichtung— Eyra{)ing (S. 457— 635)^ » März 1913. 



Vorwort. 

Das Bedürfnis nach einem Reallexikon der germanischen Altertumskunde ist 
längst empfunden worden, und schon 1892 wurdederPlan eines solchen Werks 
zwischen dem verstorbenen Verleger Dr. Karl Trübner und Wilhelm Streitberg 
erörtert, doch stellten sich damals der Ausführung Schwierigkeiten entgegen. 

Mehr als ein Jahrzehnt verging, bis der Gedanke zur praktischen Durch- 
führung gelangte. Mündliche und schriftliche Aussprachen mit Richard M. 
Meyer, Moriz Heyne, Edward Schröder, Andreas Heusler, Friedrich 
Kluge gaben Dr. Trübner in den Jahren 1905/1906 Anregungen in dieser Rich- 
tung. Bei einem Besuch, den Trübner mir im Januar 1906 machte, wurde der 
Plan besprochen, und ich erklärte meine Bereitwilligkeit, mitzuarbeiten. Im 
Juni 1906 wurde Rudolf Much als Herausgeber des Werkes gewonnen, der sich 
aber im August 1907 aus Gesundheitsgründen genötigt sah, von der Aufgabe 
zurückzutreten. 

Inzwischen war Karl Trübner am 2. Juni 1907 gestorben, und sein Lieb- 
lingsgedanke des germanischen Reallexikons wurde von denjenigen übernommen, 
die seine berufliche Lebensaufgabe in der von ihm begründeten Firma Karl 
J. Trübner fortführten. Dann wurde im Dezember 1907 mir die Herausgabe 
des Werks angetragen; im Juni 1908 nahm ich das Anerbieten an. Im Herbst 
und Winter desselben Jahrs erfolgte die Aufstellung der Stichwörterliste, die 
Gewinnung der Mitarbeiter und die Verteilung des Stoffs an sie. Im Frühjahr 1910 
lag die Mehrzahl der Beiträge fertig vor, so daß noch im Sommer mit dem Satz 
begonnen w^erden konnte. Die Beschaffung und Herstellung der Abbildungen 
freilich, die verspätete Lieferung einiger wichtiger Beiträge, die Anfertigung 
zahlreicher Akzentbuchstaben und sonstiger Typen und die Entscheidung über 
verschiedene organisatorische Fragen brachten wiederholte Verzögerungen mit 
sich, so daß die I.Lieferung erst im Sommer 191 1 fertiggestellt und im Sep- 
tember ausgegeben wurde; die 2. Lieferung folgte im Februar, die 3. im Juh 
19 12, die Schlußlieferung des ersten Bandes im März 19 13. 

Das Reallexikon soll eine Gesamtdarstellung der Kultur der ger- 
manischen Völker von den ältesten Zeiten bis zum Ende der althoch- 
deutschen, altniederdeutschen und altenglischen Periode, also bis ins ii. Jahr- 
hundert, geben; im Norden wurde die Darstellung bis ins 12. Jahrhundert 
ausgedehnt, um die älteste literarische Oberlieferung voll ausschöpfen zu 
können. Ich bin in dieser zeitlichen Begrenzung dem von mir schon in 



VI VORWORT 

meinem Buch Waldbäume und Kidtiirpflanzen im geinnanischen Altertum (Straß- 
burg 1905) angenommenen Plan gefolgt; er hat sich auch bei der Ausarbeitung 
des Reallexikons durchaus bewährt. 

Ausgeschlossen wurde außer der politischen Geschichte auch die Kirchen-, 
Dogmen- und Literaturgeschichte, weil hierfür zuverlässige Lehrbücher genug 
zur Verfügung stehn, und weil die Einverleibung dieser Wissensgebiete den 
Umfang des Werks zu sehr angeschwellt hätte. Nur die Bekehrungsgeschichte 
und die Anfänge der Dichtung, sowie die ganze Heldensage haben Aufnahme 
gefunden. Auch die Geschichtschreibung wird eingehend behandelt. 

Ein Hauptzweck des Buchs ist die Herstellung einer engeren Fühlung 
zwischen den verschiedenen Zweigen der germanischen Kultur- 
geschichte, die in den letzten Jahrzehnten infolge der zunehmenden Speziali- 
sierung der Forschung einander mehr und mehr entfremdet worden sind. Das 
Reallexikon soll jedem Forscher nicht nur ein Nachschlagew^erk für sein eignes 
Sondergebiet sein, sondern ihn auch schnell und zuverlässig über die ihn 
interessierenden Ergebnisse und Probleme der verwandten Wissensgebiete unter- 
richten. Aus der Fülle des Stoffs sind deshalb vor allem die Tatsachen aus- 
gewählt worden, die nicht bloß für eine Einzelwissenschaft Interesse haben, 
sondern auch für andere Disziplinen wissenswert und belangreich sind. Doch 
sind die Grenzen in dieser Hinsicht den einzelnen Mitarbeitern nicht zu eng 
gezogen, weil sich im voraus schwer sagen läßt, ob ein anscheinend unbedeu- 
tender Gegenstand der einen Wissenschaft nicht vielleicht für eine andere Be- 
deutung haben kann. 

Als ein wichtiges und erstrebenswertes Ziel des Reallexikons schwebte 
mir insbesondere die Herstellung einer Verbindung zwischen Vorgeschichte 
und Geschichte einerseits, zwischen Archäologie und Sprachwissen- 
schaft anderseits vor. Es war freilich vorauszusehn, daß diese Aufgabe nur 
teihveise gelöst werden würde: Neigungen und Abneigungen der Mitarbeiter 
auf der einen, sachliche Schwierigkeiten auf der andern Seite erschweren ihre 
Durchführung in vielen Fällen sehr. 

Bei religions-, rechts-, sozial- und allgemein kulturgeschichtlichen Fragen 
bildet die vergleichende Sprachwissenschaft, gestützt durch Rückschlüsse aus 
den späteren Verhältnissen bei den Einzelvölkern und durch vergleichende 
Heranziehung der Zustände bei primitiven Volksstämmen der Gegenw^art, die 
Möglichkeit einer Anknüpfung an die indogermanische Urzeit. Die so mittels 
sprachgeschichtlicher, historischer und volkskundlicher Untersuchung erzielten Er- 
gebnisse durch die Verwertung archäologischer und geographischer Tatsachen 
zu ergänzen, ist wohl wünschenswert, aber hier nicht unbedingt erforderlich. Die 
Verknüpfung der historisch -germanischen mit den vorgeschichtlichen Verhält- 
nissen ist deshalb bei der Darstellung der ReHgionsvorstellungen, Rechtsbegriffe 
und gesellschaftUchen Zustände überall angestrebt, eine kritiklose Zusammen- 
werfung von Tatsachen aus verschiedenen Zeitepochen und Kulturkreisen aber 
wie sie namentlich in der Religionsgeschichte noch vielfach üblich ist, nach 
Möglichkeit vermieden worden. 



VORWORT VII 

Schwieriger liegt die Sache beim Wirtschaftsleben, wo oftmals archäolo- 
gische, kulturhistorische, ethnographische und sprachgeschichtliche Probleme 
nebeneinander herlaufen, die nicht immer leicht in Einklang zu bringen sind. 
Auch hier war die Anknüpfung an die vorgeschichtlichen Verhältnisse unerläß- 
lich, aber bei der Schilderung der letztern war eine Trennung der verschiedenen 
Probleme und i\uf fassungsweisen vielfach nicht zu umgehn. 

Als Heimat der Germanen kommen nach der jetzt wohl allgemein herr- 
schenden Ansicht in ältester Zeit nur Norddeutschland oder die skandinavischen 
Länder oder beide in Betracht. Ich hielt es aber für angebracht, die Darstellung 
der archäologischen Verhältnisse nicht auf diese Gebiete zu beschränken, son- 
dern auch die Vorgeschichte der andern Länder Mitteleuropas, die später von 
Germanen bewohnt wurden, zu berücksichtigen, weil die Germanen von ihren 
südlichen Nachbarn zweifellos nicht nur in älterer vorgeschichtlicher Zeit durch 
Kulturmitteilung, sondern auch nach dem Einrücken in deren Gebiete in den 
späteren vorgeschichtlichen und geschichtlichen Epochen durch Völkermischung 
tiefgreifende kulturelle Einwirkungen erfuhren. Eine eingehendere Berücksich- 
tigung der vorgeschichtlichen Archäologie Mitteleuropas schien mir auch schon 
darum empfehlenswert, w^eil es an einer zuverlässigen und zugleich übersicht- 
lichen Zusammenfassung hier leider immer noch gebricht. 

Die prähistorischen Fundtypen sind nun zunächst nach rein archäologischen 
Gesichtspunkten geordnet und in ihrer fortschreitenden Entwicklung geschildert 
worden. Die weitere Hauptaufgabe der archäologischen Darstellung: die ethno- 
graphische Festlegung der prähistorischen Fundobjekte und die Aussonderung 
des spezifisch Germanischen, kann in doppelter Weise in Angriff genommen 
werden: einmal, indem man untersucht, welche der vorgeschichtlichen Formen- 
reihen Mittel- und Nordeuropas mit den sicher germanischen Fundtypen aus 
historischer Zeit entwicklungsgeschichtlich zusammenhängen, und sodann durch 
Verknüpfung der archäologischen Tatsachen mit den Zeugnissen der germanischen 
und indogermanischen Sprachwissenschaft und den Mitteilungen der antiken und 
mittelalterlichen Schriftsteller. Nach beiden Richtungen hin sind in den letzten 
Jahren sehr beachtenswerte Vorstöße gemacht worden; aber das ethnographische 
Problem der Prähistorie ist von einer allseitigen Lösung noch weit entfernt. 

Es ist nach dem Gesagten wohl entschuldbar, wenn das angestrebte Ideal 
einer organischen Verknüpfung von Vorgeschichte und Geschichte, von Archäo- 
logie, Ethnographie und Sprachwissenschaft in dem vorliegenden Werk nur zum 
Teil erreicht worden ist. * 

Das Schwergewicht der Darstellung mußte natürlich in der historischen 
Zeit liegen. Und hier möchte ich nachdrücklichst darauf hinweisen, daß die 
geschichtliche Kultur der Germanen von Anfang an mehr oder minder stark 
unter dem Einfluß der römischen Kultur und bald auch des Christentums stand. 
Die noch vielfach beliebte Methode aber, in der Schilderung des germanischen 
Altertums entweder nur den alteinheimischen, echt germanischen Kulturerschei- 
nungen nachzugehn und die römischen und christlichen Einschläge zu vernachlässi- 
gen, oder umgekehrt die mittel- und nordeuropäischen Gebiete nur als Provinzen 



VIII VORWORT 

des römischen oder des christlichen Weltreichs zu betrachten, scheint mir ein 
schiefes Bild von den wirklichen Kulturzuständen der germanischen Länder 
in frühmittelalterlicher Zeit zu geben. Es ist vielmehr noch stärker, als es 
bisher geschehen, das Augenmerk darauf zu richten, welche Umbildungen nicht 
nur die materielle, sondern auch die geistige und die soziale Kultur der 
Germanen unter römischem und christlichem Einfluß erfahren, und welche 
Formen nicht bloß römische Importgegenstände, sondern auch römische und 
christliche Ideen und Einrichtungen auf germanischem Boden angenommen 
haben. Beiträge in dieser Richtung möchte das vorliegende Werk liefern ; doch 
bleibt hier noch recht viel zukünftiger Arbeit vorbehalten. 

Das Reallexikon soll die Ergebnisse der neuesten Forschung in möglichst 
knapper und straffer Form und klarer, allgemein verständlicher Sprache zur 
Darstellung bringen, so daß es nicht bloß für Gelehrte, sondern für jeden 
Gebildeten benutzbar ist, der sich gründlicher über eine Frage aus dem Gebiet 
der germanischen Altertumskunde unterrichten oder sich selbsttätig damit 
beschäftigen will. Ausführliche Diskussionen und Polemiken sind ausgeschlossen, 
aber Lücken der Forschung, streitige Fragen und schwebende Probleme nach 
Möglichkeit angedeutet worden, um zu weiteren Untersuchungen anzuregen. 

Um dem Leser die selbständige W^eiterforschung zu ermöglichen, sind 
ferner im Text oder am Schluß der Artikel die nötigen bibliographischen 
Nachweise gegeben. Vollständigkeit der Verweise ist hier nicht angestrebt; 
vielmehr sind im allgemeinen nur die wichtigsten Abhandlungen über den 
Gegenstand, diejenigen Schriften, die weitere bibliographische Zusammenstellungen 
enthalten, und die neuesten, in den Bibliographien noch nicht aufgeführten 
Arbeiten verzeichnet worden. 

Der Stoff ist der leichteren Benutzbarkeit wegen unter möglichst zahl- 
reichen Stichwörtern verarbeitet; doch sind größere Gruppen von Tatsachen, 
historische Entwicklungsreihen und Perioden unter Sammelstichwörtern behandelt 
worden, die dem Leser einen orientierenden Überblick über die Einzeltatsachen 
gewähren. Die Verteilung des Stoffs auf die Stichwörter mußte im wesentlichen 
dem praktischen Ermessen der Mitarbeiter überlassen bleiben. Hierdurch wie 
auch durch die besondern Wünsche und Interessen mancher Mitarbeiter haben 
sich gewisse Ungleichheiten in der Stoffverteilung, Darstellungsweise und Auf-, 
fassung ergeben, die sich bei einem derartigen Sammelwerk nie ganz werden 
vermeiden lassen. Wo es angängig war, habe ich mich bemüht, augenfällige 
Widersprüche zu beseitigen und Unebenheiten auszugleichen; aber alle Gegensätze 
der Auffassung zu tilgen, hielt ich mich um so weniger berufen, als jeder Artikel 
mit dem Namen des Bearbeiters unterzeichnet ist und der Leser dadurch von selbst 
auf die Möglichkeit einer verschiedenen Beurteilung derTatsachen hingewiesen wird. 

Die Verantwortung für Inhalt und Form der einzelnen Artikel tragen die 
Mitarbeiter. Für den Plan und die Ziele des Gesamtwerks, für die Gruppierung 
des Stoffs im ganzen und die Auswahl der Mitarbeiter bin ich verantwortlich. 
Es ist mein Bestreben gewesen, für jeden Beitrag den kompetentesten Be- 
arbeiter zu gewinnen ; aber nicht immer Heß sich das ermögUchen. 



VORWORT IX 

Manche Lücken unter den Stichwörtern werden in einem Nachtrag aus- 
gefüllt werden. Der Inhalt desselben sowie der des Reallexikons überhaupt 
wird durch ein ausführliches Gesamtregister am Schluß des letzten Bandes 
ausgeschöpft werden. Erst wenn dieses vorliegt, läßt sich die Fülle des verar- 
beiteten Stoffs in ihrem ganzen Umfang übersehn und nutzbar machen. Den ein- 
zelnen Bänden aber wird ein sachlich geordnetes Register angehängt werden. 

Als eine willkommene Beigabe dürften die zahlreichen Abbildungen 
empfunden werden, von denen der erste Band 47 Tafeln und 62 Textabbildungen 
enthält. Die Gesamtzahl der Artikel dieses Bandes beträgt 512. 

Drei geschätzte Mitarbeiter hat bereits der Tod aus voller Tätigkeit hin- 
weggerafft: Bernhard Kahle starb am 9. Dezember 1910, Axel Björnbo am 
6. Oktober 1911 und Siegfried Rietschel am 20. September 1912. Ihrer Ver- 
dienste um das Reallexiko7i sei hier in herzlicher Dankbarkeit gedacht. Die 
Beiträge, die sie übernommen hatten, liegen im Manuskript fertig vor. 

Das Reallexikon macht nicht den Anspruch, eine irgendwie » abschließende <; 
Darstellung der germanischen Altertumskunde zu geben. (Wann würde in der 
Wissenschaft überhaupt je ein völliger Abschluß erreicht.'^) Es will nur den 
gegenw^ärtigen Stand der Forschung übersichtlich zusammenfassen, um dadurch 
die Grundlage und Anregung zu weiteren Untersuchungen zu bieten. Wenn 
es ihm beschieden sein sollte, auf diese Weise fruchtbringend und fördernd in 
den Fortschritt der Kulturwissenschaft einzugreifen, so hat es seinen Zweck 
erfüllt, und die von so vielen Forschern der verschiedensten Länder ihm 
gewidmete Zeit und Arbeit ist nicht vergeblich gewesen. 

Heidelberg. 24. Februar 1913. 

Johannes Hoops. 



Mitarbeiter. 

Ergänzungen vorbehalten. 

Dr. Clemens Baeumker, ord. Professor an der Universität S t r a ß b u r g. 

Adolphus Ballard, Woodstock, Oxford. 

Dr. Chr. Bartholomae, Geh. Hofrat, ord. Professor an der Universität Heidelberg. 

Prof. Dr. Ludwig Beck, B i e b r i c h a. Rhein. 

Dr. G. V. Below, Geh. Hofrat, ord. Professor an der Universität Freiburg i. Br. 

Professor Dr. R. Beltz, Schwerin. 

Dr. Björn Bjarnason, Reykjavik (Island). 

Dr. Axel A. Björnbo f, weil. Bibliothekar, Kongelige Bibliothek, Kopenhagen. 

Dr. J. Boehlau, Direktor des Königl. Museum Fridericianum, Kassel. 

Dr. Franz Boll, ord. Professor an der Universität Heidelberg. 

Dr. G. Baldwin Brown, Professor an der Universität Edinburgh. 

Dr. Karl Brunner, Assistent bei der Sammlung für deutsche Volkskunde, Berlin. 

Dr. Alexander Bugge, Professor an der Universität Kristiania. 

Dr. L. Dietrichson, Professor an der Universität Kristiania. 

Professor Dr. Hans Dragendorff, Generalsekretär des Kais, deutschen archäologischen 

Instituts, Berlin. 
Dr. Max Ebert, Berlin, Kgl. Museum für Völkerkunde. 

Dr. Ernst Fabricius, Geh. Hofrat, ord. Professor an der Universität Freiburg i. B. 
Dr. Hjalmar Falk, Professor an der Universität Kristiania. 
Dr. Hermann v. Fischer, ord. Professor an der Universität Tübingen. 
Dr. Oskar Fleischer, außerord. Professor an der Universität Berlin. 
Dr. Max Förster, ord. Professor an der Universität Leipzig. 
Kurat Christian Frank, Kaufbeuren (Bayern). 
Dr. Otto von Friesen, Professor an der Universität U p s a 1 a. 
Professor Dr. Franz Fuhse, Museumsdirektor, Bräunschweig. 
C. J. B. Gaskoin, M. A., Woburn Sands, Beds., England. 
Professor Dr. P. Goessler, Degerloch bei Stuttgart. 

Professor Dr. Valtyr Gu^mundsson, Dozent an der Universität Kopenhagen. 
Dr. Marius Hsegstad, Professor an der Universität Kristiania. 
Dr. Eduard Hahn, Privatdozent an der Universität Berlin. 
Dr. Hans Hahne, Privatdozent an der Technischen Hochschule Hannover. 
Dr. A. G. van Hamel, Middelburg, Holland. 

Dr. Karl Hampe, ord. Professor an der Universität Heidelberg. 
Dr. Theodor Hampe, Direktor am Germanischen Nationalmuseum, Nürnberg. 
Dr. Andreas M. Hansen, H v a 1 s t a d bei Kristiania. 

Professor Dr. A. Haupt, Baurat, Professor an der Technischen Hochschule Hannover. 
Dr. Gustav Herbig, Privatdozent an der Universität München. 
Professor Dr. F. Hertlein, H e i d e n h e i m a, Brenz, Württemberg. 
Dr. Andreas Heusler, außerord. Professor an der Universität Berlin. 
Dr. Moritz Hoernes, außerord. Professor an der Universität Wien. 
Dr. Johannes Hoops, Geh. Hof rat, ord. Professor an der Universität Heidelberg. 
Dr. Rudolf Hübner, ord. Professor an der Universität Rostock. 
Heinrich Jacobi, Kgl. Baurat, H o m b u r g v. d. H. 
Dr. Josef Janko, außerord. Professor an der böhm. Universität Prag. 
Dr. Richard Jordan, Professor an der Kgl. Akademie Posen. 
Dr. Bernhard Kahle t> weil, außerord. Professor an der Universität Heidelberg. 



MITARBEITER XI 

Dr. Wolfgang Keller, ord. Professor an der Universität Münster. 

Dr. Max Kemitierich, München. 

Dr. Albert Kiekebusch, Karlshorst bei Berlin. 

Dr. Friedrich Kluge, Geh. Hofrat, ord. Professor an der Universität Freiburg i. Br. 

Dr. Wilhelm Köhler, Wien. 

Dr. Laurence M. Larson, Professor an der University of Illinois, U r b a n a. 

Dr. Karl Lehmann, ord. Professor an der Universität Göttingen. 

R. V. Lennard, Lecturer, Wadham College, Oxford. 

Dr. Arnold Luschin v. Ebengreuth, Hofrat, ord. Professor an der Universität Graz. 

Dr. Herbert Meyer, ord. Professor an der Universität Breslau. 

Dr. Raphael Meyer, Bibliothekar an der Veterinair-Heiskole, Kopenhagen. 

Dr. Wilhelm Meyer-Lübke, Hofrat, ord. Professor an der Universität Wien. 

Dr. Eugen Mogk, außerord. Professor an der Universität Leipzig. 

Dr. Rudolf Much, ord. Professor an der Universität Wien. 

Dr. Gustav Neckel, außerord. Prof. an der Universität Heidelberg. 

Dr. Yngvar Nielsen, Professor an der Universität Kristiania. 

Dr. Paul Puntschart, ord. Professor an der Universität Graz. 

Dr. Siegfried Rietschel f , weil. ord. Professor an der Universität Tübingen. 

Dr. Fritz Roeder, Oberlehrer, Privatdozent an der Universität Göttingen. 

Dr. Franz Rühl, Staatsrat, Universitätsprofessor a. D., Jen a. 

Dr. Alfred Schliz, Hofrat, H e i 1 b r o n n. 

Dr. Otto Schlüter, ord. Professor an der Universität Halle. 

Dr. Hubert Schmidt, Privatdozent an der Universität Berlin. 

Dr. Br. Schnittger, Stockholm, National -Museum. 

Dr. Hans Schreuer, ord. Professor an der Universität Bonn. 

Dr. Edward Schröder, Geh. Regierungsrat, ord. Professor a. d. Universität Göttingen. 

Dr. Hans v. Schubert, Geh. Kirchenrat, ord. Professor a. d. Universität Heidelberg. 

Professor Dr. Karl Schuchhardt, Geh. Regierungsrat, Direktor am Museum für Völkerkunde, 

Berlin. 
Professor Dr. Karl Schumacher, Direktor am Römisch-german. Zentral-Museum, Mainz. 
Dr. Claudius Frhr. v. Schwerin, Privatdozent an der Universität München. 
Dr. Gerhard Seeliger, Geh. Hofrat, ord. Professor an der Universität Leipzig. 
Dr. Hans Seger, Professor an der Universität Breslau. 
Dr. Walther Stein, außerord. Professor an der Universität Göttingen. 
Dr. Wilhelm Streitberg, ord. Professor an der Universität München. 
Dr. Karl Sudhoff, Geh. Medizinalrat, außerord. Professor an der Universität Leipzig. 
Dr. Michael Tangl, ord. Professor an der Universität Berlin. 
Ch. Thomas, Architekt, Frankfurt a. M. 

Dr. Albert Thumb, ord. Professor an der Universität Straßburg. 
Dr. Paul Vinogradoff, Professor an der Universität Oxford. 
Dr. Walther Vogel, Assistent am Kgl. Institut für Meereskunde, Berlin. 
Timot. Welter, K. Notar, Metz. 

R. J. Whitwell, Lecturer, Corpus Christi College, Oxford. 
Dr. Friedrich Wilhelm, Privatdozent an der Universität München. 
Dr. Ernst Windisch, Geh. Rat, ord. Professor an der Universität Leipzig. 
Dr. A. Zycha, ord. Professor an der Universität Prag. 



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Alphabetische Tafel 

der im Reallexikon behandelten Gruppen. 

Das systemitische Reg-ister der im ersten Band enthaltenen Stichwörter steht am Schluß dieses Bandes. 



Aberglaube 

Ackerbau 

Agrarverfassung 

Archäologische Kulturtypen 

Astronomie 

Baukunst 

Befestigungswesen 

Bekehrungsgeschichte 

Bergbau und Bergrecht 

Bildung und Erziehung 

Chronologie 

Dichtkunst 

Eigentum und Besitz 

Erbrecht 

Familie 

Festzeiten 

Finanzwesen 

Fischerei 

Gefäße 

Gefolgschaft 

Gerichtsverfassung 

Geschichtschreibung 

Geselligkeit 

Gewerbe und Gewerbetechnik 

Gewerbeverfassung 

Grußsitten 

Handel und Handelsrecht 

Haustiere 

Heer 

Heiligenverehrung 

Heldensage 

Höfisches Leben 

Jagd und Jagdrecht 

Jurisprudenz 

Kirchenverfassung 

Kleidung und Kleiderstoffe 

Körperflege 

Kriegführung 

Kulturpflanzen 

Kunstgewerbe 

Lehnswesen 



Malerei 

Maße und Gewichte 

Mathematik 

Medizin 

Möbel 

Münzwesen 

Musik 

Mythus 

Nahrungswesen 

Namengebung 

Natur 

Öffentliches Leben 

Ornamentik 

Plastik 

Prozeßrecht 

Rassenfragen 

Recht und Rechtsbildung im 

allgemeinen 
Rechtsdenkmäler 
Sachenrecht 
Schiffahrt 
Schmuck 

Schrift- und Buchwesen 
Schuldrecht 
Siedlungswesen 
Sippe 

Spiele und Sport 
Sprache 

Staatsverfassung 
Stammesgliederung 
Ständewesen 
Strafrecht 
Totenbestattung 
Urheimat und Ausbreitung 
Verkehrswesen 
Verwaltung 
Viehzucht 
Waffen 
Werkzeug 
Wikinger 
Wohnungswesen 



Abkürzungen. 



a. = anno. 

Aarb. = Aarbeger for nordisk 

Oldkyndighed og Historie. 

Kjobenhavn. 
abret. = altbretonisch. 

ad. = altdeutsch, 
adän. = altdänisch. 

adj. = Adjektiv, adjektivisch. 

ae. = altenglisch (oder angel- 
sächsisch). 

AF. = Anglistische Forschungen, 
hrsg. V. J. Hoops, Heidelberg, 
1900 ff. 

AfdA. = Anzeiger für deutsches 
Altertum und deutsche Lite- 
ratur. Berlin 1875 ff. 

AfnO. = Annaler for nordisk 
Oldkyndighed og Historie. 
Kjobenhavn. 

afr(an)z. = altfranzösisch. 

afries. = altfriesisch. 

AfslPh. = Archiv für slavische 
Philologie. 

agerm. = altgermanisch. 

ags. = angelsächsisch (oder alt- 
enghsch). 

ahd. = althochdeutsch. 

Ahd.Gl. = Die althochdeutschen 
Glossen, gesammelt und bear- 
beitet von Elias Steinmeyer u. 
Eduard Sievers. Berhn 1879 
bis "1898. 

aind. = altindisch. 

air. = altirisch. 

aisl. = altisländisch. 

akslav. = altkirchenslavisch. 

akymr. = altkymrisch. 

alban. = albanesisch. 

V. Amira NOR. = Nordgermani- 
sches Obligationenrecht. I 
1882; H 1895. 

V. Amira Recht = Pauls Grund- 
riß* HI 51 ff. (1897). 



an. oder anord. = altnordisch. 

and. = altniederdeutsch. 

Angl. = Anglia, Zeitschrift für 
englische Philologie, hrsg. v. 
Eugen Einenkel. 

anord. = altnordisch. 

Anord. S B. = Altnord. Sagabiblio- 
thek hrsg. von Cederschiöld, 
Gering und Mogk. Halle 1882 ff. 

anorweg. = altnorwegisch. 

aonord. = altostnordisch. 

apreuß. = altpreußisch. 

arab. = arabisch. 

Arch. f. Anthr. = Archiv für An- 
thropologie. 

Arch. f. RW. = Archiv für Re- 
ligionswissenschaft. Freiburg 
i. B. 1898 ff. 

Arkiv = Arkiv for nordisk Filo- 
logi. Kristiania. Lund i883ff. 

armen. = armenisch. 

Arnold = W. Arnold, Ansiede- 
lungen u. Wanderungen deut- 
scher Stämme, vornehmlich 
nach hessischen Ortsnamen. 
Marburg 1875. 

as. = altsächsisch. 

aschw(ed). = altschwedisch. 

aslov. = altslovenisch. 

assyr. = assyrisch. 

att. = attisch. 

Auböck= Handlexikon der Mün- 
zen usw. Wien 1894. 

avest. = avestisch. 

awnord. = altwestnordisch. 

Bartholomae Airan.Wb. = Alt- 
iranisches Wörterbuch. 1904. 

Beow. = Beowulf. 

Bezz. Beitr. = Beiträge zur 
Kunde der indogermanischen 
Sprachen, hrsg. v. Adalbert 
Bezzenberger. Göttingen. 

BHL. = Bibliotheca Hagiogra- 



phica Latina antiquae et me- 
diae aetatis. Bruxelles 1898 ff. 

Birch CS. = Walter de Gray 
Birch, Cartularium Saxoni- 
cum. ßvols. London 1883 — 93« 

Blümner Technol. u. Terminol. 
= Technologie u. Terminologie 
der Gewerbe u. Künste bei 
Griechen u. Römern. 4 Bde. 
Leipzig 1875 — 86. 

Bosworth-Toller = An Anglo- 
Saxon Dictionary. Oxford 
1882— 1908. 

Brandt Forel. = F. Brandt, Fo- 
relsaeninger over den norske 
Retshistorie. 1880. 1883. 

Br?sch = Die Namen d. Werk- 
zeuge im Altengl. Kieler Dis- 
sertation 1910. 

Bremer Ethn. = Ethnographie 
d. germanischen Stämme in 
Pauls Grundriß. 

Brem.Wb. = Versuch eines bre- 
misch-niedersächsischen Wör- 
terbuchs. 5 Teile, Bremen 
1767 — 71; 6. Teil 1869. 

bret. = bretonisch. 

Brugmann Grundr. = Grundriß 
der vergleichenden Grammatik 
der indogermanischen Spra- 
chen. 2. Bearbeitung. Straß- 
burg 1897 — 1909. 

Brunner DRG. = Deutsche 
Rechtsgeschichte. 2. Bde. 
(i. Bd. in 2. Aufl.) Leipzig 
1906 u. 1892. 

Brunner Grundz. d. DRG. = 
Grundzüge der deutschen 
Rechtsgeschichte. 4. Aufl. 
Leipzig 1910. 

bulg. = bulgarisch. 

BZ. = Bronzezeit. 

c. = Caput, Kapitel. 



XIV 



ABKÜRZUNGEN 



ca. = circa. 

Cap. de villis = Capitulare de 
villis Karls d. Gr. (ca. 800), 
hrsg. I. V. Pertz MGL. fol. i, 
181 — 87 (1S35); 2. V. Boretias 
MGL.40Sect.II 1,82—01(1881). 

Carm. norr. = Carmina norröna 
ed. Th. Wisen. 2 Bde. London 
1886— 89. 

Cleasby-Vigf. = Cleasby-Vig- 
füsson, An Icelandic-English 
Dictionary. Oxford 1874. 

Cocka^Tie Leechd. = Leechdoms, 
Wortcunning, and Starcraft of 
Early England. 3 vols. Lon- 
don 1864 — 66. 

Corp. -Gl. = Corpus -Glossar (alt - 
englisch). 

Corp. Gl. Lat. = Corpus Glossa- 
riorum Latinorum. Ed. Loewe 
et Goetz. 7 Bde. Leipzig 1888 
— 1901. 

Cpb. = Corpus poeticum boreale. 
ed. by Gudbrand Vigfusson 
and F. York Powell. 2 Bde. 
Oxford 1883. 

czech. = czechisch. 

d. = deutsch. 

dän. = dänisch. 

dass. = dasselbe. 

DE. = Deutsche Erde. Gotha 
1902 ff. 

Dehio u. v. Bezold = Die kirch- 
liche Baukunst des Abendlan- 
des. Stuttgart 1892 ff. 

DGeschBl. = Deutsche Ge- 
schichtsblätter. Gotha 1900 ff. 

DgF. = Danmarks gamle Folke- 
viser udg. af Grundtvig og 
Olrik, Kjebenhavn 1853 ff. 

D. Hist. Tidsskr. = Dansk His- 
torisk Tidskrift. 

dial. = dialektisch. 

Diefenbach Gl. = Glossarium la- 
tino-germanicum mediae et in- 
fimae aetatis. Frankfurt a. M. 
1857. 

Diefenbach NGl. = Novum Glos- 
sarium etc. Frankfurt a.M. 1867. 

Diez EWb. = Etymologisches 
Wörterbuch der roman. Spra- 
chen. 5. Ausg. Bonn 1882. 

DLZ. = Deutsche Literaturzei- 
tung, hrsg. V. Paul Hinneberg, 
Berlin. 

dor. = dorisch. 

DuCange = C. DuCange, Glos- 
sarium mediae et infimae la- 
tinitatis, ed. G. A. L. Henschel. 



Parisiis 1840 — 50. Ed. nova a 
Leopold Favre, t. 10. Niort 
1883-87. 

DWb. = Grimms DeutschesWör- 
terbuch. Leipzig 1854 fi. 

Eddalieder: zitiert nach S. Bug- 
ge; sieh NFkv. 

Ed. Roth. = Edictus Rothari. 

Eg. = Egils saga. 

eig. = eigentlich. 

Eir. s. rauda = Eiriks saga rau9a. 

El. = Cynewulfs Elene, hrsg. v. 
Holthausen. 

EM. = Eddica Minora hg. v. 
Heusler und Ranisch. Dort- 
mund 1903. 

engl. = englisch. 

Engl. Stud. = Englische Stu- 
dien, hrsg. V. Johannes Hoops. 
Leipzig. 

Enlärt = Manuel d'Archeologie 
frangaise. Paris 1902. 

Ep.Gl. = Epinal-Glossar(altengl.). 

estn. = estnisch. 

EZ. = Eisenzeit. 

f. = Femininum. 

Faf. = Fafnismal. 

Falk-Torp = Etymologisk Ord- 
bog over det norske og det 
danske Sprog. 2 Bd. Kristi- 
ania 1901 — 06. — Deutsche Be- 
arbeitung von Hermann Da- 
vidsen. Heidelberg 1907 — 09. 

Fas. = Fornaldar Sögur Nordr- 
landa. Kjobenhavn 1829/30. 

Feist EWb. = Etymologisches 
Wörterbuch der gotischen 
Sprache. Halle 1909. 

Fick4 = Vergleichendes Wörter- 
buch der indogermanischen 
Sprachen. 4. Aufl. 1890 ff. 

finn. = finnisch. 

v. Fischer-Benzon Altd. Gartenfl. 
= Altdeutsche Gartenflora. 
Kiel u. Leipzig 1894. 

Fiat. = Flateyjarbok. Kristiania 
1860—68. 

Fms. = Fornmanna Sqgur. 

Forrer Reallex.= Reallexikon der 
prähistorischen, klass. u. früh- 
christlichen Altertümer. 1907. 

ForschDLVk. = Forschungen z. 
deutschen Landes- u. Volks- 
kunde. 

Franck EWb. = Etymologisch 
Woordenboek der Nederland- 
sche Taal. s'Gravenhage 1892. 

franz. = französisch. 

fries. = friesisch. 



Fritzner Ordb. = Ordbog over 
det gamle norske Sprog. Kris- 
tiania 1886 — 96. 

frz. = französisch. 

gäl. = gälisch. 

gall. = gallisch. 

Gallee Vorstud. = Vorstudien zu 
e. altniederdeutschen Wörter- 
buche. Leiden 1903. 

Garrett Prec. Stones = R. M. 
Garrett, Precious Stones in Old 
Engl. Literature. Leipzig 1909. 

gemeinidg. = gemeinindogerrna- 
nisch. 

Gerefa, Anweisungen für einen 
Amtmann, Anfg. 11. Jhs., 
hrsg. V. Liebermann Angl. 
251 ff. (1886); neu abgedr. in 
Ges. d. Ags. I 453 ff. 

Germ. = Germania, Viertel- 
jahrsschrift f. deutsche Alter- 
tumskunde, hrsg. V. Franz 
Pfeiffer. 1856 ff. 

germ. = germanisch. 

GGA. = Göttingische Gelehrte 
Anzeigen. 

Gierke DPrivR. = O. Gierke, 
Deutsches Privatrecht. I 1895. 
H 1905. 

Gierke Unters. = Untersuchun- 
gen zur deutschen Rechtsge- 
schichte hrsg. V. Otto Gierke. 

Gl. = in Glossen überliefert. 

Gnom. Ex. = Versus Gnomici 
Codicis Exoniensis, Die alt- 
engl. Denksprüche d. Exeter- 
Hs., hrsg. bei Grein-Wülker 
Bibl. I 341. 

Goldschmidt UGdHR. = Univer- 
versalgeschichte des Handels- 
rechts. 1893. 

got. = gotisch. 

gotländ. = gotländisch. 

Graff = Althochdeutsch. Sprach- 
schatz. 6 Tle. 1834 — 42. 

Grett. s. = Grettis saga. 

gr(iech). = griechisch. 

Grdf. = Grundform. 

Grimm DGr. = Deutsche Gram- 
matik V. J. Grimm. Neuer 
vermehrter Abdruck. 4 Bde. 
Berhn und Gütersloh 1870 — 98. 

GrimmDMyth.4 = Deutsche My- 
thologie von Jac. Grimm. 
4. Ausg. von E. H. Meyer. 
3 Bde. Berhn 1875—78. 

Grimm DRA.4 = Deutsche 
Rechtsaltertümer v. J. Grimm. 
4. Ausg. 2 Bde. Leipzig 1899. 



ABKÜRZUNGEN 



XV 



Grimm GddSpr. = J. Grimm, 
Geschichte der deutschen Spra- 
che. 4. Aufl. Leipzig 1880. 

GRM. = Germanisch-Romani- 
sche Monatsschrift. 1909 ff. 

Gr.-W. = Grein-Wülcker, Bibli- 
othek der ags. Poesie 1883 ff. 

Guilhiermoz = Note sur les poids 
du moyen-äge. (Aufsatz in der 
Bibliotheque de TEcole des 
chartes 1906.) (Zitate n d. S.A.) 

GZ. = Geographische Zeitschrift, 
hrsg. von A. Hettner. 

Haupt Alt. Kunst = Albrecht 
Haupt, Die älteste Kunst, ins- 
bes. die Baukunst der Germa- 
nen. Leipzig 1909. 

Hav. = Havardar saga. 

hd. = hochdeutsch. 

hebr. = hebräisch. 

Heer Pflanz, d. Pfahlb. = Die 
Pflanzen der Pfahlbauten. Se- 
paratabdruck aus d, Neujahrs- 
blatt d. Naturforsch. Ges. auf 
d. J. 1866. Zürich 1865. 

Hehn = Kulturpflanzen u. Haus- 
tiere in ihrem Übergang aus 
Asien nach Griechenland und 
Italien sowie in das übrige Eu- 
ropa. Hrsg. von 0. Schrader. 

Herrigs Archiv = Archiv für das 
Studium der neueren Sprachen 
u. Literaturen, hrsg. v. Brandl 
u.Morf. Braunschweig 18460. 

Hertzberg Grundtr. = Grund - 
traekkene i den seldste Norske 
Proces. 1874. 

Heyne Handwk. = Das altdeut- 
scheHandwerk.Straßburgi9o8. 

Heyne Hausaltert. = Fünf Bü- 
cherDeutscher Hausaltertümer. 
3 Bde. Leipzig 1899 — 1903. 

Hirt Indogm. = Die Indogerma- 
nen. Ihre Verbreitung, ihre 
Urheimat u. ihre Kultur. 
2 Bde. Straßburg 1905 — 07. 

Hist. Vjts. = Historische Viertel- 
jahrschrift, hrsg. V. Gerhard 
Seeliger. Leipzig. 

Hist. Z. = Historische Zeitschrift, 
hrsg. V. Friedrich Meinecke. 

Hkr. = Heimskringla. 

Holder Akelt. Sprachsch. = Alt- 
keltischer Sprachschatz. 

Hoops Waldb. u. Kulturpfl. 
= Waldbäume u. Kultur- 
pflanzen im germ. Altertum. 
Straßburg 1905. 

Hs(s). = Handschrift(en). 



Hultsch Metrol. = Griechische 
u. römische Metrologie. 2. Be- 
arbeitung. Berlin 1882. 

HultschMRS. = Metrologicorum 
Scriptorum Reliquice. 2 Bde. 
Leipzig 1864/66. 

idg. = indogermanisch. 

IF. = Indogermanische For- 
schungen, hrsg. V. Brugmann 
u. Streitberg. Straßburg 1 891 ff. 

illyr. = illyrisch. 

V. Inama-Sternegg DWG. = 
Deutsche Wirtschaftsgeschich- 
te. 3 Bde. (i. Bd. in 2. Aufl.) 
1909 u. 1891 — 1901. 

ion. = ionisch. 

ir. = irisch. 

isl. = isländisch. 

it(al). = italienisch. 

JEGPh. = The Journal of Eng- 
lish and Germanic Philology. 
Published by the University of 
Illinois. 

JGPh. = Journal of Germanic 
Philology. 

Jh. = Jahrhundert. 

Karajan W. M. — Beitr. zur 
Gesch. d. landesfürstl. Münze 
Wiens. 1838. Die römischen 
Zahlen beziehen sich auf die 
Abschnitte des abgedruckten 
Münzbuchs. 

Karol.Z. = Karolinger-Zeit. 

Keller AS. Weapon Names = 
May L. Keller, The Anglo- 
Saxon Weapon Names treated 
archaeologically and etymolo- 
gically. Heidelberger Dissert. 
(AF, 15.) Heidelberg 1906. 

kelt. = keltisch. 

Kemble CD. = Codex Diploma- 
ticus Aevi Saxonici. 6 vols. 

klruss. = kleinrussisch. 

Kluge EWb. = Etymologisches 
Wörterbuch der deutschen 
Sprache. 7. Aufl. Straßburg 
1910. 

körn. = kornisch. 

Kretschmer Hist. Geogr. = Hist. 
Geographie v. j\Iitteleuropa. 
München u. Berlin 1904, 

krimgot. = krimgotisch. 

kymr. = kymrisch. 

KZ. = Zeitschrift für verglei- 
chende Sprachforschung, hrsg. 
V. A. Kuhn, 1852 ff. 

Lo3ceboc, hrsg. v. Cockayne 
Leechdoms II. 

Lamprecht DWL. = Deutsches 



Wirtschaftsleben im MA. Leip- 
zig 1886 ff. 

langob. = langobardisch. 

läpp. = lappisch. 

lat. = lateinisch. 

LCtrbl. = Literarisches Central- 
blatt, hrsg. v. Zarncke. 

Lehmann HR. = K. Lehmann, 
Lehrbuch des Handelsrechts. 
1908. 

Leonhardi = Kleinere angel- 
sächs. Denkmäler I, hrsg. v. 
G. L. in Grein-Wülkers Bibl. 
d. ags. Prosa 6. Hamburg 1905. 

lett. = lettisch. 

Lexer = Lexers Mittelhochdeut- 
sches Wörterbuch. 

Liebermann Ges. d. Ags. = Ge- 
setze der Angelsachsen. 1903 
— 1912. 

Lindenschmit DA. = Handbuch 
der deutschen Altertumskunde. 
Braunschweig 1880 — 89. 

Lit. = Literatur(angaben). 

lit. = litauisch. 

Litbl. = Literaturblatt für ger- 
manische und romanische Phi- 
lologie, hrsg. V. 0. Behaghel u. 
F. Neumann. 1880 ff. 

V. Luschin Münzk. = Luschin 
V. Ebengreuth, Allg. Münz- 
kunde u. Geldgeschichte. 1904. 

m. = Maskulinum. 

MA. = Mittelalter. 

ma. = mittelalterlich. 

Maitland DB. =Domesday Book 
and beyond. 

maked. = makedonisch. 

Manitius GdlLit. = Gesch. d. 
latein. Lit. des MA. I. München 
1911. 

Mannhardt WFK. = Wald- und 
Feldkulte von Wilhelm Mann- 
hardt. 2 Bde. Berlin 1875 — 77- 

Mannus = Mannus. Zeitschrift 
für Vorgeschichte, hrsg. v. 
Gustaf Kossinna. Würzburg 
1909. 

Matzen Forel. = Forelaesninger 
over den danske Retshistorie. 
1893—96. 

Maurer Vorl. = Konr. Maurer, 
Vorlesungen üb. altnordische 
Rechtsgeschichte. 1907 ff". 

mbret. = mittelbretonisch. 

md. = mitteldeutsch. 

me. = mittelenglisch. 

m. E. = meines Erachtens. 

Meitzen Siedl. u. Agrarw. = Sied- 



XVI 



ABKÜRZUNGEN 



lung u. Agrarwesen der Ost- 
germanen u. Westgermanen. 
Berlin 1895. 3 ^^^- u.Atlasbd. 

Merow.Z. = Merowinger-Zeit. 

MG. = Monumenta Germaniae 
historica. Folio (ohne Bei- 
satz) u. 4° Ausgabe. 

MGL. = Abteilung Leges der MG. 

MGS. = Abteilung Scriptores 
der MG. 

mhd. = mittelhochdeutsch. 

Miklosich EWb. = Etymologi- 
sches Wörterbuch der slavi- 
schen Sprachen. Wien 1886. 

mir. = mittelirisch. 

mlat. = mittellateinisch. 

mnd. = mittelniederdeutsch. 

mndl. = mittelniederländisch. 

MSD. = Müllenhofi und Scherer, 
Denkmäler deutscher Poesie u. 
Prosa. 3. Aufl. Berhn 1892. 

Müllenhoff DA. = Deutsche Al- 
tertumskunde. 5 Bde. 

Müller NAltertsk. = Sophus 
Müller, Nord. Altertumskunde; 
übs. V. Jiriczek. 2 Bde. Straß- 
burg 1897 — 98. 

Müller Urgesch. Eur. = Sophus 
Müller, Urgeschichte Europas; 
übs. V. Jiriczek. Straßb. 1905. 

MüUer-Zarncke = Mittelhoch- 
deutsches Wörterbuch v. W. 
Müller u. Fr. Zarncke. 3 Bde. 
1854—61. 

n. = Neutrum. 

nbulg. = neubulgarisch. 

nd. = niederdeutsch. 

ndl. = niederländisch. 

ndn. = neudänisch. 

ndsächs. = niedersächsisch. 

ne. = neuenglisch. 

NED. = A New English Dictio- 
nary on historical principles. 
Ed. by Murray, Bradley, and 
Craigie. Oxford 1888 ff. 

Nelkenbrecher = Taschenbuch 
der Münz-, Maß- u. Gewichts- 
kunde. Die Jahreszahl be- 
zeichnet die Ausgabe. 

Neuweiler, Prähist. Pflanzenr. = 
Die Prähistor. Pfianzenreste 
Mitteleuropas; Zürich 1905; 
SA. aus d. Vtjs. d. Natf. Ges. 
Zürich 50. 

NFkv. = Norraen Fornksedi 
(Saemundar-Edda) udg. af S. 
Bugge. Kristiania 1867. 

nfr(an)z. = neufranzösisch. 

NGL. = Norges Gamle Love. 



ngriech. = neugriechisch. 

nhd. = neuhochdeutsch. 

N.Hist.Tidsskr. = Norsk Histo- 
risk Tidsskrift. 

nir. = neuirisch. 

nkymr. = neukymrisch. 

NL. = Nibelungenhed hg. v. 
Bartsch. 

nnd. = neuniederdeutsch. 

nndl. = neuniederländisch. 

Noback = Vollständiges Ta- 

schenbuch der Münz-, Maß- 
u. Gewichtsverhältnisse. Leip- 
zig 1851. 

NO., nö. = Nordosten, nordöst- 
lich. 

nord. = nordisch (skandina- 
visch). 

nordfries. = nordfriesisch. 

Nordström = Bidrag tili den 
Svenska Samhälls-Författnin- 
gens Historia. 1839 — 40. 

norw(eg). = norwegisch, 

nschwed. = neuschwedisch. 

nslov. = neuslovenisch. 

nsorb. = niedersorbisch. 

NW., nw. = Nordwesten, nord- 
westlich. 

NZ. = Numismatische Zeit- 
schrift, herausg, von der nu- 
mismatischen Geseilschaft in 
Wien. 40 Bde. 

0., ö. = Osten, östlich. 

obd. = oberdeutsch, 

Olrik DHd. = A. Olrik, Dan- 
marks Heltedigtning i.Kjoben- 
havn 1903. 

Olrik Kild. = A. Olrik, Kilderne 
til Sakses Oldhistoric; Kjoben- 
havn 1892 — 94. 

ON. = Ortsnamen. 

osorb. = obersorbisch. 

Ö. W. = Österreichische Weis- 
tümer, Wien 1870 ff. 

Österr, Weist. = Österreichische 
Weistümer. Wien 1870 ff. 

PBBeitr. = Beiträge zur Ge- 
schichte der deutschen Sprache 
und Literatur, hrsg. v. W. 
Braune. Halle 1874 ff. 

pers. = persisch. 

PGrundr. = Grundriß der ger- 
manischen Philologie, hrsg. v. 
H. Paul. 2. Aufl. Straßburg 
1896 — 1909. 

pl. = Plural. 

PliniusNH.= Naturalis Historia. 

PM. = Petermanns Geogr. Mit- 
teilungen. 



poln. = polnisch. 

portg. = portugiesisch. 

Prähist. Z. = Prähistorische 
Zeitschrift. Hrsg. v. K. Schuch- 
hardt, K. Schumacher, H. See- 
ger. Berlin 1909. 

preuß. = preußisch. 

prov. = provenzalisch. 

Publ.MLAss. = Pubhcations of 
the Modern Language Asso- 
ciation of America. 

rätorom. = rätoromanisch. 

Rom. = Romania. 

rom(an). = romanisch. 

Rubel Franken = Die Franken 
ihre Eroberung u. Siedlungs- 
wesen im deutschen Volks- 
lande. Bielefeld u. Leipzigi904. 

russ. = russisch. 

SA. = Sonderabdruck. 

S., s. = Süden, südlich. 

Sachs. = sächsisch. 

satl. = saterländisch. 

Saxo = Saxo Grammaticus nach 
P. E. Müller. 

sb. = Substantiv. 

Schiller-Lübben = Mittelnieder- 
deutsches Wörterbuch. 6 Bde. 
Bremen 1875 — 81. 

Schlüter Thür. = Die Siedelun- 
gen im nö. Thüringen. Berlin 
1903. 

Schlyter Ordb. = Ordbok tili 
Sämlingen af Sveriges game 
Lagar. 1877. 

Schmidt Allg. Gesch. = Ludwig 
Schmidt, Allgemeine Gesch. d. 
german. Völker bis z. Mitte des 
6.Jhs. München u. Berlin 1909. 

Schott. = schottisch. 

Schrader Reallex. = Reallexikon 
der indogermanischen Alter- 
tumskunde. Straßburg 1901. 

Schrader Sprachvgl. u. Urgesch, 
= Sprachvergleichung u. Ur- 
geschichte. 3. Aufl- Jena 
1906 — 07. 

Schröder DRG.5 = Richard 
Schröder, Lehrbuch der Deut- 
schen Rechtsgeschichte. 5. Aufl. 
Leipzig 1907. 

schwed. = schwedisch. 

s. d. = siehe dies. 

serb. = serbisch. 

Sigrdrfm. = Sigrdrifumal. 

Skeat ED. = An Etymological 
Dictionary of the English Lan- 
guage. 2'^ ed. Oxford 1884. 

— Conc. Ed. = A Concise Ety- 



ABKÜRZUNGEN 



XVII 



mological Dictionary etc. Ox- 
ford 1901. 

slav. = slavisch. 

SnE. = Snorra Edda udg. af 
F. Jonsson. Koph. 1900; mit 
Bandzahl: Editio Arnamagn. 
i.u. 2. Bd. Hafniae 1848; 1854. 

s. o. = siehe oben. 

SO., so. = Südosten, südöstlich. 

Sommer Handb. = Handbuch d. 
latein. Laut- u. Formenlehre. 
Heidelberg 1902. 

sorb. = sorbisch. 

span. = spanisch. 

spätlat. = spätlateinisch. 

Ssp. = Sachsenspiegel, Land- 
recht, hrsg. V. C. G. Homeyer. 
3. Aufl. Berlin 1861. 

Steinm.-Siev. = Die ahd. Glos- 
sen, hrsg. V. Steinmeyer u. 
Sievers. Berlin, Weidmann. 

Stephani = Der älteste deutsche 
Wohnbau u. seine Einrichtung. 
2 Bde. Leipz. 1902 — 03. 

stm. = starkes Maskulinum. 

Stokes bei Fick, s. Fick. 

St.Z. = Steinzeit. 

SV. = sub voce. 

SW., sw. = Südwesten, südwest- 
lich. 

swf. = schwaches Femininum. 

swm. = schwaches Maskulinum. 

Sylt. = nordfries. Dialekt der 
Insel Sylt. 

SZfRG. = Zeitschrift der Savig- 
ny-Stiftung für Rechtsgesch. 
Germanistische Abt. Weimar 
1880 ff. 

Taranger = Udsigt over de 
norske Rets Historie.1898.1904. 

thrak. = thrakisch. 

Torp bei Fick, s. Fick. 

t.t. = terminus technicus. 

türk. = türkisch. 

TZ, = La Tene-Zeit. 



J)S. = |)idreks saga, Kapitelzahl 
nach Unger 1853. 

U. B. = Urkundenbuch. 

udW. = unter dem Wort. 

Uhlenbeck Aind. EWb = Kurz- 
gefaßtes Etymologisches Wör- 
terbuch der altindischen Spra- 
che. Amsterdam 1898 — 99. 

Uhlenbeck Got. EWb. = Kurzge- 
faßtes EtymologischesWörtb.d. 
gotischenSprache.Ebendai900. 

umbr. = umbrisch. 

Unger = Unger-Khull, Steiri- 
scher Wortschatz. Graz 1903. 

urgerm. = urgermanisch. 

urkelt. = urkeltisch. 

V. = Vers. 

vb. = VerKum. 

VdBAG. = Verhandlungen der 
Berliner Anthropologischen Ge- 
sellschaft. 

Vkv. = Volundar-Kvida. 

vorgerm. = vorgermanisch. 

Vsp. = Vqluspa. 

Vtjs. f. Soz. u. WG. = Viertel- 
jahrschrift für Sozial- u. Wirt- 
schaftsgeschichte, hrsg. von 
St. Bauer, G. v. Below usw. 
Stuttgart 1903 ff. 

vulglat. = vulgärlateinisch. 

Vw.Z. = Völkerwanderungszeit. 

W., w. = Westen, westlich. 

Waitz DVG. = Waitz, Deutsche 
Verfassungsgeschichte. 8 Bde. 
Berlin 1880 — 96. 

WaldeEWb. = Lateinisches Ety- 
mologisches Wörterbuch Hei- 
delberg 1906. 

westf. = westfälisch. 

Wids. = Widsith. 

Wiens Rechte u. Freiheiten, hrsg. 
v. Tomaschek, 1877 — 79. (Ge- 
schichtsquellen d. Stadt Wien, 
hrsg. V. Karl Weiß, L Abt.) 

wnord. = westnordisch. 



Wright Biogr. Lit. = Thom. 
Wright, Biographia Britannica 
Literaria. I: Anglo - Saxon 
Period. London 1842. 

WrightEDD.=TheEnglishDialect 
Dictionary. Oxford 1896 — 1905. 

Wright-Wülker = Anglo-Saxon 
and Old English Vocabularies. 
2^ ed. London 1884. 

W. R. u. F. = Wiens Rechte u. 
Freiheiten (s. d.). 

WS. = westsächsisch (ags. Dialekt). 

WuS. = Wörter u. Sachen. Kul- 
turhistorische Zeitschrift für 
Sprach- und Sachforschung. 
Heidelberg 1909 ff. 

WW. = Wright-Wülker. 

Wz. = Wurzel. 

Z. = Zeitschrift. 

ZdVfVk. = Zeitschrift des Vereins 
für Volkskunde, Berlin 189 1 ff. 

Zeuß = Die Deutschen u. die 
Nachbarstämme. 

ZfdA. = Zeitschrift für deutsches 
Altertum. Berlin 1841 ff. 

ZfdPh. = Zeitschrift für deutsche 
Philologie. Halle 1868 ff. 

ZfdR. = Zeitschr. für deutsches 
Recht. Leipzig, später Tübin- 
gen 1839—61. 

ZfdWf. = Zeitschrift für deut- 
sche Wortforschung, hrsg. v. 
Kluge. Straßburg 1901 f. 

ZfEthn. = Zeitschrift für Ethno- 
logie. Berlin 1869 ff. 

ZffSpr. = Zeitschrift für fran- 
zösische Sprache u. Literatur. 
Oppeln 1883 ff. 

ZfHR. = Zeitschrift für das ge- 
samte Handelsrecht. Erlangen, 
später Stuttgart 1858 ff. 

ZfN. = Zeitschrift für Numisma- 
tik. Berlin 1874 ff. 

Zf RG. = Zeitschrift für Rechts- 
geschichte. Weimar 1861 — 87. 



Hoops, Reallexikon. I. 



A. 



Aachener Kaiserpfalz. Erbaut von Karl 
d. Gr. an Stelle und unter Benutzung 
eines älteren merowingischen Palatiums, 
wohl seit 788. Die ganze großartige An- 
lage, wie es scheint ein Rechteck von 
Mauern umgeben, mit Türmen an den 
Ecken, Toren an den Seiten, umfaßte den 
hochgelegenen Palast (die Regia), an tiefer 
Stelle die Pfalzkapelle, beide durch einen 
mächtigen, mit Terrassen und Treppen 
herabführenden Hof verbunden, ringsum 
zahlreiche Höfe und Nebengebäude, Bäder 
und Gärten. Das Ganze umschloß die 
Gebäude für die Angehörigen des kaiser- 
lichen Hofes, für die Leibwachen und 
Beamten, für die Geistlichen der Hof- 
kirche sowie für Schulen. Auch das aus 
Ravenna hierher geschleppte Bronzedenk- 
mal Theoderichs war auf einem Platze des 
Palastes aufgestellt. 

Die Regia, die Königshalle, auf der 
Höhe im Norden des Areals (an der Stelle 
des heutigen Rathauses), hatte im Unter- 
geschosse eine Reihe von reichausge- 
statteten Gemächern, darüber den großen 
Saal. Die Querwände teilten das untere 
Geschoß, wie es scheint, in 5 (oder nach 
Reber 7) Räume, die mit Holzdecken 
(Kragsteine noch vorhanden) überdeckt 
waren. Das Testament Karls gibt uns 
einen Begriff von der riesigen Menge von 
Kostbarkeiten in der Ausstattung des 
Palastes. — S. Aachener Pfalzkapelle, 
Königshalle. 

Stephani Wohnbau II 134 ff. Reber 
Der Palast zu Aachen, Abb. d. bayr. Akad. d. 
Wiss. 1893, 187 ff. Kessel u. Rhoen 
Beschreibung u. Gesch. d. karoling. Pfalz zu 
Aachen, Ztschr. d. Aachener Gesch. -Ver. 1881. 

A. Haupt. 

Aachener Pfalzkapelle. § i. Von Karl 
d. Gr. yg6 — 804 südlich unterhalb des 
Palatiums erbaut, um an die Stelle einer 

Hoops, Reallexikon. I. 



kleinen merowingischen Basilika zu treten. 
Bedeutungsvollster Zentralbau des Nordens 
im I. Christi. Jahrtausend. Vermutlich 
liegen die Vorbilder der Anlage in Klein- 
asien, wo Martyrien höchst ähnlicher An- 
lage zahlreich vorhanden sind. Acht- 
eckiger hochgeführter Mittelraum, vonEm- 




linrt I I I I I I I 1 ' I I I ' I ' ' I I I "t-=|-T-^f=T= 



Abb. I. Aachener Pfalzkapelle; Grundriß. 
Nach Faymonville. 

poren umgeben, mit achtseitiger Kuppel 
überdeckt. Der Umgang ist sechzehn- 
eckig und besteht aus je acht quadratischen 
Gewölben vor den acht Seiten des Mittel- 
raumes, dazwischen dreieckige Felder; 
überall sind die Gewölbe Kreuzgewölbe, 
ausgenommen über den oberen acht Haupt- 
feldern, die Tonnen haben. Diese Tonnen 



AACHENER PFALZKAPELLE 



steigen bei den sechs seitlichen gegen den 
Mittelraum zu an. Im Osten war einst eine 
rechteckige Apsis, an deren Stelle heute 
ein gotischer Chor steht. Westlich eine 
Vorhalle, nach außen in einer segment- 
förmigen Nische sich öffnend, zwischen 
zwei runden Treppentürmen, die zur Em- 
pore führen. Die äußere Architektur ist 
ganz einfach; nur am Tambour der Kuppel 



bogige Fenster. Die Säulen sind aus Ra- 
venna geholt, wie auch der einstige Marmor- 
schmuck des Bodens und der Wände. 
Die Kuppel (und Gewölbe?) zeigten einst 
reiche Mosaiken, deren letztes im i8. Jahrh. 
zerstört wurde. Vor der Säulenstellung der 
Empore stehen acht bronzene durch- 
brochene Gitter, die vielleicht vom Theo- 
derichdenkmal zu Ravenna stammen, da 




I I I I I I 



Mm 



Abb. 2. Aachener Pfalzkapelle; Längenschnitt. Nach Faymonville. 



zeigen sich an den Ecken strebepfeiler- 
artige Lisenen mit korinthischen Kapitellen. 
§ 2. Das Innere besizt eine höchst statt- 
lich zu nennende architektonische Durch- 
bildung. Die untern acht Bögen ruhen auf 
kräftigen rechteckigen geknickten Pfeilern 
mit Kämpfergesimsen, die oberen hoch- 
geführtenBögen derEmporen dagegen haben 
einen reichen Säuleneinbau: unten je drei 
Bögen über zwei großen korinthischen 
Säulen, darüber stehend schneiden je zwei 
kleinere in die Bögen einfach ein, eine Er- 
innerung an altrömische Thermen- Architek- 
tur. Im Tambour darüber einfache rund- 



ihre Maße genau dorthin passen. — Fernere 
alte Ausstattungsstücke sind die bronzenen 
Türen, deren Herkunft unbekannt ist, 
sowie einige importierte Erzwerke. Hein- 
rich II. hat eine schöne Kanzel mit spät- 
antiken (koptischen.^) Elfenbeinreliefs ge- 
stiftet; Kaiser Barbarossa noch eine Reihe 
Ausstattungsgegenstände, vor allem den 
großen Reifenleuchter. 

§ 3. Karl d. Gr. wurde (nach Einhard) 
hier bestattet. Sein Grabmal befand sich 
vermutlich an der Außenwand im ersten 
unteren Gewölbe rechts neben der Apsis. 
Sein Thron aus weißem Marmor über 



AAL-ABEND 



Stufen steht noch auf der Empore über 
dem Eingang, der Apsis gegenüber (s. 
Kaiserstuhl). 

Vor der Kapelle erstreckte sich einst ein 
Vorhof (Atrium) mit Bögen nach dem 
westlichen Eingangstore. 

Dehio u. v. Bezold D. kirchl. Bau- 
kunst des Abendlandes I 152 ff. S t i" z y - 
g o w s k i Der Dom zu Aachen u. seine Ent- 
stellung. Leipzig 1904. Faymonville 
Der Dom zu Aachen. Aachen 1909. A. Haupt 
Älteste Baukunst 244. J. Buchkremer 
Das Atrium d. karoling. Pfalzkapelle z. Aachen, 
Ztschr. d. Aachener Gesch.- Ver. 20, 247 ff. 

A. Haupt. 

Aal. {Anguilla fiuviatüis.) § i. Gräten 
des Aals finden sich schon in den dänischen 
Kjökkenmöddinger in Menge, und So- 
phus Müller (Nord. Altsk. I 148) möchte 
gewisse lange Beinspitzen aus der jüngeren 
Steinzeit, die an der einen Seite fein 
gezähnt sind, als Aalgabeln auffassen, die 
zur Fischerei verwandt wurden. Daß auch 
die Indogermanen den Aal kannten und 
aßen, kann bei der Beliebtheit, deren er 
sich bei den europ. Völkern in historischer 
Zeit von alters her erfreute, kaum zweifel- 
haft sein. Wenn auch das Vorhandensein 
eines uridg. Namens umstritten ist, so 
bestehen doch in allen europ. -idg. Sprachen 
Namen für den Aal, die zum Teil sehr alt 
sind. Sie zeigen uns, daß die Indogermanen 
den A. nicht zu den Fischen zählten, 
sondern als Schlange auffaßten, vgl. lat. 
anguilla zu anguis; gr. ly^^eXuc: wohl 
eine Kreuzung aus *anguis und i'j^i? 
'Schlange'; mir. esc-ung Aal' = 'Sumpf - 
schlänge' {-ung zu lat. anguis); preuß. 
angurgis, lit. ungurys, russ. ug[o)n 'Aal' 
zu der gleichen Sippe (Walde EWb.). 
Noch Homer (IL 21, 203) spricht von 

§ 2. Die germ. Völker haben für den A. 
einen gemeinsamen alten Namen, dessen 
weitere Verwandtschaftsverhältnisse zwei- 
felhaft sind: ahd. mhd. äl, nhd. aal\ mnd. 
äl, qI, nnd. qI; mndl. ael, nndl. aal; afries. 
*el, satl. eH, nordfries. el, nwfries. idl; ae. 
M, el, me. ne. eel; anord. all, schwed. äl, 
dän. aal; Grdf. *elaz. Der Aal ist in den 
germ. Ländern überall verbreitet, nament- 
lich in Norddeutschland und Holland. 
In England waren Lachs und Aal nach 



Beda (HEccl. I, l) früher ganz besonders 
häufig, worauf auch Ortsnamen wie Ely, 
ae. M-ig, jEl-^g 'Aalau' hinweisen. Von 
seiner Beliebtheit bei den Angelsachsen 
zeugt sein mehrfaches Auftreten in Ab- 
gaben sowie die Notiz Bedas (4, 13), die 
Leute von Sussex hätten sich nur auf den 
Aalfang verlegt, im übrigen von Fisch- 
fang nichts verstanden [piscandi peritia 
genti nulla nisi ad anguilas tantuni inerat) . 
Oder b. Pauly-Wissowa. Schrade- 
Reallex. J. J. Köhler Altengl. Fisch- 

namen (AF. 21) 13 ff. Walde EWb. sv. 
anguis. Hirt Indogm. 186. 619. Schrader 
Sprachvgl. u. Urgesch.'i I 162. H 146 ff. 
B o i s a c q DEt. sv. ey^^eXi)?. 

Hoops. 

Abalus. Nach Plinius NH. 37,35 hieß 
die der Küste der Gutones vorgelagerte 
Bernstein insel bei Pytheas Abalus, bei Ti- 
maeus Basilia. Den Widerspruch dieser 
Mitteilung mit NH. 4,95, wonach Pytheas 
sie Basilia nenne, sucht Müllenhoff DA. 
1,473 ff, durch eine Conjektur eandem Py- 
theas (Abalum, Timaeus) Basiliam nomi- 
nal zu beseitigen. Bei Xenophon von 
Lampsacus fand sich nach Plinius NH. 4,95 
die Namenform Baicia, wofür bei Solin. 
19, 6 Abalcia gelesen wird. Weder über 
diese Namen, noch über die Lage der Insel 
ist Bestimmtes zu ermitteln. S. über die 
Frage bes. Müllenhoff aaO. K o s - 
s i n n a sucht Abalus, Abalcia, Baicia mit 
Basilia durch Annahme von zugrund 
liegendem vr^ao? ^ocßaXo?, SaßiXsia zu ver- 
mitteln, bei dem einerseits das doppelte 2 
vereinfacht, anderseits die Silbenanlaute 
vertauscht worden seien. Andere Ver- 
mutungen bei Detlefsen Die Ent- 
deckung des germ. Nordens 12 f. R. Much. 

Abend. § i. Zur Bezeichnung des A.s 
kennen die germ. Sprachen eine Reihe von 
Benennungen, die den übrigen idg. Idiomen 
sämtlich fremd sind. Allein steht das 
Got. mit seinem andanahti n., eigentl. 
'Vornacht, die Zeit gegen die Nacht hin' 
und sagqs m., eigentl. 'Sonnenuntergang, 
das Sinken der Sonne', zu sigqan 'sinken'. 
Dem Nord, und Westgerm, sind zwei Namen- 
reihen gemein: einerseits ahd. äband, as. 
äband m., afries. ewend, ae. c^fenm., ^fnungi. 
und ceftenitd, anord. aptann m., verschiedene 
Bildungen von derselben altertümlichen 



ABENDMAHLSBROT— ABERGLAUBE 



Wurzel; anderseits anord. kweld n. 
'Abend', ae. CKyl{d)tid, cwyl{d)seten f. 
'conticinium, Abendzeit', dazu ahd. chwilti- 
werch 'Abendarbeit' (Graff Ahd. Sprachsch. 
4, 654), nach Falk u. Torp (NDEWb. u. 
Fick4 3, 62) sicher identisch mit ae. cwyld, 
civild m. f. n. 'Vernichtung, Plage, Tod', zu 
ae. CK'elan 'sterben', cwellan 'töten', ahd. 
queljan, anord. kvelja 'quälen', also Grund- 
bed. 'Tod des Tages'. Im Altnordischen 
ist kveld das gewöhnliche, volkstümliche, 
prosaische Wort, aptann ist poetisch, also 
wohl das altertümlichere. Die Stelle 
Sn. Edda 35 einn aptan at kveldi zeigt zu- 
gleich, daß die Bedeutung der beiden 
Wörter sich nicht vollkommen deckte: 
aptann war der Nachmittag von 3 Uhr 
bis zum Tagesende (daher miär-aptann 
'Mittabend' = 6 Uhr), kveld die Zeit der 
Abenddämmerung. Doch werden sie in 
der Regel synonym gebraucht. 

§ 2. Die altgerman. Zeitrechnung, die 
nach Nächten zählte, ließ ursprünghch 
den Tag mit dem Abend beginnen, zog 
also Abend und Nacht zum folgenden 
Tage; daher ae. Fngdceg 'Freitag', aber 
Frtge^fen 'Donnerstag 2ihQnd' ] Sunnandceg 
' SonntSig', 3b er Sunnan^fen 'der Vorabend 
des Sonntag, Samstag abend', Sunnanniht 
'die Nacht von Samstag auf Sonntag'; 
ebenso ahd. Sunnüntag 'Sonntag', aber 
Sunnünähand 'vesper sabbati'. 

§ 3. Die alte Rechnungsweise ging all- 
mählich verloren, und ae. ^fenttd bezeich- 
nete im 9. Jh. auch den Abend desselben 
Tages, so Werferth Dial. Gregors c. 10 
(ed. Hecht S. 83, 15 u. 22) me afeoll seo 
cefentid ßces dceges . . . ; ac fa hwcepre oärum 
dcege usw.; vgl. auch ebd. S. 75, 2 fa se 
dcBg cefnode. 

§ 4. Doch bheb die alte Bezeichnungs- 
weise bei Festtagen das ganze MA. 
hindurch in Gebrauch; so heißt es an der 
eben erwähnten Stelle in den ae. Dial. 
Greg. ed. Hecht S. 83, 32 he wces jordjcered 
on SceternesdcBg pam halgan and py easier- 
lican cefenne^ nach andrer Lesart on 
Sceternesdcege on pam halgan Eastercefenne. 
Erstarrte Reste dieser Ausdrucksweise 
haben sich bis heute erhalten: nhd. Weih- 
nachts- oder Christabend, ne. Christmas Eve, 
nschott. Halloween, ndän. juleaften, nschwed. 
julajton ua. 



§ 5. Im MA. wird auch der ganze 
Tag vor einem Fest vielfach als der 
'Abend' des Festes bezeichnet; daher nhd. 
Sonnabend. 

Hoops. 

Abendmahlsbrot hatte schon seit dem 
4. Jahrh. eine bestimmte runde Gestalt. 
Seit dem 8. — 9. Jahrh. wird im Abend- 
lande die Verwendung nur ungesäuerten 
Weizenbrotes üblich: ahd. obeläta, obeläti, 
mhd. oblät und hostia, hostie. Das lat. 
oblata auch mit Fladen in Verbindung 
gebracht: oblata oveflade l. hostien Diefenb. 
Gl. 387 b. — Das zum Opfer dargebrachte 
Brot (Eulogia), von dem die Hostie ge- 
nommen wurde, verteilte man am Schluß 
der Messe unter die Anwesenden. Von 
diesen Eulogien pflegte man vor Tisch 
ein Stück zu genießen, um seiner christ- 
lichen Demut Ausdruck zu geben und den 
Segen des Herrn zu erbitten. Dadurch 
wurde wohl die Sitte, ein Tischgebet zu 
sprechen, in Laienkreisen vorbereitet. — 
In den häufig abgebildeten runden Broten, 
denen die Figur des Kreuzes eingedrückt 
ist, dürfen \^^ir die älteste feste Form des 
Abendmahlsbrotes erblicken. Später 

durften in manchen Kirchen nur die 
Diakonen oder Subdiakonen die Hostien 
bereiten. Im Bauplan des Klosters 
St. Gallen ist ein eigener Raum zum 
Backen des heil. Brotes und zum Aus- 
pressen des heil. Öles vorgesehen. 

Fuhse. 

Aberglaube. § i. Das Wort 'Aber- 
glaube' begegnet erst seit dem Ausgange 
des 15. Jahrhs. und bezeichnet in der 
christlichen Kirche den vom kirchlichen 
Dogma abweichenden Glauben. In allen 
germanischen Sprachen (nd. overgeloof, 
skand. overtro, isländ. hjätrü) ist das 
entsprechende Wort jungen Ursprungs; 
ältere Quellen nennen diesen Glauben 
ungeloube. Eine Bezeichnung für den 
von der herrschenden Religion abweichen- 
den Glauben aus heidnischer Zeit besitzen 
wir nicht. 

§ 2. Unter ,, Aberglaube versteht man 
jede allgemeine Annahme, die entweder 
keine Berechtigung in einer bestimmten 
Religion (sagen wir 'in einem bestimmten 
Dogma') hat oder in Widerstreit steht 
mit der wissenschaftlichen Auffassung einer 



ABERGLAUBE 



5 



bestimmten Zeit von der Natur" (Lehmann). 
Er geht zum großen Teil zurück auf 
den Glauben eines Volkes an die über- 
natürlichen Kräfte in seiner Kindheit, 
ist daher Überrest eines früheren Gesell- 
schaftsglaubens, einer Religion. Wie aber 
diese Kräfte sowie gewisse Ereignisse, 
die diesen Glauben erzeugt haben, im 
Menschenleben nie aufhören, so führen 
sie auch bei kindlichen Gemütern ihm 
ununterbrochen neue Nahrung zu, die 
nicht selten durch Berührung mit andern 
Völkern und Menschen und unter deren 
Einflüsse vermehrt wird. So ist der A. 
nichts Totes, Absterbendes, sondern ge- 
biert sich immer von neuem. Das Volk, 
d. h. die durch die assoziative Denkform 
beherrschte Menge, pflegt den A. fort, 
und deshalb gebührt der Sache richtiger 
die Bezeichnung 'Volksglaube'. 

§ 3. Zur Zeit des Heidentums ist es 
niemand eingefallen, den A. zu bekämpfen, 
sofern er nicht, wie z. B. der Bosheits- 
zauber, in das soziale Leben der Volks- 
gemeinde schädigend eingriff. Erst das 
Christentum, das der stetigen Entwick- 
lung der Volksreligion schroff entgegen- 
trat, nahm den Kampf auf wie gegen die 
herrschende Gesellschaftsreligion so auch 
gegen den in dieser noch lebenden Volks- 
glauben. Und nun erst begegnen die 
verschiedensten Schichten des heidnisch- 
germanischen Glaubens als Unglaube und 
später in der nach christlicher Auffassung 
verwerflichen Bedeutung des Wortes Aber- 
glaube'. 

§ 4. Gleichwohl ist es der Kirche nicht 
gelungen, diesen Glauben des Volkes aus- 
zurotten. Sie hat sich vielmehr genötigt 
gesehen, einen großen Teil desselben unter 
ihre Fittiche zu nehmen, um ihn entweder 
in christliches Gewand zu hüllen, wie es 
Papst Gregor der Große in dem Brief an 
den britischen Abt Mellitus vorschrieb 
(Beda, Hist. ecclcs, I 30), oder geradezu 
als Privilegium für sich in Anspruch zu 
nehmen. So wurde viel alter Volks- 
glaube dogmatischer Glaube (vgl. Ra- 
baud. Altheidnische Wurzeln im kathol. 
Kultus."^ 1906), und die Kirche ist nicht 
nur zur Hüterin altgermanischen A.s ge- 
worden, sondern hat auch durch die 
Mystik der Kirchenväter neuen Aber- 



glauben, wie den orientalischen Dämonen- 
und Teufelsglauben, dem Volke gebracht. 
Dieser hat das ganze Mittelalter bei allen 
germanischen Völkern geherrscht. Auch 
die Reformatoren haben nur einen Teil 
dieses A.s bekämpft (Marien-, Heiligenkult 
u. a.), anderes haben auch sie gelten lassen 
(Teufels-, Hexenwahn). Dagegen ging 
der Humanismus und später die Auf- 
klärungsliteratur dem A. energisch zu 
Leibe. Gleichwohl lebt bis heute noch 
viel Aberglaube im Volke und unter 
den Gebildeten fort, und wie in alt- 
germanischer Zeit kann man die Beob- 
achtung machen, daß Staat und Gesell- 
schaft wohl den ihre Mitglieder schädigen- 
den A. bekämpfen, seine harmlosen Äuße- 
rungen aber bestehen lassen, ja die poeti- 
schen Gestalten desselben, wie sie in 
Märchen und Sagen zum Ausdruck kommen, 
sogar vielfach pflegen. 

§ 5. Im engsten innern Zusammenhang 
mit dem A. steht der Zauber (s. d.), 
so daß beide oft gar nicht voneinander 
getrennt werden können. Der Zauber 
ist der in Handlung umgesetzte Aber- 
glaube, soweit er in der Annahme von 
der Zauberkraft der Dinge beruht. Allein 
der Mensch hat nicht nur die Überzeugung, 
daß den Dingen Zauberkraft innewohne, 
sondern er hat auch den Glauben an den 
Zauberer, d. h. an Personen, die die magi- 
sche Kraft der Dinge beeinflussen und sie 
zum Vorteil oder Nachteil ihrer Mit- 
menschen verwerten können. Beide ge- 
meinsam, A. und Zauber, bilden somit 
die unterste Schicht religiöser Äußerung, 
jener in Vorstellung und Wort, dieser in 
der Handlung, nur ist jene viel umfassender 
als diese, wie auch in einer späteren 
Periode der Religionsgeschichte der Glaube 
an die anthropomorph'ischen Götterge- 
stalten viel umfassender ist als ihr Kult. 
Im A. wurzelt auch die primitive Weis- 
sagung (s. d.); diese entspringt aus 
dem Glauben, daß gewisse Dinge oder 
Erscheinungen dem Menschen warnend 
oder aufmunternd entgegentreten und so 
sein eigenes Handeln beeinflussen können. 
Hierbei spielt besonders der Angang eine 
Rolle. In einer späteren Periode geistiger 
und religiöser Entwicklung schrieb man 
dann die Ankündigung der Zukunft den 



ABERGLAUBE 



Seelen der Verstorbenen und schließlich 
den anthropomorphischen Göttern zu, ließ 
aber auch dann noch den alten Angang- 
glauben fortbestehen, und dieser hat sich 
bis in die Gegenwart erhalten. 

§6. Psychologie des A. Der 
primitive Mensch, auf dessen Denkweise 
aller A. beruht, kennt nur eine assoziative 
Denkform und analogisierende Denkweise. 
Er bringt die Dinge seiner Umgebung 
und die Erscheinungen in der Natur sowie 
die Ereignisse in ursächliches Verhältnis 
zu den Eindrücken, die sie auf sein Inneres, 
auf sein Gemüt machen, und von diesen 
Eindrücken aus gestaltet er sich dann 
durch seine kindliche Phantasie die Dinge 
oder bringt analoge Erscheinungen mit 
Ereignissen, die sich an seine oder seiner 
Mitmenschen Person knüpfen, in inneren 
Zusammenhang. Der Mensch beobachtet 
an der jedes Jahr sich verjüngenden Natur 
die schaffende Kraft des Erdbodens. Die 
Erde ist ihm die Mutter, alles Lebens. 
Soll daher ein neugeborenes Kind Lebens- 
kraft erhalten, so wird es auf die Erde 
gelegt (vgl. Mutter Erde). In dieser Über- 
zeugung wurzelt auch der A., daß Kinder 
aus Gewässern und Bäumen, die in das 
Innere der Erde führen, kommen oder Tote 
dorthin gehen. Auf der anderen Seite 
hat man Vorgänge aus dem menschlichen 
Leben, aus eigener Erfahrung auf die 
Außenwelt übertragen. Die Veranlassung 
zu neuem Leben gibt das männliche Glied. 
Damit die mütterliche Erde auf gleiche 
Weise befruchtet werde wie das Weib, hat 
man die sogenannten 'Heiligen Steine' er- 
richtet, Nachbildungen männlicher Glieder, 
die man besonders zahlreich in Skandi- 
navien gefunden hat (vgl. Phallischer Kult). 
Man hat ferner die sprossende Kraft der 
Sträucher im Frühjahr erkannt. Durch 
Berührung, nahm man an, geht diese auch 
auf andere Dinge über. So pflegte man 
im Frühjahre die Äcker, das junge Vieh 
beim Austrieb, heiratsfähige Mädchen und 
junge Frauen mit dieser Lebensrute zu 
schlagen, um sie dadurch fruchtbar zu 
machen, was man auch vielfach am 
Hochzeitstage an der Braut vornahm. 
In engem Zusammenhange hiermit steht 
das Aufpflanzen des Maibaumes, was eben- 
falls besonders bei heiratsfähigen Mädchen 



und bei Brautleuten geschieht. Auf gleiche 
Weise hatte man den Keim jungen Lebens 
auch beim Ei beobachtet, weshalb auch 
dies beim Fruchtbarkeitszauber in Sitte 
und Brauch eine so wichtige Rolle spielt. 
Zur Psychologie primitiver Menschen 
gehört weiter, daß man Glieder eines 
Menschen, Gegenstände, mit denen er in 
leiblicher Verbindung steht, namentlich 
seine Kleider, sein Bild, seinen Namen, 
mit dem Individuum gleichstellt und glaubt, 
daß ihm das geschehe, was man mit diesen 
Dingen vornimmt. Wer einem gegen seinen 
Willen die Haare schneidet, nimmt dessen 
Kraft; der Daumen ungeborener Kinder, 
die noch unsichtbar sind, macht den 
unsichtbar, welcher ihn bei sich trägt 
(vgl. R.Köhler, Kl. Sehr. 3, 279 ff.); 
durch Nachbildungen der Sonne, wie man 
sie auf den nordischen Hällristningar 
findet und wie sie noch bis in die Gegen- 
wart in plastischer Form oft hergestellt 
werden, glaubt man der Sonne neue Kraft 
zuführen zu können; wenn man das Bild 
eines Abwesenden verletzt, so stirbt er 
oder wird krank an dem Gliede, dem auf 
dem Bilde die Verletzung zugefügt ist; 
seinen Namen darf man nicht nennen, 
wenn zu befürchten ist, daß dieser von 
einem Feinde zum Bosheitszauber be- 
nutzt werde. Nicht zu erreichende oder 
in den zu erzielenden Eigenschaften nicht 
nachzubildende Dinge vertritt häufig das 
Substitut. So namentlich beim Vege- 
tationszauber das Feuer die Wärme der 
Sonne, das Wasser den Regen der Wolke. 
Vorgänge in der Natur wurden in Kausal- 
verbindung mit Vorgängen im Menschen- 
leben gebracht. Was wachsen, zunehmen 
sollte, begann man bei zunehmendem 
Monde, was vergehen sollte, namentlich 
Krankheiten, wurde bei abnehmendem 
kuriert. Gegenstände von Kranken gab 
man Toten mit ins Grab, damit die Krank- 
heit zugleich mit der Verwesung des 
Leibes schwinde. Auch andere Kausal- 
verbindungen zwischen Naturvorgängen 
und Dingen, besonders Tieren, nahm 
man an. Weil die Schwalbe und andere 
Zugvögel mit der schönen Jahreszeit 
kamen, hielt man diese Vögel für glück- 
bringend und hütete sie sorgfältig. Eine 
hervorragende Rolle spielte in dieser primi- 



ABERGLAUBE 



tiven Psychologie auch die Übertragung. 
Das Blut, das Herz, die Nieren galten 
als Sitz der menschlichen Seele und damit 
aller Eigenschaften, die ein Mensch besaß. 
Wollte man sich diese aneignen, so mußte 
man die betreffenden Körperteile ver- 
zehren. Kranke Glieder wurden nach- 
gebildet und diese Nachbildungen an 
geweihter Stätte niedergelegt: so, hoffte 
man, genesen die Glieder. An gewisse 
Dinge, namentlich an Bäume, glaubte 
man, sei das Leben, das Geschick der 
Menschen geknüpft: hieraus entstand der 
Glaube an die Schicksalsbäume, der u. a. 
die harten Strafen erklärt, die noch im 
ganzen Mittelalter auf Baumfrevel gesetzt 
waren (Grimm DRA. 4 II 39). So zeigt 
sich allerorten im Aberglauben der Ger- 
manen eine Psychologie, wie wir sie heute 
noch bei Völkern beobachten können, 
die auf einer niederen Kulturstufe stehen. 

Vierkandt Naturvölker u. Kulturvölker, 
1896. Schultze Psychologie der Natur- 
völker, 1900. W u n d t Völkerpsychologie II 
1—3, 1905— 1909. 

§ 7. Der Aberglaube der Germanen 
birgt die Entwicklungsgeschichte ihrer 
vorhistorischen Religion und bildet so zu 
dem Götterglauben die notwendige Er- 
gänzung (vgl. Religion). Alle Schichten 
religiöser Entwicklung können wir in ihm 
beobachten. Allein sie liegen nicht scharf 
getrennt übereinander, sondern die älteren 
sind vielfach in jüngere eingeschoben und 
mit diesen verquickt. Neue Religions- 
auffassungen haben die alten umgestaltet, 
und ein nicht geringer Teil ist in sie auf- 
genommen worden. In der Zeit des Vitalis- 
mus glaubte man die ganze Umgebung, die 
Natur beseelt und sprach den Dingen 
eine gewisse Zauberkraft zu, die durch 
kindliche Gedankenverbindung mit dem 
Menschenleben in Zusammenhang gebracht 
wurde, wie im § 6 gezeigt worden ist. 
Auch der Pflanzen- und Tierwelt wurden 
diese Lebens- und Zauberkräfte zuge- 
schrieben. Zahlreiche Pflanzen gelten als 
glückbringend, schirmen die Gesundheit, 
halten Unglücksdämonen (wie Hexen, den 
Alp) fern, sind nützlich bei manchem Zauber, 
bewirken bei den Frauen leichte Geburt, 
künden zuweilen die Zukunft und sind 
nicht selten Wetterpropheten. Auch an 



Bäume knüpft sich vielfach der Aber- 
glaube, doch fast nur an die Bäume, die 
auf germanischem Boden heimisch sind. 
Ganz besonders üppig wuchert diese unterste 
Religionsschicht auch im Tieraberglauben 
fort, der natürlich auch, wie der Pflanzen- 
aberglaube, im Laufe der Zeit immer neue 
Nahrung von innen und außen her erhalten 
hat. Auch in der Tierwelt kennt der 
Germane glückbringende Tiere, Tiere, die 
das Haus und den Herd vor Ungemach, 
besonders vor Blitzschlag schirmen. Eine 
besondere Rolle spielt das Tier in der 
passiven Weissagung, im Angang, gegen 
den schon der heilige Eligius als heidni- 
schen A. predigt (Grimm D. Myth. 4 III 
404). Begegnen beim Beginn eines Unter- 
nehmens ein Fuchs oder Wolf oder Schaf, 
so bedeutet dies Glück, dagegen sagen 
Hase, Katze, Schwein unglücklichen Aus- 
gang an. Einige Tiere, wie das Pferd, die 
Schwalbe, der Storch, die Biene, galten 
geradezu als heilig und durften nicht ver- 
letzt oder gar getötet werden. Daß in der 
Verehrung dieser Tiere Überreste alten 
Totemismus, ist schwerlich anzunehmen 
(vgl. ReHgion §4). 

Die Belebung der Natur birgt die An- 
fänge des Dämonenglaubens (s. d.). Die 
ganze Natur, die Mineral-, Pflanzen- und 
Tierwelt, wurde mit einer Schar Dämonen 
erfüllt, die bald helfend, bald schädigend 
in die Geschicke der Menschen eingriffen, 
ohne daß man sich eine bestimmte Vor- 
stellung von ihnen machte. Solche Dä- 
monen hausten in der Luft, in den Wolken, 
in den Gewässern, im Gewitter; sie brachten 
Krankheiten über Menschen und Tiere, 
vernichteten im Hagelwetter die Saaten, 
ja nahmen zuweilen sogar an Kämpfen 
teil (Forums, il, 134 ff.)- Gegen sie suchte 
man sich zu schirmen durch Zauber oder 
alle möglichen Arten Amulette (s. d.), 
die man bei sich trug oder an bestimmten, 
den Dämonen besonders ausgesetzten Orten 
niederlegte. Wurde dem Schutzmittel be- 
sondere Verehrung zuteil, so wurde es zum 
Fetisch (s. d.). Wo man nutzbringende 
Dämonen wähnte, wie in Quellen oder in 
Wäldern, galt der Ort als heilig (tabu), 
und niemand durfte ihn entweihen. All- 
mählich gab die Phantasie diesen Dämonen 
Tier- oder Menschengestalt, zumal als der 



8 



ABERGLAUBE 



Dämonenglaube mit dem Seelenglauben 
verquickt war, und so entstand die ganze 
Schar anthropo- und theriomorphischer 
Wesen, die im Mythus, in Sage und Märchen 
eine so wichtige Rolle spielen (vgl. § lo). 

§ 8. Eine zweite Schicht altgermanischen 
Aberglaubens wurzelt im Seelenglauben 
(s. d.) und Ahnenkult (s. d.). Dieser hat 
vielfach den Dämonenglauben in sich auf- 
genommen, und nun hausen die Seelen 
der Verstorbenen, wo einst Dämonen ge- 
herrscht haben. Daher ist es zuweilen 
ganz unmöglich festzustellen, ob wir in 
diesem oder jenem Aberglauben Reste 
des Dämonen- oder Seelenglaubens haben. 
In der Beobachtung des Sterbens und im 
Traumleben wurzelt der Seelenglaube, der 
mit seinen Wiedergängern und Spuk- 
gestalten, mit seiner Seelenfauna, seinen 
Quäl- und Schutzgeisten das ganze Feld 
des Aberglaubens überwuchert hat. Zu- 
gleich befinden sich in seinem Gefolge 
unzählige abergläubische Sitten und Ge- 
bräuche, die sich teils an den Tod eines 
Mitmenschen knüpfen, tdls in Zeiten geübt 
werden, die man besonders als Zeiten der 
Wiederkehr der abgeschiedenen Seelen auf- 
faßte. Aus den meisten spricht noch die 
Furcht, die man vor der Wiederkehr der 
Seele gehabt und die zum großen Teil 
diesen Glauben bedingt hat. Im einzelnen 
muß hier auf die Artikel Seelenglauben 
und Totenkult verwiesen werden. 

§ 9. Die jüngste Schicht religiöser Ent- 
wicklung der Germanen ist die Verehrung 
persönlicher Gottheiten, deren Gebiet sich 
wesentlich über ihr Ursprungsgebiet er- 
weitert hatte. Sie besaßen bei dem einen 
Stamme mehr, bei dem anderen weniger 
Macht. Gegen diese Götter war in erster 
Linie der Kampf der christlichen Missionare 
gerichtet. Man erklärte sie für Dämonen, 
und so sanken sie auf die Schicht des 
Volksglaubens zurück, aus der sie hervor- 
gegangen sind. Ihren Kult und damit 
ihre Stellung als Stammesgottheiten hat 
die christliche Kirche gebrochen, den 
Genossenschaftsglauben an sie aber nur 
auf den Volksglauben zurückgedrängt. 
In diesem leben sie zum Teil bis auf den 
heutigen Tag noch fort, ohne daß es sich 
jedoch in den einzelnen Fällen feststellen 
läßt, ob wir es mit altem Volksglauben 



oder mit Genossenschaftsglauben zu tun 
haben, der zu neuem Volksglauben ge- 
worden ist. Das ist ganz besonders der 
Fall bei dem weit verbreiteten A. von 
der wilden Jagd, dem wütenden Heer und 
seinem Führer, der bald als Schimmelreiter 
oder Breithut, Hackelberg, Nachtjäger, 
wilder Jäger, Paine Jaeger, Bandietrich, 
Kong Volmer usw. erscheint und in dem 
man stets den germanischen Wodan wieder- 
finden will. Allein die Vorstellung von 
dem Totenheere als der Wilden Jagd oder 
dem Wütenden Heere ist das ältere, ur- 
sprüngliche gewesen, wie ein Vergleich mit 
der Glaubensgeschichte anderer Völker lehrt, 
und erst nach engerem politischen und 
wirtschaftlichen Zusammenschluß ist der 
Schar ein Führer gegeben worden, der im 
Laufe der Zeit bei einigen germanischen 
Stämmen sein Machtgebiet wesentlich er- 
weitert hat und in den Mittelpunkt des 
Kultes getreten ist. Aber auch nachdem 
dies geschehen war, hat der Glaube an 
das führerlose Heer noch fortbestanden 
und zugleich auch der Trieb, dieser Schar 
einen Führer zu geben. Deshalb können 
jene Gestalten des A., zumal wenn sie die 
Namen historischer Personen tragen, recht 
wohl ganz unabhängig von irgendwelchem 
alten Wodansglauben noch in relativ später 
Zeit in der Volksphantasie entstanden 
sein. Und dasselbe gilt auch von den 
weiblichen Führerinnen des Seelenheeres 
wie Frau Holle, Frau Harke, Perchta u. a. 
§ 10. Die poetischen Ge- 
stalten des A. Der germanische A. 
ist die Quelle reichster Poesie. Mythus 
und Legende, Märchen und Sage haben 
in gleicher Weise aus ihm geschöpft. 
Auf dem Volksglauben fußen zahlreiche 
Legenden, die die eddische Dichtung von 
den nordgermanischen Göttern kennt, in 
dem Volksglauben wurzeln die meisten 
Märchen des Volkes, Gestalten des Volks- 
glaubens begegnen in der Volkssage auf 
Schritt und Tritt. Aus dem A. sproßten 
die Spuk- und Teufelssagen, die Wunder- 
und Zaubersagen, die Schatz- und un- 
zählige andere Sagen, die man als mythi- 
sche Sagen zu bezeichnen pflegt. Die 
mannigfaltigsten Gestalten hat die Phan- 
tasie des Aberglaubens geschaffen: die 
Riesen (s. d.), Elfen, Zwerge, Wichte, den 



ABERGLAUBE 



Kobold, das Güttel, den Puck, Butze- 
mann, Klabautermann, das Erd- und 
Heinzelmännchen, den schott. Brownie, 
den engl, good Fellow, die skandinav. 
Nisser, Bolvaett, Tomte, die Holden und 
Perchten, das isl. Huldufolk, den Alp, 
die Mahre, Trude, den Drachen, die Hexen, 
den Werwolf, Bilwis, die Feuermänner, 
Zeisler, den skand. Lyktegubben, die Nixe, 
den nord. Marmennill, die Havmaend und 
Havfruer, den Fossegrim der norwegischen 
Wasserfälle, die Fangen, Wilden Leute, 
Moosfräulein, die Hyllemor und Skogsfru, 
den Korn-, Roggen-, Graswolf, die nordi- 
schen Valkyrjur, Fylgjur, Nornir, die 
Schwanenjungfrauen usw. Auch zahl- 
reiche Züge, die im Volksglauben wurzeln, 
sind in der Volksdichtung verwertet. Es 
sei nur erinnert an das Verstehen der 
Tier-, besonders der Vogelsprache, an das 
Motiv von der verborgenen Seele, an die 
vielen Sagen von der Wanderung der 
Seele in Tiergestalt während des Schlafes. 
§ II. Zeiten und Pfleger des 
Aberglaubens. Auch die Tages- und 
Jahreszeit hat Einfluß auf die Erweckung 
und Pflege des A. Von den Tageszeiten 
wirkt die Nacht ungleich mehr zur Förde- 
rung des A. als der Tag. Die Finsternis 
erregt Furcht, und diese läßt die kind- 
liche Phantasie alle möglichen Gestalten 
sehen. Daher meidet man während der 
Nacht Wanderungen oder geschäftliche 
Unternehmungen. Auf der anderen Seite 
ist sie besonders geeignet zum Verkehr 
mit den Geistern, die das Tages- und das 
Sonnenlicht scheuen. Für alles Zauber- 
werk ist sie daher die einzig günstige Zeit, 
und noch heute ist der Glaube verbreitet, 
daß man heilbringendes Osterwasser vor 
Sonnenaufgang schöpfen, gesundheit- 
fördernde Pflanzen noch im Halbdunkel 
stechen müsse. Hieraus erklärt sich u. a. 
auch, daß der Mond, der Gefährte der 
Nacht, im A. eine viel größere Rolle spielt 
als die Sonne. Auch bestimmte Jahres- 
zeiten treten im A. besonders hervor. 
Die Hauptperiode des Jahres für den A. 
ist in der heidnischen Zeit geradeso wie 
in der christlichen die Zeit des Tiefstandes 
der Sonne, die Winternacht, gewesen. 
In dieser Zeit hielten die Seelen der Ab- 
geschiedenen ihr großes Fest; sie gastlich 



zu bedienen an den Stätten, wo sie einst 
im Körper gewirkt hatten, war mensch- 
liche Pflicht. Das waren die Tage, wo noch 
heute im Volksglauben das wütende Heer, 
der Onsjaeger, Frau Holle usw. durch die 
Lüfte fahren und den Menschen bald 
Glück, bald Unglück bringen. Durch 
diese Geister konnte man aber auch die 
Zukunft erfahren, und so ist die Winter- 
nacht vor allem die Zeit volkstümlicher 
Prophetie. Wie im Heidentum in diesen 
Tagen im skandinavischen Norden Völven 
umherzogen, um den Menschen die Zu- 
kunft zu künden, so sucht noch heute 
das Mädchen in der Zeit der Zwölfnächte 
durch Loswurf oder Orakelspiel einen 
Blick in die Zukunft zu tun. Neben der 
Winternacht treten die anderen Jahres- 
zeiten, in denen der A. blühte, zurück: 
es sind die Tage des Hochsommers und 
die der Wiederkehr der Sonne und des Er- 
wachens der Natur im Frühling. Im Hoch- 
sommer beherrscht die Furcht vor den 
hagel- und gewitterbringenden Dämonen 
die Gemüter und vor den Krankheits- 
dämonen, die mit jenen in engen Zu- 
sammenhang gebracht sind; ihrer Abwehr 
gelten die meisten abergläubischen Ge- 
bräuche dieser Zeit. Im Frühjahr dagegen 
sucht man durch magische Handlung die 
Sonne bei ihrer Verjüngung zu unter- 
stützen und ist bemüht, die sprossende 
Kraft der lebenspendenden Erde durch 
alle möglichen Fruchtbarkeitsriten auf 
Äcker, Bäume, Tiere und Menschen zu 
übertragen. 

So hängt ein großer Teil des A. mit den 
Vorgängen in der Natur zusammen und 
erhält durch diese auch ununterbrochen 
neue Nahrung, neue Kraft. Hieraus 
erklärt sich auch, daß der A. vor allem 
bei denjenigen Ständen eine Pfiegstätte 
hat, die ihre Beschäftigung in der freien 
Natur haben, bei der ackerbautreibenden 
Bevölkerung, den Hirten, den Winzern, 
den Waldarbeitern, den Seeleuten. So war 
denn auch der A. ganz allgemein, als diese 
Beschäftigungen bei den Germanen im 
Mittelpunkte wirtschaftlichen Lebens 
standen. Dazu kommt noch, daß die 
Beschäftigung in der Natur viel mehr die 
assoziative Denkform erhält als die ge- 
meinsame Beschäftigung der Bürger in 



10 



ABERGLAUBE 



den Städten. Aus dieser assoziativen 
Denkform erklärt es sich auch, daß noch 
heute das weibliche Geschlecht, welches 
zu dieser Denkform besonders neigt, dem 
Aberglauben mehr huldigt als das männ- 
liche, was nach dem Zeugnis des Tacitus 
(Germ. K. 8) und der nordischen Sagas 
schon in heidnischer Zeit bei den Germanen 
der Fall gewesen ist. 

§12. Träger des Aberglaubens. Es 
gibt fast kein Ding, fast keine Erscheinung 
in der Natur, fast kein Ereignis im mensch- 
lichen Leben, an das sich nicht der A. 
knüpfte. Alle diese Träger des A. auch nur 
anzuführen, würde ganze Bände füllen. 
Es sollen daher nur einige der wichtigsten 
und vor allem solche, die sich bei allen 
germanischen Völkern von alter bis in 
jüngste Zeit nachweisen lassen, heraus- 
gegriffen werden. Zunächst ist der mensch- 
liche Körper, sind die meisten seiner 
Glieder Träger des A. Das Haupt galt 
als Sitz des Verstandes. Deshalb pflegte 
man den Kopf eines klugen Menschen 
nach seinem Tode abzuschneiden und 
aufzubewahren, um ihn zu fragen, wenn 
es galt, die Zukunft zu erforschen (P 
Grundr. III 306). Noch heute gebraucht 
man das Haupt Toter, zumal solcher, 
die im Leben als Zauberer galten, zu allen 
möglichen abergläubischen Handlungen 
(Am Urquell 3, 59 ff.). Eine besondere 
Rolle spielt im A. das menschliche Blut, 
da dieses als Sitz des Lebens und somit 
aller Lebenskräfte, der Eigenschaften der 
Menschen gilt (vgl. Strack Der Blut- 
aberglaube in der Menschheit ^^ 1892). 
Menschen, die ihr Blut gemischt und gemein- 
sam genossen haben, sind für immer mitein- 
ander verbunden. In diesem Glauben wurzelt 
die nordische Blutsbrüderschaft (s. d.). 
Vor allem im medizinischen A. begegnet 
das Blut als Heilmittel gegen alle mög- 
lichen Krankheiten, besonders Epilepsie, 
weshalb man alles aufbietet, um in den 
Besitz von einigen Blutstropfen Hin- 
gerichteter zu kommen. Beim Liebes- 
zauber ist seit alter Zeit dem Menstrual- 
blut wie andererseits dem semen virile 
bindende Kraft zugeschrieben worden. 
Neben dem Blute gelten auch andere 
Glieder als Seelenträger: das Herz, die 
Leber, die Niere. Zum Diebeshandwerk 



gehört wie der Finger auch das Herz 
ungeborener oder neugeborener Kinder, 
denn es macht den Besitzer unsichtbar. 
Daher die grausamen Morde schwangerer 
Frauen (Wuttke, Abergl. § 184). An den 
Fuß und seine Teile knüpft sich ebenfalls 
vielfach Liebeszauber (Aigremont 
Fuß- u. Schuhsymbolik u. -erotik, 1909). 
Aber nicht nur an den Körperteilen, auch 
an der Kleidung, an dem Namen des Men- 
schen haftet zahlreicher A. Was mit dem 
Kleidungsstück eines Menschen vorge- 
nommen wird, geschieht mit dem, der es 
getragen hat. Der Name eines Menschen 
deckt sich ganz mit seinem Träger. Wer 
jemandem Gutes oder Böses wünscht, 
braucht nur den Namen zu nennen, wenn 
der Wunsch in Erfüllung gehen soll. Daher 
verheimlichte selbst Sigurdr seinen Namen, 
als er Fäfnir die Todeswunde beigebracht 
hatte, denn der Fluch des sterbenden 
Menschen hat doppelte Kraft (Fäfnism. 2; 
vgl. Nyrop Navnets Magt. 1887). Wie 
der Name, so ist auch das Bild des Men- 
schen der Mensch selbst, und was man 
mit jenem vornimmt, geschieht diesem. 
Gegen die Nachbildungen kranker Glieder, 
die man an geweihten Orten, besonders 
an Kreuzwegen niederlegte und die noch 
heute im Volksglauben, namentlich der 
kathohschen Bevölkerung, eine so wichtige 
Rolle spielen (vgl. A n d r e e Votive und 
Weihgaben 1904), eifern bereits der heilige 
Ehgius, der Indiculus superst. und andere 
Glaubensprediger der frühchristlichen Zeit 
(vgl. Grimm, D. Myth. 4 IH 402 ff.). Mit 
dem Bilde des Menschen deckt sich sein 
Schatten. Er ist die den Menschen be- 
gleitende Seele, seine fylgja (s. d.), und 
wer dem Menschen den Schatten nimmt, 
raubt ihm seine Seele. Daher die Angst 
vor dem sommerlichen Mittagsgeist, denn 
in der Mittagssonne des Hochsommers 
schwindet der Schatten des Menschen fast 
ganz (vgl. R o c h h o 1 z Deutscher Glaube 
und Brauch I 59 ff.; Arch. f. RW. 5, i ff.). 
§ 13. Tiefgewurzelt in der Seele des 
Volkes ist ferner der Glaube an die über- 
natürliche Kraft gewisser Steine und Felsen, 
der Pflanzen, der Tiere, des Wassers, des 
Feuers, der Erde, von Steinen und Metallen, 
die in der Erde gefunden worden sind \ 
und die sich durch ihre Form auszeichnen. \ 



ABERGLAUBE 



II 



Namentlich prähistorische Waffen und 
Gebrauchsgegenstände geben übernatür- 
liche Kraft, machen unsichtbar, schirmen 
gegen Krankheits- und andere feindliche 
Dämonen (vgl. Amulett; Grundtvig 
Lysningsstenen 1878; Lehmann Das 
Mineralreich nach seiner Stellung in Mytho- 
logie und Volksglauben 1895; Bessett 
ZffSpr. 8, 185 ff.). Die Pflanzen treten 
vor allem hervor im medizinischen A. 
(s. d.). Aber auch sonst ist das Menschen- 
leben vielfach mit ihnen in Zusammenhang 
gebracht. Die einen bringen Glück, ver- 
mehren das Vermögen (Alraunwurzel, vier- 
blättriges Kleeblatt), andere schützen Men- 
schen und Vieh gegen feindliche Dämonen 
und werden deshalb besonders häufig an 
den Häusern und den Türen der Ställe 
angebracht (Holunder, Johanniskraut, Bei- 
fuß usw.) ; noch andere künden in der 
Erde verborgene Schätze oder Wasser- 
quellen (Farnkraut, Springwurz, Wünschel- 
rute s. d.) oder werden zu Schicksalsfragen 
an die Zukunft verwandt (Zwiebel). Wie 
gewisse Steine macht der Same des Farn- 
krauts seinen Träger unsichtbar. Der 
Glaube an die Aufenthaltsorte der ab- 
geschiedenen Seelen hat ferner jenen Berg- 
und Baumkult (s. d.) entstehen lassen, 
den fast alle christlichenGlaubensprediger als 
den wesentlichsten Bestand altheidnischen 
Glaubens neben dem Feuerkult (s. d.) tadeln 
und verurteilen (vgl. C a s p a r i Homilia 
de sacrilegiis 17 f-)- Auch die sprossende 
Kraft der Erde regte vielfach die Phantasie 
zum A. an und gab Veranlassung zu allen 
möglichen abergläubischen Sitten und Ge- 
bräuchen im Frühjahr, die bis heute noch 
nicht ausgestorben sind (vgl. Mutter Erde). 
Aufs engste verknüpft mit dem mensch- 
lichen Leben war durch den A. auch das 
Tierleben. Ein Totemtier können wir 
bei den Germanen nicht nachweisen. x\ber 
der Glaube, daß die menschlichen Seelen 
nach dem Tode in Tiergestalt sich zeigen, 
daß gewisse Menschen auf Zeiten ihre 
Seele aus dem Körper senden und dann 
Tiergestalt annehmen können, war all- 
gemein verbreitet. Als Hunde und Wölfe, 
als Raben und andere Sturmvögel zogen 
die Toten durch die Lüfte, als Werwölfe, 
Bilwisse, Schwäne trieben Zauberer und 
Zauberinnen ihr Wesen (vgl. Seelenglaube). 



So fest war der Glaube an die Verquickung 
der Menschen- und Tierseele, daß noch 
im ganzen Mittelalter Tieren, die Schaden 
angerichtet hatten, in aller Form der 
Prozeß gemacht wurde (v. A m i r a , Mitt. 
d. österr. Instit. f. Geschichtsforsch. 4, 
545 ff.). Daher verkehrte auch der Mensch 
mit den Tieren wie mit seinesgleichen, 
sprach mit ihnen — manche besaßen die 
Gabe, auch die Sprache der Tiere zu ver- 
stehen — , gab ihnen wie seinen Mit- 
menschen Namen, fragte sie oder achtete 
auf ihre Stimme, wenn es galt, eine Frage 
an das Schicksal zu richten (vgl. Germ. 
Kap. 10). Die Innigkeit dieses A. zeigt sich 
besonders in dem Verhältnis zwischen 
den Haustieren und den Hausgenossen: 
war der Herr des Hauses gestorben, so 
mußte der Erbe jenen, besonders den 
Kühen, Pferden und Bienen, feierlichst 
den Tod des alten Herrn verkünden und 
die Tiere bitten, dem neuen Genossen- 
schaftsverbande treu zu bleiben, wie sie 
es dem alten gewesen waren. 

§ 14. Unter den Gestirnen tritt der 
Mond im A. vor allem hervor. Die Er- 
höhungen und Vertiefungen auf ihm haben 
überall die Sage entstehen lassen, daß 
Menschen zur Strafe für irdische Vergehen 
auf ihn versetzt worden seien. Der Wechsel 
seiner Gestalt, sein Zu- und Abnehmen 
wird in engste Verbindung mit menschlicher 
Tätigkeit gebracht. Schon Burchhard von 
Worms verbietet lunam observare, auf den 
Wechsel des Mondes zu achten. Im ganzen 
Mittelalter, auch in der Neuzeit geschieht 
alles, was zunehmen, was glücken soll, 
bei zunehmendem Monde, alles, was ab- 
nehmen soll, bei abnehmendem. Ehen 
dürfen nur bei zunehmendem eingegangen 
werden. Deshalb sollen viele Unter- 
nehmen vor Neumond nicht begonnen 
werden, ein A., der schon Ariovist im 
Kampfe gegen die Römer die Niederlage 
gebracht hatte (Cäsar, Bell. gall. I 50). 
Gegenüber dem Mond treten die Sonne 
und die andern Gestirne als Träger 
des A. zurück. An Stelle jener ist ihr 
Substitut, das nachgebildete Sonnenrad, 
oder das Feuer, getreten, durch das man 
im Frühjahr der Sonne neue Kraft zu- 
führte, in dem man sie zu verehren 
wähnte. 



12 



ABERGLAUBE 



§ 15. Mit andern Völkern gemein 
hatten die Germanen den Glauben, daß 
bei Sonnen- und Mondfinsternissen (s. d.) 
Ungetüme in Wolfsgestalt das Gestirn zu 
verschlingen suchten. Deshalb pflegte 
man, wie es noch heute die wilden Völker 
tun, bei diesen Verfinsterungen mit den 
Waffen zu lärmen und ein lautes Geschrei 
zu erheben und glaubte dadurch dem 
Gestirn zu Hilfe zu kommen (Hom. de 
sacril. S. 30 ff.). Über den A. beim Er- 
scheinen von Kometen erfahren wir aus 
älteren Quellen nichts, nach späteren 
sind diese Erscheinungen die Vorboten 
schweren Unglücks, besonders der Kriege. 
Unwetter, Hagel und Gewitter waren die 
Arbeit böser Dämonen. Unholde, später 
Hexen, trieben in den Wolken ihr Hand- 
werk. Daher warf man gegen diese Steine 
oder schoß Pfeile. Noch heute begegnet 
das Wolkenschießen bei Gewittern. Aus 
demselben A. erklärt sich das Schießen 
und der Lärm, der zu bestimmten Zeiten 
(Neujahr, Walpurgisnacht) oder bei ge- 
wissen Ereignissen (Hochzeiten) von der 
Volksmenge erhoben wird: er hat pro- 
phylaktische Bedeutung; durch ihn sollen 
die schäciigenden Dämonen für die folgende 
Zeit geschreckt und dadurch von den 
Menschen ferngehalten werden. Um sich 
vor dem Blitzschlag zu schützen, bewahrt 
man in ^seinem Hause den Donnerkeil 
(s. d.), bringt an ihm den Donnerbesen 
(Petersen Der Donnerbesen 1862) oder 
unglückabwehrende Zweige oder Kräuter 
(Haselzweige, Johanniskraut) an und pflegt 
die Vögel, die das Haus schirmen (Schwalbe, 
Storch, Rotkehlchen). Auch den Wind 
verstehen zuweilen die Hexen zu ent- 
fachen. Aber ungleich verbreiteter ist der 
A., daß in diesem das wütende Heer oder 
der wilde Jäger (s. d.) daherfahre. 

§ 16. Keine Ereignisse im Alltags- und 
Festleben der Germanen gab es, kein 
Unternehmen in der Familie oder in der 
Genossenschaft wurde in Angriff genommen, 
bei dem nicht der A. mitgesprochen hätte. 
Der kindliche Glaube an die Kraft der 
Dinge, an das Orenda, wie es die Irokesen 
nennen, und an die Sonderexistenz der 
Seele zeigte sich überall. Durch allerlei 
Mittel sucht man den Säugling gegen 
die Dämonen zu schützen, sucht vor 



allem die Vertauschung mit dem Wechsel - 
balg (s. d.) fernzuhalten; durch aber- 
gläubische Zaubermittel sucht der Jüng- 
ling die Liebe des Mädchens, dies die 
des Geliebten zu gewinnen und zu erhalten 
(Weinhold, Deutsche Frauen^ I 236 ff.); 
unter Beachtung der Zeit und des Tages, 
mit Befolgung aller möglichen abergläubi- 
schen Gebräuche und Riten wird die 
Hochzeit gefeiert; durch Zauber- und 
Sympathiemittel werden alle Krankheiten 
geheilt, am Totenbette spielt sich der 
Totenkult (s. d.) ab und kommt der Glaube 
an das Fortleben der Seele zu seiner 
Geltung. Zu unzähligen Gebilden gibt 
der Traum Veranlassung, denn der Traum 
ist dem natürlichen Menschen Wirklich- 
keit; was der Schlafende geträumt, hat 
er erlebt. Im Schlafe wandert auch die 
Seele oder verkehrt mit Verstorbenen, 
und durch sie erfährt der Träumende 
seine und seiner Angehörigen Zukunft. 
Wenn ein Unternehmen ins Werk gesetzt 
wird, wird auf den Tag geachtet (Tag- 
wählerei, die schon Burchhardt von Worms 
verurteilt), bei einer Reise auf den An- 
gang; an die Aussaat und Ernte, den 
Aus- und Eintrieb des Viehes knüpfen 
sich zahlreiche Riten. (Vgl. Jahn Die 
deutschen Opfer gebrauche bei Ackerbau u. 
Viehzucht 1884 ; Pfannenschmidt 
Germanische Erntefeste 1878; Mann- 
bar dt Wald- u. Feldkulte II 1877; 
Mythologische Forschungen 1884). Auch 
in den Städten hielten diese Reste leben- 
digen Volksglaubens ihren Einzug. Hier 
nehmen sich die Zunftgenossenschaften 
ihrer an, allein sie erhielten ein ganz 
anderes Gepräge. Aus den lebendigen 
Riten, die sich an die Verjüngung der 
Natur und des Jahres knüpften, wurden 
die Umzüge der Zünfte, wie der Metzger 
und Fischer, und nur an der Genossen- 
schaftsfeier und dem Begießen mit Wasser 
spürt man den Ritus, der nun wie alle 
abergläubische Handlung zur volkstüm- 
lichen Sitte geworden ist. 

Wie der Aberglaube selbst, ist auch die 
Literatur über ihn fast unübersehbar. Es 
sollen deshalb nur die wichtigsten Quellen- 
werke angeführt werden. Grimm D. Myth. 4 
III 401 ff. C a s p a r i Eine Augustin fälschlich 
beigelegte Homilia [de sacrilegiis 1886. Fried- 



ABFALLGRUBEN- ABORT 



13 



berg Aus deutschen Bußbüchern 1868. 
Schönbach Zeugnisse Bertholds v. Regens- 
burg z. Volkskunde 1900. v. Dobeneck 
Des deutschen Mittelalters Volksglauben u. 
Heroensagen 1815. Schindler Der Aber- 
glaube des Mittelalters 1858. C. Meyer Der 
Aberglaube des Mittelalters u. der nächstfolgenden 
Jahrhunderte 1884. W u 1 1 k e Der deutsche 
Volksaberglaube d. Gegenwart 3 1903. W. B u s c h 
Deutscher Volksglaube 1877. Rochholz 
Deutscher Glaube u. Brauch 1867. A. F i s c h e r 
Aberglaube unter den Angelsachsen 1891. R. 
Gröndal Folketro i Norden-^ Annal. f. nord. 
Oldk. 1863. N. M. Petersen Historiske 
Fortcellinger IV 282 ff. A. L e h m a n n Aber- 
glaube u. Zauberei von den ältesten Zeiten bis 
in die Gegenwart ' 1908. Heinemann 
Aberglaube, geheime Wissenschaft, Wundersucht 
1907. C. Kiesewetter Die Geheimwissen- 
schaften. W. Mannhardt Zauberglaube 
u. Geheimwissen 3 1897. Pfleiderer Theorie 
des Aberglaubens 1873. Brunnhofe r Cultur- 
wandel u. Völkerverkehr 103 ff. W u n d t 
Völkerpsychologie II 2, 1906. E. Mogk. 

Abfallgruben unterscheiden sich ar- 
chäologisch von Herdgruben und Keller- 
gruben (Vorratsgruben) durch ihre un- 
regelmäßige Gestalt und ihren wirren 
Inhalt. Nicht in bestimmter Form mit 
steilen Wänden in den Boden eingetieft 
oder gar mit Steinen oder Holz ausge- 
kleidet, pflegen sie vielmehr unsorgfältig 
ausgegrabene und je nach Bedarf erweiterte 
Löcher zu sein, in die die Knochen-Reste 
von den Mahlzeiten, die Asche vom 
Herde und der Geschirrbruch aus dem 
Hause geschüttet wurden. 

Prähist. Z. I 1909, Taf. XXIV. 

Schuchhardt. 

Abführmittel, als Behelfe der Gesund- 
erhaltung mit dem Zweck der Umänderung 
und Erneuerung der Körpersäfte nach 
antiker Vorstellung, sind natürlich römi- 
scher Import, den uns die Bezeichnung 
des Aderlaßhauses auf dem St. Gallener 
Grundriß von 820 im Nebenzweck als 
,,potionariis" mit seinen Wandbänken zum 
Abwarten der Wirkung des tranc und 
seiner reichen Ausstattung mit sieben 
Aborten im Seitengang anschaulich demon- 
striert. Die richtigen Zeiten zur An- 
wendung der Kräutertränke usw. lehren 
die Kaiendarien. Doch mag auch die 
vorrömische Germanenmedizin über Tränke 
zur Behebung von Stuhlverhaltungen ver- 



fügt haben, deren bestimmte Scheidung 
von denen der antiken Überlieferung nicht 
immer leicht sein wird. Vgl. die drei 
utyrnende drccnc in den Lacnunga 18—20 
bei Cockayne, Leechdoms III 18 — 21 und 
II 30; Leonhardi in Grein -Wülckers ßibl. 
d. ags. Pr. VI 128 f. und 68 f. Sudhoff. 

'Aßi};ouvov ist der Name einer 'Stadt' 
in der Germ. mag. des Ptol. nahe der 
Donau und fast in der Mitte der Südgrenze 
eingetragen. Er erinnert an Ohilonna auf 
der Tab. Peut. bei den AUobrogern, auf 
ursprünglich hgur. Boden; s. ZfdA. 41, 133. 

R. Much. 

Abnoba, bei Ptolemäus II 11, 11 daneben 
'Aßvoßala dpT], ist der alte Name des 
Schwarzwalds, und auch eine nach dem 
Gebirge benannte dea^ Diana oder Deana 
Abnoba ist bekannt. Abnoba ist sicher 
ungerm., vermutlich kelt. und gilt als 
Ableitung aus kelt., abonä 'Fluß'. Die 
Römer, die z. B. Dumnorix schreiben 
gegenüber inschriftlichem Dubnorix, haben 
auffallenderweise den Namen nicht in 
Amnoba umgestaltet, wohl weil sie an 
Komposita mit ab dachten. R. Much. 

Abort. A. Norden. §1. Auf den 
]\fengel eines Abtritts Weist der anord. 
Ausdruck leita ser stadar. Überhaupt 
läßt sich der Beweis nicht erbringen, daß 
diese Bequemlichkeit germanischen Ur- 
sprungs sei. Zwar gibt es eine gemein- 
german. Benennung dafür, nämlich anord. 
gangr, ags. gang (arsgang, gangern), ahd. 
gang; die Bedeutung 'Abtritt' ist aber 
sekundär und kann in den Einzelsprachen 
entstanden sein. Das Wort läßt sich nicht 
als '(bedeckter) Gang' erklären (vgl. 
Heyne Hausaltert. I 97) — diese Be- 
deutung kommt Weder im Anord. noch 
im Ags. vor — , sondern stammt von der 
Redensart anord. ganga nauäsynja, ßurfta 
sinna, ags. gän ymbe his neode, 'seine 
Notdurft verrichten'. Demnach heißt 
gang eigentlich 'das Verrichten der Not- 
durft', woraus einerseits 'Ort, wo dies 
geschieht', andererseits 'Exkremente, Urin' 
(so anord. gangr, ßarfagangr). Der Abort 
im allgemeinen Sinne War teils das offene 
Feld (vgl. anord. vallgangr 'Exkremente', 
eigentl. 'Gang ins Feld', ahd. feldgang 
'Abtritt'), teils ein Winkel des Hofplatzes 



14 



ABORT 



(vgl. anord. ganga tu gards 'auf den Hof 
gehen', nnorW. dial. ganga i tunet dass.). 
Auch wo zu diesem Zwecke ein Häuschen 
errichtet Wurde, bekam es geWöhnHch im 
Hof seine Stelle; vgl. anord. garähtls, 
norW. dial. tyne (von tun * Hof platz'), 
ags. gangiün (eigentl. 'der Teil des Hofes, 
Wo die Notdurft verrichtet Wird') für 
'Abtritt'. Auf größeren Höfen War der 
Abtritt häufig am Ende des um das Ober- 
geschoß laufenden Ganges angebracht (wie 
in Deutschland im späteren MA., s. 
Heyne aaO. 223): vgl. zB. Ynglinga 
saga 14 [um nöttina gekk kann üt i svalir 
at leita ser siad'ar) ; dazu norW. dial. sval 
'abseits liegender Gang mit einem Abort'. 
Andere Namen für den Abort sind salerni 
(von sah 'Saal'), nää[a)hüs (zu nää 'Ruhe'), 
skäl[a)hüs (eigentl. 'leichtgebautes Haus'), 
kamarr (von lat. camer a), heimilishüs (zu 
heimili 'Heimat', aber Wohl nach deutschen 
Wörtern Wie mhd. heimlich gemach^ heim- 
lichen gebildet, vgl. aschwed. hemelikhus). 
Die Aufnahme fremder Benennungen (vgl. 
auch ags. cachüs: lat. caccare, auf norw. 
Fahrzeugen kakkhus) erklärt sich aus dem 
Drange nach verschleiernden Ausdrücken 
(vgl. anord. annat hüs 'Abort'). Mehr- 
mals wird ausdrückHch hervorgehoben, 
daß das Häuschen auf Pfosten (stafir, 
stolpar) gebaut und mit einer Treppe 
[riä) versehen war; Gruben für die Ex- 
kremente, wie in England (vgl. ags. 
gangpytt), gab es nicht. Nur ausnahms- 
weise scheinen abgesonderte Sitze [seta, 
vgl. ags. gangsetl) vorgekommen zu sein, 
gewöhnlich genügte ein horizontaler Bal- 
ken [tre, nääahüstre, vgl. setjask ä tri 
'seine Notdurft verrichten'), auch wo das 
Haus gleichzeitig mehrere Personen auf- 
nehmen konnte. Auf Schiffen gab es keinen 
Abtritt; die nautische Redensart gan^a til 
boräs zeigt, daß hier der Reling [horä) die 
Rolle des nääahüstre übernahm. 

V. Gudmundsson Privatboligen paa Is- 
land 246 f. H j. F a 1 k Maal og minne II 20ff. 

Hjalmar Falk. 

B. S ü d e n. § 2. Der Abtritt als ge- 
schlossenes Gemach und besondere Vor- 
richtung zur größeren Bequemlichkeit und 
Reinlichkeit und aus Gründen des An- 
stands ist Wohl erst durch die Römer und 
die Mönche nach dem Norden eingeführt 



worden. Daß die Römer den A. mit durch- 
löchertem Sitz kannten, ergibt sich aus dem 
Ausdruck sella pertusa 'durchlöcherter Sitz, 
Nachtstuhl' bei Cato, sella familiarica dsgl. 
bei Varro, sellae Patroclianae 'latrinae' bei 
Martial, sowie aus den Resten öffentlicher 
Aborte in der römischen Stadt Thamugadi 
b. Biskra in Algerien (Boeswillwald etc. 
Timgad, Paris 1905, S. 13 f.) ua. In Klöstern 
und Priesterwohnungen gab es schon im 
frühen MA. besondere, mit Tür oder Vor- 
hang verschließbare Gelasse zur Verrich- 
tung der Notdurft. Gregor v. Tours (2,23) 
im 6. Jh. berichtet von einem Priester, der 
auf dem Abort [secessus) vom Schlage ge- 
rührt Wurde, während sein Diener mit 
einer Kerze vor dem durch einen Vorhang 
abgeschlossenen Eingang wartete. Im 
Grundriß des Klosters St. Gallen (820) 
sind etwa zehn, von den Wohnhäusern 
getrennte Aborte (necessarium, requisitum 
naturas) ausgezeichnet, die stets durch 
einen Gang (exitus ad necessarium oder 
ex. necessarius ) mit den Dormitorien ver- 
bunden sind. Auch das Krankenzimmer 
der Klöster war mit einem A. versehen, 
so in St. Gallen, so bei Thietmar v. Merse- 
burg 4,48 (11. Jh.). Daß diese Bequemlich- 
keit frühzeitig auch in die Häuser der 
Weltlichen Vornehmen Eingang fand, darf 
man ohne Weiteres annehmen. Regino 
V. Prüm berichtet z. J. 901 von einem 
Grafen, der auf dem A. durchs Fenster 
erschossen Wurde. Der A. ist hier also 
ein durch eine Fensteröffnung erhelltes, 
abgeschlossenes Gemach. 

§ 3. Allmählich wird das Bedürfnishaus 
allgemeiner, wie die zunehmende Zahl 
von Benennungen andeutet, die zum Teil 
humoristische Färbung tragen. Neben 
das alte crarw, das in Deutschland wie im 
Norden immer noch das gewöhnlichste 
W^ort für A. bleibt, treten scherzhafte und 
euphemistische Ausdrücke wie ahd. spräch- 
hüs (Steinm.-Siev. Ahd. Gl. III 628, 19), 
das sonst zur Übersetzung von lat. curia 
'Rathaus' dient (ebd. 124, 45), aber daneben 
schon im Ahd. und ganz besonders häufig 
im Mhd., Mnd. und Frühnhd. (16. Jh.) 
auch humoristische Benennung für den A. 
als das Gemach der geheimen »Beratung« 
ist; noch heute luxemburg. sprochhaus 
'Abort' (s. DWb. sv. Sprachhaus), Ähnlich 



ABSETZUNG DES KÖNIGS 



15 



mhd. swäscamere 'trauliche Kammer' 
(Steinm.-Siev. III 360, 55), heimele amere, 
heimlich gemach ua. (Diefenbach Gl. 128 a). 
§ 4. Die Größe der A.e war je nach 
Bedarf verschieden; im Grundriß des 
St. Gallcr Klosters sind solche mit 2 — 18 
Sitzen (sedilia) verzeichnet. Die mehr- 
sitzigen waren in der Regel wohl für 
mehrere Personen zu gleichzeitiger Be- 
nutzung nebeneinander bestimmt. Ein 
angelsächsischer Geistlicher in der Dänen - 
zeit eifert dagegen, daß der Abtritt von 
Frauen vielfach zu Eß- und Trinkgelagen 
benutzt werde 1 (Engl. Stud. 8, 62.) 

§ 5. Diese Verwendung des A.s als 
Unterhaltungs- und Speiseraum zeigt, daß 
die Klosetts in Deutschland und England 
im frühen MA. jedenfalls schon mit be- 
quemerer Sitzgelegenheit als einem ein- 
fachen Balken ausgestattet waren. Dafür 
^spricht auch der ags. Ausdruck gangsetl 
.für A. und die Stelle in iElfrics Homil. 
ed. Thorpe I 290, Wo von Arius berichtet 
wird, daß er auf dem A. starb und tot 
dort sitzen blieb [he scet pcsr dead), ähnlich 
wie der Diener des Priesters bei Gregor 
V. Tours (oben § 2) seinen Herrn super 
sellula secessi defiinctum findet. 

§ 6. Doch War der A. für die Masse des 
Volks im MA. Wohl immer ein Luxus. 
Er wird sich in der Regel nur in Klöstern, 
in den Häusern der Vornehmen und später 
allgemeiner in den Städten gefunden 
haben. Auf dem Lande War er bis vor 
Wenigen Jahrzehnten in Deutschland eine 
Seltenheit und ist es vielerwärts jetzt noch. 
Schrader Reallex. Heyne Hausaltert. 
I 97. Hoops. 

Absetzung des Königs. § i. Der alt- 
germanische König konnte abgesetzt wer- 
den. Oft ist das geschehen und kann nicht 
als Ergebnis revolutionärer Volksbewe- 
gungen erklärt werden. Was in einem 
westgotischen Rechtsbuche für Ober- 
schweden gesagt ist, daß die Wähler des 
Königs den pflichtvergessenen Herrn davon- 
jagen dürfen, entspricht einer allgemeinen 
Anschauung der germanischen Völker. 
Auch die Kräftigung, welche die Periode 
der Völkerwanderung dem Königtum 
brachte, hat die Grundsätze der Absetz- 
barkeit nicht völlig verscheucht. Bei den 
Langobarden war sogar 10 Jahre lang 



das Königtum selbst abgeschafft; auch 
die Vertreibung des Franken Childerich 
im 5. Jahrh. ist kaum unter dem Gesichts- 
punkt des Rechtsbruches zu fassen. Wo 
allerdings feste Erblichkeit ausgebildet 
war oder Vorstellungen von der geheiligten 
monarchischen Gewalt herrschten, da hat 
man unbequeme Könige nicht abgesetzt, 
sondern getötet, so bei den Westgoten. 

§ 2. Das starke Erbkönigtum der 
Merowinger des 6. Jahrhs. duldete kein 
Recht der Absetzung. Die Erschütterung 
der königlichen Gewalt im 7- Jahrh. und 
die ganz beliebige Auswahl, die untet 
erbberechtigten Merowingern getroffen 
wurde, bereitete die Entthronung der 
Dynastie vor. Die Absetzung des letzten 
Merowingers 751 erfolgte zugleich unter 
Mitwirkung der obersten geistlichen Ge- 
walt [apostolica auctoritate percepta). Die 
Aufnahme theokratischer Elemente stärkte 
die karolingische Monarchie, aber die 
Auffassung der monarchischen Gewalt als 
ein von Gott zum Besten des Volkes 
übertragenes Amt bot die Möglichkeit, 
dem schlechten König das Amt zu ent- 
ziehen. Berufene Kenner des göttlichen 
Willens waren die Geistlichen. Im Jahre 
833 wurde Ludwig d. Fr. abgesetzt: divino 
iustoque iudicio imperialis subtracta po- 
testas. Dagegen ward Karl III. (887) 
ohne formelle Absetzung, durch Igno- 
rierung seiner Persönlichkeit, der monarchi- 
schen Gewalt entkleidet. 

§ 3. Im Deutschen Reich wurde wieder- 
holt und nachdrückhch seit der zweiten 
Hälfte des 11. Jahrhs. betont, daß dem 
Unwürdigen die Gewalt, die ihm durch 
die Wahl übertragen wurde, genommen 
werden könne. Heinrich IV. hat das 
dadurch anerkannt, daß er seinen Sohn 
Konrad durch Fürstenspruch der Königs- 
würde entheben ließ. Zu derselben Zeit 
beanspruchte der Papst ein Absetzungs- 
recht und brachte es 1076 und 1080 zur 
Geltung. Allgemein ist indessen weder 
ein päpstliches noch ein fürstliches Ab- 
setzungsrecht anerkannt worden. Erst 
im 13. Jahrh. entstanden bestimmte Theo- 
rien der Absetzung und Forderungen 
eines bestimmten Formalismus, welche 
von Königen selbst wiederholt gutgeheißen 
wurden, denen aber durch die Goldene 



i6 



ABT— ACCENTE 



Bulle von 1356 jede tatsächliche Bedeutung 
genommen wurde. S. unter König. 

G. Seeliger. 
Abt, Äbte [ahhates zuerst auch priores) 
und Äbtissinnen {ahhatissae) als Vorsteher 
von Klöstern sind in sämtlichen germa-. 
nischen Staaten bekannt. Im Frankenreich 
suchten die Bischöfe die Ernennung der 
Äbte schon früh an sich zu reißen, wobei 
sie in den unabhängigen Klöstern die der 
Regula Sancti Benedicti entsprechende 
Wahl durch die Klosterinsassen, in Eigen- 
klöstern (s. Eigenkirche) den Eigentümer 
beiseite schieben mußten, der den Abt zu 
bestimmen in Anspruch nahm und sich 
nicht selten als erster Abt (Äbtissin) an 
die Spitze stellte. Doch gewährte Ludwig 
der Fromme 818/819 ^^^ Klöstern, soweit 
sie nicht Eigenklöster waren, ausdrücklich 
die freie Abtswahl {Capitulare ecclesiasti- 
cum). Immerhin waren die Äbte dem 
Bischof unterstellt, der ihre Wahl be- 
stätigen, sie selbst benedizieren mußte 
und beaufsichtigte. Wie die Bischöfe 
selbst, waren auch die Äbte nicht fern 
vom politisch-staatlichen Leben, gehörten 
vielmehr zu den Großen des Reiches und 
galten als königliche Beamte. Sie wurden 
zu Reichstagen berufen, als Gesandte und 
missi verwendet und waren in aller Regel 
große Grundherren. Als solche mußten 
sie oft vom König mit den Regalien in- 
vestiert werden und diesem den Huldi- 
gungseid leisten. Durch Überspannung 
dieser weltlichen Seite kommen seit den 
Karolingern die Laienäbte [ahbates saecu- 
lares) auf, weltliche Herren, denen eine 
Abtei oder mehrere übertragen waren; 
diese nutzten das weltliche Zugehör der 
Abtei, während ein abbas regularis (legi- 
timus) als Stellvertreter die geistlichen 
Funktionen ausübte. Vereinzelt wird auch 
der Vorsteher eines nicht mönchischen 
Kapitals als abbas bezeichnet. — Auch 
bei den Angelsachsen hat sich die Wahl 
des Abtes {abbod, abbud) nicht nach ein- 
heitlicher Regel gerichtet; doch scheint 
die Form freier Wahl ,,cum consilio 
episcopi", wie sie in den Rechtsquellen 
vertreten wurde, auch praktisch die Er- 
nennung durch andere Personen über- 
wogen zu haben. — In Norwegen hatten 
fast alle Klöster das Recht der freien 



Abtswahl [abbati] Äbtissin aebbadis nur 
bei einigen Orden war der Bischof an der 
Wahl beteiligt. Auch in Dänemark lassen 
die ziemlich geringen Nachrichten eine 
Einmischung anderer Personen als etwa 
des Abtes [abbat) des Mutterklosters oder 
des Königs bei seinen Eigenklöstern nicht 
erkennen. Ebenso ist in Schweden eine 
ziemlich regelmäßige Durchführung der 
benediktinischen Regel anzunehmen (s. 
a. Kirchenverfassung II § 6 und Mönchs- 
wesen). 

H a u c k Kirchengesch. 1^ 246 ff.; II * 584. 
Holtzmann Fr, V. G. 153, 157. Brunn er 
D. R.G. II, 318 f. Waitz D.V.G. II, 2, 66 f; 
III, 13 ff. 433 ff-; IV, 212 ff. Stutz Kirchen- 
recht 934. Schäfer Pfarrkirche u. Stift 125 £E. 
M a k o w e r Verfassung d. Kirche v. England 9 f. 
Hunt Hist. of the Engl. Church 176 f. Philipps 
Angelsächsische Rechtsgeschichte 255. Maurer 
Vorles. II 357. Olrik Konge og Prcestestand II 
179 f> ] 0rgtns&r\ Forelcesninger 270. Hilde- 
brand Sveriges Medeltid III 923 fT. passim., 
Reuterdahl Svenska kyrkans historiall, i, 
187 ff. passim. v. Schwerin. 

Accente (§ i) nannte man im Abend- 
lande die Beizeichen der Schrift, welche 
in der Rezitationskunst des ausgehenden 
Altertums zur Bezeichnung der B e - 
t n u n g dienten und als Prosodien 
von Aristophanes von Byzanz um 200 
V. Chr. erfunden (oder eingeführt) worden 
sein sollen. Es waren zehn Zeichen, in 
vier Klassen eingeteilt, nämlich i. Töne 
auf betonten Silben: Akut, Gravis, Circum- 
flex; 2. Zeiten auf unbetonten Silben: 
Longa, Brevis; 3. Hauche oder In- 
tonationen am Anfange der Satzteile: 
Spiritus asper u. lenis; 4. Affecte 
oder Vortragszeichen, Interpunktionen am 
Ende der Satzteile: Apostroph, Hyphen, 
Diastole. Sie sind von den meisten 
christlichen Völkern zu eignen Tonschriften 
(Neumen) umgebildet worden. 

§ 2. Den Franken wurden die Accente, 
wie es scheint, durch Alkuin bekannt. 
Am Hofe Karls d. Gr. lehrte ,,Sulpicius 
die Knaben nach sichern Accenten singen". 
Durch Alkuin wurde Hraban Maurus auf 
ihre Verwendbarkeit hingewiesen, seine 
Schule, Otfrid voran, benutzte mindestens 
den Akut, um die Hebungen der Verse 
anzudeuten. In St. Gallen bildeten dann 
diese Accentuation für die deutsche Sprache 



ACHAT— ACKERBAU 



17 



Notker Labeo und seine Schule weiter 
aus. 

§ 3. Mit ihrer Hilfe wurden die sich in 
festen musikalischen Tonhöhen bewegenden 
Hebungen und Senkungen des Rezitators 
oder Vorlesers nebst den Längen, Kürzen 
und Pausen besti-mmt. Diese Stimm- 
bewegungen hielten sich im Umfange 
gewöhnlich einer Quarte oder Quinte; 
am Anfang erhob sich in der Intonation 
die Stimme zu einem mittleren Tone 
(Mese, Tonus currens), zu Ende der 
einzelnen Abschnitte beugte sich die Stimme 
je nach der Schwere der Interpunktion 
(Cadenz); zwischen Intonation und Cadenz 
hob sich die Stimme nur bei Akut, senkte 
sich bei Gravis und hob sich mit nach- 
folgender Senkung beim Circumflex, um 
aber gleich wieder zum Tonus currens 
zurückzukehren. 

§ 4. Solche Rezitation war im aus- 
gehenden Altertum allgemein verbreitet, 
besonders im Orient, und wurde durch 
die Psalmodie, die Hauptgesangsform 
des frühen Christentums, überallhin ver- 
mittelt. Sie hat sich noch erhalten außer 
in der römisch-katholischen Kirche im 
sogenannten Altargesang der Protestanten. 
Sie liegt auch den Antiphonen zu- 
grunde, die oft nichts weiter sind, als 
verschnörkelte Psalmodie, wo besonders 
die allzu monotonen Tonus-currens-Reihen 
durch reichlichere Tonbewegungen (Kolo- 
ratur) reizvoller gemacht wurden. S. auch 
"Neumen. 

0. Fleischer Neumenstudien, bes. S. 49ff.I, 
Leipzig 1895. D e r s. Das Acceniuationssystem 
NotkerSy bes. in seinem Boethius ZfdPh. 1883. 

O. Fleischer. 

Achat. A. Natur- und Sprach- 
geschichtliches. § I. Der A., 
engl, agate^ besteht meist aus Abarten von 
Chalcedon, also aus Ablagerungen 
von mikrokristallinischer Kieselsäure, 
die in dünnen, konzentrischen Schichten 
von verschiedener Farbe und Dichtigkeit 
geordnet sind. Er stammt in der Regel 
aus sogen. Achatmandeln, rundlichen, ova- 
len oder nierenförmigen Massen, die in 
Blasenräumcn der Gesteine, besonders des 
Melaphyrs, aus wässeriger Lösung aus- 
geschieden wurden. — Völlig verschieden 
vom A. ist der G a g a t (s. d.), der wegen 

H o o p s , Reallexikon. I. 



des anklingenden Namens schon im MA. 
gelegentlich mit ihm verwechselt wurde 
(s. Murray NED. sv. achate). 

§ 2. Ein einheimischer Name des von 
den Germanen seit spätrömischer Zeit für 
Schmucksachen verwandten Minerals (§ 3) 
ist nicht überliefert. Erst im späteren 
MA. tritt der von dem Flusse Achates in 
Sizilien entlehnte griech.-lat. Name achates 
(s. Nies b. Pauly-Wissowa) in den germ. 
Sprachen als Fremdwort auf: mhd. achat^ 
me. achate (etwa 1230 in der Ancren Riwle). 
Im Früh-MA. wird er einmal als achates 
an einer auf Solinus beruhenden Stelle 
der früher dem Beda zugeschriebenen 
latein. Ascetica Dubia erwähnt (s. Garrett 
Prec. Stones in OE. Lit. 7; vgl. auch ^6, 2)^ 
u. Anm.). Hoops. 

B. Kunstgeschichtliches. §3. 
Der A. wurde in spätrömischer und der 
Völkerwanderungszeit nicht selten zu Ein- 
lagen in Ringen und andern Schmuck- 
gegenständen verwendet. Perlen aus A. 
gibt es auch aus derselben Zeit in den 
großen Perlenfunden. B. Schnittger. 

Ackerbau. 

A. Vorgeschichtliche Zeit § i — 18. B. Römer- 
zeit § 19 — 26. C. Frühmittelalter. I. Süden 
§ 27 — 45. (Hoops.) — IL Norden § 46 — 67. 
(Gudmundsson.) 

A. Vorgeschichtliche Zeit. 
§ I. Zahlreiche Ackerbauausdrücke aus 
indogermanischer Urzeit, die durch die 
vergleichende Sprachwissenschaft erwiesen 
werden. Ausdrücke für Getreidearten, 
Pflug, Furche, Sichel, Spreu, Mühle, schro- 
ten, Mehl ua., zeigen mit absoluter Sicher- 
heit, daß die Indogermanen bereits Acker- 
bau trieben. Und dieses Ergebnis der 
Sprachwissenschaft wird durch archäolo- 
gische Funde von Ackergeräten, Mahl- 
steinen und Körnern aus fast ganz Europa 
von der jüngeren Steinzeit an schlagend 
bestätigt, so daß das Vorhandensein von 
Ackerbau in der neolithischen Ära einer- 
seits und im Indogermanenzeitalter ander- 
seits schlechterdings nicht mehr bezweifelt 
werden kann und tatsächlich von Sprach- 
und Altertumsforschern heute allgemein 
anerkannt wird. 

§ 2. Und dieser indogerm. Ackerbau 
war keineswegs mehr so ganz primitiv. 



i8 



ACKERBAU 



Die alljährliche Auflockerung des urbaren 
Landes zum Zweck der Ackerbestellung 
geschah nicht mehr bloß mit der Hacke, 
sondern schon mit Hilfe des Pflugs. 
Der alte europ. Name desselben: gr. 
ocpoipov, kret. apaipov, lat arätrum, ir. 
arathar, aisl. arcfr, lit. ärklas aus *drtlas, 
akslav. oralo, ralo aus *ordlo für *ortlo 
<^ *ortro (Brugmann Grdr. I S. 450 ; Much 
Mitt. d. Anthrop. Ges. Wien 38, 8; 1908), 
armen, araur; idg. Grdf. *aratrom, *aro- 
irom oder *aratrom (zum uralten Vb. gr. 
dpoü), lat. aräo^ air. airim, ags. erian^ akslav. 
orati, lit. ärti 'pflügen') hat allerdings unter 
den asiat. Sprachen nur im Armenischen 
eine Entsprechung, ist aber des Ablauts 
wegen sicher indogermanisch. Und selbst 
wenn er dem Indoiranischen ursprünglich 
nicht eigen gewesen wäre, so würde er doch 
jedenfalls in eine weit entlegene, der Ur- 
zeit sehr nahestehende Epoche der idg. 
Kulturgeschichte zurückreichen. Er hat 
eine Parallele in der Gleichung: nhd. furche, 
ahd. furuh f., ae. furh 'Furche'; lat. porca 
Ackerbeet'; abret. rec, air. rech, kymr. 
rhych 'Furche' aus *{p)rkä; armen, herk 
'frisch geackertes Brachland'; sie ist eben- 
falls den europ. Sprachen mit dem Armen, 
gemein, hat gleichfalls Ablaut und ist also 
ebenso alt wie *aratrom 'Pflug'. Ein 
weiteres Glied in dieser Kette ist die ge- 
meineurop. Benennung der Pflugschar: gr. 
ocpvi? aus *zwg^hsnis; lat. vdmer, vömis (g. 
-eris) aus *vosmis, älter *vocsmis <^*uog^hs- 
mis; ahd. waganso, mhd. wagense, nhd. 
bair. wagensun, Schweiz, wägese, anord. 
vangsni m. für *vagnsi, alle 'Pflugschar'; 
preuß. Wagnis m. 'Pflugmesser, Sech'. 

§ 3. Danach ist kein Zweifel mehr mög- 
lich, daß der Ackerbau der Indogermanen 
schon vor der Trennung in Asiaten und 
Europäer das Stadium des Hackbaus 
überwunden hatte und als P f 1 u g b a u 
betrieben wurde. Auch Schrader, der 
noch in der 2. Aufl. seiner Sprachvergleichung 
und Urgeschichte (1890, S. 412) von einem 
Ackerbau der Indogermanen nicht viel 
wissen wollte, der in seinem Reallexikon 
der idg. Altertumskunde (1901, S. 10 f.) 
ihnen nur einen primitiven Feldbau nach 
Art von Hahns Hackbau glaubte zusprechen 
zu können, hat sich in der wesentlich ver- 
besserten 3. Aufl. des ersteren Werks (1907, 



II 208) den Ergebnissen meiner Wald- 
bäume und Kulturpflanzen (1905, S. 345 ff. 
499 ff.) in diesem Punkte voll und ganz 
angeschlossen und meint auch, es könne 
,,kein Zweifel bestehen, daß jener prähisto- 
rische Ackerbau bereits mittels des Pfluges 
ausgeübt wurde, und nicht etwa ein bloßer 
Hackbau gewesen ist". Dieses Ergebnis 
darf darum wohl als sichere Erkenntnis 
der idg. Sprach- und Altertumswissenschaft 
registriert werden. 

§ 4. Über die Gestalt des idg. Pfluges 
geben uns eine Reihe wichtiger archäolo- 
gischer Funde zuverlässigen Aufschluß. 
Das Felsenbild von Bohuslän im westl. 
Schweden (jüngere Bronzezeit), das einen 
von einem Ochsenpaar gezogenen Haken - 
pflüg darstellt, der vortrefflich erhaltene 
hölzerne Hakenpflug von Dostrup in Jüt- 
land (Bronzezeit od. älteste Eisenzeit) mit 
langer Deichsel und einem Pflock zum 
Anspannen von Tieren, endlich der aus 
einer Eichenwurzel hergestellte prähisto- 
rische Hakenpflug von Papau bei Thorn in 
Westpreußen von etwa 3 m Länge, der 
ebenfalls zur Vorwärtsbewegung durch 
Zugtiere bestimmt war, machen es zur Ge- 
wißheit, daß der indogermanische Urpflug 
ein hölzerner Hakenpflug war, 
der von Ochsen gezogen wurde. — 
S. Art. 'Pflug' nebst Abbildungen u. vgl. 
H p s Waldb. u. Kulturpfl. 499 ff. und 
die zustimmenden Äußerungen S c h r a - 
d e r s Sprachvgl. u. Urgesch. ^ II 209. 

§ 5. Ob die Indogermanen den Acker 
schon düngten oder sich auf die natür- 
liche Tragfähigkeit des Bodens verließen, 
ist zweifelhaft. Aus dem Vorhandensein 
indogermanischer Ausdrücke für Mist ist 
noch nicht mit Sicherheit auf die Verwen- 
dung des Mistes als Düngmittel zu 
schließen. Jedenfalls kennen aber die 
europ. Indogermanen die Düngung schon 
seit den ältesten historischen Zeiten (s. 
Art. 'Düngung' und vgl. Schrader Reallex. 
udW.), und es ist sehr beachtenswert, 
daß in dem schweizerischen Pfahlbau von 
Robenhausen aus der Steinzeit 6 Fuß tief 
unter dem Torf Lagen von Ziegen- und 
Schafdünger gefunden wurden, die nach 
Heer (Pflanzen d. Pfahlb. 7) ,,ohne Zweifel 
für die Düngung der Felder aufbewahrt" 
waren. 



ACKERBAU 



19 



§ 6. Zur weiteren Auflockerung, Zer- 
kleinerung und Ebnung des umgepflügten 
Bodens und zur Unterbringung der Saat 
bediente man sich schon in der idg. Urzeit 
der Egge (s. d.), deren Zähne ursprüng- 
lich jedenfalls von Holz, später von Eisen 
waren, und die gleich dem Pfluge von 
Ochsen gezogen wurde. Eine wichtige 
Rolle nicht nur bei der Urbarmachung des 
Bodens (s. Rodung), sondern auch bei der 
weiteren Bodenbearbeitung hat ferner von 
jeher die Hacke (s. d.) gespielt, die in 
verschiedenen Formen von der jüngeren 
Steinzeit an in zahlreichen Funden belegt 
ist, und für die es ebenso wie für die Egge 
einen alten idg. Namen gibt. 

§ 7. Für Säen und Saat besteht eine 
gemeineuropäische, weit verzweigte Wz. 
sei-: lat. sero für *si-sö, prt. se-vi\ kymr. 
heu 'säen', hil 'Same*, ir. Sil dss.; got. 
saian, anord. sä, ags. säwan, ne. sow, as. 
säian, nnd. saien, ahd. säen aus '^'säjan, mhd. 
See Jen, scen, nhd. säen usw.; lit. seju, seti 
'säen'; akslav. sejq dss. Dazu das Subst. 
lat. Semen; ahd. sä?no', preuß. semen, lit. 
S€'mu; akslav. sem^ 'Same'. 

§ 8. Das Ernten des Getreides ge- 
schah ursprünglich, wie noch heute vieler- 
wärts, mit der kurzen Sichel (s. d.), 
für die mindestens zwei alte Namen er- 
halten sind. Den europ. und asiat. Indo- 
germanen gemein ist die Gleichung: anord. 
mnd. nnd. le 'Sense', gr. Xaiov 'Sichel', 
aind. lavis m. Gemeineurop. ist: gr. apTry] 
'Sichel', lat. sarpere 'abschneiteln', ir. serr 
'Sichel', lett. sirpe, akslav. srüpü, russ. 
serpü dss. Eine dritte Gleichung ist viel- 
leicht lat. falx 'Sichel, Sense, Winzermesser' 
und lit. dalgis, lett. dalgs, preuß. doalgis 
*Sense' (anders jetzt Walde EWb. ^ sv. falx.) 
Da von diesen drei alten Namen im Grie- 
chischen, Lateinischen und in den baltischen 
Sprachen zwei nebeneinander stehen, wird 
es schon in der idg. Urzeit mindestens zwei 
verschiedene Arten Sicheln gegeben haben. 
Archäologische Funde von Getreidesicheln 
aus Stein und Bronze in verschiedener Form 
und mit verschiedener Schäftung bestä- 
tigen dies (s. S. Müller Urgesch. Eur. 104 f. 
u. die Abbildungen zu unserm Art. 'Sichel'). 
Wenn die Ausdrücke in den halt. Sprachen 
heute den Bedeutungsgegensatz 'Sichel — 
Sense' zeigen, so ist daraus nicht unbedingt 



zu folgern, daß die Indogermanen bereits 
die Sense mit langer Klinge und langem 
Stiel kannten. 

Für Mähen besteht das alteurop. 
Wort: gr. afxao); lat. meiere] körn, midü 
'messor', akymr. medel, air. meithel 'eine 
Schar Mäher' ; ahd. viäen aus *mäjan, mhd. 
m,cEJen, nhd. mähen, ags. mäwan, ne. mow 
'mähen'. Dazu das Subst. gr. ajxyjxoc, ahd. 
mäd n., nhd. mahd f., ags. m^p n. 'Ernte'. 
Der Begriff des Mähens mit der Sense, der 
den Wörtern im Germ, heute anhaftet, ist 
jedenfalls eine jüngere Entwicklung. 

§ 9. Daß eine besonders hergerichtete, 
gehärtete Tenne schon in der Urzeit 
bekannt war, zeigt eine alte, dem German. 
und Griech. gemeinsame Benennung: gr. 
dXü)a, SXdic, f., Jon. dXcüVj aus *dXaiFd: 
aschwed. lö aus *ldwa- (woher finn. luuva 
'Tenne'). Auch für Dreschen haben 
das Germanische und Griechische eine 
übereinstimmende alte Bezeichnung: germ. 
ßreskan, gr. xpi'ßw aus einer idg. Grdf. 
*trzg^ö (Thurneysen KZ. 30, 352). Da die 
Grundbedeutung von germ. ßreskan 'tram- 
peln, treten' war, wie die Bedeutung der 
entlehnten roman. Ausdrücke beweist (s. 
Falk-Torp bei Fick4 HI 192 sv. und 
besonders die vortrefflichen Darlegun- 
gen Meyer-Lübkes WuS. i, 214 ff.), 
so ist die gewöhnliche griechische Methode 
des Austretens der Körner durch das 
Vieh, das auf der Tenne umhergetrieben 
wurde, schon in der idg. Urzeit üblich 
gewesen. Wahrscheinlich war daneben 
aber auch das Ausdreschen durch Men- 
schenhand mit dem Dreschflegel in Ge- 
brauch; jedenfalls weist die übertragene 
Bedeutung 'schlagen' für gr. dXoav 
'dreschen' darauf hin, daß dies Verfahren 
in Griechenland neben dem andern bekannt 
war (s. Blümner Technol. u. Terminol, I 7) 
und die lat. Ausdrücke haculis excutere 
perticis flagellare, fustibus tundere zeigen 
daß wir uns unter dem Dreschflegel ur 
sprünglich einen einfachen Knüppel viel 
leicht mit dickerem Ende vorzustellen 
haben. 

§ 10. Um das gedroschene und zu- 
sammengefegte Kornvon der Spreu 
zu sondern, bediente man sich schon 
in der Urzeit des Windes, wie eine 
alte, dem Lateinischen, Germanischen und 



20 



ACKERBAU 



Baltisch-Slavischen gemeinsame, mit lat. 
ventus zusammenhängende Wortsippe be- 
weist: ahd. wanna f. 'Getreideschwinge, 
-wanne' (aus *wandnön), das wegen der 
synonymen Nebenform wint-wanta swf. 
(aus -*'wandön) mit lat. vannus f. ' Getreide - 
schwinge' (aus *udntnos) urverwandt, nicht 
daraus entlehnt ist (vgl. unten § 43); 
dazu mit andrer Ablautsstufe lat. ventiläre 
'in der Luft schwingen, Getreide reinigen', 
ventüährum 'Worfelschaufel', aber urspr. 
offenbar 'Becken zum Kornschwingen'; 
got. dis-winßjan 'auseinanderwerfen, Xixpiav', 
ahd. winta 'ventilabrum', ags. windwian 
'ventiläre' usw. (s. § 43); ht. vetau, vetyti 
'Getreide worfeln' ; serb. vijati 'worfeln', 
poln. wiejaczka 'Worfelschaufel' (Walde 
EWb. SV. vannus). Ob das von den Indo- 
germanen zum Reinigen des Getreides be- 
nutzte Gerät eine Worfelschaufel oder eine 
Schwinge war, läßt sich nicht sicher ent- 
scheiden; aber wahrscheinlich ist das 
Schwingen als das langwierigere und primi- 
tivere Verfahren das ältere. Darauf weist 
auch eine andere hierher gehörige urzeit- 
liche Gleichung hin: gr. vsixXov (neben 
Xsixvov, Xixvov) 'Getreideschwinge'; lit. 
ne'köju, lett. nekdt 'Getreide in einer Mulde 
schwingen' (Prellwitz EWb. unt. Xr/jxos; 
Schrader Sprachvgl. u. Urgesch.3 II 203). 

§ II. Für die Spreu bestehen zwei 
alte idg. Ausdrücke; der eine ist: lit. 
pelai pl., preuß. pelwo; akslav. pleva, russ. 
peleva, polöva] ahd. spelta, spelza; lat. 
palea; aind. palävas, alle 'Spreu' be- 
deutend, aber urspr. vielleicht die ab- 
splitternden Ährchen der Gerste und 
Spelzweizen. Eine zweite Gleichung ist 
griech. clyyr^, got. ahana f., ahd. agana f. 
mit Grdbd. 'Granne', wie alat. agna (aus 
*acna) 'Ähre' und andere wurzelver- 
wandte Bezeichnungen für Grannen 
und Ähren zeigen: \2it. acus {gen. aceris) 
'Granne, Spreu'; got. ahs n. (g. ahsis), 
ae. ear aus *ahur, ahd. ehir, ahir n. (germ. 
*ahuz, ahs); ferner lit. akütas 'Granne'. — 
Für Korn gilt das gemeineurop. Wort: got. 
kaum, anord. ags. ahd. nhd. kornn.; preuß. 
syrne; akslav. zriino] lat. gränum; ir. grän. 

§ 12. Die altertümlichste Methode zur 
Zubereitung des Korns als Nahrungsmittel 
war wohl das Rösten auf Steinen. Es 
war schon in der Steinzeit übhch. In der 



von Chwoiko ausgegrabenen neolithischen 
Ansiedlung am mittleren Dniepr fanden 
sich ganze Schichten gerösteter Weizen - 
körner (Bericht b. Schrader Sprachvgl. 
u. Urgesch. ^11 187); auch die in der neo- 
lithischen Station Butmir bei Sarajevo 
in Bosnien gefundenen verkohlten Weizen - 
und Gerstenkörner waren augenscheinlich 
langsam geröstet (C. Schröter bei Ra- 
dimsky u. Hoernes, Die neolith. Station 
V. Butmir I 39 f., Wien 1895). Die Be- 
deutung, die das Rösten des Getreides 
im Leben und namentlich im Kultus 
der klassischen Völker noch in späterer 
Zeit hatte, und das hohe Alter, das diesem 
Brauch nach der volkstümlichen Über- 
lieferung zukam, lehren uns, daß er auch 
den Indogermanen wohlbekannt war. 
IJsibus admoniti flammis torrenda dederunt 
[farra), sagt Ovid (Fast. II 521), und der 
römische Volksglaube führte die Ein- 
bürgerung des Getreideröstens auf Numa 
zurück : Numa instituit .... far torrere^ 
quoniam tostum ciho saluhrius esset] .... 
statuendo non esse purum ad rem divinam 
nisi tostum (Plinius Nat. Hist. 18, 7). 

Der Grund des Röstens war übrigens 
nicht nur, daß das Korn dadurch als 
Speise angenehmer und verdaulicher wurde : 
bei Getreidearten wie Gerste und Spelz- 
weizen, wo die Körner fest in den Hülsen 
haften, war es gleichzeitig ein Mittel zur 
leichteren Loslösung derselben aus den 
Spelzen. Daher kommt es, daß das Rösten 
bei den Griechen und Römern später vor- 
nehmlich, wenn nicht ausschließlich, bei 
Gerste und Spelz üblich war. 

§ 13. Das älteste Verfahren, die Ge- 
treidekörner zur weiteren Verwendung in 
Mehl zu verwandeln, war vielleicht das 
Zerstampfen im hölzernen Mörser 
(Meringer WuS. i, 165). Daß es von den 
Indogermanen allgemein geübt wurde, 
ergibt sich aus der überaus verbreiteten 
uridg. Gleichung: gr. Triiaaü) 'stampfe, 
schrote', iixtcfav/j 'enthülste Gerste'; lat. 
pinso 'zerstoße, zerstampfe', pistus 'zer- 
stampft', pistor 'Müller, Bäcker'; anord. 
fis, ahd. fesa 'Spreu, Spelze, Veese'; 
akslav. ptsq 'stoße', piseno 'Mehl' — aind. 
pindsti 'zerreibt, zerstampft', pistäs 'ge- 
mahlen', pistdm n. 'Mehl'; avest. püant- 
adj. 'zerstoßend', pistra- m. 'Mehl' (eig. 



ACKERBAU 



21 



'Ausgequetschtes'), npers. päm. />w7 'Mehr. 
Die römische Überheferung erinnert sich 
noch einer grauen Vorzeit, wo man den 
Gebrauch der Mühlen nicht kannte und 
das Korn im Mörser zerstampfte: quia 
apud maiores nostros molarum usus non 
erat, frumenta torrehant et ea in pilas 
7nissa pinsebant, et hoc erat genus molendi, 
unde et pinsitores dicti sunt, qui nunc 
pistores vocantur (Servius ad Aen. I 179). 
Weiteres in der grundlegenden Abhand- 
lung von M e r i n g e r Die Werkzeuge 
der pinsere- Reihe u. ihre Namen (WuS. i, 
3 ff.; 1909); vgl. auch 'Mühle' § 6. 

§ 14. Außer dem Zerstampfen der Ge- 
treidekörner kannten die Indogermanen 
aber auch schon das Mahlen mittels 
eines Mühlsteins. Die hierher gehörige 
Wortreihe ist allerdings nur den europ. 
Sprachen und dem Armenischen gemein, 
wegen ihrer weiten Verbreitung, ungemein 
reichen Entfaltung und wegen des Ablauts 
aber sicher uridg. : gr. {jluXyj 'Mühle', 
jxüXXüi 'zerreibe, zermahle, mahle'; lat. 
TYiolere 'mahlen', mola 'Mühlstein'; ir. 
TYielim, kymr. ma/u 'mahle' ; got. ahd. malan, 
aisl. mala 'mahlen', ahd. as. meto, aisl. 
mj(?l 'Mehl'; lit. malü, mdlti 'mahlen'; 
akslav. meljq 'mahle'; alb. miel 'Mehl'; 
armen, malern 'zerstoße'. Die sprachlichen 
Zeugnisse finden wiederum ihren Rück- 
halt an den archäologischen: Mahlsteine 
sind in einem großen Teil Europas schon 
aus neolithischer Zeit nachgewiesen. 

§ 15. Noch eine andre gemeinidg. Reihe 
sei hierher gestellt, deren Grundbedeutung 
vielleicht speziell 'Handmühle' war: got. 
-qairnus, anord. kvern, ae. cwyrn, afries. 
as. quem, ahd. quirn 'Handmühle'; air. 
hrö (gen. hrön) 'Mühlstein, Handmühle', 
nkymr. breuan 'Handmühle', körn, brou 
'Mühlstein'; lit. glrna dss.; akslav. zrüny 
'Mühle', nslov. zrniti 'mit der Handmühle 
mahlen'; armen, erkan 'Mühlstein, Hand- 
mühle'; aind. grävä m. 'Stein zum Aus- 
pressen des Somasaftes' (Brugmann Grund- 
riß I S. 327. 606). 

§ 16. Das durch Stampfen oder Mahlen 
gewonnene Mehl wurde dann gesiebt. 
Auch das Sieb gehört zum Inventar des 
idg. Haushalts: lat. cribrum 'Sieb'; ir. 
criathar, akymr. cruitr, körn, croider, bret. 
croezr *Sieb'; ags. hrid[d)er 'grobes Sieb', 



ahd. ritera; vgl. 'Sieb'. Die gerösteten 
und gestoßenen Gerste- und Spelzkörner 
wurden wohl auch durch Sieben von den 
Spelzen gesäubert. 

§ 17. Daß die Indogermanen aus Mehl 
bereits B r o t zu backen verstanden, wird 
durch die idg. Gleichungen lit. duna 
'Brot', aind. dhänds f. pl. 'Getreidekörner' 
avest. dänav- f. 'Getreidekorn', mpers 
dän, npers. däna 'Korn'; ahd. fiado m 
'breiter Kuchen', nhd. fladen, ndl. vlade 
me. fläthe 'Fladen' und gr. irXaUavov 'Ku 
chenbrett'; lat. libum 'Kuchen, Fladen 
(aus *sklibhom) und got. hlaifs, ags. hläf. 
ahd. hleib, nhd. laib 'Brot', mhd. lebe 
kuoche 'Lebkuchen' bewiesen, wobei wieder 
die archäologische Tatsache von Bedeutung 
ist, daß es in den Schweizer Pfahlbauten 
der Steinzeit schon drei Brotarten gab: 
am häufigsten findet sich ein Weizenbrot 
mit stark zerriebenen Körnern; daneben 
begegnet eine gröbere Sorte Weizenbrot, 
bei der die Körner fast alle ganz geblieben 
sind; endlich ein Hirsebrot mit Beimischung 
einzelner Weizenkörner und Leinsamen 
(Heer Pflanz, d. Pfahlb. 9. Hoops Waldb. 
u. Kulturpfl. 296). Über die Zubereitung 
des Brotes in der Urzeit s. Art. 'Brot', 
ferner Hirt Indogm. 295 f. 662; Schrader 
Sprachvgl. u. Urgesch. 3 II 245. 

§ 18. Die Zahl der von den Indoger- 
manen und von den Germanen in vor- 
römischer Zeit gebauten Kultur- 
pflanzen war schon eine ziemlich be- 
trächtliche. Sie kannten nicht nur die 
wichtigsten Getreide: Gerste, Weizen, 
Hirse, Hafer, sondern bauten auch eine 
Anzahl Gemüse wie Bohne, Erbse, Rübe, 
Lauch und Kürbis, hatten als Gespinst- 
pflanze den Flachs, als Ölpflanze den Mohn 
und waren sogar mit den ersten Anfängen 
der Obstkultur vertraut. Das Weitere s. 
unt. 'Kulturpflanzen'. Das dort Gesagte 
bestätigt durchaus den Eindruck, den wir 
aus der obigen Zusammenstellung tech- 
nischer Ackerbaugleichungen der Indo- 
germanen gewinnen: daß der Landbau 
schon in der Zeit des engeren Zusammen- 
lebens der idg. Völker eine nicht geringe 
Rolle für die Volksernährung gespielt 
haben muß. 

Hoops Waldb. u. Kidiurpfl. 283 — 482 (1905), 
mit ausführlichen Literaturangaben, Hirt 



22 



ACKERBAU 



Indogm. 272—281 (1905); 650—656 (1907). 
Schrader Sprachvgl. u. Urgesch. 3 II 185 bis 
216 (1907). 

B. R ö m e r z e i t, § 19. Mit einem 
voll entwickelten Ackerbau 
treten so die Germanen in die Geschichte 
ein, und es ist nach den vorstehenden 
Ausführungen völlig unhaltbar, wenn man 
in neueren historischen, wirtschaftsge- 
schichtHchen und sogar pflanzengeschicht- 
lichen Werken immer noch die Ansicht 
ausgesprochen findet, daß die Germanen 
vor ihrem Bekanntwerden mit den Rö- 
mern über die ersten Anfänge des Acker- 
baus nicht hinaus gekommen wären, daß 
sie noch zu Plinius' Zeit vornehmlich nur 
Hafer und vielleicht etwas Gerste gebaut 
und Haferbrot gegessen hätten, daß Rog- 
gen und Weizen und sämtliche Gemüse 
erst durch die Römer oder gar erst zur 
Karolingerzeit von GaUien aus in Deutsch- 
land eingebürgert seien! (Vgl. Hoops 
Waldb. u. Kulturpfl. 482.) Die überein- 
stimmenden Ergebnisse der Archäologie 
und Sprachwissenschaft haben uns viel- 
mehr gezeigt, daß der Ackerbau in ganz 
Mittel- und Nordeuropa zu Beginn unsrer 
Zeitrechnung bereits eine zwei- bis drei- 
tausendjährige Entwicklung hinter sich 
hatte. 

§ 20. Die bedeutsame Rolle, die der 
Landbau im Wirtschaftsleben der Ger- 
manen spielte, wird durch nichts schlagen- 
der bewiesen als durch die Bevölkerungs- 
zahl, die trotz aller Übertreibungen von 
Seiten der römischen Schriftsteller doch 
geradezu unerschöpflich war. Hätte sonst 
wohl ein verhältnismäßig kleiner Teil der 
Germanen — denn die große Masse blieb 
doch in der Heimat sitzen — das römische 
Weltreich über den Haufen rennen können } 
Selbst bei der minimalsten Schätzung war 
die Bevölkerung Germaniens jedenfalls so 
groß, daß schon ein beträchtlicher Acker- 
baubetrieb als Unterlage zu ihrer Erhaltung 
vorausgesetzt werden muß. Doch wäre es 
anderseits verfehlt, wenn man sich die 
Germanen als ausgesprochene Ackerbau - 
Völker vorstellen wollte; die Viehzucht 
nahm zur Zeit ihres Zusammentreffens mit 
den Römern noch die erste Stelle in ihrem 
wirtschaftlichen Leben ein. Es waren wohl 
ähnliche Wirtschaftsverhältnisse wie auf 



den nordamerikanischen Ranchos oder 
bei den viehzuchttreibenden Buren Süd- 
afrikas, wenn man moderne Betriebe mit 
den technisch primitiveren der Vorzeit 
überhaupt vergleichen darf. 

§ 21. Die verhältnismäßig hohe Be- 
deutung, die der Ackerbau der Germanen 
schon bei ihrer ersten Berührung mit den 
Römern für die Volksernährung hatte, geht 
auch aus den Zeugnissen der Alten klar 
genug hervor. Bei den Auswanderungen 
germanischer Stämme handelt es sich im- 
mer um die Erwerbung neuer Wohnsitze 
und fruchtbarer Ackergründe. Sedem et 
agros, in quihus considerent verlangten 
die Gesandten der Cimbern vom römischen 
Senat (Livius 65 Periocha); Ariovist 
forderte von den Sequanern ein Drittel 
und später ein zweites Drittel ihres Acker- 
landes für seine Sveben (Caesar BG. i, 
31); die Usipeter und Tencterer zogen über 
den Rhein, weil sie durch kriegerische 
Einfälle der Sveben mehrere Jahre hin- 
durch am Ackerbau verhindert worden 
waren (BG. 4, i); und als die Friesen sich 
der Niederlande an der Rheinmündung 
bemächtigt hatten, war es ihr erstes, daß 
sie den Boden bestellten: Jamque fixerant 
domos, semina arvis intulerant utque pa- 
trium solum exercehant (Tacitus Ann. 13, 
54). Auch die unruhigen, kriegslustigen 
Sveben, die nach Caesars Aussage nur 
zum kleineren Teil von Getreide lebten, 
konnten doch des Ackerbaus nicht ganz 
entbehren und ließen jeweils einen Teil 
ihres Volkes zur Bestellung der Felder 
daheim, während der andre in den Krieg 
zog (BG. 4, i). Wenn Caesar (BG. 6, 22) 
von den Germanen sagt: agriculturae non 
Student, so heißt das demnach sicher nicht 
'mit Ackerbau beschäftigen sie sich nicht', 
wie es wiederholt irrtümlich übersetzt 
worden ist, sondern 'auf Ackerbau legen 
sie keinen Wert'. (Vgl. Hoops Waldb. u. 
Kulturpfl. 485 f. Weitere antike Zeugnisse 
bei Matth. Much in seinem Aufsatz 
Über den Ackerhau der Germanen, Mitt. d. 
Anthrop. Ges. Wien 8, 220 ff.; 1879.) 

§ 22. Gewichtiges Beweismaterial für 
den Stand des german. Ackerbaus zur 
Römerzeit liefert uns ferner die Sprach- 
wissenschaft. Sie lehrt uns, daß die Namen 
der Getreidearten sämtlich uralt germani- 



ACKERBAU 



23 



sches, zum Teil schon indogermanisches 
Sprachgut sind, daß die Germanen keinen 
einzigen Getreidenamen von den Römern 
entlehnten, weil diese ihnen keine neuen 
Sorten zu bieten vermochten. Während 
von den Germanen schon in vorrömischer 
Zeit Weizen, verschiedene Spelzarten, 
Gerste, Hirse, Hafer und Roggen gebaut 
wurden, sind Hafer und Roggen den Rö- 
mern erst durch ihre Berührung mit den 
Nordvölkern bekannt geworden. Auch 
in technischer Beziehung konnten die 
Germanen von den Römern wenig lernen. 
Wir wissen, daß sie schon zu Plinius' Zeit 
neben dem alten indogerman. Hakenpflug 
einen voUkommneren schweren Räderpflug 
mit zweischneidiger breiter Schar kannten, 
die den Boden nicht nur auflockerte, 
sondern zugleich umwandte, einen Pflug, 
wie ihn die Römer damals noch nicht be- 
saßen, der nur auf altem Kulturboden 
brauchbar ist. (Näheres unter 'Pflug'.) 

Auch eine Reihe der nahrhaftesten Ge- 
müsearten: Erbse, Bohne, Lauch, Möhre, 
Rübe, Kürbis, sowie der Mohn und die 
wichtigsten Pflanzen der Technik: Flachs, 
Hanf und Waid waren entweder allen oder 
wenigstens den Südgermanen längst vor 
Ankunft der Römer bekannt (vgl. oben 18 
u. 'Kulturpflanzen'). 

§ 23. Aber was den Germanen fehlte, 
und was sie von den Römern lernten, das 
war der feinere Gartenbau (s. d.). 
Nee enim cum uh er täte et amplitudine soll 
labore contendunt, ut pomaria conserant 
et prata separent aut hortos rigent: sola 
terrae seges imperatur^ sagt Tacitus (Germ. 
26). Die Gemüse wurden wohl wie Flachs 
und Hanf und die Getreide nur feldmäßig 
gebaut, wie es noch heute vielfach ge- 
schieht. Die ersten Ansätze zum Garten 
freilich waren bei den Germanen gewiß 
schon vor der Römerzeit vorhanden: 
das Wort Garten selbst (got. gards, anord. 
gar^r^ ags. geard, afries. garda, as. gard 
und gardo, ahd. garto) ist nicht, wie Grad- 
mann (Der Getreidebau im deutschen u. 
röm. Altert. 103; 1909) annimmt, ein altes 
Lehnwort aus lat. hortus, sondern mit 
diesem und griech. /opTO? 'Gehege, Hof, 
air. gort 'Saat' urverwandt (s. Agrarver- 
fassung 4). Es bedeutet einen umzäunten 
Hof, der das Haus umgibt: suam quisque 



domum s p ati circumdat, sagt Tacitus 
an andrer Stelle (Germ. 16). Aber dieser 
urgerman. ,, Garten" war wohl in erster 
Linie ein umhegter Viehhof, in dem nur 
nebenher auch Küchengewächse und Apfel- 
bäume gepflanzt sein mögen. Eine ratio- 
nelle Gartenkultur fehlte den Germanen; 
diese verdanken sie den Römern. 

§ 24. Daher kommt es, daß im Gegen- 
satz zu den Getreidearten so viele unsrer 
Küchengewächse lateinische Na- 
men führen: Gemüse wie Kohl, Zwiebel, 
Rettich, Spargel, Gurke, Lattich; Gewürze 
wie Fenchel, Kümmel, Petersilie; ferner 
alte Zierpflanzen wie Rose und 
Lilie. Die Kultur aller dieser Pflanzen 
ist erst durch die Römer nach dem Norden 
gebracht worden (s. 'Kulturpflanzen'). 

§ 25. Ganz römisch ist ferner — vom 
Apfelbau abgesehen — der Obstbau der 
Germanen (s. d.). Die Namen fast sämt- 
licher Obstarten sind aus dem Lateinischen 
entlehnt: Birne, Pflaume, Zwetsche, Kir- 
sche, Pfirsich, Aprikose, Quitte, Kastanie, 
Maulbeere, Mandel; auch der Name Wal- 
nuß, welsche Nuß, weist auf den Süden. 
Und die Ausdrücke für die Veredelung 
der Bäume, wie impfen, propfen usw., 
gehen ebenfalls aufs Latein zurück. 

§ 26. Der Einfluß der Römer auf die 
Entwicklung des germanischen Obst- und 
Gartenbaus ist deshalb ein geradezu grund- 
legender gewesen. Seine weitere Aus- 
breitung in den Ländern des Nordens war 
vor allem ein Werk der Mönche, die mit 
dem Christentum zugleich die südlichen 
Küchengewächse und Obstarten im Norden 
einbürgerten. Dann trat ein Stillstand ein: 
der Bestand der Küchen-, Obst- und Zier- 
gärten in den mittel- und nordeuropäischen 
Ländern ist von den Römerzeiten bis zum 
Ende des Mittelalters in der Hauptsache 
der gleiche geblieben. 

H o o p s Waldb. u. Kultur pß. 483 — 565 (1905) 
mit ausführlicher Literatur. Grad mann 
Der Getreidebau im deutschen u. röm. Altertum. 
Jena 1909. 

C. Frühmittelalter. I. Süden. 
§ 27. Als in den Stürmen der Völker- 
wanderung die germanischen Stämme in 
ihre späteren historischen Sitze eingerückt 
waren, der ewige Kriegszustand aufhörte 



24 



ACKERBAU 



und sich fester gefügte staatliche, recht- 
liche und wirtschaftUche Verhältnisse her- 
auszubilden begannen, mußte der Ackerbau 
immer mehr an Bedeutung gewinnen und 
Technik und Betrieb sich vervollkommnen. 
Aus den Zeiten der Völkerwanderung selbst 
fehlt es fast vollständig an Nachrichten 
über die Entwicklung des Ackerbaus. Von 
der Merowingerzeit an aber mehren sich 
die Zeugnisse rasch, und seit Beginn der 
literarischen Überlieferung in den Landes- 
sprachen tritt uns bei allen germanischen 
Stämmen eine reich entfaltete Ackerbau- 
Terminologie entgegen, die zum großen 
Teil in die urgermanische Periode zurück- 
reicht und so zugleich von dem Stand des 
germanischen Landbaus vor der Römerzeit 
weiteres Zeugnis ablegt. 

§ 28. Für das bebaute Land 
herrscht in allen germ. Sprachen die uralte 
idg. Sippe von nhd. Acker: ahd. ackar, as. 
akkar, afries. ekker, ags. cecer^ anord. akr, 
got. akrs^ urgerm. ^akraz m. = idg. 
*agYos m. : lat. ager^ gr. aypo? Acker', aind. 
djras m. 'Flur, Gefilde'. Auch die Sippen 
von nhd. Feld und Land werden vielfach 
schon in älterer Zeit im Sinne von Acker- 
feld, Ackerland' gebraucht. 

§ 29. Für das ,, Bestellen" des 
Ackers scheint es an einem allgemeinen 
Ausdruck im Sinne des lat. colere aus 
älterer Zeit zu fehlen. Auf dem hoch- und 
niederdeutschen Sprachgebiet ist die noch 
heute im Deutschen allgemein übliche 
Bezeichnung hauen, Bau (in Ackerhau, 
Landhau, den Acker bauen usw.) schon in 
frühma. Zeit belegbar: as. hilland 'bebautes 
Land, Feld' (Heliand), ahd. püennis 'rusti- 
candi' (Notker), zu hüan 'bauen'. Es kehrt 
auch im Altnordischen wieder, hier aller- 
dings in etwas generellerer Bedeutung: 
bi7 n. 'Landwirtschaft', hüandi, böndi, 
bü-karl, -pegn 'Landwirt'. Englisch und 
Friesisch haben die gemeinsameBezeichnung 
ags. tüian (ne. tili) 'ackern', tilp, tüing f. 
'Ertrag des Landbaus, Feldfrüchte, Ernte', 
eorptiip 'agricultura' (yElfrics Colloqu., 
WW. 99, 27); afries. tilaih dass. Der 
Landwirt, Ackerbauer heißt ags. tilia^ 
eorp-tiUa oder cecerman. 

§ 30. Das landwirtschaftliche B e - 
triebssystem der Germanen zur Zeit 
des Tacitus war die wilde Feldgraswirt- 



schaft, wobei die Markgenossenschaft als 
ganze auf ihrer Feldmark einen Wechsel 
zwischen Ackerland und Weide mit lang- 
jährigem Turnus einhielt, während die 
einzelnen Bebauer auf ihren Ackeranteilen 
alljährlich ein frisches Stück Brachland 
unter den Pflug nahmen (s. Agrarverfas- 
sung 17 — 19). Als in späterer Zeit das Ge- 
samteigentum der Markgenossenschaft an 
der Ackerflur durch das Sondereigentum 
der einzelnen ersetzt wurde (Agrarverfas- 
sung 24) und die Zunahme der Bevölkerung 
den Grund und Boden wertvoller machte, 
ging die wilde Feldgraswirtschaft allmäh- 
lich in eine geregelte Felderwirtschaft über. 
Sie erscheint seit der Karolingerzeit vor- 
nehmlich in der Form der Dreifelder- 
wirtschaft, die ich zuerst in einer 
Urkunde von 765 belegt finde (bei GrafI 
III 268: in mense iunio hrachare idterum), 
dann 771 (nach Haussen Agrarhist. Abh. I 
154), und die seitdem häufig bezeugt ist, 
aber in ihren Anfängen wohl weiter zurück- 
reicht. Sie beruht auf dem Wechsel von 
Winterfrucht, Sommerfrucht und Brache, 
der sich frühzeitig als besonders zweck- 
mäßig erwies, so daß diese Betriebsform 
sich bis ins 19. Jh. der allgemeinsten Ver- 
breitung erfreut hat. 

§ 31. Für die drei Abteilungen der Flur 
fehlen alte Namen, was dafür spricht, daß 
die Dreifelderwirtschaft sich erst nach der 
Völkerwanderung ausgebildet hat. In Ober- 
deutschland erscheint dafür ahd. zelga, 
mhd. zeige, dazu heute dial. in der Oberpfalz 
zeigen, zeichen 'den Boden bestellen' (Heyne 
Hausaltert. II ii f.). Das Brachfeld 
wurde in der Regel bis in den Juni als 
Viehweide benutzt, daher anord. trQd' f. 
(zu troda 'treten'), mhd. trat; um Johanni 
wurde es dann umgebrochen (mhd. valgen, 
velgen und ahd. brächön, pp. gibrächöt, mhd. 
brächen), daher der Ausdruck ahd. brach- 
y^// 'intermissio' (Steinm.-Siev. III 407, 27) 
für das brachliegende Land und der Name 
brächmänöth für den Juni, den schon Ein- 
hard (Vita Car. 29) erwähnt. Im Ags. heißt 
das Brachfeld fealh f. (plur. fealga) oder 
fcelging, fylging, me. falghe, falwe, ne. fal- 
low; für das Umbrechen des Landes gilt 
dasVerbum 2ie. fealgian oder fcslgan, fylgan, 
das Subst. landbr^ce. Im umgebrochenen 
Zustand blieb das Land dann mehrere 



ACKERBAU 



25 



Monate liegen, um im Herbst noch einmal 
für die Wintersaat gepflügt zu werden. 

§ 32. Der Acker wurde bei den west- 
germanischen, wenn nicht bei allen german. 
Völkern schon zur Römerzeit mit Mist 
gedüngt. Wir haben nicht nur in sämt- 
lichen germ. Sprachen eine äußerst reich- 
haltige Menge von Ausdrücken für Mist, 
Misthaufen, Jauche, die zum Teil aus idg. 
oder germ. Urzeit stammen, sondern einer 
derselben, dung^ hat in den westgerm. 
Sprachen schon vor ihrer Trennung be- 
stimmt die engere Bedeutung 'Düngmittel' 
angenommen. (Näheres unter 'Düngung'.) 

Außer der jährlichen Düngung mit Mist 
kannten die niederrheinischen Germanen zur 
Römerzeit schon ein eingreifenderes, dem 
Kuhlen unsrer Marschbauern ähnliches 
Verfahren der Bodenverbesserung, wobei die 
Erde in einer Tiefe von über drei Fuß 
unter der Oberfläche ausgegraben und da- 
mit der Acker einen Fuß hoch bedeckt 
wurde, eine mühevolle Art der Düngung, 
die etwa zehn Jahre lang vorhielt (s. Dün- 
gung 3). Ob diese Methode oder vielleicht 
das Mergeln, das in Frankreich schon in 
vorrömischer Zeit von den Kelten gepflegt 
wurde, und das hier bis in die fränkische 
Zeit hinein üblich blieb, bei den german. 
Völkern auch im MA. angewandt wurde, 
erfahren wir nicht. 

§ 33. Das Umbrechen des Ackers und 
Unterbringen des Düngers geschah nor- 
malerweise mit dem Pflug, von dem 
mindestens zwei Arten in Gebrauch waren : 
der leichtere Hakenpflug, namentlich auf 
steinigem und wurzelreichem Boden ver- 
wandt, und der schwerere Pflug mit Räder- 
gestell und breiter, das Erdreich nicht bloß 
aufreißender, sondern zugleich wendender 
Schar, der nur auf altem Kulturboden 
brauchbar ist (oben § 4 u. 22). Über beider 
Formen und Namen s. 'Pflug'. Der Pflug 
wurde von einem oder zwei Gespann Ochsen 
mit dem Joch (ahd. joh, ags. geoc) auf 
der Stirn gezogen. Zur Bedienung dienten 
zwei Mann: der Pflüger [arator, ags. yrßing), 
meist wohl ein Knecht, der den Pflugsterz 
handhabte (lat. stivarius, ags. sulhhrcbbere), 
und der Treiber, gewöhnlich ein Knabe, der 
mit einem langen Stachelstock (ahd. gart 
m., ags. gäd f., gädtsen n.) die Tiere antrieb. 
(S. die Abb. aus dem ags. Kalendarium 



des II. Jhs., Taf. 1,1.) Für die Handhabung 
des Pflugs begegnen im Ags. die Ausdrücke 
wegan 'bewegen' und ßyn 'drücken' (Rätsel 
22, 5). Das Antreiben der Zugochsen hieß 
ahd. trihan (Graff 5, 48 1 'minari), and. 
dridan (Gallee Vorstud. 417 'minare'), ags. 
dri/an; daneben ahd. menno 'mino', menita 
'minavit' (Graff 2, 771), Lehnwort aus afrz. 
mener, it. menare^ lat. minare 'durch 
Schreien und Prügeln antreiben, besonders 
das Vieh'. Eine lebhafte Schilderung von 
seinem harten Tagewerk entwirft der un- 
freie Ackerknecht in ^Ifrics Colloquium 
(WW. 90): wie er bei Tagesanbruch in 
jedem Wetter hinaus muß, wie er die 
Ochsen aufs Feld treiben und vor den Pflug 
spannen, Schar und Sech am Pflug be- 
festigen und dann mit Hilfe eines Knaben, 
der mit dem Stachelstock die Ochsen an- 
spornt und vor Kälte und Schreien ebenso 
heiser ist wie er selbst, den ganzen Tag über 
einen vollen Acker oder mehr umpflügen 
muß. 

§ 34. Zum Zerkleinern, Auflockern, Ver- 
mischen und Ebnen des vom Pfluge um- 
gebrochenen Bodens, zur Zerstörung der 
Unkräuter und zur Unterbringung der 
Saat diente die schon aus der idg. Urzeit 
stammende Egge (s. d. und oben §6), die 
im MA. vielfach dreieckig gewesen zu sein 
scheint und mit eisernen Zähnen versehen 
war. Die westgerm. Sprachen haben den 
alten idg. Namen bewahrt: ahd. egida f., 
and. egitha, egida st. sw. f., awfries. eyde, 
ags. egeße, egße swf . ; die nordischen haben 
eine andere Benennung: 3,novd. har fr, herfi, 
dän. harv, schwed. harf sb., harfva vb. 

§ 35. Der Sämann (got. saiands, sai- 
jands, anord. säd'-madr, ags. scedere, säwere^ 
säwend, ahd. säio, sääri) trug, wie noch 
heute, einen Sack oder ein Tuch (s. Abb. z. 
'Pflug'), aus dem er die Saat (got. -seßs f., 
anord. 5ä^, 5^^z n., ags. s^d n., as. sädn., 
ahd. sät f.) aufs Feld streute. Das Säen 
heißt ags. scewet n. 

Die Saatzeit (anord. säd'-tid', -timiy 
ags. s^d-tima m. oder sco tid d'ces s^wetes) 
war in Deutschland und England für die 
Winterfrucht der September oder Oktober, 
für die Sommerfrucht der März (Heyne 
Hausaltert, H 47, A 95). In nassen Jahren 
konnte die Wintersaat in manchen Gegen- 
den infolge von Regengüssen und Über- 



26 



ACKERBAU 



schwemmungen überhaupt nicht vorge- 
nommen werden, sondern man mußte die 
Aussaat bis zum Frühjahr verschieben. So 
heißt es in Einhards Annalen z. J. 820 
(MGS. I, 207): In quibusdam vero locis 
de iniindatione fluminum, aquis in piano 
stagnantibus , autumnalis satio ita impedita 
est, ut paenitus nihil frugum ante verni 
temperiem seminaretur. Und ähnlich 
schlimm lautet der Bericht fürs folgende 
Jahr 821 (ib. 208) : Autumnalis satio iugitate 
pluviarum in quibusdam locis impedita est. 

§ 2)^, Auf Dorffluren mit Gemenglage 
wurde die Bestellung der Äcker wegen 
Mangels an Zufahrten zu den einzelnen 
Ackerparzellen und des damit zusammen- 
hängenden Flurzwangs (s. d.) von sämt- 
lichen Markgenossen gleichzeitig vorge- 
nommen. Wer nach Aufgehen der Saat 
noch eine Egge über das Ackerland eines 
andern schleppte oder mit einem Wagen 
darüber fuhr, wurde nach der Lex Salica 
34, 2 wie nach der Lex Ribuaria 44 (MGLeg. 
5, 235) mit einer beträchtlichen Geldbuße 
bestraft. 

§ 2)7' Die Feldfrucht heißt ags. 
wccstm, dazu wccstmian 'Früchte tragen', 
wcestmb^re 'fruchtbar' ua. ; ein Mißwachs 
ist unwccstm. 

§ 38. Für die Ernte gibt es in den alt- 
germ. Sprachen drei bis vier Benennungen: 
I. got. asans f., ahd. aran, am, mhd. erne f., 
mnd. am, arne, erne f., ags. -ern; dazu das 
Verbum ahd. as. amön 'ernten' ; 2. as. beo, 
bewod n., afries. be, zu büan 'bauen'; 3. ags. 
gerip n., dazu vb. ripan 'ernten'. Auch ahd. 
herbist m., ags. heerfest m., anord. haust n. 
'Herbst' scheint ursprünglich 'Ernte' be- 
deutet zu haben (zu lat. carpere 'pflücken', 
gr. xapTTo? 'Frucht'). Die Ernte fand im 
August statt, der daher seit alten Zeiten 
als 'Erntemonat' bezeichnet wird: ahd. 
Aranmänöth schon bei Einhart (V. Car. 29), 
ags. Rugern 'Roggenernte'. 

§ 39. Das Getreide wurde in altgerm. 
Zeit nicht mit der Sense gemäht, sondern, 
wie in der idg. Urzeit (oben § 8), mit der 
Sichel (s.d.) geschnitten. Dabei wurden 
die Halme, wie auf den Abbildungen Taf. I, 
Nr. 2. 4 (vgl. auch Heyne Hausaltert. II 
Fig. 11) deutlich zu erkennen ist, unterhalb 
der Ähren in Büscheln gepackt und etwa in 
halber Höhe abgeschnitten, so daß lange 



Stoppeln stehen blieben. Die Sense (s. d.) 
war dem Grasschnitt vorbehalten. Die ge- 
schnittenen Kornbüschel wurden vom 
Schnitter hinter sich auf den Boden gelegt, 
um dann entweder in Garben zusammen- 
gebunden (Heyne II Fig. 1 1) oder in größeren 
ungebundenen Schwaden (Taf. I, 2) mittels 
einer Gabel auf den Wagen verladen zu 
werden. Das mit der Hand zusammen- 
geraffte und geschnittene Kornbüschel hieß 
ursprünglich ahd. garba, and. garda f., 
eigtl. 'Handvoll', glossiert 'manipulus' (zur 
Wz. von nhd. grapsen, ne. grabble 'raffen, 
ergreifen'), die aus den Büscheln zusammen- 
gestellte Garbe hieß ahd. scoub m., and. 
sköf m., ags. sceaf m., anord. skauf n. 
Aber schon in ahd. Zeit nahm garha die 
Bedeutung 'Garbe' an (Steinm. -Siev. III 
280, 15 manipulus, colligatura: garba) und 
verdrängte scoub, das sich auf die Bedeu- 
tung 'Strohbund, -wisch, Bündel' be- 
schränken mußte (mhd. schoup nur noch 
so), während für das geschnittene Büschel 
der Ausdruck ahd. sicheling aufkam, der 
aber auch bald im Sinne von 'Garbe' ge- 
braucht wurde (Steinm. -Siev. III 200, 50 
manipulus: garba vel sicheling] s. auch 
Heyne Hausaltert. II 52 f.). 

§ 40. Das Schneiden und Einbringen des 
Getreides wurde, wie die Bestellung des 
Landes (§ 36), auf Dorffluren mit Gemeng- 
lage von der ganzen Markgenossenschaft 
gleichzeitig besorgt; ob dabei jeder für sich 
erntete, wie es heute in Gegenden, wo noch 
Flurzwang herrscht, meist geschieht, oder 
ob das Schneiden des Korns auf der ganzen 
Feldmark von der Markgenossenschaft ge- 
meinsam vorgenommen wurde, so daß alle 
für einen und einer für alle arbeiteten, ist 
nicht sicher; die beiden ags. Miniaturen 
Taf. I, 2 u. Heyne II Fig. 1 1 scheinen für ge- 
meinsame Ernte zu sprechen, wenn dabei 
nicht an ein Herrengut gedacht ist. Das Ein - 
fahren des Korns besorgte aber wohl jeder 
für sich, wozu man in den meisten Gegenden 
sich eines zweirädrigen Wagens (lat. carrus) 
bediente; so bei den Angelsachsen nach dem 
Zeugnis von Taf. i, 2; vgl. auch Lex Sal. 27, 
8; 34, 2 und Lamprecht DWL. I 9, A. 5; 
doch wird LSal. 34,2 Cod. 3 und LRib. 44 
neben dem zweirädrigen auch der vier- 
rädrige Wagen [carruca) in Verbindung mit 
dem Ackerbau erwähnt. 



Tafel 1. 






Ackerbau. 

I. Angelsächsischer Räderpflug mit Pflüger, Treiber und Sämann, Aus dem ags. Kalendarium 
Cotton Tiberius B V im Brit. Museum. Originalpliotographie. — 2. Getreideernte. Ebendaher. 

Originalphotographie. — 3. Dresclien und Sieben des Getreides. Ebendaher. Originalphotographie. 

4. Getreideernte. Aus dem Utrechter Psalter. Nach Heyne Hausaltert. 3, Fig. 15. 



Reallexikon der germ. Altertumskunde. I. 



Verlas' von K.-iiI T. Tnihnf 



ACKERBAU 



27 



§ 41. Das geerntete Korn wurde in die 
Scheune geschafft, in deren Mitte sich in 
der Regel die Dreschtenne befand; 
wenigstens ist das bei der Scheune des St. 
Galler Klostergrundrisses von 820 der Fall, 
wo die Tenne die Form eines Kreuzes hat. 
(S. den von Ferd. Keller hrsg. Bauriß; die 
Scheune für sich ist nachgebildet bei Heyne 
Hausaltert. H 55.) Der Dreschplatz hieß 
got. gaprask n., ahd. fiazzi, fiezzi oder tenni 
n., ags. pirscel-fiör 'Drischelflur', bereflör 
'Gerstenflur' oder breda ßüing ' Bretter - 
boden' (Wright-Wülker 147, 14 area: breda 
piling, vel flor on to perscenne), woraus sich 
ergibt, daß die Tenne bei den Angelsachsen 
um 1000 aus Bretterdielen hergestellt 
wurde. 

§ 42. Für das Dreschen herrscht in 
allen germ. Sprachen das uralte Wort got. 
priskan^ anord. ßriskja, ßryskva^ ags. pers- 
can, ahd. dreskan. Während das gewöhn- 
liche Dreschverfahren in der idg. Urzeit 
das Austreten der Körner durch das Vieh 
war (s. ob. § 9), scheinen die Germanen in 
historischer Zeit vorzugsweise oder aus- 
schließlich das Dreschen mit dem Stock 
oder dem Flegel geübt zu haben. Der 
einheimische Name für den Dresch- 
flegel war ahd. driskil, ags. perscel. Da- 
neben begegnet schon ahd. -fiegil m., mnd. 
vlegele, spätags. fligel (um lOOO), frühme. 
fl^33^ (um 1200). Die letzteren Ausdrücke 
bezeichnen sicher den zweiteiligen Flegel, 
der diesen Namen ja heute noch führt. Er 
wird zuerst von Hieronymus im 4. Jh. er- 
wähnt, der ihn unter dem volkstümlichen 
lat. Namen flagellum 'Geißel' kennt. Es 
ist wohl das Natürlichste, die germ. Aus- 
drücke gleich den roman. aus diesem lat. 
Wort abzuleiten; doch ist es fragUch, ob 
die Germanen mit dem Lehnwort auch das 
Werkzeug von den Römern erhalten haben, 
da das Verbreitungszentrum des Wortes 
wie der Sache nach Meyer-Lübkes 
Zusammenstellungen (WuS. i, 233 ff.) nicht 
sowohl in Italien als vielmehr in Nordgallien 
bzw. Nordfrankreich liegt und man nicht 
weiß, wo der vielgereiste Hieronymus den 
vulgärlat.Ausdriick kennen lernte. Jedenfalls 
bezeichnet auch das einheimische Wort 
drischel heute und wohl schon im MA. in 
Bayern und Österreich den zweiteiligen 
Flegel. Daß die Angelsachsen mit diesem 



Werkzeug bekannt waren, zeigt die Mini- 
atur aus dem ags. Kalendarium des 11. Jhs, 
(Taf. I, 3). Der ags. Flegel gleicht dem heute 
noch üblichen; die beiden Teile waren durch 
Leder verbunden, aber die Schlagkeule war 
wesentlicher länger als jetzt. Weiteres unt. 
'Dreschen'. 

§ 43. Der allgemeine Ausdruck für das 
Reinigen des Korns von der 
Spreu ist das aus der idg. Urzeit ererbte, 
auf die Benutzung des Windes hin- 
weisende urgerm. '^winßjan, "^winpisön^ 
'^windwön: got. dis-winpjan ^Xixjxav, aus- 
einanderwerfen'; anord. vinza 'worfeln'; ags. 
windwian 'ventilare', me. windwen, ne. win- 
now 'schwingen, wannen', ahd. wintön 'ven- 
tilare', mhd. winden (s. § 10). 

Das gewöhnliche germanische Verfahren 
zur Reinigung des Getreides war von alters 
her das Worfeln, wobei das Korn mit 
einer kurzstieligen Schaufel auf die Tenne 
geworfen wird, so daß der Wind die leichte 
Spreu entführt, während das schwere Korn 
zu Boden fällt. Für die W o r f e 1 - 
s c h a u f e 1 begegnen drei verschiedene 
Namen, die in ihrem ersten Glied winp-, 
wind- gleichmäßig die Bestimmung des 
Gerätes angeben, im zweiten auf das 
Werfen mit der Schaufel hinweisen: got. 
winpi-skaüro f. zu ahd. scora 'Schaufel'; 
2ih.6. wint-scüvalai., mhd. wintschüfel, and. 
windscüfla swf., ags. windscofl (Hs. -sobl 
für -scobl) und windwi-scoful f. (Hs. win- 
diu-); ahd. wintworfa f. (Otfr. I 28, 5), 
dazu mhd. warfen 'worfeln'. 

Neben dem Worfeln war aber auch die 
Reinigung des Korns durch Schwingen 
in einer Wanne bekannt, das schon aus 
der idg. Urzeit überkommen war (oben 
§ 10) und auf dem Lande noch heute neben 
jenem üblich ist. Der mit lat. vannus 
'Getreideschwinge' urverwandte Name ahd. 
wanna, mhd. wanne bezeichnet ursprüng- 
lich speziell die Wanne zum Getreide- 
winden; es wird glossiert durch 'sporta, 
pala, vannus, ventilabrum' (Graff i, 885 f.), 
bedeutet aber trotz 'pala' und 'ventila- 
brum' sicher nicht 'Worfschaufel', sondern 
nur 'Wanne', wie die weitere Bedeutungs- 
geschichte des Wortes zeigt. Dazu die 
Ableitungen ahd. wannön 'ventilare', wan- 
nöth m. 'ventilatio' (Graff aaO.) und die 
synonyme Nebenform ahd. wint-wanta swf. 



28 



ACKERBAU 



(Otfr. I 27, 63; s. § 10). Auf Entlehnung 
aus lat. vannus f. beruht ags. ws. fann f., 
north, fonnae oder windgefonnae swf. (Lin- 
disf. Ev.). Auch ags. windswingla swm. 
bedeutet trotz des Lemmas 'pala vel venti- 
labrum' wohl 'Getreidewanne', nicht 'Wor- 
felschaufel', während die genaue Bedeu- 
tung von ahd. wintpreita swf. 'ventilabrum* 
(Ahd. Gl. I263, 26) sowie die des allgemei- 
neren ahd.winta f. dahingestellt bleiben muß. 

§ 44. Nach dem Worfeln oder Wannen 
wurde das Korn noch gesiebt (ahd. 
redan; ags. siftan, mnd. siften), namentlich 
um den Unkrautsamen zu entfernen; thaz 
muasi er (der Teufel) redan iu thaz muat, 
so man körn in sihe duat, läßt Otfrid (IV 
13, 16) Christus sagen; vgl. auch Taf. 1,3. 
Es gab zwei Arten von Sieben: ein gröberes 
mit dem alten idg. Namen ags. hrid[d)er 
n., ahd. ritera, ritra swf. 'cribrum' (§ 16), 
daher ags. hridrian, ahd. ritarön 'cribrare'; 
und ein feineres: ags. sife n., and. sif n., 
ahd. sih n. 'cribellum'. Das Kornsieb führt 
ags. den spezielleren Namen windwig-syfe 
n. 'ventilabrum' (WW. 141, ii). Vgl. 'Sieb'. 

§ 45. Für die Spreu gibt es in den 
altgerm. Sprachen eine Menge Ausdrücke, 
die ursprünglich verschiedene Arten von 
Abfällen (wie Spelzen, Grannen, Hülsen 
usw.) bezeichneten, aber bald in ihrer Be- 
deutung durcheinanderfiossen. Das älteste, 
gemein germ. Wort ist wohl got. ahana f. 
^a/upov; anord. Qgn f., pl. agnar, dän. 
avne; ags. egenu f. und (vgnan pl, ahd. 
agana f., mit gr. o.yyi\ 'Spreu' urverwandt 
(§ 11). Westgerm, und besonders nieder- 
deutsch-englisch ist and. mnd. mndl. kaf 
n. 'palea', nnd. nhd. kaff n., ags. ceaf n., 
ahd. mit Ablaut cheva swf. 'siliqua' (Graff 
4, 370). Ausschließlich hochd. sind: ahd. 
mhd. spriu n. (plur. thiu spriu Otfr. oder 
spriuwir), nhd. spreu f. zu einer Wz. spreu- 
'stieben, sprühen', und ahd. helawa, mhd. 
helewe, helwe f. 'palea, Spreu'. Angelsächsich 
kommt neben ceaf auch windwigceaf oder 
schlechtweg windung, winnung f., pl, win- 
nunga im Sinne von 'zizania, paleae' vor. 

Über die angebauten Pflanzen s. Kultur- 
pflanzen, Gartenbau und Obstbau; vgl. 
ferner Agrarverfassung. 

Heyne DHatisaltert. II 26 — 62 (1901). 
H o o p s Waldb. u. Kulturpfl. 590 — 603 (1905), 
mit Literatur. Johannes Hoops. 



II. Norden. § 46. Wie in Mittel- 
europa, so reicht auch in den nordeuro- 
päischen Ländern der Ackerbau in graue 
Vorzeit zurück. Aus der älteren nordischen 
Steinzeit allerdings hat man bis jetzt noch 
keine Spuren von Ackerbau gefunden, aber 
vom Beginn der jüngeren Stein- 
zeit an sind in ganz Dänemark und im 
südlichen Schweden zahlreiche Zeugnisse 
für Getreidebau zutage gekommen in Ge- 
stalt von Körnerabdrücken und verkohlten 
Körnern, die sich in den Wänden der Ton- 
gefäße und in Abfallshaufen aus dieser und 
den folgenden Perioden erhalten haben. 
Dadurch ist jetzt erwiesen, daß Gerste 
und Weizen in der ganzen jüngeren 
Steinzeit und seit der Mitte derselben auch 
Hirse daselbst gebaut worden ist. 

§ 47. In der Bronzezeit tritt in 
Dänemark noch der Hafer und seit dem 
Ende der Periode möglicherweise auch der 
Flachs hinzu, wenigstens hat man ver- 
einzelte Reste eines feinen Leinenstoffs aus 
dieser Zeit entdeckt, der allerdings auch 
importiert sein kann. Funde von Ge- 
treidesicheln aus Bronze, die Dar- 
stellung eines von einem Ochsenpaar ge- 
zogenen Hakenpflugs auf dem Fel- 
senbild von Bohuslän im westl. Schweden 
aus der späteren Bronzezeit (s. oben § 4 
u. die Abb. mit. Tfiug') und der vorzüglich 
erhaltene hölzerne Hakenpflug aus dem Moor 
von Djöstrup in Jütland, der wahrscheinlich 
aus der Bronzezeit, mindestens aber aus 
der ältesten Eisenzeit stammt (s. ebenda), 
vervollständigen unser Bild von dem nordi- 
schen Ackerbau in dieser Periode. 

§ 48. Aus dem Anfang der Eisenzeit hat 
man verschiedene weitere landwirtschaft- 
liche Geräte wie Spaten und Eggen 
und später, aus derselben Periode, Pflug- 
schare und Sichelklingen. Im 
jüngeren Eisenalter, in der Völkerwande- 
rungszeit, hatte man außer den früheren 
Arten von Saatpflanzen auch damit be- 
gonnen, Roggen und Bohnen zu 
bauen, doch wahrscheinlich nur an be- 
stimmten Stellen, kaum im ganzen Norden. 
Aus dieser Zeit hat man auch sichere Zeug- 
nisse über Flachsbau. Dagegen ge- 
hört das Bauen von Erbsen erst einer 
späteren Epoche, dem Ende der Vorzeit 
oder dem Beginn der historischen Zeit, an. 



ACKERBAU 



29 



§ 49. In der Wikinger- und S a g a - 
zeit trieb man einen ausgedehnten Acker- 
bau im ganzen Norden, worüber wir ziem- 
liche reichUche Angaben in der altnordi- 
schen Literatur haben, sowohl in Gesetzen 
wie den Sagas und einzelnen Gedichten. 
Aber die Rolle, die der Ackerbau für jedes 
einzelne der nordischen Länder spielte, war 
doch von höchst ungleicher Bedeutung. 
In Dänemark und Südschweden, die sich 
weit besser für den Ackerbau eigneten als 
der übrige Norden, war dieser sicherlich 
weit mehr entwickelt als anderswo. Dies 
wird auch nachdrücklich von Adam von 
Bremen (etwa 1070) hervorgehoben, der 
Fünen, Seeland und Schonen wegen ihrer 
Fruchtbarkeit rühmt, während er von Nor- 
wegen sagt, daß es wegen seiner vielen 
Berge und seines rauhen und kalten Klimas 
sehr unfruchtbar sei und sich nur zur 
Viehzucht eigne. Diese Bemerkung ist 
jedoch keineswegs richtig und in hohem 
Grade irreführend, denn Ackerbau wurde 
allgemein in Norwegen getrieben, nicht 
allein zu Adams Zeit (11. Jh.), sondern 
schon lange vorher — weit hinein in die 
vorhistorische Zeit, obwohl es zweifelhaft 
sein kann, ob er hier so weit zurückreicht 
wie in Dänemark und Südschweden; es ist 
dies kaum wahrscheinUch. Es liegt zur 
Beurteilung dieser Frage noch nicht ge- 
nügendes archäologisches Material vor. Nur 
insoweit hat Adam recht, als der nor- 
wegische Ackerbau selbstverständlich weit 
hinter dem dänischen zurückgestanden hat, 
ebenso wie Dänemark nach anderen Zeug- 
nissen als Ackerbau treibendes Land hinter 
Deutschland zurückstand; was ua. aus der 
Äußerung einiger geistlicher Abgesandten 
aus Deutschland hervorgeht, die im An- 
fang des 12. Jhs. Dänemark besuchten, 
und die den Kornbau in Dänemark als 
ziemlich gering bezeichneten, während nach 
ihrer Aussage Vieh zusammen mit reich- 
lichem Fischfang den Hauptreichtum des 
Landes bildeten. 

§ 50. Daß Ackerbau in dieser Periode 
in Norwegen in verhältnismäßig großer 
Ausdehnung getrieben worden ist, darüber 
liegen zahlreiche Zeugnisse in der alten 
Literatur vor. So wird Kornbau hier im 
ersten Viertel des 11. Jhs. in den meisten 
Gegenden des Landes erwähnt, nicht allein 



im südlichen, östlichen und westlichen Teil, 
sondern auch im nördlichen, ja sogar bis 
nach Trondenaes im jetzigen Stift Tromsö 
hinauf. 

§ 51. Aber wenn auch somit der Acker- 
bau in Norwegen ungefähr im ganzen Land 
getrieben wurde, scheint doch die Ausbeute 
häufig nicht sehr groß gewesen zu sein. 
So wird es an verschiedenen Stellen als 
eine besonders zufriedenstellende Ernte be- 
zeichnet, wenn man so viel Korn erntete, 
daß die meisten, außer was sie für ihre 
Haushaltung brauchten, hinlänglich Korn 
zur Aussaat [frcekorn) für das kommende 
Frühjahr hatten. Daß oft großer Mangel 
an Korn zur Aussaat geherrscht hat, geht 
auch aus einer Gesetzesbestimmung her- 
vor, die darauf ausgeht, dem Volk solches 
zu sichern. Wer sich nicht die Aussaat 
auf andere Weise sichern konnte, durfte 
sich nämlich an den Vogt des Königs 
wenden und verlangen, daß er Sachver- 
ständige ernenne, um den Kornvorrat des 
Volkes zu untersuchen, und wenn nach 
deren Urteil sich bei einem Bauern mehr 
Korn fand, als dieser selbst zur Aussaat 
und für seine Haushaltung bis zum nächsten 
Herbst brauchte, konnte der Vogt, selbst 
wenn der Eigentümer sich dem widersetzte, 
das überflüssige Korn nehmen und es den 
Leuten geben, denen Korn zur Aussaat 
mangelte. Diese mußten es zurückbezahlen, 
sobald sie neues Korn bekamen. 

§ 52. Oft mißglückte die Saat in Nor- 
wegen, besonders häufig im nördlichen Teil 
des Landes. Man mußte da Abhilfe schaffen 
entweder durch Einkauf aus den Teilen des 
Inlandes, in denen die Ernte reichhcher 
gewesen war, oder durch Einfuhr aus dem 
Ausland, aus dem man sicherlich stets 
auch in guten Jahren einen Teil des Korns 
einführen mußte. Da man immer darauf 
vorbereitet sein mußte, daß die Aussaat 
fehlschlagen konnte, waren manche, be- 
sonders im nördlichen Norwegen, so vor- 
sichtig, sehr große Kornscheunen aufzu- 
führen, in denen sie in guten Jahren große 
Kornvorräte aufstapelten, so daß sie, 
wenn ein Mißjahr eintraf, sich und andern 
mit dem ,, alten Korn" [forn körn) helfen 
konnten, das sie in ihrer Scheune liegen 
hatten. Auch in Dänemark werden solche 
Veranstaltungen und die Einfuhr von Korn 



30 



ACKERBAU 



aus dem Ausland erwähnt, wenn man 
fürchtete, daß ein Mißjahr eintreffen würde. 
Doch ist dies hier gewiß selten gewesen; 
denn wir sehen, daß die Kornernte in 
Dänemark in der Regel so reichlich war, 
daß man Korn von dort nach Norwegen 
ausführen konnte. 

§ 53. Wenn im Norden ein Mißjahr 
{hallceri) eintraf, schrieb man dies dem 
Zorn der Götter zu. Man versuchte des- 
wegen diese durch Opfer zu versöhnen. 
Im ersten Jahr opferte man Rinder, und 
wenn dies nicht half, griff man zu Menschen- 
opfern {mannhlöt). War auch dieses ohne 
Erfolg, griff man als letztes Mittel zu dem 
Ausweg, den König selbst den zornigen 
Göttern zu opfern und deren Altäre mit 
seinem Blute zu beschmieren. Das soll 
nach den alten Sagen mehrmals nordischen 
Königen, deren Namen in den Sagas 
angeführt werden, passiert sein, teils weil 
man meinte, daß der König selbst schuld 
an dem Mißjahr sein müßte, teils weil er 
als der oberste Mann im Lande das beste 
Opfer war, das man auftreiben konnte. 
Eine Bekräftigung dafür, daß ein Mißjahr 
im Zorn der Götter seine Ursache hatte, 
glaubten die Heiden in Norwegen gefunden 
zu haben, als es sich traf, daß in Harald 
Graafelds und seiner Brüder Regierungs- 
zeit mehrere Jahre hintereinander Miß- 
ernten herrschten (961 — 965), wofür man 
den Königen die Schuld gab, weil sie, 
die das Christentum in England an- 
genommen hatten, sich feindlich gegen die 
heidnische Götterverehrung stellten, wäh- 
rend die ersten Regierungsjahre des Heiden 
Hakon Jarl ungewöhnlich gut waren. 
Und wieder gab es unter Olaf dem Heiligen 
im nördlichen Norwegen mehrere Jahre 
hintereinander (1020 — 1022) Mißwuchs, was 
man selbstverständlich seinen eifrigen Be- 
strebungen für die Einführung des Christen- 
tums zuschrieb. 

§ 54. Über Island sagt Adam von 
Bremen: nullce ibi fruges, woraus man, 
zumal da sich jetzt auf Island kein Ge- 
treidebau findet, beinahe schließen könnte, 
daß man auch in der Wikinger- und 
Sagazeit keinen Ackerbau dort getrieben 
hat. Aber das Verhältnis war in Wirklich- 
keit ganz anders, denn Getreidebau wird 
auf Island von Beginn der Besiedlung 



(etwa 870) an und die ganze Sagazeit 
hindurch erwähnt, sowohl im 9., 10., ii. 
und 12., wie im 13. und 14. Jahrh., ja bis 
herab zum Jahr 1600, obwohl er in den 
letzten Jahrhunderten sehr gering war. 
Das gleiche kann man aus verschiedenen 
Ausdrücken in den Gesetzen und aus einer 
Menge von Ortsnamen sehen (zB. Akrar, 
Akrey, KorngerM, Rüghölmi, Bygghöll, Vitaz- 
gjafi usw.). Man kann des weiteren sehen, 
daß der isländische Ackerbau sich nicht 
auf einzelne wenige Stellen beschränkte, 
sondern verhältnismäßig allgemein war, 
denn Getreidebau wird nicht allein an 
vielen verschiedenen Stellen des Süd- und 
Westlandes erwähnt, sondern auch im 
Nordland. In keiner von diesen Quellen 
erhalten wir indessen eine sichere Auf- 
klärung darüber, wievielfachen Ertrag 
der Kornbau gegeben hat, oder ob die 
Arbeit und die Unkosten, die der Ackerbau 
mit sich führte, lohnend gewesen sind im 
Verhältnis zu anderem Nahrungserwerb. 
Es scheint den Nordleuten, die nach Island 
auswanderten, nicht eingefallen zu sein, 
die Frage auf zuwerfen, ob sich Island 
wirklich zum Ackerbau eignete. Sie setzten 
bloß ihre gewohnte Lebensweise fort und 
fingen sofort in ihrer neuen Heimat an, 
ihre Äcker zu pflügen, was ua. von dem 
einen der beiden ersten Landnahmsmänner, 
Hjörleifr Hrö&marsson, erzählt wird. Die 
Wahrscheinlichkeit spricht jedoch dafür, 
daß die Ernte meistens ziemlich unbe- 
deutend war und die Saat oft fehlschlug, 
was auch dadurch bestätigt wird, daß 
von einzelnen besonders fruchtbaren Äckern 
als etwas ganz Außerordentliches hervor- 
gehoben wird, daß sie jedes Jahr reifes 
Korn trugen. 

§ 55. Die Getreidearten, die 
in der altnordischen Literatur erwähnt 
werden, sind: Gerste {hygg^ ^yg^^^^i 
Weizen [hveiti, hveüikorn), Hirse 
(hirsi), Hafer {hafri, hagri) und 
Roggen [rügr^ rüfr). Als gemeinsame 
Benennung für alle diese Getreidearten 
brauchte man Korn [körn) oder Saat 
[sää, S(vH, kornscsH), und die borsten - 
losen Kornarten nannte man mit gemein- 
samem Namen hamalkyrni (Hoops Waldb. 
u. Kulturpfl. 637 f.). Das Wort körn wird 
jedoch oft in alten Schriften als Bezeich- 



ACKERBAU 



31 



nung für Gerste allein gebraucht, als das 
gewöhnlichste, wichtigste und wahrschein- 
lich auch älteste Saatkorn. Von Hülsen- 
früchten werden des weiteren genannt 
Bohnen {baunir, Sg. baun) und Erb- 
sen (erir) sowie von Wurzelpflanzen 
Rüben {ncepur, Sg. ncepa, in Schweden 
röva) und mehrere andere. 

§ 56. Die beiden zuerstgenannten Ge- 
treidearten, Gerste und Weizen, 
werden sehr häufig erwähnt und sind 
sicher sehr verbreitet gewesen. Dagegen 
wird Hirse nur ein einziges Mal ge- 
nannt, was darauf deuten könnte, daß 
diese Getreideart bereits damals seltener 
wurde, wenn sie überhaupt angepflanzt 
worden ist, denn der Name, der nur in 
einer Aufzählung der jüngeren Edda vor- 
kommt, kann entweder Überlieferung einer 
älteren Zeit oder aus einer fremden Lite- 
ratur eingedrungen sein. Ebenso wie 
Hirse jetzt so gut wie gar nicht im Norden 
gebaut wird, scheint man bereits in der 
Sagazeit ihren Anbau entweder ganz oder 
doch fast ganz aufgegeben zu haben, ob- 
wohl sie, wie archäologische Unter- 
suchungen zeigen, in früheren Zeiten von 
der Mitte des jüngeren Steinzeitalters an 
angebaut worden ist (§ 46). Hafer wird 
unter diesem Namen in Norwegen zuerst 
im 14. Jh. erwähnt, denn ob der ein 
einziges Mal vorkommende Namen ginhafri 
'Hafer' bedeuten soll oder etwas anderes, 
ist unsicher, und die Form hafra in der 
älteren Edda (Härbardsljöd 3) muß sicher 
als Acc. Plur. von hafr 'Bock' (von Thors 
Böcken) aufgefaßt werden und nicht von 
hafri. In Schweden wird der Hafer am 
Ende des 13. Jhs. und in Dänemark 
bereits um die Mitte des 12. Jhs. erwähnt. 
Daß er in der norweg. -isländ. Literatur 
früher unter dem fremden Namen korkt 
(vgl. ir. coirce, corca) auftritt, scheint am 
ehesten darauf hinzudeuten, daß sein 
Anbau in Norwegen nicht sehr verbreitet 
gewesen ist. Übrigens scheint der Hafer 
selten als Brotkorn angewandt worden 
zu sein, vielmehr meistens als Pferdefutter, 
denn er wird in den schwedischen Gesetzen 
hcestakorn genannt; und ebenso muß man 
gewiß d3n in norwegischen Quellen vor- 
kommende Zuname hestakorn verstehen. 
Roggen wird in Norwegen bereits in den 



ältesten Gesetzen erwähnt und ist am Ende 
des 13. Jhs. ziemlich allgemein gewesen, da 
er zu dieser Zeit als Normalbenennung 
für Gewicht gebraucht wird. Als Zeugnis 
seines hohen Alters in Norwegen können 
die Landschaftsnamen Rogaland und 
Rogheimr genannt werden, von deren 
erstem Glied man annimmt, daß es dieses 
Wort enthält. In Schweden scheint der 
Anbau des Roggens sehr verbreitet ge- 
wesen zu sein, denn er wird überall in den 
schwedischen Gesetzen genannt, obwohl 
er in einzelnen schwedischen Quellen als 
neuere Getreideart bezeichnet wird, was 
aber nur beweist, daß er in früherer Zeit 
nicht über das ganze Schweden aus- 
gebreitet gewesen ist. Auch in den däni- 
schen Gesetzen wird Roggen als allgemein 
erwähnt, und sein Anbau hier geht wahr- 
scheinlich bis auf die ersten Jahrhunderte 
nach Christi Geburt zurück, obwohl man 
bei archäologischen Untersuchungen seine 
Spur nicht früher als zur Zeit der Völker- 
wanderung gefunden hat. Bohnen, 
Erbsen und Rüben werden in 
Norwegen zuerst im 13. Jh. erwähnt, und 
die beiden letzten sind sicher nicht sehr alt. 
Doch scheinen sie bereits in der heidnischen 
Zeit gebaut worden zu sein. 

§ 57. In keiner der Quellen, die die 
eigentliche Sagazeit betreffen, finden sich 
irgendwelche Aufklärungen darüber, welche 
Getreidearten man auf Island anbaute. 
Überall, wo der isländische Getreidebau 
erwähnt wird, wird nur das Wort körn 
oder sceH gebraucht. Hiermit ist doch 
sicher, wie in Norwegen, meistens Gerste 
gemeint, obwohl das Wort auch andere 
Getreidearten bedeuten kann. Namen 
wie Byggardr und • Bygghdll, von denen 
der letzte sich an zwei verschiedenen 
Stellen auf Island findet, enthalten sicher- 
lich auch Erinnerungen an den Bau von 
Gerste. Nach einem Zeugnis des 14. Jhs. 
war auch Gerste die Getreideart, die 
damals ausschließlich gebaut wurde. Es 
heißt nämlich dort: Korn vex i fäm stgä'um 
sunnanlands, ok eigi nema bygg ('Korn 
wächst an einigen wenigen Stellen des 
Südlandes; aber nur Gerste'). Es kann 
jedoch für sicher gelten, daß man auch 
Roggen auf Island gebaut hat, denn 
er wird in einem Vers aus dem ii. Jh. 



32 



ACKERBAU 



auf einem Gehöft erwähnt, auf dem man 
Korn baute. Dasselbe geht aus den Namen 
Rüghölmi und Rüfeyjar hervor. Ob einige 
der zahlreichen isländischen Ortsnamen, 
die mit hafra zusammengesetzt sind 
{Hafranes, H afragil, Hafrafell usw.), in 
Verbindung mit hafri 'Hafer' oder nur mit 
hajr 'Bock' stehen, läßt sich nicht aus- 
machen. Verschiedenes spricht dafür, 
daß man auch Strandhafer [melr, 
Elymus arenarius) angebaut hat, der sich 
jetzt wildwachsend an vielen Stellen Islands 
findet, und der in einer einzelnen Gegend 
mehrere Jahrhunderte hindurch tatsäch- 
lich als Brotkorn oder als Ersatz dafür 
benutzt worden ist. Nach einem Diplom 
von 1343 sollte von einem einzelnen 
Gehöft jährlich an das Kloster von Kirkju- 
baer 120 Pfund Strandhafermehl [XII 
fjörd'ungar melmJQls) geliefert werden. 

§ 58. Von Pflanzen zum Spin- 
nen werden in der alten Literatur häufig 
erwähnt Flachs [hQrr, Im) und Hanf 
[hampr), die sicher beide im Norden 
mehrere Jahrhunderte vor Beginn der 
historischen Zeit angebaut wurden, jedoch 
kaum in besonders großer Ausdehnung. 
Die Äcker sind wahrscheinlich ziemlich 
klein gewesen und die Ausbeute weit 
entfernt davon, den Bedarf des Volkes 
zu decken. Flachs wird denn auch als 
Einfuhrartikel in Norwegen im Anfang 
des 14, Jhs. genannt. Diejenigen, die diese 
Spinnpflanzen nicht hatten, haben wahr- 
scheinlich die große Brennessel [netla 
Urtica dioica) als Spinnpflanze gebaut, 
denn diese wurde noch im 18. Jh. als 
solche an mehreren Stellen Norwegens 
gebraucht, und es wurde aus ihr grobes 
Leinen verfertigt. An dasselbe erinnert 
das dän. Wort Netteldug ('Nesseltuch'). 
Auch in Schottland wurde die Nessel 
früher allgemein als Spinnpflanze ver- 
wandt, und noch im Anfang des 19. Jhs. 
hatte man dort Tücher aus Nesselflachs. 
Der Name der Pflanze scheint auch in 
Verbindung zu stehen mit dem Wort Netz 
(anord. net). Für gröbere Sachen, zB. 
für verschiedene Arten Tauwerk, brauchte 
man auch den Bast der Linde 
und Ulme. Solche Bastseile [basttaug, 
hastlind) werden an vielen Stellen in den 
Sagas und den Gesetzen erwähnt. Das 



anord. Wort lindi, das ein Band oder 
einen Riemen bedeutet und meistens 
von einem Gürtel gebraucht wird, muß 
auch in Verbindung mit dem Lindenbaum 
[lind) stehen und seinen Namen davon 
bekommen haben, daß der Gürtel ur- 
sprünglich aus Lindenbast verfertigt wurde 
(vgl. auch anord. lindhvitr). 

§ 59. Einige isländische Ortsnamen 
[HorshliS', Horstaäir, Linakradair, Lin- 
ekrudalr) scheinen darauf zu deuten, daß 
man Flachs auch auf Island gebaut hat. 
Der Flachsbau ist jedoch sicher nicht in 
größerer Ausdehnung betrieben worden, 
sondern hat sich wahrscheinlich auf einige 
Versuche an einzelnen Stellen beschränkt. 
Allgemeiner ist vielleicht der Anbau von 
Nesselflachs oder der der großen Brenn - 
nessel gewesen, denn diese Pflanze scheint 
nach botanischen Untersuchungen ur- 
sprünglich nicht wildwachsend auf Island 
gewesen, sondern von den Nordleuten 
eingeführt worden zu sein, um als Spinn - 
gewächs gebaut zu werden. Man hat hier 
nämlich an mehreren Stellen ,, scharf 
begrenzte Erdflächen, auf denen die Nessel 
üppig wuchs", gefunden, und man hat 
gemeint, man müßte dies als einen Rest 
früherer Kultur auffassen. 

§ 60. Der Acker [akr, ekra, akrland, 
sääland) wurde gern in eine Anzahl Streifen 
[teigr) eingeteilt, getrennt durch einen Rain 
[akrrein). Er war in der Regel eingezäunt 
durch einen Zaun [gard^r) und wurde so 
häufig Ackerhag [akrgerät, ekrugeräi) ge- 
nannt. Die alte Literatur klärt uns an 
vielen Stellen darüber auf, daß man Ge- 
wicht darauf legte, daß das Feld gut 
gedüngt wurde, und in den Gesetzen 
finden sich verschiedene Bestimmungen 
über das Düngen, die unter anderem be- 
stimmte Vorschriften enthalten für einen 
Pächter, wie er sein Feld düngen solle. 
Doch kann man sehen, daß das Düngen 
oft unzureichend war, indem das Feld 
bei Dreifelderwirtschaft (§ 62) nur jedes 
8., 10. oder 12. Jahr gedüngt wurde, aber 
etwas häufiger, wo jährliche Bestellung 
war (§ 62). Außer durch Düngen suchte 
man seine Ackererde aber auch dadurch 
zu verbessern, daß man Rasen auf ihn 
legte, der entweder aus dem zum Gehöft 
gehörenden unbebauten Land ausge- 



ACKERBAU 



33 



schnitten wurde oder aus einer weiter ab 
gelegenen Allmende. Für die Saat wurde 
die Erde vorbereitet teils durch Aufgraben 
mit Spaten und Hacke [grafa vqU, brjöta 
JQYÜ tu akra), teils durch Pflügen {erja, 
plegja) und darauf durch Eggen geebnet. 

§ 6i. Das Feld, das besät werden 
sollte, wurde einmal im Herbst und zwei- 
mal im Frühjahr gepflügt. Die Saatzeit 
{säätid) begann im günstigsten Fall Ende 
April, im schlechtesten Fall dagegen in 
der letzten Hälfte des Mai, indem man sich 
hierfür nach der Wetterlage richten mußte. 
Den Roggen und zum Teil auch den 
Weizen säte man sowohl im Herbst wie 
im Frühjahr, und im ersten Fall scheint 
man Mitte August gesät zu haben. Im 
übrigen wird Winterweizen nur in einer 
lateinischen Quelle erwähnt {triticum 
hyemale), während Winterroggen [vetrrügr) 
an mehreren Stellen genannt wird. Wenn 
man zum Säen auf seinen Acker ging, 
legte man die Saat in einen Korb [körn- 
kippa), den man an einem Band hängend, 
das rund um den Hals ging, zu tragen 
pflegte, indem man mit dem einen Arm 
den Korb umfaßte und mit dem anderen 
das Korn ausstreute, je nachdem man 
über den Acker ging. Nach der Regel 
der Hävamäl, daß man draußen auf dem 
Felde sich niemals einen Schritt von seinen 
Waffen entfernen solle, indem man niemals 
wissen könne, wann man Gebrauch für 
sie habe, pflegte man in der Hand, mit 
der man nicht das Korn ausstreute, eine 
Waffe zu tragen. 

§ 62. In der ältesten Zeit hat man 
sicher alles Land besät, das man bearbeitet 
hatte, soweit man hinlängliche Aussaat 
dafür hatte. Doch scheint man ziemlich 
früh einen Blick für den Vorteil bekommen 
zu haben, den Boden einige Zeit als 
Brache [tr^ä) oder Gemeinweide [*feläd), 
auf der man das Vieh gehen und grasen 
ließ, ruhen zu lassen. Wann der S a a t - 
Wechsel zuerst in Gebrauch gekommen 
ist, läßt sich nicht ausmachen, aber im 
13. Jh. war er gewöhnlich, obwohl keines- 
wegs überall durchgeführt. So wurden in 
Dänemark drei verschiedene Bestellungs- 
arten angewendet. An einigen Stellen 
(namentlich in Jütland) hatte man eine 
Art Koppelbetrieb (dän. kobbel- 

Hoops, Reallexikon. I. 



drift), durch den dasselbe Stück Land 
mehrere Jahre hintereinander besät wurde 
und dann einige Jahre ruhte, an anderen 
Stellen (zB. in Schonen und Seeland) 
wendete man hauptsächlich Drei- 
felderwirtschaft (dän. Trevangs- 
brug) an, bei der jedes Stück Land zwei 
Jahr hintereinander besät wurde, um das 
dritte Jahr brach zu liegen, und in noch 
anderen Gegenden wurde stetige Be- 
stellung (dän. Alsceddrift) angewendet, 
bei der das Land immer unter Arbeit war. 
Bei der Dreifelderwirtschaft war die Saat- 
folge meistens die, daß man zuerst Gerste 
auf das Feld säte, das brach gelegen hatte, 
und darauf Wintersaat, meistens Roggen. 
Das besäte Stück Land nannte man in 
Dänemark V a n g (anord. vangr). 

§ 63. Das Mähen {akrskurdr, korn- 
skur^r, kornslättd) oder die Erntezeit 
[kornskurd'artiä', -timi) fiel in der Regel 
in die letzte Hälfte des August und den 
Anfang des September. Die Männer 
schnitten das Korn [skera akr, körn), 
während die Frauen nachfolgten und das 
geschnittene Getreide in Garben sammelten 
{kornbundin, bundin, nek), die darauf in 
kleinen Haufen {hraukr) gesammelt oder 
aufgeschichtet wurden [skryfa körn). Ur- 
sprünglich sind diese Haufen sicher von 
verschiedener Größe gewesen, aber nach 
Einführung des Zehnten war es von Wich- 
tigkeit, daß sie alle gleich groß waren, 
indem jeder Zehnte von ihnen der Kirche 
geliefert werden sollte. Auf Gotland 
sollte jeder Haufe aus 30 Garben bestehen, 
aber die Anzahl ist gewiß an verschiedenen 
Stellen verschieden gewesen, indem man 
bloß darauf Acht gab, die gleiche Anzahl 
Garben in jedem Haufen zu haben. 

§ 64. Darauf wurden die Kornhaufen 
nach Hause gefahren und in große Scho- 
ber {korngarär, kornvirki, kornamstr) oder 
Kornhelme [kornhjälmr, hygghjälmr) ge- 
bracht, ein Holzgerüst mit Dach darüber, 
aber an den Seiten offen. Mit Winters- 
anfang wurde das Getreide auf einer Tenne 
Qäfi) gedroschen {ßreskja). Da das 
Dreschen meist in der dunklen Jahres- 
zeit vor sich ging, in der man nur 
wenige Stunden tagsüber draußen arbeiten 
konnte, mußte man bei Licht auf der 
Tenne arbeiten. Es wurde deshalb ein 



34 



ACKERE AU— ACKERMA SZE 



Scheiterhaufen {läjaeldr) entzündet, mit 
dem man mit großer Vorsicht umgehen 
mußte, damit nicht Feuer in das leicht 
entzündliche Getreide auf allen Seiten 
fiel. Nach dem Dreschen wurde das Ge- 
treide in Kornscheunen {kornhlad'a, 
bygghlad'a, kornskäli, kornhüs) aufbewahrt. 
Sollte Malz imalt) aus dem Korn bereitet 
werden [melta), so hatte man zu diesem 
Behuf zuweilen ein eigenes Gebäude [mel- 
tuhls), aber meistens hat man sicherlich 
hierfür die Darre [kylnd] benutzt, auf 
der das Korn vermittelst des sogen. Darr- 
feuers {kylnueldr) gedörrt wurde. 

§ 65. Von Ackergerätschaf- 
ten werden verschiedene in der altnordi- 
schen Literatur genannt. Bei den AUer- 
ärmsten scheint man, statt das Land zu 
pflügen, es nur aufgegraben zu haben 
(§ 60) mit Hilfe eines Spatens [rekd] 
und einer H a c k e [gref^ päll). Im übrigen 
hatten die meisten ein mehr oder minder 
vollkommenes Pfluggerät, mit dem sie 
den Boden pflügten. Erwähnt werden 
zwei Arten Pflüge, ein Haken- 
pflug {arär), sicher von ähnlicher Form wie 
der Pflug aus der Bronzezeit {§ 47), der 
ursprünglich nur mit einem Pflugeisen 
(arärjärn) versehen war, zu dem später 
ein Langeisen oder Pflugmesser {ristül) 
gekommen war, welche beiden Eisen zu- 
sammen Pfluggang (arä'rgangr) genannt 
wurden. Der anderePflug (plögr), der bereits 
im 10. Jh. erwähnt wird, ist gewiß eine 
neuere und vollkommenere Art, vielleicht 
ein Pflug mit Rädern gewesen. Bereits 
in den ältesten Quellen werden auch 
E g g e n (s. d. ; anord. herfi, harfr) erwähnt, 
welche in frühester Zeit nur aus einem 
Zacken bestanden. Später wurden mehrere 
solcher in einen Schaft eingeflochten, der 
mit Zähnen versehen wurde, zuerst von 
Holz, sodann von Eisen. Noch später 
bestand dann die Egge aus zwei hinter- 
einander angebrachten Schäften. Wie 
oben (§ 48) erwähnt, hatte man die Egge 
bereits zu Beginn des Eisenalters. 

§ 66. Als Zugtiere für den Pflug 
werden meistens Ochsen erwähnt (aräroxi), 
äußerst selten Pferde. Das Geschirr 
[eykreid'i) bestand aus Seilen [selar, silar), 
Zugsträngen {sk^klar), und einem Joch 
{ok) oder einem Bügel (bygill), der über den 



Nacken des Zugtieres gelegt wurde, und 
an dem die Stränge befestigt wurden. 
Es wird ferner eine Hornspange erwähnt 
[hornspenzl, horntylla), die entweder ein 
Stück Holz oder etwas anderes gewesen 
sein muß, das man an den Hörnern der 
Ochsen festzubinden oder um dieselben 
zu spannen pflegte, wenn diese als Zugtiere 
gebraucht wurden. 

§ 6^. Um Dung aufs Feld zu schaffen, 
bediente man sich entweder eines Dung- 
schlittens (myksleH), oder eines Dung- 
kastens {kläfr), von denen einer auf jede 
Seite des Packsattels eines Pferdes ge- 
hängt wurde. Den Boden dieser Dung- 
kasten konnte man öffnen, so daß der Dung 
aus ihm heraus aufs Feld fallen konnte, 
wo er mittels einer Mistgabel {mykikvtsl, 
akrkvist) ausgebreitet wurde. Um den 
übers Feld ausgebreiteten Mist noch besser 
zu zerstreuen und zu zerquetschen, brauchte 
man häufig ein Bündel von zusammen- 
gebundenen dürren Zweigen {slöH, slöü'a- 
hris), das über die Felder geschleppt wurde 
[sled'a). Bei der Saat bediente man sich 
eines Saatkorbes {kornkippa, kornskreppa), 
in dem man die Saat trug (§ 61) und bei der 
Kornernte einer Sense [akrjärn, kornskurä- 
arjärn) oder einer Kornsichel [sig^r^ 
snid'ül). Mehrere Exemplare dieser, die 
man in alten Grabhügeln der vorhisto- 
rischen Zeit (§47. 48) gefunden hat, zeigen, 
daß diese Sensen ursprünglich nicht voll- 
ständig glatt gewesen sind, sondern ebenso, 
wie zuweilen bei den alten Griechen, mit 
kleinen Einschnitten oder Zähnen wie die 
einer Säge versehen waren. Beim Dreschen 
wurde das Korn mit einem Dreschstock 
oder Flegel {ßüst, hälmpüst) ausgeschlagen. 
H o o p s Waldb. u. Kulturpfl. 617—638 ^ (1905)- 
Aarb. 1900, 203 f. Schübeier Viridarium 
Norvegicum. I d e m Die CuUurpß. Norwegens. 
Hildebrand Sveriges Medeltid I. P. v. 
Maller Jordbrukets Hist. Danmarks Riges 
Hist. l. Maurer Island 16 — 18. S n o r r a - 
s o n Tract. hist.-phys. de agricultura Islandorum. 
Ärmann ä alßingi 2, 66 — 126. F i n s e n Breve 
om Agerdyrkn. Muligh. paa Island. Timarit h. 
isl. Bökmentafel 1885, 35 f. Bünadarrit 1910, 
81 — 167. Valtyr Gudmundsson. 

Ackermaße, eine Unterart der Flächen- 
maße (§ i), hängen zum Teil mit dem 
ursprünghchen Landerwerb und der Ab- 
markung zusammen. Hierher gehört der 



ADALBERT— ADAM VON BREMEN 



35 



Hammer- und Axtwurf. Fehlt einem 
Hofe die Abgrenzung, so soll der Beklagte 
nach L. Baivariorum XH lo den Grenz- 
zaun nach der Weite eines Axtwurfs 
aufstellen: ,,jactet securem quae saica 
valente contra meridiem" usw. 

§ 2. Viele Ackermaße gehen von der 
Größe der Arbeit aus, die zur Bewirt- 
schaftung einer gewissen Fläche erforder- 
lich ist, so das Tagwerk, das Joch bei 
Äckern, die Mannmahd oder Tagmahd 
bei Wiesen. 

§ 3. Andere Ackermaße wurden aus 
der Fruchtmenge abgeleitet, die zum 
Anbau einer bestimmten Fläche erforder- 
lich ist: Metzen Landes, oder in Tiroler 
Weistümern: ,,von jedem star lant- 
weit", in Schweden nach Tonnen Pynia 

§ 4. Diese Ackermaße, mit der Zeit 
auf die erfahrungsgemäß ihnen ent- 
sprechende Grundfläche bezogen, wurden 
dadurch zu einem von der Bestellungsart 
unabhängigen Flächenmaß, dessen Größe 
bei gleichbleibender Bezeichnung aber nach 
Zeit und Gegend wechseln kann. Die Art 
der Ackerbestellung hat bewirkt, daß 
man dazu Flächen entweder von recht- 
eckiger (s. Andecena), meist sogar qua- 
dratischer Gestalt (s. Joch) gewählt hat. 

§ 5. Auf diese Weise konnte selbst 
die gewöhnliche Ackergröße zum Flächen- 
maß werden. 

Amira NOR. I 436 f. 

A. Luschin v. Ebengreuth. 

Adalbert (= Continuator Reginonis), 
wohl von vornehmer Herkunft, war 950 
in der Kanzlei Erzbischof Wicfrids von 
Köln tätig, dann kam er vielleicht noch 
durch Ottos I. Bruder Brun in die königliche 
Kanzlei und trat wohl 958 als Mönch in 
das Kloster S. Maximin, wo er 959 und 
960 als Urkundenschreiber nachzuweisen 
ist. 961 wurde er gegen seinen Wunsch 
als Bischof zu den Russen geschickt, 
kehrte nach vergeblicher Fahrt 962 zurück 
und blieb bis zu weiterer Verwendung 
am Hofe, während des Kaisers italienischer 
Abwesenheit gelegentlich in Ottos H. 
Kanzlei beschäftigt. 966 wurde er Abt von 
Weißenburg im Elsaß, 968 erster Erz- 
bischof von Magdeburg, als welcher er 
981 starb. So läßt sich mit einiger Sicher- 



heit das Leben des Mannes rekonstruieren, 
der nach dem Vorgang Giesebrechts mit 
einer an Gewißheit grenzenden Wahr- 
scheinlichkeit als Fortsetzer der bis 906 
reichenden Chronik des Abtes Regino von 
Prüm (s. d.) anzusehen ist. Auf Grund wohl 
schon länger betriebenen Materialsammelns 
hat er diese Fortsetzung anscheinend erst 
als Abt von Weißenburg niedergeschrieben 
und bis Ende 967 geführt. Für die ältere 
Zeit von 907 bis etwa 938 mußten dürftige 
schriftliche Quellen genügen, dann be- 
ginnt das eigne Wissen des Verfassers. 
Sein bewegter Lebensgang, der lange 
Aufenthalt bei Hofe, das vertraute, wenn 
auch sicher nicht, wie Wattenbach ver- 
mutete, halbbrüderliche Verhältnis zu dem 
historisch stark interessierten Erzbischof 
Wilhelm von Mainz, der ihn vielleicht 
zur Geschichtschreibung angeregt hat, 
erklären seine reichen und zuverlässigen 
Kenntnisse, die von aller provinziellen 
Beschränktheit freie Weite seines Gesichts- 
kreises. Steht sein kurzes Werk in seiner 
schlichten annalistischen Sachlichkeit als 
literarische Leistung hinter dem Widu- 
kinds zurück, so übertrifft es dasselbe weit 
an Bildungshöhe, politischem Urteil, Welt- 
blick und Objektivität, die trotz der 
höfischen Beziehungen und der selbst- 
verständlichen Parteinahme für die Dy- 
nastie verhältnismäßig groß ist. So nimmt 
diese Geschichtschreibung an Quellenwert 
unter den Chroniken der früheren Ottonen- 
zeit unbedingt den ersten Platz ein. 
Durch die gleichen Beziehungen zum Hofe 
und die Benutzung gleicher Berichter- 
stattung erklärt sich hinlänglich eine ge- 
wisse Ähnlichkeit mit den Nachrichten 
Liutprands von Cremona. 

Ausg.: Continuatio Reginonis MG. SS. rer. 
Germ. 1890. Übersetzung: Geschicht- 
schreib, d, d. Vorz. 2 28, 1890. — Watten- 
bach DGQ. I T, 410 ff. Bresslau Neues 
Arch. 25, 664 ff. Sackur Straßb. Festschr. 
z. Philologenvers. 1901, S. 249 ff. 

K. Hampe. 

Adam von Bremen kam im 24. Amts- 
jahr des Erzbischofs Adalbert (1043 od. 
45 — 1072) nach Bremen, wurde Leiter 
der Bremer Kathedralschule und Dom- 
herr. Unter dem Eindruck der bedeutenden 
Rolle, welche die hamburgisch-bremische 



36 



ADEL— ADERLASZ 



Kirche damals spielte, schrieb er sein 
Geschichtswerk Gesta Hammahurgensis 
ecclesiae pontificum, das er Adalberts 
Nachfolger Liemar widmete und weiterhin 
durch sachliche Zufügungen bereicherte. 
Was es für die Zeitgeschichte und als Denk- 
mal hoher biographischer Kunst bedeutet, 
kommt hier nicht mehr in Betracht. Da- 
gegen ist für die Altertumskunde des ger- 
manischen Nordens von der allerhöchsten 
Wichtigkeit das vierte als Descriptio insu- 
larum aquilonis bezeichnete Buch. Die 
Missionsinteressen der bremischen Kirche, 
die unter Adalbert ihre Metropolitanan- 
sprüche über die gesamten Gebiete der 
Nordgermanen und einen Teil der slawi- 
schen Ostseelande erstreckte, veranlaßten 
A. zu dieser ersten umfassenden Beschrei- 
bung, und nur im bremischen Missions- 
zentrum war es möglich, den Stoff dafür 
in diesem Umfang zusammenzubringen. 
Der Dänenkönig Sven Estrithson, Schwe- 
stersohn Knuds d. Gr., war der vornehmste 
und ausgiebigste Berichterstatter, neben 
ihm fraglos zahlreiche Missionsbischöfe 
und andere geistliche und weltliche See- 
fahrer, während Adam selbst schwerlich 
weitere Reisen gemacht hat. Indem er 
die Frage der Christianisierung stets in den 
Mittelpunkt stellt, bringt er reiche Nach- 
richten zur Geographie und Ethnographie, 
Verfassung, Wirtschaft, Mythologie, 
Sittenkunde und Sagengeschichte der 
Nordgermanen. Sein Blick erstreckt sich, 
abgesehen von dem slavischen Osten, 
über Dänemark, Schweden, Norwegen, 
die Orkneyinseln, Island, Grönland, ja 
das ferne ,,Winland'*, das man bisher 
stets an der Ostküste von Nordamerika 
lokalisierte. Ist auch das Berichtete 
je nach dem Charakter der Gewährsmänner 
verschieden zu bewerten, und laufen 
manche Fabeleien mit unter, Adam 
zeigt doch auch auf diesem Gebiete einen 
für seine Zeit selten gediegenen wissen- 
schaftlichen Sinn, und so unterschiedlich 
Bildungsgrad und Kunstleistung sind, so 
darf er in Hinsicht auf die einzigartige 
Übermittlung wertvollsten Wissenstoffes 
wohl der Tacitus des germanischen Nordens 
genannt w^erden. 

Ausg.: MG. VII 280 ff., besser Oktav- 
ausg. 1876 (neue in Vorbereitung). Über- 



setzung: Geschichtschreib, d. d. Vorzeit ^ 44, 
1888. — Wattenbach DG^. Il 6, 78 fE. 
G u n d 1 a c h He.ldenlieder II 108 ff. K o h 1 - 
mann Leipz. hist. Abhandl. X 1908. 

K. Hampe. 

Adel. Das Wort A. (ahd. adat) bedeutet 
'Geschlecht, Herkunft'. Aber es wird 
schon früh zugleich mit besonderer Be- 
ziehung einmal auf die legitime Ab- 
stammung und weiter auf das vor- 
nehme Geschlecht angewendet. Über 
das Vorkommen adliger Geschlechter in 
der deutschen Urzeit s. Art. Ständewesen. 
Die römischen Quellen bezeichnen deren 
Mitglieder als nobües. In der Zeit der 
deutschen Stämme und noch darüber hin- 
aus wird das Wort nobilis nicht überall bloß 
zur Bezeichnung eines Adels, sondern viel- 
fach auch der gemeinfreien Grundbesitzer 
gebraucht. Überwiegend aber gelten seit 
etwa dem 13. Jh. nur König, Fürsten und 
freie Herren (Inhaber von Gerichtsbe- 
zirken mit voller öffentlicher Gerichts- 
gewalt), in Süddeutschland auch die Mi- 
nisterialen (in Norddeutschland diese im 
allgemeinen erst seit dem Ende des MA.) als 
nobiles. Das deutsche Wort adlig {ethe- 
ling, adaling) wird in diesen Zeiten im 
großen und ganzen in derselben wechseln- 
den Bedeutung gebraucht. — Das Weitere 
unter Ständewesen. 

S. die Darstellungen der deutschen Rechts- 
geschichte. G. V. B e 1 o w , Art. Adel^ Handwb. 
d. Staatswiss. F. Vogt Der Bedeutungswandel 
des Wortes ^edeV. Marburg 1909. G. v. Below. 

Aderlaß ist als urgermanischer Brauch 
nicht nachweisbar, gewann aber rasch 
unter dem Einfluß der römischen Medizin 
Verbreitung bis in den entlegenen germani- 
schen Norden. Wie allgemein verbreitet 
er schon früh bei den alten Deutschen 
war, zeigt das ii. Buch der Lex Visigotho- 
rum (MGL. I i, 400 ff.) ,,De aegrotis", 
das sofort mit der Bestimmung anhebt: 
,,ne absentis propinquis mulierem medicus 
fleotomare presumat" und an sechster 
Stelle auf Schädigungen durch den Aderlaß 
zurückkommt. Auf dem Grundriß des 
Klosters von St. Gallen v. J. 820 war im 
Badehause für die Kranken auch ein 
Aderlaßraum vorgesehen (,,coquina eorun- 
dem et sanguinem minuentium"), und 
für die Gesunden, die regelmäßig mindestens 



ADLER 



37 



viermal im Jahr zur Ader ließen, war ein 
besonderes Aderlaßhaus in Aussicht ge- 
nommen (,,fleotomatis hie gustandum vel 
potionariis"), das einen großen Innenraum 
besaß mit Öfen in den vier Ecken, einem 
Herd für die Arzeneitränke in der Mitte, 
sechs Wandbänken und Tischen davor. 
Der flehotomus der Lex Visigothorum XI 
I, 6, das Aderlaßinstrument, das ags. 
blödseax, blödsex 'Blutmesser' 
hieß und später im mhd. läz-isen genannt 
wurde, ward allmählich völlig spracheigen: 
ahd. fiiodema, fliedima, fledima, fliedema, 
mhd. vletemen, flieteme, fliedem, fliedin, 
■fliete, flite, flede und ist es in der Vliete 
im Grunde noch heute. Das mhd. läzen 
für den Aderlaß ist nach dem ags. blödl^tere 
auch für die ahd. Zeit als wahrscheinlich 
vorauszusetzen. So heißt denn auch die 
Aderlaßbinde mhd. läzbendel, läzbinde, die 
halbgelehrte halbpopuläre Anweisung für 
die Blutabzapfung mhd. läzbrieve, läz-zedel, 
läsztafeln. AU dies fällt allerdings schon 
hinter das Jahr lOOO n. Chr., wie die Zeit- 
bestimmungen für die wirksamste und 
heilsamste Anwendung, die Monatsregeln, 
,,wann man lassen soll" usw., aber die 
lateinischen Traktate hierüber wurden im 
10. und II. Jahrh. auch in germanischen 
Klöstern des Südens und Nordens fleißig 
abgeschrieben. Zu der historischen Tat- 
sache, daß Karl der Dicke gegen Kopf- 
schmerz zur Ader ließ, lassen sich Parallelen 
in Fülle finden, und die angelsächsischen 
Rezeptbücher des Bald aus der Mitte 
des 10. Jahrhs. zeigen volle Kenntnis der 
Venaesektion und geben genau die Aderlaß- 
regeln der Antike wieder, z. B. I y2 
(Cockayne II 146 f.). Aderlaßinstrumente 
aus der Frühzeit sind bisher nicht sicher 
festgestellt; was seit O. Montelius 
als solches abgebildet wird, ist nicht dafür 
anzusehen, auch von Montelius selbst, 
wie Grön mitteilt, aufgegeben. 

M. H e y n e Hausaltert. III 107 — 112. Grön 
Altn. Heilkunde. Janus 1908, S.-A. S. 35 — 39. 
Payne Engl. Med. in Angl.-Sax. times 1904 
S. 93. S u d h o f f Laßtafelkunst Arcb. f. Gesch. 
d. Med. I. S. 219 — 288. Karl Baas Gesund- 
heitspflege in Baden 1908, S. 8. Sudhoff. 

Adler. § i. Für den A. (aquila) haben 
die nordeuropäischen Sprachen 



einen gemeinsamen alten Namen: urkelt. 
*eros und redupliziert *eruros, korn.bret.^r, 
kymr. eryr m., ir. ilar dissimiliert aus 
*irur, *erur{Stokes b. Fick4 II39) ; urgerm. 
*aran, got. ara, anord. ari, norw. dial. are, 
schw. dial. «r, ahd. aro, mit der (nach Kluge 
PGrdr. 2 I S. 458) aus dieser entstandenen 
Nebenform nach der w-Deklination urgerm. 
*arn-uz, anord. Qrn, dän. ^rn, schwed. örn, 
ags. earn m., me. cern, ern, am, ne. dial. 
(nordengl. schott.) erne, eirne [ern] (Wright 
EDD.),mnd. ßrw(^), «m^, mndl. arent, 2ih.d. 
mhd. (md.) am] lit. erelis m., akslav. 
orüü, alle Adler' bedeutend; auch gr. opvi? 
'Vogel' ist damit verwandt. 

Der Name bezeichnete in den nord- 
europ. Sprachen ursprünglich die verschie- 
denen großen Raubvögel der aquila-Gruppe, 
die wir heute mit gemeinsamem Namen 
im Nhd. adler, im Nord, em, öm, im Frz. 
aigle, im Engl, eagle nennen. In Deutsch- 
land scheint der Name aro aber noch in 
ahd. Zeit, zunächst wohl in Zusammen- 
setzungen, auch auf andere große Raub- 
vögel ausgedehnt worden zu sein, so daß 
sich für die eigentlichen Adlerarten seit 
dem 12. Jh. unter dem Einfluß der Falk- 
nerei die Bezeichnung adel-are 'Edel-Aar' 
einbürgerte, die das einfache ar oder am 
allmählich verdrängte (s. Suolahti 346 f.). 

§ 2. Die häufigsten Adlerarten sind in 
Mittel- und Nordeuropa der Steinadler und 
der Seeadler. Beide werden schon in alt- 
germ. Zeit unterschieden. Mit dem stoc- 
aro 'Waldadler' der spätahd. Glossare ist 
der Steinadler {^Aquila fulva) gemeint 
(Suolahti 348), während unter dem haso- 
pada earn, ceftan hwü des ags. Liedes auf 
die Schlacht von Brunanburh 937 
(V. 63) der weißschwänzige Seeadler 
[Haliaetus albicilla) zu verstehen ist. Für 
letztern haben die westgerm. Sprachen 
zudem einen eignen, alten Namen: ags. 
eamgeot, -geat, cerngeup, eamgcap (Belege 
b. Whitman 164, mit unrichtiger Deutung); 
nhd. eringrioz, -gröz, arangröz [Belege b. 
Suolahti 349). Der erste Teil dieses Kom- 
positums ist der Adlername *aran-, *arin', 
der zweite liegt nach Suolahti als selb- 
ständiges Wort in dem anord. Namen des 
Fischadlers gjöär, norw. gjo vor, der wahr- 
scheinlich zu einer Wz. jeu-:^au- 'schreien' 
gehört und in dem Kompositum früh 



38 



ADMIRALSCHAFT— ADOPTION 



mancherlei Umgestaltungen und Anglei- 
chungen erfahren hat. 

§ 3. Im germ. Mythus spielt der 
Adler als Sturmvogel eine Rolle. Die Wind- 
riesen haben vielfach Adlergestalt (E. H. 
Meyer Germ. Myth. § 152. 180). In der 
ags. P e s i e ist er der gierige Schlachten - 
vogel [gra'dig gu^hafoc, gud'fuget), der dem 
Heereszuge mit Geschrei folgt. Das poe- 
tische ags. Beiwort salowigpada 'der 
schwarzröckige' erinnert an die Bedeutung 
des lat. aquüä, das (nach Vanicek EWb.3) 
zu aquüus 'schwarz' gehört. 

Whitman JGPh. 2, 164. 167 f. (1898). 

S u o 1 a h t i Die deutschen Vogelnamen 345 bis 

352 (1909). Hoops. 

§4. Im Kunstgewerbe wird der 
A. an germanischen (gotischen und nor- 
dischen) Schnallen und Fibeln seit dem 
5. Jh. häufig angebracht, oft nur der 
Adlerkopf als Krönung, auch in Reihen 
angeordnet. Adlerfibeln bei Westgoten 
und Franken (oft auch als Falken be- 
zeichnet), den Vogel in ganzer Figur mit 
Flügeln, doch ohne Füße darstellend, 
aus Bronze oder Edelmetall, dann meist 
vollständig mit Almandinen, Granaten 
oder Glas in Zellen ausgelegt. Später 
an Architekturteilen , besonders als 
Kapitellecke in Deutschland nicht selten. 
Vermutlich aus der Lombardei importiert 
(Verona, S. Lorenzo), erscheint er so im 
10. Jh. in der Stiftskirche zu Quedlinburg, 
noch später am Dom zu Wetzlar; zuletzt 
an den Bauwerken Barbarossas, der viel 
aus Oberitalien nach dem Norden über- 
trug (Gelnhausen). A. Haupt. 

Admiralschaft [conserva, anord. samflot), 
vertragsmäßige Vereinigung der Eigen- 
tümer mehrerer Schiffe zum Zwecke gegen - 
seitigen Beistands gegen Seeräuber, sowie 
zur Unterstützung in sonstigen Seegefahren, 
also eine Art Versicherung auf Gegen- 
seitigkeit. Sie sind im Norden scharf vom 
filag (s. d.) geschieden, während im Süden 
sich eine Form findet, welche zugleich auf 
Anteil am gemeinsamen Gewinn und Ver- 
lust der Expedition ausgeht (vgl. tabula 
Amalfitana 38). 

Goldschmidt UG. d. HR. 116. v. Ami- 

ra NOR. II 816. K. Lehmann. 

Adoption. §1. Ob das germanische 
Recht eine wirkliche Adoption kannte. 



ist bestritten. Während ein Teil der 
Forscher (Stobbe, Amira usw.) nur 
das Vorhandensein j adoptionsähnlicher 
Rechtsgeschäfte zugibt, die aber nie ein 
wirkliches Kindesverhältnis, sondern nur 
gewisse erbrechtliche, obligatorische oder 
sonstige rechtliche Beziehungen begründen, 
nehmen andere, vor allem Pappen- 
heim, ein altgermanisches Rechtsinstitut 
der Adoption an, das in späterer Zeit 
benutzt wurde, nur einen Teil der ursprüng- 
lichen Wirkungen herbeizuführen. Eine 
Entscheidung der Streitfrage ist nur mög- 
lich, wenn genau zwischen den einzelnen 
Handlungen, die eventuell als Adoptions- 
handlungen in Betracht kommen könnten, 
unterschieden wird. 

§ 2. Keine germanische Adoptions- 
form ist die Einhüllung in den 
Mantel, die nachmals bei der Legitima- 
tion vorehelicher Kinder durch nach- 
folgende Ehe vorkommt und eine Er- 
neuerung des Geburtsaktes darstellt. Als 
Adoptionsform kann sie auch (wenigstens 
ursprünglich) nur von einer adoptierenden 
Frau angewendet werden; doch gehören 
die Beispiele dafür (vgl. K o g 1 e r , 
SZfRG. 25, 166 ff.) nicht der eigentlich 
germanischen Rechtswelt an, deren Ge- 
dankengängen eine Adoption durch eine 
Frau überhaupt fernliegen mußte. Auch 
die Schoßsetzung, die gelegent- 
lich als Legitimationsmittel vorkommt, 
bedeutet ursprünglich wohl allein eine 
Aufnahme in den Schoß der Mutter. 

§ 3. Verschieden von der Schoßsetzung 
ist die Kniesetzung, die in den 
westnordischen Quellen der Begründung 
der Pflegekindschaft dient und bei Nor- 
wegern, Schweden und Angelsachsen als 
Verlobungsbrauch (nicht als Hochzeits- 
brauch!) erscheint. Ließe sich auch die 
Pflegekindschaft als ein abgeschwächtes 
Adoptionsverhältnis auffassen, so versagt 
diese Erklärung doch völlig für den durch 
das Verlöbnis begründeten Rechtszustand. 
Denn das Rechtsinstitut, das für Frau 
und Kinder gleich ist, die Munt des 
Mannes, wird ja erst durch die Ehe- 
schließung, nicht durch das Verlöbnis, 
begründet. Wir haben demnach in der 
Kniesetzung, wie es scheint, einen Akt zu 
erblicken, der ein Schutz- und Treu- 



ADRANA -.^GIR 



39 



Verhältnis, aber kein Kindesverhältnis be- 
gründet. 

§ 4. Als eine Adoption durch U m - 
a r m u n g des Kindes wird die fränkische 
Affatomie (Lex Sah 46, Lex Rib. 48, 49) 
in ihrer ursprünglichen Gestalt gedeutet 
(s. u. Testament). Sicher ist, daß sie 
ursprünglich Adoption war (Lex Rib. 
spricht von einem adoptare in hereditatem). 
Aber in unseren Quellen ist sie nicht nur 
ein rein vermögensrechtliches Geschäft ge- 
worden, sondern hat auch alle familien- 
rechtlichen Formen abgestreift. Daß sie 
einst eine Umarmung war, schließt man 
aus dem etymologischen Zusammenhang 
des adfathumjan mit germ. * fapmaz m.: 
ahd. fadum, as. fadm, ags. fcüßm, anord. 
fadmr 'Busen, Umarmung'. Es ist aber 
sehr wohl möglich, daß das Verbum gar 
nicht von dieser ursprünglichen, sondern 
von der abgeleiteten Bedeutung 'Deszen- 
denz' ausgeht, so daß man Schlüsse auf 
die Form des Geschäfts aus dem Namen 
nicht ziehen kann. 

§ 5- Dagegen finden wir bei den gotisch- 
vandilischen Völkern, den Langobarden 
und auch den Franken eine Adoption 
durch Scheren des Haares oder 
Bartes und durch Waffen reichung 
seitens des Adoptierenden, bei den Dänen 
eine solche durch Waffendarbringung 
seitens des Adoptierten (Annal. Fuld. 873). 
Der Zweck und die rechtlichen Wirkungen 
dieser Adoption sind sehr verschieden. 
Teils sollte sie ein Erbrecht begründen, 
so die Waffenreichung an Gensimund 
(Cassiod. Var. VIII 9), die gaireihinx des 
Ed. Rothari 168 — 174, die Bartschur, die 
der Patricius Gregor dem Taso versprach 
(Paul. Diac. IV 40). Teils diente sie dem 
Zwecke der Emanzipation (s. d.). Teils 
endlich war sie nur ein Mittel der Herrscher, 
um Bündnisse zu schließen, wie die 
Waffenreichung Theoderichs an den Heruler- 
könig und Justins an Eutharich (Cassiod. 
Var. IV 2. VIII l) oder die Bartschur 
Chlodwigs durch den Westgotenkönig Ala- 
rich, endlich die Waffendarbringung der 
Dänenkönige an Ludwig den Deutschen. 
In allen diesen Fällen aber, so verschiedenen 
Zwecken sie dienten, heben die Quellen 
ausdrücklich hervor, daß durch die be- 
treffende Handlung ein Sohnesverhältnis 



begründet sei, so daß am Adoptions- 
charakter dieser Handlungen nicht zu 
zweifeln ist. Doch verschaffte weder die 
Waffenreichung noch die Haarschur dem 
Angenommenen irgendwelche rechtlichen 
Beziehungen zu den Verwandten des An- 
nehmenden. Von der Geschlechtsleite 
war diese Adoption grundverschieden. 
Grimm DRA. 4 201 f. 230. 598. 638 ff. 
S o h m Fränkische Reichs- u. Gerichtsverfassung 
548 ff. S t o b b e Deutsches Privatrecht IV 3 
451 ff. Amira PGrundr. III 167. Maurer 
Vorl. III 190 ff. B r u n n e r DRG. I « 103. 
Schröder DRG. 5 69. 332. 347 f. Pappen- 
heim SZfRG. 29, 315 ff. (Bei Stobbe, Brunner, 
Schröder und Pappenheim die übrige Literatur.) 
— S.u. Emanzipation, Geschlechts- 
leite. S. Rietschel. 
Adrana, Fluß im Land der Chatten 
(Tacitus Ann. i, 56), die jetzige E d e r. 

R. Much. 
Aduatuci. Das Volk dieses Namens, 
das in Belgien zwischen Eburonen und 
Nerviern seßhaft war, besteht nach Caesar 
BG. 2, 29 aus Abkömmlingen einer Ab- 
teilung von Kimbern und Teutonen, die 
von diesen zur Bewachung eines Lagers 
zurückgelassen worden war. Ihr Name 
ist keltisch und nach Glück {Die kelt. 
Namen bei Caes. 8) Aduatuci zu schreiben. 
Doch bietet die Überheferung zum Teil 
Atuatuci, was Zangemeister (Rhein. 
Jahrb. 81, 84) vorzieht. S. Kimbern. 

R. Much. 
JEgir ist in der isländischen Dichtung 
die mythische Personifikation des ruhigen 
Meeres. Sein Name bedeutet ursprünglich 
das Meer schlechthin; das Wort gehört 
zu got. ahva, griech. tJü-/£avd?. Nach späten 
Zeugnissen soll er mit andern Namen 
Gymir oder Hier geheißen und auf der 
dänischen Insel Hlesey (Laesö) im Kattegat 
seinen Sitz gehabt haben. Seine Frau ist 
Rän (s. d.), mit der er neun Töchter 
erzeugt hat, Personifikationen der Wogen, 
die nach der Mutter geartet sind und bei 
Stürmen den Schiffern ihre Umarmung 
bieten. Unter dem Namen Hier begegnet 
er auch als Sohn des Fornjöt (s. d.) und 
Bruder des Logi und Käri. Mit den 
Göttern steht er in gastfreundlichem Ver- 
kehr. Wiederholt kehren diese in seiner 
mächtigen Halle zu frohem Gelage ein, 
da er Speise und Trank in Überfluß besitzt 



40 



AFFE - AFTERLEHN 



(Hymiskv.). Bei solchen Gelagen pflegen 
nach der Lokasenna seine Diener Eldir 
(„Feuer") und Funafengr („Funkenfang") 
aufzuwarten, ^gir war eine Gestalt der 
Dichtung, eine volkstümlichen Glaubens 
ist er schwerlich gewesen. 

E. Mogk. 

Affe, § I. Der A. {Simia) war den Indo- 
germanen unbekannt: kein Name reicht 
in die Urzeit zurück. Wohl aber haben 
wir einen alten gemeingerm. Na- 
men *apan- swm.: anord. api, schwed. 
apa, dän. abe; ags. apa, me. äpe, ne. ape; 
as. apo, mnd. ape, nnd. dp, mndl. ape, 
nndl. aap; ahd. affo, mhd. nhd. äffe. 
Daneben ein Femininum mnd. ape, ahd. 
affa swf. und anord. apynja {jönSt.), 
aschwed. epin-, mndl. apinne, nndl. apin; 
ahd. affin, affinna (/^-Stamm) 'Äffin\ 

Schon frühzeitig hat man den germ. 
Namen mit der Hesych -Glosse dßpavar 
KsATol TOüc y.zpy.oTzibrpioug in Beziehung 
gebracht, indem man dßpava? in *dßßdva?, 
*dßocva? verbesserte, und Schrader (Bezz. 
Beitr. 15, 287 u. Reallex. unt. 'Affe') ver- 
mutet, daß die Germanen den Namen des 
Affen schon vor der ersten Lautverschie- 
bung von den Kelten erhielten, die das 
Tier vielleicht von Massilia her kennen 
lernten. Doch hat sich der alte Name in 
den kelt. Sprachen nicht erhalten, denn 
ir. gäl. ap, kymr. ab sind aus dem Engl, 
entlehnt (Macbain ED. 17). Aus dem 
German. drang das Wort nach der ersten 
Lautverschiebung ins Slavische: aruss. 
nslov. opica, czech. opice (Miklosich EWb. 
224). Wir dürfen wohl annehmen, daß 
schon in vorchristlicher Zeit südländische 
oder keltische Kaufleute vielfach mit Affen 
durch die german. Länder zogen; vielleicht 
hat sich auch mancher german. Häupthng 
zum Zeitvertreib einen Affen gehalten 
(Schrader Reallex.). 

§ 2. Andre germ. Benennungen für den 
Affen sind: mndl. simme, simminkel aus 
lat. simia, *simiuncula und vereinzelt ags. 
sprinca 'circopythicos' (WW. 204, 2>7), 
das Schrader (Reallex.) auf lat. spinga, 
sp[h)ingion, sphinx 'Affenart' zurückführt. 

§ 3. Eine besondere Affenart, die lang- 
geschwänzte Meerkatze [Cercopithe- 
czis), wird auf deutschem Sprachgebiet 
schon im frühen MA. mit diesem Namen 



bezeichnet: ahd. meri-kazza, mhd. mer- 
katze, mnd. merkatte, mndl. meercatte. Wo- 
her der Ausdruck stammt, ist zweifelhaft. 
Schrader Reall. (1901). Palander 
Ahd. Tiernamen 20 — 22 (1899). Jordan Ae. 
Säugetiernamen 26 f. (1903). 

Hoops. 

Afterlehn. § 1. Deutschland. 
Dem Wesen des beneficium (s. d.) wider- 
sprach es nicht, daß der Empfänger das 
Gut in Afterleihe gab, und es ist anzu- 
nehmen, daß dies bereits in karolingischer 
Zeit geschah. Damit war der Afterbe- 
lehnung (der späteren subinfeudatio per 
dationem) der Weg gebahnt. Die Vassallen 
der seniores, von denen das Capit. von 805 
c. 9 (MGL. 40 Sect. II Tom. I p. 124) 
spricht, mögen größtenteils Aftervassallen 
des Königs gewesen sein. Im romanischen 
Gebiet heißen die Aftervassallen vavassi 
oder valvasores. Die langobardischen Con- 
suetudines feudorum (ed. Lehmann I 2, 4) 
nennen die Aftervassallen der königlichen 
Vassallen regis valvasores, deren Vassallen 
minores valvasores oder valvassini und be- 
schränken die Afterbelehnung auf diese 
2 Grade. Die Afterbelehnung durch mino- 
res valvasores soll kein Lehn begründen. 
Später unterschied man drei Arten von 
valvasores: majores, gewöhnliche und 
minores, und dehnte die Afterbelehnung 
auf drei Grade aus (ebenda III, VIII 16). 
Das deutsche Lehnrecht der Folgezeit 
kennt solche Beschränkung nur bei weni- 
gen Lehnen (höhere Gerichtslehen durften 
nicht über die dritte Hand verliehen 
werden), im übrigen war die Afterver- 
leihung in weiterem Umfange gestattet, 
und es ergaben sich daraus 7 Heerschild - 
stufen. Der Aftervassall {'mannes man', 
'secundus etc. in beneficio' stand in direktem 
Lehnsverhältnis nur zu seinem senior 
[primus dominus), nicht zu den Oberherren 
[secundus, tertius dominus, usque ad domi- 
num imperii). TDoch ergaben sich bei 
Veränderungen in den Zwischengliedern 
nicht selten unmittelbare Beziehungen 
auch zu jenen, wie in späterer Zeit die Ur- 
teilsschelte im Lehngericht an den Ober- 
herrn erging. 

F i c k e r Vom Heerschilde 1862, H o m e y e r 

System des Lehnrechts §§3, 4, 88 ua. 

§ 2. Norden. A. kommen auch im 
Norden vor. Die Hirdskra gestattet aus- 



AGERMANAMENT— AGRARVERFASSUNG 



41 



drücklich dem Jarl, die vom König ihm 
verliehenen Grundstücke für die Zeit seines 
Lehens weiter zu verleihen (Kap. 17) und 
die Möglichkeit, daß auch der lendrmadr 
oder syslumadr seine veizla an seine 
huskarlar oder setusveinar weitergab, ist 
in der Hir^skra Kap. 19 grundsätzlich 
nicht ausgeschlossen. 

Taranger II i 270. 281. K.Lehmann. 

Agermanament (germinamento), Verbrü- 
derung, ein eigentümlicher Vertrag des 
romanischen Seerechts, durch welchen für 
den Fall einer Seegefahr eine Gemeinschaft 
von Schiff und Ladung unter den ver- 
schiedenen Eigentümern derart begründet 
wurde, daß jedes Objekt für das andere 
mit einstehen, also der Schade auf alle 
gleichmäßig repartiert werden sollte, prak- 
tisch also eine Art Versicherung auf Gegen- 
seitigkeit. Ein Zusammenhang mit der 
Blutsbrüderschaft ist möglich, aber bisher 
nicht nachgewiesen. 

Goldschmidt ZfHR. 35, 342 ff. M. 

Pappenheim SZfRG. 29,332. Lehmann 

HR. 936, K. Lehmann. 

Agnus Dei, Lamm Gottes, Sinnbild 
Christi. Das Lamm mit dem Kreuze, 
dem Hirtenstab oder der Fahne, den 
Kopf meist rückwärts gewandt; oft mit 
Kopfnimbus, auch von zwölf Lämmern 
(den Aposteln) umgeben, dann höher 
stehend. An einem Portal zu Ronnenberg 
(9./10. Jahrh.) bei Hannover im dach- 
förmigen Sturzbalken in der Mandorla, 
umgeben von Fischen, Vögeln und Un- 
tieren, in flachem Relief. 

Haupt Älteste Kunst d. Germanen 92, 

Abb. 57. A. Haupt. 

Agrarverfassung. 

A. Römerzeit. Einleitung §1. I.Seßhaftig- 
keit § 2 — 6. II. Der jährhche Wechsel der Feld- 
marken und Wohnsitze in Caesars Zeit § 7 — 15. 
III. Das german. Agrarwesen zur Zeit des Tacitus 
§ 16 — 20. IV. Vergleich der Zustände bei Caesar 
und Tacitus § 21 — 22. (Hoops.) — B.Früh- 
mittelalter. L Deutschland § 23 — 29. (v. 
Schwerin.) — II. England § 30 — 38. (Vinogra- 
doff.) — III. Norden § 39 — 45, (v. Schwerin.) 

A. Römerzeit. §1. Was wir über 
das Agrarwesen der Germanen in vor- 
geschichtlicher Zeit wissen, beruht — 
vom eigentlichen Ackerbau (s. d.) abge- 
sehen — im wesentlichen auf Rück- 
schlüssen aus den Zuständen bei ihrem Ein- 



tritt in die Geschichte. Die Darstellung 
der altgerman. A. wird deshalb am besten 
auf den Versuch einer hypothetischen Re- 
konstruktion vorzeitlicher Verhältnisse ganz 
verzichten und mit einer Kritik der zum 
Teil recht unbestimimten und widerspruchs- 
vollen Nachrichten der antiken Schrift- 
steller einsetzen. Nur bei einer wichtigen 
Unterlage für die Beurteilung des altger- 
manischen Agrarsystems, bei der Frage 
nach dem Maß von Seßhaftigkeit, die wir 
den Germanen zusprechen dürfen, werden 
wir auf vorgeschichtliche Verhältnisse 
zurückgreifen müssen. 

I. Seßhaftigkeit. § 2. Die 
meisten Menschen und Völker neigen von 
Natur zur Ruhe und seßhaften Lebens- 
weise. Solange sie ausreichende Jagd- und 
Weidegründe und fruchtbare Ackerfelder 
haben und nicht von Feinden verdrängt 
werden, bleiben sie auf ihrer Scholle 
wohnen. Selbst die primitiven Jäger- und 
Fischervölker irren nicht ziel- und heimat- 
los in der Wildnis umher; sie kehren von 
ihren Jagdzügen zu festen Sitzen am 
Rande der Wälder und Gewässer zurück. 
Die Nomaden allein werden durch beson- 
dere Wirtschaftsverhältnisse zu einer un- 
stäteren Lebensweise gezwungen. 

Zahlreiche archäologische, sprachliche 
und literarische Zeugnisse weisen nun mit 
Bestimmtheit darauf hin, daß die Ger- 
manen wie alle mittel- und nordeuropäi- 
schen Völker seit langen Zeiträumen einen 
viel größeren Grad von Seßhaftigkeit 
hatten, als man ihnen oft zuzugestehen 
bereit ist. 

§ 3. Schon die Jäger- und Fischervölker 
der frühesten dänischen Muschel - 
häufen in der älteren nordischen Stein- 
zeit, die noch von Ackerbau und Viehzucht 
nichts wußten, führten ein seßhaftes, ge- 
selliges Leben und bewohnten Jahrhun- 
derte lang die gleichen Plätze, wie die 
Mächtigkeit der Haufen von Küchenab- 
fällen zeigt. Für die jüngere Steinzeit und 
Bronzezeit sind die Pfahlbaudörfer 
Mittel- und Nordeuropas mit ihren kunst- 
vollen Gebäudekonstruktionen und den 
reichen Spuren landwirtschaftHchen Be- 
triebes ein schlagender Beweis für einen 
vorgeschrittenen Grad dauernder Seßhaf- 
tigkeit. Der Einwand, es stehe ,, nichts 



42 



AGRARVERFASSUNG 



der Annahme entgegen,'^' daß ^ der " eine 
Stamm den andern vertrieben und in 
seinen Pfahlbauten weiter gehaust habe" 
(Schrader Sprachvgl. u. Urgesch.^ II 215, 
Anm.), ist hinfällig: kein Volk wird so 
mühevolle Bauten errichten, wenn es nicht 
die Hoffnung auf langjährige Bewohnung 
hegt. Ein unwiderleglicher Beweis für 
dauernde Seßhaftigkeit in frühen prä- 
historischen Zeiten sind auch die ausge- 
dehnten vorgeschichtlichen Friedhöfe, 
die immer in der Nähe von alten Nieder- 
lassungen liegen und meist Generationen 
hindurch in Benutzung waren; ferner die 
Kontinuität der Ortschaften 
selbst, die sich vielfach aus der jüngeren 
Stein- und Bronzezeit bis in die historischen 
Perioden hinein nachweisen läßt. Die 
Höhe des Ackerbaus, die 
große Zahl der kultivierten 
P f 1 a n z e n (s. Ackerbau, Kulturpflanzen) 
und namentlich die Kultur des 
Apfelbaums (s. Obstbau, Apfel), Tat- 
sachen, die sich archäologisch bis in die 
Steinzeit und sprachlich in die idg. Urzeit 
zurückverfolgen lassen, sind mit einem 
beständigen Wechsel der Wohnsitze unver- 
einbar. 

§4. In sprachlicher Hinsicht 
sind zwei german. Ausdrücke wichtig, in 
denen der Begriff 'Gehege, Hof, Garten' 
und 'Gehöft, Haus, Wohnung' ineinander 
übergehen. Gemeingerm, ist got. gards 
'Hof, Haus' nebst den Kompositis aürti- 
gards, weinagards, wo es 'Garten' bedeutet, 
anord. garär 'eingehegter Hof, Gehöft, 
Haus', ags. geard 'Umfriedigung, Garten, 
Wohnung', as. gard 'Umzäunung, Woh- 
nung', ahd. gart 'Kreis'; daneben die 
schwache Form got. garda 'Gehege, Stall', 
afries. garda, as. gardo, ahd. garto 'Garten'. 
Es ist ein uraltes ErbWort, das Ent- 
sprechungen in andern idg. Sprachen hat: 
gr. /opTO? 'Gehege, Hof, Viehhof, lat. 
hortus 'Garten', air. gort 'Saat' und das 
vielleicht früh aus dem German. entlehnte 
akslav. gradü 'Einfriedigung, Burg, Stadt'. 
Nur im West- und Nordgermanischen be- 
legt ist die Sippe ahd. as. ags. hof 'Hof, 
Gehöft', aber auch 'Fürstenhaus', anord. 
hoj 'Tempel mit Dach'. Der Bedeutungs- 
übergang ' H o f - H a u s ' in beidenReihen 
zeigt, daß das Haus schon in urgerm. Zeit 



keine vorübergehende Ruhe- oder Schutz - 
Stätte, sondern eine feste, mit einem ein- 
gehegten Hof oder Garten umgebene 
Niederlassung war. Für die frühhistorische 
Zeit wird uns dies durch die Angabe des 
Tacitus (Germ. 16): suam quisque domum 
spatio circumdat bestätigt, woraus zu- 
gleich erhellt, daß Haus und Hof damals 
bereits Sondereigentum waren. 

§ 5. Eine Reihe literarischer 
Zeugnisse bei römischen Schriftstellern 
beseitigen die letzten Zweifel an dem Vor- 
handensein fester Ortschaften bei den Ger- 
manen. Caesar nennt die von ihm nieder- 
gebrannten Niederlassungen der Sugambrer 
vici aedificiaque 'Dörfer und Gehöfte' 
(Bell. Gall. 4, 19). Den Ubiern befiehlt 
er (6, 10), ut pecora deducant suaque oninia 
ex agris in p p i d a conferant, und 
selbst die wilden Sveben wohnen in 
oppidis, die sie beim Rheinübergang 
Caesars verlassen [Suehos . . . nuntios in 
omnes partes dimisisse, uti de oppidis 
demigrarent), um Kinder, Frauen und Hab 
und Gut in die Wälder zu flüchten (4,19). 
Tacitus (Germ. 46) hebt als charakteristi- 
schen Unterschied zwischen Germanen und 
Sarmaten hervor, daß erstere Häuser bauen 
[domos figunt), letztere auf Wagen leben 
{in plaustro equoque viventihus), — es ist 
der Gegensatz zwischen seßhaften Acker- 
bauern und unstäten Nomaden und Reiter- 
völkern. Selbst die Knechte der Ger- 
manen wohnen nach Tacitus in eignem 
Haus und Hof: suam quisque sedem, suos 
penates regit (Germ. 25). Und alles, was 
der Römer uns sonst von der Siedlungsart 
der Germanen mitteilt, (so namentlich die 
Stelle Germ. 16: Colunt discreti ac diversi 
etc.), spricht durchweg für Seßhaftigkeit. 
Auch die Anwendung einer tief eingreifen- 
den künstlichen Bodendüngung nach Art 
des Mergeins, wie sie PHnius (Nat. Hist. 17, 
47) von den Ubiern berichtet, setzt unbe- 
dingt durchaus seßhafte Verhältnisse und 
einen langjährigen, ungestörten Ackerbau 
voraus. (S. ferner 'Siedlungswesen'.) 

§ 6. Nach alledem ist es wohl über 
jeden Zweifel erhaben, daß die germani- 
schen Dörfer der vortaciteischen Zeit nicht 
,, Zeltlager" waren, die man abbricht und 
an anderer Stelle wieder aufbaut, sondern 
daß schon seit dem Bronzealter ruhige, 



AGRARVERFAS SUNG 



43 



seßhafte Lebensweise bei den Germanen 
die Regel war. 

Dies Ergebnis, zu dem uns die Zeugnisse 
der Archäologie, der Sprachwissenschaft 
und der klassischen Schriftsteller führten, 
scheint allerdings zu dem unruhigen Bilde 
das uns Caesar vom Agrarwesen der Ger- 
manen entwirft, in schneidendem Gegensatz 
zu stehn. 

II. Der jährliche Wechsel 
der Feldmarken und Wohn- 
sitze in Caesars Zeit. § 7. 
Privati ac separati agri apud eos nihil est, 
neque longius anno remanere uno in loco 
incolendi causa licet, sagt Caesar (Bell. 
Gall. 4, l) von den Sveben und ähnlich 
(6, 22) von den Germanen im allgemeinen: 
neque quisquam agri modum certuni aut 
fines habet proprios, sed magistratus ac prin- 
cipes in annos singulos gentibus cognationi- 
busque hominum, qui tum una coierunt, 
quantum et quo loco visum est agri attri- 
buunt atque anno post alio transire cogunt. 

Es gibt also nach Caesars Darstellung 
bei den Germanen noch keinen privaten 
Grundbesitz des einzelnen; der gesamte 
Grund und Boden ist vielmehr im dau- 
ernden Besitz größerer Gemeinschaften, die 
6, 23 näher als pagi und regiones 'Gaue' 
und 'Untergaue' bezeichnet werden. Die 
Behörden derselben {magistratus ac prin- 
cipes) weisen den einzelnen Sippen und 
Geschlechtsverbänden, wie sie sich jeweils 
zusammen getan haben {qui tum una 
coierunt), auf je ein Jahr ein Stück Landes 
zur Bewirtschaftung zu, dessen Größe und 
Lage von dem Befinden der Obrigkeit ab- 
hängt. Keine Sippe darf länger als ein 
Jahr in einer Feldmark zu Wohnzwecken 
[incolendi causa) sich niederlassen; im 
nächsten Jahr muß sie in eine andere über- 
siedeln. Aus der Bemerkung über die 
leichte Bauart der Häuser [ne accuratius 
ad frigora atque aestus vitandos aedificent 
6, 22), die von den Germanen mit dem 
jährlichen Wechsel in ursächlichen Zu- 
sammenhang gebracht wurde, ergibt sich, 
daß der Wechsel der Feldmark zugleich 
mit einer Änderung des Wohnsitzes ver- 
bunden war. 

§ 8. Dieser Wohnungswechsel ist aber 
nicht mit Haussen, Leverkus, v. Sybel und 
Rachfahl als ein Austausch der Häuser 



unter den Sippen oder den aus ihnen ge- 
bildeten Genossenschaften aufzufassen (s. 
Hoops Waldb. u. Kulturpfl. 510; Max 
Weber Jahrb. f. Nationalök. u. Statist. 
3. F. 28, 462); vielmehr sprechen die Worte 
ne accuratius aedificent etc. umgekehrt da- 
für, daß die Wohnstätten der germanischen 
Stämme, die Caesar hier im Sinne hat, 
nicht feststehende Dauerwohnungen, son- 
dern leicht gebaute Hütten waren, die als 
fahrende Habe in die neuen Wohnsitze 
mitgenommen wurden. Das Haus dürfte 
schon zu Caesars Zeit zum Privatbesitz des 
einzelnen gehört haben. 

Auch an einen jährhchen Austausch der 
Feldmarken unter den Sippen, wie ihn 
Haussen (Agrarhist. Abh. I 84. 88. 92 ff.) 
und Leverkus (ebd.) sich vorstellen, ist 
nicht zu denken ; Caesar spricht überhaupt 
nicht von Tausch: er sagt nur, die Sippen 
würden von den Behörden genötigt, jähr- 
lich anderswohin umzusiedeln [alio 
transire). 

Dies haben nun manche anderseits so 
aufgefaßt, daß die Germanen alljährlich 
neue Stücke Wildland gerodet hätten. (So 
Waitz DVG. 2 I 97; Erhardt GGA. 1882, 
1230; R. Schröder DRG.5 56; Hildebrand 
Recht U.Sitte I 65 ff.) Daß bei eintretender 
Übervölkerung oder bei ungünstigen Boden- 
verhältnissen Neuland urbar gemacht wurde, 
ist selbstverständlich (s. Rodung) ; daß dies 
eine ständige Regel des jährlichen Wirt- 
schaftsbetriebs war, ist aus Caesars Worten 
nicht zu entnehmen und durchaus unwahr- 
scheinHch: man wäre der mühsamen Tätig- 
keit des Rodens wohl bald satt geworden. 
Was hätte sie auch für einen Sinn gehabt 
in einem Lande, wo alter Kulturboden genug 
vorhanden war.^ Es war sicher bequemer, 
Brachland zu bestellen als Neuland zu 
roden ; nur in Fällen dringenden Bedürfnisses 
wird man zu letzterer Maßnahme ge- 
schritten sein. 

Wir haben es offenbar weder mit einem 
Austausch der Feldmarken und Wohn- 
sitze, noch mit jährhchen Rodungen, son- 
dern mit einer wilden Feldgras- 
wirtschaft zu tun, dh. ein Stück Land 
wurde ein Jahr als Saatfeld unter den Pflug 
genommen, um dann mehrere Jahre brach 
zu liegen und als Weide benutzt zu werden, 
wobei das zu bebauende Land alljährhch 



44 



AGRARVERFASSUNG 



an die Sippen neu verteilt wurde und jede 
Sippe mit dem Acker zugleich ihren Wohn- 
sitz jährlich änderte. 

§ 9. Es ist nun ohne weiteres klar, daß 
diese jährliche Verlegung des Wohnsitzes 
für den einzelnen mit vielen Unbequem- 
lichkeiten verbunden war und zu den oben 
aufgeführten Zeugnissen für größere Seß- 
haftigkeit im schroffen Gegensatz steht. 
Sie ist ebenso wie die jährliche Neuver- 
teilung des Ackerlandes an die Sippen auch 
wirtschafthch irrationell und der Ent- 
wicklung einer intensiveren Bodenkultur 
hinderlich. ,,Ein erfolgreicher und die be- 
teiligten Menschen selbst befriedigender 
Ackerbau", sagt von der Goltz (Gesch. d. 
deutsch. Landwirtsch. 1 47), ,,ist nicht mög- 
lich, wenn nicht dieselben Grundstücke 
dauernd oder doch längere Zeit in den 
Händen der nämhchen Personen sich be- 
finden." Kein Wunder, daß sich Caesar 
genau nach den Gründen des eigen- 
artigen, ihm selber offenbar auffallenden 
Systems erkundigt hat. 

§ 10. Eins rei multas afferunt c au s a s , 
sagt er 6, 22: ne assidua consuetudine capti 
Studium belli gerendi agricultura commu- 
tent; ne latos fines parare studeant poten- 
tioresque humiliores possessionibus expel- 
lant; ne accuratius ad f rigor a atque aestus 
vitandos aedi/icent; ne qua oriatur pecuniae 
cupiditas, qua ex re factiones dissensionesque 
nascuntur; ut animi aequitate plebem con- 
tineant, cum suas quique opes cum poten- 
tissimis aequari videat. 

§ II. Unter den hier angeführten Ur- 
sachen für den jährlichen Flur- und Wohn- 
sitzwechsel fehlt auffallenderweise jedwede 
wirtschaftliche Begründung; der erste und 
augenscheinhch wichtigste Grund ist die 
Rücksicht auf die Erhaltung der Kriegs- 
tüchtigkeit des Volks; man fürchtet, daß 
durch die andauernde Beschäftigung mit 
der friedUchen Arbeit des Ackerbaus die 
militärische Schlagfertigkeit und der krie- 
gerische Geist leiden könnten [ne assidua 
consuetudine capti Studium belli gerendi 
agricultura commutent). Das agrarische 
Element tritt also im Kulturleben der Ger- 
manen in Caesars Zeit vor dem mili- 
tärischen in den Hintergrund. Hier 
liegt der Angelpunkt der ganzen Frage. 
(So Waitz DVG. ^ I 94 ff.; M. Much Mitt. 



d. Anthrop. Ges. Wien 8, 231 ff. (1879); 
Erhardt Hist. Zeitschr. 79, 294 ff. (1897); 
Kötzschke Gliederung d. Gesellsch. 286 f. 
300; Max Weber aaO. 445 ff. ; Hoops Waldb. 
u. Kulturpfl. 516 ff.) 

Die Germanen treten als ausgesprochene 
Kriegsvölker in die Geschichte ein. 
Durch Übervölkerung oder äußere 
Feinde aus der nordischen Heimat ver- 
trieben, ist ein großer Teil von ihnen in 
rastlosem Vordringen begriffen; mit Weib 
und Kind und Hab und Gut wandern diese 
germanischen Scharen in langsamem, durch 
kürzere oder längere Ruhepausen unter- 
brochenem Zuge südwärts, nicht nur um 
zu rauben und zu plündern, sondern um 
sich mit der Waffe in der Hand neue 
Ackerfelder und Weidegründe zu erobern, 
wie es uns Plutarch von den Cimbern und 
Teutonen bezeugt. Ein Stamm drängt den 
andern und läßt ihn nicht zu langem 
Frieden kommen. Wenngleich in den Ruhe- 
pausen Ackerbau getrieben werden muß, 
um das nötige Korn für die Volksernährung 
zu gewinnen, die durch Plünderung allein 
nicht in ausreichendem Maße bewerk- 
steUigt werden kann, so muß doch unter 
solchen Verhältnissen der Ackerbau wie das 
ganze Wirtschaftsleben sich den Anfor- 
derungen des Kriegswesens unterordnen. 
Daher der militärisch-spartanische Grund- 
zug, der den germanischen Volkscharakter 
zur Zeit Caesars ähnlich wie den der 
Griechen und Römer in frühhistorischer 
Zeit durchweht. Das Waffenhandwerk ist 
nach dem übereinstimmenden Zeugnis der 
klassischen Autoren die liebste und vor- 
nehmste Beschäftigung des freien Ger- 
manen. 

§ 12. ' Nun ist zur erfolgreichen Durch- 
führung eines Kriegs, in dem die Volks- 
genossen mehr denn irgendwo gegenseitig 
aufeinander angewiesen sind, das feste, ein- 
heitliche Zusammenwirken aller die erste 
und unerläßlichste Voraussetzung. Das 
aber läßt sich nur bei straffer staat- 
licher Organisation, bei unbe- 
dingter Unterordnung des einzelnen unter 
den Gesamtwillen erreichen. Daher in 
allen Mihtärstaaten jenes starke Hervor- 
treten der Staatsidee, das schon den mili- 
tärisch organisierten Stammesstaaten des 
Altertums ihr eigenartiges Gepräge gibt. 



AGRAR VERFASSUNG 



45 



Alle wirtschaftlichen und sozialen Maß- 
nahmen laufen in solchen Staatengebilden 
letzten Endes in die Rücksicht auf die 
Wahrhaftigkeit und staat- 
liche Autorität als ihren Brenn- 
punkt aus und empfangen von daher ihre 
charakteristische Färbung. Alles, was ge- 
eignet ist, die Kriegsbereitschaft und die 
staatliche Autorität zu stärken, wird be- 
günstigt und alles vermieden, was ihnen 
Eintrag tun könnte. 

§ 13. Nichts aber ist in primitiven Kul- 
turverhältnissen mehr dazu angetan, den 
kriegerischen Sinn und das Stammesgefühl 
zu untergraben, als Seßhaftigkeit und die 
Ausbildung von Privatvermögen und pri- 
vatem Grundbesitz, während umgekehrt 
die Feldgemeinschaft, das Fehlen jeglichen 
individuellen Grundbesitzes und der jähr- 
liche Wohnungswechsel, wie sie nach 
Caesars Schilderung bei den Germanen 
Brauch waren, offenbar äußerst wirksame 
Mittel zur Hebung des Solidaritätsgefühls 
und zur Erhaltung der Kriegsbereitschaft 
waren. Wir verstehen es nun, weshalb die 
Germanen auf die Bewahrung dieser Ein- 
richtungen solches Gewicht legten : daß der 
einzelne nicht an Haus und Hof hangen, 
sich nicht behaglich einrichten sollte {ne 
accuratius ad frigora atque aestus vitandos 
aedificent), daß er keinen Grundbesitz er- 
werben [ne latos fines parare studeant), 
keine Reichtümer ansammeln sollte [ne 
qua oriatur pecuniae cupiditas). 

§ 14. Die Feldgemeinschaft und der 
jährliche Wechsel der Feldmarken hatten 
zugleich den weiteren, sozialpolitischen 
Zweck, keine Unzufriedenheit unter den 
Stammesgenossen, insbesondere bei dem 
niederen Volk, aufkommen zu lassen [ut 
animi aequitate plehem contineant). Der 
erklärende Zusatz cum suas quisque opes 
cum potentissimis aequari videat macht es 
wahrscheinlich, daß jeder das gleiche An- 
recht auf den gemeinschaftlichen Grund 
und Boden hatte, und daß die Verschieden- 
heit in der Größe und Lage der von den 
Behörden den einzelnen Sippen quantum 
et quo loco visum est zugeteilten jährlichen 
Ackerquoten nicht sowohl durch Standes- 
unterschiede als durch die Größe der 
Sippen bedingt war. Wenn es kein pri- 
vates Grundeigentum gab und das Acker- 



land jährlich neu verteilt wurde, so hatte 
ja offenbar keine Sippe ein Interesse daran, 
mehr Land zu erhalten, als sie bewirt- 
schaften konnte und zu ihrem Unterhalt 
brauchte, und die Erwerbung von Groß- 
grundbesitz blieb von selbst außer Frage. 
Alles das mußte in der Tat den Abstand 
zwischen Vornehm und Gering weniger 
fühlbar machen. 

§ 15. Die Durchführung dieses von de- 
mokratischem Geist durchwehten Systems 
hing allerdings an zwei Voraussetzungen. 
Die jährliche Neuverteilung des Acker- 
landes läßt sich zu allgemeiner Befrie- 
digung nur bewerkstelligen, solange anbau- 
fähiges Land im Überfluß vorhanden ist, 
und der jährliche Wechsel des Wohnsitzes 
ist nur bei einer militärisch straffen 
Stammesorganisation denkbar, wie sie ein 
andauernder, höchstens von vorübergehen- 
den Ruhepausen unterbrochener Kriegs- 
zustand mit sich bringt. In Gegenden, wo 
wenig anbaufähiges Land vorhanden war, 
oder wo die Zunahme der Bevölkerung 
gutes Kulturland sparsam und wertvoll 
machte, mußte frühzeitig das Streben nach 
Erwerbung privaten Grundeigentums her- 
vortreten; und in langen Friedenszeiten 
hätte sich der Freiheitssinn der Germanen 
sicher bald gegen die zwangsweise Durch- 
führung des wirtschaftlich irrationellen und 
für die Bequemlichkeit des einzelnen so 
lästigen Wohnungswechsels empört. 

Anbaufähiges Land war noch zu Tacitus' 
Zeit reichlich vorhanden; aber daß jenes 
unruhvolle Agrarsystem der Germanen mit 
seiner jährlichen Neuverteilung des Acker- 
landes unter die Sippen eines Gaus und 
seinem jährlichen Wohnungswechsel, wie 
Caesar sie schildert, nicht normale Frie- 
densverhältnisse darstellt, sondern i n 
einem kriegerischen Aus- 
nahmezustand seinen Ur- 
sprung hat, lehrt uns ein Blick auf 
Kap. 26 der Germania, worin Tacitus seine 
Auffassung des altgermanischen Agrar- 
wesens niedergelegt hat. 

III. Das germanische Agrar- 
wesen zur Zeit des Tacitus. 
§ 16. Agri pro numero cultorum ah uni- 
versis in vices occupantur, quos mox 
inter se secundum dignationem parti- 
untur; jacilitatem partiendi camporum 



46 



AGRARVERFASSÜNG 



spatia praestant. Arva per annos mutant, 
et super est ager: nee enim cum uhertate 
et amplitudine soll lahore contendunt, 
ut pornaria conserant et prata separent 
aiit hortos rigent : sola terrae seges imperatur. 

Von dem anbaufähigen Land [agri) einer 
Feldmark wird nur jeweils ein Teil, dessen 
Größe sich nach der Zahl der Bebauer 
richtet {pro numero cultorum), von der ge- 
samten Markgenossenschaft [ab universis) 
gemeinsam unter Kultur genommen [occu- 
pantur) ; die occupatio der agri, des für den 
Anbau ausgewählten Landes — der Bifang 
nach einem mittelalterl. Ausdruck — ge- 
schieht in vices, im Turnus: innerhalb der 
ganzen Feldmark wird abwechselnd bald 
dieser, bald jener Bezirk bestellt, so daß 
das Ackerland allmählich die ganze über- 
haupt anbaufähige Fläche der Mark durch- 
wandert. Aus dem zuverlässig bezeugten 
in vices wie aus dem ganzen Inhalt der 
Schilderung geht deutlich hervor, daß nicht 
von der ersten Besitznahme einer Feld- 
mark, sondern von dauernden Einrich- 
tungen und einem regelmäßigen Turnus 
die Rede ist. (Anders Waitz DVG. 2 I 105 
und Hildebrand aaO. 117 ff. 123; vgl.Hoops 
aaO. 521, A. 2.) 

§ 17. Die Markgenossenschaft als ganze 
betrieb also auf ihrer Mark eine w i 1 d e F e 1 d - 
graswirtschaft, einen Wechsel zwischen 
Ackerland und Dreesch. Nur ein Teil der 
gesamten Kulturfläche einer Feldmark 
wurde jeweils unter dem Pfluge gehalten; 
auf eine Ackerkultur von einigen Jahren 
folgte eine längere Periode der Brache, in 
der das Land dem Graswuchs überlassen 
blieb und wohl zur Weide benutzt wurde. 
Über die Dauer der Anbauperioden be- 
merkt Tacitus nichts; sie richtete sich ver- 
mutlich nach der Tragfähigkeit des Bodens 
und nach Veränderungen in der Zahl der 
Bewohner. Auch über die Art der Weide- 
nutzung schweigt er; wahrscheinlich blieb 
das Weideland ungeteiltes Gemeingut der 
ganzen Markgenossenschaft, wie es im 
MA. allgemein war und vielerwärts bis 
auf den heutigen Tag geblieben ist. 

§ 18. Dagegen wurde das Ackerland 
nicht von der Bauernschaft {ab universis) 
gemeinsam bewirtschaftet, sondern bald 
nach Festsetzung eines neuen Bifanges 
unter die einzelnen nach ihrer Würde ver- 



teilt {quos mox inter se secundum dignatio- 
nem partiuntur). Die Teilung bereitete 
bei dem Überfluß des vorhandenen Kultur- 
landes keine Schwierigkeit {facilitatem par- 
tiendi camporum spatia praestant). 

§ 19. Innerhalb der bebauten Fläche 
wurden die Saatfelder jährlich gewechselt 
{arva per annos mutant). Da die Acker- 
quoten der einzelnen secundum dignationem 
.verschiedenartig waren, kann mit der 
mutatio der arva nicht etwa ein jährlicher 
Wechsel der Besitzer innerhalb der ganzen 
Feldmark gemeint sein; hätte Tacitus dies 
im Auge gehabt, so hätte er wohl inter se 
mutant gesagt, oder er hätte gleich im 
vorigen Satz, wo ja schon von der Ver- 
teilung der gesamten Feldmark die Rede 
war, in singulos annos partiuntur ge- 
schrieben; auch der Satz et superest ager 
'und es ist Ackerland genug vorhanden' 
würde bei solcher Auffassung eine unleid- 
liche Tautologie zu camporum spatia im 
vorigen ergeben. Es kann sich nur um 
einen Wechsel der Saatfelder innerhalb des 
Ackeranteils des einzelnen Bebauers han- 
deln, worauf auch der Gegensatz zwischen 
ager 'Kulturland, Ackerland im allge- 
meinen' und arvum 'das bestellte Saat- 
feld' hinweist. Das mutant ist wohl so zu 
verstehen wie in mutare terram, sedem 'das 
Vaterland verändern, den Wohnsitz wech- 
seln, dh. in ein anderes Vaterland, eine 
andere Wohnung ziehn'; arva per annos 
mutant soll demnach nicht heißen, daß die 
Bestellung, die Saat der Felder jährlich 
wechselte, daß schon eine geregalte Frucht- 
folge bestand, sondern es bedeutet: 'sie 
nehmen jährHch andere, bisher brach- 
liegende Äcker unter Kultur'. Auch der 
Zusatz et superest ager weist darauf hin, 
daß dieser Wechsel auf dem Gebiet des 
einzelnen genau so wie bei der Mark im 
ganzen ein solcher zwischen Ackerland und 
Dreesch nach dem Muster der wilden Feld- 
graswirtschaft war. Wir haben jedenfalls 
keine Veranlassung, aus den Worten des 
Tacitus, wie es wohl geschehen ist, auf das 
Vorhandensein der im MA. allgemein üb- 
lichen Dreifelderwirtschaft (s. § 28, 34, 44 
u. Ackerbau 30) zu schließen. 

§ 20. Auch zu Tacitus' Zeit galt das 
Waffenhandwerk immer noch als die eines 
vollkräftigen Mannes würdigste Beschäf- 



AGRARVERFASSUNG 



47 



tigung; die Ackerbestellung wurde den 
kriegsuntüchtigen Sippengenossen, den 
Schwächlingen und Greisen, überlassen. 
Nee arare terram aut expectare annum tarn 
facile persuaseris quam vocare hostem et 
vulnera mereri; pigrum quin immo et iners 
videtur sudore acquirere quod possis san- 
guine parare^ heißt es Germ. 14, und im 
folgenden Kapitel: Delegata domus et pena- 
tium et agrorum cura feminis senihusque et 
inflrmissimo cuique ex familia. 

IV. Vergleich der Zustände 
bei Caesar undTacitus. §21. Der 
Unterschied in den Agrarverhältnissen bei 
Tacitus und Caesar ist trotz mancher Ähn- 
lichkeiten doch ein markanter. Zwar ist 
ein Privateigentum am Ackerboden bei 
beiden übereinstimmend noch nicht ent- 
wickelt, und das Betriebssystem ist hier 
wie dort die wilde Feldgraswirtschaft. Aber 
die beiden Einrichtungen, die dem ger- 
manischen Agrarwesen zu Caesars Zeit 
jenes unruhige Gepräge geben, kennt 
Tacitus nicht: er weiß nichts von dem 
jährlichen Wechsel der Wohnsitze, nichts 
von der jährlichen Neuverteilung des 
Kulturlandes unter die Sippen des ganzen 
Gaus oder Untergaus; nach ihm erhält der 
einzelne seinen Anteil auf längere Zeit 
hinaus angewiesen und kann ihn während 
dieser Zeit nach Gutdünken bewirtschaften. 
Dabei ist es bemerkenswert, daß, während 
bei Caesar der Unterschied in der Größe 
der Ackerquoten wahrscheinlich nur durch 
die Größe der Sippen bedingt war, im 
übrigen aber das Prinzip demokratischer 
Gleichheit herrschte (§ 14), nach Tacitus 
eine ungleichmäßige Verteilung mit aristo- 
kratischer Abstufung nach Rang und Wür- 
den die Regel ist. Das hängt wohl damit 
zusammen, daß der Grundbesitz höher be- 
wertet wurde, weil das Land länger in der 
Hand des einzelnen verblieb, und daß die 
Bewirtschaftung, die bei Caesar mehr in 
summarischer, extensiver Weise von den 
Sippen betrieben wurde, sich bei Tacitus 
im deutlichen Übergang zur Individual- 
wirtschaft befindet. 

§ 22. Die ganze Schilderung bei Tacitus 
weist auf geordnete, stabile Verhältnisse 
hin. Sie drängt uns in Übereinstimmung 
mit den eingangs zusammengestellten Zeug- 
nissen für uralte Seßhaftigkeit zu dem 



Schluß, daß die jährliche Neuverteilung des 
Ackerlandes unter die Sippen eines Gaus 
und die jährliche Verlegung der Wohnsitze, 
die von den Germanen nach Caesars An- 
gabe selbst mit den Erfordernissen des 
Kriegslebens in Zusammenhang gebracht 
wurden, in der Tat als ein kriege- 
rischer Ausnahmezustand auf- 
zufassen sind, der sich bei den Sveben und 
andern im Vordringen nach Süden begrif- 
fenen Stämmen herausgebildet hatte. 
Nichts kennzeichnet das Abnorme jener 
Zustände bei den Sveben, deren Stamm 
nach Caesar longe maxima et helUcosissima 
Germanorum omnium war (BG. 4, i), besser 
als die Worte Ariovists (BG. i, 36), der 
von seinen Leuten sagt, sie hätten seit 
vierzehn Jahren kein häusliches Obdach 
mehr über sich gehabt [inter annos XIV 
tectum non subissent). 

Es ist recht wohl möglich, daß sich ähn- 
liche Ausnahmeverhältnisse auch zu andern 
Zeiten bei auswandernden Volksteilen ent- 
wickelten. Das Agrarwesen zur Zeit des 
Tacitus stellt demgegenüber die Rückkehr 
in normale, friedliche Verhältnisse dar, wo 
das militärische Sippschaftsprinzip von 
dem agrarischen Territorialprinzip abgelöst 
wurde und die Gesamtnutzung des Acker- 
landes allmählich in Sondernutzung über- 
ging. 

H o o p s Waldb. u. Kultur p-ß. 508 — 33 (1905), 
Mit eingehenden Literaturnachweisen in den Fuß- 
noten u. S. 483 f. — W. Fleischmann 
Alfgerm. u. altröm. Agrarverhältnisse in ihren 
Beziehungen und Gegensätzen. Leipzig 1906. 

Johannes Hoops. 

B. Frühmittelalter LDeutsch- 
1 a n d. § 23. Die Ansiedlung der 
später unter dem fränkischen Reiche ver- 
einigten Völkerschaften erfolgte während 
und nach der Völkerwanderung regelmäßig 
in Dörfern. Nur in einzelnen Gebieten 
Deutschlands, nämlich in der rheinisch- 
westfälischen Tiefebene, in den mittel- und 
oberdeutschen Gebirgen und in den Alpen 
ist die Ansiedlung nach dem System der 
Einzelhöfe vorherrschend (s. Siedlungs- 
wesen). Da wie dort allerdings erfolgte 
die Ansiedlung nach Geschlechtern und 
Sippen, die, wie sie gemeinsam gewandert 
waren, so auch jetzt sich gemeinsam nieder- 
ließen. Je nachdem diese oder jene An- 



48 



AGR ARVERF A SSUNG 



Siedlungsform, die übrigens einer völlig 
scharfen Grenze in der Wirklichkeit häufig 
ermangeln, vorherrschte, gestalteten sich 
die agrarischen Verhältnisse im einzelnen 
verschieden. 

§ 24. Bei der dorfweisen An- 
sied 1 u n g erscheint das Dorf umgeben 
von dem Kulturland, der Ackerflur (s. 
Flureinteilung), an der sich allmählich ein 
Sondereigentum der einzelnen an Stelle des 
ursprünglichen Gesamteigentums ausbil- 
dete, das aber gewissen allgemeinen Regeln 
der Bewirtschaftung unterworfen war (s. 
Flurzwang). Außerhalb des Kulturlandes 
lag die Allmende (s. d.). Hier wie dort 
bestimmte sich der Anteil des einzelnen 
im wesentlichen nach dem Bedürfnis 
und fand in der Hufe (s. d.) seinen Aus- 
druck. Die Dorfinsassen bildeteri den wirt- 
schaftlichen Verband der Dorf genossen - 
Schaft (s. Dorfverfassung), die sich mit 
anderen zu einer größeren Markgenossen- 
schaft (s. d.) vereinigte oder selbst eine 
solche bildete. 

§ 25. Beim Einzelhofsystem 
lag das Kulturland unmittelbar um jeden 
einzelnen Hof, stand von Anfang an im 
Sondereigentum, war aber auch nicht dem 
Flurzwang unterworfen. Die auch hier vor- 
handenen verwandtschaftlichen Bande zwi- 
schen den benachbarten Siedlern führten 
zu einem Zusammenschluß solcher Einzel- 
höfe zu Bauerschaften, allenfalls zum An- 
schluß einzelner an die benachbarte Dorf- 
schaft und äußerten sich etwa im Heim- 
fall des erblosen Hofes an die Nachbarn. 

§ 26. Die wirtschaftliche Basis war hier 
allein und bei der Dorfschaft nach Aus- 
bildung von Sondereigentum am Kultur- 
land vorzugsweise die Allmende, an 
der allmählich Gesamteigentum der Mark- 
genossen oder der Dorfgenossen entstand, 
während die Nutzung den einzelnen Ge- 
nossen zustand. Ausnahmsweise werden 
Allmendeteile den Genossen zu gesonderter 
Nutzung zugewiesen, in der Regel ist diese 
Nutzung eine gemeinschaftHche. Die 
Nutzungsrechte an der Allmende waren 
anfänglich unbegrenzte; bald aber ergab 
sich mit der zunehmenden Bevölkerungs- 
zahl die Notwendigkeit, dem einzelnen eine 
Grenze zu setzen, wofür, wie oben bemerkt, 
die Hufe als Maßstab diente. 



§ 27. Aus der Vermehrung der Menschen 
ergab sich aber auch das Bedürfnis nach 
weiterem AusbaudesLandes. Die- 
ser erfolgte entweder durch genossenschaft- 
liche Rodung (s. d.) und planmäßige 
Neuanlage von Dörfern oder durch Ro- 
dungstätigkeit einzelner. Hier kommt vor 
allem die sich in der fränkischen Zeit 
bildende Grundherrschaft (s. d.) 
in Frage. Durch verschiedene Umstände 
hatte sich nach der Völkerwanderung die 
ursprüngliche Besitzesgleichheit in der 
Weise verschoben, daß einzelne einen das 
normale Maß weit übersteigenden Grund- 
besitz innehatten. Diese Grundherren be- 
trieben mit zahlreichen Arbeitskräften vor- 
zugsweise planmäßige und ausgedehnte 
Rodung (s. auch Beunde). Ihr so noch 
vermehrtes wirtschaftliches Übergewicht 
führte allmählich zu einer Unterdrückung 
der kleineren Wirtschaften und Vermin- 
derung der freien Eigenbauern. Soweit 
nicht durch Rodung für das Bedürfnis der 
vermehrten Bevölkerung neues Land er- 
schlossen wurde, griff man zur Teilung 
alter Hufen unter die Söhne des früheren 
Besitzers und gelangte so zu einer weiteren 
Besitz-Ungleichheit in einer der Grund- 
herrschaft entgegengesetzten Richtung. 
Das Institut des Stamm gutes (s. d.) 
vermochte solchen Zersplitterungen viel- 
fach entgegenzuwirken. 

Neben den Grundeigentümer, der den 
von ihm bebauten Boden als sein freies 
Eigentum besaß, als A 1 1 d (s. d.), traten 
diesen Verhältnissen gemäß in großer Zahl 
Bauern, die ihr Land nur von einem 
Grundherrn zur Leihe hatten (s. G r u n d - 
leihe). 

§ 28. Die Wirtschaftsform war 
in vielen Gebieten noch lange über die 
Völkerwanderung hinaus eine geregelte 
Feldgraswirtschaft, bei der ab- 
wechselnd ein Teil des Kulturlandes als 
Wiese, der andere als Ackerland genutzt 
wurde. In einigen Gegenden gelangte man 
aber noch im 8. Jh. zu der Dreifelder- 
wirtschaft (s. Flureinteilung und Flur- 
verfassung) und daneben finden sich Ein-, 
Zwei-, Vier- und Fünffelderwirtschaft (s. 
ebenda). 

§ 29. Neben der Bestellung des Ackers 
mit Getreide und Hülsenfrüchten sind über 



AGRARVERFASSUNG 



49 



das ganze Gebiet feinere Kulturen ver- 
breitet. Außer dem Anbau von Obst, 
Gemüsen, Kräutern und Blumen hat der 
Weinbau eine erhebliche Verbreitung er- 
fahren und in größeren Betrieben, be- 
sonders wohl in den karolingischen villae 
werden planmäßig Heilpflanzen und Zier- 
pflanzen gezogen (s. Domänen). 

Inama-Sternegg D WG. I ^. Lam- 
precht DWL. I— IIL Kötzschke Deut- 
sche Wirtschaftsgesch. (in Meisters Grundr. d 
Geschichtswiss.). M e i t z e n Siedl. u. Agrarw 
I — III u. Atlas. H a n s s e n Agrarhist. Abhand- 
lungen I, II. O. G i e r k e Deutsches Genossen- 
schaf isrecht. V. A m i r a Recht 119 ff. Brun- 
ner DRG. I 2 81 ff. 279 ff. 292 ff. Schröder 
DRG. 5 53 ff. 211 ff. 430 ff. Ferner die Werke 
von G. L. von Maurer. v. Schwerin. 

IL E n g 1 a n d. § 30. Es lassen sich 
in England zwei Arten von Ansiedlungen 
und in Verbindung damit zwei verschiedene 
Systeme der Agrarverfassung unterschei- 
den : im Westen und Norden waren H f - 
ansiedlungen landesüblich; in den 
übrigen Teilen Englands herrschte im all- 
gemeinen das System der D r f a n - 
s i e d 1 u n g (s. Siedlungswesen; vgl. Mait- 
land Domesday and Beyond 16). 

§ 31. Die Agrarverfassung dieses letzten 
und größeren Teils des Landes beruhte auf 
dem Prinzip der Feldgemeinschaft 
Ein vollständiges Bild dieser Feldgemein- 
schaft läßt sich nur mit Hülfe der späteren 
Zustände, wie sie in den Quellen des 13., 
14. und der folgenden Jahrhunderte dar- 
gestellt sind, rekonstruieren, und mit sol- 
chen Rückschlüssen haben auch Forscher, 
wie Nasse, Seebohm, Maitland ua., ope- 
riert. Im Material der altenglischen Zeit, 
mit Einschluß des Domesdaybuches, sind 
aber reichliche Anknüpfungspunkte vor- 
handen, die das Vorkommen der Haupt- 
erscheinungen der Feldgemeinschaft in 
dieser Periode festzustellen ermöglichen. 
Die Urkunden erwähnen zuweilen aus- 
drückhch die Gemenglage der Grundstücke 
in der Dorfflur, zB. Cod. Dipl. 1278 (a. 982) 
König ^thelred schenkt seinem Thane 
JEligdiV fünf Hiden communis terrae in 
Cearlaton und fügt hinzu: rus namque 
praeiaxatum manifestis undique terminis 
minus dividitur, quia jugera altrinsecus 
copulata adiacent. In einer Schenkung 
K. Edgars an den Than ^Ifric heißt es: 

Hoops, Reallexikon. I. 



ßas nigon hida liggead' on gemang oßran 
gedallande feld Icüs gemcene and mceda ge- 
mcene and yrd'land gemcene [Cart. Sax. 1079; 
vgl. Vinogradoff Engl. Society in the XI 
Cent. 277). Eine Satzung von Ine be- 
spricht Fälle, in denen die Verantwort- 
lichkeit verschiedener Teilhaber einer ge- 
meinschaftlichen Wiese oder eines gemein- 
schaftlichen Feldes in Beziehung auf den 
durch mangelhafte Umzäunung verur- 
sachten Schaden festgestellt werden mußte. 
Ine, 42: gif ceorlas gccrstun hcebben gemcenne 
odd'e Oper gedalland to tynanne, and hrebben 
sume getyned hiora dcsl, sume na^bben and 
pten hiora gemccnan aceras od'de gcers, gan 
eta ponne pe pcit geat agan and gebete tarn 
o^rum, pe hiora dcel getynedne hcebben pone 
cEwerdlan (Schaden) pe par gedon sie. 

§ 32. Aus der Terminologie der Ur- 
kunden, namentlich in der Beschreibung 
der Grenzen, lassen sich die Hauptelemente 
der altenglischen Flurverfassung 
ermitteln. Die Ackerflur wurde in furlongs 
(Gewanne) verteilt (zB. Cod. DipL622: 
be healfan f urlange). Die Bauerstellen des 
Dorfes erhielten ihre Anteile an den Ge- 
wannen in Parzellen (Streifen) — 
sticcas oder gedale — angewiesen (Cart. 
Sax. II 30: Mt macusige pes landes is 
under eal IX and XX gedale] ibid. Oxanege 
. . . utan pan ige sixti sticca londes pet is 
amcteii to XXX cEcerum). Parzellen von 
unregelmäßig zugespitzter Form werden 
durch den Ausdruck gara bezeichnet (Earle 
Land Charters 208: ambutan pone gar an). 
Parzellen, die infolge des Pflügens an 
einem Hügelabhang entlang stufen artig 
sich voneinander abheben, erscheinen als 
hlincas (Earle L. Ch. 166; on meos-hlinc 
westeweardne). Zum Umwenden der Pflüge 
werden Forerth -FarzeWen gebildet. (Cart. 
Sax. 601: seo forierd" grcä' in to pam lande). 
Demselben Zweck dienen auch die so oft 
vorkommenden Heajod-lande oder Heafod- 
acren, die außerdem benutzt wurden, um 
den Teilbesitzern der Gewanne Zugang 
zur Bestellung ihrer Parzellen zu gewähren 
und daher in der Regel quer zu den andern 
Parzellen lagen (Cart. Sax. 1229: on pone 
heajodacer). 

§ 33- Verwicklungen von Besitzrechten 
und ökonomischen Interessen, die hier, 
wie überall, durch Feldgemeinschaft und 



50 



AGRARVERFASSUNG 



Gemenglage hervorgerufen wurden, lassen 
sich nur durch Solidarität in Beziehung 
auf Besitz und Erwerb erklären (vgl, Ge- 
meinde, Markgenossenschaft). Für -die 
Aufteilung von Ländereien und die Zu- 
messung von Gerechtsamen paßte das 
System vortrefflich, weil es jedem Teil- 
nehmer Gerechtsame im Verhältnis zu 
seinem Anteil in jeder Flur zuwies, und 
diese Rücksichten auf verhältnismäßige 
Zumessung überwogen offenbar alle andern 
Gesichtspunkte. Als unvermeidliche Folge 
der feldgemeinschaftlichen Gemenglage er- 
scheint der F 1 u r z w a n g (s. d.) und die 
genossenschaftliche Bewirtschaftung der 
Acker nach gemeinsamem Plan. 

§ 34. An dem Vorherrschen der Z w e i - 
und Dreifelderwirtschaft läßt 
sich im Hinbhck auf die allgemeine Ver- 
breitung dieser Systeme im späteren MA. 
(vgl. Walter of Henley 6 — 8;) nicht zwei- 
feln; aber direkt kann man dies aus altengh- 
schen Quellen nicht belegen. Einen deutlichen 
Fingerzeig gibt übrigens nach der scharf- 
sinnigen Deutung Seebohms eine Stelle der 
Rectitudines singularum personarum. Im 
§ 4, 3 wird von der Ausstattung eines 
bäuerhchen Pächters {gebur) gehandelt. Er 
bekommt vom Grundbesitzer auf seinem 
Yardland von 30 Akren die nötige Aus- 
saat für 7 Akren, eine Aussteuer, welche 
10 Akren im Winterfelde einer Dreifeld - 
Wirtschaft entspricht nach Abzug der Saat 
für 3 Akren, die als gajolearth (Zinsland, 
vgl. § 4, 2) dem Herren als Abgabe vorbe- 
halten werden (Seebohm Engl. Village 
Community 141). 

§ 35. In der altenglischen Unterweisung 
für Gutsverwalter {Gerefa), welche die Auf- 
einanderfolge der Landarbeiten im Laufe 
des Jahres behandelt, wird das Pflügen im 
Herbst, Winter und Frühjahr und auch das 
Umpflügen der Brache [jealgian) erwähnt 
(§§ 10, II, 12, vgl. Andrews Cid Engl. 
Manor 248). Düngung wurde hauptsächhch 
durch die Lagerung der Schafherden auf 
Brachfeld und den zur Saat bestimmten 
Feldern vor dem Aufkommen des Ge- 
treides erzielt. Daher spielt die Frage über 
die Benutzung der Hürden (engl, fold, lat. 
falda) eine große Rolle. Im Domesday- 
buche wird die Pflicht, Schafe in den 
Hürden des Grundherrn übernachten zu 



lassen, ein Kennzeichen der Unterordnung, 
zB. Dd. II 129: in modetuna VII liheri 
homines . . . super omnes istos qui faldam 
comitis requirebant habebat comes socam et 
sacam, super alios omnes Rex et comes. 
Diese Soka faldae erweist sich daher als 
eine Einrichtung, die vor der Eroberung in 
Kraft war; und als eins der Merkmale 
voller Freiheit wurde das Recht, eigne 
Hürden zu halten, angesehen (Earle, Land 
Ch. 343, Freibrief K. Eduards des Be- 
kenners an das Kloster Ramsey : ealle ßa 
men pa beon motwurpi^ firdwurßi and fald- 
wurpi in fcet od'er hälfe hundred) . 

§ 36. Wiesen (mcede) waren selten 
und sehr geschätzt. In späterer Zeit findet 
man oft, daß sie dem Erwerb als Privat- 
eigentum entzogen sind und in Parzellen 
unter den MitgHedern der Dorf genossen - 
Schaft zur jährlich wechselnden Nutzung 
verteilt werden. Noch jetzt zB. kann man 
derartige ,, Verlosungen" in Yarnton bei 
Oxford beobachten (Transact. of Oxford 
Hist. Soc. 24, 307 ff.). In dem oben ange- 
führten c. 42 von Ines Gesetzen ist eine 
derartige Wiese in gemeinschaftlichem Be- 
sitz neben Ackerland berücksichtigt. Bei 
dieser Gelegenheit kommt auch die Wich- 
tigkeit der Aufstellung von Zäunen zur 
Besprechung. Bei der Hofstelle und dem 
Einzelhof ist die Einhegung und Umzäu- 
nung von Ackerland, Wiese und Privat- 
weide die Sache des Besitzers und eines 
seiner wichtigsten Rechte. In diesem Sinne 
wird der Zaun um Hofstelle und Garten in 
Ine 40 behandelt; die Einhegung wird hier 
als permanent [wintres and sumeres betyned) 
betrachtet. Nicht so bei Feldgemeinschaft 
in Acker und Wiese. Da muß jeder Teil- 
haber mit den Rechten seiner Nachbarn 
rechnen und für seinen Anteil an Schutz- 
vorrichtungen aufkommen. So entwickeln 
sich denn naturgemäß gewohnheitsrecht- 
liche Ordnungen in Bezug auf die Auf- 
stellung und Wegräumung der Zäune. Im 
allgemeinen gilt die Regel, daß die Saat 
und das zur Heuernte bestimmte Gras 
durch genossenschaftliche Umzäunung im 
Frühling geschützt werden soll, und daß 
die Zäune im Herbst, etwa um den i. Au- 
gust (Lammas), weggenommen werden, so 
daß das Vieh der Dorfschaft die brach- 
liegenden Felder und Wiesen zur Weide 



AGR ARVERFAS SUNG 



51 



benutzen kann (das spätere common of 
shack). Ine 42 fußt augenscheinlich auf 
eine derartige Ordnung. Im Zusammenhang 
damit werden Pflichten und Fronen der 
Hintersassen für Errichtung und Instand- 
haltung von Zäunen mehrfach erwähnt, zB. 
Cod. Dipl. 452 (Tydenham): aecertyninge 
XV gyrde. 

§ 37. Es kann kein Zweifel daran sein, 
daß die Benutzung der Weiden schon 
in altenglischer Zeit mit den genossenschaft- 
lichen Rechten der Hufenbesitzer in Dör- 
fern und Höfen verbunden war. Obgleich 
wir über die Zuteilung der Weidegerechtig- 
keiten innerhalb der Dörfer unter den 
Nachbarn keine ins einzelne gehenden 
Zeugnisse aus dieser Zeit besitzen, wird 
doch die gemeinschafthche Weide als ein 
normaler Bestandteil der Agrarverfassung 
in der wichtigen Vorschrift Edgars über 
das Vorführen gekauften Viehes vor den 
Nachbarn auf der gemeinschaftlichen Weide 
[on gemcene Icsse) angesehen (Edgar IV, 8). 
In einer letztwilligen Verfügung von 1050 
wird ein Moor den Freisassen vermacht, so 
wie sie dieses von alters her genutzt hatten 
[freemanen to note^ so hi er deden, er daye 
and ajter daye. Thorpe Dipl. 580). So 
müssen die Einzelheiten der Zuweisung 
nach Dörfern und Hufen aus späteren Ge- 
wohnheiten erschlossen werden, was man 
auch ohne Bedenken tun kann, da erstens 
diese Verhältnisse aus der allgemeinen Be- 
schaffenheit der mittelalterlichen Agrar- 
verfassung und nicht aus speziell alteng- 
lischen Zuständen entspringen, zweitens 
weil die Abmessung der Weidegerechtig- 
keiten überall grundsätzlich auf die alten 
Hufeneinheiten zurückgeführt wurde. 

§ 38. Viel besser sind wir über die Be- 
nutzung von Allmenden (s. d.), die 
außerhalb des Rahmens der einzelnen 
Dorfschaften standen, unterrichtet. Die 
ungeheure Ausdehnung von Wald, Moor 
und wilder Weide hatte zur Folge, daß in 
manchen Fällen das Vieh und namentlich 
Schafe und Schweine auf Flächen weideten, 
die unter den anliegenden Dörfern oder 
Gütern nicht bestimmt aufgeteilt waren. 
Es handelte sich in diesen Fällen darum, 
festzustellen, welche Ortschaften an den 
Weidegerechtigkeiten teilnehmen durften. 
Round hat in der Geschichte Essexs (Vic- 



toria County History, Essex I, '^'j'^ auf 
die merkwürdige Zuweisung von Weide- 
gerechtigkeiten für Schafzucht in den 
Marschlanden der Ostküste auf dem nörd- 
lichen Ufer der Themse hingewiesen. Auf 
der Insel Canwey zB. hatte eine Reihe 
von Dörfern, die im Innern der Grafschaft 
gelegen waren, ihnen zugewiesene Parzellen, 
und sicherlich sind diese abgelösten Stücke 
Moorlandes nichts anderes, als der Nieder- 
schlag von Weidegerechtigkeiten, die ur- 
sprünglich durch Zulassung einer gewissen 
Anzahl Schafe zur ungeteilten wilden Weide 
bemessen wurden. Maitland hat auf ähn- 
liche Bildungen in den Fennen von Norfolk, 
Miß Neilson in der Gegend von Ely auf- 
merksam gemacht; und von Maitland sind 
diese Allmenden mit Recht mit den Marken 
in Deutschland verglichen worden (Domes- 
day u. Beyond 354). Eine Hundertschaft- 
AUmende wird ausdrücklich im Domesday- 
buche erwähnt (II, 339 b); in Colness gab 
es eine Weide, die allen Leuten der Hun- 
dertschaft eigen war. Eine eigentümliche 
Art der Anweisung von Mark- und Weide- 
gerechtigkeiten in einer Waldgegend war 
die Zuteilung einer dena (ae. dene^ den- 
hcera) — eines Tals oder einer Parzelle im 
Walde, die namenthch als Schweineweide 
benutzt werden konnten (Cod. Dipl. 288: 
pascua porcorum quae nostra Lingua Saxo- 
nica denbera nominamus). Hinsichtlich des 
Fällens von Bäumen in Wäldern bringt 
Ine 43 eine merkwürdige Vorschrift, die 
dasselbe jedem freizugeben scheint, wenn 
der Betreffende nicht mißbräuchlich zu 
viele oder zu große Stämme sich aneignet. 
Jedenfalls ist ein Mann, der im Walde haut, 
nicht als Holzdieb zu betrachten; denn 
,,die Axt ist ein Melder und kein Dieb". 
Wahrscheinlich sind Forste in königlicher 
Jurisdiktion gemeint und nicht Wälder 
im Besitze von Genossenschaften oder von 
Privatleuten. 

Nasse Feldgemeinschaft in England ; Progr. 
d. Univ. Bonn 1870. F. Seebohm The English 
Village Community 1883; auch in deutscher 
Übers, von B u n s e n : Die engl. Dorfgemeinde 
1884. Maitland Domesday and Beyond 1897. 
A. B a 1 1 a r d The Domesday Inquest 1907. 
Vinogradoff Growth of the Manor 1905 ; 
ders. Engl. Society in the XI Century 1908. 
Round in d. Victoria Countv Hist. von Essex I. 



52 



AGRARVERFASSUNG 



Miß N e i 1 s o n Boon Services on the Estates of 

Ramsey Abbey, Amer. Hist. Review I 2; 1897. 

Vinogradoff, 

III. Norden. § 39. Die nordische 
Agrarverfassung ist keine einheitliche, auch 
nicht in dem Umfange, in dem es die kon- 
tinentale ist. Der Grund liegt in dem 
starken Hervortreten der Einzelhofansied- 
lung. Diese beherrscht das ganze west- 
nordische Gebiet, Norwegen und Island, 
ferner das nördliche Schweden, die Land- 
schaft Helsingeland. Im übrigen Gebiet 
herrscht die Dorfschaft (schw. byr, by; 
dän. by). Von Bedeutung ferner ist im 
Norden für das gesamte Gebiet das Fehlen 
einer ausgebildeten Grundherrschaft und 
die geringe Zahl auch nur erheblich großer 
Grundbesitze. Die Folge dieses Umstandes 
ist die im Rahmen der oben angegebenen 
Grenze vorhandene Einheitlichkeit des 
wirtschaftlichen Betriebes mit gleichen 
Mitteln und gleichen Kräften. 

In den Einzelheiten ist die Erkenntnis 
der nordischen Agrarverfassung noch nicht 
durchweg zu sicheren und einwandfreien 
Resultaten gelangt. Dies hat seinen Grund 
darin, daß die zur Verfügung stehender! 
Quellen um ein erhebliches jünger sind als 
die Bebauung des Bodens selbst und ins- 
besondere auf ostnordischem Gebiet in 
eine Zeit von Veränderungen und des ge- 
nossenschaftlichen Weiterausbaues fallen. 

§ 40. In der Art der Ansiedlung 
Hegt es begründet, daß die für den Konti- 
nent so bedeutungsvolle Markgenossen- 
schaft (s. d.) nur in Dänemark und Schwe- 
den vorhanden ist. Für Norwegen und 
noch mehr Island kommen lediglich Wirt- 
schaftsgemeinschaften auf kleinerer Grund- 
lage in Frage, solche der Wiese und Weide. 
Auch in jenen Ländern sind die ältesten 
Formen und Einrichtungen der Markge- 
nossenschaft nur unklar zu erkennen. Die 
Anlage der Dörfer scheint zunächst keine 
planmäßige gewesen zu sein und jedenfalls 
ist, soweit sie es war, der ursprüngliche 
Plan allmählich so durchbrochen worden, 
daß in der Zeit des 11. — 13. Jhs. eine 
Neuregelung der Verhältnisse erforderlich 
und vielfach auch durchgeführt wurde. 
Bei der ältesten Ansiedlung lag nach an- 
sprechenden neueren Forschungen als Äqui- 
valent der kontinentalen Hufe in Schweden 



der attunger zugrunde, in Dänemark das 
bol. Beide bestanden aus einem im ganzen 
gleichen Besitz im Dorf, in Ackerland und 
Wiesenland, also in dem durch Zäune und 
andere Mittel abgegrenzten Bauland und 
Kulturland. Die Nutzung des Waldes, 
überhaupt der Allmende, ist in dieser Zeit 
jedenfalls eine unbeschränkte gewesen. 
Ebenso ist für diese Zeit noch nicht an 
eine Abgrenzung einer bestimmten Dorf- 
allmende zu denken, wie sie sich im Lauf 
der Zeit aus der gesamten Menge des 
unbebauten Bodens ausschied. Die Auf- 
sicht und Leitung der Wirtschaftsange- 
legenheiten stand in Schweden einem 
namdarmaper zu, während in Dänemark 
die Nachbarn {granncs) in den Vorder- 
grund treten. 

§ 41. Der Ausbau des Landes 
erfolgte durch Neuanlegung von Dörfern 
(s. Flurverfassung) wie durch Rodung (s. 
d.), die teils von einzelnen, teils von der 
Gesamtheit der Markgenossen (schw. grcend) 
vorgenommen wurde, teils innerhalb der 
Dorfmark, teils außerhalb ihrer stattfand. 
So entstanden das dänische ornum, ruth, 
in Schweden die intaka, utskipt und ut- 
gicerßer. Auf diese Weise konnte auch der 
einzelne zu einem Privatwald kommen 
(aschw. varskogher, adän. enmcerki^ ha:g' 
nnthcc skogh). Andererseits konnten in der 
Flur von den den einzelnen zugeteilten 
Feldern kleinere Stücke wegverkauft werden 
(s. humper, stuf). 

§ 42. Die Eigentumsverhält- 
nisse in dieser Periode sind nicht leicht 
zu erkennen. Einfänge einzelner, wie das 
ornum und der Privatwald scheinen gerade 
in älterer Zeit zu Sondereigentum geführt 
zu haben. Dagegen wird für Hof stelle und 
Ackerland die Ansicht vertreten, daß hier 
ein Sondereigentum erst mit der Durch- 
führung der in Schweden so genannten 
,, gesetzlichen Lage" eintrat. 

§ 43. Die im vorstehenden angegebene 
Ordnung mußte nämlich unter bestimmten 
gesetzlichen Voraussetzungen durch ein 
genau geregeltes Verfahren gebrochen wer- 
den. Das hier übliche Solskift- und Reeb- 
ningsverfahren haben in aller Regel eine 
Umlegung der Hofstellen und vor allem 
eine Neuverteilung der Ackerflur zur Folge. 
Vielleicht erst jetzt erfolgt auch die Aus- 



AHNENKULT 



53 



bildung von Gewannen im kontinentalen 
Sinn (s. Gewann, Flureinteilung). Ver- 
bunden war damit, aber auch allein vor- 
genommen werden konnte eine Ver- 
teilung des Waldes durch Zuweisung be- 
stimmter Strecken an die einzelnen, wäh- 
rend überall eine Fixierung der AUmende- 
nutzungen stattfand. 

§ 44. Die Bewirtschaftungs- 
weise scheint anfänglich eine Feldgras- 
wirtschaft gewesen zu sein und zwar eine 
geregelte. Später hat diese dann andern 
Formen Platz gemacht, so der Zwei- 
felderwirtschaft und der Dreifelderwirt- 
schaft (s. Flurverfassung § 2). Dabei hat 
sich dann, wo dies nach Lage der Verhält- 
nisse möglich war (s. u.) ein genossenschaft- 
licher Betrieb entwickelt. Die Weide- 
nutzung war in solchem Falle, aber auch 
im Gebiet der Einzelhöfe, nicht selten eine 
gemeinschafthche. Eine besondere Bear- 
beitung des Bodens hat nicht stattgefunden, 
doch kennen wenigstens die Schweden auf 
ihren Äckern Entwässerungsanlagen. 

§ 45. Neben dem Ackerbau und der 
insbesondere in Island betriebenen Vieh- 
zucht kommen erhebliche Betriebe nicht 
in Frage. Ausgedehnte Verbreitung hatte 
die teils in besonderen Bienengärten, teils 
im Walde ausgeübte Bienenzucht. In 
Dänemark wurde Flachs gebaut. Neben 
den Häusern findet man Obst- und Kohl- 
gärten. 

Hildebrand Sveriges MedeÜid2i'j ff.176 ff. 
Beauchet Hist. de la propriete fonciere en 
Suede. Herr ig De rebus agrariis suecicis et 
danicis. Jergensen Forelcesninger 119 ff. 
Matzen Forelcesninger, Tingsret, insbes. 3 ff . 
Haff Die dän. Gemeinderechte. Brandt 
Retshistorie Iiooff;205fE. Taranger Udsigt 
II I, iQff. ; 69 ff. Rh a m m Großhufen d. 
Nordgermanen. Schönfeld Der isländische 
Bauernhof z. Sagenzeit. Ha n s s e n Agrarhist. 
Abhandl. I i ff. v. Schwerin. 

Ahnenkult. §1. Aus dem Seelenglauben 
herausgewachsen ist der altgermanische 
Ahnenkult. Bestand der Glaube an das 
Fortleben der Seele nach dem Tode, so 
bedingte dieser auch eine Pflege und 
Verehrung der Toten (s. Totenkult), und 
diese steigerte sich, je mehr sich ein Mensch 
während seines Lebens um seine Mit- 
menschen verdient gemacht hatte. Solchen 
Menschen schrieb man auch nach ihrem 



Tode eine umfassendere Tätigkeit als den 
übrigen Seelen und größeres Eingreifen in die 
Natur und die Geschicke der Menschen zu 
und hielt es deshalb für Pflicht, sie durch 
Opfer und Anrufung den lebenden Men- 
schen geneigt zu machen. In erster Linie 
genossen Könige solche Verehrung. Von 
den Goten berichtet Jordanes (MGS. V 76) : 
pröceres suos, quorum quasi fortuna vince- 
bant, non puros homines, sed semideos id 
est ansis vövaverunt. Ebenso heißt es in 
der Vita Anscarii (Kap. 26) und in An- 
lehnung an diese bei Adam von Bremen 
(IV Kap. 26), daß die Schweden nach 
Abfall vom Christentume ihrem jüngst 
verstorbenen König Erich einen Tempel 
errichtet und ihm Opfer und Gelübde dar- 
gebracht hätten. In Südskandinavien 
genoß Olfär Gu^rodarson, der Bruder 
Hälfdan des Schwarzen, göttliche Ver- 
ehrung. Er war bei einer Seuche, die sein 
Volk heimsuchte, gestorben und beigesetzt, 
und bald nach seinem Tode trat Besse- 
rung ein. Da opferte man ihm, um Frucht- 
barkeit zu erlangen, und nannte ihn nach 
seinem Sitze Geirstadaalf (Flatb. II 7). 
Aber auch andere hervorragende Männer 
genossen solche göttliche Verehrung. So 
Grimr kamban, der erste Besiedler der 
Faeröer (Isl. S. 1 47). Selbst Frauen wurden 
an dem Hügel, in dem sie begraben waren, 
Opfer dargebracht, wie Au9 der Stein- 
reichen, der Witwe Öläfs von Dublin, die 
mit den Ihrigen nach Island übergesiedelt 
war und unter diese ihren Reichtum ver- 
teilt hatte (Isl. S. I in). Im westlichen 
Island verehrte man den Bard als Snae- 
fellsäss, da man ihn für einen Schutzgeist 
hielt, weil er dem einen Glück auf dem 
Meere, dem anderen Sieg, einem dritten 
seinen Schutz gewährte (Bardar S. 6 ff.). 
§ 2. Fehlen solche bestimmte Zeugnisse 
des Ahnenkultes auch in Deutschland, so 
spricht doch für dessen Existenz der 
25. Abschnitt des Ind. superst. {de eo, 
quod sibi sanctos fingunt quosUbet mortuos), 
so sprechen dafür die zahlreichen Sagen 
von den bergentrückten Königen und 
Helden. Solche im Volke fortlebende und 
von diesem verehrte Führer sind es, die 
die Griechen als Heroen bezeichneten 
(vgl. Rhode, Psyche'^ I 146 ff.), die 
wir Halbgötter nennen können. 



54 



AISTEN 



§ 3. Mehrfach spielt die Vorstellung vom 
Ahnenkult auch in der Sage eine Rolle. So 
beginnt die Hervarar Saga mit einem König 
Gudmundr von Jqtunheim, den die Men- 
schen wegen seiner Weisheit und seiner 
Macht nach seinem Tode Opfer brachten 
und ihren Gott nannten (Kap. i). Das 
Fortleben derselben Vorstellung spricht 
auch aus der euhemeristischen Auffassung 
Saxos (I 129 ff.) oder Snorris (Heimskr. 
S. 4 ff.), wonach die Äsen Apotheosen 
irdischer Könige sein sollen. Solche 
apotheosierte Menschen sind in der jüngsten 
Zeit der nordischen Mythenentwicklung 
den Göttern angereiht und ebenfalls unter 
die Reihe der Äsen gerechnet worden. 
Hierher gehören vor allem Hermö&r (s. d.) 
und der Skalde Bragi (s. d.), die nach den 
Häkonarmäl (v. 14) als die obersten der 
Einher j er Ödinn zum Empfange König 
Häkons aussandte. Dagegen gehört schwer- 
lich, wie mehrfach behauptet worden ist, 
Baldr zu den apotheosierten Menschen. 

E. Mogk. 

Aisten. § i. Für den idg. Sprach- und 
Völkerstamm, der die Litauer, Letten 
und alten Preußen umfaßt, und für den 
jetzt auch die Bezeichnung Balten ge- 
braucht wird, hatten die Germanen wie 
für ihre andern Nachbarvölker einen be- 
sondern Namen. Er begegnet uns zuerst 
bei Tacitus Germ. 45 in der Gestalt Aestii — 
zur Schreibung vgl. Müllenhoff 
ZfdA. 9, 225 — und begreift hier deutlich 
eine Mehrheit von Stämmen in sich, da 
von Aestiorum gentes die Rede ist; daher 
sind sie nicht nur an der Bernsteinküste, 
also in Samland, zu suchen, die Tacitus 
ihnen ausdrücklich zuweist. Andere ältere 
Quellen kennen den Namen nicht, wohl 
aber stoßen wir bei Ptolemäus III 5, 9 
auf Unterabteilungen von ihnen wie die 
FaXivoai und Souoivoi. Erst durch Cassiodor 
Var. 5, 2 erfahren wir wieder von Aesti 
oder Haesti, die an König Theoderik 
Bernstein als Ehrengeschenk sandten, und 
Cassiodors Gotischer Geschichte folgend 
berichtet Jordanes Get. 5. 17. 23 von 
ihrer Unterwerfung durch den Ostgoten- 
könig Ermanarik und spricht ihnen eine 
ausgedehnte Uferstrecke als Wohnsitz zu, 
östlich von dem an der Weichselmündung 
lokalisierten Mischvolk der Vidivarii. Noch 



kennt Einhart Vita Carol. 12 Aisti neben 
Sclavi, offenbar als Namen des baltischen 
Volksstammes, und auf diesen beziehen 
sich deutlich auch die mehr oder minder 
volksetymologisch umgestalteten Namen- 
formen Osti in Alfreds Oros. i, i, 12 und 
Estum (dat. pL), Estmere, Ecistland ebenda 
I, I, 20 im Bericht des Seefahrers Wulfstän. 

§ 2. Dagegen ist das Eistland der anord. 
Quellen das Land im Süden des finnischen 
Meerbusens, und der Volksname Eistr^ 
Eistir haftet ausschließlich an dessen 
eine finnische Mundart sprechender Be- 
völkerung, die sich selbst als Maarahvas 
'Landvolk' bezeichnet. Auch wir brauchen 
Esten, Estland, eine Namenform, deren e 
für germ, ai gleicherweise schwedisch- 
dänisch und niederdeutsch ist, noch in 
diesem Sinne. Eine ansprechende Er- 
klärung für diese Verschiebung ist die 
Annahme Müllenhoffs DA. 2, 16 — 
vgl. auch Z e u ß 272 — , daß in Estland 
die finnische Bevölkerung an Stelle einer 
baltischen, also wirklich aistischen, ge- 
treten sei und von dieser den Namen 
ererbt habe. Keinesfalls darf man mit 
Bremer ^//^w. 19 (753) und Kos sin na 
ZfEthnol. 34, 2 14 f. an den umgekehrten 
Vorgang denken und die Aestii des Tacitus 
für Finnen nehmen. Seine Mitteilung 
über den von ihnen fleißiger betriebenen 
Ackerbau ist mit gleichzeitigen finnischen 
Kulturzuständen unvereinbar und auch 
seine Bemerkung: quibus ritus habitusque 
Sueborum, lingua Britannicae propior, mag 
sie auch ungenau sein, läßt die Aestii 
als idg. Volk erscheinen. Der für sie be- 
zeugte Kult der mater deum steht sicht- 
lich im Zusammenhang mit dem der 
Isis bei einem Teil der Sueben des Tacitus 
(Germ. 9) und dem der terra mater Nerthus 
(Germ. 40). Andererseits ist eine Rück- 
ständigkeit wie der häufige Gebrauch 
von Keulen anstatt Eisenwaffen aus der 
Abgelegenheit der Sitze des Volkes ge- 
nügend erklärt, aus der auch die Lang- 
samkeit seiner späteren Kulturentwicklung, 
seine späte Christianisierung und die Alter- 
tümlichkeit seiner Sprache verständlich 
wird. Über ihren Volkscharakter s. 
Müllenhoff DA. 2, 30. 

§ 3. Mit dem Ruf der Friedfertigkeit, 
in dem das Volk stand — pacatum hominum 



ALAESIAGAE— ALBIS 



55 



genus omnino nennt es Jordanes Get. 5, 
homines humanissimi Ad. v. Bremen 4, 18 — 
bringt Müllenhofl a. a. 0. auch den Namen 
Aestii Aesii zusammen, den er nach got. 
aistan 'aestimare' als 'die Achtbaren, 
Ehrenwerten' versteht. Er könnte aber 
auch zu ags. äst (engl, oast), ndl. eest 
'Darre' gehören und die bezeichnen, die 
in den Getreidedarren oder Riegen wohnen, 
in die man sich bei den aistischen Stämmen 
in der kalten Jahreszeit in der Tat ein- 
zuquartieren pflegt. Mittelbar hienge 
dann der Name mit dem von Tacitus 
ihnen zugeschriebenen fleißigeren Betrieb 
des Ackerbaus zusammen. 

§ 4. Das Verhältnis der aistischen 
(baltischen) Sprachen zum Germanischen 
ist dem der slavischen zu diesem sehr 
ähnlich, sowohl was Aufnahme germ. 
Kulturworte als auch alte Verwandt- 
schaftsbeziehungen anbelangt. Unterein- 
ander zeigen Aistisch (Baltisch) und Sla- 
visch — beides Satem- Sprachen — sehr 
viele Übereinstimmungen; doch führt es 
zu Irrtümern, wenn von Lituslavisch ge- 
sprochen wird. Eine lituslavische Sprach- 
einheit hat es nie gegeben; das zeigen 
Übereinstimmungen des vSlavischen mit 
dem Arischen wie der Wandel von s zu s 
nach 2, M, r, k, an dem das Aistische keinen 
Anteil hat. 

Z e u ß 267 ff. 667 £f. M ü 1 1 e n h o f f DA. 
2, II £F. Hirt Indogm. i, 125 ff. Zur Sprach- 
verwandtschaft vgl. auch die bei Bremer 
Eihn. 26 angegebene Literatur. R. Much. 

Alaesiagae. Zwei von den Friesen 
verehrte weibliche göttliche Wesen, die 
in enger Beziehung zu dem Mars Thincsus 
(s. d.) standen. 

E. Mogk. 

Alba, ein Gebirge in Süddeutschland 
(Hist. Aug. Prob. 13); dasselbe wird bei 
Ptol. II II, 5 S-ls xd 6{j.(i)vu[j.a ToT? *AX7r£ioii; opT] 
bezeichnet. Gemeint ist die Schwä- 
bische Alb (a. 826 Alba Suevorum). 
Der Name ist von Haus aus derselbe 
wie Alpes, da in diesem p kelt. mund- 
artlich aus h entwickelt ist (s. T h u r - 
n ey s e n Keltorom. 9). Die ältere Form 
mit b zeigt auch noch das unmittelbar 
aus dem Keltischen entlehnte, entweder 
aus einem dem Gebirgsnamen zugrunde 
liegenden Appellativ oder erst aus jenem 



geflossene mhd. albe 'Bergweide' samt 
seinen mundartlichen Fortsetzungen. Nhd. 
Alpe ist von lat. Alpes aus in Schreibung 
und Aussprache gelehrt beeinflußt. 

R. Much. 

Alberich oder E 1 b e r i c h ( § i .) ein kühner, 
listenreicher Zwerg, der besonders im 
Nibelungenlied und im Ortnit begegnet. 
Er ist König in der Lombardei, ist alt 
und graubärtig (NL. B. 497; 0. 241), 
ist ein trefflicher Schmied (0. 113) und 
schenkt als solcher Ortnit eine gute 
Rüstung (0. Ulf. 176). Er kann sich 
unsichtbar machen, wozu ihm seine Tarn- 
kappe verhilft (NL. 97). Daher leistet 
er jederzeit seinem Sohne Ortnit, den er 
unerkannt mit der Gemahlin des älteren 
Ortnit erzeugt hat, Beistand, wenn dieser 
ihn durch den vom Vater geschenkten 
Zauberring begehrt (0. 308, 325, 354 f., 
366 u. oft.). 

§ 2. Im Nibelungenliede ist Alberich 
der Dienstmann der Könige Schilbung 
und Nibelung, der nach dem Tode seiner 
Herren den Kampf mit Siegfried auf- 
nimmt, von diesem besiegt und zum 
Kämmerer des Nibelungenhortes eingesetzt 
wird (NL. 96 ff.). In diesem Kampf 
entwand ihm Siegfried die Tarnkappe. 
Nach Siegfrieds Tode muß er den Hort 
den Burgundenkönigen ausliefern (NL. 
Iii8f.). 

§ 3. In der pidrekssaga, nach der Alfrikr 
der beste Schwertschmied, aber ein be- 
rüchtigter Dieb ist, wird A. von Dietrich 
im Kampfe besiegt und muß ihm das 
treffliche Schwert Naglhring verschaffen, 
das im Besitz eines außergewöhnlich star- 
ken Ehepaars ist (f)idr. S. Kap. 16 und 17). 

§ 4. Die Sage von A. ist ursprünglich 
eine selbständige Zwergsage, die in mannig- 
facher Veränderung in den verschiedenen 
mhd. Dichtungen Aufnahme gefunden hat 
(vgl. ZfdA. 26, 201 ff.). 

E. Mogk. 

Albis ist der in lat. und griech. Quellen 
überlieferte alte Name der Elbe. Nach 
Tacitus Germ. 41 entspringt der A. im 
Land der Hermunduren, was wohl eine 
Reminiszenz an die Zeit ist, da diese 
östlicher saßen (s. Hermunduren), ge- 
wöhnlich aber aus Verwechslung von 
Elbe und Saale erklärt wird. Ptolemäus 



56 



ALBOIN 



verwechselt Moldau und Elbe; richtig 
entspringt sie dagegen nach Dio Cass. 
55, I aus den OuavoaXixa opr^. 

Der Name, der im Germ, immer Fem. 
war und got. *Albi, Gen. *Alhjös lauten 
würde, deckt sich mit dem anord. Appellativ 
elfr 'Fluß*. Doch haben wohl auch die 
Boier in Böhmen die Elbe so wie die 
Germ, benannt; der Name wird keltogerm. 
sein; vgl. den Fluß Alhis beim Kosmo- 
graphen von Rav., später Alba, jetzt Aube, 
Nebenfluß der Seine. Aus dem Germ, 
entlehnt ist slav. Labe. 

R. Much. 

Alboin, der Langobardenkönig, gest. 572, 
trat in die Heldensage ein. Paulus Dia- 
conus I 27 sagt von ihm aus, seine Frei- 
gebigkeit und seine Kriegstaten würden 
immer noch bei Bayern, Sachsen und ihren 
Sprachverwandten in Gedichten gefeiert 
(carminibus celebretur). Der Wids. 70 — 74 
kennt ^Elfwine in Italien und rühmt ihn 
als den Allerfreigebigsten. Zusammen 
mit jenem Zeugnis erlaubt dies den Schluß, 
daß A. als Gestalt der Heldendichtung 
den Ags. bekannt geworden war, offenbar 
erst in der britischen Heimat. Das nord- 
humbrische Königshaus im 7. Jahrh. zeigt 
Eadwine und ^Ifwine als Großvater und 
Enkel. Von dem, was P. Diac. über A. 
erzählt, weisen zwei in sich geschlossene 
Begebenheiten auf poetische Gestaltung: 

I. A. und Turisind. A. soll sich, 
um conviva seines Vaters Audoin zu 
werden, von einem fremden Fürsten wehr- 
haft machen lassen: als solchen wählt er 
den Gepidenkönig Turisind, dessen Sohn 
Turismod er vor kurzem in der Schlacht 
gefällt hat. Schon diese Voraussetzung 
sieht nach heroischer Erfindung aus. Im 
folgenden wird Turisind, eine mit Wser- 
mund und Hredel zu vergleichende Ge- 
stalt, die Hauptperson: in seiner Seele 
liegt der Konflikt zwischen der 'fides', 
die er dem als Gast aufgenommenen A. 
schuldet, und dem racheheischenden 
Schmerz um den getöteten Sohn. Die 
Replik 'lieb ist mir der Platz, aber gar 
leid anzusehen der Mann, der drauf sitzt' 
(eine Halbstrophe), hat die echte Spannung 
der Heldenpoesie. Am Schluß preisen 
die Langobarden A.s audacia und T.s 
maxima fides. Es ist keine Sippenfehde, 



aber auch keine politische Aktion; die 
Schlacht auf dem Asfeld gehört zur Vor- 
geschichte, die Handlung selbst bewegt 
sich um ein seelisches Problem. Unser 
Text läßt manche Fragen offen; wie war 
der Liedstoff begrenzt, bei wem nahm der 
Dichter seinen Standpunkt.^* Wie hing 
es mit Turisinds überchristlicher Großmut 
eigentlich zusammen.f* Diese Unsicherheit 
gilt noch viel mehr von: 

2. A. und Rosemund. Hier 
blickt nur in einzelnen Momenten dichteri- 
sche Gestaltung durch, namentlich in A.s 
Replik ,, . . eam ut cum patre suo laetanter 
biberet invitavit" (Kögel: ,,frawalicho trinc 
mit fater dinemo!"). Rosemund, von dem 
Chronisten als die 'muliercula ad omnem 
nequitiam facilis' gezeichnet, war die 
tragische Heldin; als die Vaterrächerin, 
die ihre Frauenehre der Rache opfert, hat 
sie ihre nächste Verwandte in Signy 
(s. Vqlsungar) ; vgl. im übrigen die rächen- 
den Frauen Ynglinga saga c. 19. 48 (Vater- 
rache), Kriemhild, Hildina in der shetl. 
Ballade, Yrsas Mutter (s. Skiqldungar 
A4). Die Rosemund des Liedes mußte, 
so sollte man denken, mit dem Abschieds- 
worte der Signy aus dem Leben gehen. 
Die intrigenreiche Fortsetzung bei dem 
Chronisten, mit R.s Flucht, Buhlschaft 
und Ende, fällt aus der Rachesage jeden- 
falls heraus und folgt historischer Legende. 
Eine spätmittelalterliche Ballade mit glei- 
chem Hauptmotiv (die Verräterin muß 
das dem Liebhaber zugedachte Gift trinken) 
vermag ein altlangobardisches Heldenlied 
von R.s Tod kaum zu bezeugen. 

Von anderen Langobardennamen bringt 
der Wids. 117 Eadwine und ^gelmund: 
= Audoin (gest. c. 560) und Agelmund, 
der erste König des Volkes, ex prosapia 
Gungingorum. Die dem Eormanric als 
Gattin zugeführte Ealhhild (Z. 5 ff.), 
Eadwines Tochter (Z. 98), ist der langob. 
Überlieferung fremd. — Außer den zwei 
A.-sagen käme bei P. Diac. am ersten die 
Geschichte von Rumetrud, I 20, als 
heroischer Stoff in Rechnung. Auch hier 
biegt die Fortsetzung, die Heruler-Feld- 
schlacht, in die ausgeschmückte Historie 
um: der Späherbericht an den brett- 
spielenden König und die Täuschung durch 
die blauen Flachsfelder wären wohl auch 



ALBRUNA— ALEMANNEN 



57 



in einem germ. Heldenliede, nicht bloß 
in einem lat. Mimenstück vorstellbar; 
aber eine Einheit mit der unpolitischen, 
leidenschaftlichen Rumetrudszene bildet 
es augenscheinlich nicht. S. ferner u. 
Rother. Wieweit es die langob. Sagen 
zu zyklischer Gruppierung gebracht hatten, 
wissen wir nicht. In die mhd. Epik haben 
sie sich nicht herübergerettet. Den Nord- 
ländern blieben sie unbekannt. 

U h 1 a n d Schriften i, 461 ff. K ö g e 1 Lit. 

I, 117 ff.; PGrundr. 2, 60. Ker Epic and 

Romance (1897) 78 ff. Brückner ZfdA. 

43i 55- 1 r i k DgF. Nr. 345. A. Heusler. 

Albruna, der von Wackernagel (Schweiz. 
Museum f. hist. Wiss. I 109) und Müllen- 
hoff (Zur Runenl. 51 ff.) konjizierte Name 
einer altgermanischen Seherin, die nach 
Tacitus Germ. 8 einst in hohem Ansehen 
gestanden hat. Man vermutet, daß sie 
zur Zeit des Drusus gelebt habe. Die 
überlieferte Form des Namens ist A u - 
r i n i a. 

E. Mogk. 

Alci, ein bei den estgermanischen Naha- 
narvalen göttlich verehrtes Brüderpaar, 
dessen nur Tacitus (Germ. 43) gedenkt 
und das er mit Kastor und Pollux ver- 
gleicht: apud Nahanarvalos antiquae reli- 
gionis lucus ostenditur. praesidet sacerdos 
muliebri ornatu, sed deos interpretatione 
Romana Castorem Pollucemque memorant. 
ea vis numini, nomen Alcis. nulla simulacra, 
nullum peregrinae superstitionis vestigium; 
ut fratres tarnen, ut juvenes venerantur. 
Der Name ist dunkel; wahrscheinlich 
hängt er zusammen mit ags. ealgian 
'schützen'. Man hat das Brüderpaar 
mit den indischen Agvinä in Zusammen- 
hang gebracht (Myriantheus, Die Agvins 
oder arischen Dioskuren, München 1876) 
und glaubt nach Müllenhoffs Vorgange 
(ZfdA. 12, 346 ff.) vielfach, daß sie in den 
Harlungen der deutschen Heldensage fort- 
leben. Beide Annahmen sind unsicher; 
sie scheinen vielmehr nur ein göttlich 
verehrtes Schutzbrüderpaar gewesen zu 
sein, wie die norwegischen Schwestern 
Irpa und |)orgerdr, dessen Kult sich auf 
emen Stamm beschränkt hat. 

Symons PGrundr. III 679. E. Mogk. 

Alemannen. § i. Der Name Alamanni 
wird zum J. 213 n. Chr. zum erstenmal 



genannt. Damals hatte Kaiser Caracalla 
mit ihnen, deren Volkszahl und Tüchtigkeit 
im Reiterkampf hervorgehoben wird, in 
der Nähe des Mains zu kämpfen. 

Die Frage nach der Herkunft des 
Volkes ist sehr verschieden beantwortet 
worden; s. Baumann Forsch, z. deutsch. 
Gesch. 16, 215 ff., Forsch, z. schwäb. Gesch. 
500 ff. Am glaubwürdigsten ist die Her- 
leitung ihres Kernes wenigstens von den 
Semnonen. Eine Quelle scheint diesen 
Ursprung sogar unmittelbar zu bezeugen. 
Wenn es Fragm. ap. Suid. ed. Küster 2, 294 
heißt: ot Xeyopsvot Fepfj-avot (das sind hier 
die Franken) .... 01 ■A'xzi^zo^ tyjv yrjv tcüv 
'AXß«vä)v, 00? -atX St^vojv«? xotXoöaiv, scheint hier 
SifjLvwva? gemeint, dieser Name aber unter 
dem Einfluß des gallischen der Senones 
— beide werden öfters vertauscht — 
entstellt zu sein. 

§ 2. Eine große Anzahl von Zeugnissen 
aus späterer Zeit nennt Suebi an Stelle 
von Alamanni oder gebraucht Suebi und 
Alamanni als gleichwertige Namen, und 
während letzteres im franz. Munde als 
Allemands fortlebt und hier aus einer 
Bezeichnung des nächstliegenden deut- 
schen Stammes zu derjenigen aller Deut- 
schen geworden ist, gilt bei diesen selbst 
schon in den ältesten uns erhaltenen 
Sprachquellen einzig und allein Schwaben 
als Name des ganzen alemann. Stammes. 
Wenn gelegentlich von ferner stehenden 
Gewährsmännern die beiden Namen Suebi 
und Alamanni als die zweier verschiedener 
Völker betrachtet werden, ist dies ein 
naheliegendes Mißverständnis und kann 
die Überzeugung nicht erschüttern, daß 
die A. selbst Schwaben sind. Außerhalb 
jeder Möglichkeit liegt Bremers An- 
nahme {Ethn. 203 f.), daß das Volk, das 
den Namen Suebi zu den A. gebracht habe, 
vom J. 51 bis zum J. 357 in Pannonien, 
also auf röm. Boden, gesessen habe. 

§ 3. Sind aber die A. Schwaben, so 
fällt diese Tatsache auch schon für ihre 
Herkunft von den Semnonen entscheidend 
ins Gewicht, da sie als gens papulosa, 
als die sie von Anfang an erscheinen, 
nur von einem volkreichen vStamme aus- 
gehen können und kein anderer der großen 
Suebenstämme für sie sonst in Betracht 
kommt. Es wäre aber auch ein Rätsel, 



58 



ALEMANNEN 



was aus dem Haiiptvolk der Sueben ge- 
worden ist, wenn sie nicht in den Ale- 
mannen-Schwaben fortleben. Auch den 
Kult des regnator omnhim deus, des 
Himmclsgottes, den uns Tacitus Germ. 39 
für die Semnonen bezeugt, haben die 
Schwaben nicht aufgegeben und verraten 
auch dadurch ihre Herkunft. Den Haupt- 
ort des von ihnen besetzten Raetien, 
Augusta (Augsburg), nannten sie Ciesburc, 
und sie selbst hießen auch Cyuuari, was 
wohl als 'Zioverehrer' zu deuten ist; s. 
R. M u c h Der germ. Himmelsgott 4 f. 

§ 4. Der Name Alemannen selbst — 
in älterer und korrekterer Überlieferung 
Alamanni — deckt sich mit got. alamans, 
das in den Verbindungen in allaim ala- 
mannam und alamanne kura belegt ist. 
Es bedeutet 'Menschen insgesamt, Men- 
schen irgendwelcher Art' und ist völlig 
synonym mit as. irminman, das Heliand 
1298 ebenfalls in Verbindung mit all und 
3503 sogar im Sing, gebraucht wird. Auch 
das Aisl. kennt in Zusammensetzungen 
einen Gen. Plur. almanna und Ableitungen 
wie almenni, almennr. Danach ist Alaman 
sicher nicht mit Grimm GddSpr. 498 
für einen 'ausgezeichneten Mann oder 
Helden' zu nehmen. Eher hat der Name 
einen demokratischen Sinn und bezeichnet 
den einzelnen als Mitglied der Gesamt- 
nation, im Plur. aber diese selbst ohne 
Rücksicht auf gesellschaftliche Unter- 
schiede. Daneben besteht die Möglichkeit, 
daß die Alamanni die Angehörigen eines 
weiteren politischen Verbandes sind im 
Gegensatz zu den stammhaften Elementen, 
aus denen er sich zusammensetzt; und 
mehr zu einer solchen Auffassung stimmt 
die Erklärung, die Asinius Quadratus, 
ein Gewährsmann aus dem 3. Jahrb., nach 
Agathias 1,6 von dem Namen gibt: Suvi^XuS^? 
(oder E'jy7.X'J0£?) sfaiv avi^pwTioi xat |j.iya8£?, xat 

Dies steht aber der Herleitung des 
Volkes von den Semnonen nicht im Wege, 
da diese selbst schon verschiedene Unter- 
abteilungen umfaßt haben werden, und 
auch nur der Kern der A. auf sie zurück- 
geführt zu werden braucht, der Anschluß 
fremder Elemente an diesen aber keines- 
w^egs von vornherein bestritten werden 
soll, umso weniger als ein solcher Vorgang 



Seitenstücke in der Geschichte aller größe- 
ren germ. Stämme hätte. Bestimmt nach- 
weisbar sind indes solche Elemente gerade 
bei den A. im Gegensatz zu den Sachsen, 
Thüringern oder Franken nicht. 

§ 5. Auf eine Gliederung des Stammes 
ist aus dem Umstand zu schließen, daß 
wiederholt eine größere Anzahl von alem. 
Königen — bis 15 — nebeneinander 
erwähnt wird. Noch Theoderik spricht 
in seinem Brief an Chlodowech in Cassio- 
dors Var. 2, 41 von Alamannici populi. 

Von etlichen Unterabteilungen 
kennen wir auch die Namen. So von den 
Brisigavi im Breisgau, den Lentienses — 
die germ. Namenform ist nicht über- 
liefert ■ — im Linzgau, den Biicinohantes 
(d. i. *Bdktnahanttz 'Bewohner des Buchen- 
gaues'.? vgl. Tubantes), nach Ammianus 
Marc. 29, 4 gegenüber von Mainz seßhaft, 
und den Raetobarii, so benannt, weil sie 
sich auf einem Teil des alten Raetierlandes 
niedergelassen hatten; s. Kossinna 
PBBeitr. 20, 282. Alle sind sie also nach 
Lokalen benannt und führen keine alten 
Stammnamen. Ein solcher ist einzig 
der — wohl die Raetobarii (und Len- 
tienses.'') in sich begreifende — Name 
Juthungi^ und die Juthungen (s. d.) haben 
manche Forscher sogar von den A. ganz 
trennen w^ollen, aber gewiß nicht mit 
Recht. Ob diesen schon in der älteren 
Heimat eine Sonderstellung zukam und 
ob sie und die A. ihre Namen schon aus 
dieser mitbrachten, ist nicht zu ermitteln. 
Ebensowenig wissen wir, ob die Aus- 
wanderung aus dieser auf einmal oder in 
Nachschüben erfolgte, und ob der Durch- 
zug durch das Land der Hermunduren 
ein friedlicher oder erzwungener war. 

§ 6. Sofort nach ihrem Erscheinen in 
der Maingegend beginnen die A. gegen 
den Limes anzudringen und zeigen in den 
sich immer wieder erneuernden Kämpfen 
mit den Römern in den folgenden Jahr- 
hunderten eine bewundernswerte Trieb- 
kraft ihres Stammes, die für alle Verluste 
rasch Ersatz schafft. Ihre Streifzüge er- 
strecken sich öfters bis nach Oberitalien, und 
was ihr Siedlungsgebiet betrifft, gewinnen 
sie, wenn auch gelegentlich zurückgedrängt, 
im ganzen zusehends an Boden. Schon 
um 260 ist der Limes von ihnen gebrochen 



ALEMANNISCHE FUNDE 



59 



und das Land bis zur Donau in ihrem 
Besitz. Bald stehen sie auch am Bodensee 
und machen wiederholt Versuche, weiter 
nach Raetien und auf die linke Rheinseite 
überzugreifen, doch erst im 5. Jahrh. 
mit dauerndem Erfolg. Im J. 430 werden 
noch die gegen Raetien vordringenden 
Juthungen, bei dieser Gelegenheit zum 
letztenmal genannt, von Aetius zurück- 
gewiesen; nach dessen Tod aber fanden 
die A. hier und am Rhein kaum mehr 
nennenswerten Widerstand. Auf dessen 
linkem Ufer sind sie uns zuerst von Sidonius 
Apoll, zum J. 456 (Carm. 7, 2>7?> ff-) sicher 
bezeugt und nehmen hier das Elsaß und 
die Pfalz, vielleicht sogar noch nördlichere 
Striche in Besitz. In Raetia secunda 
schieben sie sich wohl gleichzeitig bis an 
den Lech vor, und zwar ist dabei besonders 
an Juthungen zu denken. Auch die Be- 
setzung der Schweiz in ihren Alpenvor- 
landen scheint alsbald erfolgt zu sein, 
während in die tieferen Gebirgstäler die 
deutsche Sprache erst im Verlauf späterer 
Jahrhunderte durch allmählich vorschrei- 
tende Besiedlung eingedrungen ist. 

§ 7. Die Verhältnisse zwischen den 
A. und ihren germ. Nachbarn erleiden 
mannigfache Verschiebungen. Ihr erstes 
Auftreten hinter dem Limes hat bereits 
Anschluß, Verdrängung oder Unterjochung 
anderer Stämme in dem bis dahin nicht 
unbewohnten Lande zur Voraussetzung. 
In Betracht kommen Reste der Teu- 
tonen und vielleicht die Mapootyyoi, Kou- 
piu)V£? und XaiTouwpoi des Ptol., deren Lo- 
kalisierung aber mangels anderer Zeug- 
nisse ganz unsicher ist. Die Bucinobantes 
gegenüber von Mainz und nördlich des 
Mains stehen dort auf dem Boden der 
Mattiaci. Aber auch Hermunduren und 
Chatten mögen Platz gemacht haben. Die 
Eroberung des Dekumatenlandes schloß 
auch das Gebiet der Neckarsueben mit 
ein. Dadurch aber, daß sich die A. 
über den römischen Limes vorschoben, 
ward wieder Land in ihrem Rücken frei. 
In diesem setzten sich sofort die aus Ost- 
deutschland kommenden Burgunder 
(s. d.) fest, und durch lange Zeit bildet nun 
der Limes die Grenze zwischen beiden 
Germanenstämmen. Die mainabwärts 

drängenden Burgunder traten dann auch 



gegenüber von Mainz an ihre Stelle, um 
im Anfang des 5. Jahrhs. auf das linke 
Rheinufer überzugreifen. Nach deren 
Abzug nach Sapaudia fiel die Pfalz, wo 
sie zuletzt gesessen hatten, zunächst den 
über das Elsaß gegen Norden vordringen- 
den A. zu, und auch über den Neckar 
müssen sie sich auf einem Boden, den 
sie früher den Burgundern eingeräumt 
hatten, neuerlich ausgebreitet haben, da 
der Kosmograph von Rav., unter Berufung 
auf den älteren Athanarid als Quelle, 
Ascapha und Uburzis (Aschaffenburg und 
Würzburg) unter den alem. Städten 
anführt. 

Ihre starke Machtentfaltung und Aus- 
breitung in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhs. 
brachte sie aber in die gefährliche Nach- 
barschaft der ihrerseits rasch empor- 
strebenden Franken (s. d.). Im 
Kampf mit Chlodowech im J. 496/7 zogen 
sie den kürzeren und mußten, abgesehen 
vom Verlust ihrer Selbständigkeit, den 
nördlichen Teil ihres Gebietes fränkischen 
Ansiedlern einräumen. Nur die südlicher, 
in der Schweiz und Raetien seßhaften, 
an jenem Kampf vielleicht unbeteiligten 
Gaue blieben noch unabhängig und fanden 
gegen einen späteren Unterwerfungsversuch 
Chlodowechs bei Theoderik Schutz. Erst 
536 wurden sie von den Goten ebenfalls 
den Franken überlassen. Von da an 
bildeten die gesamten A., aber unter 
besonderen Herzogen, einen Teil des mero- 
wingischen Reiches. 

Z e u ß 303 ff. Bremer Ethn. 197 (930) ff 
L. Schmidt Allg. Gesch. d. germ. Völker 
188 ff. Weitere Literatur besonders bei letzterem. 

R. Much. 

Alemannische Funde (§ i) sind von den 
fränkischen und burgundischen, wie von 
anderen germanischen Funden der Völker- 
wanderungszeit (s. d.) schwer zu unter- 
scheiden, wenn nicht Zeit und Ort darüber 
einen (doch meist nur unsicheren) Auf- 
schluß geben. Bis gegen das Ende des 
weström. Reiches trifft man im altalemann. 
Lande zwischen dem mittleren Neckar 
und dem Taunus kleine Reihengräber- 
felder mit Beigaben von frühem west- 
germanischem und spätem gallorömischem 
Gepräge, zum Teil noch La Töne-Formen. 
Nach dem Verlust dieses Gebietes an die 



6o 



ALFHEIMR— ALKUIN 



Franken (um 500) macht sich der rheinisch- 
fränkische und wohl auch unmittelbarer 
oströmisch-gotischer Einfluß mit neuen, 
aus dem ostgerm. Kulturkreis stammenden 
Formen geltend. Es erscheinen die be- 
kannten Speichen- oder Sprossenfibeln, 
die runden Scheiben-, die S- und tier- 
förmigen Fibeln, oft aus Edelmetall und 
mit Granaten oder farbiger Glasinkrusta- 
tion. Von der Mitte des 6. Jahrh. an 
treten, unter Zersetzung des römischen 
Keilschnittornaments, neue Band- und 
Flechtmuster auf. Unter nordisch-sächsi- 
scher Einwirkung tritt das Tierornament 
mit seinen Fratzenköpfen, Wurmleibern 
und Krallenfüßen auch hier die Herr- 
schaft an. 

§ 2. Im 7. Jahrh. kommen dazu die mit 
Silber (und Gold) tauschierten und plat- 
tierten Eisensachen: Scheibenfibeln,Gürtel- 
schnallen, Riemenzungen, Sporen usw., 
teils in eigenen kleinen Nekropolen, teils 
in den entsprechenden Abschnitten größerer 
Gräberfelder. Die runde Scheibenfibel 
ist jetzt die einzige Gewandspange; Bügel- 
fibeln kommen nicht mehr vor. Es ergeben 
sich deutliche Kulturzusammenhänge mit 
Oberitalien (langobardische Goldkreuze seit 
der Christianisierung der Alemannen um 
616). Auch die Tongefäße, die bis um 500 
noch teils La Tene-, teils provinzialrömi- 
sche Formen zeigen, gehen jetzt in Form 
und Verzierung eigene Wege, worin sie 
sich auch von der gleichzeitigen fränki- 
schen und burgundischen Keramik unter- 
scheiden, wie denn die Töpferei fast immer 
mehr lokalen Charakter trägt, als die 
durch den Handel oft weitverbreiteten 
Schmucksachen und Waffen. Unter den 
letzteren findet sich die Spatha, sowie 
Stoßspeer und Wurfspieß, Streitaxt, Bogen 
und Pfeil in den älteren, wie in den jüngeren 
Gräberfeldern, wogegen das Wurfbeil, die 
Franziska, nur in den ersteren und ver- 
einzelt vom 7. Jahrh. ab wieder auftritt. 
Die Ausstattung eines vornehmen Kriegers 
in dem kleinen Grabfeld von Gamertingen 
(Anfang 6. Jahrh.) enthielt u. a. Helm 
und Panzerhemd. Etwa 40 bekannte 
westgerm. Gräberfelder, meist in Württem- 
berg, kommen für die Alemannen in 
Betracht. (S. Tafel 2.) 

A. S c h 1 i z Fundb. aus Schwaben 11, 21 — 62 



(1903). D e r s. Ber. d. bist. Ver. Heilbronn 
II, I — 42(1904). G, Meyer von Knonau 
Mitt. ant. Ges. Zürich, 18 (1873), ^9 (i875)- 

M. Hoernes. 
Alfheimr, d. h. Heim der Alfen, be- 
gegnet nur in den eddischen Grimnismäl 
(v. 5), wonach die Äsen diesen Sitz dem 
Gotte Frey einst als Zahngeschenk gegeben 
hätten, und in der Snorra Edda, wo 
er der Sitz der Lichtelfen ist und am 
Brunnen der Urd liegt (SnE. S. 23). 

E. Mogk. 

Aliso ist der bei Velleius Pat. 2, 120 
und Tacitus Ann. 2, 7 überlieferte Name 
eines römischen Kastells, das in den 
Kriegen der Römer in Deutschland ihr 
wichtigster Stützpunkt auf der rechten 
Rheinseite war. Es wurde nach Dio Cass. 
54, 33 angelegt f^ xs Aootti«? xa( 6 'EXiawv 
aufxfjiiYvuvTai, ist also nach dem Fluß be- 
nannt, an dem es gelegen war. Seine 
Stelle bezeichnet der Ort Elsen, der nahe 
der Mündung eines Gewässers liegt, das 
nicht weit oberhalb durch den Zusammen- 
fluß der Eller und Alme entsteht und in 
dem Stück nach der Vereinigung dieser 
Bäche heute Alme heißt, aber früher 
ebensogut nach der Eller benannt sein 
konnte. Elsen geht auf *'Alisön-, Elter auf 
*Alizön- zurück, woneben EXiawv wohl eine 
Ablautform darstellt, die sich dem deut- 
schen elm neben anord. almr 'Ulme' ver- 
gleicht. Zu letzterem stellt sich im Stamm- 
vokal auch Alme, und Eller und Alme 
sind der 'Erlen'- und 'Ulmenbach'. Auch 
die geschichtlichen Ereignisse, mit denen 
im Zusammenhang A. eine Rolle spielte, 
lassen über seine Lage bei Elsen keinen 
Zweifel, wofür auf die Darlegungen von 
Delbrück Gesch. d. Kriegskunst 2, 131 ff. 
verwiesen sei, wo auch die Kontrovers- 
literatur Erledigung findet. Vgl. Helysii. 

R. Much. 

Alkuin. § I. A. {Alchwine; lat. Albinus 
oder Alcuinus; in der Palast -Schule Flaccus 
genannt) wurde in Northumberland, wahr- 
scheinlich um 735 geboren. Er war von 
vornehmer Abkunft und wurde in der 
Schule von York, der dritten und berühm- 
testen der großen angelsächsischen Bil- 
dungsanstalten, erzogen. Seine Lehrer 
waren Egbert, Erzbischof von York, der 
Freund Bedas. ferner JEVoert, damals Leiter 




Tafel 2. 



ErSi'iiiriii'iiii iiiiniirfiSaaii 











Alemannische Funde. 

Funde aus alemannischen Gräbern im nördlichen Württemberg. 

I — 3. Gräberfeld am Norciende von Hcickingen. — 4 — 8. Gräberfeld bei der Heilbronner 

Friedenskirche. 
Aus: Historischer Verein Heilbronn, Bericht 7. Heft, Aufsatz von A, Schliz. 



R pallfvil-nn rlor rr/>ri>i A Iti^rt 11 Tiicl-ii nf I f> T 



Verlan- 



k''.rl I 



ALKUIN 



6i 



der Anstalt, später Egberts Nachfolger 
auf dem erzbischöflichen Stuhl, und andere, 
darunter wahrscheinlich, wenn auch nicht 
sicher, Irländer. Die Vermutung, daß er 
jemals Irland besucht hat, ist ohne Stütze. 
— 'jd'j wurde A. zum Diakonus ordiniert, 
er blieb bis zu seinem Tode humüis Levita^ 
ohne jemals die priesterlichen Weihen zu 
empfangen. Als ^Elberts begünstigster 
Zögling wurde er später sein Kollege und 
Reisebegleiter, dann, nach dessen Wahl 
zum Erzbischof [7^^)y zusammen mit 
seinem Freund Eanbald I. Leiter der 
Schule, und als dieser wieder im Jahre 778 
iElbcrts Nachfolger wurde, deren alleiniges 
Haupt. Der Ruf der Schule zog Lern- 
begierige von weit her an. albert und 
A. machten mehr als eine Reise nach dem 
Kontinent und kehrten mit reichen Schätzen 
für die Bibliothek der Schule zurück: 
Alkuins Versus de Patrihus Regibus et 
Sanctis Euboricensis Ecclesiae gibt darüber 
eine allgemeine Übersicht. Schon auf 
diesen Reisen machte A. die Bekanntschaft 
vieler Gelehrter des Festlandes und auch 
die Karls des Großen, mit dem er dann 781 
nach dem Besuche Roms, wo er für Ean- 
bald das Pallium holen wollte, in Pavia 
wieder zusammentraf. Die Folge dieser 
Begegnung war, daß A. zunächst versuchs- 
weise, dann dauernd seinen Wirkungskreis 
von Northumbrien in das fränkische König- 
reich verlegte. In den ersten zwölf Jahren 
wurde seine Tätigkeit für Karl durch 
verschiedene Reisen in die Heimat unter- 
brochen: 786 sah er England wieder als 
Vertreter des Königs von Northumbria 
im Gefolge der päpstlichen Legaten, 790 
als Gesandter Karls, um Frieden mit Offa 
von Mcrcien zu schließen, noch einmal 
im Laufe der nächsten Jahre, als er aus 
Patriotismus die Unruhen in seinem zer- 
rütteten Vaterland Northumbrien zu be- 
seitigen suchte; auf der Synode von Frank- 
furt im Jahre 794 vertrat er die angel- 
sächsische Kirche in Zurückweisung der 
Dekrete des zweiten Konzils von Nicaea 
(787), im nächsten Jahre rief ihn Eanbald 
nach York, vielleicht um ihn zu seinem 
Nachfolger zu machen. Aber mancherlei 
Umstände hinderten Alkuin, dem Rufe 
folgezuleisten; die Ermordung des Nort- 
humbrischen Königs iEthelred im Jahre 796 



bestimmte ihn, niemals mehr den Boden 
Englands zu betreten, und nach dem Tode 
Eanbalds I. wurde nicht Alkuin, sondern 
Eanbald II. dessen Nachfolger. Fortan 
war Alkuins Verkehr mit England, ab- 
gesehen von Begegnungen mit den Kon- 
tinent besuchenden Engländern, nur noch 
ein brieflicher. 

§ 2. Alkuins Tätigkeit für Karl hatte 
bisher in der Leitung der Palast-Schule 
bestanden, die Schüler aus den verschie- 
densten Ständen und Lebensaltern und 
beiderlei Geschlechts enthielt, den Mittel- 
punkt des intellektuellen Lebens im Fran- 
kenreich bildete, die Leiter der Kirche und 
des Staates in direkte Verbindung mit der 
Erneuerung des geistigen Lebens, die sich 
Karl angelegen sein ließ, brachte und dazu 
beitrug, eine Generation von Männern 
heranzubilden, die Karls des Großen Werk 
in der Zukunft vollenden sollten. Vielleicht 
war auch Alkuin teilweise verantwortlich 
für die Verordnung Karls, daß jeder 
Geistliche ein bestimmtes Maß von Wissen 
erwerben sollte; die angelsächsische Kirche 
bot dafür in den Dekreten des Konzils 
von Cloveshoo vom Jahre 747 (Haddan u. 
Stubbs, Councils etc. III 360 — 376) ein 
Vorbild; das Dekret an die fränkischen 
Erzbischöfe, Bischöfe und Äbte, das den 
Eifer im Lernen und Lehren zur Pflicht 
machte (MGL. II Kap. I 78), stammt 
vielleicht von Alkuins Hand. Sicherhch 
hatte er ganz bedeutenden Anteil an der 
praktischen erzieherischen Tätigkeit, denn, 
als er sich schließlich entschloß, auf dem 
Kontinent zu bleiben, und Karl ihm nicht 
gestattete, sich in das Kloster von Fulda 
zurückzuziehen, bekam er neben andern 
Ämtern die Abtei von St. Martin in Tours 
und errichtete dort eine Art klösterlicher 
Musterschule. Eine Zeitlang besuchte er 
jährlich den Hof; bis zum Ende seines 
Ltbens war er bereit, seine alten Freunde 
und Schüler durch Briefe zu beraten, zu 
ermahnen und zu unterstützen. Er wurde 
in einen langen, gelehrten Streit mit 
Elipandus, Erzbischof von Toledo, und 
Felix, ex- Bischof von Urgel, den Führern 
in der adoptionistischen Häresie, die mit 
päpstlicher Billigung auf der Synode von 
Frankfurt verdammt worden war, ver- 
wickelt. Dem kurzen Liher Albini contra 



62 



ALKUIN 



haeresim Felicis folgten Libri VII adversus 
Felicem und Lihri IV adversus Elipandum, 
außerdem auch Briefe an die Mönche von 
Scptimania und andere, die von der Häresie 
angesteckt sein mochten. Später, wahr- 
scheinlich im Jahre 799, trat A. selbst in 
Aachen in eine öffenthche Disputation 
mit Felix und brachte ihn, wenigstens für 
eine Zeitlang, von seinen Irrtümern ab. 
Aber die sich steigernde Hinfälligkeit zwang 
ihn, seine Kräfte zu schonen. Berichte 
über den Angriff auf Leo HL in Rom 799 
bewegten ihn tief, begierig wartete er auf 
die Briefe seines größten Freundes, Arno, 
Erzbischof von Salzburg, der als einer der 
Beauftragten Karls den Papst in die 
ewige Stadt zurückbegleitete, aber er selbst 
konnte sich doch nicht mehr entschließen, 
Tours zu verlassen, um den König auf der 
Reise zu begleiten, von der er als Kaiser 
zurückkehren sollte. Im Jahre 80 1 gab 
er mit Genehmigung des Kaisers alle seine 
weltlichen Ämter ab; seine Abhandlung 
über die Dreieinigkeit ist wahrscheinlich 
aber noch im Jahre 802 verfaßt. Ein 
unerquicklicher Streit mit Theodulf, Erz- 
bischof von Orleans, über einen entflohenen 
Geistlichen ist das letzte bezeugte Ereignis 
seines Lebens. Er starb am Pfingstsonntag, 
dem 19. Mai 804. 

§ 3. Alkuin hatte wenig heroische Eigen- 
schaften, er war furchtsam von Natur, in 
körperlicher und geistiger Beziehung. Er 
folgte immer den Spuren anderer. Aber er 
war von lauterster Gesinnung, ein treuer 
Freund, dem Kaiser sehr ergeben, treu zur 
Lehre der Kirchenväter und der katho- 
lischen Kirche haltend, für die er auch in 
die Schranken trat. Die Renaissance des 
12. Jahrh. verdankt ihm und seiner be- 
harrlichen Tätigkeit zum großen Teil ihre 
Entwicklung und Blüte. 

§ 4. Wie er als tätiger Mann mehr der 
Ausführer der Ideen anderer, das Medium 
für die Verbreitung ihrer Lehren ist, so 
hat er auch als Schriftsteller nicht 
besondere Eigenart. Seine Briefe zeigen 
seinen lauteren Charakter und illustrieren 
seine Lebensarbeit. Sie gehören haupt- 
sächlich den letzten 10 Jahren seines Lebens 
an, berühren selten poUtische Angelegen- 
heiten (ausgenommen die Northumbrischen 
Verhältnisse), vielleicht weil sein Rat in 



politischen Dingen nicht besonders viel 
galt. Sie sind als Belege für seine Wirk- 
samkeit wichtig; doch entnehmen wir nicht 
daraus seine Betätigung an dem ikonoklas- 
tischen Streit, seinen Aufenthalt in England 
im Jahre 786, den in Frankfurt i. J. 794, wir 
hören nicht von seiner Revision des Lectio- 
nariums in seinem Comes Albini, von seinem 
Homiliarium, von seiner Ausgabe des Gre- 
gorianischen Sacramentariums mit dem 
Zweck, auf Karls Wunsch eine liturgische 
für das Frankenreich allgemein gültige 
Anweisung zu geben, kaum von seinen Be- 
mühungen um die Verbesserung korrumpier- 
ter Bibelhandschriften, die eine Art Alkuini- 
scher Lesart des Vulgata -Textes zeitigten. 

— Seine Gedichte, obwohl zahlreich, haben 
keine Eigenart und erwecken kein beson- 
deres Interesse. — Seine Lebensbeschrei- 
bungen von Heiligen waren für die Er- 
bauung des Lesers bestimmt und haben 
wenig unabhängigen geschichtlichen W^t. 

— Seine moralischen Schriften: De virtuti- 
bus et vitiiSj De animae ratione, usw.missen 
der Originalität ebenso wie seine Kommen- 
tare zur Bibel, die zum größten Teil aus 
wörtlichen oder paraphrasierten Anfüh- 
rungen aus den Kirchenvätern bestehen. — 
Seine Schriften gegen Felix und Elipandus 
zeigen nicht nur seine Kenntnis der lat. 
Kirchenväter, sondern auch sein Mißtrauen 
gegen zu neugieriges Eindringen in die 
göttlichen Mysterien, obwohl seine nicht 
polemische Schrift: De fide sanctae trinitatis 
teilweise den Zweck hatte, die Notwendig- 
keit der Dialektik beim Studium der Theo- 
logie darzutun. — Von seinen pädagogischen 
Schriften sind erhalten Abhandlungen über 
die drei Zweige des Trivium nebst zwei 
kurzen Abhandlungen und mehreren Brie- 
fen über astronomische Probleme; die ihm 
von seinen Biographen zugeschriebenen 
Schriften über Musik, Arithmetik und Rhe- 
torik sind anscheinend verloren gegangen. 

— Die Grammatik, zwei Dialoge zwischen 
Alkuin und seinen Schülern, einem fränki- 
schen und sächsischen Knaben, behandelt 
das Verständnis der heiligen Schrift als 
das Endziel allen Studiums, aber sie 
betont auch die Notwendigkeit der sieben 
freien Künste für die Bildung. Sie be- 
schäftigt sich fast nur mit Elementar- 
grammatik und Etymologie; eine besondere 



ALLMENDE 



63 



Schrift de Orthographia ist wohl als Richt- 
schnur für unwissende Kopisten, wahr- 
scheinlich in Tours, geschrieben. Die 
Schrift De Rhetorica et Virtutibus, eben- 
falls ein nach angelsächsischer Manier 
angelegter Dialog, diesmal zwischen Alkuin 
und Karl selbst, behandelt mehr den Wert 
als die Regeln der Rhetorik; die Schrift 
De Dialectica ist sehr unzulänglich; die 
astronomischen Abhandlungen beziehen 
sich hauptsächlich auf die Berechnung des 
Kalenders. 

§ 5. An diesen dürftigen Abhandlungen 
gemessen, würde Alkuin unter den Gelehr- 
ten des Mittelalters keine bedeutende 
Stellung einnehmen. Aber man muß ihn 
alles in allem nehmen. Die schriftstelle- 
rische Tätigkeit war nur ein kleiner, viel- 
leicht unbedeutender Teil seiner Lebens- 
arbeit. Er war der geborene Pädagoge, 
geduldig, bedächtig, unermüdlich. Er 
brachte den Franken die Früchte der angel- 
sächsischen Gelehrsamkeit, als diese selbst 
in ihrer Heimat durch die beginnenden 
Einfälle der Dänen bedroht wurde. 

A 1 c u i n i Opera Omn ia ap. M i g n e , Patro- 
logia Latina. lOO. lOi. Carmina: M G H. P o e t. 
Aevi Carol. i, 160 — 351. Epistolae. M GH. 
Epp. 4,1 — 493. Vita Alchuini MGS. XV. i, 
182 — 197. Jaffe Monumenta Alcuiniana. (Bib. 
Rerum Germ, IV). Hauck KG. Deutschi. IL 
Gaskoin, Alcuin; Lond. 1904; mit Biblio- 
graphie. G. F. Browne, Alcuin of York; 
London 1908. 

C. J. B. Gaskoin. 

Allmende. § i. Die A. (ahd. alagimei- 
nida, später gemeinde, gemain, allmeine, 
gemeinheit, gemeinland usf.) mit der ge- 
meinen Mark (ahd. marka, bair. calasne, 
lat. communia) war alles Land, das nicht 
Eigen d. h. nicht in das Eigentum einer 
Genossenschaft oder Einzelner übergegan- 
gen war, also alles Land außerhalb der Hof- 
stätten (Mühlenstätten), des Ackerlandes 
und sonstiger von Privatgrenzen umgebe- 
nen Gebiete. ,, Allmende und Eigen 
sind quellenmäßig Gegensätze." Sie 
umfaßte insbesondere Wald (silva com- 
munis, saltus communis), Weide (daher 
lang, jiuvaida, lat. pascua communia) und 
Wasser, dann aber auch Lehmgruben, 
Sandgruben und Steinbrüche. Innerhalb 
dieser A. gab es nun zwar ursprünglich kein 
Eigentum, aber gleichwohl war sie nicht 



etwa in der Weise allen gemeinsam, daß 
jeder Volksgenosse gar überall die Allmende 
für sich hätte nützen können. Vielmehr 
schieden sich aus dem gesamten eigen- 
tumsfreien Boden eine Reihe von kleineren 
und größeren Allmenden aus, durch natür- 
liche oder auch künstliche Grenzen abge- 
schieden. Jede Markgenossenschaft hatte 
ihre, nur für ihre Markgenossen bestimmte 
Allmende, die dann je nach dem Charakter 
der betreffenden Markgenossenschaft eine 
Dorfallmende oder Hundertschaftsallmende 
oder eine Allmende mehrerer Dörfer sein 
konnte. Aber auch innerhalb einer größe- 
ren mehrere Dörfer umfassenden Mark- 
genossenschaft konnten sich wiederum ein- 
zelne Dorfallmenden ausbilden. Erst was 
nicht so mit Beschlag belegt war, blieb über 
als gemeine Mark zur Nutzung jedes 
Volksgenossen oder, wenn sich Hundert- 
schaft und Markgenossenschaft nicht deck- 
ten, der Hundertschaftsgenossen. Im 
Laufe der Entwicklung traten hierin Ände- 
rungen ein, die mehr oder weniger unbe- 
stimmten Herrschaftsrechte der Genossen- 
schaft verdichteten sich zum Gesamteigen- 
tum, die gemeine Mark wurde dem könig- 
lichen Obereigentum unterworfen. Außer- 
dem dehnte sich aber das königliche Boden - 
regal als AUmendregal vielfach auch auf die 
Allmende aus. Die Allmende selbst wurde 
ebenso wie die gemeine Mark mehr und mehr 
ausgebaut. Dies geschah durch Rodungen 
zur Gewinnung von Ackerland, durch 
Neuansiedlungen (Rodung) und vor allem 
durch die Beunden (s. d.) der Grundherr- 
schaften. 

§ 2. Die A. stand ursprünglich der 
unbegrenzten ,, Nutzung" jedes Markge- 
nossen offen, die durch Holzfällen, Vieh- 
weiden, Schweinemast [mastunga), Jagd 
und Fischerei, Gewinnung von Boden - 
bestandteilen erfolgte. Allenthalben er- 
folgte jedoch eine periodische Aufteilung 
einzelner Teile der A., insbesondere von 
Wald und Weide, wodurch sich die Nutzung 
des Einzelnen auf den ihm zufallenden 
Teil beschränkte. Wo sonst das Anwachsen 
der Bevölkerung eine Begrenzung der 
Nutzungen erforderlich erscheinen ließ, 
erfolgte diese in der Weise, daß jeder Voll- 
hufe ein gewisser Nutzungsanteil zuge- 
messen wurde, der die verschiedensten 



64 



ALLMENDE 



Bezeichnungen trug wie mark, were, wara^ 
wariscaph, scara, echiwort. Das Recht 
der Rodung oder des Steinbruchs war 
auch vielfach Beschränkungen unterworfen 
(s. Rodung). 

In Gemeineigentum und Gemeinnutzung 
standen im oberdeutschen Gebirgsgebiet 
vielfach auch Alpen (s. d.). 

M e i t z e n Siedelung I 1 62 ff. 464 ff. I n a - 
ma-Sternegg DWG. I* 151 f. L a m - 
precht D1¥L. I 388ff. 459ff. Schröder 
DRG.S 58 ff. 215 ff. Brunn er DRG.V- 87 f. 
H ü b n e r Grundzüge des deutschen Privatrechts 
118 ff. V. Amira Rechte 119 f. Vgl. ferner 
die zu »Agrar Verfassung« angeführten Werke 
von G. L. V. Maurer. 
§ 3. Der englischen Sprache fehlt 
ein dem deutschen ,, Allmende" entsprechen- 
des Wort. Sachlich dagegen finden sich 
gemeinsame Äcker, Weiden, Wiesen und 
Wälder, insbesondere einzelnerDorfschaften, 
selten größerer Bezirke. Das Ackerland 
war wie auf dem Kontinent in Gewanne 
gegliedert {gedalland), diese in Streifen, 
die den einzelnen Hufen zugeteilt waren. 
Auch gemeinschaftliche Wiesen (gcersiun) 
erscheinen ebenso jährlich aufgeteilt im 
Verhältnis der Größe des sonstigen Boden- 
anteils der Dorfbewohner. Die einzelnen 
Streifen unterliegen der Sondernutzung 
bis zur Mahd (i. August), von wo ab die 
ganze Fläche gemeinsame Weide wird; 
bis dahin besteht auch eine Zaunpflicht 
der Anteilhaber. Für die Benutzung der 
ungeteilten Weide mögen hier schon früh 
Einschränkungen vorgekommen sein, die 
sich auf die Zahl und Art des aufzu- 
treibenden Viehs, jene vielfach nach dem 
Überwinterungsfuß bemessen, bezogen. Am 
Wald bestand anfangs ein unbeschränktes 
Nutzungsrecht der Dorfbewohner, wie auch 
am Wasser. Es ist auch fraglich, ob dieses 
noch vor der normannischen Zeit allgemein 
eine Beschränkung erlitten hat. Insbe- 
sondere erfolgte die Waldnutzung durch 
Holzgewinnung und Schweineweide {den- 
bera). s. Agrarverfassung § 31 ff. 

Vinogradoff Growth of the manor 165 ff. ; 
d e r s. Villainage in England 259 ff.; d e r s. 
English Society 279 ff. M a i 1 1 a n d Domesday 
book and heyond 340 ff. Nasse Feldgemeinschaft 
(passim). 

§ 4. Die Allmende ist den drei kontinen- 
talen skandinavischen Reichen be- 



kannt, ebenso Island (aschw. almcenninger, 
adän. almcenning^ alminning, wnrd. al- 
menningr). Die Erscheinungsformen aber 
sind vielgestaltige. In Vestgötaland er- 
scheint eine Landsallmende [landsalmcen- 
m'wg^r), eine Hundertschaf tsallmende(/2^r<7/s 
almcenninger) und eine Dorfallmende [byar 
almceninnger), die Allmende aller Nachbarn 
(aldra granna a.) oder auch aller Männer 
{allra manna a.). Nur diese aber kennt 
die ältere Redaktion von Vestgötalag, 
vom Anfange des 13. Jahrhunderts; erst 
in der jüngeren Redaktion vom Ende dieses 
Jahrhunderts erscheinen jene, nachdem die 
Ausdehnung der Besiedelung die Begren- 
zung des hcEvap wie des Volklands erforder- 
lich gemacht und damit die Grenzen des 
gemeinschaftlichen Bodens nach außen 
gezogen hat. In den übrigen Ländern sind 
diese Abgrenzungen im 13. Jahrhundert 
noch nicht völlig durchgeführt, soweit 
sie überhaupt durchführbar sind, was z. B. 
in Helsingeland mangels Fehlen der Hun- 
dertschaft nur begrenzt möglich st oderi 
kein Bedürfnis bestand wie im Gebiet der 
Einzelhöfe; die mangelnde Notwendigkeit 
wird es auch gewesen sein, die in Norwegen 
eine solche Einteilung nicht aufkommen 
ließ und in Dänemark nur eine Abgrenzung 
der Dorfallmende erschließen läßt. Aller- 
dings ist dadurch nicht ausgeschlossen, daß 
insoferne Grenzen bestehen, als gewohn- 
heitsrechtlich die Bewohner einer be- 
stimmten Gegend auch nur in einem be- 
stimmten Umkreis das nicht zu Sonder- 
eigentum ausgeschiedene Land nützen und 
andererseits die Nutzung durch andere 
Personen als Eingriff in ihre Rechte be- 
trachten. Nur darf man nicht vor dem 
13. Jahrhundert, in Schweden sogar 14. 
Jahrhundert an durchgebildete Eigentums- 
rechte denken, die sich eben erst allmählich, 
zunächst in der Dorfallmende, entwickelt 
haben. 

§ 5. Auch hier war die Nutzung der 
Allmende zuerst eine unbeschränkte. Gleiche 
Gründe aber wie auf dem Kontinent haben 
zu Beschränkungen geführt, dem ,, gesetz- 
lichen (Wald-) Schlag" {laghahug) des 
Vollbauern entsprechend stufte sich in 
Schweden die Waldnutzung nach dem 
Grundbesitz ab, und ,,nach Unzen und 
Pfennigen" [ceplir orum ok Qytoghum) wird 



ALLOD— ALOE 



65 



die Zahl der vom Einzelnen einzutreiben- 
den Schweine festgelegt. Ein Mindestmaß 
von Grundbesitz war in Schweden Voraus- 
setzung für die Allmendenutzung; unter 
diesem war da und dort gestattet, aus 
dem Wald zu nehmen, was man selbst 
mitnehmen konnte (kalkcsdrcet). Andere 
Gründe mögen bei der gesetzlichen Scho- 
nung von Eiche und Hasel mitgewirkt 
haben. Auch in Dänemark bestimmt sich 
das AUmendnutzungsrecht nach der Größe 
des Grundbesitzes im by. Dagegen fehlt 
jede Beschränkung in Norwegen; ab- 
gesehen von denen, die das hier noch 
intensiver als in Dänemark ausgebildete 
Recht des Königs am Wasser und allem 
unbebauten Land mit sich brachte 
(s. Königtum). 

Eine besondere Art gemeinschaftlicher 
Nutzung der Allmende (Landesallmende 
und Hundertschaftsallmende) war erbliche 
Verpachtung von Allmendland gegen einen 
Pachtzins {landskyld, afgceld, ajraf) an 
einen almeningskarl oder almcenings land- 
boa. Andererseits konnte es, wenigstens 
in Schweden, zu einer Aufteilung eines 
Gemeindewalds kommen. 

V. A m i r a Obl.-R. I 607 f. 628 f. Haff 
Die dänischen Gemeinderechte I. II. Matzen 
Forelcssninqer, Tingsret 33 ff . K e y s e r Efterladte 
Skrifter II 329 ff. Brandt Forelcesninger I 
240 ff. Beauchet Histoire de la propriMe 
fonciere en Suede 60 ff. v. Schwerin. 

Allod. Als alodis [alaudis] bezeichnete 
man in fränkischer Zeit das in vollem 
Eigentum stehende Vermögen im Gegen- 
satz zu dem in Gesamteigentum stehenden 
Gut, dem Verfügungsbeschränkungen unter- 
worfenen Gut und zum Leihegut, was 
dem Wortsinn entspricht (Zusammen- 
setzung aus al 'ganz' und od 'Eigentum'.) 
Damit hängt innerlich zusammen, daß es 
auch die Bedeutung 'Erbschaft', später 
auch 'Immobiliarerbe' besitzt und als 
Erbgut in Gegensatz zum Kaufgut gestellt 
wird und die Miterben allodiones heißen. 
Das Wort beschränkt sich auf fränkisches 
und von dort beeinflußtes Gebiet. 

G i e r k e Allod in ,, Beiträge z. Wörtb. d. 
deutschen Rechtssprache" 103 ff. v. Amira 
Erbenfolge 2 f. v. G r i e n b e r g e r IF. 26 Anz. 33. 
B r u n n e r DRG. I ' 309. Inama-Ster- 
negg DWG. I^ i39 ff. Lamprecht 
DWL. I 748 f. V. Schwerin. 

Hoops, Reallexikon. T, 



Almandinen sind Halbedelsteine aus der 
Gruppe der Granaten, also blutrote, hyaline 
Kristalle. In spätrömischer und noch mehr 
in der Vörkerwanderungszeit fanden sie 
häufige Verwendung als Einlagen in Fibeln, 
Schnallen, Ringen, Schwertknöpfen usw. 
In Skandinavien ist diese Schmuckart im 
Gegensatz zum Kontinente ziemlich selten, 
am meisten kommt sie hier auf Schwert- 
knöpfen und kleinen Schmuckknöpfen als 
email cloisonne vor. B. Schnittger. 

Aloe (§ i), das bekannte drastische 
Abführmittel, das aus dem bittern 
Saft der fleischigen Blätter verschiedener 
Aloe-Avten gewonnen wird und wegen 
seiner nicht nur abführenden, sondern 
zugleich wärmenden und anregenden Ein- 
wirkung auf Magen und Unterleib schon 
im Altertum geschätzt und vielfach ge- 
braucht wurde. Zuerst von Dioskorides 
III 22 erwähnt, wird es von ihm wie von 
Phnius (NHist. 27, 14 — 20), Galen u. a. 
außer als Purgativ auch als Mittel gegen 
Kopfweh und Augenleiden, ferner als 
zusammenziehendes Heilmittel bei Ver- 
wundungen, Entzündungen und Ge- 
schwüren gepriesen. Die beste Aloe kam 
nach Plinius aus Indien, doch wurde 
auch in Kleinasien, Syrien, Arabien und 
Ostafrika A. gewonnen. Die Beschaffen- 
heit der Droge ist je nach der Art der 
Zubereitung und der angewandten Aloe- 
Spezies verschieden. Als beste Sorte galt 
die durch schnelles Eindampfen gewonnene 
undurchsichtige, leberfarbige Aloe, schon 
von Dioskorides T^TiaxtCov genannt, die aloe 
hepatica der mittelalterl. Glossare und der 
Apotheken. 

§ 2. Aus der antiken Medizin ging die 
A. in die mittelalterlich-germanische über 
und hat sich bis in die Gegenwart behauptet. 
Daß sie in Deutschland (ahd. mhd. 
äloe, s. Björkman ZfdWortf. 6, 176) schon 
im 10. Jahrh. als Abführmittel bekannt 
war, ergibt sich aus Richers Hist. III 96, 
wo als Ursache von Kaiser Ottos II. Tod 
(983) angegeben wird, daß er gegen Ver- 
dauungsbeschwerden und Verstopfung, um 
schnell gesund zu werden, zu viel A. ge- 
nommen habe, waseinen anhaltenden Durch- 
fall und heftigen Blutfluß zur Folge hatte. 

§ 3. In den angelsächsischen 
Arzneibüchern des 10. und 11. Jahrhs. 



66 



ALOEHOLZ— ALP 



wird A. {alwe) außer als Abführmittel 
(Laeceboc II 27 bei Cockayne, Leechdoms) 
und bei Verdauungsstörungen und Magen- 
beschwerden (Leb. II 3. 14. 16, I. 29) 
auch sonst vielfach verschrieben, so als 
Speimittel (Leb. II 52, i. 2), zu Kopfsalbe 
(Leb. II 65, 5 und Lacnunga i bei Cockayne), 
Augensalbe (Lacn. 16), gegen Herzweh 
(Leb. I 17, I = Lacn. 114; Leb. II i, i. 
16, i), gegen Lähmung (II 59, 4) und als 
Schlafmittel (Leb. II 30, i, wo von alwan 
leaf Aloeblättern' die Rede ist). Es sind 
im wesentlichen dieselben Leiden, gegen die 
sie schon von den Alten empfohlen wurde. 
§ 4. Über die Verwendung der A. in 
der altnordischen Heilkunde haben 

wir keine Nachricht. 

Hoops. 

Aloeholz (lignum Aloes). § i. Dieses 
im Altertum und MA. berühmte Räu- 
cherwerk hat mit dem Abführmittel 
Aloe (s. d.) nichts zu tun, ist vielmehr der 
Name verschiedener wohlriechender Hölzer, 
insbesondere der hinterindischen Aquüaria 
Agallochum Roxb. Das Agallochumholz 
galt schon im Alten Testament (hebr. 
'ahälim oder 'ahälöt) als kostbares Räucher- 
mittel und wurde in Europa zuerst von 
Dioskorides I 21 als ri^dXXoyov beschrieben. 
(Über den vermutlichen Zusammenhang 
dieses Namens mit dem hebr. und mit 
dem aind. agaru, aguru s. Schrader Reallex. 
SV. Aloe.) In spätgriech. Zeit wurde dann 
der Name ahWi auf das dyöcUo^^ov-Holz 
übertragen (3uXaAor|), vielleicht weil auch 
dieses offizinell verwandt wurde (s. Rosen- 
thal Synopsis Plantarum diaphoricarum 
243), und weil man irrtümlich annahm, 
daß die gleichfalls orientalische Aloe-Droge 
aus dem dcya>.Xoy_ov-Holz gewonnen werde. 

§ 2. Ob das lignum Agallochi schon im 
frühen MA. in Nordeuropa bekannt war 
und offizinell oder zu Räucherzwecken 
gebraucht wurde, wissen wir nicht. Wenn 
in dem unter Aloe § 3 zitierten angel- 
sächs. Rezept Leb. II 65, 5 murre and 
alwe, libania, d. h. Myrrhen, Aloe und 
Weihrauch als Ingredienzien zu einer 
Kopfsalbe genannt werden, könnte die 
Zusammenstellung der Aloe mit zwei 
aromatischen Stoffen den Gedanken nahe- 
legen, daß hier das wohlriechende lignum 
Agallochi gemeint ist; doch wird die bittere 



Aloe schon bei Plinius 27, 17 als Mittel 
gegen Kopfweh empfohlen. 

§ 3. Um 1200 ist das Aloeholz als 
Räuchermittel sicher bekannt: in Wolf- 
rams Parzival wird in der Gralsburg 
als kostbarer, wohlriechender Brennstoff 
lign äloe verbrannt, dessen Rauch die 
Schmerzen des kranken Anfortas lindern 
soll. Weitere Belege b. Schade. 

Schade Ahd. Wb? 1389—91. Husemann 
Z. f. Chirurgie 54, 522 — 24 (1900), mit weiterer 
Lit. Schrader Reallex. unt. 'Aloe'. 

Hoops. 

Alp (§ i) ist im deutschen Volksglauben 
die verbreitetste Bezeichnung für den 
Druckgeist, der Menschen und Tiere im 
Schlafe quält. Im Mhd. hatte alp (pl. 
elbe) noch die umfassendere Bedeutung 
'boshafter, neckender Geist'; seit Luther 
hat sich der Begriff immer mehr verengt 
und das vordem allgemein gebräuchliche 
,, Mahre" (s. d.) verdrängt. Andre, örtlich 
begrenzte Namen für diesen Druckgeist 
sind Trude (bes. in Bayern), Stempe 
(Tirol), Schrättele, Rätzel (Schwaben), 
Toggeli (Elsaß), Walriderske (Oldenburg); 
der engere Begriff des Wortes ist von 
Mitteldeutschland ausgegangen. Es ist 
dasselbe mythische Gebilde, das bei den 
Griechen als Ephialtes, bei den Römern 
als Incubus begegnet. Veranlassung zu 
ihm hat die unbehagliche Beklemmung 
gegeben, die durch Stockung des Blutes 
nach allzureichlicher Mahlzeit und in dump- 
fer Luft bei Schlafend :n erzeugt zu werden 
und Herzklopfen und Angstschweiß her- 
vorzubringen pflegt (vgl. Liebrecht, Ger- 
vasius V. Tilbury S. 143 ff.). 

§ 2. Nach volkstümlicher Auffassung 
drückt, tritt oder reitet der Alp den 
Menschen; daher Alpdrücken. Er setzt sich 
ihm auf die Brust oder den Hals und 
drückt ihm die Kehle zu; zuweilen saugt 
er an seiner Brust oder steckt die Zunge 
in den Mund des Schlafenden, so daß 
dieser nicht schreien kann. Aber auch 
Tiere, besonders Pferde quält er, so daß 
deren Haare am Morgen ganz zerzaust 
sind und sie am ganzen Körper schwitzen. 
Kühen saugt er die Milch aus. Selbst 
Bäume drückt der Alp; die pflegen dann 
zu zittern und schließlich einzugehen. 



ALPENPÄSSE 



67 



§ 3. Mannigfach sind die Gestalten, in 
denen sich die Volksphantasie diesenDruck- 
geist denkt. Eine ganze Alpfauna läßt sich 
aufstellen: bald erscheint er als Bär, Geiß- 
bock, Katze, bald als Aal oder Schlange 
oder als Kröte, wonach er auch Lork 
(Westfalen) heißt, oder Maus, besonders 
häufig aber als Nachtschmetterling oder 
Nachtschwalbe. Hierin gibt sich die 
Alpmythe als Gebilde des Seelenglaubens 
zu erkennen. Nach einer in Thüringen u. a. 
O. verbreiteten Sage verläßt die Seele in Ge- 
stalt einer Maus den Körper des schlafenden 
Mädchens und drückt während ihrer 
Abwesenheit den Geliebten (Grimm DS. 
I 294 f.). Der Glaube, daß der Alp die 
wandernde Seele lebender oder toter 
Menschen, besonders der Geliebten oder 
einer Hexe sei, ist über ganz Deutsch- 
land verbreitet. Daher findet man oft 
ein schönes Mädchen oder eine alte 
Frau im Gemach, wenn man dem Alp den 
Ausweg, das Schlüsselloch oder eine Wand- 
spalte, versperrt hat. 

§ 4. Um den Alp fernzuhalten, 
bedient man sich verschiedener Mittel. 
Da er nur durch Risse oder Schlüssel- 
löcher ins Gemach kommt, verstopft man 
diese, wenn er da ist, um ihn so zu fangen. 
Vermutet man eine bestimmte Person 
in dem Alp, so ruft man sie dreimal mit 
ihrem Namen. Früher bediente man sich 
vielfach der Besprechungsformeln gegen 
den Alp. Am Bett oder der Türschwelle 
des Gemachs pflegt man den Drudenfuß 
(s. d.) oder das Kreuz anzubringen; unter 
das Kopfkissen legt man spitze Gegen- 
stände (Messer, Schere) oder auf die Brust 
die nach oben gekehrte Sichel. Auch 
Pflanzen (AUermannsharnisch, Dürrwurz 
u. a.) halten den Alp fern. 

L a i s t n e r Das Rätsel der Sphinx 1889. 
Röscher Ephialtes 1900. W u 1 1 k e Volks- 
aherglaube § 402 flE. E. H. M e y e r Myth. d. 
Germ. 122 flf. E. Mogk. 

Alpenpässe. § i. Die übertriebenen Vor- 
stellungen, die man früher über die Be- 
nutzung der Alpenpässe im Altertum 
hegte, sind durch neuere Forschungen auf 
ein bescheideneres Maß zurückgeführt wor- 
den. Man nahm schon für die Hallstatt- 
zeit und weiter auch für die ältere La 
T^ne-Zeit einen anfänglich geringen, später 



stärker werdenden Verkehr der Etrusker 
über die Alpen nach dem Norden hin an 
(Genthe). Indessen zeigt schon das Ver- 
halten der griechischen Kolonisation an 
der Adria und der ligurischen Küste, daß 
der Verkehr über die Alpen nicht bedeutend 
genug war, um die Griechen zu größeren 
kolonisatorischen Anstrengungen zu ver- 
locken. Erst jenseits des Südendes der 
Westalpen, an der Rhonemündung, und 
weiter westwärts die Küste entlang fand 
die griechische Kolonisation ein beque- 
meres und lohnendes Arbeitsfeld. Massalia 
wurde für West- und Nordwesteuropa die 
Importstelle der Erzeugnisse Etruriens 
u. a. Mittelmeerländer. Von Südosten 
drang der Handel die Donau aufwärts in 
Mitteleuropa ein. Dagegen lehren die 
Münzfunde, daß im allgemeinen der Alpen- 
kamm die Grenze der italischen Währung 
in der vorrömischen Zeit bildete. 

§ 2. Andererseits kann darüber kein 
Zweifel herrschen, daß es seit früher Zeit 
in den Alpen Verbindungswege und Paß- 
verbindungen über sie gab. Die Römer 
knüpften, wie sonst vielfach bei ihren 
Straßenbauten, so auch bei ihrem Ausbau 
der Alpenstraßen an die älteren Pfade, 
Wege und Pässe an. Erst unter Augustus 
begann der systematische Ausbau der 
Alpenstraßen. Die vom Handel, speziell 
demnorditalisch-etruskischen, am frühesten 
benutzten Alpenpässe scheinen die niedrig- 
sten d. h. die östlichen und in die öster- 
reichischen Länder führenden gewesen zu 
sein. Im Osten bauten die Römer die 
Straße über den BirnbaumerWald 
(520 m) nach Laibach (Emona), Ober- 
laibach (Nauportus), Pettau (Poetovio) und 
Cilli (Celeia) aus. Von dem Ausgangs- 
punkt dieser niedrigsten Paßstraße, Aqui- 
leja, liefen nordöstlich die Paßstraßen über 
den Saifnitz- (Pontebba-) Paß 
(797 m) und den Plöckenpaß (1360 m) 
aus. Die ältere von ihnen war die über 
den Plöcken. Die Bewohner des Gail- 
tales am Nordabhang des Plöcken standen 
schon im 4. Jh. v. Chr. südwärts über den 
Paß in Verkehrsverbindung mit den Ve- 
netern. Nach Norden fortgesetzt wurde 
die Plöckenstraße in der späteren Kaiser- 
zeit und führte über den Radstädter 
Tauern nach Salzburg. Dagegen fand der 



68 



ALPENPÄSSE 



Ausbau der Pontebbastraße als Handels- 
straße schon in der ersten Kaiserzeit statt; 
ihre Ziele waren Klagenfurt (Virunum) und 
Neumarkt (Noreja). Sie bildete die ein- 
zige direkte Verbindungsstraße zwischen 
Italien und Noricum. Der Weg der ger- 
manischen Völker während der Völker- 
wanderungszeit führte in der Regel über 
den Birnbaumer Wald. Doch blieben 
während der Völkerwanderung auch die 
beiden Straßen über die Karnischen Alpen 
nicht unbenutzt. Erst seit der Zurück- 
weisung der Ungarn nach der Mitte des 
10. Jh. begann der Handelsverkehr über 
Plöckenpaß und Pontebbastraße sich wieder 
zu beleben. 

§ 3. Die an der Brenner straße ge- 
machten Funde verraten für frühe Zeit 
einen Verkehr. Der Brennerpaß vermittel- 
te schon vor dem Einbruch der Kelten in 
Oberitalien (um 400 v. Chr.) den Verkehr 
mit den Etruskern der Poebene; später 
diente er dem keltischen Nachbarverkehr. 
Durch das Pustertal stand die Brenner- 
straße in Verbindung mit der Fortsetzung 
der Plöckenstraße, so daß vom Pustertal 
und auf der Etsch-Eisacklinie ein Verkehr 
über den Brenner stattfand. Dem schon 
früh über den Brenner vordringenden 
römischen Handel gewährte erst die durch 
Drusus erfolgte Unterwerfung der Paß- 
bewohner (Breuni, Breones) völlige Sicher- 
heit. Die Brennerstraße blieb in den ersten 
christlichen Jahrhunderten lediglich Han- 
delsstraße mit dem Hauptziel Augsburg 
(Augusta Vindelicorum). Septimius Seve- 
rus und seine Nachfolger ließen sie als 
Militärstraße ausbauen und befestigen. 
Schon in römischer Zeit gehörte der 
Brennerpaß zu den wichtigsten Verkehrs- 
verbindungen Italiens mit den nordalpinen 
Ländern. Aus der Zeit der Ostgotenherr- 
schaft in Italien wird die Fürsorge Theode- 
richs für die Sicherheit der Brennerstraße 
bezeugt, und auch während der Zeit lango- 
bardischer Selbständigkeit in Italien fand 
über den Brennerpaß, der inzwischen in 
baierischen Besitz gelangt war, häufiger 
Verkehr statt. Ebenso bildete der Brenner 
in karolingischer Zeit (Paßstraße per Alpes 
Noricas) einen der vier wichtigsten Alpen- 
pässe. Wiederholt überschritten ihn auf 
Kriegszügen die ostfränkischen Karolinger. 



Die größte Bedeutung als Heerstraße ge- 
wann er für die Römerzüge der deutschen 
Kaiser seit Otto d. Gr. Bis zum Interreg- 
num gingen die meisten italischen Heer- 
fahrten der Kaiser über den Brenner. 
Handelsverkehr über den Brenner läßt 
sich erst wieder seit dem li. Jh. nach- 
weisen. Die Bezeichnung Brenner, früher 
ein Lokalname, wurde erst allgemein am 
Ende des Mittelalters. Viel geringere Be- 
deutung für Kriegszüge und Handelsver- 
kehr hatte die Straße die Etsch aufwärts 
durch den Vintschgau über den Reschen- 
Scheideck (1493 m). Noch in der ersten 
Kaiserzeit angelegt, scheint sie unvollendet 
geblieben zu sein. 

§ 4. Die B ü n d n e r passe gehörten 
in römischer Zeit nicht zu den wichtigsten 
Paßstraßen. Ihre Benutzung in römischer 
Zeit ist nur für den Julier und den Splügen 
erwiesen. Über den J u l i e r (2287 m) 
führte ein fahrbarer Weg. Seine Be- 
nutzung begann mindestens seit Augustus. 
Vom Septimer fehlen Nachrichten aus 
römischer Zeit. Im MA. trat der S e p - 
t i m e r (23 ll m) als der kürzere, wiewohl 
unbequemere Paß an die Stelle des Julier. 
In fränkischer Zeit waren Septimer, Großer 
St. Bernhard und Mont Cenis die am 
meisten benutzten Alpenpässe. Das 
Hospiz auf dem Septimer {xenodochium 
s. Peiri) wird 831 zuerst erwähnt. Der Ver- 
kehr über den Septimer erlebte in der 
2. Hälfte des 10. Jhs. seine erste Glanzzeit. 
Die Zollprivilegien der sächsischen Kaiser 
für das Bistum Chur u. a. Nachrichten be- 
zeugen den Handels- und Reiseverkehr über 
einzelne Bündnerpässe, besonders über 
den Septimer, in dieser Zeit. Die Straße 
über den S p 1 ü g e n paß (2117 m) von 
Chiavenna nach Chur ist römisch, wahr- 
scheinlich in der mittleren Kaiserzeit an- 
gelegt, doch augenscheinlich wenig benutzt. 
Im Frühmittelalter wird sie nicht erwähnt. 
Bernhardin (2063 m) und L u k - 
manier (1917 m) treten erst in der 
sächsischen Kaiserzeit gelegentlich hervor. 
§ 5. Die Eröffnung des Gotthardpasses 
fällt erst in die ersten Jahrzehnte des 13. 
Jhs. Ein Weg über den S i m p l n 
(2009 m) wurde in spätrömischer Zeit ge- 
baut. Vorher bestand kein nennenswerter 
Paßverkehr und auch der römische bHeb 



ALPENPÄSSE 



69 



lokal beschränkt. Im MA. hob sich die 
Wichtigkeit des Passes für den Handels- 
verkehr erst seit dem 12. Jh. 

§ 6. Eine wesentlich bedeutendere Rolle 
spielten in der politischen und der Ver- 
kehrsgeschichte die weiter westlich lie- 
genden Pässe. Der Große St. Bern- 
hard (2491 m), in römischer Zeit mit dem 
Tempel des Jupiter Poeninus auf der Paß- 
höhe, im MA. Mons Jovis, einer der Haupt- 
alpenpässe des Altert, und des MA., wurde 
bereits in der Bronzezeit für den Lokalver- 
kehr benutzt. Seit dem 2. Jh. v. Chr. 
wuchs nach Ausweis der Münzfunde seine 
Wichtigkeit für den Verkehr. Cäsar be- 
mühte sich, den Handel über diesen Paß 
zu sichern, und Augustus begann, nach 
der Gründung Aostas und der Vernichtung 
der Salasser, mit der Anlegung einer 
Straße über den Gr. St. Bernhard. Der 
Verkehr blieb rege während der römischen 
Zeit. In der fränkischen Periode war der 
Paß samt Aosta in fränkischem Besitz 
und in karolingischer Zeit der bevorzug- 
teste Paß für die Übergänge der Herrscher 
und der Hauptverkehrsweg vom unteren 
Pogebiet nach Nordfrankreich und dem 
Rhein. Die Grenzsperren des Langobar- 
denreichs (Clusae) lagen auf der italienischen 
Seite. Seit der Entstehung des König- 
reichs Hochburgund (888) gehörte der Paß 
zu diesem. Schon früher (859) wird ein 
Hospiz auf dem Gr. St. Bernhard erwähnt. 
Der Verkehr über den Paß war im 9. u. lO. 
Jh. lebhaft und blieb es auch trotz der Be- 
unruhigung des Passes durch die Sarazenen 
seit 940. Das spätere Hospiz erscheint 
urkundlich erst 1 125. Von seinem Gründer, 
dem hl. Bernhard von Menthon (f wahr- 
scheinlich 1086), erhielt der Mons Jovis 
seinen heutigen Namen. 

§ 7. Der zum mittleren Rhonetal füh- 
rende Übergang über den Kleinen 
St. Bernhard (2157 m), die Alpis 
Graia, wahrscheinlich Hannibals Weg und 
gewiß bereits von den Kelten und noch 
früher benutzt, wurde durch Augustus 
ausgebaut. Im frühen MA. tritt er nicht 
hervor. Seine Bedeutung in röm. Zeit ver- 
lor er später im Nordosten an den Großen 
St. Bernhard, im Süden an den Mont Cenis. 

§ 8. Seinerseits blieb dagegen der 
Mont Cenis (2098 m) im röm. Altertum 



vom großen Verkehr unbenutzt. Um so 
wichtiger wurde er im MA. Die Eröffnung 
des Mont Cenis-Passes fällt in das 6. Jh. 
Seine Wichtigkeit für den Verkehr zeigt 
sich besonders im 8. u. 9. Jh. Er war einer 
der Hauptalpenpässe der fränkischen Zeit. 
Am Eingang des Tales von Susa, bei 
Chiusa, lagen die Grenzsperren (Clusae) 
der Langobarden gegen das fränkische 
Reich. Seit dem Anfang des 10. Jhs. 
geriet der Paß in die Gewalt der Sarazenen, 
die vielfach den Verkehr störten und die 
Reisenden durch Abgaben belästigten. 
Auch die Ungarn benutzten auf ihren Raub- 
zügen die Pässe des Großen St. Bernhard, 
des Mont Cenis und des Mont Genevre. 
Erst nach etwa siebenzigjähriger Dauer 
nahm die Herrschaft der Sarazenen auf 
den wichtigsten Alpenpässen ein Ende, 
hauptsächlich durch die 972 erfolgte Er- 
oberung ihres Hauptstützpunktes Garde- 
Freinet (Fraxinetum) in der Nähe der 
provengalischen Küste. 

§ 9. Die Paßstraße über den Mont 
Genevre (1860 m), Alpis Cottia, ist die 
am frühesten von den Römern und zwar 
durch Pompejus 'j'j v. Chr. eröffnete Alpen- 
straße, nachdem der Paß schon viel früher 
den Kelten als Übergang gedient hatte. 
Augustus baute die Straße weiter aus. 
Wie in römischer Zeit diente sie auch wäh- 
rend der Völkerwanderung dem Verkehr; 
wiederholt wurde sie im 6. u. 7. Jh. von den 
Langobarden benutzt. In der fränkischen 
Zeit dagegen trat ihre Bedeutung im Ver- 
kehrsleben durchaus zurück gegen die des 
Mont Cenis. Auch sie fiel im lO. Jh. unter 
die Herrschaft der Sarazenen, von der sie 
erst die erwähnte Vertreibung derselben 
befreite. 

V. D u h n D. Benutzung d. Alpenpässe i. Alter- 
tum N. Heidelb. Jb. 2, 55 £f. Fr. R a m s a u e r 
D. Alpenkunde i. Altert. Z. d. deutsch-österr. 
Alpenver. 32, 46 ff. Oehlmann D. Alpen- 
pässe im MA. Jb. f. Schweiz. Gesch. 3, 169 ff. ; 
4, 165 ff. Berger D. Septimer straße Jb. f. 
Schweiz. Gesch. 15, iioff. AI. Schulte 
Gesch. d. mittelalterl. Handelsverkehrs i , 39 ff . 
54 ff. 0. W a n k a E. V. Rodlow D. Verkehr 
ü. d. Pontehha-Pontafel u. d. Predil i. Altert, 
u. MA. Prager Studien 3. Ders. D. Brenner- 
straße i. Altert, u. MA. das. H. 7. Scheffel 
Verkehrsgesch. d. Alpen i. Bis z. Ende d. Ost- 
gotenreiches. W. Stein. 



^o 



ALPERT— ALSENER GEMMEN 



Alpert, gegen Ende des lo. Jahrh. 
Mönch im Kloster S. Symphorian in Metz, 
daher meist genannt A. von Metz, weilte 
später jedenfalls in der Utrechter Diözese, 
woher er wahrscheinlich gebürtig war, 
vielleicht im Kloster Amersfoort. Daß 
er eine an Paulus Diaconus anknüpfen- 
de, aber nur in zwei Bruchstücken erhaltene 
Geschichte der Bischöfe von Metz geschrie- 
ben habe, ist eine vielfach, so auch bei 
Wattenbach, begegnende irrige Annahme. 
Vielmehr hat er, soweit bekannt, nur über 
die letzte Lebenszeit des Bi- 
schofs Dietrich L, nämlich die 
Jahre 978 — 984, etwa ein Menschenalter 
später ein Werkchen verfaßt, das durch 
Zurückgehen auf den mündhchen Bericht 
eines vertrauten Dieners des Bischofs lebens- 
voll und insbesondere für die süditalischen 
Schicksale Kaiser Ottos II. bedeutsam 
ist. Der Anfang ist verstümmelt, doch 
scheint nicht viel zu fehlen. Ein andres 
Werk, das er zwischen 102 1 und 1024 
schrieb, nannte er De diversitate tem- 
porum und widmete es dem Bischof 
Burchard I. von Worms. Formell stark 
durch Caesars gallischen Krieg beein- 
flußt, bringt es unter Verzicht auf alle 
Chronologie und genauere Bezeichnung 
der Persönlichkeiten, zwar mit epischer 
Erzählerfreude, aber mit einem bemerkens- 
werten Mangel an historisch-politischem 
Sinn fast nur die vom Volksmunde 
zugetragenen Berichte aus der nächsten 
niederrheinischen Umgebung, allerlei Schil- 
derungen über die dortigen Grafenkämpfe, 
die Kaufieute von Tiel, Heinrichs IL 
Eingreifen in Lothringen und Burgund 
usw., die auch kulturhistorisch beachtens- 
wert sind, als historiographische Leistung 
aber recht tief stehen. 

Ausg.: Opera MG. IV 696 ff. (besser als die 
spätere Ausg. mit Übers, von De der ich, 
1859, dessen Erläuterungen aber zu beachten). 
Vollständ. Facsimile der einzigen Hannov. 
Hs.: Codices Graeci et Laiini ed. de Vries 
Suppl. V, 1908, mit Einl. v. P i j n a c k e r 
Hordijk. — Wattenbach DGQ. 17, 
418 ff. (verbesserungsbedürftig), K. Hampe. 

Alraun, die Wurzel der Zaunrübe oder 
der in den südlichen Alpenländern wachsen- 
den Mandragora, spielt im deutschen Aber- 
glauben bis zur (jegenwart eine wichtige 



Rolle. Ihre gnomenhafte Form hat die 
Mythe entstehen lassen, daß in ihr eine 
Menschenseele stecke, und zwar die eines 
Gehängten, dessen Same oder Wasser auf 
der Stelle, wo sie wächst, auf die Erde 
geträufelt sei. Daher heißt sie auch Galgen- 
männlein. Wenn sie ausgegraben wird, 
gibt sie einen so kläglichen Laut von sich, 
daß der Gräber sterben muß. Daher 
bedient man sich eines schwarzen Hundes, 
verbindet das Ende der Wurzel und den 
Schwanz des Tieres durch einen Faden 
und läßt sie so den Hund aus der Erde 
ziehen. Ist sie so gewonnen, bedarf sie 
besonderer Pflege: sie muß sorgfältig auf- 
bewahrt, fein eingewickelt, mit Wein ge- 
waschen und öfter gebadet werden. Dann 
bringt sie ihrem Besitzer Glück, vermehrt 
sein Geld, offenbart ihm alle Dinge, die 
zu seiner Wohlfahrt! nötig sind, bringt 
den Frauen leichte Geburt, hilft Prozesse 
gewinnen u. dgl. 

Grimm D. Myth. 4 II 1005 ff. W u 1 1 k e 
Aber gl. d. Gegenw. § 131. E. Mogk. 

Alsener Gemmen sind barbarische, ovale 
oder runde Gemmen aus Glaspasta. Die 
Bilderdarstellungen, i — 2, meistens drei 
Personen, sind schlechte Nachbildungen 
nach antiken Gemmen und stellen die 
Siegesgöttin Viktoria, 
die einen Krieger be- 
kränzt, vor. Die mei- 
sten Fundorte dieser 
Gemmen sind im Nor- 
den und in Nordwest- 
deutschland; südlich 
gehen sie jedoch bis 
nach Nürnberg. Sie 
gehören dem 5. Jh. n. 
Chr. an; gewisse nor- 
discheBrakteaten (s. d.) 
dieses Alters weisen 
nämlich ganz dieselbe 
Viktoriadarstellung auf. Fig. 3 zeigt die 
erste in der Literatur beschriebene Gemme, 
von der Insel Alsen, welche den Namen 
veranlaßt hat. 

M. Bartels Die Gemme v. Alsen u. ihre 
Verwandten ZfEthn, 1882, 179 ff. G. Stephens 
Tre barbarisk classiske Gemmer Aarh. 1873, 5^ ff. 
O. Olshausen Über neue Glasgemmen vom 
Typus d. Alsener u. üb. Verwandte d. Briesen- 
horster VdBAG. 1887, 688 ff. B. Schnittger. 




Abb. 3. Alsener 
Gemme aus Zeit- 
schrift fürEthnologie 
(Behrend & Co., Ber- 
lin) 1882 S. 187. Vi. 



ALTAR— ALTENBURG 



71 



Altar. A. Norden. §1. In den 
heidnischen Göttertempeln {hof) 
entsprach dem Altar der christlichen 
Kirchen eine Erhöhung, stallr genannt. 
Er hatte seinen Platz in dem afhüs, das 
dem Chor (s. d.) der christl. Kirche ent- 
sprach. Eyrbyggjasaga: ok siöd par stalli 
ä miäju gölfinu sem altari. Kjalnesinga- 
saga: Frammi fyrir par (vor dem Thors - 
bilde) stöd stallr, med' miklum hagleik gJQvr 
ok püjad'r o/an meä järni. Auf dem Stall 
brannte ein Feuer, das immer (dh. wohl: 
während der Opferhandlungen) brennen 
sollte (Kjaln. Sag.). Auf dem Stall stand 
weiter ein hlautholli (Blutkessel); er 
war aus Kupfer und sollte das Blut der 
geopferten Tiere und Menschen aufnehmen 
(Kjaln. u. Eyrb.S.). 
Ein dem Weih- 
wasserwedel ent- 
sprechendes Gerät, 
womit die Wände 
und Altäre mitBlut 
besprengt Wurden, 
hlautteinn genannt, 
stand in dem Kes- 
sel, neben dem auch 
ein goldener Ring 
lag, den der hof- 
god'i am Arm tragen 
sollte, und bei dem 
alle Eide geschwo- 
renwurden. Hinter 
dem Stall stand das 
Bild des im Tempel 

vorzüglich angebeteten Gottes, und um das 
Hauptbild herum standen im afhüs die 
Bilder anderer Götter. Die neuerdings von 
Thümmel ausgesprochene Meinung, die in 
den Äö/grundmauern auf Island gefundene 
Quermauer sei der Stall, verdient in Ver- 
bindung mit dem hof geprüft zu werden 
(s. Göttertempel). 

§ 2. Der Altar der ältesten christ- 
lichen Kirchen des Nordens War ge- 
wöhnlicher Art. Bei dem Altar der Kirche 
zu Stiklestad, wo Olaf d. Heilige 1030 den 
Märtyrertod erlitt, zeigte man lange den 
Felsen, auf dem er gefallen War, der aus 
dem Altartische hervorragte. 

Thümmel Der germ. Tempel, PBB. 35. 

Dietrichson. 




Abb. 4. Altar von S. Stephan zu Regensburg. 



B. Süden. § 3. In heidnischer Zeit 
bei den Germanen bereits bekannt (§ l), 
in christlicher Zeit in der Kirche 
die Stätte des priesterlichen Dienstes und 
des Abendmahls. Frühchristlich meist 
von einfacher Tischform, hinter dem der 
Priester stand; erst bei langsam ent- 
stehenden Aufbauten und reicherem Altar- 
schmuck (Kreuz, Leuchter) tritt der 
Priester vor den Altar. Aus karolingischer 
Zeit sind die Altäre zu Vaison, Tarascon 
und zu Mettlach einfache Steinplatten 
mit erhöhtem Rande (gegen das Ablaufen 
des Weines), auf Säulen gestellt. Andere 
Altäre sind geschlossene Steinblöcke mit 
Deckplatte; öfters mit schrankartiger Ver- 
tiefung der Vorderseite die Reliquie um- 
schließend, auf der 
Platte die Weihe- 



kreuze in den 
Ecken (Quedlin- 
burg, Wiperti- 
kirche). Manch- 
mal bildet der 
Altarkörper den 
nach Art der Tran - 
sennen durchbro- 
chenen Aufsatz 
der unterliegenden 
Confessio: Hildes- 
heimer Dom, Re 
gensburg, St. Ste 
fan (s. Abb. 4), 
9. Jh. Sarkophag - 
form für den Altar 
tritt früh auf, offenbar zur Aufnahme von 
ReHquien (Pemmo-Altar zu Cividale, a. 745) ; 
am kostbarsten in dem Wunderbaren Gold- 
schmiedewerk des Meisters Wolvinius mit 
Email und Reliefs für Bischof Angilbert 
in S. Ambrogio zu Mailand (a. 835). 

E n 1 a r t Manuel I 725. D e h i o und 
V. Bezold I95. Stephani Wohnbau 
II 270. Haupt Alt. Kunst 113 ff. 

A. Haupt. 
Altenburg. § i. Germanische Volks- 
bürg aus dem i. Jh. v. Chr. nördlich von 
Fritzlar im Flußgebiet der Eder an deren 
Nebenfluß, der Ems, im Herzen des 
Hessengaues gelegen. 

§ 2. Das Plateau des Berges wird auf 
den nicht durch die Steilheit der Hänge 
sturmfreien Seiten von einer am Rande 



72 



ALTENWALDE 



sich hinziehenden Steinmauer verteidigt. 
Den Fuß des Berges umzieht eine Mauer 
aus Erde und Holz zum Teil mit davor- 
liegendem Graben, die nur im Nordwesten 
aussetzt, wo die sumpfigen Emswiesen 
genügenden Schutz boten. Durch diese 
Mauer wird auch die nordöstlich der 
Altenburg gelegene, mit ihr durch einen 
breiten Sattel zusammenhängende Kuppe 
des Falkensteins in die Befestigungen 
der Altenburg hineingezogen. Der einzige 
Zugang zur Burg liegt auf der Nordost- 
seite nach diesem Sattel zu. Das Tor 
in der Steinmauer ist durch ein System 
von Zwingermauern aus Erde und Holz 
noch besonders verteidigt. 

§ 3. Die Untersuchungen, die noch 
nicht abgeschlossen sind, haben ergeben, 
daß auf dem Plateau zahlreiche Hütten — 
meist unregelmäßig rechteckigen Grund- 
risses — standen. Wege führten zwischen 
den Häusergruppen hindurch, Zugangs - 
wege vom Tor her zu den Wohnplätzen. 
Eine Anzahl rechteckiger Gruben von 
etwa Mannshöhe, deren Wände mit Holz 
verkleidet waren, w^erden als Wasser- 
behälter gedeutet. Einer dieser Behälter 
war durch zwei mächtige übereinander - 
greifende Bohlen in zwei Kammern ge- 
teilt, über deren eine ein Laufbrett 
führte. Vielleicht haben wir es hier mit 
einer Anlage für Aufbereitung des Tons 
zu tun. Damit könnte auch eine un- 
mittelbar anstoßende Grube von 60 : 20 m 
Abmessung zusammenhängen, in die zu 
wiederholten Malen Ton eingefahren worden 
ist; der Bau der Fachwerkhütten er- 
forderte große Tonmengen. 

§ 4. Die Datierung der Anlage ergibt 
sich aus den Funden, die mit Ausnahme 
einiger weniger neolithischer Reste alle 
der Spät-La Tene-Zeit angehören. 
Regenbogenschüsselchen und zahlreiches 
Eisengerät wurden schon im 16. Jh. ge- 
funden. Bei den jetzigen Ausgrabungen 
sind ein eisernes Kesselgehänge, eiserne 
Messer und Lanzenspitzen, ferner Gürtel- 
haken, durchbrochene Zierscheiben, Pferde- 
schmuck und eine Mittel-La T^ne -Fibel 
aus Bronze zutage gekommen. Unter 
den Gefäßen und Scherben finden sich 
schon gallische, auf dem Rade gearbeitete 
Importstücke. Besonders interessant waren 



die reichen Holzfunde aus dem oben er- 
wähnten Doppelbecken: eine Haustür, 
Pferdeköpfe vom Dachgiebel, eine Mörser- 
keule (pilum), Schaufeln, Messer, die 
Hälfte einer Schüssel, Reste eines Käst- 
chens usw. Auch die Zwingerbildung vor 
dem Tore, die bei den älteren keltischen 
Burgen bisher nicht nachgewiesen worden 
ist, weist die Anlage der Altenburg- 
befestigung in germanische Zeit. Die 
nächste Analogie bieten die gleichfalls dem 
Ende der La Tene-Zeit angehörigen Be- 
festigungen der Milseburg in der Rhön. 
Die vielen verbrannten Hütten und 
Brandspuren in der Mauer am Tor machen 
es wahrscheinlich, daß die Burg durch 
Feindeshand eingenommen und zerstört 
worden ist. Nach der Gleichartigkeit der 
Funde scheint die Zerstörung noch in der 
La Tene-Zeit erfolgt zu sein. 

§ 5. Südöstlich von der Altenburg, 
etwa 5 km von ihr entfernt, Hegt das 
Dörfchen Metze, das heute allgemein mit 
dem von Tacitus Annal. I $6 erwähnten 
M a 1 1 i u m , dem caput gentis der 
Chatten, das Germanicus 15 n. Chr. zer- 
störte, identifiziert wird. Daß die Alten- 
burg zu diesem caput gentis in irgend 
einem Zusammenhange stand, ist mehr 
als wahrscheinlich. In welchem, müssen 
die weiteren Untersuchungen lehren. 

Erster Ausgrabungsbericht v. Boehlau, 
Eisentraut, Hofmeister u. Lange Z. 
d. V. f. hess. Gesch. u. Landesk. 43, i ff. (1909). 
Kropatschek Jahrb. d. archäol. Instit. 23 
(1909), 181 (zur Mörserkeule von der Altenburg). 
P. Vogt Kleine Beiträge z. Gesch. d. Chatten, 
Jahresber. d. Wilhelmsgymn. Cassel 1901 S. 5 
(zur Mattium-Frage). Boehlau. 

Altenwalde. Befestigter Königs- 
hof (s. d.). Großes Rechteck stark 
umwallt. Grabung Schuchhardt u. 
Robra 1906: Wall, wo Graben vorliegt, 
aus Sand und Holz, wo kein Graben 
(N. -Seite), aus Plaggen und Holz und hier 
völlig verbrannt, weil die Plaggen Luft 
zulassen. Der Wall ist über dem sächs. 
Urnenfriedhof angelegt. Spärliche Scher- 
ben. Altenwalde ist reichstes Tafelgut 
Adalberts v. Bremen: curtis dominica in 
Wolde (Adam v. Br. 3. 44). Liegt am End- 
punkt der von Bremen durchs Land 
Hadeln bis zum Meer gehenden Straße 



ALTKÖNIG 



73 



und ist daher offenbar von 
selbst 797 angelegt (Ann. 
Lauresham). 

Schuchhardt Atlas Nds. 



Karl d. 
Lauriss. 



Gr. 



Maweraussenfronl' 



Heft 9, 191 1. 
Schuchhardt. 
Altkönig im Taunus. §l. Sein 
Ringwall aus Grauwacke, dem anstehenden 
Gestein, schützt mit doppelter Mauerlinie 
die 800 m hohe Bergkuppe und reicht 
mit einem einfach umschlossenen Annex 
weit hinab bis 
zur ersten stän- 
dig fließenden, 
630 m hoch ge- 
legenen Quelle. 
Auf zwei Stufen 
umspannt der 
doppelte Ring 
in unregelmäßig 
ovaler Grund- 
form die 154000 
qm große Hoch- 
fläche, wogegen 
der dreiseitige 
108000 qm auf- 
weisende Anbau 
die Südwest- 
flanke des Ber- 
gesbedeckt. Die 
Zerstörung der 
Anlage ist sehr 
groß.Siehaterst 
gegen Ende der 
ersten Hälfte 
des 19. Jhs., 
allerdings sehr 
intensiv be- 
gonnen, infolge 
der vielseitigen 
Verwendbarkeit 

des Gesteines. Selbst die Spuren großer 
Strecken von ehemals 4 — 5 m starken 
Mauern müssen jetzt mühesam am Wald- 
boden gesucht werden. Die Mauern waren 
nicht fundamentiert. Nur noch wenige Wall- 
partien enthalten wahrnehmbare Reste des 
ehemaligen Gef üges der Trockenmauern, aus 
deren Zerfall sie hervorgegangen sind. Doch 
auch manche Feststellung reicht bis zum Be- 
ginn jener Zerstörungszeit, so daß heute die 
volle Klarheit aller Einzelheiten gesichert 
ist. (Publikation in Vorbereitung.) Die 
Berghänge sind steil und größtenteils 



Öue^sc^^nlt't olurrh die ^usse",, 
front mitderWehrbriülsfung 




felsig, ohne daß die umschlossenen Flächen 
Besseres zeigen; der Oberteil des Nordost- 
hanges, nicht weit vom Außenwall, hat 
jedoch einen großen, für Roggenbau ge- 
eigneten Komplex aufzuweisen. 

§ 2. Nach den ermittelten Gebrauchs- 
gegenständen (Annal. d. Ver. f. Nass. 
Alt. u. Gschf. 1907/8 Mitteil., auch v. 
Cohausen Wallhurgen) und der Keramik 
ist die erste Besiedelung der 

Bergeshöhe 
der späten 

Bronze- 
oder frühen 
H a 1 1 s t a 1 1 - 
Zeit zuzu- 
weisen, und in 
Anbetracht der 
Gründe zur Be- 
siedelung der 

unwirtlichen 
Höhe kann es 
nicht gewagt 
erscheinen, für 
deren Schutz 
auch die wehr- 
hafte Umhe- 
gung mittels 
Trockenmauern 
aus dem im 
ausgedehnten 
Trümmerfelde 



wag- u sjnKrecMo'agefweren 
VeranKerwnp 



^nsuhtd<?sMawerhernesmi(dcnyinHer.ßdlKen 
und I^ie^eln uon oben 



Abb. 5. Rekonstruktion der Altkönig-Ringmauer. 



über die Kup- 
penhänge ge- 
breiteten Fels- 
material anzu- 
nehmen. Denn 
sehrbedrohliche 
Anlässe können 
allein zur Auf- 
suchung des Schutzes an solchem Platze 
geführt haben. Für diese Zeit kann 
nach allem nur der konzentrische Mauer- 
teil auf der Kuppe in Betracht kommen, 
für dessen ehemaligen Aufbau jedoch 
mit Rücksicht auf die mäßige Stabi- 
lität einer Trockenmauer, den Wechsel 
der Bevölkerung und deren Anschauung 
über den Wert einer Konstruktionsweise 
kein Anhalt vorliegt, wenn auch seine 
dem Berggipfel durchaus angepaßte Grund- 
form durch alle Wandlungen der folgenden 
Perioden die gleiche blieb. Der gegen- 



74 



ALTKÖNIG 



wärtig vorliegende Ausbau des Ringwalles 
entstammt sowohl in Hinsicht auf seine 
räumliche Ausdehnung, als auf die Kon- 
struktion der Mauern der S p ä t - 
LaTene-Zeit. In der Periode der 
germanischen Besiedelung des Taunus- 
gebietes diente er in Gemeinschaft (Fest- 
schr. d. 39. Vers. d. d. Anthrop. Ges. in 
Frankf. a. M. 1908, 21) mit dem benach- 
barten nur 1750 m entfernten Ringwall 
als gewaltiger Stützpunkt in den Kämpfen 
mit den siegreich vordringenden Römern 
bis zu deren Besitzergreifung (E. F a - 
b r i c i u s Mainz u. d. Limes, Mainzer 
Zeitschr., Bd. 2, 1907). 

§ 3. Reste der wohnlichen Boden- 
ausnutzung sind sowohl im Bereiche der 
Wälle, wie auch bis hinab zum Bergfuß 
anzutreffen: Terrassierte Podien zeigt der 
Bergmantel namentlich auf der Süd- und 
Südwestseite; leichte Trichtergruben am 
Boden des südwestlichen inneren Hofteiles 
verweisen auf eine mit Rücksicht auf das 
800 m hohe Plateau verständnisvolle ehe- 
malige Ausnutzung der Erdwärme; an den 
Mauerinnenfronten sind es Kohlennester 
und Mengen von Topfbruchstücken usw. 
die da den ehemaligen Bestand von Hütten 
bezeugen. 

§ 4. Der Ausbau der Wehrmauern war 
nach einem System durchgeführt, dessen 
Besonderheiten in der Vereinigung von 
Stein und Holz sich trotz Vernichtung allen 
Holzes an den geringen Mauerresten haben 
feststellen lassen (Thomas Untersuchung 
zweier Taunus -Ringwälle, Arch. f. Anthrop., 
22; 1894). Es unterscheidet sich von dem 
der gallischen Mauern durch den absoluten 
Mangel an eisernen Bestandteilen, aber 
auch durch die geringe Menge des Holz- 
einbaues (Abb. 5). Das 1 894 erkannte Prin - 
zip in der Gestaltung aller der Festigung 
dienenden Holzverbindungsteile hat sich 
nun auch an den Holzpfosten und -wänden 
der germanischen Wasserbehälter auf dem 
Dünsberg (Grabung von Prof. Ritterling) 
und der Altenburg (s. d.) bei Niedenstein 
(Mattium) durchgeführt erwiesen. Die 
Stärke und Höhe der Ringmauern waren 
nicht gleichmäßig durchgeführt, sondern 
entsprachen streckenweise den in der 
Zugänglichkeit des jeweiligen Vorterrains 
gegebenen Anforderungen. So hatte der 



hohe Innenring an seiner Torseite eine 
Mauerstärke bis zu 6,70 m aufzuweisen. 

§ 5. Das Tor selbst war nur Unter- 
brechung, Lücke, von mäßiger Breite, 
wogegen die zwei weiteren in der bis zu 
4,2 m starken äußeren Ringmauer (Ver- 
bindung mit den freien Bergfiächen resp. 
zwischen Zwingerraum und Annex), ebenso 
das vierte unten bei der Quelle in der 
etwas schwächeren Annexmauer durch 
die Form der langen Torgasse zwischen 
den parallel zueinander weitergeführten 
Mauerenden ausgezeichnet sind. Eine 
besondere Rundschanze ist in den expo- 
nierten äußersten Winkel der Annex- 
mauer bei der Quelle eingebaut; vor 
keinem Mauerteil findet sich ein Wehr- 
graben. 

§ 6. Zum Verständnis der Bedeutung 
des Altkönig- Ringwalles in der Spät- 
La-Tene-Zeit ist es notwendig, ihn im 
Zusammenhange mit dem in der gleichen 
Periode aus älteren Anfängen hervor- 
gegangenen 1750 m entfernten ,,R i n g - 
wall über der Heidetränk- 
Talenge" als obersten, in sich ab- 
geschlossenen Teil des von beiden ge- 
bildeten Wehrsystems ins Auge zu fassen. 
Der letztere bedeckt mit dem südlichen 
Abschnitt seiner mauerbewehrten 1302500 
qm großen Fläche, der ein mit Wall- 
mauer und Gebücken geschützter etwa 
2 000 000 qm großer Vorraum im Tale 
nach der Niddaebene hin sich anschloß, 
den nordöstlichen Bergfuß bis zur Höhe 
von 540 m, erstreckt sich über den west- 
östlich ziehenden schroffen Taleinschnitt 
bis auf die Kuppe des nördlich gegenüber 
befindlichen 480 m hohen Berges und 
schließt auf seine ganze Breite, sowie die 
Länge des Vorraumes den Lauf des dort 
starken Bergwassers ein. Durch diese 
Situation war zwischen den beiden großen 
Ringwällen ein gesichertes Lagerfeld ge- 
schaffen, auch hatten beide neben dem 
gegenseitigen Schutz in ihren den Tal- 
öffnungen abgewendeten Rückseiten eine 
starke natürliche Deckung in den höchsten 
Erhebungen des Gebirges und seiner oberen 
Talverschlingungen. Und so bildete der 
A. -Ringwall in seiner beherrschenden Lage 
und Größe, mit den starken Mauern noch 
weit nach Südwesten hin über den Berg- 



' ALTÖTTING— ALVISS 



75 



hang ausgreifend, und mit dem umfassenden 
Fernblick über die den feindlichen An- 
märschen offene Nidda- und Mainebene 
die Arx der Gesamtanlage. 

Dieses bis in die zweite Hälfte des 
I. christlichen Jhs. bestehende gewaltige 
germanische Heerlager umfaßte, abgesehen 
von den nicht scharf zu umgrenzenden, 
aber durch die Ringwälle mehrseitig ge- 



•profond. ii 



Westd. Z. f. Gesch. u. Kunst 14, 2 (1894). 
D e r s. Ann. d. Ver. f. Nass. Alt. u. Geschsf . 

^^' ^^^ Ch. L. Thomas. 

Altötting in Bayern. Heilige Kapelle. 
Außen runder, innen achtseitiger Bau, von 
acht Nischen in der Mauerdicke umgeben, 
mit achtseitiger Kuppel. Kapelle einer 
schon 788 erwähnten karolingischen Pfalz; 



azi 




'^ ' -o'u >; 

Fig. 4. 

Abb. 6. Ambo von Romainmotier. Nach Besson (A. Naef). 



deckten freien Bergflächen, ein 1302500 + 
2000000+262000=356 Hektare großes Ge- 
biet und trotzte mit seiner Besatzung 
lange Jahre hindurch der furchtbaren 
Kriegsmacht des römischen Kaiserreiches. 

I. Altkönig-Ringwall. v. Cohausen Wall- 
burgen, Ann. d. Ver. f. Nass. Alt. u. Gschsf. 17, 2. 
109 u. 18, 208. Thomas Üb. d. einstige Be- 
stimmung d. Ringwälle in Südwestdeutschl., 
ebenda Mitteil. 1906 — 07, 104. Ders. Unsere 
Taunus- Ringwälle, ebd. 1909, 97. — 2. Ring- 
wall über der Heidetränk-Talenge. Thomas 



im Grundriß nahe verwandt mit dem viel 
jüngeren ,, alten Turm" zu Mettlach. 

Kunstdenkmale in Regbez. Oberbayern. 2379 ff. 

' A. Haupt. 

AlviSS d. i. der Allweise, Name eines 
Zwerges, der nur in den jungen nordischen 
Alvissmäl (Eddalieder Ausg. Bugge S. 129 ff.) 
begegnet. Darnach hat sich A. während 
der Abwesenheit Thors mit dessen Tochter 
verlobt. Als der Vater zurückkommt und 
der Zwerg die Tochter fordert, verspricht 
sie ihm Thor unter der Bedingung, daß A. 



1^ 



AMBO— AMBRONEN 



auf all seine Fragen Bescheid gebe. Darauf 
fragt er ihn, wie man Erde, Himmel, Mond, 
Sonne, Wolke, Wind, Luft, Meer, Feuer, 
Wald, Nacht, Saat und den Trank in den 
verschiedenen Welten nenne. Indem A. 
auf alle Fragen Antwort gibt, hält ihn 
Thor so lange hin, bis im Osten der Morgen 
graut und das Tageslicht den Zwerg in 
Stein verwandelt. Mythus und das Ge- 
dicht, die zu gleicher Zeit entstanden sind, 
gehören erst dem 12. Jahrh. an. Nur das 
Motiv der Versteinerung ist alt. 

E. Mogk. 

AmbO) Bema, Kanzel, Rednerbühne, 
seit dem 3. Jahrh. in altchristlichen Kirchen 
auftretend; später häufig mit den ins 
Schiff vorgerückten Schranken verbunden, 
manchmal doppelt (für Evangelien- und 
Epistelverlesung getrennt, für letztere be- 
scheidener und niedriger). In Ravenna 
wohl die ältesten. Sie charakterisieren 
sich durch die hinaufführende Treppe . 
(daher der Name) und die inmitten aus- 
gebauchte Brüstung des freistehenden 
Rednerstandes. Im Norden sind wenige 
erhalten; in der Schweiz die zu Romain- 
motier (Abb. 6), Baulmes und S.Maurice, 
alle in charakteristischen ganz langobar- 
dischen Formen, mit Flecht- und flachem 
Pflanzenornament bedeckt. 

Dehio u. v. Bezold Kirchl. Baukunst 
d. Abendlandes I 97. Mothes Baulexikon 
I 87. M. Besson, l'art barbare dans Vancien 
diocese de Lausanne^ S. 19 ff. Fig. 2 — 4. 

A. Haupt. 

Amboß. In frühester Zeit bestand der 
Amboß aus Stein. Ein Serpentinkiesel in 
hölzernem Block, der die Stelle dieses 
Werkzeuges vertrat, fand sich im Bronze- 
pfahlbau Mörigen. Ja es will scheinen, 
als ob in den germanischen Ländern noch 
lange der Amboß aus Stein allgemein 
verbreitet war, sind doch in Skandinavien 
in der Wikingerzeit die größeren Exem- 
plare aus diesem Material hergestellt. Aus 
den Pfahlbauten der Schweiz kennen wir 
allerdings bereits in der Bronzezeit bronzene 
Ambosse (Auvernier [Abb. 7] und Wöllis- 
hofen, letzterer schon mit Hörn), aber nach 
dem Norden scheinen sie erst mit der Eisen - 
technik allmählich gekommen zu sein 
(Abb. 8), und im Haushandwerk wird man 
sich noch lange mit dem Stein begnügt 



haben. Die Entwicklung ist ganz natürlich, 
da während der Bronzezeit der Guß weitaus 
an erster Stelle stand und das Schmieden 
mehr ein Dengeln war, das heute noch 
der Landmann, wenn er seine Sense 
schärfen will, auf einem Steine vornimmt. 
Auch die Sprache weist auf diesen 
Entwicklungsgang hin: griech. axfxcüv Am- 
boß' = altind. ägman 'Fels, Stein', litt. 
akmü 'Stein', akslav. kamenl 'Stein'. Die 
german. Bezeichnung ist ahd. anahöz (zu 
bözan 'schlagen'), anavalz (zu valzan 'schla- 
gend, hämmernd fügen'), ags. anfilt, onfilt, 





Abb. 7. 

Bronzeamboß 

von Auvernier. 

Nach v.Tröltsch, 

Pfahlbauten. 



Abb. 8. 
Amboß von Eisen. Wikinger- 
zeit. Norwegen. Nach Montelius, 
Kulturgeschichte Schwedens. 
H. 17 cm. 



as. anafah, die über das Material also keine 
Auskunft geben. Ahd. smitstock deutet 
die Form an: der in einen Klotz gesteckte 
Amboß. 

Die Formen des germanischen Amboß 
stimmen mit denen der römischen, von 
denen auf der Salburg die verschiedensten 
Arten (große zum Eintreiben in die Erde, 
solche, die auf eine feste Unterlage gelegt 
werden müssen, und kleine transportable) 
gefunden wurden, im wesentlichen überein. 
Man vergleiche die Beschreibung, die 
Theophilus in seiner Schedula diversarum 
artium Kap. V von ihnen gibt. 

Heyne Handwerk 20. 0. Montelius 
Kulturgesch. Schwedens 308. J. H e i e r 1 i 
Urgesch. d. Schweiz 217. 224 u. ö. Fuhse. 

Ambronen. Diesen Namen führt ein 
Volk, das in Gesellschaft der Teutonen 
auf deren Wanderzug erscheint und mit 
ihnen zusammen bei Aquae Sextiae zu- 
grunde geht. Nichts spricht bei ihnen für 
kelt. Ursprung, vielmehr werden sie mit 
ihren Schicksalsgenossen zusammen aus 
Jütland gekommen sein. Dort muß sich 



AMELUNGE 



n 



ein Rest von ihnen noch durch Jahr- 
hunderte forterhalten haben: die Ymbre 
des Wids. 32. Auch der Name der Insel 
Amrum, Ambrum 1231 im Liber census 
Daniae, geht auf sie zurück. 

Die "Ofxßpojve?, die in der Sarmatia eur. 
des Ptol. hart an der Grenze der Germania 
in der Nähe der Weichselquelle stehen, 
lassen sich verschieden beurteilen. Die 
Nachbarschaft der Auapivoi d. i. Varini 
scheint anzudeuten, daß es sich um einen 
Zweig der jütländischen Ambronen handelt, 
der sich frühzeitig zusammen mit Splittern 
von Nachbarstämmen nach dem Südosten 
verzogen hat. Sie sind dort vielleicht 
ein Teil der Bastarnen. 

Den Namen Amhrones betrachtet Hirt 
Indogm. I, 160 als proethnisch und identisch 
mit dem der Umbrer. Nach Plutarch 
(Marius 19) sollen ihn auch die Ligurer 
getragen haben. Innerhalb des Germ, 
gehören jedenfalls Personennamen wie 
Ambril Ambrihho dazu. Da in Ymbre 
und ''0(i.ßp(üv£? , das griech. Schreibung 
für Umbrones sein wird, eine Ablautform 
vorzuliegen scheint, wird man um so eher 
ags. umbor in umbor-wesende, Beow. 46. 
1187, beiziehen dürfen, das die wohl 
abgeleitete Bedeutung 'kleines Kind' hat. 

Dks lat. Appellativum ambrones, das 
besonders in Glossen vielfach belegt ist, 
nach Festus ep. p. 17 'turpis vitae homines' 
bezeichnend, wird schon von diesem mit 
Recht aus dem Volksnamen hergeleitet. 
Z e u ß 147. 151. Möller Aengl. Volksep. 89. 
Müllenhoff DA. 2, 114. 116 f. 118 Anm. 

165. 283 f. 298. R. Much. 

Amelunge, die Bezeichnung der Goten 
in der mhd. Dichtung. § l. Sie geht zurück 
auf Amali, den Namen des ostgotischen 
Herrscherhauses, ist aber ausgedehnt auf das 
ganze Volk; Italien als Reich Ermenrichs 
und Dietrichs heißt Amelungelant. Ältere 
Zeugnisse sind die Quedl. Ann.: Amulung 
Theoderic dicitur', und iElfred im Boethius: 
'se J)eodric waes Amulinga'. Die Historie 
kennt den Namen nicht; ob das ältere 
*Amalös schon in got. Dichtung zu *Ama- 
lungös erweitert wurde, bleibt offen. Die 
hd. Epik gebraucht daneben nur noch 
den ganz jungen Ausdruck Berncere. 
Den Gotennamen selbst haben Wids. und 
Deors Klage bewahrt, auf nordischer Seite 



die Svanhild- und die Hunnenschlacht- 
dichtung (diese von den Westgoten), 
während in anderen Liedern Gotar nur 
noch '(südliche) Helden' bedeutet; ein hd. 
*Gozzen fehlt bemerkenswerterweise ganz. 
§ 2. Zwei Prägungen der Heldendichtung 
sind ferner: ae. Hrcedas (Wids. 120), Hre^as^ 
Hreägotan, Hreäcyning, anord. HraißgutaR, 
-marR (Rökstein), Hreiä gotar (Vafp.), 
jünger Reiägotar: die Grundform wird als 
*Hraiä- anzusetzen sein, ein bekanntes 
Namenwort; Mergothi (sgall. Hs. 10. Jahrh.), 
Gothi Meranare (Regensb. Gl. 12. Jahrh.): 
M^ringas (DKL), MäringaR (Rökstein), 
eine Bildung zu got. mers, die auch in 
Meran fortlebt, dem Namen der einst 
gotischen Landschaften Dalmatien usw. 
Doch weiß die Heldendichtung nichts von 
einer Herkunft der Goten aus Meran, 
weshalb auch die nach M. benannten 
Berhtung und Berhter nicht auf gotischen 
Sagenursprung weisen. Für die mhd. 
Dichter ist Italien der angestammte Wohn- 
sitz der Amelunge. Der Wids. hält, wie 
man annimmt, die Vorstellung von der 
ältesten geschichtlichen Gotenheimat fest: 
vgl. Z. 121 'am Weichselwalde' und die 
Reihenfolge der Aufzählung Z. 18 ff. 5 7 ff. 
(wogegen Z. 8 nur über die Lage von 
Angeln aussagt). Die nordische Über- 
lieferung bringt Ortsnamen nur in der 
Hunnenschlacht; sie weisen auf die ponti- 
sche Zeit. 

§ 3. Von ostgotischer Sage sind uns zwei 
Massen bekannt, die eine um Ermenrich, 
die andere um D. gelagert. Der Westgote 
Widigoia, im Wids. 124 vielleicht noch 
auf eigenen Füßen stehend, erscheint sonst 
nur eng verbunden mit jenen zwei Königen. 
Cassiodor, Jordanes und der Wids. geben 
die unbestimmte Ahnung, daß uns vieles 
von (ost)gotischer Heldensage verloren ist: 
unbestimmt, weil bloße Namen immer 
auch aus bloßen Merkversen fließen können, 
die ja nicht notwendig heroische Fabeln 
exzerpieren. Dunkel ist im besonderen, 
wie weit eigentlich der Wids. -Dichter die 
Hofmannschaft Ermenrichs (Z. in) aus- 
dehnen will und mit welcher Gewähr. Von 
ganzen Geschichten bei Jordanes darf man 
nur die von Ermenrich- Svanhild auf einen 
heroischen Stoff schätzen. — Gab es schon 
in der Dichtung der Goten größere Reihen 



78 



AMISIS— AMLETHUS 



oder Gruppen von Sagen, so wie bei den 
Skiqldungar, Ynglingar, Vqlsungar-Nif- 
lungar? Negativ können wir soviel sagen, 
daß von der uns bekannten Ermenrich- 
dichtung nur eine Fabel, Svanhild, bis 
auf die Goten zurückreicht, von der Diet- 
richdichtung zwei, das Exil und Witeges 
Tötung der Etzelsöhne, daß aber auch 
diese beiden vielleicht noch frei neben- 
einander gingen, während Dietrichs Exil 
gewiß schon den einst getrennten Gensi- 
mund (-Hildebrand) an sich gezogen 
hatte. Drei gotische Heldenlieder (Svan- 
hild, Exil, Etzelsöhne) trugen den Sagen- 
stoff über die Alpen, der die gleichsam 
authentische Grundlage unseres ostgoti- 
schen Sagenkreises bildet. Die weiteren 
Ermenrich-, die zahlreichen Dietrichsagen 
hat erst deutsche Dichtung dazugetan. 
Die Verbindung vollends zwischen den 
zwei großen Amelungen kommt erst 
vor unseren Augen, im 9./10. Jahrh. 
zustande. Fortan ist es ein gotischer 
Zyklus, und sein Hauptstück ist die beiden 
Königen gemeinsame Sage, das Exil. Es 
wanderte also keine geschlossene 'Goten- 
sage' zu den West- und Nordgermanen. 
Zeigt doch der Wids. den älteren Amelung 
als Chorführer und Meistgenannten seiner 
ganzen Schar, aber der jüngere, Dietrich, 
ist ihm noch fremd: jenen hatte man 
offenbar schon im alten Angeln kennen 
lernen, diesen erst in Britannien. Noch 
klarer scheidet sich's im Norden, wo bis 
ins 13. Jahrh., mit einer Ausnahme, über- 
haupt nur Ermenrich die Ostgoten in der 
Sage vertritt. 

§ 4. Die obd. Stämme, die keine eigenen 
Hauptfiguren zur Heldensage gestellt haben, 
nahmen vor anderen die Stoffe ihrer "got. 
Südnachbarn in Pflege. Schon die 
Ermenrich-Dichtung erfuhr bei ihnen Zu- 
wachs. Besonders aber die Dietrichsagen 
sind die eigentlich baiwarischen. Die 
Dichtung der Donaulande führte im 
8. Jahrh. Dietrich in die Burgundensage 
ein, wo er sich zu einer seiner herrlichsten 
Rollen auswuchs. Später, unterm breiten 
Epenstil, ergänzte sie die Reihe seiner 
Paladine: zu den drei alten, Hildebrand, 
Witege, Heime, traten Wolfhart, Ilsan 
u. d. a. Auch Rüedeger, diese edelste 
Blüte des ritterlichen Heldenstils, ist für 



die Dichtung von Dietrichs Exil geschaffen 
worden, als der Vermittler zwischen dem 
Flüchtling und dem Hunnenherrscher: 
die Nibelungenot setzt diese ganzen Be- 
ziehungen zwischen Dietrich und Rüedeger 
als gegeben und bekannt voraus und über- 
nimmt den Markgrafen für ihre Zwecke. 
In welchem Umfange Jung Dietrichs 
Märchensagen obd. sind, ist noch nicht 
aufgeklärt. Auch ein, wie es scheint, 
ndsächs. Held, Dietleib, ist an Dietrich 
geknüpft worden, doch vermutlich durch 
obd. Dichtung. Der eigentliche Beitrag 
der nd. Spielleute zur Amelungensage sind 
die Wilzenkämpfe, die Dietrich in Attilas 
Dienste besteht; s. Attila. 

Lit. s. unter Dietrich von Bern u. Ermenrich. 

A. Heusler. 

Amisis, so bei Mela und Pünius, Amisia 
bei Tacitus, 'A(j.aaiot? bei Strabo, 'A{j.t3io? 
bei Ptolemäus und anderen, ist der alte 
Name der Ems. Ihm entspräche noch 
got. *Amisi, *Amisjös. Im MA. heißt der 
Fluß Emisa. Ein Erklärungsversuch für 
den vielleicht keltogerman. Namen bei 
Müllenhoff DA. 2, 217, wo auch der 
mit Ems verwandte Name von Emden 
an der Ems beigezogen wird. 

R. Much. 

Atnlethus. § i. Die durch Shakespeare zu 
Weltruhm gelangte Sagengestalt begegnet 
im MA. in einer erzählenden Quelle: S a x o 
S. 138 — 61. Ob ein seit dem 17. Jahrh. 
nachweisbares isl. Amlethmärchen (woraus 
wieder die Ambales saga schöpfte) als pri- 
märe Quelle gelten darf, ist umstritten; 
eine Sagenform älter als die bei Saxo 
bietet das Märchen nicht. Saxos langer 
A.-roman ist aus sehr ungleichartigen 
Teilen komponiert. Als Dokument germ. 
Altertums kann nur in Frage kommen die 
Vaterrache S. 138 — 49 (mit Ausschluß der 
orientalischen Spürsinnsprobe S. 145 ff. 
und gewiß auch der Heirat S. 148) : eine 
in sich geschlossene, einheitliche Fabel, 
neben der Ingeld- und der Halfdanssöhne- 
sage (s. Skioldungar) die dritte der 
großen dän. Vaterrachen. Das kennzeich- 
nende Motiv ist: unter der Maske des 
Stumpfsinns weiß der Held allen Prüfungen 
und Nachstellungen klug zu begegnen und 
die Gelegenheit zur Rache abzuwarten. 
Der eigenartige A. -zug, daß die scheinbar 



AMNESTIE— AM(P)SIVARII 



79 



unsinnigen Antworten ernsten Sinn bergen, 
ist eine für den Gang der Handlung ent- 
behrliche, würzende Zugabe. Auf eine 
dieser Antworten zielt eine Skaldenstelle: 
ein SnsebiQrn, den man um d. J. lOOO 
setzt, umschreibt 'Meer' mit Amlodis 
Mühle' (so Snorri in seiner Edda S. 94; 
man kann die Kenning auch anders kon- 
struieren, doch läuft es sachlich auf eins 
hinaus). Es ist die einzige Anspielung auf 
A. in der ganzen aisl. Literatur. In welchem 
Umfange damals die A. -räche vorhanden 
war, ist ungewiß. Die Entlehnung einiger 
A.-motive durch die Sage von den Half- 
danssöhnen braucht über das 12. Jahrh. 
nicht zurückzugehn. 

§ 2. Der Gedankenkreis unsrer Sage fügt 
sich zu dem nord. Altertum, ein oder zwei 
Szenen heben sich zu echt heroischer 
Spannung; aber als ein stabreimendes Lied 
ist der Stoff nicht vorstellbar wegen der 
pointierten Fragen und Antworten und der 
vielen genrehaften Auftritte, worin A.s 
Torheit das Gelächter erregt. Die Sage 
muß sich in Prosa geformt haben. Saxo 
hat sie aus jütischer Überlieferung; ob dies 
die anfängliche Heimat ist, steht dahin. 

§. 3. Die vielen ma. Dichtungen, die man 
mit A. verglichen hat, haben keine überzeu- 
gende Verwandtschaft. Um so näher steht 
die römische Brutus geschichte, in der 
Gesamtanlage wie in den zwei (zusammen- 
hängenden!) Details: Reise mit einem Be- 
gleiterpaare, goldgefüllter Stab. Saxo hat 
die Ähnlichkeit der beiden Erzählungen 
bemerkt, denn er überträgt die Wendung 
'obtusi cordis' von Brutus (bei Valerius 
Maximus) auf A. Man hat erwogen, erst 
Saxo habe die speziellen Brutuszüge in die 
zufällig ähnliche A.-sage hereingebracht. 
Doch fragt sich, ob ihm eine so schöpfe- 
rische Umbildung des Reise- und bes. des 
Stabmotivs zuzutrauen ist: die mit dem 
Wergeid gefüllten Stäbe als Äquivalent der 
Getöteten sind eine geniale Umsetzung ins 
Germanische. Verneint man die Frage, so 
muß A. eine dänische Sproßform des 
Brutus sein. Buchmäßige Vermittlung ist 
dann kaum zu entbehren, aber seine be- 
deutende Umformung und Bereicherung 
wird der Stoff in mündlicher volkstüm- 
licher Pflege erfahren haben. Ob AmlöH 
(> dän. Amlcü^cu) den Namen Brutus über- 



setzt (Detter), ist unsicher, weil die neu- 
skand. Appellativa amblodhe, amlo u. ä. mit 
ihrer Bedeutung 'Trottel' möglicherweise 
erst aus dem Sagennamen bezogen sind. 
Die Jugendgeschichte des Kei Chosro bei 
Firdusi liegt i. a. von A. viel weiter ab, 
teilt aber mit ihm das bei Brutus fehlende 
Frage- und Antwortspiel. Zufall wäre hier 
eher denkbar; aber auch ein tatsächlicher 
Zusammenhang könnte die viel näheren Be- 
ziehungen zwischen A. und Brutus nicht 
in Frage stellen. 

S i m r o c k Quellen des Shakespeare * l , 103 £E. 

Detter, ZfdA. 36, i ff . La istner ebd. 38, 

127 ff. Olrik Kild. 2, I58ff.; Arkiv 15, 36ofE. 

Elton Saxo Gr. 398£E. Jiriczek, ZdVfVk. 

10, 353 ff- Setälä Finn.-ugr. Forschungen 3 

u. 4. Zenker Boeve-Amlethus, 1905. 

A. Heusler. 

Amnestie. Eine A. im Sinne einer Be- 
gnadigung ganzer Gruppen oder Klassen 
von Verbrechern ist dem germanischen 
und dem älteren deutschen Recht unbe- 
kannt. Nur von dem schwedischen König 
heißt es, daß er beim Reiten der Erichs- 
gasse (s. Königtum) drei Männern den 
Frieden geben darf, die nicht Neidings- 
werk (s. Friedensbruch) getan haben. Aber 
dies dürfte richtiger unter den Gesichts- 
punkt der Begnadigung (s. d.) gestellt 
werden. 

V. Schwerin. 

Am(p)sivarii. Aus Tacitus Ann. 13, 
55. 56 erfahren wir, daß ein Stamm 
dieses Namens, von den Chauken ver- 
trieben, unter Führung des Boiocalus, 
der seiner Römerfreundlichkeit halber 
seinerzeit von Arminius in Fesseln ge- 
worfen worden war, einen unbewohnten 
Landstrich am Rheinufer zwischen Lippe 
und Ijssel zu besetzen versuchte. Von 
den Römern hieran verhindert, seien sie 
in langem heimatlosen Umherirren all- 
mählich aufgerieben worden. 

Sei es, daß diese Behauptung über- 
trieben ist, oder daß ein Teil des Volkes 
in seinen Stammsitzen sich forterhielt und 
später gegen den Rhein vorrückte, jeden- 
falls taucht ihr Name später wieder auf 
als der eines Stammes in der Nähe der 
Reichsgrenze. Er steht auf der Veroneser 
Völkertafel und in der Not. dign.; nach 
Sulpicius Alex bei Gregor Tur. 2, 9 gehören 
die A. zu den Franken. ^ 



80 



AMULETTE 



Sicher dasselbe wie die A. sind die 
'Afx^iavoi bei Strabo 291. 292: so wird 
dort mit Recht der Name hergestellt statt 
des überlieferten Ka|j.'J;iavot und 'Afxdiavöjv. 
Ampsiäni ist deutlich eine lat. Bildung 





der Chauken stimmt. Alle andern Deu- 
tungen des Namens sind undiskutierbar; 
ebenso Müllenhoffs Versuch DA. 
4, 551 ff., sie als Teilstamm der Angrivarier 
zu erweisen. R. Much. 






Abb. IG. Amulette: Beilför- 
mige Bernsteinperlen. Aarb. 
1888. V2. Aus Müller, Nor- 
dische Altertumskunde I 
S. 150 (Karl J. Trübner, 
Straßburg). 



Abb. 9. Amulett: Axt aus dünner Bronze. Aus 

Montelius, Kulturgeschichte Schwedens S. 135 

(E. A. Seemann, Leipzig). 





Abb. II. Amulette: Brakteaten. Atlas f. nord. Olkynd. und 

G. Stephens. '/'• Aus Müller, Nordische Altertumskunde II 

S. 194 (Karl J. Trübner, Straßburg). 



Abb. 12. Amulett: Goldbrakteat. 
Aarb. 1880. Vi. Aus Müller, 
Nordische Altertumskunde II 
S. 195 (Karl J. Trübner, Straß- 
burg). 



desselben Sinnes wie Ampswarii, die zu- 
gleich zeigt, daß sowohl der Einschub 
von p als auch die Synkope des Mittel- 
vokals gegenüber Amisis, Amisia auf 
Rechnung des Lateinischen zu setzen ist. 
Es handelt sich sicher um 'E m s a n - 
w h n e r', wozu auch die Nachbarschaft 



Amulette (§ i) sind Zaubermittel, deren 
man sich zur Abwehr böser Mächte oder 
Geister bediente. Das Wort ist arabischen 
Ursprungs (hamalet Anhängsel') und fast 
gleichbedeutend mit Talisman. Während 
dieser aber auf die magische Kraft geht, 
die dem Gegenstande innewohnt, geht jenes 



AMULETTE 



81 



auf die Art und Weise, wie man es zu ge- 
brauchen pflegte. Man trug A. entwedei- 
am Hals oder auf der Brust, woraus sich 
im Laufe der Zeit der Brustschmuck ent- 
wickelt hat, oder legte sie an bestimmten 
Orten nieder. Hierher gehören in erster 
Linie die über die ganze Erde verbreiteten 
Donnerkeile (s. d.), die späterer Glaube 
mit dem Donnergott in Beziehung ge- 
bracht hat. In kleinen Nachbildungen 
wurden diese vielfach als Bernstein- 
schmuck getragen. Daneben findet sich 
im Bronzezeitalter das Sonnenamulett, eine 
Nachbildung des vierspeichigen Sonnen- 
rades, das bald als Nadel, bald an der Kette 
am Hals getragen wurde. 

§ 2. Auch Steinpfeilspitzen und Äxte 
(Abb. 9. 10) galten vielfach als Amulette, be- 
sonders zum Schutz gegen dämonische 
Wesen, die Tieren oder Menschen Krank- 
heiten bringen. Zahlreiche Gräber bezeugen 
diesen Glauben an die Kraft der Amulette in 
ältester Zeit. In der frühchristlichen Periode 
eifert namentlich das Christenrecht in den 
nordischen Gesetzen dagegen. Aber er währe 
fort bis in die Gegenwart. Ferner dienten 
als Amulette bereits in vorhistorischer 
Zeit Pflanzen und Pflanzenteile, Knochen 
und andere Teilchen von Tieren, die man 
auch Toten mit ins Grab zu geben 
pflegte (vgl. S. Müller, Nord. Altertumsk. 

I 471)- 

§ 3. Eine besondere Rolle spielen als 

Amulette die Brakteaten( Abb. 11. 12), die in 
Skandinavien ihre Heimat und sich von hier 
aus über England und Teile Deutschlands 
verbreitet haben. Sie sind Nachahmungen 
römischer Münzen und meist aus Gold; 
viele sind versehen mit dem prophylakti- 
schen Hakenkreuz und mit Runen, unter 
denen die alu- Inschrift besonders häufig 
begegnet, oder mit Vögeln, die man in 
Zusammenhang mit den Raben Odins 
gebracht hat. Auch Gestalten, in denen 
man Götter vermutet, finden sich auf den 
Brakteaten. Daneben trug man das 
Götterbild in plastischer Miniaturgestalt 
aus Knochen als Schutzmittel, was z. B. 
vom Skalden Hallfre9r berichtet wird 
(Fs. S. 97). In späterer Zeit lebte der Ge- 
brauch der Brakteaten darin fort, daß 
man vielfach bestimmte Münzen als A. 
zu tragen pflegte. 

Hoops, Reallexikon. I. 



§ 4. Auf heidnisch-germanischen Brauch 
zurückzugehen scheint auch die im heutigen 
Volksglauben weit verbreitete Verwendung 
gewisser Pflanzen (Alraunwurzel, Dach- 
wurz, Wermut, vierblättriges Kleeblatt, 
Silberpappel usw.), Tiere oder Tierteile 
(Schlangen, Kröten, Marienkäfer, Kreuz- 
schnäbel, Eulen, Spinnen usw.) oder Teile 
des menschlichen Körpers (Finger oder 
Herz ungeborner Kinder, die Eihaut des 
Embryo) als Amulette oder Talismane. 
Vielfach werden die Tiere unter der 
Schwelle des Hauses vergraben oder am 
Tore des Gebäudes angeheftet. Hierher 
gehören auch die Pferdeköpfe der nord- 
deutschen Bauerngehöfte, der Donner- 
besen u. a. 

§ 5. Eine Schar neuer Amulette kam 
mit der antik-römischen Kultur und dem 
Christentume. An Stelle des Hakenkreuzes 
trat das christliche Kreuz, die Götterbilder 
ersetzten Marien- und Heiligenbilder, die 
Runen verdrängte das lateinische Alphabet, 
die Gegenstände mit Zeichen und Runen 
wurden bald von den Pergamentblättchen 
mit heiligen Sprüchen und Formeln über- 
wuchert. So begegnen die Blättchen mit 
dem Vaterunser, mit Stellen aus der 
heiligen Schrift, mit den 

J 

N J R 

J 

(Jesus Nazarenus Judaeorum rex), an 
den Schwellen und Türpfosten das 

et M t Bf 

(Caspar, Melchior, Balsamer), zu denen 
sich später die weit verbreiteten Himmels- 
briefe gesellen, die vor allem festmachen 
gegen Schuß und Hieb. 

§ 6. Andere neue Amulette brachte 
eine orientalisch-arabische Kulturwelle, die 
bald durch Vermittlung der antiken Kultur, 
bald selbständig im Zeitalter der Kreuz- 
züge kam. Ihnen eigen ist besonders das 
Geheimnisvolle der Worte und Zeichen 
und die Benutzung astrologischer Figuren. 
Hierher gehört u. a. das Pentagramm oder 
der Druden- oder Mahrenfuß (s. d.). Unter 
den Amulettinschriften dieser Welle sind 
die verbreitetsten das Abrakabra- Dreieck: 



82 



ANATOMIE— ANEFANG 



Abrakadabra 
abrakadabr 
abrakadab 
abrakada 
a b r a k a d 
a b r a k a 
und die Sator-Arepo- Formel: 
S a t o r 
A r e p o 
Tenet 
Opera 
R o t a s. 
Einen Sinn aus diesen und ähnlichen 
Formeln zu entziffern, ist bisher nicht 
gelungen. Je dunkler sie war, desto 
mehr Kraft schrieb man ihr zu. — ■ Auch 
beim Amulettaberglauben ist die Volks- 
phantasie nicht untätig geblieben; nach 
Analogie schon vorhandener solcher Schutz- 
mittel sind immer neue erfunden worden. 
Montelius Solgudens yxa och Tors 
hammare. Sv. Fmf. Tidsk. lo, 277. Salin 
De nordiska guldbrakteaterna. Ant. Tidsk, f. Sv. 
14, H. 2. S. M ü 1 1 e r Nord. Altertumskunde. 
W u 1 1 k e Volksabergl. 3 Schindler Der 
Aberglaube des Mittelalters. C. Meyer Der 
Aberglaube des Mittelalters. A. Tille Thebal 
Amulets. Scots lore 1895, 61 ff. Kunze 
Der Birkenbesen. Leiden 1900. Petersen 
Die Pferdeköpfe auf den Bauernhäusern. Kiel 
1860. R. Köhler Die Sator- Are po- Formel. 
Kl. Sehr. 3, 564. A. Lehmann Aberglaube 
u. Zauberei 2. Schurtz Amulette u. Zauber- 
mittel. Arch. f. Anthrop. 22. W u n d t Völker- 
psychol. II 2, 202 ff. E. Mogk. 

Anatomie, soweit man beim altgermani- 
schen Medizinkundigen davon reden kann, 
war im wesentlichen Opferanatomie, viel- 
leicht unbewußt kontrolliert bei schweren 
Kampfverletzungen, auch wohl Küchenana- 
tomie. Lage und Form der großen Organe 
war oberflächlich bekannt, die Drei- oder 
Fünflappigkeit der Leber von der Schaf- 
und Ziegenleber hergenommene, vielleicht 
aber durch Einfluß aus der Antike be- 
festigte Anschauung. Alles hohle Gewebe 
war adev] die hohlen Knochen wurden 
wie die Luft- (und Speise-)röhre als (ahd.) 
phtfa bezeichnet {peinfifun: tihiae) altfries 
pipe^ mnd. pype, P^P^, mhd. pfife. Man 
kannte auch das Zwerchfell (ags. midhrife) 
vom Tiere her. Noch summarischer waren 
natürlich die zufällig gemachten Beobach- 
tungen pathologischer Zustände, nament- 
lich von Verkalkung, die schon beim 



Schneiden und Zufassen auffiel. Doch 
wäre eine eingehendere Untersuchung der 
Bezeichnungen der inneren Organe und 
Organteile und der Benennungen der 
äußeren Körperteile erwünscht. Vgl. z. B. 
die Erfurter Glossen. 

HZDA. III 119. Hyrtl Die alten deutschen 
Kunstworte der Anatomie 1884. }i'öi\tx Hdb. 
d. Gesch. d. Med. I 462. G r ö n Altnord. Heil- 
kunde. Janus 1908 (S.-A. S. 37). Sudhoff. 

Andecena, Andecinga römisches Acker- 
maß von 16000 römischen Quadratfuß 
oder rund 1400 qm Fläche. ,,Andecenas 
legitimas hoc est perticam 10 pedes haben- 
tem 4 perticas in transverso et 40 in 
longo." Lex Baivariorum 1 13. — Du Gange 
I 244. — Die Andecena maß in der Breite 
4 Ruten (pertica) von je 10 römischen Fuß 
(= 0,296 m), also 40 römische Fuß oder 
11,84 m, in der Länge aber 40 Ruten 
oder 400 römische Fuß = 118,4m. 

A. Luschin v. Ebengreuth. 

Anefang. A. Süden. §1. Fand 
jemand eine ihm gestohlene bewegliche 
Sache (meist Vieh) ohne Spurfolge (s. d.) 
oder nach Ablauf der für diese maßgebenden 
gesetzlichen Frist in der Hand eines Dritten, 
so konnte er sie nach altgermanischem 
Prozeßrecht nur unter Beobachtung be- 
stimmter Förmlichkeiten an sich nehmen. 
Er mußte sie in genau vorgeschriebener 
Weise, indem er z. B. bei Vieh mit der 
linken Hand das rechte Ohr des Tieres 
ergriff und mit dem rechten Fuß auf das 
Vorderbein des Tieres trat, ,, anfassen". 
Von dieser Rechtshandlung (ahd. ana- 
fanjan, furifangon, altbayr. hantalöd, ags. 
befön, cetfön, oetbefön, forefong, ndl. aenfang, 
anefang, obd. für fang, verfang) erhielt das 
ganze Verfahren ^^seinen Namen. Mit ihr 
bezeichnete der Kläger die Sache als eine 
ihm gestohlene. Allerdings bezichtete er 
mit dem Anefang nicht direkt den Besitzer 
selbst des Diebstahls oder Raubes. Aber 
wenn nicht der Besitzer, so mußte ein 
Dritter sie gestohlen oder geraubt haben. 
Der Anefang leitete den Rechtsstreit ein; 
er ersetzte nicht nur der Mahnung (Ladung) 
des ordentlichen Verfahrens, sondern war 
,,der Klage Beginn"; daher mußte der 
Besitzer der angeschlagenen Sache die 
Klage in rechtmäßiger Weise beantworten 
und sich von dem in ihr enthaltenen ob- 



ANEFANG 



83 



jektiven Vorwurf des Diebstahls reinigen. 
Tat er dies nicht, so konnte sich der Kläger 
der angeschlagenen Sache bemächtigen, 
als hätte er sie im Wege der Spurfolge 
rechtzeitig gefunden. 

§ 2. Die regelmäßige Erwiderung des 
Besitzers, der etwa sich nicht selbst als 
Dieb bekennen mußte, bestand darin, 
daß er den Dritten nannte, von dem er 
die Sache erhalten habe. D. h. er zog die 
Sache auf seinen Gewähren, Gewährsmann, 
Vormann (ahd. fordro, *werento zu weren, 
fries. werand, ndsächs. warend, gewere, ags. 
geteama von team 'Zug'), er berief sich auf 
die dritte Hand; daher der Ausdruck inter- 
tiare, Dritthandsverfahren, in den fränki- 
schen Rechtsquellen. Nach gotischem, frän- 
kischem, oberdeutschem und jüngerem säch- 
sischem Recht mußte der Besitzer den Ge- 
währen binnen bestimmter Frist vor Ge- 
richt stellen und das sogleich nach ge- 
schehenem Anefang rechtsförmlich geloben; 
nach dem altertümlicheren langobardischen 
und früheren sächsischen Recht dagegen 
führte er den Kläger zum Gewähren. Im 
jüngeren angelsächsischen Recht hatte 
der Beklagte die drei ersten Gewährs- 
männer am Anefangsorte zu stellen, und 
erst zu den späteren folgte der Kläger; 
aber auch dies wurde dann, um dem Be- 
stohlenen die Reisemühe zu sparen, ab- 
geschafft und alle Gewährszüge mußten 
nunmehr am Anefangsorte erfolgen. Der 
angezogene Gewährsmann konnte sich 
seinerseits auf einen Vormann berufen, 
dieser wieder auf einen, und dies konnte 
nach einigen Rechten, z. B. nach dem 
fränkischen und späteren sächsischen Recht, 
unbeschränkt wiederholt werden, während 
nach andern, z. B. dem langobardischen 
und angelsächsischen, der Gewährschafts - 
zug beim dritten Mann stillstand. Dem 
Gewähren erwuchs die Verpflichtung, in 
den Prozeß einzutreten. Die streitige 
Fahrhabe wurde ihm zu getreuer Hand 
übergeben, zugeschoben, ,,er empfing den 
Schub''. Fand wiederholter Zug statt, 
so wanderte die Sache von Hand zu Hand 
den Weg zurück, den sie früher durch 
Rechtsgeschäft vorwärts gegangen war. 
Erlitt der Beklagte Bruch an seinem 
Gewähren, d. h. erschien der Gewähre nicht 
oder verweigerte er die Annahme des 



Schubs oder unterlag er im Rechtsstreit, 
so erhielt er von dem Vertragsbrüchigen 
Gewähren den Kaufpreis zurück; er mußte 
aber, da er im Anefangsprozeß unterlegen 
war, die Sache an den Kläger herausgeben 
und außerdem die Diebstahlsbuße zahlen. 
Von dem letzteren kam er frei, wenn er 
sich vom Diebstahlsverdacht zu reinigen 
vermochte; dies konnte er durch einen 
Reinigungseid mit dem er redlichen Er- 
werb nachwies. War der Gewähre ge- 
storben, so fand im ältesten Recht ein 
Gewährschaftszug auf den Toten statt; 
noch im angelsächsischen Recht zog der 
Beklagte die Gewähr zum Grabe des 
Gewährsmanns und reinigte sich durch 
einen besonders hohen Eid von dem 
Diebstahlsverdacht, so daß nun der Tote 
als Diebschuld befleckt galt (Liebermann). 
Im jüngeren Recht gelangte der An- 
geklagte hier ebenso zum Reinigungseid, 
wie wenn er den Gewähren nicht nennen 
oder in der vorgeschriebenen Zeit nicht 
auffinden konnte. 

§ 3. Außer durch Zug auf den Gewähren 
konnte sich der Besitzer, wenn auch viel- 
leicht noch nicht im ältesten Recht, so 
doch allgemein nach jüngeren Quellen, 
durch Berufung auf originären Erwerb 
(z. B. das Vieh sei bei ihm geboren) ver- 
teidigen, was aber dann nicht möglich war, 
wenn der Kläger Zeugen dafür brachte, 
daß das von ihm wiedererkannte Stück 
ihm vor noch nicht einem halben Jahre 
gestohlen worden sei. Schon die fränkischen 
Quellen erwähnen die Einrede des Be- 
klagten, er habe die Sache ererbt. Bewies 
er dies, was nach salischem Recht den 
Nachweis des Rechtes seines Erblassers 
erforderte, oder bewies er originären Er- 
werb, so erzielte er nicht nur, wie im Falle 
des Reinigungseides, Befreiung vom Dieb- 
stahlsverdacht, sondern überhaupt Ab- 
weisung der Klage. In diesem Falle mußte 
der sachfällig gewordene Anefangskläger 
eine Buße wegen unrechten Anefangs 
entrichten und, wenn es zum persönlichen 
Vorwurf des Diebstahls gekommen war, 
die Rechtsfolgen der falschen Anklage 
tragen. 

§ 4. Die Anefangsklage gründete sich 
ausschließlich auf den unfreiwilligen Ver- 
lust der Gewere. Wahrscheinlich konnte 



84 



ANEFANG 



sie schon im alten Recht auch dann 
geltend gemacht werden, wenn die Sache 
nicht gestohlen oder geraubt, sondern ver- 
loren oder sonstwie dem Besitzer ohne 
seinen Willen abhanden gekommen war. 
Sie stützte sich nicht auf ein Recht an 
der Sache; insbesondere war sie nicht etwa 
eine Eigentumsklage. Vielmehr stand sie 
außer dem Eigentümer auch demjenigen 
zu, in dessen getreue Hand der Eigentümer 
die Sache zur Verwahrung, als Pfand, als 
Leihstück usw. gegeben hatte; nur dieser 
getreuen Hand war durch den Diebstahl 
die Gewere entzogen worden. Der Eigen- 
tümer konnte die Anefangsklage selbst 
dann nicht erheben, wenn die Sache 
seinem Vertrauensmann gestohlen worden 
war. 

B r u n n e r DRG. 2, 498 ff. Schröder 
DRG. 5 385 ff. und die dort angeführte sehr 
reiche Literatur, v. Ami ra. Recht^ 12,0. Rauch 
Spurfolge u. Anefang in ihren Wechselbeziehungen. 
Weimar 1908. 

R. Hübner. 

B. Norden. §5. Die Rechtsquellen 
des Nordens zeigen ein ähnliches Ver- 
fahren, wenngleich die Einzelheiten sehr 
variieren und auch die Quellen nicht über- 
all gleich ausführlich sind. Dabei scheint 
das ostnord. Recht den deutschen Rechten 
näher zu stehen, als das westnordische. 
Der Akt des Anefanges wird in aschwed. 
Rechten als handsama bezeichnet, das An- 
sprechen der Sache als dem Kläger gehörige 
mit kcenna ausgedrückt. Damit ist die Klage 
[klandan, brigä) erhoben. Der Beklagte muß 
— vom Fall der handhaften Tat abgesehen, 
wo er beweisfällig ist — Bürgen stellen 
oder die Sache bei einem Dritten hinter- 
legen. 

§6. Die Verteidigung des Beklagten 
kann bestehen in Kontravindikation, er 
beruft sich z. B. auf eigenen originären 
Erwerb (,, gripser til hemfö{)o" ,,at i hanss 
garj)i J)aer var f)aenni gripaer hemae föder 
ok f)u a iak han ok |)u ikki i", ,,at iak 
födde han hemae i husum ok haeskaep 
]Daer di{)i ok drak miolk af mo{)or Spina. 
])aer var i klaej)um vaf{)aer ok i vaggu 
lag|)er. |)y a iak han ok J)u iki"). Oder der 
Beklagte zog auf seinen Gewähren [gripaer 
tu leznae, Hl hemolzmanz, fangamanz). 
Über den Gewährschaftszug geben die 



Quellen vieles, im einzelnen abweichende 
Detail. Insbesondere kommt hier das 
eigentümliche, ostnordische Institut des 
vin in Frage, d. h. eines Gewährschafts- 
bürgen, den der Verkäufer bei gewissen 
Objekten dem Käufer stellen muß und 
an den sich nun der beklagte Käufer 
wendet mit dem Ersuchen, den Verkäufer 
herbeizubringen (vgl. v. A m i r a NOR. 
I 285 ff. 346 ff.). Der Gewährsmann 
konnte sich wieder auf seinen Gewährs- 
mann berufen, doch beschränken manche 
Quellen die Zahl auf den dritten, fünften, 
sechsten Vormann. Dieser hatte dann zu 
kontravindizieren oder der Kläger erhielt 
den Beweis, daß ihm die Sache gehöre; 
dem Beklagten blieb es aber auch dann 
immer noch frei, sich wenigstens von der 
Diebstahlsbeschuldigung zu reinigen [gaera 
sik urpiuva) durch den Nachweis, daß er 
redlich und unverhohlen die Sache er- 
worben habe. Beklagter konnte sich 
übrigens auch darauf berufen, daß er vom 
Kläger selbst erworben habe und kam 
dann darüber zum Beweise. 

§ 7. Sehr zweifelhaft ist im Norden das 
eigentliche Fundament der Klage. 
Nach den G{)1. 254 hat der Kläger Zeugen zu 
erbringen, ,,daß das sein Gut ist und er 
es nicht verschenkte, in Zahlung gab oder 
verkaufte", also sein Eigentum darzulegen. 
In schwed. Rechten beschwört Kläger 
,,iak a ok pu iki" ,,J)aetta er mit". Darnach 
scheint die Klage nicht jedem früheren 
Besitzer zuzustehen, sondern nur dem 
Eigentümer. Auf der anderen Seite wird 
vielfach in das Klagefundament der Satz 
aufgenommen, ,,daß diese Sache von mir 
gestohlen war". Daraufhin hat man 
auch für den Norden behauptet, daß die 
Klage nur bei widerwilligem Besitzverlust 
gegeben war. Aber an anderen Stellen 
fehlt dieser Satz und jedenfalls das west- 
nordische Recht scheint auch bei Unter- 
schlagung durch den Depositar u. dgl. 
dem Eigentümer die Klage zu geben. 
(Siehe Hand wahre Hand.) 

Estlander Bidrag tili en Undersökning 
om Klander ä Lösöre enligt äldre svensk Rätt 
1900. V. Amira NOR. I 347; II 692 ff. 
S t e m a n n Retshistorie § 89. Matzen 

Forel. Tingsrett § 21. Brandt Forel. I 201. 205. 

K. Lehmann. 



ANGEL 



85 



Angel. Die Fertigkeit, Fische mit der 
Angel zu fangen, war bereits in der jüngeren 
Steinzeit voll entwickelt, derart, daß man 
eine ganze Anzahl verschiedener Angel- 
formen von verschiedener Größe ge- 
brauchte. 

I. Die älteste Form des Angel- 
hakens ist die mit glatter Spitze 
ohne Widerhaken. Sie bestanden 
aus Hirschhorn, Knochen, (Holz) oder 
Feuerstein und wurden während der 
Bronzezeit auch aus Bronze hergestellt. 
Man findet sie ebensowohl in den Pfahl- 



bleibt am inneren Ende des nach oben 
spitz zulaufenden Schenkels ein Absatz, 
der als Urtypus des Widerhakens anzusehen 
ist (Abb. 13, i). Angeln mit Widerhaken 
wurden in der Steinzeit aus (Holz), Hirsch- 
horn, Knochen oder Eberzahn gefertigt, 
später aus Bronze (Abb. 13, 2) und seit der 
Latenezeit auch aus Eisen. 

3. Eine besondere Art mit breitem 
Stil aus Knochen oder Bronzeblech 
(mit und ohne Widerhaken) ist aus West- 
preußen, Lübeck und Brandenburg bekannt 
(Abb. 13, 3). Das älteste bekannte Exem- 




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Abb. 13. Angeln i — 10. 

1 Angelhaken aus einem Schweinshauer von Haltnau. Nach v. Tröltsch, Pfahlbauten, ca. 5 cm. — 

2 Angelhaken von Bronze. Schweiz. Mitteil. d. antiqu. Gesellsch. Zürich, XXII. 2/3. — 3 Spinn- 
angel aus der Gegend von Lübeck. Bronze, Latene. Nach Krause. 7 cm. — 4 Angelhaken aus 
dem Pfahlbau von St. Aubin. Hirschhorn. Nach Krause. 6,6 cm. — 5 Angelhaken. Nach Pic, 
Stradonitz. Bronze, ^/i. — 6 Angelhaken aus Reesen, Altmark. Bronze. Hallstattzeit. Nach Krause. — 

7 Spitzangel aus dem Pfahlbau Wangen. Hirschhorn. Nach v. Tröltsch, Pfahlbauten. 4,4 cm. — 

8 Spitzangel aus dem Pfahlbau Wangen. Hirschhorn. Nach v. Tröltsch, Pfahlbauten, ca. 5 cm. — 

9 Spitzangel aus dem Pfahlbau Wangen. Hirschhorn. Nach v. Tröltsch, Pfahlbauten. 5 cm. — 

10 Spitzangel aus dem Pfahlbau von Sutz. Hirschhorn. Nach Krause. 13,1 cm. 



bauten der Schweiz, wie in Skandinavien. 
Zwei Arten sind hier zu unterscheiden: 
entweder wird der Haken aus einem Stück 
gearbeitet oder am unteren Ende eines 
Knochen- oder Holzstiels wird im spitzen 
Winkel ein schmaler, vorn spitz zulaufender 
Feuerstein befestigt. Solche Feuersteine, 
oft nadelartig fein, findet man fast auf 
allen sog. Feuersteinwerkstätten, die in 
der Nähe von Gewässern liegen. 

2. Aus diesem einfachen Haken ent- 
wickelt sich der mit Widerhaken 
dadurch, daß das zu bearbeitende Holz- 
oder Knochenstück an einem Ende mit 
einem Feuersteinbohrer durchlocht wird. 
Bei der weiteren Arbeit des Schultzens 



plar (GoUwitz bei Brandenburg a. H.) gehört 
der Steinzeit an. Diese Angeln können 
,,nur den Zweck gehabt haben, sie ähnlich 
unsern heutigen Hechtdargen (oder Darren) 
als Spinnangeln benutzen zu können, die, 
hinter dem Kahn hergezogen, durch ihren 
hellen Glanz Raubfische, welche sie für 
schwimmende Fischchen halten, täuschen 
und zum Anbeißen verführen" (Krause). 

4. Angelhaken mit zwei Spitzen 
aus Hirschhorn kommen in den Pfahl- 
bauten der Schweiz aus der Steinzeit vor 
(Abb. 13,4). Häufiger sind sie in der Metall- 
zeit aus Bronze (Abb 13, 5- 6.). 

5. Spitz- oder Knebelangeln 
bestehen aus einem geraden, an beiden Seiten 



86 



ANGELN 



zugespitzten Stücke von (Holz), Knochen, 
Feuerstein oder Bronze, an dem in der 
Mitte die Schnur befestigt wird (Abb. 13, 7). 
Der Köder wird derart über die eine 
Hälfte von der Angel gezogen, daß sie 
zu der Schnur im spitzen Winkel steht. 
Vollendetere Exemplare haben in der Mitte 
ein Loch zum durchziehen der Schnur 
oder eine umlaufende Rille (Abb. 13, 8 — 10). 
Auch diese Art tritt bereits in der Steinzeit 
auf (Pfahlbauten der Schweiz, Ober- 
■ franken). 

6. Um Angelhaken aus Holz oder Bein 
zu beschweren, benutzte man kleine Steine, 
die oft (zum durchziehen der Schnur) 
durchlocht waren, sog. Angelsenker. 

7. Zum Aufholen von Angelleinen (Leg- 
angeln) dienten rohe Holzgeräte, die, quirl- 
artig gebildet, mit einem Steine beschwert 
an einer Leine in das Wasser gesenkt 
wurden, sog. Angelheber (Arpions, 
Trogein). 

Der gemeingermanische Name der Angel 
ist anord. ongull, ags. angel, ahd. angul 
(Mask.); er bezeichnet den Haken, an dem 
der Köder (anord. agn, ags. <^/, ahd. 
querdar) befestigt wird. 

E. Krause Vorgesch. Fischereigeräte und 

neuere Vergleichstücke 1904. F o r r e r Reall. 

243 ff. Heyne Hausaltert. 2, 254. Fuhse. 

Angeln in Deutschland. § i. 
Einen Stamm namens Anglii kennt Tacitus 
Germ. 40 unter den Nerthusvölkern zwi- 
schen den Aviones und Varini, jedenfalls 
auf der kimbrischen Halbinsel. Dagegen 
stehen die 2ur^ßoi 'A^ysiXot bei Ptol. H ii,8 
westlich von der mittleren Elbe, sind 
jedoch dahin durch einen Irrtum geraten 
und zwar im Zusammenhang mit andern 
Namen; s. unt. Langobarden, Warnen u. 
Teutonen. Anders, aber kaum richtig: 
Zeuß 153. 495, Müllenhoff DA. 
4, 465 und E r d m a n n Heimat u. Name 
d. Angeln. 

§ 2. Auf die nördlichen Sitze des 
Volkes weist noch der Name der Landschaft 
Angeln zwischen Flensburger Föhrde und 
Schlei zurück, und ausdrücklich wird diese 
durch eine Reihe von Quellen als Aus- 
gangspunkt der auf britischen Boden über- 
getretenen Angeln angegeben, so von Beda 
und von Alfred. Ihr ags. Name Angel, 
Ongel ist wohl ganz dasselbe wie ein im 



norwegischen Halogaland bezeugter anord. 
Landschaftsname Ongull und könnte mit 
lat. angulus, aslav. qglT? 'Winkel' oder 
griech. a^xu^o? 'gewölbt, gekrümmt' zu- 
sammengehören und — nur mit anderer Be- 
deutungsentwicklung — dasselbe Wort sein 
wie Angel, ags. ongel, anord. gngull 'Fisch - 
angel'; vgl. germ. *angra- m. 'Bucht; 
Anger, Grasland'. Weniger wahrschein- 
lich ist Zusammenhang mit Wz. ang 
'enge'. Danach wären die Angeln 'Be- 
wohner dieses Angel'. Ihr Name erscheint 
in verschiedenen, aber unwesentlich von- 
einander abweichenden Formen als Anglii 
bei Tacitus, 'Ay^siXot bei Ptolemaeus, 
'AyyiXoi bei Prokop, ags. Engle, anord. 
Englar; vgl. ahd. Angil-, Engil- in Per- 
sonennamen. 

§ 3. Das ausgedehnte Gebiet der Angeln 
in Britannien ist aber unmöglich nur von 
dem kleinen schleswigschen Angeln aus 
erobert und besiedelt worden. Es ist 
deshalb vorauszusetzen, daß der Name 
schon diesseits der Nordsee weiter um 
sich gegriffen hatte. Damit stimmt es, 
daß von den andern Völkernamen der 
kimbrischen Halbinsel — von dem der 
Juten abgesehen — in England so gut 
wie nichts mehr zu entdecken ist. Sogar 
ein Teil der dän. Inseln wird von manchen 
den Angeln zugesprochen; von Bremer, 
der Ethn. 119 (853) auf Dan und Angul, 
die Stammväter des dän. Volkes nach 
Saxo Gram. I p. 21, verweist, ebenda 
102. 119 {Ss6. 853) mindestens Fünen, 
wofür er sich auf die Inschrift der Spange 
aus dem Vimose beruft; vgl, aber dagegen 
Wimmer bei Jessen Haandbog i det 
Nordslesvigske Spergsmaals Historie 32 ff. 
Das Andenken eines ruhmreichen Königs 
der A. in ihrer alten Heimat namens Offa 
und das an seine Kämpfe mit Dänen 
und Myrgingen oder Sachsen hat die ags. 
und nord. Sagenüberlieferung fortbewahrt: 
vgl. Müllenhoff Beow. passim und 
H. Möller AfdA. 22, 153 ff. Im übrigen 
liegt die ältere Geschichte des Volkes 
ganz im Dunkel. 

Strittig ist sogar die Frage, ob die Ein- 
wanderung nach Britannien unmittelbar 
von Schleswig und Jütland aus erfolgte, oder 
ob die A. zuerst in den Niederlanden Fuß 
faßten und von dort später nach Bri- 



ANGELSACHSEN 



87 



tannien übertraten. Es fehlt aber für diese 
Zwischenstation jedes Zeugnis, und was 
den von H o p s {Waldb. u. Kulturpfl. 
575 ff.) betonten Zusammenhang des dem 
Lat. entnommenen Lehngutes bei Deut- 
schen und Angelsachsen anbelangt, das 
diesen nicht schon jenseits der Elbe zuge- 
kommen sein kann, läßt eine Vermittler- 
rolle der Sachsen allein die Erscheinung 
verstehen, falls sie nicht noch anders zu 
erklären ist. Auch die lex Angliorum et 
Werinorum hoc est Thuringorum ist nicht 
auf niederrheinische Angeln zu beziehen, 
sowenig wie auf ebensolche, gleichfalls un- 
erweisbare Warnen: s. R. Schröder 
Rechtsgesch.^ I 261, D a h n Könige X 96 ff. 
Dieses Denkmal gehört vielmehr nach Thü- 
ringen. Gleich ihren alten Nachbarn, den 
Warnen (s. d.), ist von den Angeln wenig- 
stens ein Teil nach Mitteldeutschland ge- 
zogen und hat einem Gau Engüin oder 
Englide an der Unstrut den Namen gegeben. 
Über die Angeln in England s. 
'Angelsachsen'. 

Z e u ß 152 f. 495 ff. Weiland Die Angeln 
1889. E r d m a n n Über d. Heimat ii. den 
Namen d. Angeln 1890. Möller AfdA. 22, 
129 ff. 137 ff. Bremer Ethn. 118 (852)0. 
H o o p s Waldb. u. Kulturpfl. 566 ff. 582 ff. 
L. Schmidt Allg. Gesch. d. germ. Völker 
148 ff.; hier und bei Bremer weitere Literatur. 

R. Much. 

Angelsachsen. 

Begriff i. Stammsitze und Verwandtschaftsver- 
hältnisse 2 — 4. Raubfahrten der Sachsen; litus 
Saxonicum 5. Bekanntschaft mit der röm. Kultur 
6. Eroberung Britanniens 7 — 10. Benennung des 
Gesamtvolks als 'Sachsen' 12 — 13, 'Angeln' 14 — 15, 
*Angelsachsen' 16 — 20. Entstehung der engl. 
Nation: Chadwicks Hypothese 22 — 23; neuer 
Erklärungsversuch 24 — 29. 

§ I. Unter A. verstehen wir die ger- 
manischen Stämme, die seit dem Anfang 
des 5. Jhs. Britannien eroberten. Nach 
B e d a nahmen drei Völkerschaften an der 
Besiedlung teil: die Sachsen, An- 
gel n und J ü t e n (HEccl. 1,15: Advene- 
rant autem de trihus Germaniae populis 
fortioribus, id est Saxonibus, Anglis, Jutis). 
Von einer Beteiligung der Friesen, die 
Prokop (De Bello Gothico 4,20, ed. Compa- 
retti vol. III S. 146, 6) erwähnt, lassen sich 
nur geringfügige Spuren nachweisen (s. 
Siebs Z. Gesch. d. engl.-fries. Sprache 
II f.; Hoops Waldb. u. Kulturpfl. 567). 



§ 2. Die Stammsitze der A. lagen 
nach den Angaben des Tacitus, Ptolemaeus 
und Beda auf der jütischen Halbinsel 
und den südlich angrenzenden Gebieten, 
und zwar wohnten die Angeln nach Beda 
(i, 15) inter provincias Jutarum et Saxonum 
in illa patria, quae Angulus dicitur, dh. im 
heutigen Schleswig, wo das Land zwischen 
Schlei und Flensburger Föhrde noch jetzt 
'Angeln' heißt. Nördhch von ihnen saßen 
die Juten, gleich den beiden andern ein 
westgerm. Stamm, südlich in Holstein die 
Sachsen, die sich seit ihrer Verschmelzung 
mit den Chauken im 4.- Jh. westwärts bis 
an die Ems erstreckten, während die Friesen 
in jener Zeit wohl die Küstenstriche 
zwischen Rhein und Weser nebst den vor- 
gelagerten Inseln bewohnten. 

§ 3. Die Angaben Bedas über die Ur- 
sitze der Sachsen und Angeln in Schleswig- 
Holstein sind durch die sprachlichen Unter- 
suchungen von Möller (AfdA. 22, 148, 
A. i; 1896), Siebs (PGrundr.^ I 1154 
bis I157; 1899) und Jordan (Eigentüm- 
lichkeiten des angl. Wortschatzes, AF. 17; 
1906) bestätigt und ergänzt worden. Da- 
nach steht die Sprache der germ. Be- 
wohner Englands in ihrer Gesamtheit von 
allen germ. Dialekten dem Friesischen am 
nächsten, das seinerseits in einigen Punkten 
eine Mittelstellung zwischen dem Angel- 
sächsischen und Altsächsischen ein- 
nimmt. Auf der anderen Seite aber zeigt 
das Angelsächsische auch auffallende Über- 
einstimmungen mit dem Skandinavischen: 
beiden fehlt die dem Deutschen und Frie- 
sischen eigentümliche Präposition von, an 
deren Stelle sie außer ags. of, anord. af 
die Präposition ags. fram, from, anord. frä 
verwenden, die wieder dem Deutsch- 
Friesischen fehlt; der Name des Roggens 
ist im Angelsächsischen und Altnordischen 
z-Stamm: ags. ryge, anord. rugr ^Grdf. 
*rujiz), im Friesischen und Deutschen da- 
gegen w -Stamm: wfries. rö39, satl. r^j?, 
Sylt, rox (Siebs PGrdr. * I II 56), and. 
roggo, ahd. rocko; der Name des Hasen 
hat im Ags. und Nord, r aus z: ags. hara, 
anord. here, im Fries, und Deutschen s: 
afries. hasa (Siebs aaO.), and. ahd. 
haso usw. 

§ 4. Die angelsächsischen Stämme 
waren auf dem Festland, wenn auch nahe 



88 



ANGELSACHSEN 



verwandt, doch deutlich voneinander ge- 
schieden: dafür sprechen die Zeugnisse 
der Historiker (bei Bremer, Schmidt, 
Chadwick), darauf weisen auch sprachHche 
Tatsachen. Von den ags. Dialekten stellt 
sich nach Jordans Untersuchung des Wort- 
schatzes das Anglische näher zum Nor- 
dischen, das Westsächsische zum Frie- 
sischen und Altsächsischen, so daß die 
Gruppierung, die Beda für die Haupt- 
stämme der Angelsachsen in ihrer schles- 
wig-holsteinischen Heimat gibt, von der 
Sprachwissenschaft bestätigt wird. Die 
Angeln hatten offenbar mehr östliche, die 
Sachsen westliche und südliche Beziehun- 
gen. Doch braucht man darum nicht mit 
Chadwick (Origin of the Engl. Nation 30 1) 
anzunehmen, daß die Sachsen ursprüng- 
lich die westliche, die Angeln die östliche 
Hälfte der kimbrischen Halbinsel bewohnt 
hätten. Eine solche Annahme widerspricht 
der Angabe Bedas, daß die Angeln zwischen 
Juten und Sachsen saßen, da die Juten 
wohl sicher im heutigen Jütland wohnten; 
auch hatten die Angeln offenbar ebenso 
wie die Sachsen und Juten direkten Zu- 
gang zu der Nordsee. 

§ 5- Seit dem Ende des 3. Jhs. hören 
wir von Raubfahrten fränkischer 
und sächsischer Seeräuber nach den Küsten 
Nordfrankreichs, die im 4. Jh. unge- 
schwächt fortdauerten und zu festen 
Niederlassungen der Sach sen 
an der galHschen Nordküste führten. Bald 
nach Anfang des 5. Jhs. finden wir sie 
schon an der Westküste Galliens in Anjou, 
besonders auf den Loireinseln angesiedelt 
(Hoops Waldb. u. Kulturpfl. 580 f.). Die 
Notitia dignüatum, deren britannische Ka- 
pitel nach Mommsen spätestens etwa 300 
abgefaßt sind (Schmidt Allg. Gesch. 159), 
kennt nicht nur ein litus Saxonicum an 
der gallisch-flandrischen Nordküste von 
der Scheide bis zur Normandie und Bre- 
tagne (Kap. 2>^. 37), sondern erwähnt 
auch einen Comes litoris Saxonici per Bri- 
tanniam (Kap. 25); und seit 365 etwa 
hatten die britannischen Küstenländer 
(nach Ammian. Marc. 26, 4, 5) beständig 
unter den Einfällen der Sachsen zu leiden. 

§ 6. In ihrer Heimat auf der kim- 
brischen Halbinsel waren die angelsäch- 
sischen Stämme von der Macht Roms 



völlig unberührt geblieben: kein römischer 
Legionär hat je den Boden Schleswig- 
Holsteins betreten; und von der süd- 
ländischen Kultur waren ihnen 
nur einige Importartikel des Handels be- 
kannt geworden. Erst in ihren Nieder- 
lassungen an der flandrisch -gallischenKüste 
lernten die Sachsen die römische Kultur 
in ihrer Gesamtheit kennen; (s. meine 
Untersuchung der lateinischen Kultur- 
wörter im Angelsächsischen, Waldb. u. 
Kulturpfl. 566—589). 

§ 7. Von hier ist dann wohl auch der 
Hauptstrom der Sachsen nach Bri- 
tannien übergesiedelt (vgl. Bremer 
PGrdr.2 III 859; Heuser IE. 14, Anz. 27f.; 
Hoops 582; Schmidt 161) und hat die 
Südküste des Landes in Beschlag ge- 
nommen, während die Angeln mit dem 
größten Teil ihres Volks direkt von der 
schleswigschen Heimat aus nach Britan- 
nien übersetzten und von der Ostküste her 
ins Land eindrangen. 

Die endgültige Eroberung der Insel 
freilich scheint mit einer Ansiedlung jüti- 
scher Scharen unter Führung von Hengist 
und Hors auf der Insel Tanet an der Ost- 
küste von Kent (nach britischen Quellen 
im J. 428) ihren Anfang genommen zu 
haben. Sie waren von dem Oberkönig der 
Briten Wortigern gegen die räuberischen 
Einfälle der Pikten und Skoten zu Hilfe 
gerufen worden, die seit dem Abzug der 
römischen Legionen (etwa 407) das Land 
verheerten. 

§ 8. Im Lauf des 5. und 6. Jhs. wurde 
der größte Teil der Insel von der Südküste 
bis in die schottischen Niederlande von 
den germanischen Scharen erobert; die 
Briten wurden entweder unterworfen und 
assimiliert oder in die Gebirge des Westens 
zurückgedrängt, wo sie sich teilweise bis in 
die Gegenwart mit ihrer nationalen Sprache 
behauptet haben. Die Einzelheiten der 
Eroberungskämpfe gehören der politischen 
Geschichte an und fallen außerhalb des 
Rahmens dieser Darstellung. Über die 
Art der Besiedlung vgl. 'Siedlungswesen'. 

§ 9. Von den germanischen Eroberern 
besetzten die Juten Kent, die Insel 
Wight und den ihr gegenüberliegenden 
Küstenstrich in Hampshire, der noch zu 
Bedas Zeiten eine jütische Enklave in 



ANGELSACHSEN 



89 



Wessex bildete [Jutarum natio nominatur) . 
Den übrigen Süden der Insel bis nördlich 
der Themse nahmen die Sachsen ein, 
die zu Bedas Zeiten in Ostsachsen [East- 
seaxan, heute Essex), Südsachsen {Suä'- 
seaxan, heute Sussex) und Westsachsen 
[Westseaxan, ne. Wessex) zerfielen. Der 
ganze Rest des germanischen Teils von 
Britannien gehörte den Angeln, bei 
denen Beda Orientales Angli, Mediter- 
ranei Angli, Merci, tota Nordanhymhrorum 
progenies .... ceterique Anglorum populi 
unterscheidet. 

§ 10. Die Eroberung Britanniens durch 
die Angelsachsen blieb nicht auf die mili- 
tärische Unterwerfung beschränkt, sie 
wurde durch Einwanderung und Ansiedlung 
größerer Volksmassen vervollständigt. Bri- 
tannien ist bei seiner peripherischen Lage 
wohl nie so vollkommen romanisiert ge- 
wesen wie andere römische Provinzen, 
und wenn auch nach dem Abzug der Legi- 
onen sicher noch Lateinisch redende Be- 
wohner im Lande blieben (Pogatscher Z. 
Lautl. d. griech., lat. u. rom. Lehnw. im 
Altengl. S. 2 ff.), so befanden sich die ein- 
gewanderten Angelsachsen ihnen wie den 
Briten gegenüber doch wohl bald in der 
Überzahl. Darum sind sie nicht, wie 
die siegreichen Germanenstämme in andern 
römischen Provinzen und wie später die 
normannischen Eroberer, in der Masse der 
Unterworfenen aufgegangen, sondern haben 
diesen ihre Sprache aufgezwungen und 
haben auch nach der Übernahme der 
römischen Kulturerrungenschaften und 
nach der Bekehrung zum Christentum zäh 
und stolz den Kern ihrer nationalen Eigen- 
art behauptet. 

§ II. In der Benennung der ger- 
manischen Bewohner Britanniens herrscht 
bei den zeitgenössischen Schriftstellern ein 
merkwürdiges Schwanken: sie werden bald 
Sachsen, bald Angeln, bald Angelsachsen 
genannt. 

§ 12. Die Kelten Britanniens be- 
zeichneten ihre germanischen Bezwinger 
unterschiedslos als 'Sachsen' (akymr. 
Saeson), ihre Sprache als Sächsisch (akymr. 
Saesneg) und nennen sie so bis auf den 
heutigen Tag (kymr. saesneg, körn, sasnec, 
bret. saoznek, ir. sasannac, gäl. sasunnach 
'engUsch'; gäl. Sasunn 'England', kymr. 



Sais, bret. Saoz, pl. Saozon 'Engländer'). 
Diese Tatsache erklärt sich zweifellos da- 
durch, daß die Sachsen die ersten waren, 
die den Briten wie den Romanen Galliens 
als imponierende Seemacht entgegentraten, 
was ja durch die Angaben der Notitia 
dignitatum über die litora Saxonica in 
Gallien und Britannien (oben § 5) viel- 
leicht schon für das 3. Jh. bestätigt wird. 
Auch die Südgallische Chronik im 5. Jh. 
bezeichnet die Eroberer Britanniens als 
Sachsen: Brittanniae usque ad hoc tempus 
variis cladihus eventihusque laceratae in 
dicionem Saxonum rediguntur (z. J. 441 — 2: 
MGAA. 9, 660 f.). Saxones, Saxonia war 
augenscheinlich der älteste Gesamtname 
der Inselgermanen bei den Kelten wie bei 
den kontinentalen Völkern (Freeman Norm. 
Conqu.^ 533). 

§ 13. Unter dem Einfluß des keltischen 
und gallischen Sprachgebrauchs verwenden 
die lateinischen Autoren Englands 
und des Kontinents in der älteren Zeit ganz 
allgemein die Ausdrücke Lingua Saxonica, 
Saxonice für die Sprache, Saxones, Saxonia 
für Volk und Land der Engländer im 
weiteren Sinne (vgl. Freeman aaO. 530 
bis 534). Wie die Lateinisch schreibenden 
Chronisten es liebten, statt Britannia den 
seltneren und archaistischer klingenden 
Namen Albion zu gebrauchen, so schrieben 
sie auch Saxonia, Saxonice als herkömm- 
liche Ausdrücke des Kanzleistils in England 
noch zu einer Zeit, als in der Volkssprache 
längst Angelcyn, Engte, englisc durchge- 
drungen waren. 

§ 14. Aber neben Saxones, Saxonia^ 
Saxonice treten in lateinischen Texten 
frühzeitig auch die Namen Angli, Anglia, 
Anglice auf. Schon in einem Brief des 
Papstes Gregor an den jütischen König 
^thelberht von Kent von 60 1 (Beda I 32) 
wird dieser als rex Anglorum betitelt ! 
Beda (t 735) nennt seine Kirchengeschichte 
Historia ecclesiastica gentis Anglorum; und 
daß er hier nicht die Angeln allein, sondern 
die Engländer überhaupt im Sinne hat, 
spricht er gleich im I. Kap. aus, wenn er 
sagt, es würden in Britannien fünf Sprachen 
gesprochen: Anglorum videlicet, Britonum, 
Scotorum, Pictorum et Latinorum; und bei 
Zeitbestimmungen bedient sich Beda im- 
mer des Ausdrucks ab adventu Anglorum 



90 



ANGELSACHSEN 



in Britanniam. Daneben verwendet er 
gelegentlich Saxones ebenfalls im weiteren 
Sinne. Ähnlich schwanken ^thelweard, 
Henry v. Huntingdon ua. zwischen Angli 
und Saxones, anscheinend je nachdem sie 
britischen oder enghschen Quellen folgen 
(Freeman aaO. 532). Doch werden die 
Bezeichnungen Angli, Anglia mit der Zeit 
in den lat. Texten immer häufiger und ver- 
drängen schließlich nicht nur bei insularen, 
sondern auch bei kontinentalen Schrift- 
stellern die andern vollständig, so daß sie 
bei den Chronisten des lO. und II. Jhs. 
schon entschieden vorherrschend sind (Free- 
man 531). 

§ 15. Die angelsächsischen Schriftsteller 
aber nennen, sobald sie in ihrer nati- 
onalen Mundart schreiben, ihre Sprache 
von den ältesten literarischen Zeiten an nie 
anders als englisc, dh. 'anglisch* und ihr 
Volk und Land auch schon sehr früh und 
mit zunehmender Häufigkeit Angelcynn, 
Angelßeod, dh. 'Angelnvolk', einerlei, ob 
sie selbst dem Stamm der Angeln oder der 
Sachsen angehören. Alfred d. Gr., der 
König von Westsachsen war (871 — 901), 
bezeichnet in seinen Werken seine Sprache 
ausnahmslos als englisc 'anglisch', die ags. 
Schrift als englisc gewrit, wie er auch seine 
Untertanen meist Angelcynn nennt (so 
in der Vorrede zu seiner Übersetzung von 
Gregors Cura Pastoralis). Auch in der ags. 
Beda -Übersetzung, in der Sachsenchronik 
und bei ^Elfric (um lOOO) finden sich eine 
Reihe ähnlicher Stellen, wie on Engliscre 
sprccce, on Engliscum gereorde, on pcere 
Engliscan bec mit Bezug auf die verschie- 
densten Teile des Landes. Angelcyn ist 
die gewöhnliche Benennung Englands bis 
zur Dänenzeit; vom II. Jh. an tritt Engla- 
land an seine Stelle. Wenn neben Engle, 
Angelcyn auch Seaxan vorkommt, so werden 
damit doch fast immer nur die Sachsen im 
engeren Sinne bezeichnet, weshalb das 
Wort auch meistens mit den geographischen 
Attributen West-, East-, Suß- verbunden 
erscheint; nur einmal in der Sachsenchronik 
z. J. 605, in einer Rede Augustins an die 
britischen Bischöfe, wird Seaxan im weite- 
ren Sinne gebraucht; hier liegt aber wohl 
eine Übersetzung aus einer lat. Quelle vor. 

§ 16. Die Vereinigung der beiden 
Namen zu dem Ausdruck 'Angel- 



s a c h s e n ' ist kontinentalen Ursprungs. 
Sie tritt zuerst um 775 bei Paulus Diaconus 
in seiner Historia Langobardorum auf; hier 
sind die Wörter noch nicht zu einem wirk- 
lichen Kompositum verschmolzen, sondern 
stehen selbständig nebeneinander als Angli 
Saxones oder Saxones Angli: 4, 22 Vesti- 
menta .... qualia Angli Saxones habere 
solent] 5, 37 ex Saxonum Anglorum gener e 
duxit uxorem; 6, 15 Cedoald rex Anglorum 
Saxonum. Später wurden sie dann zu 
einem Kompositum Angli -Saxones, Anglo- 
Saxones ua. zusammengezogen. Der Aus- 
druck bedeutete ursprünglich offenbar die 
englischen Sachsen, die Inselsachsen im 
Gegensatz zu den Sachsen des Festlandes, 
den alten Sachsen, die von Paulus Diaconus 
vetuli Saxones, in der Orosius- Übersetzung 
Alfreds d. Gr. und in der Sachsenchronik 
Ealdseaxan genannt werden. Aber wie 
Saxones wird düuoh. Anglo -Saxones sehr bald 
von den Inselgermanen im allgemeinen 
gebraucht, so schon in dem zwischen 
823 und 829 abgefaßten Leben Alkuins, 
wo ein Presbyter und auch Alkuin selbst, 
der Angle war, als Engelsaxo bezeichnet 
werden: Aigulfus presbiter, Engelsaxo et 
ipse (MGS. 15, 193), während Einhard 
(Vita Caroli 25) Alkuin Saxonici generis 
homo nennt. Ähnliche Doppelnamen 
kommen schon in antiken Schriftstellern 
vor, z. B. SuTjßoi 'A-^Y^i^ot und 2u7Jßoi 
2£[xvov£? bei Ptolemaeus II ii, 8. 

§ 17. Vom Kontinent verbreitete sich 
der Ausdruck 'Angelsachsen' nach Eng- 
land und war hier namentlich in der ersten 
Hälfte des 10. Jhs. und vereinzelt noch im 
II. Jh. zur Bezeichnung des königlichen 
Titels in der Form rex Angul-Saxonum 
oder auch mit halb oder ganz anglisierter 
Fassung als rex Anglo-Saxona oder Angul- 
scExna,- saxna allgemein üblich (Freeman 
aaO. 535 f.; Knothe 23 u. A. 2). Vielleicht 
hat ihn Alfred d. Gr. angenommen, als 
886 alle bis dahin zerstreuten oder von den 
Dänen gefangen genommenen Angeln und 
Sachsen sich ihm als dem einzigen einhei- 
mischen König anschlössen und unter- 
warfen (W. H. Stevenson, Asser's Life of 
King Alfred 148). Seine Vorfahren hatten 
den Titel Saxonum rex oder Occidentalium 
Saxonum rex geführt; er selbst nennt sich 
in seinen literarischen Werken einfach 



ANGELSACHSEN 



91 



Alfred cyning und in seinem Testament, 
das zwischen 873 und 888 abgefaßt ist, 
'König der Westsachsen'. Aber daß er 
seinen Titel änderte, zeigt eine Münze, 
auf der er als rex Anglo erscheint, was 
entweder in Anglorum oder Anglo saxonum 
aufzulösen ist. Gleichzeitige Urkunden 
von ihm sind nicht erhalten; in einer Ur- 
kunde von 880 aus dem zuverlässigen 
Textus Roffensis (Birch Cart. Sax. 2, 168) 
wird er rex Saxonum, dagegen in einer 
gleichfalls glaubwürdigen Urkunde v. 889 
(ebd. 2, 200 f.) rex Anglorum et Saxonum 
genannt, und Asser in seiner Lebensbe- 
schreibung des Königs nennt ihn rex 
Angul-Saxonum oder Anglorum Saxonum 
rex. Der Titel stellt eine Zwischenstufe 
zwischen rex Occidentalium Saxonum und 
rex Anglorum dar und wurde, wie Steven- 
son (aaO. 149. 151) wohl mit Recht ver- 
mutet, benutzt, um auch im Titel die 
politische Vereinigung der Angeln und 
Sachsen anzudeuten. Seit Eadgars Thron- 
besteigung 959 kommt er außer Gebrauch 
und wird durch den Titel rex Anglorum 
ersetzt, den schon ^Ethelstan (924 — 40) 
angenommen hatte, als er tatsächlich König 
von ganz England wurde, während er sich 
vorher rex Saxorum (sie) nannte. Rex 
Anglorum ist dann der offizielle Titel der 
englischen Könige bis lange nach der nor- 
mannischen Eroberung geblieben (Steven- 
son 150 f.). 

§ 18. Daß unter Angelsachsen* in den 
obigen Titeln die gesamten germanischen 
Bewohner Englands gemeint sind, ergibt 
sich besonders deutlich aus zwei Urkunden 
in ags. Sprache. In der spätags. Über- 
setzung einer lat. Urkunde v. 934 (Birch 
CS. 2, 410) heißt es: Ic Mßelstan, Ongol- 
Saxna cyning and brytcsnwalda eallces dyses 
Iglandes, wo das Original hat rex et rector 
totius hujus Brittannice insule; und in einer 
Urk. Eadreds v. 955 (ebd. 3, 71): He 
hafa^ geweord'ad mid Cynedome Angul- 
seaxna Eadred cyning and casere totius 
Brittannice. 

§ 19. Eine Sonderstellung nimmt eine 
Reihe von Urkunden aus dem ganzen 
IG. Jh. von iEthelstan bis iEthelred ein, 
in denen die Northumbrier getrennt von 
den übrigen Angelsachsen aufgeführt wer- 
den; so in einer Urk. Eadmunds v. 946 



(Birch CS. 2, 576), wo es von dem König 
heißt, daß er regimina regnorum Angul- 
saxna and Norßhymhra, Paganorum (d. i. 
der Dänen) Brettonumque . . . gubernabat. 
Weitere Belege bei Stevenson 148, A. 2. 
Vielleicht war der Gegensatz zwischen dem 
Norden auf der einen, dem Mittelland und 
Süden auf der andern Seite, der später zu 
der nationalen Trennung von Schottland 
und England führte, schon im lO. Jh. 
ausgeprägt. 

§ 20. Übrigens ist der Ausdruck Angel- 
sachsen' in dieser Periode durchaus eine 
Phrase des rhetorischen Kanzleistils ge- 
blieben. Von den vereinzelten obigen Be- 
legen aus ags. Texten abgesehen, kommt 
er nur in lateinischen oder gemischten 
Urkunden vor. Volkstümlich ist er nicht 
geworden: nie wird er von der Sprache 
gebraucht, nur ganz vereinzelt tritt er 
außerhalb von Titeln auf (Stevenson 149, 
A. 4), und nur wenige Male kommt Angul- 
saxonia als Name des Landes vor (Freeman 
534 — 536; Knothe 23, A. 4). Nach kurzer 
Blüte im 10. Jh. ging der Ausdruck bald 
wieder unter und war nach der normanni- 
schen Invasion Jahrhunderte lang ver- 
gessen, bis ihn Camden in seiner Britannia 
(1586) von neuem in die Sprache einführte 
(s. Murray NED. sv. Anglo -Saxon'). 

§ 21. Das Schwanken in der Benennung 
der germanischen Eroberer Britanniens 
und seine frühzeitige Entscheidung zu- 
gunsten der Angeln stellt ein Problem dar, 
dessen Beurteilung für die Auffassung der 
Entstehung der englischen 
Nation von Belang ist. Es ist mehr- 
fach erörtert, in seiner historischen Be- 
deutung aber nur von wenigen gewürdigt 
worden; eine völlig befriedigende Erklärung 
hat es bislang nicht gefunden. Über ältere 
Deutungsversuche vgl. Knothe Angel- 
sächsisch oder Englisch S. 12 — 15. Die 
neueste und umfassendste Besprechung 
hat es durch Chadwick in seinem sehr 
anregenden und inhaltreichen Buch The 
Origin of the English Nation (1907) er- 
fahren. 

§ 22. Ch. nimmt an, daß die Sachsen 
und Angeln auf dem Festlande trotz un- 
mittelbarer Nachbarschaft ursprünglich 
nicht näher verwandt gewesen seien (S. 
301 f.). Nachdem aber die Sachsen, viel- 



92 



ANGELSACHSEN 



leicht durch einen Druck vom Rücken her 
getrieben, seit dem 3. Jh. westwärts über 
das Meer neue Wohnsitze aufzusuchen be- 
gannen (S. 302), seien die ZurückgebUebe- 
nen, wie man aus einer bei Saxo aufge- 
zeichneten dänischen ÜberHeferung schHe- 
ßen könne, von einem König Helgi, in 
dem Chadwick einen Angelnkönig vermutet, 
zu Anfang des 5. Jhs. unterworfen worden 
und mit den Angeln zu einem Volk ver- 
schmolzen (S. 298 — 302). Die durch die 
Aufsaugung der Sachsen verstärkten An- 
geln, von den Kelten als *Sachsen' be- 
zeichnet, seien dann die Eroberer Bri- 
tanniens geworden. Die unterworfenen 
Sachsen hätten aber allmählich die Ober- 
hand in dem Staatswesen erlangt, während 
die Nachkommen der Angeln sich zu einer 
Militär-Aristokratie verflüchtigten (S. 302). 
So will Chadwick die von ihm dar- 
gelegte Erscheinung erklären, daß die 
Angeln und Sachsen ein niedrigeres Wer- 
geid hatten als die Juten und andern 
Nachbarvölker. Bedas Unterscheidung der 
Angeln und Sachsen als besonderer Stämme 
sei lediglich das Ergebnis einer Theorie, 
die er zur Erklärung der Stammesnamen 
Wessex, Essex, Sussex auf der einen, 
Ostanglien und Mittelanglien auf der andern 
Seite sich gebildet habe (S. 58. 86). In der 
Praxis behandle auch er die beiden Stämme 
als identisch, so wenn er von der gens 
Saxonum sive Anglorum spricht oder die 
ersten Ankömmlinge bald Sachsen, bald 
Angeln nennt, während Juten gemeint 
sind (S. 59). Die Namen Essex, Sussex, 
Wessex, Ostanglia usw. seien nicht sehr 
alc, sondern hätten ältere Stammesnamen 
wie Geuissae, Wuffingas ua. verdrängt. 
Das Volk von Essex habe den Sachsen- 
namen von seiner echt sächsischen Dy- 
nastie erhalten; ähnlich sei es vielleicht 
in Sussex gewesen, während Wessex nach 
Ch. einfach ein Absenker von Essex oder 
Sussex war. Die ,, sächsischen" König- 
reiche enthielten zweifellos viele ursprüng- 
lich sächsische Elemente, aber nicht mehr 
als die ,,anglischen". Da die Völker- 
mischung schon auf dem Kontinent erfolgt 
war, kann bei der Bevölkerung der ,,angH- 
schcn" und ,, sächsischen" Reiche in Eng- 
land von einer Stammesverschiedenheit 
nicht mehr die Rede sein. Die germani- 



schen Eroberer Britanniens zerfielen nicht 
in drei, sondern nur in zwei deutlich ge- 
trennte Nationalitäten: die Juten und die 
,, Angelsachsen**, die durch ihr Wergeid - 
System geschieden waren; aber die Juten 
hatten schon vor dem 8. Jh. Namen und 
Nationalität aufgegeben und wurden eben- 
falls als ein ,, angelsächsischer" Stamm be- 
trachtet (S. 87—89). 

§ 23. Chadwick hat in dieser Hypo- 
these, die in ihrem Grundgedanken an 
G r e e n s Annahme eines kontinentalen 
Völkerbundes zwischen Angeln, Sachsen 
und Juten unter anglischer Führung (bei 
Knothe 12 f.) anklingt, manche wichtigen, 
bisher nicht genügend beachteten oder 
verkannten Punkte ans Licht gezogen; 
seine Ausführungen sind ungemein an- 
regend und fördernd, aber seine Theorie 
als ganze ist zu konstruktiv, tut den Tat- 
sachen Gewalt an und ist deshalb unhaltbar. 
Im folgenden sei eine andre Erklärung ge- 
wagt, die sich mehr an die historischen 
Tatsachen zu halten sucht. 

§ 24. Daß die Angeln und Sachsen 
nicht schon auf dem Festland zu einer 
Nation verschmolzen waren, sondern a 1 s 
getrennte Stämme Britan- 
nien besiedelten, wird durch ver- 
schiedene Tatsachen erhärtet. 

a) Der Umstand, daß die Kelten Bri- 
tanniens die germ. Eroberer sämtlich 
'Sachsen' nennen, zeigt nicht nur, daß die 
Sachsen die ersten waren, die ihnen als 
imponierende Seemacht entgegentraten (ob. 
§ 12); auch bei der endgültigen Eroberung 
des Landes muß ein erheblicher Teil der 
Eindringlinge sich 'Sachsen' genannt haben: 
wären die germanischen Volksscharen, die 
im 5. und 6. Jh. den größten Teil der Insel 
überschwemmten und besiedelten, den 
Briten unter dem einheitlichen Namen 
Angeln' entgegengetreten, so hätten sie 
diesen Namen sicherlich dem Gedächtnis 
der Besiegten eingeprägt. Die Romanen 
Galliens haben die germanischen Eroberer 
ihres Landes 'Franken', nicht 'Sveben' 
oder 'Goten' genannt. 

b) Ferner sind die Stammesnamen Essex, 
Süss ex, Wessex, Ostanglia usw. in ihrer 
geographischen Gliederung wohl jüngeren 
Datums, aber in ihrer Scheidung von An- 
geln und Sachsen beweisen sie doch, daß 



ANGELSACHSEN 



93 



die Stammesunterschiede zwischen diesen 
beiden Völkern nicht bloß eine theoretische 
Abstraktion Bedas waren, daß die Sachsen 
ihren Namen nicht erst von einem sächsi- 
schen Herrschergeschlecht in Essex er- 
halten haben — altgermanische Benennun- 
gen von Völkern nach Dynastien pflegen 
das Suffix -ing zu zeigen: Wuffingas, 
Merewioingas, Scyldingas usw. — , sondern 
daß ein alter Stammesgegensatz zwischen 
den beiden Hauptvölkern tatsächlich vor- 
handen war. Darauf deutet auch der Orts- 
name Englafeld bei Reading im alten Wessex 
[Readingum on West-Seaxe Sachsenchron. 
z. J. 871), der offenbar eine anglische An- 
siedlung in sächsischem Gebiet bezeichnet. 

c) Die späteren Dialektunterschiede 
zwischen,, Sächsisch" und ,, Anglisch" haben 
sich zum großen Teil wohl erst auf britan- 
nischem Boden vollzogen. Chadwick (S. 71) 
hebt mit Recht hervor, daß die Verwandt- 
schaftsverhältnisse der altenglischen Dia- 
lekte durch die geographische Nachbar- 
schaft bestimmt werden und durch poli- 
tische Trennungen in insularer Zeit ohne 
Rücksicht auf ursprüngliche Stammes- 
unterschiede veranlaßt worden sind. Aber 
ganz sind die alten Stammesgrenzen durch 
die jüngere sprachliche Entwicklung nicht 
überwuchert worden. Jordans Unter- 
suchungen haben gezeigt, daß die Mund- 
arten, die wir auf Grund sprachlicher 
und literarischer Kriterien als anglische 
ansetzen, untereinander in ihrem Wort- 
schatz auffallende Übereinstimmungen auf- 
weisen, an denen die sächsischen Mund- 
arten nicht teilhaben, die aber in den 
nordischen Sprachen Parallelen finden, 
während umgekehrt die südenglischen Dia- 
lekte, die wir als sächsische bezeichnen, 
sich näher zum Friesischen und Altsächsi- 
schen stellen (s. oben § 4). Das wäre bei 
einer Mischung der beiden Völker in konti- 
nentaler Zeit unerklärlich, spricht vielmehr 
für getrennte Auswanderung und Ansied - 
lung. 

d) Daß die Stammesunterschiede zwi- 
schen Angeln und Sachsen auch in späterer 
Zeit noch deutlich gefühlt wurden, wird 
durch manche Zeugnisse bestätigt. In 
der altenglischen Übersetzung von Bedas 
Kirchengeschichte, die in Alfreds d. Gr. 
Zeit auf anglischem Boden entstanden 



ist, werden die ersten Worte der Vorrede 
Historiam gentis Anglorum ecclesiasticam 
in ßcct Spelt . ... he Angelpeode and Seaxum 
verändert und 5, 9 Angli v e l Saxones 
durch Ongle and Seaxan wiedergegeben; 
eine Nötigung zu diesen Änderungen lag 
an beiden Stellen nicht vor. Auch sonst 
finden wir eine Reihe von Fällen, wo die 
Angeln und Sachsen als zwei Völker be- 
handelt werden: Asser 83 gibt das all 
Angelcyn der Sachsenchronik (z. J. 886) 
durch Angli et Saxones wieder; in dem 
Lied auf die Schlacht von Brunanburh 937 
heißt es mit Bezug auf die Ankunft der 
Angelsachsen in Britannien (V. 69 f.) : 
sißpan eastan hider Engle and Seaxe up 
becoman, in dem Lied auf den Tod Eduards 
des Bekenners in der Sachsenchronik 
z. J. 1065 wird von dem König gesagt 
(V. 9-11): 

weold wel geßungen Walum and Scottum 

and Bryttum eac hyre M^elredes, 

Englum and Sexum oretyncegcum\ 
endlich Menologium 185 ist von Engle 
and Seaxe die Rede. Von festländischen 
Zeugnissen sei eine Stelle in Einhards 
Annalen (a. 786, MGS. I, 169) erwähnt: 
cum ab Anglis a c Saxonibus Brittannia 
insula fuisset invasa. 

§ 25. Anderseits aber unterschie- 
den sich die germanischen 
Stämme in Typus, Sprache und Kultur 
zu Anfang verhältnismäßig so wenig 
voneinander, daß sie dem Aus- 
land als ein Volk erschienen und von 
den Kelten mit einem Namen benannt 
wurden, und daß sie selbst sich dem Aus- 
land gegenüber als ein Volk fühlten 
und das Bedürfnis nach einer gemeinsamen 
Benennung empfanden. Auch nach stär- 
kerer Ausprägung der dialektischen Unter- 
schiede blieb das Geiühl der Zusammen- 
gehörigkeit bestehen; die politischen Eini- 
gungoversuche und später der Gegensatz 
zu den Dänen trugen zur steten Belebung 
desselben bei. 

§ 26. Das antängliche Schwanken der 
Lateinisch schreibendenChronisten zwischen 
den Namen der beiden Hauptstämme 
zeigt, daß diese sich in ihrer Bedeutung 
einigermaßen die Wage hielten. Wenn 
als Sieger aus diesem Kampf bei den 
Festlandsvölkern und den Inselgermanen 



94 



ANGELSACHSEN 



selbst schließlich nicht (wie bei den Kelten) 
die Sachsen, sondern die Angeln hervor- 
gingen, so scheint mir der Grund dazu 
ein doppelter gewesen zu sein: einerseits 
das Bedürfnis, die Inselsachsen 
von den Altsachsen des Fest- 
lands zu unterscheiden, die ein all- 
bekannter, mächtiger Stamm waren, ander- 
seits die Tatsache, daß die Angeln nach 
ihrer Niederlassung in Britannien auf dem 
Festland keine Rolle mehr spielten, wäh- 
rend sie auf der Insel nicht nur an Aus- 
dehnung der Hauptstamm waren, sondern 
im 7. und 8. J h. auch politisch 
entschieden das Übergewicht 
hatten und zuerst eine National- 
1 i t e r a t u r entwickelten. Bei den 

Sachsen mag zeitweise auch das Gefühl 
der kulturellen Überlegenheit über ihre 
kontinentalen Vettern, die erst von ihnen 
die Segnungen des Christentums und der 
literarischen Bildung erhielten, dazu bei- 
getragen haben, sie zur Annahme des 
Namens ihres Rivalenstammes als Be- 
zeichnung für das Gesamtvolk geneigt zu 
machen. Als dann im 9. Jh. die Hegemonie 
auf politischem und literarischem Gebiet 
an die Westsachsen überging, war die 
Namenfrage bereits entschieden: in Alfreds 
d. Gr. Zeit sind die Ausdrücke englisc, 
Angelcyn im weiteren Sinn jedenfalls in 
der sächsischen Literatursprache schon 
eingebürgert. Es mag sein, daß sie in der 
sächsischen Volkssprache sich erst zur Zeit 
des nationalen Kampfs gegen die Dänen 
durchsetzten, der ja in erster Linie die 
Angeln berührte und einen Gegensatz von 
Engla lagu und Dena lagu schuf. 

§ 27. Die Verschmelzung der beiden 
Hauptstämme zu einer Nation aber ist 
das Ergebnis von Kämpfen auf britanni- 
schem Boden, nicht ein Erbstück aus 
kontinentaler Zeit. Angeln, Sachsen und 
Juten wanderten getrennt voneinander 
in Britannien ein und nahmen getrennte 
Gebiete in Beschlag; und da die Besiedlung 
nicht durch die Stämme in ihrer Gesamt- 
heit, sondern in einzelnen Scharen und 
Verbänden erfolgte, so wurde die örtliche 
Gruppierung der Einwanderer zueinander 
in Britannien sicher nicht genau die 
gleiche wie in der Heimat. 

Dadurch aber war eine neue Epoche 



in der sprachlichen und 
politischen Entwicklung ge- 
geben, die ihren Ausgangspunkt von der 
geographischen Nachbar- 

schaft auf britannischem Boden nahm. 
Es mußten sich sprachliche Neuerungen 
einstellen, deren Verbreitungskurven bei 
dem Mangel an völkerscheidenden natür- 
lichen Hindernissen die alten Stammes - 
grenzen vielfach überwucherten. An die 
Stelle der Stammesdialekte traten neue 
geographische Dialektgruppen. Mit Un- 
rechtwerden in der altenglischen Grammatik 
meist die angestammten Unterschiede zwi- 
schen 'Sächsisch' und Anglisch' zu stark 
betont, die in Wirklichkeit wohl bald durch 
die insularen Neubildungen in den Hinter- 
grund gedrängt worden sind. 

Ähnhch war es auf politischem Gebiet. 
Der Stammesunterschied blieb zwar noch 
lange deutlich ausgeprägt, aber innerhalb 
der alten Hauptstämme entstanden zahl- 
reiche kleinere Einzelstaaten, die sich 
gegenseitig befehdeten. Auch hier machte 
sich die Einwirkung der geographischen 
Lage geltend; innerhalb des anglischen 
Stammes bildete sich frühzeitig ein Gegen- 
satz zwischen den Ansiedlern nördlich 
und südlich des Humber, Northumbriern 
und Merciern, heraus, welch letztere durch 
manche Interessengemeinschaften enger 
mit den Sachsen verknüpft waren. Durch 
diese Vielheit von Kleinstaaten wurden 
die ursprünglichen Stammesgegensätze ver- 
wischt, was der nationalen Einigung förder- 
lich war. 

§ 28. Der völkische Zusam- 
menschluß aller Staaten 
Britanniens wurde schon früh an- 
gestrebt und fand in der Idee der Hegemonie 
des Bretwalda ihren Ausdruck. Der 
vielfache Wechsel dieser Würde zwischen 
Northumbriern, Merciern, Kentern und 
Westsachsen mußte das Gefühl der völki- 
schen Zusammengehörigkeit stärken und 
beleben. Der Übergang der Hegemonie 
auf die Westsachsen und die endgültige 
Einigung der Nation durch Egbert fand 
dann ihre blutige Besiegelung unter Alfred 
d. Gr. auf den Schlachtfeldern der Dänen- 
kriege, wo Sachsen und Angeln Schulter 
an Schulter gegen die nordischen Eindring- 
linge kämpften. 



ANGELSÄCHS. FUNDE— ANGELSÄCHS. RECHTSDENKMÄLER 95 



§ 29. Die Einigung der angelsächsischen 
Stämme war also eine rein politische, 
durch die Vorherrschaft eines Staates 
bedingt; eine Rassenmischung in größerem 
Umfang war damit nicht verbunden. 
Doch bleibt es anderseits fraglich, ob wir 
annehmen dürfen, daß die Angeln und 
Sachsen sich in ihren Rasseneigentümlich- 
keiten von Haus aus wesentlich mehr 
voneinander unterschieden als in ihrer 
Sprache und Kultur. Wirkliche Rassen- 
mischungen dagegen fanden in altenglischer 
Zeit im Westen mit den Kelten, im Osten 
mit Skandinaviern statt; und wenn uns 
später Unterschiede in Temperament und 
Begabung bei der Bevölkerung verschie- 
dener Gegenden Englands auffallen, so 
sind diese, soweit sie nicht in sozialen 
und wirtschaftlichen Verhältnissen ihre 
Erklärung finden, vielleicht eher auf den 
keltischen und skandinavischen Einschlag 
als auf uralte Stammesverschiedenheiten 
zwischen Angeln und Sachsen zurück- 
zuführen. 

E. A. F r e e m a n The Use of the Word 
^English', App. A in seiner Htst. of the Norm. 
Conqu. 2 I 529 — 41 ; 1870. E. K n o t h e Angel- 
sächsisch od. Englisch^ Greifswalder Diss. 1877. 
Bremer PGrdr. = III 849 — 60. H o o p s 
Waldb. u. Kuliurpß. 14. Kap. Die kontinentale 
Heimat d. Angelsachsen u. die röm. Kultur; 
S. 566 — 89; 1905. R. Jordan Eigentümlich- 
keiten des angl. Wortschatzes; AF. 17. 1906. 
D e r s. Die Heimat d. Angelsachsen; Verhandl. 
d. Baseler Philol.-Vers. 1907, S. 138 — 40. Chad- 
wick The Origin of the English Nation. Cambr. 
1907. Ludw. Schmidt Allg. Gesch. d. 
germ. Völker 158 — 161; 1909. 

Johannes Hoops. 

Angelsächsische Funde. § i. Die ältesten 
germ. Eroberer S.- und W.-Englands, seit 
etwa 400 n. Chr., übten teils die ihnen 
vom Festland her geläufige Verbrennung, 
teils die unter christlichem Einfluß durch- 
greifende brandlose Bestattung ihrer Toten. 
Die erstere herrschte vorwiegend bei den 
Angeln von Norfolk bis Inner-Mercien, 
die letztere bei den Juten Kents; doch 
entstanden schon vor der Annahme des 
Christentums Nekropolen mit gemischter 
Bestattung. Die Begräbnisplätze lagen 
meist auf erhöhten Punkten in der Nähe 
der Städte, manchmal an der Stelle alter 
römischer Friedhöfe. In den brandlosen 



Gräbern trifft man meist nur ein Skelett, 
seltener zwei bis vier, auf dem Rücken 
liegend mit den Beigaben und Resten der 
Kleidung, manchmal in einen Holz- oder 
Steinsarg oder mit Steinen umstellt. Die 
Gräber sind i — 2 m tief; darüber erhebt 
sich ein jetzt flacher, einst höherer, mit 
einem Graben umzogener Tumulus. Sie 
stehen meist in Gruppen, doch kommen 
auch einzelnstehende Tumuli sowie Flach- 
gräber vor. Auf heidnische Bestattungs- 
riten deuten die oft zahlreich in oder auf 
die Gräber geworfenen alten Topfscherben 
und Tierknochen sowie Tierzähne. Mancher- 
lei landesübliche Grabgebräuche sind auch 
literarisch, aus Dichtungen und kirch- 
lichen Verboten, bekannt. 

§ 2. Die wertvollsten Beigaben, nämlich 
die Waffen und besonders die Schmuck- 
sachen, sind mehr für die Zeit und die 
Kulturzone im allgemeinen charakteristisch 
während die sehr häufigen Tongefäße, 
wie immer, größere lokale Besonderheiten 
zöigen. Unter den Waffen sind, wie auch 
in den festländ. Nekropolen, Schwerter 
ziemlich selten, dagegen fast alle von dort 
bekannten Formen der Lanzen- und Speer- 
spitzen (auch Angonen) reichlich bezeugt, 
ferner Skramasaxe, Streitäxte und, als 
einzige Schutzwaffenreste, konische, in eine 
Spitze oder einen Knauf auslaufende, manch- 
mal sehr hohe Schildbuckel. (S. Tafel 3.) 
Die zahlreichen, zum Teil überaus schönen 
und kostbaren Schmucksachen zeigen bei 
den einzelnen Stämmen manchmal ein 
besonderes (zuweilen barockes) Gepräge; 
sie bestehen in sehr verschieden gestal- 
teten Fibeln, Nadeln, Schnallen, Ge- 
hängen, Glasperlen u. dgl. Den breitesten 
Raum nehmen die oft in Cloisontechnik 
reich verzierten Fibeln ein, teils Bügel- 
fibeln mit halbkreisförmiger oder (häufiger) 
viereckiger Kopfplatte, teils Plattenfibeln, 
kreisförmig, in S- oder Vogelgestalt. Außer 
den Tongefäßen kommen auch zylindrische, 
mit Metall beschlagenen Holzeimer sowie 
Glasgefäße in den Gräbern vor. 

J. de B a y e Industrie anglo-saxonne. Paris 

1889. M. Hoernes. 

Angelsächsische Rechtsdenkmäler. § i. 

Schon bald nach der Bekehrung zum 
Christentum haben die Angelsachsen ihre 
ersten schriftlichen Rechtsdenkmäler er- 



96 



ANGELSÄCHSISCHE RECHTSDENKMÄLER 



halten, Königsgesetze {dömas) der 
einzelnen T e i 1 r e i c h e , unter Mit- 
wirkung der Optimatenversammlung {wi- 
tenagemöt) erlassen. K e n t , der zuerst 
christianisierte und in der ältesten Zeit 
führende Staat, machte den Anfang mit 
den in die Jahre 6oi — 604 fallenden 90 
Gesetzesparagraphen König ^thelberhts, 
denen noch während des 7. Jahrhs. Earcon- 
berht (640 — 664), Hlothaere und Eadric 
(685/686), endhch Wihtraed (695) mit 
kürzeren Gesetzen folgten. Earconberhts 
Gesetze sind verloren gegangen; dagegen 
hat uns die übrige kentische Gesetzgebung 
des 7. Jahrhs. eine Handschrift des 12. 
Jahrhs. (Codex Roffensis) in einer späteren 
westsächsischen Formulierung überliefert. 
Ebenfalls nicht in der Originalfassung, 
sondern nur als Teil der ^Elfredschen 
Gesetzgebung ist uns das älteste Recht 
von W e s s e X , das aus ^6 Kapiteln 
bestehende Gesetzbuch König Ines (688 
bis 695), erhalten, während die um ein 
Jahrhundert jüngeren Gesetze Offas von 
M e r c i a (788 — 796) verloren sind. 

§ 2. Den Abschluß dieser ältesten Zeit 
der Gesetzgebung und zugleich den Über- 
gang von der älteren partikularrechtlichen 
zur gemeinen angelsächsischenRechts- 
entwicklung bildet das Gesetzbuch iE 1 - 
freds des Großen (871 — 901), von M\- 
freds Nachfolger Edward als dömhöc be- 
zeichnet. Wohl gibt iElfred für Angeln, 
Sachsen und Juten gemeines Recht, aber 
was er als solches bietet, ist nach ^Elfreds 
eignem Zeugnis im wesentlichen eine 
Kompilation aus Ines, iEthelberhts und 
Offas Gesetzen und eine lange theologische 
Einleitung, die Stücke der mosaischen 
Gesetzgebung (Exodus) sowie des Neuen 
Testaments reproduziert. Ines Gesetze 
sind, obwohl sie zum Teil mit ^Elfreds 
eignen Satzungen in Widerspruch stehen, 
als Anhang beigefügt. 

§ 3. Der Charakter dieser ältesten 
angelsächsischen Gesetzgebung ist im we- 
sentlichen einheitlich. Wie in den deut- 
schen Volksrechten nimmt in ihr das 
Privatstrafrecht mit seinen detaillierten 
Bußbestimmungen den Hauptraum ein. 
Daß sie nicht lateinisch, sondern in der 
Volkssprache abgefaßt ist, teilt diese 
ältere mit der gesamten späteren angel- 



sächsischen Gesetzgebung. Aber auch 
ihr Inhalt ist, wenn man von dem starken 
kirchlichen Einschlag absieht, durchaus 
national; weder die Volksrechte des Fest- 
lands noch das skandinavische Recht haben 
auf diese Rechte einen Einfluß ausgeübt. 

§ 4. Das ändert sich in den Rechts- 
quellen, insbesondere den Königsgesetzen 
der folgenden Zeit. Das Bußstrafrecht 
tritt in den Hintergrund; um so breiteren 
Raum nimmt das öffentliche Strafrecht, 
das Staats- und Verwaltungsrecht ein, 
so daß diese späteren Gesetze weniger 
den deutschen Volksrechten, als den Kapi- 
tularien ähneln. Die Sprache der Gesetze 
wird ausführlicher, lebendiger, unter den 
späteren Herrschern allerdings auch lehr- 
hafter und salbungsvoller. Vor allem 
aber machen sich fremde Einflüsse geltend, 
teils solche fränkischen Ursprungs, teils 
(in noch höherem Grade) nordgermanische, 
vorzugsweise dänische Einflüsse. Die 
letzteren treten naturgemäß besonders 
zutage in den Rechtsdenkmälern, die sich 
auf das Gebiet des D a n e 1 a g (Denalagu) 
beziehen, jene ausgedehnten Gegenden 
im Nordosten Englands, in denen die 
Einwanderung der Dänen und anderer 
Skandinavier eine anglisch-skandinavische 
Mischbevölkerung und ein anglisch-skandi- 
navisches Mischrecht geschaffen hatten 
(vgl. Steenstrup Danelag 1882). 
Dazu gehören die beiden Verträge Alfreds 
d. Gr. mit Guthrum, dem dänischen 
Herrscher von Ostangeln, von denen der 
zweite nur in der Bestätigung Edwards I. 
erhalten ist, ferner iEthelreds IL Vertrag 
mit den Nordleuten von 991 und sein um 
997 in Wantage erlassenes Königsgesetz 
für die fünf Burggebiete des Danelag, 
endlich eine Satzung der Nordhumbrischen 
Geistlichkeit (Nor^hymbra preosta lagu) 
aus der ersten Hälfte des ii. Jahrhs. 

§ 5. Aber auch in den für das ganze 
Land erlassenen Königsgesetzen tritt dieser 
fremde Einfluß zutage. Wir besitzen 
solche von Edward I. (901 — 925), iEthelstan 
(925 — 940), Edmund (940 — 946), Edgar 
(959—975), iEthelred II. (978—1016) und 
endhch von Knut d. Gr. (1016— 1035), 
der trotz seiner dänischen Herkunft einfach 
die Gesetzgebung seiner angelsächsischen 
Vorgänger fortsetzte. Diese Königsgesetze 



Tafel 3. 











Angelsächsische Funde. 

I. Bronzene Gürtelschnalle, Dorchester (Oxford). — 2. Bronzefibel mit kreuzförmigem Kopfe, Little 
Wilbraham (Cambridgeshire), — 3. Vergoldete Bronzefibel mit viereckigem Kopf und Granaten, 
Chessel Down (Insel Wight). — 4, Eiserne Lanzenspitze, Frilford (Oxford) ^ l\ n. Gr. — 5. Silberne 
Haarnadel mit Granaten, Faversham (Kent). — 6. Bronzene Scheibenfibel, Wingham (Kent). 
— 7. Eiserner Schildbuckel, Farthing Down (Surrey) 1/4 n. Gr. — 8, Holzeimer mit Bronzebeschlag, 

Ash (Kent) ^6 n. Gr. 

Nach de Baye^ Industrie anglo-saxonne. 



Reallexikon der germ. Altertumskunde. I. 



Verlag von Karl J. Trübner in Straßburg-. 



ANGELSÄCHSISCHE RECHTSDENKMÄLER 



97 



sind die Hauptrechtsquellen jener Zeit. 
Meist nach dem Reichstag benannt, auf 
dem sie zustande kamen, beschäftigten 
sie sich sowohl mit weltlichen wie mit 
kirchlichen Fragen, zum Teil unter formaler 
Scheidung in einen weltlichen und einen 
kirchlichen Gesetzesabschnitt. Der enge 
Zusamnienhang, in dem sie stehen, zeigt 
sich in der fortwährenden wörtlichen 
Wiederholung gewisser Bestimmungen; 
insbesondere ist das letzte und bei 
weitem umfangreichste dieser Gesetze, 
ein in Winchester zwischen 1027 und 
1034 erlassenes Königsgesetz Knuts, größ- 
tenteils eine Rekapitulation der älteren 
angelsächsischen Gesetze von Ines Ta- 
gen an. 

§ 6. Neben diesen Rechtsquellen staat- 
licher Herkunft, zu denen man wohl auch 
die von englischen Notablen [witan) und 
wälschen Ratleuten {rcedboran) aufgestellte 
Satzung über das Dunsaete-Land rechnen 
kann, sind uns zahlreiche andere Rechts- 
denkmäler überliefert. Teils sind es 
Formeln für Gottesurteile oder Exkommu- 
nikation, Eidesformeln (u. a. auch ein 
Krönungseid aus dem lO. Jahrh.) oder 
Prozeßformeln, teils sind es längere oder 
kürzere Privatarbeiten, unter denen Auf- 
sätze über die Verlobung [be wijmannes 
beweddunge), über Sonderfrieden und Schutz- 
gewalt [be griäe and be munde), über die 
Rechte der Hintersassen eines Edelgutes 
[Rectitudines singularum personarum) und 
über den klugen Verwalter [be gescead- 
wisan gerefan) besonders genannt zu wer- 
den verdienen. Keine Privatarbeit, sondern 
das älteste Gildestatut und zugleich das 
älteste Erzeugnis genossenschaftlicher Auto- 
nomie bei den germanischen Völkern über- 
haupt sind die unter ^thelstan entstan- 
denen Judicia civitatis Lundoniae, eine 
Einung der an dem Gerichtsbezirk von 
London beteiligten geistlichen und welt- 
hchen Großen. 

§ 7. Mit Knut hat die angelsächsische 
Gesetzgebung ihren Abschluß gefunden. 
Von Gesetzen seiner Söhne oder Edwards 
des Bekenners ist nichts überliefert, und 
das Wenige, was wir von Wilhelm dem 
Eroberer besitzen, weist schon entschieden 
in die anglonormannische Zeit. Das 
angelsächsische Recht aber erfährt auch 

Hoops, Reallexikon. I. 



noch in der normannischen Periode eine 
starke Berücksichtigung in einer Anzahl 
von Privatarbeiten, die sämtlich der Re- 
gierungszeit Heinrichs I. (lioo — 1135) an- 
gehören. Teils sind es Kompilationen 
der älteren Gesetze wie die Instituta Cnuti, 
die Consiliatio Cnuti, endlich das erste 
Buch des sog. Quadripartitus (11 14), das 
uns manches in lateinischer Übersetzung 
erhalten hat, was wir in der angelsächsi- 
schen Originalfassung nicht mehr besitzen. 
Teils sind es Traktate, die sich als Gesetze 
Wilhelms I. und Heinrichs I. oder Er- 
neuerungen des alten unter Edward dem 
Bekenner geltenden Rechts ausgeben und 
ein Gemisch von angelsächsischem und 
französisch-normannischem Recht bieten. 
Dazu gehören die sog. Leges Henrici /., 
zwischen 1114 und 1118 vom Verfasser 
des Quadripartitus unter kritikloser Be- 
nutzung der älteren ags. Gesetze und 
zahlreicher recht heterogener festländischer 
Quellen, aber zum Teil auch auf Grund 
der in der Praxis erworbenen Kenntnisse 
abgefaßt, ferner die zwischen I130 und 
1135 entstandenen sog. Leges Edwardi 
Confessoris (der Name stammt aus dem 
17. Jahrh.), eine weniger kompilatorische 
dafür aber um so willkürlichere Dar- 
stellung angeblich angelsächsischer, in 
Wirklichkeit anglonormannischer Rechts- 
grundsätze, die sich als eine Erneuerung 
des alten Rechts durch Wilhelm I. aus- 
gibt und um die Mitte des 12. Jahrhs. 
eine erweiterte Neubearbeitung erfahren 
hat. Waren alle diese Werke lateinisch 
abgefaßt, so sind die sog. Leis Willelme 
im Anfang des 12. Jahrhs. französisch 
niedergeschrieben und erst um 1200 ins 
Lateinische übersetzt worden; sie schöpfen 
ihren Stoff aus Erlassen Wilhelms L, aus 
den älteren angelsächsischen Rechtsquellen, 
insbesondere den Gesetzen Knuts, und aus 
dem römischen Recht. So wenig erfreulich 
diese schriftstellerischen Leistungen sind, 
und so vorsichtig man auch ihre Angaben 
prüfen muß, so sind sie doch wertvoll 
nicht nur als charakteristische Denkmäler 
einer Übergangszeit, sondern auch wegen 
der mancherlei wertvollen Angaben, die 
sie über das ältere Recht bieten. Weit 
bedeutsamer als alle diese Quellen ist 
Wilhelms I. Domesday-Book (s. d.). 



98 



ANGELSÄCHSISCHE SCHRIFT 



Die älteren Ausgaben der angel- 
sächsischen Rechtsdenkmäler sind veraltet 
durch die mustergiltige Ausgabe von 
F. Liebermann Die Gesetze der Angel- 
sachsen I 1903 (II I enthält ein Wörter- 
buch). Die für ihre Zeit hervorragende 
Ausgabe von Reinhold Schmid, 
2. Aufl. 1858, besitzt noch Wert durch 
ihr treffliches Sachregister. 

V. Amira PGrundr. III 69 f. 74 ff. (19 f. 
24 ff.). B r u n n e r Gesch. d. engl. Rechts- 
qiiellen im Grundriß 1909, 4 ff. (dort auch Ver- 
zeictinis der älteren Lit., insbesondere der 
grundlegenden Arbeiten F. L i e b e r m a n n s). 
Für die anglonormannischen Quellen vgl. auch 
S t u b b s Ledures on early Engl. Hist. 37 ff . 

S. Rietschel. 

Angelsächsische Schrift. § i. Die Ent- 
wicklung der ags. Seh. hängt eng zusammen 
mit der Christianisierung der germanischen 
Eroberer (vgl. Bekehrungsgeschichte § 20 
ff.). Diese wurde zunächst von Rom aus 
versucht, indem Papst Gregor 597 den Au- 
gustinus mit einer Schar von Mönchen an 
den kentischen Hof entsandte, wo auch 
schon ein fränkischer Bischof als Kaplan 
der christlichen Königin lebte. Wir wissen, 
daß Papst Gregor an die Missionare unter 
anderm viele Bücher schickte (Beda, 
Hist. Eccles. I 29), jedenfalls in der Schrift, 
die damals in Italien üblich war, der 
Unziale, daneben wohl auch in der neuauf- 
gekommenen Halbunziale. Die Unziale 
ist aus der Kapitalschrift der römischen 
Denkmäler entwickelt, dadurch daß die 
Buchstaben beim Schreiben mit dem 
Schilfrohr ihre Ecken verloren und so ein 
gefälligeres Aussehen bekamen: für A E H 
M D treten die gerundeten Formen 3, 6 h 
PQ ö ein, statt Q schreibt man jetzt q. 
Die Halbunziale ist eine Weiterent- 
wicklung der Unziale in der Richtung der 
Kursive: um die Schrift leichter zu ge- 
stalten hatte man einige Buchstaben aus 
der römischen Geschäftsschrift,' der Kur- 
sive, in die Buchschrift aufgenommen: 
BDAMNSFRG können ersetzt werden 
durch bdamnffrg. — Aber nichts 
scheint von dieser ersten Nachahmung der 
christlichen Schrift bei den Angelsachsen 
übrig geblieben zu sein. Zehn Jahre nach 
Augustins Landung schon brach eine heid- 
nische Reaktion durch unter dem konser- 



vativen König Raedwald von Ostanglien: 
so blieb die christliche Kultur auf das 
kleine Gebiet des kentischen Hofes be- 
schränkt. Wiederum zwanzig Jahre später 
(627) geht von hier die Christianisierung 
Nordhumberlands aus unter Paulinus, dem 
Kaplan der kentischen Königin. Aber in 
den sechs Jahren, die dieser im . Lande 
zubrachte, konnte natürlich auch keine 
lebensfähige Schreibschule entstehen. Die 
Zahl der römischen Geistlichen in England 
war viel zu gering, als daß sie die ganze 
Kultur hätten umgestalten können. 

§ 2. Da kam, gerade als Paulinus aus 
Nordhumberland geflohen war, dort Os- 
wald auf den Thron seiner Väter (634 — 642). 
Er war unter der Regierung seines Vor- 
gängers Eadwine in St. Columbas Kloster 
lona, auf einer Insel an der Westküste 
Schottlands, also ganz in irischer 
Umgebung erzogen worden. Jetzt rief 
er irische Missionare in sein Land. Aidan 
aus lona folgte dem Ruf als Bischof der 
Nordhumbrer und gründete sogleich mit 
irischen Mönchen sein Bischofskloster auf 
der Insel Lindisfarne (heute Holy 
Island) an der nordhumbrischen Küste, 
einem Ort, dessen Lage an das Stamm- 
kloster erinnerte. Und von Lindisfarne 
geht nun die Verbreitung christlicher Kul- 
tur in England aus, und zwar in viel nach- 
haltigerer Weise als einst von Canterbury. 
Der König der Westsachsen, Cynigils, wird 
von Oswald aus der Taufe gehoben, der 
erste Bischof der Mercier, der heilige 
Ceadda, ist ein Lindisfarner Mönch. Zahl- 
reiche Klöster werden von hier aus begrün- 
det. In Lindisfarne ist auch 
die angelsächsische Schrift 
entstanden. Den Iren waren römi- 
sche Einrichtungen nur durch die Missio- 
nare und ihre Bücher zugekommen. Es 
gab hier keine römische Verwaltung wie 
in den andern Ländern Westeuropas. Des- 
halb haben die Iren auch nur die Buch- 
schrift, nicht die Geschäftsschrift Roms 
kennen gelernt. Schon im 7. Jh. hatten 
sie aber für die Zwecke des Alltags selb- 
ständig die Halbunziale zu einer Kursiv- 
schrift ausgestaltet, die sich dadurch, 
daß man nun die Gänsefeder statt des 
Schreibrohrs verwendete, zu einer eigen- 
artigen Spitzschrift umgebildet hat. Sie 



ANGELSÄCHSISCHE SCHRIFT 



99 



ist charakteristisch geworden für die briti- 
schen Inseln, weshalb man ihr mit gutem 
Recht den Namen „Insulare'' geben kann, 
der bezeichnender ist als ,,anglo-irische 
Kursive", ,,anglo-irische Minuskel", ,,anglo- 
irische Spitzschrift". Andre bezeichnen 
mit ,, insularer Schrift" Halbunziale und 
Spitzschrift (Insulare) zusammen (Traube, 
Perrona Scottorum, Münchner Ak.,Sitz.- 
Ber. 1900, p. 470). Der irische Evan- 
gelienkodex von Keils (Trinity College, 
Dublin; Facsimiles Palaeograph. Soc. I, 
55 — 58, 88, 89), der in die 2. Hälfte des 
7. Jhs. versetzt wird, zeigt, wie die neue 
Insulare auch gelegentlich schon die Buch- 
schrift beeinflußt. So haben also die 
Angelsachsen von Anfang an die feierliche 
Halbunziale und die geläufige Insulare von 
den Iren gelernt. 

§ 3. Nun brach unter Oswalds Nach- 
folger Oswiu (642 — 670) in Nordhumber- 
land der Streit zwischen der irischen und 
der römischen Kirche aus (vgl. Bekehrungs- 
geschichte § 23 f.). Wieder war es eine 
kentische Gemahlin des Königs, die die 
Konfession von Canterbury im Norden 
einführen wollte. Drei junge Nordhumbrer 
erwiesen sich als die energischsten Vor- 
kämpfer Roms: Wilfrid, sein Freund 
Benedict Biscop Baducing und dessen 
Genosse Ceolfrid, Bedas Lehrer. In ihrem 
Kreise scheint man auch als Gegengewicht 
gegen die irische Schrift besondern Nach- 
druck auf die U n z i a 1 e gelegt zu haben. 
Benedict Biscop und seine Freunde unter- 
nahmen viele Reisen nach Rom und 
brachten von dort reiche Schätze an 
Büchern mit. Die italienische Unzial- 
schrift dieser Bücher suchten sie dann in 
England genau nachzuahmen. Beispiele 
solcher Vorlagen sind — wenn sie nicht 
doch noch einer früheren Schicht ange- 
hören — das Canterburyer Evangeliar 
Augustins (jetzt Cambridge C. C. C. 286; 
Facs. Pal. Soc. 33, 34, 44; vgl. Traube, 
Regula Benedicti S. 107) und der Wor- 
cesterer Hieronymus der Cudswide (jetzt 
Würzburg M. P. Theol. Qu. 2; Facs. 
Chroust, Monumenta Palaeogr. V 2, 3), 
endlich auch der griechisch-lateinische 
Codex des Acta Apostolorum (Oxford, 
Laud. g. 35; Facs. Pal. Soc. I 80), den ver- 
mutlich Beda benutzt hat. Auf der Synode 



zu Whitby, 664, errangen die Reformer 
einen vollständigen Sieg über die irischen 
Mönche. Rom nutzte diesen Sieg aus 
durch die Berufung Theodors von Tarsus 
auf den Canterburyer Erzstuhl (669 — 690). 
Durch ihn und seinen Genossen, den afri- 
kanischen Abt von Nisida bei Neapel, 
Hadrian, wurde die engere Verbindung Eng- 
lands mit Italien dauernd befestigt. Sie 
bereisten das ganze Land bis hinauf nach 
Lindisfarne, das von den irischen Mönchen 
verlassen worden war, und brachten über- 
all ihre italienischen Bücher mit. Es ist 
ihnen aber nicht gelungen die allenthalben 
aufblühende Saat der keltischen Missionare 
zu vernichten: die Kunst der Iren hatte 
festen Fuß unter den Angelsachsen gefaßt, 
und die Schreibkunst nicht weniger als die 
dekorative Kunst. Aus dem Kreise dieser 
romfreundlichen Bewegung stammen unsre 
Unzialhandschriften. Ceolfrid 
ließ um 710 als Abt von Jarrow und 
Wearmouth drei Bibelhandschriften an- 
fertigen: je eine für seine beiden Klöster, 
die dritte aber wollte er selbst dem Papst 
überbringen. Es war ihm nicht vergönnt, 
auf diese Weise dem Haupt der Kirche 
einen Beweis vom Erfolg seines Lebens- 
werkes zu geben. Auf der Reise verschied 
Ceolfrid zu Langres (716), aber seine Bibel 
kam doch nach Rom und ist uns in dem 
Codex Amiatinus der Laurentiana zu Flo- 
renz erhalten. Die Übereinstimmung im 
Schriftcharakter mit den römischen Mustern 
ist so groß, daß Corssen (Gott. gel. Anz.1894, 
860) sogar vermutete, er habe italienische 
Schreiber gehabt. Dieselbe Schrift zeigt 
das Durhamer Lucasfragment (Cathed. 
Lib. A II 17, fol. 103 — III; Facs. New 
Palaeographical Society 15 7), das also 
auch wohl in einem von Ceolfri&s Klöstern 
um 710 geschrieben ist. Andererseits 
weist ein Londoner Vulgatablatt (Addit. 
2,7.777; Facs. New Pal. Soc. 158, 159) 
aus derselben Zeit enge Verwandtschaft 
mit dem Cod. Amiatinus in der Zeilen- 
abteilung auf. Den Sieg der irischen 
Schreibkunst verkündet dagegen schon 
die Durhamer Evangelienhandschrift (Cath. 
Lib. A II 16; Facs. New Pal. Soc. 54), 
deren unziale Hände von halbunzialen 
abgelöst werden, und die in ihren umtupf- 
ten Initialen deutlich den irischen Stil 

7* 



100 



ANGELSÄCHSISCHE SCHRIFT 



verrät. Aber auch in Canterbury selbst 
zeigt sich das: der um 700 geschriebene 
Psalter aus dem dortigen Augustinus- 
stift, vgl. Tafel 4, Nr. i (Cotton. Ves- 
pasian. A i; Facs. Pal. Soc. I 18), ent- 
lehnt seinen reichen Schmuck fast nur 
der heimischen Kunst. Traube stellte 
hierher (in den ,, kentischen Kultur- 
kreis") die Oxforder Benediktinerregel 
(Hatton 42; Facs. Traube, Textgeschichte 
der Regula S. Benedicti, München 1898 
Tafel I, dazu S. 59). In den Lindisfarner 
Kreis könnte wiederum das Evangeliar 
in Duodezformat weisen, das im Grabe des 
heiligen Cudberht, der ja Abt dieses 
Klosters gewesen war, gefunden sein soll 
(Ms. in Stonyhurst; Facs. Pal. Soc. I 17). 
Ein Londoner Doppelblatt mit liturgischen 
Gebeten (Addit. 37.518 fol. 116; Facs. 
New Pal. Soc. 132) ist schwer zu placieren. 
Endlich gehören hierher noch die drei 
unzialen Urkunden aus Kent (a. 679), 
aus Essex (a. 692) und aus Mercien (a. y^ö; 
Facsimiles of Ancient Charters in the 
British Museum Vol. I). Hier hat sich 
noch eine Konzession an die altheimische 
Form notwendig gemacht, indem zur 
Wiedergabe des germanischen Lautes w 
ein Buchstabe der Runenschrift entnom- 
men werden mußte. Dieses ^ findet 
sich neben der Rune für die interdentale 
Spirans j> in der engl. Halbunziale und 
Insulare dann allgemein gebraucht (vgl. 
Runen). 

§ 4. Die ganze unziale Bewegung unter 
Männern wie Biscop Baducing und Theo- 
dor hatte etwas Künstliches, was ihr kein 
langes Leben verhieß. Von einem Exem- 
plar der Vulgata- Evangelien, das Hadrian 
aus der Gegend von Neapel nach Nord- 
humberland gebracht hatte, und von dem 
auch das Durhamer Lukasfragment ab- 
geschrieben zu sein scheint, stammt die 
prächtige Evangelienhandschrift der Lin- 
disfarner Bischöfe ab, vgl. Tafel 4, 
Nr. 2, (London. Cotton. Nero D IV, 
circa 700; Facs. Pal. Soc. I 3 — 6, 22), 
die besonders wegen ihrer künstlerischen 
Ausstattung berühmt ist. Aber in Schrift 
und Schmuck folgt sie ganz den iri- 
schen Traditionen: sie ist das schönste 
Beispiel für die breite runde Halb- 
unziale der Angelsachsen, deren dicke 




Striche deutlich die Technik des Schreib - 
rohrs verraten, das man wohl auch zu den 
unzialen Handschriften meistens benutzt 
hatte. Die Initialen sind umtupft oder 
mit einem einfachen Farbenklecks, meist 
rot, grün oder gelb, gefüllt; bei der künst- 
lerischen Ausschmückung, bei der das 
Bandornament, die Spirale und der Punkt 
vorwiegt, ist hauptsächlich auf die Raum- 
füllung gesehen, wie es der irische Stil 
verlangte. Daß dies irische Schule ist, 
zeigt der um dieselbe Zeit in ganz ähnlicher 
Schrift in Irland geschriebene Evangelien - 
kodex des heiligen Ceadda in der Kapitel- 
bibliothek von Lichfield (Facs. Pal. Soc. I 
20), sowie die etwa hundert Jahre später 
(vor 820) ebenfalls in Irland nicht mehr 
so ganz rund geschriebenen Evangelien 
MacRegols (Rushworth-Ms., Oxford, Bodl. 
D. 24 No. 3946, Facs. Pal. Soc. I 90). Die 
alte Rundschrift zeigt auch nicht mehr 
ganz die um 840 in Durham geschriebene 
Liste der Wohltäter der Kathedrale, der 
Liber Vitae (Ms. London, Cotton. Domit. 
A VII; Facs. Pal. Soc. I 238). Hauptsäch- 
lich für Prachtexemplare verwendete man 
diese breite, dicke, runde Rohrschrift. 
Dünner, wahrscheinlich mit der Feder ge- 
schrieben sind die Evangeliencodices von 
Canterbury (London, Royal Ms. i E VI; 
Facs. Pal. Soc. I 7) und Durham (Cath. Lib. 
A II 17; Facs. New Pal. Soc. 30), die beide 
dem 8. Jh. zugewiesen werden. Im übrigen 
aber hat die Halbunziale bei den Engländern 
sehr starke Beeinflussung von ihrer jüngeren 
Schwester, der Insulare, erfahren, so daß 
man sogar von einer in verschiedenem 
Grade gemischten Schrift sprechen kann 
(gewöhnlich als ,, angelsächsische Rund- 
schrift", ,, round English Minuscules" be- 
zeichnet). Im Lauf des 8. Jhs. geht dabei 
die Rundung immer mehr verloren und 
macht der eckigen Schreibtechnik der 
Insulare Platz: hierher gehört der Beda 
zugeschriebene Durhamer Cassiodor (Cath. 
Lib. B II 30; Facs. Pal. Soc. I 164) und die 
halbunzialen Teile der obenerwähnten Dur- 
hamer Evangelien, die nach einem Katalog 
des 14. Jhs. gleichfalls von Bedas Hand 
stammen sollen, obwohl auch die dem 
Cassiodor ähnliche 2. Hand (New Pal. 
Soc. 55) diesem gegenüber Unterschiede 
aufweist. Eine noch ziemlich breite, 



CAMPBELL 
COLLECTION 



Tafel 4. 

1. Unziale. Psalter aus dem Augustinusstift, Canterbury. Um 700. British Museum, Cotton, Ves- 

pasian A. I. Paheographical Society I PI. 18. (Glosse um 900.) 

Sr^'^'t T^i^^^?^ .-,.-.-.. .-^-- ---.^..^.^-^..^^^^ - ^^^. , 

:.. .:iNTRQ7arr iNixuRes eius - 
(U..[r cocn cDOTTdasT erdONTR 
: ; . J jerpuNoxoDeNTÄ. o>oNTia 

in eode in earan his 

INTROIUIT IN AURES EIUS 

ond onstyred wes orid cwecede 

ET COMMOTA EST ET CONTR[EMUIT] 

ond stea9elas munta 

ET FUNDAMENTA MONTIU[M] .... 

2. Halbunziale. Evangelien aus Lindisfarne. Um 700. Brit. Mus., Cotton, Nero D. IV. Palseo- 

graphical Society I PI. 3. (Glosse aus dem 10. Jahrh.) 



_, eraois^ÖÄSumn 
t)oceoac7eost)iceiis 




ond untynde muc) his 
Et aperiens ds suum 
g-elaerde hea cuoe9 

docebat eos dicens 



3. Insulare. Brief an den Erzbischof Berhtwald von Canterbury. 705. Brit. Mus. Cotton, Augus- 

tus IL 18. Facsimiles of Ancient Charters in the British Museum I 5. Keller, Angel- 
sächs. Palaeogr. I S. 18. 

. . . tu^' almitatis suplex seruulus sa.\utem 

. . . mihi semp^r inerat. quanto magis in aduersis 

. . . [paruitatjem p^rurbget. Inde ergo nunc instante ne 

4. Insulare. Beda, Historia Ecclesiastica. 8. Jahrh, Brit. Mus. Cotton, Tiberius C. II. Palico- 

graphical Society I PI. 141. 



■ Unamir <^^vli(mv*iti)^45^ 



qui etiam j)OStea fratrib;/.? 

eiusdem 
ecclesiae lindisfarnensis 

in qua 
cducatus est. Abbatis 

iure pr^fuit., 



Angelsächsische Schrift. 

Reallexikon der gcrm. Altertumskunde. I. Verlag- von Karl J. IXibner in Straßburg-. 



Tafel 5. 



5. Insulare. Urkunde .^.thelwulfs von Wessex. 16. November 845. Brit. Mus. Cotton, Augustus 
II, 60. F'acs. Anc. Chart. II 29. 





Ms •mfih'^\ 







I '^ ' * / ^tf i* *" f .W^* i.V. I 



qug appellatur aling-med, Alter[a] . . 
be nordan hege, tertia In media . . . 
animalibwj illius cum armentis re[gis] 



6. Insulare. König Alfreds Übersetzung der Cura Pastoralis Gregors I. Vor 900. Bodleiana, 
Hatton 20. Keller, Ags. Palaeographie Tafel III. (Glosse aus dem 12. Jahrh.) 



L_..,. ' ß -- ^L .„ „ . 11 ' „.- .^■^■^..^: \ äl 



assum 
. . cleopodes&. nu ic eom her, Hwaet wenstu 

quempiam 
[u]rne hwelcne dxt we hine laeden to sumuw/ 
irascitur 

Thijne iersa&. Gif he me öonne cüd ne bid, ne 



7. Insulare. Urkunde [König Eadgars. 966. Brit. Mus. Cotton Charter VIII. 33. Facs. Anc. 
Chart. III. 26. (Die Urkunde ist aus Versehen 955 datiert.) 








f Ego dunstan dorobornensis ?ecclmg ar[chiepiscopus] . . . 

f Ego aelff)ry|) mater regis predictum . . . 

■j" Ego Oswald archi-arf-^Z-epw^ß'/'/^s eborace ciui[tatis] . . . 



8. Minuskel und Insulare. Urkunde König y^thelreds, looi. Brit. Mus. Cotton, Augustus II. 
22. Facs. Anc. Chart. IV. 12. 






<t\T« «& hostium expeditione. Actu[m est] . . . 

1 j circumcincta ista terra f aer[yst] . . . 

II up ondlong ycenan to caerssan-wyllan . . . 

iLA\tl hlawe of {jsm hlawe to J.3em lytlan hl[awe] 



-IS^Bfe*. f!-i'JE«:- . 



Angelsächsische Schrift. 



Keallexikon der germ. Altertumskunde. I. 



Verlag- von Karl J. Trübner in Straßburg-. 




Tafel 6. 

9. Insulare. ^Ifrics Heptateuch-Übersetzung. Etwa 1020 — 30. Brit. Mus. Cotton, Claudius B. IV. 

Palcxogr. Soc. I 71. 

Hi comon öa to egypta lande, ond 5a eg[yptiscean]" . . . 
wi'f waBS swyde wli'tig. ond dxs cyninges . . . 
hyrc wli'te to J^ani cyninge .faraö. . , . 

10. Insulare. Urkunde von Thurstan über Land zu Wimbisb. co. Essex. 1049. Brit. Mus. Cotton, 

Augustus II. 34. Facs. Anc. Chart. IV 33. Keller, Ags. Pal. Tafel 9. 



Her cyd on {)ysan gewrite J)^/ {)urstan . . . 
ond for leofware. ond for «delgyde. f)am . . . 
twam hidan. orzd gelöste se hired xt chr/j/[es] . . . 

II. Insulare. Hemings Register von Worcester. 1097 — iioo. Brit. Mus. Cotton, Tiberius A. XIII. 
Keller, Ags. Palaeogr, Tafel 11. 



r 



. . , [col]forda onlang streames l:>cs^ hit cymed 
. . . [dofedjael o/id salewarpe togaedere licgad ondlang 
. . . ongeign stream to wicforda pce^ swa ond[lang] 

12. Insulare. Annalen aus Peterborougb. 1131. Bodlcian. Laud Mise. 636. Keller, Ags. Palaeogr, 
Tafel 12. 






pe< hi heafdon forloron 'Randes Johannes mynstre |)urli h\/u and f)urh his my- 
cele sotscipe. fia ne cu|)e he hiw na betre böte bute bebet hem 
and a9es swor on halidom pe^ gif he moste engleland secen |iet he 

Angelsächsische Schrift. 



Reallexikon der gfcrm. Altertumskunde, I. Verlag von Karl J. Trübner in Straßburg. 



ANGELSÄCHSISCHE SCHRIFT 



lOI 



schöne, aber eckige Schrift zeigt ein 
Manuskript des 8. Jhs., das die Passion 
mit Gebeten enthält (London, Harley 
2965; Facs. Pal. Soc. I 163) und einst 
in Winchester war, das also wohl dem 
Süden zugehört. Vier Urkunden müssen 
auch hierher gestellt werden: Ancient 
Charters 700 und 759 (die Echtheit dieser 
Worcesterer Urkunde scheint mir mit Un- 
recht angezweifelt von Traube, Perrona 
Scott. S. 509, — leider ohne Grundangabe) 
in runder, 810 (Osuulf, Kent 805 — 810) 
in dünner und 778 (Cynewulf von Wessex) 
in dicker eckiger Halbunziale. Die letzte 
zeigt, große Ähnlichkeit mit der eben- 
genannten Winchesterer Passion. 

§ 5. Das erste Auftreten der Insu- 
lare, also der ,, Spitzschrift", in England 
am Anfang des 8. Jhs. ist bezeichnend für 
ihren ursprünglichen Zweck: es ist ein 
Brief des Bischofs von London an den 
Erzbischof Berhtwald von Canterbury, 
vgl. Tafel 4, Nr. 3 (693 bis 731), 
nur für den Augenblick, nicht für die 
Nachwelt bestimmt. Das wird aber so- 
gleich anders: man verwendet diese 
Schrift, die eigentlich Geschäftsschrift war, 
für Bücher, die nicht gerade Pracht- 
exemplare, wie die Evangelienbücher, sein 
sollten. Dabei entfernt sich die Schrift der 
Angelsachsen, die immer wieder einer 
runden Klarheit zusteuert, mehr und mehr 
von der der Iren, deren Vorliebe für das 
Stilisieren die Schrift spitz und kurz 
werden läßt: einen gekünstelten Ein- 
druck macht auch die irische Halbunziale, 
sobald sie nicht mehr ganz rund ist (Bei- 
spiele bei Steffens, Latein. Palaeographie 
25 u. 42). Der Codex Moore von Bedas 
Historia Ecclesiastica (Cambridge, Uni- 
versity Lib. Kk 5. 16; Facs. Pal. Soc. I 
139 ff.), der kurz nach 735 geschrieben ist, 
scheint mir mit seinen dicken spitzen 
Kurzstrichen eher von einem irischen als 
von einem englischen Schreiber zu stam- 
men. Dagegen sind CccdmonS Hymnus 
in demselben Ms. und die darauffolgende 
nordhumbrische Königsliste gewiß von 
Engländern geschrieben, wenn auch viel- 
leicht in einer Schreibstube des Festlands 
(Facs. Pal. Soc. I 141). Eine Handschrift 
von Bedas Kirchengeschichte aus England, 
die ebenfalls noch dem 8. Jh. angehört, 



ist der Londoner Codex, Cotton. Tib. C II 
(Facs. Pal. Soc. I 141 vgl. Tafel 4, 
Nr. 4). Es ist zugleich die Zeit, wo 
die Angelsachsen in den Schottenklöstern 
des Kontinents ihre rührige Schreibtätig- 
keit entfalten. Charakteristisch für die 
Insulare sind die vielen Tiefstriche {y, y:, 
?, P, q, P, t> für s, /, r, p, q, w,ß), der spitze 
Absatz der Schattenschäfte, die stets von 
links eingesetzten Hochstriche bei /, b, h, 
I und d. 

Aus der irischen Halbunziale haben die 
Angelsachsen auch den Gebrauch mehrerer 
tironischer Noten übernommen: "1 für 
et {and), l für vel, -f- für est, -ff für enim, 
K für autem, 5 für eius. Während ~l die 
ganze Zeit über für englisches and ver- 
wendet wird, gehen die andern Zeichen, 
die nicht in Texten der Volkssprache ver- 
wendet wurden — mit Ausnahme von 
gelegentlichem 1 — nach 900 verloren. 

Die Iren vermittelten den Angelsachsen 
außerdem die römische Quantitätsbezeich- 
nung durch den Apex, die sonst verloren 
gegangen war. Man setzte einen Accent 
auf lange Vokale und — in Weiterver- 
folgung einer römischen Grammatiker - 
regel — auf einsilbige Wörter. 

Von Ligaturen sind in der älteren Zeit 
die eines Konsonanten mit folgendem i (;*), 
später nur die von es wichtig, die für 
die altenglische Orthographie charakteri- 
stisch ist. 

Die Worttrennung wird nach Akzent - 
gruppen durchgeführt. 
- § 6. Am Ende des 8. und im ersten 
Viertel des 9. Jhs. bildet sich am m e r - 
c i s c h e n Königshof ein charakteristi- 
scher Stil aus, der sich besonders in den 
Urkunden Coenwulfs zeigt, eine zierliche 
Schrift, mit sehr schiefer Federhaltung, 
gebrochenen Linien statt der Rundungen, 
mit originellen Formen des t und 3, sowie 
des (unzialen) 9. Ein Ausläufer dieser 
Schule ist die Glosse desVespasian-Psalters, 
Nr. I der beigegebenen Tafel (Cott. Vesp. 
A I, Facs. Pal. Soc. I 18), die um 
900 geschrieben ist. — Kunstlos ist 
dagegen die südliche Schrift, wie 
sie uns in Urkunden des 9. Jhs. entgegen- 
tritt: auch hier wird die Feder recht 
schief gehalten, der Absatz ist spitzer 
als in Mercien, die Linienführung unhar- 



102 



ANGELSÄCHSISCHE SCHRIFT 



monischer. Während das 3 und das mit 
ihm eng verwandte t in Mercien einen 
schari nach oben geschwungenen Kopf- 
strich zeigt, ist er in Wessex meist — aber 
nicht immer: vgl. Tafel 5 Nr. 5 — nüchtern 
horizontal und wird zuweilen lang über die 
vorhergehenden Buchstaben weg ausge- 
zogen. Die Schleife des 3 ist oft in west- 
sächsischen Urkunden geschlossen, in kenti- 
schen ist ihr unteres Ende zurückgestülpt, 
in mercischen ist der untere Abschluß ein 
Schattenstrich, ein kleiner nach oben kon- 
vexer Bogen. Ein Beispiel für westsächsische 
Schrift von 867 ist derComputus desRaegn- 
bold von Winchester (Ms. Bodl. Digby 63 ; 
Facs. Pal. Soc. I, 168). Charakteristisch 
ist das y^ das mit seinen offenstehenden 
Schenkeln fast wie ein Wurzelzeichen aus- 
sieht. Noch typischer für die südliche 
Schrift ist der Gebrauch des t mit einem 
außen ans Ende des Bogens angesetzten 
Punkt im In- und Auslaut, während die 
mercische Schrift nur ein punktiertes t im 
Auslaut zu kennen scheint, bei dem 
außerdem der Punkt innen am Bogenende 
sitzt. Die westsächsische Schrift wird, 
nicht ohne mercische Beeinflussung in 
einzelnen Formen, weitergeführt von König 
Alfred: das Hatton- Ms. der Cura Pasto- 
ralis, das der König selbst an den Bischof 
Werfrith von Worcester gesandt hat, 
vgl. Tafel 5 Nr. 6 (Ms. Bodl. Hatton 20; 
Facs. New Pal. Soc. i, 2, Keller, Ags. 
Pal. 3, Skeat, Twelve Facsimiles of 
Old English Manuscripts 3). Es ist ein 
Prachtbuch, das doch deutlich die Deca- 
dence der ags. Schreibkunst nach den 
Dänenkriegen zeigt. Die künstlichen In- 
itialen sind recht roh ausgeführt in einer 
Mischung von irischem und fränkischem 
Stil: mit verschlungenen Bändern, Punk- 
ten und Farbenklecksen, mit Tier- und 
Menschenköpfen und mit Blätterwerk. 
Mit dem 9. Jh. hört der spitze Absatz der 
Kurzstriche auf: das letzte datierte Beispiel 
dafür bildet die Urkunde Bischof Werfriths 
von Worcester von 904 (Facs. Ancient 
Charters und Keller, Ags. Pal. 4), mit 
ganz schiefer Federhaltung und einer dieser 
Zeit eigentümlichen Form des 9 in einem Zug. 
§ 7. In den ags. Urkunden zeigt sich 
von 931 an eine Änderung des Schrift- 
charakters. Man schreibt sorgfältiger, 



meist dicker und breiter, hält auch w^ohl die 
Feder zunächst etwas steiler als vorher. 
Der stumpfe Absatz wird allein herrschend 
bei den kurzen Schattenstrichen. Sehr 
verändernd wirkt auf das Aussehen der 
Schrift auch die ganz unvermittelte Ver- 
drängung des d durch J). Hierher gehören 
das Lauderdale-Ms. von Alfreds Orosius 
und die erste Hand des Parker-Manuskripts 
der altengl. Annalen. Offenbar hatte man 
sich die schöne alte Halbunziale, wie sie 
in Wessex vor den Dänenkriegen geübt 
worden war, zum Muster genommen. Viel- 
leicht w^aren auch kontinentale Einflüsse 
maßgebend. Halbunziale Buchstaben, wie 
das runde Unzial-5, das Majuskel-AT, oder 
das runde Schluß-;f mit dem Punkt innen 
am Bogenschluß und die Ligatur tj 
weisen deutlich auf die Herkunft der 
Reform. Das ist am besten sichtbar in 
den Urkunden unter Eadwig (956 — 959) 
und Eadgar (959—975), vgl. Tafel 5 
Nr. 7, deren äußerst sorgfältige, dicke 
und breite, etwas barocke Schrift sich 
direkt neben die Urkunde des Königs 
Cynewulf von Wessex (778) und die 
Winchesterer Passion, saec. VIII, stellen 
läßt. In dieser Zeit unter Eadgar, ist wohl 
das Exeter-Ms. der altenglischen Poesie 
(Facs. New Pal. Soc. 11) und das Cotton.- 
Ms. der Beda- Übersetzung geschrieben. 
Etwas jünger ist die zweite Sammelhand- 
schrift altenglischer Literatur, in der Dom- 
bibliothek von Vercelli (Facs. von Wülker 
Codex Vercellensis, Leipz. 1893), ^^^ etwa 
970 — 80 angesetzt werden kann. 

§ 8. Um die Mitte des 10. Jhs. beginnt 
die Durchdringung Englands mit fran- 
zösischer Kultur und zwar zunächst durch 
die Neuregelung der Benediktiner -Klöster. 
Von Fleury, der Cluniacenserschule an der 
Loire, geht diese Bewegung aus. Alles 
was modernen Geist und Eifer zeigt, 
studiert dort. An der Spitze stehen 
in England der Erzbischof Dunstan von 
Canterbur^ und die Bischöfe iE|)elwold 
von Winchester und Oswald von Worcester. 
(Siehe die beiden Unterschriften auf 
Nr. 7 der Tafel 5, die aber hier noch 
in Insulare, nicht in Minuskel ge- 
schrieben sind.) In ihren zahlreichen 
Schulen lernt man das Lateinische mit 
fränkischer Minuskel schreiben und unter- 



ANGO 



103 



scheidet es dadurch vom Englischen, für das 
man die Insulare beibehält. Diese Trennung 
setzt sich bis ins 12. Jh. hinein fort, vgl. 
Tafel 5, Nr. 8. Die Minuskel wird 
in England mit gerader Federhaltung, 
breit und rund geschrieben und zeigt wenig 
selbständige Entwicklung. In den Buch- 
staben liegen die Hauptunterschiede zur 
Insulare bei a, d, s, /, r, g. Das erste Bei- 
spiel ist Eadwigs Urkunde von 956 und in 
derselben Hand die Belehnung Eadgars 
von 7E{)elwolds Kloster Abbingdon, 961, 
das schönste ist das Benedictionale desselben 
Bischofs (Facs. Pal. Soc. 1 142, 143), das mit 
Gold und Silberschrift und mit altertüm- 
licher Kapitale am Anfang geschmückt ist. 
§ 9. Auch die Insulare zeigt von etwa 
960 an viele Veränderungen. Ein Einfluß 
der Minuskel ist darin zu sehen, daß die 
Federhaltung immer gerader wird und im 
II. Jh. ganz senkrecht zur Zeile ist. Auch 
eine neue Form des a, das im 10. Jh. bisher 
zumeist spitzig und dreieckig geschrieben 
wurde, ist durch die fremde Technik 
beeinflußt: die ziemlich runde Schleife 
wird an einen oben ganz leicht nach 
links übergreifenden Balken angehängt, 
vgl. Taf. 5, Nr. 8 und Taf . 6, Nr. 9. Mehrere 
alte Formen sterben um 960 aus: das 
punktierte t, das p mit dem kurzen Ab- 
strich am Ende des Bogens, das i^-förmige 
y. Das / wird nach 960 nicht mehr im 
Inlaut geschrieben. Dabei ist der Norden 
immer um ein paar Jahrzehnte hinter dem 
Süden zurück. Für das 1 1. Jh. bezeichnend 
ist dann das Verschwinden des hohen e 
der Kursive und die Alleinherrschaft des 
punktierten y. Man schreibt in dieser 
Zeit gewöhnlich sehr korrekt mit geraden, 
oft scharf abgeschnittenen, aber nicht 
mehr spitz abschließenden Strichen; die 
Rundungen sind zunächst gut ausgeführt, 
werden aber nach 1050 gerne gebrochen. 
Hoch- und Tief striche werden meist lang 
ausgezogen in der ersten Hälfte des 1 1. Jhs., 
was besonders beim / und dem jetzt sehr 
häufigen langen / auffällt. Der Balken 
es / ist weit nach oben verlängert. Vgl. 
Taf. 5, Nr. 8 und Taf. 6, Nr. 9. 10. Später 
werden diese Längsbalken immer mehr 
verkürzt, was der Schrift gegen das Ende des 
Jahrhunderts und später etwas auffallend 
Gedrungenes gibt. Vgl. Tafel 6, Nr. 11. 12. 



Während bei den Angelsachsen kein 
Unterschied zwischen Urkundenschrift und 
Bücherschrift existierte, drang mit der 
normannischen Eroberung auch die Ur- 
kundenschrift der Franzosen in England 
ein, die sich in der königlichen Kanzlei seit 
Heinrich I. findet. 

1. Materialsammlungen: J. 0. 
Westwood Palceographia Sacra Pictoria. 
London 1843 — 45- Wichtig für die Illustratio- 
nen. — The Palcsographical Society. Facsimiles 
of Manuscripts and Inscriptions. 2 Serien. Lon- 
don 1873 — 1894- 465 Tafeln. Die bedeutendste 
Sammlung. Sie wird fortgesetzt durch The 
New Palceographical Society. Oxford University 
Press, die seit 1903 vortreffliche Tafeln veröffent- 
licht. — Facsimiles of Ancient Charters in the 
British Museum. London 1873 — 1878. Her. 
V. Bond u. Thompson. 4 Bde. Die in- 
struktivste Sammlung für die Entwicklung der 
ags. Schrift. — Catalogue of Ancient Manuscripts 
in the British Museum. London 1884. Her. v. 
Thompson u. Warner. 61 Tafeln. — 
Keller Angelsächs. Palaeogr. 13 Tafeln. (S. 
unter 2). — Skeat Twelve Facsimiles of Old 
Engl. Manuscripts. Oxford 1892. 3 ags. Tafeln, 

2. Darstellungen: Thompson Hist. 
of Engl. Handwriting A. D. 700 — 1400. Transact. 
of the Bibliograph. Soc.V. Londoni90i. — Wolf g. 
Keller Angelsächs. Palaeogr aphie. Die Schrift 
der Angelsachsen mit besonderer Rücksicht auf 
die Denkmäler in der Volkssprache. (Palaestra 
43.) Teil i: Einleitung; Teil 2: 13 Tafeln mit 
Text. — Wichtig ist auch der begleitende Text 
zu den Facsimiles der Palseographical Society. 
Dazu kommen dann die betreffenden Abschnitte 
in den unter ,, Deutsche Schrift" genannten Ar- 
beiten über die lateinische Paläographie. Am 
ausführlichsten behandelt die ags. Schrift 
Thompson Handbook of Greek and Latin Pa- 
Iceography. 3 London 1906. — Eingehender als 
sonst ist sie auch dargestellt von B r e t h o 1 z 
in Meisters Grundriß d. Geschichtswissenschaft. — 
Einzelfragen beantworten T r a u b e s Aufsätze 
besonders Perrona Scotorwtn, Münchener Akad, ; 
Keller Über die Accente in den ags. Hss. 
Prager Deutsche Studien Heft 8, Prag 1908, 
und über dieselbe Frage in wesentlich demselben 
Sinne Lorenz Schmidt Lautl. Unter- 
suchung d. Sprache des Lceceboc, Bonn 1908 (er- 
schien. 1910), das eine merkliche Vertiefung der 
Dissertation desselben Verf. über die Akzente 
in den ags. Hss., Bonn 1907, enthält. 

Wolfgang Keller. 

Ango. A. Archäologisches. §1. 
Eine vornehmlich bei den Franken vom 
5. bis 8. Jahrh. gebräuchliche eiserne 



104 



ANCO 



Wurflanze ist der ango, in den ahd. Glossen 
mit 'aculeus' oder 'spiculum' übersetzt; 



Abb. 14. Ango. 
Nach Lindenschmit DA. Fig. 75. 76. 

ae. onga). Sie besteht aus einem langen 
dünnen sehr biegsamen Eisenschaft, der 
oben sich verjüngend in einer kurzen 



starken, mit zwei (seltener drei oder vier) 
Widerhaken versehenen Spitze endet und 
unten in eine offene, bisweilen in mehrere 
Streifen gespaltene, stets sehr tiefe Tülle 
verläuft, in welcher ein kurzer durch 
Eisenringe festgehaltener Holzschaft steckt. 
Die durchschnittliche Länge des Eisen- 
teiles beträgt etwas über einen Meter. 

§ 2. Die Frage nach der Herkunft 
dieses eigenartigen Wurfspeertypus ist un- 
gelöst. Der Ableitung aus dem römischen 
pilum steht sein spätes Auftreten und 
das Fehlen von Zwischenstufen entgegen. 
Wie es scheint, ist er am Rhein, auf 
fränkischem Boden, wo er in den (meist 
reicher ausgestatteten) Gräbern am häufig- 
sten vorkommt, entstanden. Über seine 
Verwendung bei den Franken berichtet 
ausführlich Agathias H 5 (vgl. auch 
Walthari 983 £f.). Von den Franken 
scheinen ihn dann die benachbarten germ. 
Stämme übernommen zu haben. In den 
gleichzeitigen Funden Dänemarks und 
Skandinaviens fehlt er. Daß eine 

nahe verwandte Waffe den Nordgermanen 
aber nicht fremd war, lehrt die Dar- 
stellung auf einer Zierplatte des Wendel- 
helmes (etwa 600 n. Chr.; vgl. Montelius, 
Kulturgesch. Abb. 368) und die Schilde- 
rung von Thorulfs Lanze in der Eigilsaga 
(Bartholini, Antiquitates Danicae XI 8), 
,, deren Eisen zwei Ellen lang war und in 
eine gegen oben vierschneidige, gegen 
unten breitere Spitze endigte, und zwischen 
Spitze und Schaft lang und stark war; 
der Schaft war nicht länger, als daß er 
ihn mit der Hand erreichen konnte. Eisern 
war die Speerstange und der Schaft 
überall in Eisen gefaßt". In der fränkischen 
Bewaffnung der Karolingerzeit kommt der 
Ango noch vor und verschwindet dann am 
Ende des i. Jahrtausends. 

Lindenschmit Altertümer III 6 Beilage. 

Max Ebert. 

B. Sprachliches. § 3. Germ. 
*angan-: anord. angi, ags. onga, ahd. ango 
swm. bedeutet 'Haken, Widerhaken', das 
ags. Wort auch 'Pfeil' (mit Widerhaken) ; es 
gehört zu nhd. angel und ist mit griech. 
oyxo? 'Widerhaken', lat. uncus 'gekrümmt, 
Haken' usw. urverwandt. Von der Grund- 
bed. 'Widerhaken' ausgehend, hat das Wort 
im Westgerm, mehrfach die Bedeutung 



ANGRBO BA— ANKER 



105 



''Pfeil oder Wurfspeer mit Widerhaken* an- 
genommen; so Beow. 1438, wo das Wasser- 
ungetüm, das mit dem Pfeil {herestrcel, of 
flanbogan) erlegt ist, ,, mittels Eberspieße, 
die mit Widerhaken versehen sind" [eofor- 
spreotum heorohocyhtum), ans Ufer gezogen 
wird. Im Fränkischen hat der Ausdruck 
dann eine weitere Begriffsverengung er- 
fahren, indem er hier speziell einen Wurf- 
speer mit Widerhaken und langem, dünnen, 
biegsamen Eisenschaft im Sinne der obigen 
Beschreibung (§ i) bezeichnete. 

Johannes Hoops. 

Angrboda begegnet nur in den ganz 
jungen Hyndlujöd als Mutter des Fenris- 
wolfes, den Loki mit ihr erzeugt haben 
soll. Nach der SnE. gehört sie zum Ge- 
schlecht der Riesen. 

E. Mogk. 

Angriffswaffen s. unter: Ango, Arm- 
brust, Bogen, Dolch, Dolchstab, Flamberg, 
Framea, Francisca, Ger, Geschütze, Keule, 
Köcher, Lanze, Morgenstern, Pfeil, Pfeil- 
spitzen, Säbel, Sachs, Schleuder, Schwert, 
Skramasax, Semispatha, Spatha, Speer, 
Spieß, Streitaxt, Streithammer, Tartsche, 
Wurfgeschütz, Wurfkeule, Wurfspieß. 

Angrivarii, ein germ. Volksstamm zwi- 
schen Chauken und Cheruskern, von letz- 
teren nach Tacitus Ann. 2, 19 durch einen 
Grenzwall (am Steinhuder Meer.?) ge- 
schieden. Dazu stimmt der Ansatz der 
'Ayypiouapioi bei Ptol. II II, 9. 

Im Gegensatz zu ihren Nordnachbaren, 
den Chauken, stehen die A. während der 
Feldzüge des Germanicus anfangs auf 
Seite der Cherusker, sollen sich aber später 
den Römern unterworfen haben. Nach 
Tacitus Germ. 33 haben sie unter Trajan 
einen Teil des Bruktererlandes besetzt, 
worauf Bremer Ethn. 135 (869) den 
westfäl. Gaunamen Angeron zurückführt. 
Dieser nach Westen verzogene Teil des 
Stammes ist gemeint mit den Angrivarii^ 
die das Provinzverzeichnis des Cod. Veron. 
XIII 13 (Seek Not. dign. 251) nennt unter 
den harharae gentes quae pullulaverunt sub 
imperatoribus ; auch die in der Not. dign. 
Or. V 59 genSinntenAnglevarii sind für solche 
A. zu nehmen. Doch ist Tacitus mindestens 
im Irrtum, wenn er das ganze Volk über- 
siedeln läßt. Denn an der Weser lebt der 
Name fort in dem der Angrarii Angarii, 



Engern, eines Teils der Sachsen. Übrigens 
stehen auch diese nicht mehr ganz auf 
ihrem alten Heimatboden, sondern sind — 
im Zusammenhang mit dem Vorrücken 
ihrer ganzen Umgebung — auf altcheruski- 
sches Gebiet vorgeschoben. Gerade dies 
zeigt aber, daß Bremers Annahme 
bloß territorialer, nicht ethnographischer 
Identität der Angrivarii und Engern unbe- 
rechtigt ist. 

Der Name Angrivarii bedeutet 'Be- 
wohner des Angerlandes', hängt aber nicht 
unmittelbar mit Anger, germ. *angra-, son- 
dern einer Kollektivbildung *angria- zu- 
sammen. Ferner liegt es, an einen Namen 
nach Art von Baioarii zu denken, also an 
'Besitzer des Landes der Angrii oder 
Angriones (die ihrerseits Angerbewohner 
wären)'. Das jüngere Angarii zeigt dissi- 
milatorischen Ausfall des einen r, und eine 
Dissimilationserscheinung liegt auch in 
Anglevarii vor, das wie ital. pelegrino aus 
peregrinus oder deutsch Elmenreich (Fami- 
lienname) aus Ermenrtch zu beurteilen ist. 
Zeuß 108. 388 ff. Bremer Ethn. 134 f. 

Müllenhoff DA. 4, 423 f. 544£f. R. Much. 

Anker. § i. Das älteste Werkzeug, ein 
Schiff am Meeresgrund zu befestigen, war 
ein versenkter schwerer Stein. Lag 
das Schiff am Ufer, so geschah dies wohl 
meist in der von Homer geschilderten 
Weise, daß nämlich von dem dem Gestade 
zugewandten Heck des Schiffes ein Land- 
tau ans Ufer ging, während vom Buge 
der Stein ins Meer hinabgesenkt ward. 
Solche Steine waren auch in altgerm. 
Zeit in Gebrauch, wie dies nicht nur die 
ahd. Bezeichnung senchil, senchilstein, sin- 
chala, sondern auch Funde erweisen. Ein 
Beispiel der einfachsten Form solcher 
Ankersteine gewährt ein Stück im Museum 
zu Stade (Abb. 15): es ist dies ein runder 
grauer Feuerstein von der Form eines Topf- 
kuchens, Durchmesser 23 — 28 cm, Dicke 
12 cm. Gewicht 12,3 kg. Von einer flachen 
Seite zur anderen geht, nicht genau in der 
Mitte, ein zyhndrisches Loch von 4,8 cm 
Durchmesser zum Durchziehen eines Taues. 
Ähnliche Steine aus Gneis, Glimmer- 
schiefer oder Feuerstein (diese mit einem 
natürlichen Loch, also vielleicht Petre- 
fakten) waren bis in die Gegenwart auf 



io6 



ANKER 



Rügen (Saßnitz) in Gebrauch, haben sich 
auch in Mecklenburg gefunden. 




Abb. 15. Runder Ankerstein in der Stader 
Altertumssammlung. 



§ 2. Eine etwas entwickeltere Form 
stellen Steine dar, die durch Verbindung 





Abb. 16. Holz-Stein- Anker aus dem Alsensunde. 
(Im Museum für Meereskunde, Berlin.) 



mit hölzernen Haken ähnhch wie wirk- 
liche Anker, also nicht nur durch ihre 
Schwere, sondern durch Einbohren in 



den Meeresgrund wirken sollen. Eine an 
der deutschen Ostseeküste viel verbreitete 
Art dieser Holz-Steinanker (in 
Binz und Mönchgut auf Rügen, Hinter- 
pommern, Alsen Abb. 16) setzt sich zu- 
sammen aus einem Holzkreuz mit zu- 
gespitzten Armen, auf das ein länglicher 
Stein bis zu 50 kg Gewicht aufgesetzt ist; 




Abb. 17. Anker des Oseberger Wikingerschiffs 
in Christiania. 



vier in die Kreuzarme eingelassene, aufwärts 
gerichtete Streben aus biegsamem Holz 
umgeben den Stein, werden über ihm 
zusammengedreht und halten ihn so fest. 
Abb. (Etwas einfachere Holz- Steinanker 
z. B.in Ostpreußen und Insel Aran, Irland.) 
§ 3. Der eigentliche eiserne Anker 
gehört zu den wenigen nautischen Dingen, 
die von den Germanen aus dem römischen 
Seewesen übernommen wurden, wie der 



ANKLAGE 



107 



Name beweist: an. akkeri, ae. ancor, ancra, 
ahd. anchar, ancher aus lat. ancora, gr. 
ä'^y.upoi. Das Wort begegnet zuerst im 
Beowulfliede (um 700 n. Chr.), doch muß 
die Entlehnung des Werkzeuges bereits 
in den ersten Jahrhunderten n. Chr. statt- 
gefunden haben, da ein eiserner Anker 
der heute bekannten Form schon beim 
Nydamer Boot (um 300 n. Chr.) gefunden 
worden sein soll. Der erste wohlerhaltene 
Anker hat sich beim Oseberger Wikinger- 
schiff (etwa 800 n. Chr.) vorgefunden 
(Abb. 17). Er ist aus Schmiedeeisen, im 
Schaft 102 cm lang und gleicht im all- 
gemeinen den heutigen sog. Admiralitäts- 
ankern. Auffällig ist nur der sehr stumpfe 
Winkel, den die Ankerarme und -schaufeln 
mit dem Schaft bilden, sowie das Vorhanden- 
sein eines zweiten Ringes (außer dem 
gewöhnlichen Ankerring am Schaftende) 
im Ankerkreuz, an der Ansatzstelle der 
Arme. Möglicherweise diente dieser bei 
dem Fehlen eines Ankerstockes dazu, 
mittels eines Taues die Ankerarme senk- 
recht zum Meeresboden zu stellen, wie 
es zum Eingraben erforderlich ist. Ein 
zu dem Anker passender hölzerner Anker- 
stock (an. akkeris-stokkr) wurde nämlich in 
Oseberg nicht gefunden, dagegen ein 
anderer, der zu einem Anker von weit be- 
deutenderer Größe zu gehören scheint. 
Ebenso deutet die Länge (2,70m) des bei 
dem Gokstad-Fund (etwa 900 n. Chr.) er- 
haltenen Ankerstocks auf einen weit 
größeren Anker, da man wenigstens gegen- 
wärtig in der Regel die Länge des Anker- 
stocks der des Ankerschaftes gleichsetzt. 
Die eisernen Teile des Gokstad - Ankers 
waren fast ganz verrostet, dagegen haben 
sich Reste des aus Basttau bestehenden 
Ankerkabels (an. akkeris-strengr, akkeris- 
festr, ae. ancor-räp) erhalten. Ähnliche 
Anker waren seitdem zweifellos allgemein 
gebräuchlich, was natürlich nicht aus- 
schließt, daß für kleine Fahrzeuge die 
biUigen Senkelsteine nach wie vor Ver- 
wendung fanden. 

§ 4. Der Hauptanker hatte seinen 
gewöhnlichen Platz am Bug und wurde 
von dort über die Reling (also ohne Klüsen) 
ausgeworfen (an. leggjask um akkeri). Lag 
man an der Küste oder im Hafen vor 
Anker (an. liggjci um akkeri), so wurde 



außerdem ein Landtau (an. landfestr, 
ae. bMing, m^rels) um die Poller (an. 
kylfa) auf der Reling geschlungen, ans 
Ufer genommen und dort befestigt sowie 
eine Landebrücke (an. hryggja, ae. scip- 
hl^der, bolca) ausgelegt, die beim Gokstad- 
schif! aus einer 7,40 m langen und 0,26 m 
breiten Fichtenplanke mit aufgenagelten 
Querhölzern bestand. Des Nachts pflegte 
sie von einem Posten bewacht zu werden. 
Beim Ankerlichten (an. heimta upp akkeri) 
wurde das Ankerkabel um ein dicht vor 
dem Mast stehendes Bratspill (an. vindäss), 
eine wagerechte Winde, gelegt und durch 
Drehung desselben mit Handspaken (an. 
vindässpika) aufgewunden. Große Schiffe 
führten mehrere Anker, Mitte des 13. Jahrhs. 
werden bis zu sieben auf einem Schiff 
erwähnt. 

Weiß Arch. d. Ver. f. Gesch. u. Altert, d. 
Hzgtmer Bremen u. Verden 7, 167. Lisch 
Jahrb. d. Ver. f. Mecklenb. Gesch. 38, loi. Haas 
Blatt, f. Pomm. Volkskunde 6, 23. Virchow 
Verh. d. Berl. Ges. f. Anthrop. 18, 615. — S. a. 
unter Schiff. W. Vogel, 

Anklage. A. Süden. §1. Die un- 
bedingte Herrschaft der Verhandlungs- 
maxime brachte es mit sich, daß ein 
gerichthches Verfahren nicht anders in 
die Wege geleitet werden konnte, als daß 
die in ihrem Recht verletzte Partei Klage 
erhob (s. Gerichtsverfahren). Eine von 
Amts wegen erhobene Klage gab es von 
Haus aus grundsätzhch nicht. Nur in den 
Fällen der handhaften Tat konnte der 
öffentliche Beamte von jeher selbständig 
einschreiten, wie auch in solchen Fällen 
eine Verhaftung des Ergriffenen vorgenom- 
men werden konnte (s. handhafte Tat). 
Auch durfte ausnahmsweise wegen ge- 
wisser Verbrechen eine Klage von Amts 
wegen in Form der Fiskalklage erhoben 
werden. Mit der Zeit aber mußte es als 
eine Lücke empfunden werden, daß der 
Staat, dem man in steigendem Maße die 
Aufgabe zuschrieb, von sich aus für die 
Bestrafung der Missetaten Sorge zu tragen, 
regelmäßig die Erhebung einer Privatklage 
abwarten mußte, um gegen den Rechts- 
bruch einschreiten zu können. Da ein 
Offizialverfahren auf bloßen Verdacht hin 
durch die Struktur des alten Rechtsganges 
ausgeschlossen war, wurde jene Lücke 



io8 



ANSEGIS VON S. WANDRILLE— ANSGAR 



durch die Einführung des R ü g e v e r - 
f a h r e n s (s. d.) ausgefüllt. 

B r u n n e r DRG. 2, 488 fi. R. Hübner. 

B. Norden. § 2. Den Begriff einer 
von der zivilrechtlichen Klage verschiedenen 
öffentlich-rechtlichen Anklage kennt das 
anord. Recht nicht. Die Klage in Krimi- 
nalsachen zeigt grundsätzlich denselben 
Charakter wie die Zivilklage. Auch für 
sie galt der Grundsatz „Ohne Kläger kein 
Richter" (,,sakaraberi skal vera fyrir 
hverri sök"). Nur insofern der König 
an dem Strafgeld beteiligt war, erhob sein 
Vertreter [Konongs soknari) die Klage, 
aber erst subsidiär, wenn der Verletzte 
nicht klagte. Auf Island halfen auch 
Popularklagen aus. Ein Zwang zur Erhe- 
bung einer Anklage bestand rechtlich nicht. 
Der Angeklagte [verjandi) hatte deshalb 
auch grundsätzlich dieselbe Parteistellung 
wie der in Zivilsachen Beklagte, unterlag 
insbesondere zunächst keiner Freiheits- 
beraubung. Nur in schweren Fällen kann 
der Kläger den auf handhafter Tat Er- 
griffenen festnehmen und selbst behalten 
oder der Behörde überliefern zur vor- 
läufigen Verwahrung. Grundgedanke ist, 
daß sich der Täter durch die notorische 
Tat aus dem Frieden setzt. Darum muß 
er, will er auf dem Thing verhandeln, um 
Frieden bitten, das Thing zu betreten 
(Gula|). 156, 160; Frostuf). IV 30). S. 
Handhafte Tat. 

§ 3. Auf einem anderen Gesichtspunkt 
beruht die Freiheitsberaubung des An- 
geklagten, der keine Sicherheit für sein 
Erscheinen leistet. S. Ladung. 
- § 4. In späterer Zeit wird das Recht, 
Angeklagte in Haft zu nehmen, aus- 
gedehnt, so in Schweden für das Königs- 
gericht (vgl. Ostgötalag Ef)s. 17, 25). 
Auf deutschen Einfluß zurück führt die 
Arrestierung des losen Mannes oder Gastes 
(hyscEtning). 

Brandt Forel. II 336 £E. 350 f.; Nord- 
ström II 425 ff. 477 ff.; Matzen Bevis- 
reglerne i den csldste danske Proces 3 ff. ; Forel. 
II 22 ff.; V. A m i r a NOR. I 164 ff. II 183 ff. 
Alinorw. Vollstreckgsverf. 147 ff. 301 ff.; Recht 
212; Maurer Vorl. I 2, 186 ff. V 136 ff. 

K. Lehmann. 

Ansegis von S. Wandrille, der Abstam- 
mung nach ein edler Franke, hatte schon 



von Karl d. Gr. mehrere Klöster erhalten, 
dann von Ludwig 817 die Abtei Luxeuil 
und 823 S. Wandrille. Im Königsdienst 
oft als Missus beschäftigt, verfügte er über 
eine besondre Kenntnis des höfischen Ge- 
schäftsbetriebes. Bezeichnend für die ge- 
ringe Sorgfalt, die man am Hofe der 
eignen Verwaltungstätigkeit entgegen- 
brachte, ist daher die Sammlung der Kapi- 
tularien, die A. i. J. 827 anlegte: von den 
150 Kapitularien der neuesten Ausgabe 
waren dem geschäftskundigen Abt 827 
nur 29 bekannt; die Kenntnis von 7 hat 
er allein uns vermittelt. In 4 Büchern 
werden die geisthchen Kapitularien Karls 
und Ludwigs, sodann die weltlichen der 
beiden Monarchen geboten; 3 Anhänge sind 
hinzugefügt. Die Sammlung erlangte große 
Verbreitung, sie wurde schon 829 offiziell 
am Kaiserhof benutzt. Ansegis starb am 
20. JuH 833. 

Ausgabe: MG. Capit. I 382 — 450 (1883). 
Vgl. Brunn er DRG. i*, 552. 

G. Seeliger. 

Ansgar, erster Missionar des Nordens 
und Erzbischof von Hamburg. § i. Über 
sein Leben sind wir durch die schlichte 
Biographie aus der Feder seines Amts- 
nachfolgers Rimbert (s. Geschichtschrei- 
bung) zuverlässig unterrichtet; die ältesten 
Urkunden Hamburg- Bremens, neu unter- 
sucht von Curschmann, stellen die 
Hauptdaten fest. 

§ 2. Wahrscheinlich geboren 80 1, erzogen 
im Kloster Corbie bei Amiens, vielleicht aus 
einer der sächsischen Kolonistenfamilien in 
Flandern, wurde er schon etwa 823 nach 
der Tochterstiftung Corbies Neu-Corvey 
an der Weser gesandt, wo er die Schule 
leitete. 

§ 3. Daß er 826 zur Begleitung des in 
Mainz getauften Dänenkönigs Harald aus- 
ersehen und Ludwig dem Fr. empfohlen 
wurde, verdankte er Wala, dem Abt von 
Corbie und Gründer von Corvey, Ludwigs 
Verwandten und bedeutendstem Staats- 
mann, der die Verhältnisse an der Nord- 
grenze kannte, da er 811 hier als Königs- 
bote tätig gewesen war, übrigens selbst 
von einer sächsischen Mutter stammte. 
Wie sehr A. sich hier trotz anfängHcher 
Mißerfolge seit 831 in seiner neuen selb- 
ständigen Stellung in Hamburg bewährte, 



ANSTECKUNG— ANSTIFTUNG 



109 



ist in der Bekehrungsgeschichte (s. d.) 
des Nordens verzeichnet, an deren Eingang 
er trotz aller späteren Übertreibung als 
der Bahnbrecher stehen bleibt. Daß er 
erst 858 oder 864 den Titel Erzbischof an- 
genommen habe, ist (von Reuter) nicht 
erwiesen. Als er am 3. Februar 865 die 
Augen schloß, waren in Dänemark und 
Schweden Anfänge gemacht, an die Spätere 
anknüpfen konnten. 

§ 4. Zur Nachfolge anspornend wirkte 
vor allem das ehrwürdige, durch seinen 
Schüler festgehaltene Charakterbild des 
Mannes, der trotz seiner hohen Stellung 
die persönliche selbstverleugnende Weise 
des Mönchsmissionars beibehielt und dem 
trotz aller Wundersucht das Ideal reiner 
sittlicher Güte (vita c. 41) das höchste blieb. 
Die historische Größe seines Charakters 
aber zeigt sich am deutlichsten darin, 
daß er, als alles verloren schien und man 
auch von Reichs wegen Hamburgs Position 
aufgeben wollte, an seiner Aufgabe fest- 
hielt. 

§ 5. Als Schriftsteller hat er sich nur 
betätigt, indem er die minderwertigen 
Miracula Willehadi abfaßte; die vita 
Willehadi, die man bis D e h i ihm 
zuschrieb, gehört ihm nicht an. 

D e h i o Gesch. d. EB. Hamburg- Bremen 

136—91,1877. Hauck ÜCG. r>^.'5 II 2 668— 686 

1900. V. Schubert Ansgar u. die An f. der 

schl.-holst. KG. 1901. D e r s. Schlesw.- Holst. 

KG. I 34 — 46, 1907. Curschmann Die 

älteren Papsturkunden des EB. Hamburg, 1909. 

Reuter Ebbo v. Rheims u. Ansgar, Hist. Z. 

1910, 237 ff. 

H. V. Schubert. 

Ansteckung, im Sinne von Krankheits- 
übertragung (Kontagion), war sicher eine 
dem alten Germanen unbekannte Vor- 
stellung. Seine Krankheitsauffassung, die 
in derselben das Wirken böser persönlicher 
Gewalten sah, war einer solchen Erkenntnis 
mindestens ebenso hinderlich, wie die 
Säftelehre den Ärzten der klassischen 
Antike die Augen verschloß für die Er- 
fahrung jeden Tages. Trotzdem leuchtet 
aus den Pestberichten des Thukydides das 
Dämmern der Erkenntnis, daß der Mensch 
bei ansteckenden Krankheiten dem Men- 
schen zur Erkrankungsquelle werde. Die 
Lepra (s. Aussatz) und was unter 
ihrem Namen ging, öffnete von Osten her 



der Menschheit die Augen. Sie wurde 
die Veranlassung zur Ausbildung des Be- 
griffes und des Terminus siracpV] (s. ZfRG. 
19 10, 406 ff.) bei dem späteren alexandrini- 
schen Griechentum (wenn auch nicht bei 
den Ärzten), sie führte zu dem Ergebnis 
der Absonderung der Erkrankten zur 
Bewahrung der noch Gesunden vor dem 
Krankwerden, die bei den Germanen des 
Südens im 9. Jahrh. völlig durchgeführt 
war, wie die ,,Horngebrüder" (s. Aussatz) 
dartun, aber mindestens seit der Synode von 
Orleans (549) erstrebt wurde (s. Aussatz- 
häuser) — ein Vorgehen, das ohne eine 
Vorstellung von der ,, Ansteckung'' undenk- 
bar ist. Und so finden wir denn als Beleg 
hierfür im Norden, wohin der Aussatz 
Jahrhunderte später gelangte, die Moti- 
vierung für die Entfernung eines leprös 
gewordenen Geistlichen von seinem Amte, 
,,daß auch andere durch ihn erkranken 
könnten". Die Vorstellung eines Krank- 
heitsmiasmas mag in dem ,, Schelmen'* 
der Pest im 14. Jahrh. stecken, bestimmter 
im ,, Pestgift" und deutlicher noch in dem 
,, fliegenden Gifte" [fieogendum atre) der 
,, schnell aufschießenden Pusteln" {fcer- 
spryngum) in den ags. Lacnunga 6 und 
dem ags. Laeceboc Balds (I 45, 5) aus 
dem Anfang des 10. Jahrh. Die Be- 
zeichnung Ansteckung ist nhd. und auch 
das ältere ,, Erben" oder ,, Anerben" einer 
Krankheit (das landschaftlich heute noch 
im Gebrauch steht), das nicht die Erb- 
lichkeit, sondern das Empfangen eines 
Krankheitskeimes durch direkte Über- 
tragung zum Ausdruck bringt, geht in 
dieser Bedeutung nicht nachweisbar über 
das Ende des 15. Jahrh. zurück. Der 
Vater der wissenschaftlichen Ansteckungs- 
lehre ist Girolamo Fracastoro 
(1483 — 1553), der der ErbUchkeitslehre in 
Krankheiten Theophrastus von 
Hohenheim (1493 — 1546). 

Cockayne Leechd. III 6 u. II 1 1 2. (L e o n - 
hardi 123 u. 35.) Höfler Krnkthsmnbch. 114. 
678. 562. Grön Altnord. Hlknde, Janus 1908 
(S -A. S. 95 f.). Puschmann Die Geschichte 
der Lehre von der Ansteckung. Wien 1895. 

Sudhoflf. 

Anstiftung. Die A. (wnord. rää) war 
dem Grundgedanken des ältesten germani- 
schen Rechts entsprechend ursprünglich 



HO 



ANTEPENDIUM— ANTONIUSFEUER 



straflos (s. Straf recht). Die weitere Ent- 
wicklung hat zum Teil die A. als solche 
berücksichtigt, zum Teil besondere An- 
stiftungsverbrechen aufgestellt. Au^ diesem 
Standpunkt steht das salische Recht, 
wenn es den bestraft, der einen andern 
zum Morde oder zur Leichenberaubung 
dingt, auf jenem die meisten der übrigen 
Rechte. Hierbei war die Entwicklung 
die, daß zunächst in der A. kein Friedens- 
bruch gesehen und daher nur eine Buße, 
aber kein Friedensgeld, erst später, ziem- 
lich früh in Island, eine Strafe an die 
Gesamtheit fällig wurde. So hat der 
,,Rattöter" (aschw. raßsbani, isl. rääbani, 
rääbanamaär, ags. r'^dbana) nach schwedi- 
schem und norwegischem Recht nur Buße 
an die Verwandten zu zahlen (wnord. 
räd'bdt). Nur subsidiär haftet selbst für 
diese nach friesischem Recht der Anstifter 
zum Totschlag [forresni, expositor) und zum 
Diebstahl. 

Kein Recht beachtet die Anstiftung 
zu jedem Verbrechen, wenngleich das 
isländische sogar eine Definition des,, Rates" 
wenigstens mit Bezug auf den Totschlag 
zu geben sucht. Alle beschäftigen sich 
mit der A. (aschw. rapsbcend) 7.\xy Tötung 
(anorw. banarää), dem ,,zum Tode raten" 
(aschw. raßa hart hcelrceßum). Das isländi- 
sche Recht differenziert zB. in särräd 
(A. z. Wundung), drepräd (A. z. Schlag) 
usf. Nach manchen Rechten kann man 
wxgen A. zu falscher Anklage, Bindung, 
Brandstiftung, Frauenraub, Hausfriedens- 
bruch, Meineid, Sachbeschädigung an- 
schuldigen (adän. raßcEsak giva). 

Die Strafe des Anstifters (lat. consüiafor, 
fries. reder im Gegensatz zu deder) war in 
vielen Fällen milder als die für das beab- 
sichtigte Delikt. Doch straft zB. das 
norwegische Recht A. zum Heerwerk als 
einen ,,Neidingsrat" [nifingsrää) mit Fried- 
losigkeit. 

B r u n n e r DRG. II 567 ff. W i 1 d a 
Strafrecht 609 ff. 627 ff. His Straf recht 81. 
Brandt Retshistorie II 57 ff. v. A m i r a 
Obl-R. I 178 f. 711. II 208 f. 847. Matzen 
Strafferet 64 f. Nordström Bidrag II 288 ff. 
del Giudice Diritto penale 50 f. M e r k e r 
Straf recht d. Grägäs 25 f. Osenbrüggen 
Lang. Straf r. 42 ff. S. a. Lit. zu „Teilnahme". 

V. Schwerin. 



Antependium^ Schmuckbekleidung des 
Altars, ursprünglich herabhängendeTücher, 
dann Tafeln aus Holz, bemalt oder ge- 
schnitzt, oder aus Metall; oft höchst 
kostbar. Aus frühromanischer Zeit sind 
solche aus Gold noch mehrfach erhalten, 
mit Edelsteinen und Email. Das präch- 
tigste Werk dieser Art, freilich ein ganzer 
Altar in Sarkophagform aus Gold und 
Silber, ist der des Bischofs Angilbert II. 
in S. Ambrogio zu Mailand, von einem 
fränkischen Meister Wolvinius 835 (durch 
Vermittlung Ludwigs des Frommen.^*) an- 
gefertigt, mit Gold- und Silberreliefs in 
den Füllungen zwischen goldenem, email- 
liertem und edelsteinbesetztem Rahmen- 
werke geschmückt. Im 11. Jahrh. wohl 
beschädigt und vielleicht zum Teil mit 
neuen Reliefs versehen, ist es doch sicher 
in der Hauptsache noch original, ins- 
besondere auf der Rückseite. Die wich- 
tigsten Reliefs sind die runden die Stif- 
tung des Altars durch Angilbert und die 
Segnung des Meisters W. darstellenden. — 
Ein zweites Werk ganz ähnhcher Art, 
doch ein richtiges Antependium, ist die 
goldene Altartafel Kaiser Ottos III. im 
Münster zu Aachen, also vom Schlüsse 
des Jahrtausends, erhebUch entwickelter 
in den Formen und in der Reliefbehand- 
lung, als jenes; sonst nahe verwandt auch 
in der Anordnung, die allerdings zum 
Teil modernisiert ist. — (Es ist unerfind- 
lich, wie gegenüber dieser Verwandtschaft 
der beiden Werke Zimmermann und andere 
behaupten können, das Mailänder Werk 
gehöre erst dem 12. und 13. Jahrh. an.) 
Max Gg. Zimmermann Oberitalische 
Plastik, Leipz. 1897, S. 178 ff. Haupt Älteste 
Kunst d. Germanen 49. K. Faymonville 
Der Dom zu Aachen 127, München 1909. 

A. Haupt. 

Antoniusfeuer. Sant Antoniusplage, sandt 
Antonienfeuer kommt wohl erst nach dem 
10. Jahrh. als Bezeichnung für Mutterkorn- 
brand und Rose (s. Mutterkorn- 
krankheit und Rotlauf) in stän- 
diger Konfundierung vor, wie auch ignis 
sacer für Rose, Karbunkel und toxische 
Gangrän vermengt gebraucht wurde. Der 
Name A. ist von Antonius d. Gr., dem 
Vater des Mönchtums (fSS^), hergenommen. 
Die Antoniter, ein chirurgisch mehr als 



ANWALT 



in 



andere ausgebildeter Krankenpflegeorden, 
sollen sich den an Ergotismus Erkrankten 
ganz besonders gewidmet haben. 

Vgl. die Lit. bei Mutterkornbrand u. Reuß 
im Anz. f. K. d. dtschn. Vorzeit 1855, 67. 
Schelhorn Ergöizlichkeiten, Ulm 1761, I 2 
S. 239 (Antoniusfeuer in den Hospitälern der 
Antoniter). Baas Mittelalt. Gsndhtspfl. Hdlb. 
Njhrsbl. 1909, S. 38f. Sudhoff. 

Anwalt. A. Süden. §1. Anwälte. 
Da das altgermanische Gerichtsverfahren 
durchaus auf der Selbsttätigkeit der Par- 
teien beruhte, so war in ihm für eine Ver- 
tretung der Parteien vor Gericht durch 
Dritte kein Raum. Das persönliche Er- 
scheinen der Parteien konnte nicht ent- 
behrt werden: jeder mußte selbst seine 
Sache verfolgen; nur wer unter dauernder 
Vormundschaft stand (was bei selbst- 
mündigen Personen dann der Fall war, 
wenn sie sich unter die Schutzherrschaft 
eines Herrn begaben), wurde von dem 
Vormund vor Gericht vertreten. Auch 
darin stimmt der altgermanische und der 
Prozeß der Volksrechte mit dem alt- 
römischen Prozeß überein. Die langsame 
Abwendung von diesem ursprünglichen 
Rechtszustand nahm ihren Ausgang in 
der königlichen Gewalt. Der fränkische 
König konnte durch Privileg einer Partei 
die Befugnis erteilen, sich einen gericht- 
lichen Stellvertreter zu bestellen, entweder 
für einen bestimmten Rechtsstreit oder 
allgemein. Die Bestellung geschah in 
rechtsförmlicher Weise, indem der Privi- 
legierte dem Vertreter (ahd. muntporo, 
davon später momber; mlat. advocatus, 
mandatarius) die Anwaltschaft durch münd- 
liche Erklärung und Übergabe eines Stabes 
{festuca) übertrug {laisowerpitio) , worüber 
eine königliche Urkunde aufgenommen 
wurde. Solche Privilegien pflegten den 
Grafen und den unmittelbaren königlichen 
Vasallen gewährt zu werden. Auf be- 
sonderen Grundsätzen beruhte es, wenn 
bei den Franken unter den Merowingern 
und bei den Langobarden die Bischöfe 
und Äbte auf Grund entweder allgemeiner 
oder besonderer königlicher Privilegien, 
und wenn unter den Karolingern alle 
Geistlichen in Rechtsstreitigkeiten durch 
die kirchlichen Vögte (advocati, agentes, 
defensores, causidici, mandatarii usw.) ver- 



treten wurden, woraus sich später das 
lebenslängliche Amt des Kirchenvogts ent- 
wickelte. Außerdem konnte im Königs- 
gericht jederzeit eine prozessualische Stell- 
vertretung auch einer solchen Partei zu- 
gelassen werden, die kein allgemeines 
königliches Vertretungsprivilegium besaß. 

§ 2. Vorsprecher. Verschieden 
von den erst später sich verbreitenden An- 
wälten sind die schon in der fränkischen 
Zeit üblichen Vorsprecher (ahd. furisprecho, 
fries. forspreka, ags. forespeca, mlat. prolo- 
cutor, narrator, orator, causidicus), Hilfs- 
personen, zu deren Verwendung der strenge 
Formalismus des Verfahrens, insbesondere 
die Unwandelbarkeit des gesprochenen 
Wortes, zwingenden Anlaß gab. Wie aus 
den übereinstimmenden Sätzen des späteren 
deutschen, langobardischen (wo das In- 
stitut am frühesten ausgebildet wurde), 
des französischen und anglonormannischer, 
Rechts entnommen werden kann, vertrat 
schon in fränkischer Zeit der Vorsprechen t- 
dessen Vorkommen sich bis in das 6. Jahrh. 
verfolgen läßt, nicht wie der Anwalt die 
nicht erschienene Partei, sondern die vor 
Gericht anwesende Partei; er stand neben 
ihr, um auf Grund der von ihr erteilten 
Vollmacht das Wort der Partei zu sprechen, 
so wie es ihm aufgetragen worden war. 
Da sein Wort erst dann als Wort der 
Partei galt, wenn es die Partei als solches 
ausdrücklich anerkannt hatte, so konnte 
ihn die Partei desavouieren, was ihr die 
Möglichkeit gab, sich von einem etwa vor- 
gefallenen Fehler zu erholen, ihr Wort zu 
bessern, zu wandeln, für ihn aber die Folge 
hatte, daß er, weil er nicht das Wort der 
Partei, sondern sein eigenes gesprochen 
hatte, in eine Buße wegen unbefugter 
Rede verurteilt wurde. Mußte nach ur- 
sprünglichem Recht der Vorsprecher jedes- 
mal auf Antrag der Partei vom Gericht 
ernannt werden — er konnte aus der 
Reihe der Urteilfinder genommen werden — , 
so setzte im 9. Jahrh. eine Entwicklung ein, 
die aus der Fürsprechertätigkeit ein Ge- 
werbe machte. 

Die Unterscheidung von Vorsprechern 
(prolocutores) und Anwälten (procuratores) 
scheint lediglich dem angelsächsischen 
Recht gefehlt zu haben: der selten er- 
wähnte ags. forespreca bedeutet einen sein 



112 



APFEL 



eigenes Wort sprechenden Bevollmäch- 
tigten oder Vormund, nicht einen ,, Vor- 
sprecher" im angegebenen Sinn; noch 
im 10. Jahrh. war der angels. Vorsprecher 
ungeschieden sowohl das willenlose Mund- 
stück der Partei [avantparlier) wie auch 
der bevollmächtigte stellvertretende [pro- 
cureur) und verteidigende Anwalt (später 
attornatus)] auch hier war die Stellver- 
tretung im Volksgericht versagt, nur im 
Königsgericht erlaubt (Liebermann). In 
Deutschland ist jene Unterscheidung schon 
im MA. verwischt worden, dagegen hat 
sie sich im französischen, normannischen 
und dem auf dessen Grundlage sich ent- 
wickelnden modernen englischen Recht 
erhalten; noch heute unterscheidet die 
französische und englische Jurisprudenz 
zwischen avocat, advocate und counsel 
einerseits, avoue, attorney und sollicüor 
andererseits. 

B r u n n e r DRG. 2,349 ff. und aus der dort 
angeführten Lit. insbesondere B r u n n e r 
Die Zulässigkeit der Anwaltschaft im französ., 
normann. u. engl. Rechte des MA., Zeitschr. f. 
vergl. Rechtsw. 1(1878), 321 ff., wiederabgedruckt 
in den Forsch, z. Gesch. des deutschen u. französ. 
Rechts, Stuttgart 1894, 389. 443, Laß Die 
Anwaltschaft im Zeitalter der Volksrechte und 
Kapitularien, Breslau 1891 (Unters, z. deutschen 
Staats- u. Rechtsgesch. hg. von G i e r k e 39). 

R. Hübner. 
B. Norden. § 3. Berufsmäßige 
Anwälte kennt das anord. Recht nicht. 
Prozeßvollmacht war ursprünglich über- 
haupt nicht anerkannt. Doch gestattet 
die jüngere Rechtsentwicklung, für 
den einzelnen Fall Prozeßvollmacht zu 
erteilen [handsala sök, vorn). 

Brandt Forel. I 316. 317. II 410. v. A m ] - 
ra NOR. I 359 f. II 375. Matzen Forel. 
II 7 f- Th. W o 1 f f in Z. f. vergl. Rechtsw. 
VI I ff. K. Lehmann. 

Apfel. § I. Der Apfelbaum {Pirus 
malus L.) ist der einzige Obstbaum, der von 
den Germanen schon in vorrömi- 
scher Zeit kultiviert wurde 
(s. Obstbau 3). Seine Kultur reicht in 
Mittel- und Nordeuropa bis in die S t e i n - 
zeit zurück. In zahlreichen neolithi- 
schen und bronzezeitlichen Pfahlbauten der 
Schweiz und Oberitaliens sowie in zer- 
streuten vorgeschichtlichen Stationen 
Österreich - Ungarns, Deutschlands und 



Skandinaviens sind Äpfel in verschiedenen 
Größen und Mengen zutage gekommen 
(s. das Fundverzeichnis b. Neuweiler 
Prähist. Pflanzenreste y6 f.). Sie sind fast 
überall der Länge nach durchgeschnitten^ 
gedörrt und zum Teil in größeren Mengen 
als Wintervorrat aufbewahrt worden. Heer 
(Pflanzen d. Pfahlb. 25 f.) unterschied 
auf Grund der Funde in den schweizeri- 
schen Pfahlbauten zwei prähistorische 
Apfelsorten: einen kleineren Apfel mit 
großem Kerngehäuse und magerer Fleisch- 
hülle, der stark dem Holzapfel unsrer 
Wälder gleicht, und einen größeren Apfel 
mit dickerem Fleisch, den er für eine 
kultivierte Sorte hielt (Abb. 18, i — 6). Der 
erstere ist fast kugelrund, nur wenig breiter 
als hoch; er hat in getrocknetem und ver- 
kohltem Zustande eine Höhe von 15 bis 
24 mm und einen etwa 3 mm größeren 
Ouerdurchmesser. Das Kerngehäuse nimmt 
mit einem Durchmesser von bis zu 13 und 
15 mm einen beträchtlichen Teil der Frucht 
ein. Der größere Apfel hat zwar die gleiche 
runde Form wie der kleinere, aber eine 
Höhe von 29 — 32 mm und einen Quer- 
durchmesser von bis zu 36 mm. Ein ähn- 
liches Verhältnis zwischen einer kleineren 
und größeren Sorte konstatierte Sordelli 
bei Äpfeln aus der steinzeitlichen Nieder- 
lassung von Lagozza (Gemeinde Besnate, 
Prov. Mailand), indem er bei einem Exem- 
plar 17 mm Länge und 19 mm Breite,, 
bei einem andern aber 19 Länge und 2/ 
Breite maß (s. Buschan Vorgesch. Bot. 
170 f. 267). Zwei Äpfel aus den bronze- 
zeitlichen ■ Pfahlbauten des Neuenburger 
Sees hatten nach De CandoUe (Urspr. 
d. Kulturpfl. 293) 17 bzw. 22 mm im Längs - 
durchmesser, während Buschan (a. a. O. 
171) an bronzezeitlichen Äpfeln aus dem 
Pfahlbau von Bourget in Savoyen eine 
Länge von 17 — 18 und eine Breite von 
17 — 20 mm feststellte. 

Im J. 1909 hat dann Frödin auch in dem 
steinzeitlichen Pfahlbau von Alvastra in 
Östergötland in Schweden Äpfel von ver- 
schiedener Größe nachgewiesen (Abb. 19; 
Bericht im Mannus 2, 142; 1910). Fund- 
umstände wie Größenverhältnisse stimmen 
auffallend mit denen der schweizerischen 
Funde überein. Die gut erhaltenen, ver- 
kohlten Früchte sind in reifem Zustande 



APFEL 



113 



eingesammelt, halbiert, gedörrt und augen- 
scheinlich als Wintervorrat aufbewahrt 
worden. Das Verhältnis zwischen Länge 
und Breite betrug bei sieben Äpfeln, 
die von Thorild Wulff genauer gemessen 
wurden: 20 : 22, 20 : 24, 23 : 22, 23 : 24, 
25 : 24, 28 : 32, 30 : 34 mm. Die fünf 
ersteren würden nach Wulff (Mannus 2, 
143) dem kleineren, die beiden letzteren 
dem größeren Pfahlbauapfel Heers ent- 
sprechen; doch ist zu beachten, daß der 
Unterschied in den Dimensionen der Al- 



rild Wulff, der schon früher (Vära Frukt: 
träds äldsta Hist. 4) den größeren Apfel 
der Schweizer Pfahlbauten für einen un- 
zweifelhaften Kulturapfel erklärt hatte, 
hält es nach genauer Untersuchung der 
Äpfel von Alvastra sehr wohl für möglich, 
,,daß das Steinzeitvolk in der Nähe seines 
Wohnplatzes die mehr großfrüchtigen In- 
dividuen des wilden Apfelbaumes, die es 
auf seinen Fahrten in den Wäldern ent- 
deckt, eingepflanzt hat", und daß ,,wiir 
es hier mit den ersten Versuchen des 




Abb. 18. Obst- und Beerenfrüchte der schweizerischen Pfahlbauten. Nach Heer. 
I — 4 Kleinere Äpfel, a b Kerne, c Stiel. 5, 6 Größere Äpfel. 7. Birne. 8 a Erdbeersame, 
vergrößert. 8 b Wasser-Ranunkel, vergrößert. 9 Himbeersame, 4fach vergr. 10. Brombeer- 
same, vergr. 11 Kern der Weinbeere, a b nat. Gr., c vergr. 12 Kornelkirsche. 13 Felsen- 
kirsche {^Prunus niahaleb), a b von Castione bei Parma, c d von Robenhausen. 14 Trauben- 
kirsche (/*;-. padus), a b mit rundem Stein v. Robenhausen, c mit länglichem Stein v. Concise. 

15 Schlehe. 16 Pflaume, a Bauch-, b Breitseite, c Rückenfurche. 17, 18 Kirsche. 



vastra-Äpfel nicht so groß ist wie bei den 
Heerschen Typen. 

§ 2. Daß wir in dem größeren 
dieser steinzeitlichen Pfahlbauäpfel eine 
kultivierte Sorte zu erblicken ha- 
ben, ist angesichts seiner Größenverhält- 
nisse im Vergleich zu denjenigen des Holz- 
apfels unsrer Wälder nicht zweifelhaft 
und wird, seit Heer zuerst diese Ansicht 
aussprach, heute wohl allgemein ange- 
nommen (vgl. De CandoUe aaO. 293; 
Buschan Vorgeschichtl. Bot. 171 ff.; Hoops 
Waldb. u. Kulturpfl. 299. 336). Auch 
Frödin tritt dieser Ansicht bei, und Tho- 

Hoops, Reallexikon. I. 



Obstbaues in Schweden zu tun haben" 
(Mannus 2, 144; 1910). 

§ 3. Es fragt sich, wie es mit der klei- 
neren Sorte steht. Wenn wir die obige 
Zusammenstellung der Größen Verhältnisse 
mustern, so drängt sich uns allerdings 
zunächst die Beobachtung auf, daß sich 
die Minimaldimensionen des kleinen Pfahl- 
bauapfels ungefähr mit denjenigen des 
heutigen Holzapfels decken, der im frischen 
Zustande etwa 17 mm lang und 22 breit ist 
(De Candolle 293). Aber sehen wir genauer 
zu, so zeigt es sich, daß die angegebenen 
Maße für den kleineren der beiden Äpfel 

8 



114 



APFEL 



die des Holzapfels zum Teil nicht unwesent- 
lich übersteigen und sich denen des größe- 
ren Pfahlbauapfels nähern. N e u w e i 1 e r 
(Prähist. Pflanzenreste Mitteleuropas ']^\ 
1905) hat deshalb diese Unterscheidung der 
prähistorischen Äpfel in einen kleinen 
wilden Holzapfel und einen größeren 
Kulturapfel wohl mit Recht verworfen 
und beharrt, wie er mir unterm 25. März 
191 1 schreibt, auch nach den Ergebnissen 
der Alvastra-Funde bei dieser Ansicht. 
In den Größenverhältnissen gebe es zwischen 
den beiden Formen Übergänge, so daß eine 
Grenze zwischen den von Heer aufge- 
stellten Sorten ihm nicht zu bestehen 
scheint. Außer den Heerschen Angaben 
kommen nach seiner Mitteilung auch 



§ 4. Denn mit Neuweilers Nachweis 
dieser Zwischenstufen ist meines Erach- 
tens auch die umstrittene Frage nach der 
Herkunft des größeren Apfels entschieden. 
Heer (26) und nach der oben zitierten 
Äußerung auch Wulff nahmen an, daß er 
eine an Ort und Stelle aus dem Holzapfel 
durch Kultur erzielte und daher wohl saure 
Sorte war, während Buschan (171 — 173) 
in ihm ,,eine vom Osten her mit der Ein- 
wanderung der Pfahlbauern eingeführte", 
veredelte süße Sorte osteuropäischen oder 
asiatischen Ursprungs erblickte. Die durch 
Neuweiler nachgewiesenen Übergangsfor- 
men lehren, daß der größere Pfahlbauapfel 
tatsächlich aus dem Holzapfel abgeleitet 
ist, mit dessen Anbau also irgendwo in 




Abb. 19. Verkohlte Apfelschnitte von Alvastra, Schweden, »/i. Nach Frödin. 
a halbierter Apfel von dem größeren Typus, b c kleinere Apfelstücke 
mit Kernhaus-Wänden u. Samen, d e halbierte Äpfel von dem kleineren 
Typus. Die eingerollten Kanten bei ade zeigen, daß die Äpfel vor der Ver- 
kohlung an der Luft gedörrt worden sind. 



Übergangsformen mit einer Länge und 
Breite von 25 : 27, 25 : 28, 27 : 24, 27 : 29 
Millimeter vor. Und ich wies schon darauf 
hin, daß ebenso bei den Äpfeln von Alvastra 
der Abstand in den Dimensionen kein sehr 
großer ist. 

Neuweiler hält nicht nur den großen, 
sondern auch den kleineren Pfahlbauapfel 
für eine kultivierte Sorte, und das scheint 
auch mir jetzt das Wahrscheinlichste. 
Dafür spricht, wie früher bereits De Can- 
dolle (aaO.) betont hatte, sein reichliches 
Vorkommen in den Vorratskammern der 
Pfahlbauzeit, das durch Einsammeln wilder 
Holzäpfel aus den Wäldern allein kaum zu 
erklären ist; dafür sprechen weiter eben 
die Übergangsformen, die ihn mit dem 
allgemein als kultiviert anerkannten größe- 
ren Apfel verknüpfen. 



Europa selbst der Anfang gemacht sein 
wird. Doch darf man sich diese Kulti- 
vierung in jenen frühen Zeiten nicht als 
Veredlung durch Propfreiser denken; es 
kann sich wohl nur um Anpflanzung junger 
Bäume in gutem Boden und günstiger 
Lage in der Nähe der Wohnungen handeln, 
die jedenfalls aber für einen schon ver- 
hältnismäßig hohen Grad von Seßhaftig- 
keit bei jenen alten Völkern spricht (s. 
Agrarverfassung 3 u. vgl. Hoops Waldb. u. 
Kulturpfl. 335, 530; Wulff Fruktträds 
äldsta Hist. 4). 

§ 5. Zweifelhaft bleibt es, ob dieser 
Kulturapfel der Steinzeit die Ursorte der 
zahlreichen heutigen Apfelsorten darstellt, 
wie Heer vermutete. Vielleicht hat Engler 
(bei Hehn Kulturpfl. u. Haust. 7 615) recht 
mit seiner Ansicht, daß der europäi- 



APFEL 



115 



sehe Holzapfel an der Ausbildung der 
heutigen Kulturformen der Äpfel wenig 
beteiligt gewesen, daß diese vielmehr aus 
verschiedenen, wahrscheinlich asiatischen 
Stammpfianzen hervorgegangen seien. (Vgl. 
auch Thor. Wulff, Vära Fruktträds äldsta 
Hist. 4. 15 — 18.) Die Tatsache der stein- 
zeitlichen Apfelkultur als solcher wird 
durch diese Frage nicht berührt. 

§ 6. Die archäologischen Zeugnisse für 
das hohe Alter der Apfelkultur erhalten 
durch die Sprachforschung eine gewichtige 
Bestätigung: der gemeingerm. Name 
des Apfels gehört einer uralten, gemein- 
europ. Gleichung an: ahd. apful, afful m., 
mhd. nhd. apfel m., mnd. nnd. ndl. appel 
m. ; ags. ccppel m., me. appel ^ ne. apple\ 
anord. epli n., schwed. äpple, dän. ceble; 
krimgot. apel. Urgerm. wohl *ap[a)laz 
oder *ap[a)luz. Dazu ahd. affaltra, affoltra, 
apfoltra f., ags. apuldor m., apuldre f., 
anord. apaldr (gen. -rs, pl. -rar) m. Apfel- 
baum'. • — Urkelt. *ahallo- Apfel-, Obst- 
baum', ^ahallön- 'Obstgarten': gall. Aballo, 
das heutige Avalion 'Obstgarten' [})\ 
air. abhalf ubhal, mir. ab all, üb all, ubull f., 
gäl. ubhal 'Apfel'; akymr. aballen, nkymr. 
afallen, körn. bret. auallen dass. — Lat. 
Abella, Name einer obstreichen Stadt in 
Campanien, zu beurteilen wie ähnliche 
germ. Ortsnamen: nhd. Affoltern, ndl. 
Apeldoorn, ags. cet Apuldre, ne. Appledore; 
vgl. Hoops Waldb. u. Kulturpfl. 477 ff. ; 
Walde EWb.2 sv. Abella; Meillet ebd. — 
Balt. -slav. Sprachen: lit. öbälas, lett. 
äbols, preuß. woble, wabelko ; akslav. abUiko, 
jablüko, nslov. jabelko, jabolko, bulg. ablüka, 
jablüka, czech. jablo, jablko, russ. jabloko 
'Apfel'; dazu lit. öbelis, lett. äbele, preuß. 
wobalne, akslav. ablani, jablani, russ. 
jdbloni usw. 'Apfelbaum' (Miklosich 
EWb. i). Diese weit verbreitete, durch 
Ablaut und german. Lautverschiebung 
als uralt gekennzeichnete Namensippe (idg. 
*äbolos) beweist, daß der Apfel den indo- 
germ. Völkern schon der in Urzeit bekannt 
war. Daß es sich dabei um den Kultur- 
apfel, nicht den Holzapfel handelte, wird 
einmal durch die archäologischen Funde 
von Kulturäpfeln aus neolithischer Zeit, 
sodann aber durch die Tatsache erwiesen, 
daß der Apfel die einzige Obstart war, 
für die sich beim Eindringen der römischen 



Obstkultur in den ersten Jahrhunderten 
nach Chr. der altangestammte Name be- 
hauptete: ein Zeichen dafür, daß die Ger- 
manen bereits einen Apfel kannten, der 
sich von dem römischen nicht sehr wesent- 
lich unterschied (Hoops Waldb. u. Kul- 
turpfl. 480). 

§ 7. Die meisten der mittelalter - 
liehen Apfelsorten sind jeden- 
falls mit den übrigen Obstarten durch die 
Römer nach dem Norden gebracht wor- 
den. Zu Plinius' Zeit kannten die Belgier 
schon eine besondere kernlose Art von 
Äpfeln, mala spadonia (Nat. Hist. 15, 51). 
Im Capitulare de villis Karls d. Gr. von 
812 wird eine ganze Anzahl von Apfel- 
Sorten aufgeführt, die wir freilich heute 
nicht mehr identifizieren können (Kap. 70) : 
gozmaringa, geroldinga, crevedella, spirauca, 
dulcia, acriores, omnia servitoria, et subito 
comessura primitiva (vgl. v. Fischer- Benzon 
Altd. Gartenfl. 145. 183 f.). 

§ 8. Auch in dem angelsächs. 
Arzneibuch Balds (H 2, 2; Cockayne 
Leechd. H) aus dem 10. Jh. ist von man- 
cherlei Apfelsorten [manigfeald ceppelcyn) 
die Rede; bestimmte Sorten werden nicht 
genannt, es wird in den literarischen 
Quellen nur zwischen süßen, süßsauern 
und sauern Äpfeln [swete oder milisc, 
surmihc und sur ceppel) unterschieden. 

§ 9. In den altnorweg. und a 1 1 - 
schwed. Gesetzessammlungen werden 
Äpfel (anord. epli, cepli) und Apfelgärten 
[eplagarär, epligarär) häufig erwähnt und 
in den Schutz des Gesetzes gestellt. (Vgl. 
Wulff Fruktträds äldsta Hist. 20 — 22.) In 
dem Erlaß Kg. Hakon Magnussons v. 14. 
Nov. 13 16 ist von einem königlichen Apfel- 
garten in Bergen die Rede (Norges Gamle 
Love III S. 122). Sogar in der isländischen 
Jonsbok (1281) finden sich Verordnungen 
zum Schutz von Apfelgärten, woraus frei- 
lich kaum auf einen umfassenderen Anbau 
von Apfelbäumen auf Island in jenen Zeiten 
geschlossen werden darf. Bemerkenswert 
endlich ist auch die Rolle, die der Apfel 
im nord. Mythus spielt: die Goldäpfel 
der Idun und die elf goldnen Äpfel, mit 
denen Freyr um Gerd wirbt, — allerdings 
vielleicht Motive, die den antiken Hespe- 
ridenäpfeln und den biblischen Lebens- 
baumäpfeln nachgebildet sind. 



Ii6 



APOTHEKE— APSIS 



Heer Pflanzen d. Pfahlbauten 25 f. (1865). 
. A. DeCandolle Ursprung ds Kulturpflanzen 

290 — 294 (1884). B u s c h a n Vorgeschichtl. 

Botanik 166 — 173 (1895). H o o p s' Waldb. u. 

Kulturpfl. 299. 336 f. 399. 454. 477 ff. 540. 604. 

647. (1905). E. Neuweiler Die prähistor. 

Pflanzenreste Mitteleuropas y Zürich 1905, S. 75 

— 77. Thorild Wulff Ur Vdra Fruktträds 
- Aldsta Historia. Stockholm 1906. F r ö d i n 

Mannus 2, 142 — 145 (1910). 

Johannes Hoops. 

Apotheke, Apotheker. Die Arznei- 
bereitung, selbst bis zu den destillierten 
Wässern, war zunächst in den Händen 
der Frauen, mit Ausnahme natürlich der 
Männerklöster, wo bald auch schon Arznei - 
■bereitung für außerhalb des Klosters 
Wohnende zu beobachten ist. Vor dem 
J. 1000 ist im germanischen Kulturgebiet 
ein selbständiges Apothekenwesen nicht 
nachweisbar. Der gelehrte Arzt von 
römisch-griechischer Bildung bereitete seine 
Arzneien selbst, soweit er dies nicht den 
Angehörigen des Kranken nach seinen 
Anweisungen überlassen konnte. Der 
Klosterarzt verwahrt seine pigmenta ac medi- 
camenta, seine getrockneten Kräuter usw. 
in einem besonderen Gelaß, das als arma- 
rium pigmentorum auf dem Bauriß von 
820 des Klosters von St. Gallen bezeichnet 
ist und dort unmittelbar neben den Wohn- 
räumen des Arztes [domus medicorum) 
liegt. Offenbar befanden sich dort Gestelle 
mit Fächern an den Wänden ringsum; 
denn armarium heißt ursprünghch ein 
solches Gestell. Das war also der Vorrats- 
raum, in welchem man gelegentlich auch 
das Zusammenmischen der Arzneimittel 
und andere einfache Maßnahmen erledigte, 
während man zum Kochen der Arznei- 
tränke den Herd benutzte, der in der Mitte 
des größeren (Wohn-) Raumes der Ärzte 
stand. Das armarium mit seinen frischen 
und getrockneten Arzneikräutern könnte 
man wohl als die Klosterapotheke be- 
zeichnen, zumal das Wort apotheca (diro- 
^VjxT]) schon bei C o 1 u m e 1 1 a ein Grün- 
zeuglager bedeutet. Die Kräuter selbst 
zog man in den Kräutergärten des Klosters 
(herbularius) , der in St. Gallen 16 Kräuter- 
bete haben sollte, während Walafried 
auf der Reichenau deren 23 anpflanzte und 
Karl d. Gr. deren 73 anzubauen anordnete. 
Daß zB. aus der St Galler Klosterapotheke 



schon im 9. Jahrh. Arzneien auch nach 
auswärts versendet wurden, beweisen die 
Formulare mit ihren Briefen, aus denen 
sich ergibt, daß Mitteilungen wie pigmenta 
ac medicamenia, quae vobis congrua puto, 
vestrae dilectioni dirigere curabo (MGL. 
Sect. V. I 421 Nr. 39) dem YAosttr -medicus 
geläufig waren, ja daß man auch Patienten 
königlichen Blutes mit aromata et unguenta 
et pigmenta medicabilia versah, quorum 
odore, delibatione et sapore delcctati diu 
vivere debeatis. Für städtische Anstalten 
ähnlich unseren heutigen Apotheken kommt 
der Name erst im 13. Jahrh. auf, ebenso 
der apothecarius, der Jahrhunderte lang 
in Personalunion mit dem Arzt vielfach 
verbunden blieb, indem die Kräuter- 
kammer des Landarztes die Apotheke 
bildete (apotheca, krudhusz, krauthausz^ 
später specery gaden). Im germanischen 
Norden sind Apotheken weit später nach- 
zuweisen, in Kopenhagen zB. zum ersten- 
mal 1465, in Schweden 1552, in Nor- 
wegen 1588. 

M. Heyne Hausaltert. I 298. II 87 u. 380. 
III 198 ff. K. B a a s Gesch. d. mittelalt. Hlkst. 
im Bodenseegebiet; Arch. f. Kult. Gesch IV 
(1906) S. 140 f. 146. K. B'aas mittelalt. Gesdhtspif. 
in Baden, Hdlb. Njhrsbl. 1909 S. 9. 72. 73. 
Grön Altnord. Hlkde, Janus 1908. S.-A. 
S. 147 f. Schelenz Gesch. d. Pharm. 298 ff. 
Berendes Das Apothekenwesen 1907, S. 72ff. 

Sudhoff. 
Aprikose. Die Kulturgeschichte der A. 
(Prunus armeniaca L.) verläuft mit der- 
jenigen des Pfirsichs (Prunus persica 
Bentham u. Hook) ziemlich parallel; und 
da sie im MA. meist zu den Pfirsichen 
gezählt Wurde, wird sie am besten mit 
diesen gemeinsam behandelt; s. Pfir- 
sich. Hoops. 
Apsis, griech. dtj^i? oder a^k, lat. tribuna, 
tribunal, exedra, concha, nhd. Chornische; 
der meist östhch gelegene Ausbau der 
Kirchen, für den Altar bestimmt, ge- 
wöhnlich im Grundriß halbkreisförmig und 
dann fast immer mit einer Halbkuppel 
überwölbt; häufig mehr als halbkreis- dh. 
hufeisenförmig (Disentis 8. Jahrh. und 
Münster 9. Jahrh., Schweiz; Germigny-des- 
Pres, Frankreich; S. Miguel de Escalada, 
Spanien). In letzterem Falle häufig drei- 
fach nebeneinander, den drei Schiffen 
entsprechend; so bei den beiden letzt- 



ARATRUM— ARCHIDIAKON 



117 



genannten Beispielen; bei den ersten zu 
dreien vor einem breiten Schiffe. In 
vielen Fällen ist die Altarnische recht- 
eckig, besonders häufig in Spanien. So 
schon an der Kirche S. Juan Bautista zu 
Bafios, erbaut 661 von König Reccesvinth; 
auch einst im Aachener Münster. Von 
innen sechseckigem, außen trapezförmigem 
Grundriß an St. Jean zu Poitiers, einem 
Merowingerbau. 

Bei den Angelsachsen und im hohen 
Norden ist das Altarhaus fast stets recht- 
eckig und durch einen oft ganz engen 
Chorbogen gegen das Schiff abgegrenzt. 

Später 
wurde die [ M 

halbrunde 
Apsis gern 
durch einen 
rechteckigen 
Raum(Chor- 
quadrat) ge- 
gen dasQuer- 
schiff oder 
Schiffzuver- 
längert, so 
daß sich seit- 
lich Wände, 
offenbar für 
die Sitze der 

Geistlich- 
keit, erga- 
ben. Soin der 
Stiftskirche 
zu Gernrode 

(a. 961). 
S. Abb. 20. 
D e h i o u 





(ji eTTTiu][n.v-de6-TVe6 



Abb. 20. Apsidenformen 



Aratrum als 



B e z 1 d Kirchl. Bauk. I 92. 
A. Haupt. 

Feldmaß so viel Land, 
als an einem Tage mit einem Pflug geackert 
werden kann, in diesem Sinn gleich- 
bedeutend mit Joch (s. d.). Helmoldi 
Chronica Slavorum I 12: Abgaben der 
Obotriten statt des Zehnten ,,de quolibet 
aratro . . . Sclavicum vero aratrum par 
boum aut unus conficit equus". Gleich- 
bedeutend mit Aratrum werden bisweilen, 
auch aratio und aratura gebraucht. Du 
Cange s. v. 

A. Luschin v. Ebengreuth. 

Archidiakon. Der A. (ags. cercediacon^ 
aschw. cerchidicekn, wnd. erkedjäkn) ist der 



erste der Diakone im Stift der Kathedral- 
kirche. Im ordo unter dem Archipresbyter (s. 
Erzpriester) überragte er doch diesen an 
Bedeutung infolge seiner mehr nach außen 
gerichteten Tätigkeit. Diese umfaßte 
nach ständiger Erweiterung die auf Visi- 
tationsreisen ausgeübte Aufsicht über den 
ganzen Sprengel oder doch, seit dem Vor- 
kommen mehrerer A. im 9. Jahrb., eines 
bestimmten Sprengelteiles über Klerus und 
Kirchen, aber auch über die Stifts- 
mitglieder, ferner die Leitung des Unter- 
richts der ordines minores und der Armen- 
pflege, endhch die Verwaltung des Kirchen - 

gutes. Sie 
tritt immer 
mehr in den 

Vorder- 
grund, die 
Befugnisse 
des A.s wer- 
den ihm aus 

eignem 
Recht, nicht 
mehr als 

Mandatar 
des Bischofs, 
bisimio.und 
1 1 . Jahrh. in 
Deutschland 
(nicht so in 

Westfran- 
ken) plan- 
mäßig die 

Pfarreien 
und Deka- 
nate eines 
Gaus oder auch mehrerer Gaue zu Archi- 
diakonaten (archidiaconatus) zusammen- 
gefaßt wurden und der diesen vor- 
stehende Archidiakon fast völlig zu einem 
selbständigeren Gehilfen und Vertreter 
des Bischofs in der Verwaltung der Diö- 
zese und insbesondere in der Abhaltung 
des Sendgerichts sich ausbildete; nur 
äußerlich verschieden sind die nicht mit 
den Gauen zusammenfallenden, sondern um 
die Sendgerichtsdingstätten organisierten 
sächsischen Archidiakonate. Dieses neue 
Amt wurde an den Dompropst oder einen 
andern Domherrn verliehen. Im Dom- 
kapitel nimmt daher der bischöfliche Archi- 
diakon in der Regel die Stellung des 




Mtinsftr Cgrroiij.) 



Ii8 



ARCHIV 



praepositus ein (s. Kapitel). — Bei den 
Angelsachsen wird ein Archidiakon zum 
erstenmal 803 erwähnt; doch lassen die 
Quellen nur wenig über seine Stellung vor 
der Eroberung ersehen, wenn er auch als 
Aufsichtsbehörde der niederen Kleriker und 
gegenüber diesen mit Befehlsgewalt aus- 
gestattet erscheint. — In den skandinavi- 
schen Ländern hatte die späte Ausbildung 
der Kapitel (s. d.) zur Folge, daß sich das 
Amt des A. erst Ende des 12. und in der 
ersten Hälfte des 13. Jhs., zum Teil in 
Konkurrenz mit dem des praepositus ent- 
wickelte. Den Beginn scheint noch kurz 
vor 1200 Norwegen (Nidarös) gemacht zu 
haben, während z. B. das schwedische 
Kapitel zu Strängnäs erst 1381 einen A. 
erhielt. 

Hauck KG. II 720 f., 734- Stutz KR. 
833 (mit Lit.). Hins Chi US KR. II 88. 
~ 183 ff. Werninghoff Kirchenverfassung 
79. L o e n i n g Kirchenrecht II 333- B a u m - 
garten Gesch. u. Recht des Archidiakonais 
d oberrheinischen Bistümer. Leder D. Dia- 
konen d. Bischöfe u. Presbyter. Holtzmann 
Franz. VG. 149 f. 1 59. M a k o w e r Verfassung 
d. Kirche v. England 328 f. L u n d q u i s t (s. 
Kapitel) 54 ff. 61 ff. Maurer Vorlesungen 

II 174 f. H i 1 d e b r a n d Sveriges Medeltid 

III 138 f. R e u t e r d a h 1 Svenska Kyrkans 
Hisioria II 1,227 f. 1X2,378«. Helveg De 
danske Domkapitlen. v. Schwerin. 

Archiv. A. Deutschland. § i. Wäh- 
rend die Päpste jene Fürsorge fortsetzten, 
die im römischen Reich der Aufbewahrung 
von Urkunden und Akten zugewendet war, 
während in romanischenGebieten überhaupt 
in der Hinsicht römische Institutionen teil- 
weise erhalten blieben, ist bei den germa- 
nischen Völkern lange von geordneten 
Archivverhältnissen keine Spur zu finden. 
Erst in dem Maße, als die Urkunde im 
germanischen Gesellschaftswesen Bedeu- 
tung zu gewinnen begann, sind gewisse 
Anfänge zu beobachten. Sorgfalt hat man, 
wie die Variae Cassiodors zeigen, den 
armaria quae continent monumenta car- 
tarum am ostgotischen Hof zugewandt; 
auch bei den Langobarden und Westgoten 
ist eine offizielle Aufbewahrungsstelle wich- 
tiger Dokumente bezeugt, ohne daß aller- 
dings Reichtum und Ordnung zu erwarten 
wäre. 



§ 2. Die Merowinger haben wichtige 
Archivalien in einem Schrein der Schatz- 
kammer aufbewahren lassen (Greg. Tur. 
10, 19: scripta... in regestum (= the- 
saurus) Chilperici regis in unum scrinium , . 
pariter sunt repertd). Des archivium palatii, 
archivium imperatorium oder des armarium 
palatii, palatinum scrinium wird in karo- 
lingischer Zeit wiederholt gedacht. Man 
hat dabei, wenigstens manchmal, bereits 
eine Unterscheidung getroffen zwischen 
den Archivalienstellen, welche den laufen- 
den Geschäften dienten, und den mehr 
außerhalb des Geschäftsbetriebs befind- 
lichen Aufbewahrungsorten. Im Jahre | 
794 wird einmal angeordnet, daß 3 Exem- 
plare eines wichtigen Erlasses anzufertigen 
seien, eines, um in der Pfalz zurückzublei- 
ben, das andere, um dem besonders 
interessierten Tassilo übergeben, das 
dritte, um in der Pfalzkapelle aufbewahrt 
zu werden [Cap. i, 74 Nr. 28 c. 3). Das ini 
der Pfalz zurückbehaltene Exemplar wurde, 
wie aus andern Nachrichten zu entnehmen 
ist, dem Kanzler überwiesen. Und so 
bestimmt auch Karl H. im Jahre 853 
es sollen Kapitularien der Vorfahren de 
scrinio nostro vel a cancellario nostro zur 
Einsicht eingefordert werden {Cap. 2 
274 Nr. 260 c. 11). Wie ungenügend frei 
lieh damals die Sammlung der Archivalien 
am Hofe gewesen sein muß, ist aus der 
Lückenhaftigkeit der von Ansegis ange- 
legten privaten, aber offiziell benutzter 
Sammlung der Kapitularien zu ersehen 
§ 3. Unter Karl und Ludwig d. Fr. sine 
die Verhältnisse sicher besser gewesen ah! 
später, da nicht mehr Aachen fester SitJ 
der Reichsregierung war. Zusammen mi^ 
andern Schätzen (archivum hatte auch di' 
Bedeutung 'Schatz') sind manche Akten 
stücke aufbewahrt worden, an ein Reichs 
archiv aber ist erst im späteren Mittelalte 
zu denken. Nur die Kirchen haben in al 
den Jahrhunderten, auch in der Period 
des Zurücktretens der Urkunden, in de 
2. Hälfte des 9., im 10. und ii. Jh., di 
Fürsorge für Urkunden und Akten nich 
aufgegeben. Wenn auch die Nachrichtei 
daß Abt Ansegis v. S. Wandrille ein 
domus cartarum erbauen ließ, daß in R^i"^ 
ein archivium ecclesiae tutissimis aedifici\ 
bestand, nicht verallgemeinert werden düj 



ARCOSOLIUM— ARIANISMUS 



119 



fen, so haben Hochstifter und Klöster 
regelmäßig an mehreren Orten ihre Archi- 
valien, oft zusammen mit kostbaren Hand- 
schriften oder andern Wertstücken, be- 
hütet. Und ihnen wurden, mitunter 
wenigstens, auch Archivalien Weltlicher 
anvertraut. Erst lange nachdem die Ur- 
kunde in Deutschland ihren allgemeinen 
Wert im Gemeinschaftsleben gewonnen 
hatte, erst seit dem 13. Jh., sind die Welt- 
lichen, die Fürsten und die Städte, zur 
Anlage von Archiven gelangt. 

H. Bresslau Handb. d. Urkundenlehre I 
(1889) 120 ff. Wattenbach Schriftwesen 
im MA. 3 627 ff. G. Seeliger 

B. England u. Norden. §4. Die 
Anfänge des 1578 eingerichteten eng- 
lischen State papers office sind nicht 
untersucht. Doch besteht Wahrscheinlich- 
keit, daß schon Äthelred eine Kanzlei hatte 
und für Edward den Bekenner ist das nach- 
zuweisen. Der Kanzler aber verband mit 
der Aufbewahrung des königlichen Siegels 
vielleicht auch die von Urkunden und 
Gesetzestexten (Originalausfertigungen). Es 
fehlen aber auch nicht Anhaltspunkte für 
eine Aufbewahrung von Gesetzen wenig- 
stens durch den Schatzmeister. 

L a r s o n The kings household in England 
132 ff. 143 ff. S t u b b s Consta. Hist. I^ 380 ff. 
Liebermann Gesetze d. Angelsachsen I, XV. 
§ 5. Ein ausgebildetes Archivwesen ist 
vor 1200 im Norden nicht zu finden. 
Es bestanden aber im 13. Jh. in jedem 
der skandinavischen Länder Kanzleiämter 
und Kanzleien, wurden auch ebenda Listen 
und Aufzeichnungen geführt, vermutlich 
auch Abschriften wichtigerer Schriftstücke 
zurückbehalten, doch alles nur in einem 
Umfang, daß eine Truhe (aschw. kista 
anw. kista) zur Aufbewahrung der Schrift- 
stücke völlig genügte. 

Jergensen Udsigt over de danske Rigs- 
archivers Historie, iff. Hildebrand Sveriges 
Medeltid Uno. Taranger Udsigt II, i, 
214 f. V. Schwerin. 

Arcosolium : bogenüberwölbte recht- 
eckige Wandnische aus altchristlicher Zeit, 
als Grabmal zur Aufnahme eines Stein- 
sarges bestimmt. So war aller Wahr- 
scheinlichkeit nach im Münster zu Aachen 
für den antiken Sarkophag Karls d. Gr. 
ein Wandbogen rechts vom Choreingange 
errichtet. 



J. Buchkremer Das Grab Karls des 
Großen^ Zeitschr. d. Aachener Gesch.-Ver. 1907. 

A. Haupt. 

Arianismus, germanischer. § i. 
Als die erste, wesentlich ostgermanische^ 
gotische Stufe des germanischen Christen- 
tums ist der germanische Arianismus seiner 
Ausbreitung nach unter ,, Bekehrungs- 
geschichte" behandelt (s. d.). Sein Wesen 
ist aber durch den Hinweis auf die be- 
kannte Christologie des alexandrinischen 
Presbyters Arius (f 336), der nach dem 
Vorgang der Westgoten die ihnen nahe- 
stehenden Stämme beigefallen seien, so 
wenig hinreichend bezeichnet, wie die 
Geschichte seiner weiten Verbreitung und 
seines langen Bestandes genügend da- 
durch erklärt, daß eben damals, als die 
Westgoten ins oströmische Reich ein- 
brachen, die kaiserliche Regierung des 
Valens arianisch war. Vielmehr ist darin 
nur Anknüpfung und Anlaß für eine eigen- 
artige Ausprägung des kirchlichen Lebens 
zu erblicken, die, durch die enge Ver- 
bindung des Christlichen und Germanischen 
hergestellt, es erst ganz rechtfertigt, von 
einer ersten Stufe des germanischen 
Christentums zu reden. 

§ 2. Das dogmatische, speziell christo- 
logische Bekenntnis ist wie schon das des 
Ulfilas eine Abart des eigentlichen Arianis- 
mus, die besonders im Klerus der Donau- 
länder heimisch war und staatsklugen 
Kaisern besonders empfehlenswert erschien, 
weil sie die athanasianische Wesensgleich- 
heit des Sohnes mit dem Vater nicht wie 
Arius selbst durch eine noch kompHziertere 
Begriffsbestimmung, sondern durch die neu- 
trale, mehrdeutige Formel ojaoio?, d.h. gleich 
oder ähnlich, xo) Tiaipi ersetzte, und 
ihren Widerspruch gegen die ,,Nicaener" 
oder ,,Athanasianer" durch den Rück- 
gang auf die Schrift begründeten. Nachdem 
dieser ,, Arianismus", der auf der 4. Synode 
zu Sirmium 357 präzis formuliert war, 
durch Kaiser Constantius 359/60 auf den 
Synoden zu Ariminum — Konstantinopel ge- 
waltsam durchgedrückt und also zu einer 
ökumenischen Entscheidung emporgehoben 
worden war, vermochten die germanischen 
Eroberer, die ihn annahmen, sich als die 
eigentlich ,, Rechtgläubigen", die athanasi- 
anischen Römer aber als Ketzer zu be- 



120 



ARIANISMUS 



trachten und so einen germanisch-ariani- 
schen,,Katholizismus"anzubahnen, der sich 
einerseits als Kampfmittel gegen die Römer, 
andererseits als Bindemittel der germani- 
schen Völker den politischen Zwecken der 
Eroberung und des Zusammenschlusses 
dienstbar machen ließ. Noch 589 mußten 
beim Übertritt der Westgoten zum Katholi- 
zismus die arianischen Bischöfe das Arimi- 
nense abschwören. Die eigene exegetisch- 
dogmatische Produktion war dabei immer 
geringer geworden. 

§ 3. Der Sieg der Athanasianer durch 
Theodosius 381 und die Unterdrückung 
jedes, auch des homöischen Arianismus 
im Reiche isolierte den germanischen 
Arianismus, der sich dennoch oder viel- 
leicht gerade deshalb rapide von den 
Westgoten aus zu den Stammverwandten 
verbreitete. Beim Zug in das Westreich, 
in dem ein anderer, römischer Arianismus 
überhaupt fehlte, wurde er vollends zur 
spezifisch germanischen Konfession, nahm 
je länger je mehr nationales Gepräge an und 
diente als Mittel, das eigene Volk als die 
herrschende Kriegerkaste rein zu erhalten. 
Die Ulfilas- Bibel gab die Grundlage für 
einen Gottesdienst, bei dem nicht nur 
die Predigt, sondern auch die Lektion 
und die Liturgie germanisch war. Reste 
eines eigenen Kalenders mit eigenen 
Heiligenfesten sind erhalten. Der Wunder- 
glaube, der sich an Heiligen- und Reliquien- 
dienst schloß, blieb nach mehrfachem 
Zeugnis maßvoll. Und auch die Sittlich- 
keit zeigte einen herberen und schlichteren 
Charakter. Schon der mihtärisch-nationale 
Grundzug verbot die Durchführung einer 
höheren, asketischen SittHchkeit, die Flucht 
aus dem nationalen Verbände indasMönch- 
tum; der Zölibat war auch für die Bischöfe 
nicht in Geltung (can. 5 des IV. Tolet. v. 
589, Maust IX, 994). Dafür wird bei Geise- 
rich, dem Vandalen, ein strenges Vorgehen 
gegen alle Art Unzucht, bei den Westgoten 
harte Bestrafung der Hurerei bezeugt, 
übrigens auch der Abtreibung (Lex Wisig. 
^^} 3j 2, einer Stelle, an der wir genau 
sehen, wie altgermanische und christHch- 
kirchliche Anschauung sich vereinigen; 
Scherbius, Lehre v. d. Abtr., Heidelb. 
Diss. 1909, S. I4f.). Wie diese strenge 
Geschlechtsethik den Beifall römischer 



Mönche (Salvian) fand, so befriedigte der 
ererbte Rechtssinn der arianischen Ger- 
manenfürsten überhaupt die römischen 
Provinzialen, die sich unter ihrem ge- 
rechteren Regiment wohler fühlten als 
zuvor. Die einzige harte Verfolgung der 
römischen Katholiken durch Arianer unter 
Hunerich dem Vandalen (477 — 84) ist im 
wesentlichen auf die Propaganda der 
katholischen Bischöfe zurückzuführen. 

§ 4. Je mehr sich im 4. Jahrh. die 
katholische Kirche zu einer Reichskirche 
zusammengeschlossen hatte, desto mehr 
bedeutete die Abstempelung des Arianis- 
mus als Häresie und der Ausschluß aus 
dem allgemeinen Kirchenkörper die Aus- 
lieferung der kirchlichen Verfassung an 
die bestehenden Formen des germanischen 
Volkstums, das jetzt charakterisiert war 
durch das den militärischen Bedürfnissen 
der Wanderungs- und Eroberungszeit ent- 
springende Stammeskönigtum. Sind wir 
schon bei dem Bisherigen auf wenige 
verstreute Spuren und Andeutungen an- 
gewiesen, so behält dies Gebiet vorläufig 
noch mehr Problematisches, worauf neuer- 
dings Stutz (Intern. Wochenschr. 1909) 
mit Nachdruck hingewiesen hat. Un- 
zweifelhaft ist die Bestimmung der ariani- 
schen Kirchen als Stammeskirchen, die 
Gliederung auch des arianischen Klerus 
in Bischöfe, Presbyter und Diakonen und 
mit dem Fehlen der städtischen Mittel- 
punkte der Anschluß der hierarchischen 
Verfassung an die unteren Volksverbände, 
unzweifelhaft auch mindestens bei den 
Vandalen der Bestand eines Stammes- 
patriarchats an der Spitze eines zahl- 
reichen arianischen Episkopats, mit dem 
Sitz am Hof und bedeutender Autorität. 
Auch daran kann nicht wohl gezweifelt 
werden, daß der Ersatz der alten sacra 
mit ihren sacerdotes civitatis durch das 
christlich-arianische Kirchentum zur Folge 
haben mußte, daß auch das letztere in 
die Stelle eines Staatskultes, die Bischöfe 
also an die Stelle der sacerdotes civitatis ein- 
rückten (vgl. auch Stutz KR. 818). So- 
fern aber bei Ost- und Westgoten, Bur- 
gundern und Wandalen usw. spätestens 
vom Ende des 4. Jahrh. ab ein Königtum 
an der Spitze des Volkes nachweisbar ist, 
das nun auf dem Boden des römischen 



ARKTISCHE STEINZEIT 



121 



Imperiums die Tendenz gewinnt, seine 
Macht noch zu steigern, und überall das 
königliche Grafenamt über die alten 
republikanischen Ämter setzt, die aus 
Volkswahl entstehen, ist die Annahme 
unabweisbar, daß jener staatskirchliche 
Charakter der arianischen Stammeskirche 
immer mehr zur Abhängigkeit vom 
Königtum wird. Sie mußte um so 
notwendiger erscheinen, als dieser christ- 
liche Klerus im Unterschied von dem 
früheren Priestertum als ein geschlosse- 
ner Stand auftrat, der als solcher ihm 
und dem Staatsganzen noch immer leicht 
gefährlich werden konnte. Daß der König 
sich bzw. seinen Grafen die Erlaubnis zum 
Eintritt in diesen Stand ebenso vor- 
behielt wie einen irgendwie bestimmten 
Anteil an der Besetzung des wichtigsten 
kirchlichen Amtes, des Episkopats, der, 
dem Grafenamt zur Seite, sicher keinen 
Antagonismus zu diesem bilden durfte, wie 
endhch, daß Synoden dieser Bischöfe 
mindestens seiner Genehmigung bedurften, 
erscheint als die natürlichste Annahme. 

§ 5. Wenn sich dann später nach ihrem 
Übertritt zum KathoHzismus bei Bur- 
gundern wie Westgoten, die früher arianisch 
waren, bei Chlodwig, ihrem Nachbar, 
der das arianische Vorbild vor Augen 
hatte und dem Arianismus hatte zugeführt 
werden sollen, und seinen Nachfolgern 
eine Abhängigkeit des Klerus und speziell 
des Episkopats vom Königtum in den 
bezeichneten Formen statthat, die sich 
so wenigstens im römischen Recht nicht 
fanden (für Chlodwig s. nam. ep. Remigii 3), 
so wird man zwar sagen müssen, daß darin 
wie im Eigenkirchenwesen alte gemein- 
germanische Auffassungen, hier vom Ver- 
hältnis der Rehgion zum öffentlichen 
Leben, wieder durcfischlugen, aber auch 
die Hypothese aufstellen dürfen, daß in 
diesen katholischen Landeskirchen, speziell 
auch bei den für die ganze spätere Ent- 
wicklung entscheidenden Franken ein ari- 
anisches Vorbild eingewirkt hat. Aber 
auch, wenn diese Hypothese verkehrt ist 
(wie Stutz annimmt), die arianische 
Stammeskirche bleibt doch ein inter- 
essantes Mittelglied zwischen der alten 
katholischen im Abendland sich immer 
mehr um Rom zentralisierenden Reichs- 



kirche und den dezentralisierten frühmittel- 
alterlichen Landeskirchen, um dessen Er- 
forschung man sich ernstlich bemühen muß. 
Helfferich Der westgot. Arianismus 
1860. Fr. Kauf f mann Aus der Schule des 
Wulfila (Texte u. Unters, z. altg. RG. I) 1899. 
V. Schubert Das älteste german. Christentum 
oder der sog. ,, Arianismus^'' der Germ. 1909. 
Stutz, Arianismus und Germanismus, Inter- 
nat. Wochenschr. 1909, Dez. v. Schubert 
Lehrb. der KG. II i (im Druck). 

H. V. Schubert. 

Arktische Steinzeit. § i. Neben den 
von allen Forschern übereinstimmend einer 
idg. oder schon germ. Urbevölkerung 
Nordeuropas zugeschriebenen, reichlichen 
und mannigfaltigen Denkmälern der ent- 
wickelten südskandinavischen Steinzeit gibt 
es, wie O. Montelius für Schweden, O. Rygh 
und A. W. Brögger für Norwegen, J. Ailio 
für Finnland gezeigt haben, in diesen 
Ländern noch eine ganz andere Gruppe 
neolithischer Funde, hauptsächlich 
Waffen und Werkzeuge aus Schiefer und 
Beilklingen aus Grünstein, die man früher 
gewöhnlich einer lappischen Urbevölkerung 
zuschrieb, weil ihr Gebiet im ganzen 
weiter polwärts (aber auch ostwärts) liegt 
und bis an die Grenzen des nördlichen 
Eismeeres hinaufreicht. Zeitlich fällt sie 
zusammen mit der Periode der Dolmen 
und der Ganggräber des südskandinavi- 
schen jüngeren Steinalters, reicht also 
nicht ganz bis an den Beginn des letzteren 
zurück und nicht ganz bis an das Ende 
desselben herab. Ihre Tongefäßornamente 
sind vom Zierstil der sog. ,, megalithischen" 
Töpferei ebenfalls typisch verschieden. 
Auch eigentümliche Felsenzeichnungen und 
Felsmalereien gehören dieser Fundgruppe 
an, die nach der Lage der meisten Wohn- 
plätze von einem Jäger- und Fischervolk 
herrührt, das, im Gegensatz zu den feld- 
bau- und viehzuchttreibenden Südskandi- 
naviern, größtenteils Küstenstriche be- 
siedelte. 

§ 2. Nach Bröggers ansprechender 
Vermutung kam dieses Volk aus Ost- 
europa, war aber weder lappisch noch 
finnisch (da die Lappen kaum schon in 
der Dolmenzeit, etwa dem 3. bis 4. Jährt. 
V. Chr., Skandinavien erreicht hatten und 
die Finnen erst im 4. und 5. Jahrh. n. Chr. 



122 



ARMABR 



das nach ihnen benannte Land einnahmen), 
sondern ein nicht näher bekannter Stamm, 
dessen Angehörige von hohem Wuchs 
und langer Schädelform waren und all- 
mählich unter der von Süden her vor- 
dringenden (germanischen) Bevölkerung 
aufgingen. Primitive plastische Arbeiten 
in Bernstein, Knochen, Stein und Ton 
verraten einerseits kulturelle Zusammen- 



B r ö g g e r Den arktiske Stenalder i Norge 1909. 
J. A i 1 i o Die steinzeitlichen Wohnplätze in 
Finland 1909. M. Hoernes. 

armadr. Der ärmaär (zu ärr *Bote, 
Diener') ist ursprünglich der königliche 
(auch der bischöfliche) Wirtschaftsbeamte, 
als solcher Beauftragter [umboäsmaär) des 
Königs (Bischofs) und sein Geschäftsführer 
{cerindreki), meist ein Unfreier. Gleich dem 




Verkleinerung: Fig. i ca. 1/2 ; Fig. 2, 3, 4, 9, n ca. Y3; Fig. 5, 8, 10 ca. 2/3; 

Fig. 6, 7 ca. ^60 n. Gr. 

Abb. 21. Typen der arktischen Steinzeit aus Skandinavien. (Nach A. VV. Brogger.) 



hänge zwischen der südbaltischen Bern- 
steinküste und der arktisch-baltischen 
Steinzeitgruppe und reichen andererseits 
weit ostwärts über ganz Osteuropa bis 
nach Sibirien. Die Bedeutung dieser 
Analogien wird dadurch verstärkt, daß 
ähnliche kleine Rundfiguren im südskandi- 
navischen Kulturkreise völlig fehlen. 

0. Rygh u. 0. Montelius C.-r. Congr. 
intern, prehist. Stockh. 1874 I 177—202. A. W. 



schwedischen konungs hryti sitzt erlauf 
einem Königshof, um von hier aus könig- 
liche Güter zu verwalten {varäveita) und 
den König selbst auf dem Hofe bei seinen 
Reisen im Land aufzunehmen und zu 
bewirten. Mit der Gutsverwaltung ist 
verbunden die Einziehung der zum Gute 
fälHgen Abgaben, und von hier aus wird 
der a. allgemein Vertreter der Finanz- 
interessen des Königs, der biskups ärmaär 



ARMALAUSI— ARMENRECHT 



123 



des Bischofs. Als solcher zieht er die dem 
König (Bischof) verfallenen Strafgelder 
ein, ist er an der Vollstreckung beteiligt, 
hat er in manchen Fällen Klage zu er- 
heben, und im Lauf der Zeit ist ihm sogar 
eine Reihe von Vcrwaltungsfunktionen 
zugefallen, die nur mehr entfernt mit 
königlichen Vermögensinteressen zusam- 
menhängen. Er wird so allmählich zum 
königlichen Bezirksbeamten, bis er später 
vom syslumaär (s. d.) verdrängt wird, 
(s.a. Beamtenwesen § ii.) 

Lit. s. syslumaär. v. Schwerin. 

Armalausi ist ein Volksname, den die 
Tab. Beut, zwischen Alemannia und Mar- 
comanni eingetragen hat. Als Armilausini 
kennen denselben Stamm die Veroneser 
Völkertafel zwischen Jotungi und Marco- 
mannt und die Excerpta des Jul. Honorius 
zwischen Burgundiones und Marcomanni. 
Diese Stellung paßt auf die Naristen, die hier 
unter anderem Namen auftreten werden. 
Jedenfalls ist das Volk germ. wie sein 
Name, der von der armilausa, armelausa, 
der Bezeichnung eines (ärmellosen) Kriegs- 
gewandes, herkommt, die aus germ. *ar- 
mi[a)lausa- = anord. ermlauss 'ärmellos' 
sich erklärt. 

R. Much PBBeitr. 17, 75. R. Much. 

Armbrust. § i. Die A. war schon den 
Römern der Kaiserzeit bekannt. Ve- 
getius (Epit. rei miHt. 2, 15; 4, 21) um 385 
erwähnt manuballistae vel arcuhallistae als 
Handwaffe leichter Truppen, aus der mit 
Pfeilen geschossen wurde. Daß damit eine 
A. gemeint ist, wird durch zwei auf galli- 
schem Boden gefundene Basreliefs aus 
dem 4. Jh. erwiesen, die im Museum von 
Puy aufbewahrt werden (abgebildet bei 
Demmin Kriegswaffen S. 270, das eine 
derselben, von Solignac-sur-Loire, auch 
BoeheimHandb. d. Waffenk. S. 402, Hoops 
WuS. 3. Bd.) 

§ 2. Daß die Germanen in vorrömischer 
Zeit die A. kannten, ist nicht wahrschein- 
lich: es fehlt ein agerm. Name für diese 
charakteristische Waffe. Dagegen ist die 
A. auch nach dem Abzug der römischen 
Legionen in den nordalpinischen Provinzen 
nicht in Vergessenheit geraten, und hier 
haben sie auch die Germanen kennen ge- 
lernt. Daß die A. den Angelsachsen 
im 8. Jh. wohlbekannt war, zeigt das 24. 



Rätsel des Exeterbuchs, das eine auf An- 
schauung beruhende, deutliche Schilderung 
der A. gibt, (Näheres b. Hoops WuS. 
3. Bd.) 

§ 3. Im 10. Jh. haben wir auf französi- 
schem Boden wieder zwei bildliche Dar- 
stellungen der A. (s. Boeheim aaO. 402). 
Nach Richers Geschichtswerk aus dem 
gleichen Jh. muß die A. in den damaligen 
Kriegen ganz gewöhnlich verwandt worden 
sein. Er gebraucht den Ausdruck halistae 
und arcuhalistae wiederholt als Bezeichnung 
für die Bolzen der A., vgl. 3, 104 missaeque 
sagittae et arcohalistae cum aliis missüibus; 
2, 85 nube sagittarum ac balistarum; zweifel- 
haft ist 3, 18 sagittarii cum arcubus et ba- 
listis, wo balistis entweder die Bolzen oder 
auch die Armbrüste selbst bedeuten kann. 
(Weiteres b. Hoops aaO.) 

§ 4. Auf den römischen Ursprung weist 
auch der französisch -deutsche Name der 
A. : afrz. arbaleste aus mlat. arbalista, spät- 
lat. arcuballista; aus der gleichen Quelle, 
aber mit volksetymologischer Umdeutung, 
stammen mhd. armbrust n. (zuerst im 12. Jh. 
belegt), mnd. mndl. armborst. Nur die 
Angelsachsen behielten ihr heimisches Wort 
boga 'Bogen' für die A. bei (so in dem ge- 
nannten Rätsel), und noch heute wird die 
A. im Engl, crossbow 'Kreuzbogen' genannt. 
Boeheim Handh. d. Waffenkunde 402. 

Hoops Die Armbrust im Frühmittelalter. 

WuS. III. Johannes Hoops. 

Armenrecht. Während die deutschen 
Quellen nur spärliche Aufschlüsse über 
die Verpflichtung, bedürftige Verwandte 
zu ernähren, liefern, sind die nordgermani- 
schen, insbesondere die westskandinavi- 
schen Rechtsquellen voll von Bestim- 
mungen über diese Ernährungspflicht, die 
ja wegen der rauhen Natur und spärlichen 
Besiedlung des Landes im Norden eine 
viel größere Bedeutung hatte. Vor allem 
Island hat ein großartig organisiertes 
Armenrecht ausgebildet. Nach diesen 
Quellen lastete die Verpflichtung, den 
Bedürftigen (awestn. ömagi, ümagi) zu 
ernähren (aostn. foepa^ awestn. joeäa, 
framfoersla; andere Ausdrücke bei v. Amira 
NOR. II 907) auf den Erben, und zwar 
in der Reihenfolge der Berufung zur 
Erbschaft, so daß der Weiterstehende 
nur bei Unvermögen des näheren Erben 



124 



ARMRING 



eintrat. Das gilt nach westnordischem 
Recht nicht nur für die Verwandten, 
sondern auch für die aus -besonderem 
Grund (Freilassung, Dienstherrschaft usw.) 
zur Erbschaft Berufenen. Nach isländi- 
schem Recht war auch der Ehegatte 
subsidiär verpflichtet. Fehlte es an Er- 
nährern, so trat nach isländischem Recht 
die Gemeinde (hreppr) ein, deren Tätigkeit 
sich ursprünglich geradezu in der Armen- 
pflege erschöpfte. 

Michelsen Über altnordisches Armenrecht, 

in Falks Eranien zum deutschen Privatrecht 

II 117 ff. III 68 ff. Finsen AfnO. 1850, 
- 124 ff. Nordström II 117 ff. Dahl- 

m a n n Geschichte von Dänemark II 276 ff. 

Maurer Island 278 ff. v. A m i r a NOR. 

I 750 ff. II 907 ff. — S. u. Erbfolgeord- 

nungj Erbrecht, Sippe. 

S, Rietschel. 

Armring. I. Bronzezeit. §1. Es 
gibt zwei Arten Armringe aus der ältesten 
Bronzezeit (etwa 1800 — 1500 v. Chr.). Die 
einfachste Form ist eine runde oder facet- 
tierte Bronzespindel mit zugespitzten oder 
quer abgeschnittenen, nicht selten mit 
sog. Stollen versehenen Enden (Taf. 7 Nr. l). 
Gleichaltrig sind die sog. Bronzeman- 
schetten (Taf. 7, 2), die aus vielen über- 
einandergelegten Ringen oder aus einem 
spiralförmigen Faden entstanden sind. 
Beide Typen sind ,, internationale" Er- 
scheinungen und sind beinahe über ganz 
Europa verbreitet. Nicht selten sind sie 
aus reinem Kupfer, ab und zu auch aus 
Gold verfertigt. 

§ 2. In der 2. Periode (etwa 1500 bis 
1300 V. Chr.) verschwinden die einfachen 
Bronzespangen wie Nr. i. Die Man- 
schetten setzen sich dagegen bis in die 
3. Periode fort, aber in schmäleren Formen. 

Mit den Manschetten verwandt sind die 
großen Armspiralen (Taf. 7, 3). Sie sind 
immer Frauenschmuck, und nicht selten 
werden sie in den Gräbern an den Unter- 
armen der Gerippe gefunden. Die Form 
dauert die ganze Bronzezeit hindurch fort, 
doch sind in den jüngeren Perioden die 
Enden nicht plattenförmig, sondern spiral- 
förmig geklappt. Armspiralen aus breitem 
Bronzeblech mit spiralartigen Enden, 
sicher ungarischer Import, gibt es in Pom- 
mern schon aus der älteren Bronzezeit. 

Die Männer-A.e dieser und der späteren 



Perioden scheinen " immer aus Gold ^u 
sein; wenigstens wurden die Goldringe 
kaum in Frauengräbern gefunden. Die 
allgemeinsten Typen der 2. Periode zeigen 
Nr. 4 — 6, die alle Importgegenstände 
sind, sicherlich aus Ungarn, dem Gold- 
lande, wo ähnliche Ringe gefunden worden 
sind; in Norddeutschland und Skandi- 
navien sind sie nicht selten. 

§ 3. In der 3. Periode (etwa 1300 — iioo 
V. Chr.) ist der gewöhnliche Männer- 
schmuck ein Ring wie Nr. 6, aber meistens 
mit quer abgeschnittenen Enden ohne 
Spiralen. Nun beginnen die Frauen stark 
profilierte Arm- und Fußringe zu tragen, 
wie Nr. 7, von welchem Typus zahlreiche 
Variationen sowohl in Norddeutschland als 
in Skandinavien vorliegen; nur durch die 
verschiedene Größe kann man zwischen 
Arm- und Fußringen unterscheiden. In 
Norddeutschland entwickelt sich ein cha- 
rakteristischer Typus, die sog. H a n d - 
bergen (Taf. 7 Nr. 8). Das Zentrum des 
Verbreitungsgebietes ist Mecklenburg. Öst- 
lich gehen sie bis nach Westpreußen, nörd- 
lich wurde in Dänemark ein Exemplar als 
Importgegenstand gefunden. Südlich von 
dem germanischen Gebiet ist die Form in 
Schlesien aufgenommen worden. 

§ 4. In der 4. — 5. Periode (etwa lioo 
bis 700 V. Chr.) ist noch der zierliche Gold- 
ring der gewöhnliche Armschmuck des 
Kriegers, meistens der Typus Nr. 9, der 
früher sog. ,, Eidsring". Der Arm- und 
Fußschmuck der Frauen sind entwickelte 
und oft degenerierte Variationen vom 
Typus Nr. 7; ein solcher ist der in 
Pommern und besonders in Westpreußen 
verbreitete ,, Nierenring". Gleichzeitig 
kommen einige andere Formen, zB. ver- 
schiedenartige Manschetten (Nr. 10) und 
hohlgegossene Ringe (Nr. ii) vor. 

§ 5. Aus dem letztgenannten Typus 
entstanden in der 6. Periode (etwa 700 
bis 550 V. Chr.) die plumpen ,, Wulst- 
ringe" (Nr. 12), die von der Elbe bis nach 
Westpreußen und südlich bis Böhmen all- 
gemein, in Skandinavien aber spärlicher 
vorkommen. Sie stellen die höchste Dege- 
nerierung und das Ableben der alten 
Bronzezeitformen dar. 

II. Eisenzeit. § 6. A. sind nicht 
so häufig in der Eisenzeit wie in der Bronze- 






Armringe. 

^ly Aus »Montelius, Chronologie d. alt. Bronzezeit«, Fig. 135. 

Bronze. Neu-Bauhof, Mecklenburg. 2/5- Ebendaher, Fig. 136. — 

1/2- Aus »Montelius, Kulturgeschichte Schwedens«,- Fig. 149. 

Leipzig, E. A. Seemann. — 4. Goldring. 1/2. Aus »Müller, Ordning af Danmarks Oldsager, 

Bronzealderen , Fig. 4«. Kopenhagen, C, A. Reitzel. — 5. Gold. Skane. ^/i. Aus »Montelius, 

Kulturgesch. Schw. Fig. 148«. — 6. Gold. V3. Aus »S. Müller, Ordning a. a. O. Fig. 7«. — 

7. Bronze. 1/2. Ebendaher, Fig. iii. — 8. Aus »Jahrbücher des Vereins f. Mecklenburg. Gesch. u. 

Altertumsk. 67, iio, Abb.« 1/2. Schwerin, Bärensprungsche Hof buchdruckerei. 



I. Bronze. Neu-Bauhof, Mecklenburg 
Braunschweig, Vieweg & Sohn. — 2. 
3. Spiralarmring von Bronze. Skäne. 



Reallexikon der germ. Altertumskunde. I. 



Verlag- von Karl J. Trübner in Straßburg. 



Tafel 8. 





lO 





12 




Armringe. 

9. Sog. »Eidring«. Aus dem Histor. Museum zu Stockholm. — 10 — 12. Aus »R. Beltz, Vorgesch. 
V.Mecklenburg, Fig. 126. 125. 128«. Berlin, W. Süsserott. — 13. Bronze, ^j^. Lindenhof. Im Danziger 
Provinzialmuseum. Aus »Li s sau er', Die Prähistorischen Denkmäler der Provinz Westpreußen, 
Taf. IV 35«. Leipzig, Wilhelm Engelmann. — 14. Gold, '/i- Öland. Aus »Montelius, Kultur- 
geschichte Schwedens, Fig. 297«. Leipzig, E. A. Seemann. ■ — 15. Gold. ^|^. Aus »Müller^ 
Ordning af Danmarks Oldsager, Jernalderen, Fig. 235«. Kopenhagen, C. A. Reitzel. 



Reallexikon der germ. Altertumskunde. I. 



Verlag von Karl J. Trübner in Straßburg-_ 



Tafel 9. 




20 

Armringe. 

16. Aus »Linden schmit , Handbuch der deutschen Altertumskunde. S. 69, Fig. 2B«. Braunschweig, 
Friedr. Vieweg & Sohn. — 17. Aus »Sv. Fornm. tidskr. XII 30, Fig. 28«. — 18. Halsring und 
Armring von Silber, '/a. Helsingland. Aus »Montelius, Kulturgeschichte Schwedens 469 u. 470«. 
Leipzig, E. A. Seemann. — 19. Aus dem Histor. Museum zu Stockholm. — 20. Aus »Arne, Om det 

forntida Sormland«, Fig. 90. 



Reallexikon der g-errn. Altertumskunde. I. 



Verlag von Karl J. Triibner in Straßburg-, 



ARMSCHIENEN— ARZNEIBÜCHER 



51/ 



zeit. In der vorrömischen Eisenzeit (550 
V. Chr. bis Chr. Geb.) ist dies Verhältnis 
sehr augenfäUig. Alle die verschiedenen 
Bronze- und Glasarmringe der keltischen 
Völker Süddeutschlands haben keine Ver- 
wandten bei den Germanen in Norddeutsch- 
land und Skandinavien. 

§ 7. Auch die Römerzeit (Chr. Geb. bis 
200 n. Chr.) ist merkwürdig arm an solchem 
Schmuck. Den eigenartigsten und ge- 
wöhnlichsten Armring, meistens aus Gold 
oder Elektrum, zeigt Nr. 13, der in kaum 
bemerkbaren Variationen bei allen ger- 
manischen Stämxmen zu finden ist; er ist 
augenscheinlich aus der vorrömischen For- 
menwelt hervorgegangen. 

§ 8. In spätrömischer Zeit (etwa 200 
bis 400, 450 n. Chr.) erscheinen einige neue 
Formen, zB. der nordische Schlangenring 
(Nr. 14) und das gemeingermanische Arm- 
band, Nr. 15, beide Typen aus Gold. Der 
letztgenannte Typus trägt sehr oft trian- 
guläre Blattornamente, die erste germa- 
nische Pflanzenornamentik; durch süd- 
östlichen Einfluß entstanden, sind diese 
Ringe in Nordeuropa wohl meistens Im- 
portgegenstände. 

§ 9. Die Form setzt sich in der Völker- 
wanderungszeit (etwa 450 — 750, 800 n. 
Chr.) fort. Die meistens offenen Ringe 
sind gegen die Enden zu verdickt; nebst 
dem flachen Bande verwendet man auch 
runde oder eckige Spangen, hohl oder 
massiv gearbeitet. Das Material ist in 
Deutschland meistens Bronze oder Silber, 
selten Gold, im Norden meist das letztere. 
Nr. 16 zeigt die runde Form, die im Norden 
öfters mit dreieckigen oder halbmondför- 
migen eingestempelten Ornamenten ver- 
ziert ist (vgl. den entsprechenden Halsring 
bei Montehus Kulturgesch. Schwedens 
Abb. 344 und s. Art. 'Halsring'). Andere 
Formen sieht man bei Lindenschmit DA. 
Taf. XIII b u. Fig. 422; die letztere ist eng- 
lisch. Außerdem findet man gelegentlich 
in einigen niederrheinischen, bayerischen 
und schweizerischen Gräbern Glasarmringe 
älterer Formen, die nicht eigentlich dem 
germanischen Formenkreis angehören. Die 
Goldspiralringe des Nordens, die nicht wie 
in der Bronzezeit aus dünnem Draht, sondern 
aus dicken Barren bestehen, sind vielleicht 
öfters als Zahlgeld gebraucht worden. 



§ 10. A. der Kontinental- und Insel- 
germanen der karolingischen Zeit (8. bis 
10. Jh. n. Chr.) sind sehr wenig bekannt. 
Der reiche Formenschatz der entsprechen- 
den nordgermanischen Wikingerzeit zeigt 
aber am augenfälligsten, was in jener Zeit 
als schön und vornehm angesehen wurde. 
Die glatten Formen sind verschwunden, 
die Ringe sind gedreht oder geflochten, 
Spiral- oder zirkeiförmig, offen oder ge- 
schlossen, aus Silber, Gold oder Bronze; 
auch massive, aber stark profilierte For- 
men liegen vor. Einige Typen zeigen 
Nr. 17 — 20; der letzte ist mit einem 
imitierten Flechtmuster verziert. 

§ II. Mit dem Mittelalter verschwinden 
allmählich die A. ; mutmaßlich wurden sie 
durch die äußerst beliebten Finger- 
ringe (s. d.) ersetzt. 

Literatur: s. 'Schmuck'. B. Schnittger. 

Armschienen. Erst im späteren MA. 
mit der Entwicklung einer vollkommeneren 
Schutzbewaffnung werden Armschienen ge- 
tragen. Dem germ. Altertum sind sie 
fremd. — Für Arm- oder Handschutz- 
platten, an der inneren Seite des linken 
Handgelenkes befestigt gegen den Schlag 
der zurückkommenden Bogensehne, hält 
man kleine, oblonge, flachgewölbte Scheiben 
aus Stein oder Knochen, dem Ende der 
jüngsten Steinzeit angehörig. 

Lindenschmit Altertümer V 356. Arne 

Fornvännen 1909 S. 93. Max Ebert. 

Arpentum, Ackermaß in der Lex Baiva- 
riorum erwähnt. Textus legis II u. III, 
Tit. I 13. Nach Du Cange s. v. gleich- 
bedeutend mit Arapennis, einem spanischen 
und gallischen Feldmaß, das Columella 
als actus oder halbes jugerum bezeichnet. 
H u 1 t s c h Metrol. 83 ff. 689. 692. 

A. Luschin v. Ebengreuth. 

Arzneibücher. Hat man Gelegenheit, 
eine größere Reihe medizinischer Hand- 
schriften des 9. bis ii. Jahrhs. aus dem 
Abendlande durchzusehen, so sind es außer 
den Abschriften von Werken klassischer 
und nachklassischer bekannter und be- 
nannter Autoren hauptsächlich zwei 
Gruppen, welche des öfteren wiederkehren: 
Sammlungen ärztlicher Kasuistik und 
Arzneiverordnungen, deren Zusammenhang 
mit den Rezeptsammlungen der späteren 



126 



ARZNEIBÜCHER 



Jahrhunderte in den Landessprachen noch 
zu erweisen sein wird, und Zusammen- 
stellungen kleiner theoretischer Abschnitte 
von immer gleichem Inhalte, wenn auch 
etwas abweichend in Wortlaut und An- 
ordnung, die von den Komplexionen und 
Elementen und Jahreszeiten, den günstigen 
und ungünstigen Tagen (dies aegyptiaci), 
dem Aderlaß, den Aderlaßstellen, den 
Monatszeiten, der Krankheitsvoraussage 
mittelst der ,,Sphaera Pythagorae" usw. 
handeln. In diese letztere Reihe gehören 
auch die medizinischen Aufzeichnungen, die 
uns der Angelsachse B e d a (673 — 735), 
Presbyter des Klosters Wearmouth, hinter- 
lassen hat, namentlich die kleine Schrift 
De minutione sanguinis sive de phlebotomia 
und einige Abschnitte des Büchleins De 
natura verum (Compl. Works ed. Giles, 
VI (1843) 349 ff. u. 99 ff.), deren erstere 
auch von den Purgationen und den ägypti- 
schen Tagen handelt und die Monats- 
regeln bringt (wie das J. F. Payne 
in seiner Engl. med. in Anglo-Saxon Times 
1904 S. 15 — 22 auseinandersetzt), ohne 
irgendwie Originelles zu bieten. Zweifellos 
ist aber durch A 1 h w i n e (Alkuin), den 
angelsächsischen gelehrten Berater Karls 
d. Gr., an Hraban (780 — 856), seinen 
berühmten Schüler und Abt von Fulda, 
auch die damals schon relativ hoch ent- 
wickelte gelehrte Heilkunde der Angel- 
sachsen vermittelt worden; Hraban 
widmet in seiner Physica sive de Universo 
(unter starker Benutzung der Etymologien 
des Isidor v. Sevilla) Buch VI der menschl. 
Anatomie, Buch VII den menschl. Lebens- 
altern und den Mißgeburten, das XVII. 
den Gestirnen, das XVIII. der Medizin 
und den Krankheiten, das XIX. dem 
Pflanzenreiche (vgl. d. Ausg. in Mignes 
Patrol. u. Stefan Feiner, Comp, der 
Naturwissenschaften an der Schule zu 
Fulda, 1879). Sein Schüler war wieder 
Walafrid Strabo (807 — 849), später 
Dekan zu St. Gallen und zuletzt Abt auf 
der Reichenau, wo er seinen Kräutergarten 
von 23 Arzneikräutern anlegte, den er 
dann in seinem Hortulus in 444 Hexametern 
besang (s. Arzneikräuter und die Ausg. 
von R e u ß , Würzb. 1834, von W a 1 c h - 
ner, Karlsr 1838 und in den Mon. 
Germ.-Hist. Poet. lat. aed. Carolini Tom. II 



335 — 350). Die deutschen Glossen einer 
Leipziger Hdschr. (hrsg. v. E. Sievers, 
ZfdA. 15, 532 — 534, 1872) beweisen, wie 
das Buch noch ein Jahrhundert später 
populär nutzbar gemacht wurde. Einen 
stärkeren Durchschuß von german. Volks- 
medizin hat die Physica der H. Hilde- 
gard V. Bingen, deren Schriften aber 
schon ins 12. Jahrh, fallen. Von den zahl- 
reichen medizinischen Büchern Bischof 
W i g b e r t s von Hildesheim (880 — 903), 
von denen berichtet wird (Scr. rer. Brunsv. 
ed. Leibnitz II 786), fehlt leider nähere 
Kunde; sie dürften gelehrter Art gewesen 
sein. Doch auch von der Sammlung und 
Ausarbeitung praktischer Anweisungen für 
Arzneibereitung und Arzneianwendung in 
den deutschen Volkssprachen sind uns 
einige Reste noch erhalten, so die beiden 
Basler Rezepte aus dem Ende des 8. Jahrhs. 
(Denkm. LXII), die angelsächsische Ein- 
wirkung gleichfalls deutlich zeigen, wie 
denn eig. alles weitere, was bis zum J. looo 
Medizinisches in german. Sprachen er- 
halten ist, northumbrisch (zB. ein Augen- 
salbenrezept des 8. Jahrhs., mitgeteilt in 
ZfdA. 13, 202 ff. 1867), oder in weiterem 
Sinne angelsächsisch ist, vor allem B a 1 d s 
Lcecehoc in zwei Büchern aus der Zeit 
von 900 — 950 (Cockayne Leechd. II 
S. 2 — 298; Grein -Wülk. Bibl. d. ags. 
Prosa VI I — 91) und ein weiteres Lcecehoc 
aus der nämlichen Zeit (ib. S. 300 — 360 
bzw. 91 — 112), ferner die Lacnunga, eine 
Rezeptsammlung aus der Zeit um lOOO in 
123 Abschnitten (ebenda III 2 — 80 und 
121 — 155) und eine angelsächsische Über- 
setzung des Herbarium Apuleii Platonici 
(Cockayne I 2 ff.) aus der gleichen Zeit. 
Eine ganze Reihe von Einzelrezepten, 
kurz nach dem Anfange des 11. Jahrhs. 
geschrieben, veröffentlicht Cockayne aaO. 
I 374 — 389 u. III 292 f. Vgl. auch das 
Rezept gegen Durchfall [vid^ utsiht) ZfdA. 
13, 202. Aus altnordischer Literatur ist 
kein medizinischer Text vor der Mitte des 
13. Jahrhs. bisher bekannt geworden. 

Paul Grdrs. II 156. 411. 901. 1131. P a g e 1 
Hdb. d. Gesch. d. Med. I S. 627 — 634. S u d - 
hoff D. gedr. mittelaÜ. med. Texte in germ. 
Sprachen Arch. f. Gesch. d. Med. III 273 — 303. 
J. F. Payne Engl. Med. in Anglosax. Times 
29 ff. Sudhoff. 



ARZNEIMITTEL— ARZNEIPFLANZEN 



127 



Arzneimittel lehrte der Zufall kennen, 
der aber schon früh durch Beobachtung 
und Überlegung und den neben ihnen 
wuchernden Aberglauben geleitet wurde. 
Kühle, saftige, auch wohl zerquetschte 
Pflanzenteile wurde auf heiße, entzündete 
Hautstellen und Körperteile gelegt, für 
besonders nahrhaft erkannte oder ge- 
haltene Pflanzenteile bei Abzehrungszu- 
ständen als ,, kräftigende" Mittel gegeben. 
Das den Menschen umgebende Pflanzen- 
reich diente ihm zur Nahrung und als 
Heilmittel in erster Linie (s. Arzneipflanzen). 
Wie die Fleischnahrung großenteils Opfer- 
nahrung ist, hängt auch die Verwendung 
von Tierteilen und Tierorganen mit dem 
Opferkult zusammen, ist die Organtherapie 
späteren Datums als die Kräuterheilkunde. 
Eine nur minimale Rolle spielten in dem 
Arzneischatz der empirischen Volksmedizin 
die Mineralien. Kühlende Erde und 
gestoßene Gesteine fanden als Kataplasmen 
nur beschränkte Verwendung; die Be- 
nutzung von edlen Metallen und seltenem 
Stein ist zunächst im wesentlichen Amulett- 
therapie, wie die heilenden und schützenden 
Goldringe mit eingeritzten Runen aus 
dem germanischen Norden auch für 
unser ethnographisches Gebiet dartun. 
Wenn auch die Verwendung von Tier- 
organen und -Körperteilen später zunahm, 
so ist doch auch in der unter dem Einflüsse 
der Antike stehenden Rezeptliteratur des 
späteren Mittelalters das Verhältnis der 
Heilmittel aus dem Pflanzen-, Tier- und 
Mineralreich zueinander nicht sehr alteriert 
worden, wie ein Blick in K o n r a d 
von Megenbergs Buch der Natur 
und die Physica der heil. Hildegard 
lehrt. Daran ändert auch nichts, daß zB. 
neben dem Herbarius des A p u 1 e i u s 
Platonicus die Medicina de Quadru- 
pedibus des Sextus Placitus 
Papyrensis sehr früh ins Angelsächsi- 
sche übersetzt wurde (Cockayne Leech- 
doms I), noch daß bei den Franken des 
6. Jahrhs. der Schweinespeck [crudum 
laridum) nach A n t h i m u s Universal- 
m3dizin war [non opus hahent alia medicina), 
was auch im Waltharilied durchblickt 
(1441 f.), ebensowenig die vielfache Ver- 
wendung der Seife (s. d.), die aus Pflanzen- 
asche und Tierfett hergestellt wurde, in 



der äußeren Therapie, wie schon das 
Krebsmittel der Baseler Rezepte aus dem 
8. Jahrh. aufweist. Auch die als Haut- 
mittel gebrauchten Laugen wurden mit 
Pflanzenasche hergestellt. Über die Her- 
stellungs- und Verwendungsformen der 
Arzneimittel s. Trank, Syrup, Latwerge, 
Pille, Pulver, Salbe, Pflaster. Über ihre 
Aufbewahrung s. Apotheke. Als Auf- 
lösungsmittel und Geschmackskorrigens be- 
nutzte man meist Meth und Bier und 
besonders die Frauenmilch, die aus der 
Kinderstube noch wie eine Art Universal - 
mittel galt. 

M. Heyne Hausaltert. III 193 f. 47 f. 

II 287. H ö f 1 e r Volksmedizinische Botanik 

der Germanen 1908. H ö f 1 e r D. volksmediz. 

Organtherapie (1908). Grön Altnord. Hlknde. 

Janus 1908. Sudhoff. 

Arzneipflanzen. Die Germanenfrau ver- 
wendete als Heilmittel aus dem Pflanzen- 
reich, was am Gehege ihres Hofzaunes 
oder in dessen Nähe wuchs. Das Heil- 
kraut dörrte mit dem Küchenkraut und 
den Nahrungsmitteln aus dem Pflanzen- 
reiche im Rauchfang, an der Hüttenwand 
oder wurde durch direktes Rösten her- 
gerichtet oder konserviert, wie das Max 
Höfler in seiner Volksmedizinischen 
Botanik der Germanen (Wien 1908) ein- 
gehend und ansprechend dargewiesen hat. 
Eine Fülle von Heilmitteln spendeten 
Baum und Strauch, Kraut und Gras 
in Wurzeln, Körnern, Beeren, Blüten und 
Blättern. Der betäubende Qualm mancher 
eingetragenen Kräuter führte auf die 
Erkenntnis der betäubenden, einschläfern- 
den, schmerzstillen Wirkung mancher nar- 
kotischen (zB. Nachtschatten- eig. Nacht- 
schaden-) Gewächse, wie der starke Geruch 
an ätherischen Ölen reicher Pflanzen (s. 
noch den Diptam in der Minnesängerzeit!,) 
zu deren Verwendung als krampfstillende 
usw. leitete. Die sog. Signatur, die Ähn- 
lichkeit mancher Pflanzenteile mit Körper- 
organen, als Leitstrang zur Auffindung 
von ,, Pflanzenkräften" ist späteren Datums. 
Erst in den Zeiten der beginnenden Herr- 
schaft der gelehrten Heilkunde aus dem 
Altertum bei den Karolingern und in der 
Mönchsmedizin ging man daran, die Heil- 
kräuter anzubauen. Der St. Galler Kräuter- 
garten sollte 16 Heilpflanzen auf ge- 



128 



ARZNEITRANK— ARZT 



trennten Beeten enthalten, alles ausländi- 
sche und bis auf zwei oder drei stark 
wohlriechende, an ätherischem Öle sehr 
reiche Pflanzen, die sich in dem Hortulus 
des W a 1 a f r i e d mit seinen 23 Kräutern, 
durch ähnliche vermehrt, wiederfinden. 
Karl d. Gr. ordnete die Kultivierung von 
73 Arzneipflanzen in seinen Hof gärten an; 
überdies ließ man sich Arzneikräuter aus 
Italien kommen. Fremde und heimische- 
Kräuter empfiehlt die dem heimischen 
Heilwissen zugewendete Äbtissin Hilde- 
gard von Bingen. Was die Rezept- 
bücher des Mittelalters in Klosterlatein 
und in der Volkssprache verzeichnen, ist 
gelehrtes Gut der Vergangenheit, vielfach 
neu geprägt in dem heilbeflissenen Salerno. 
M.Heyne Hausaltert. II 88.> III 193 f. 
Baas Mittelalterliche Hlknde in Baden, Hdblg. 
Njhrsbl. 1909 S.9U.15. Höf ler Volksmedizin. 
Botanik der Germanen, Wien 1908. G r ö n 
Altnord. Heilkunde, Janus 1908, S. 131 — 137- 
J. H o o p s Pflanzenaberglaube bei den Angel- 
sachsen, Globus 1893, I Bd. 63 S. 303 — 306. 
J. H o o p s Waldbäume u. Kulturpflanzen im 
german. Altertum. Straßburg 1905. S. 615 f. 

SudhofE 

Arzneitranky die gangbarste Arzneiform 
von alters her, blieb dies auch im MA. ; 
diu getranch steht noch im 12. Jahrh. 
geradezu für Arznei. Er wurde im Hause 
nach altüberlieferten Anweisungen her- 
gestellt, später nach Angabe des Arztes, 
endlich vom Arzte selbst. Apotheken 
(s. d.) gab es erst nach der uns hier be- 
schäftigenden Zeitepoche. 

M. Heyne Hausaltert. III 194. Sudhoff. 

Arzt. Aus der vorrömischen Zeit, als 
gallische Kultur und gallische Händler 
bis in die Donauländer Bedeutung und 
Verbreitung besaßen, stammt auch die 
dem Keltischen entnommene, im Deutschen 
übliche Bezeichnung für Arzt: ir. liaig (gall. 
^^g^O» got. lekeis, ahd. lähhi, ags. f^ce, 
sowie got. leikinassus, ahd. lähhida, ags. 
l^cedöm 'ärztliches Behandeln', ahd. lähhi- 
tuom 'Medizin', ahd. lähunga, lähkin, ags. 
läcnung 'Medikament', got. leikinon, ahd. 
lähhinön, ags. läcnian, altnord. Icekna (dazu 
Icekning, Iceknir, Iceknari) 'heilen'. Bis 
in das 10. Jahrh. war diese alte Bezeichnung 
lähhi im Deutschen im Gebrauch, als 
lange schon römisches Ärztewesen in 
germanischen Ländern Eingang gefunden 



hatte. Daneben war aber seit dem Ende 
des 9. Jahrhs. die Germanisierung des 
griechisch-römischen Ehrentitels archiäter 
(arciäter) in Aufnahme gekommen: ahd. 
vrzät, mhd. arzat, arzet, mnd. ercetere, 
arceter. Die Archiatrie selbst hatte sich 
(ohne die Verallgemeinerung der Be- 
zeichnung) schon lange vorher an den 
Fürstenhöfen eingebürgert. Theoderich, der 
Ostgotenkönig, hatte seinem comes archia- 
trorum schon große Befugnisse eingeräumt; 
bei den Franken treffen wir archiatri 
im 5. und 6. Jahrh. bei weltlichen und 
geistlichen Fürsten in fester Stellung, an- 
fangs Männer mit lateinischen Namen, 
später auch mit deutschen: Everhelm 
unter Zwentibald, Marileif 
als Archiäter Königs C h i 1 p e r i c h , 
Cyneferd als Leibarzt der Königs- 
tochter der Ostangeln -^ d e 1 d r y d, 
R e V a 1 i s (?) bei Gregor von Tours 
genannt. Nicht völlig fest steht, daß Karl 
d. Gr. einen arabischen Leibarzt hatte, 
wohl aber der jüdische Leibarzt Z e d e - 
k i a s Ludwigs des Frommen. Bestimmt 
ging die Ausbildung der gelehrten Ärzte, 
der römischen wie der germanischen, noch 
lange Zeit von Rom oder Byzanz aus, 
wie man aus den gelegentlichen Bezug- 
nahmen der Archiatri auf ihre Lehr- 
meister ersieht. Wie weit aber das Ärzte- 
wesen selbst schon in das Volk gedrungen 
war, zeigen die Gesetzsammlungen des 
6. bis 8. Jahrhs., am eingehendsten die 
Lex Visigothorum (Hb. XI i ; vgl. MGL. I 
Tom. I 400 — 403) im Abschnitte de medicis 
et egrotis, der nicht nur das Honorar 
ärztlicher Leistungen, das Lehrgeld für 
ärztliche Unterweisung und den Schaden- 
ersatz für unglückliche Kuren festsetzt, 
sondern eine gewisse Spezialisierung viel- 
leicht schon erkennen läßt, obgleich alles, 
was da zur Ader läßt, Staare sticht oder 
innerliche Krankheiten behandelt, als medi- 
cus bezeichnet wird. Größere wundärzt- 
liche Kenntnis und Betätigung läßt die 
Lex Alamannorum erkennen (MGL. V i 
S. 21 u. 117). Allmählich geriet die Heil- 
kunde immer mehr in die Hände der Geist- 
lichen, die sich der literarischen Hinter- 
lassenschaft der Antike angenommen hatten, 
nicht etwa nur in Gallien, sondern auch 
in deutschen Gebieten, zB. in St. Gallen, 



ÄSAHEIMR— ASCIBURGIUM 



129 



wo im 9. Jahrh. der Mönch I s o einen 
Ruf als Arzt besaß und im lO. N ö t k e r, 
gen. Pfefferkorn, auch besonders als Chirurg, 
urnd wo die domus medicorum des Kloster- 
projektes von 820 mit ihrem Kranken- 
zimmer für Schwerkranke und ihrer Apo- 
theke auf eine Lehrvereiniguhg einer Mehr- 
zahl von Ärzten hinweist, zumal aus- 
drücklich ein Zimmer für den medicus ipse 
noch besonders vorgesehen ist. Auf der 
Reichenau scheint im 8. Jahrh. gleichfalls 
eine Ärzteschule bestanden zu haben. 
Geilo, Teilo und Sigip reth stehen als 
,,Medici" im Reichenauer Verbrüderungs- 
buche zu Anfang des 9. Jahrh. Ärztlichen 
Ruhm genoß auch Bischof W i k b e r t 
von Hildesheim (880 — 903). Bekannt ist 
auch, daß ein Capitulare Karls d. Gr., 
aus Thionville 813 datiert, eine Ärzte- 
schule im 7. Artikel vorsieht (MG. Capit. I 
121), wohin infantes hanc artem discere 
mittantur. Der Ruhm der fernen süd- 
italienischen praktischen Ärzteschule von 
Salerno war schon im 10. Jahrh. im west- 
fränkischen Reiche verbreitet (Richer, 
histor. libr. VI 58), drang aber wohl erst 
im II. Jahrh. nach Deutschland; auch 
Stadt-, Land- und gar Dorfarzt sind 
Errungenschaften späterer Zeit. Am Aus- 
gange der hier zu besprechenden Periode 
war die Ausübung der Arzneikunst in 
Deutschland ganz vorwiegend noch in 
den Händen der Kleriker. Ohne gerade 
durchgehends die Magisterwürde an einer 
ausländischen Hochschule errungen zu 
haben, nennt sich später im MA. (wie der 
Artist und der Jurist) der Arzt Meister, 
naturlich Meister, Meister der Natur, was 
endlich auf Wundärzte und selbst Scherer 
und Barbierer übergeht, während das 
lateinische physicus dauernd Beiname des 
gelehrten Arztes (des Bucharztes) bleibt, 
der nicht nur praktische Lehre und Routine 
besitzt, sondern auch wissenschaftliche 
Ausbildung. Herumziehende Ärzte gibt 
es kaum vor dem 11. Jahrh.; der Wund- 
arzt ist bis ins 13. Jahrh. von dem inneren 
Arzt nicht getrennt, auch der ,, Zahn- 
brecher" noch nicht als niederer Heil- 
künstler erwähnt. Daß aber, wie vielfach 
angenommen wird, die Ärzte der alten 
deutschen Gesetzbücher nur als Scherer 
bzw. Wundärzte aufzufassen seien, scheint 

Hoops, Reallexikon. I. 



mir nicht bewiesen. Dagegen weisen die 
mhd. Bezeichnungen lächeri^re 'Zauberer, 
Besprecher', lächente 'Heilung durch Be- 
sprechung', die sich im nhd. lachinen 
'hexen, zaubern', lachsner 'Besprecher, 
Quacksalber', lachsnerin 'Quacksalberin', 
lachsnerei usw. noch bis in die heutigen 
Mundarten hinein erhalten haben, noch 
recht deutlich auf die Tätigkeit des alt- 
germanischen Heilkünstlers mit seinem 
abergläubischen Tun in Wort und Hand- 
lung hin. Aber niemals war sein Wissen 
in der Kenntnis der Zaubersprüche und 
magischen Handlungen erschöpft. Neben- 
her lief eine Summe von Erfahrungswissen 
in der Wundbehandlung (s. d.) und der 
Schaffung günstiger Heilbedingungen für 
andere Verletzungen (s. d.) und nament- 
lich auch in der Kenntnis deh eilsamen 
Wirkungen der Steine und Kräuter (arzäte 
suochen die getrank, ouch die binden) und der 
Zeiten und anderen Bedingungen bei deren 
Ausgraben oder Einsammeln, die eine be- 
sonders gute Heilwirkung gewährleisteten 
(s. Arzneipflanzen, Arzneistoffe, Heilaber- 
glaube, Heilkunde). 

M. Heyne Hausaltert. III 175 — 188. H ö f - 
1 e r Hdb. d. Gesch. d. Med. I 462 £F. G r ö n 
Altnord. Hlknde. S.-A. S. 148 ff. K. B a a s 
Mittelalt. Gesndhtspfl. in Baden. Hdlb. Njhrsbl. 
1909 S.8ff K. Baas Mittelalt. Hlkst. im 
Bodensee gebiet, Arch. f. Kulturgesch. IV (1906) 
130 ff. Weinhold Altnord. Leben 384 flf. 
Schulz Höf. Leben II 2 295 ff. Sudhoff. 

Asaheimr ist ein nur bei Snorri ( Ynglinga 
S. Kap. 2) vorkommender Name eines 
Landes, das in Asien gelegen und dessen 
Hauptstadt Asgardr (s. d.) gewesen sei. 
Der Name wurzelt in der euhemeristi- 
schen Vorstellung, daß die Äsen mächtige 
Heerkönige gewesen, die in grauer Vorzeit 
aus Asien über Deutschland nach dem 
Norden eingewandert seien. Gelehrtes 
Etymologisieren des 12. u. 13. Jahrhs. 
hatte auf Island Asien und Äsen mitein- 
ander verbunden. 

E. Mogk. 

Asciburgium, ein in verschiedenen 
Quellen bezeugter Ort am Niederrhein, 
ist nach Tacitus Germ. 3 von Ulixes ge- 
gründet und AaxiTTUp'^iov benannt, eine 
Fabel, zu der der Name Anlaß gegeben 
hat, den gelehrte Römer für griech. halten 



130 



ÄSEN 



mußten, da lat. burgus aus griech. irupyo^ 
entstanden und Quadrihurgium dem griech. 
TsTpaTTupYiov nachgebildet ist. A. ist das 
heutige Asherg bei Mors, in einer Schen- 
kungsurkunde Karls d. Gr. Astburg (mit 
einem nur graphischen t) statt As(k)burg. 
Germ, burgium hat hier wohl noch die alte 
Bedeutung 'Berg', die auch noch bei aisl. 
^(?rg erhalten ist; die neutrale /ö^- Bildung ist 
für Zusammensetzungen charakteristisch; 
vgl. den isl. Ortsnamen Asbyrgi neben 
Borg und aisl. byrgi aus *gaburgja-. 

Bei Ptol. ist AaxißoupYtov auf die 
rechte Rheinseite versetzt; ja es erscheint 
auch noch ein zweitesmal, zu AaxißoupYtov 
verderbt, auf dem rechten Eibufer und 
selbst hinter einem BixoupYiov, nördlich 
der 2ou8y]Ta opyj eingetragen, verbirgt sich 
sicher 'Acf/.ißoüpYtov, wenn auch vielleicht 
ein anderes; s. GGAnz. 1901, 456 ff. 
ZfdA. 41, 103 ff. 107. 140. 

R. Much. 

Asen (§ i) sind in dem nordischen Heiden- 
tum der Wikingerzeit das Göttergeschlecht, 
an dessen Spitze Odinn steht. Altn. äss, 
ags. ÖS gehört etymologisch zu skr. anas 
'Hauch, Wind' (ZfdA. 36, 313), und so 
gehören die A. ihrer Ableitung nach zu 
den seelischen Wesen, die nach dem 
Erdendasein ihr Leben und Wirken in 
der Luft und Erde fortsetzen. Nach dem 
ältesten Zeugnis, das wir über sie besitzen, 
sind die got. ansis die göttlich verehrten 
Ahnen der Fürsten (Jordanis, Get. Kap. 13 
§ 78). Als seelische Wesen kennt sie auch 
der ags. Volksglaube, wo das esa gescot 
neben dem ylfa gescot begegnet (Grimm, 
Myth. * I 21). In ganz gleicher Weise 
trifft man auch in der eddischen Dichtung 
sehr häufig alfar und cBsir gepaart (Häv. 
159; Vsp. 48; frk. 6 u. oft.). Wie bei den 
Goten die Ahnen der Fürsten als Ansen, 
bei den Schweden König Erich durch Opfer 
und Gelübde nach seinem Tode verehrt 
wurden (Vita Anscarii Kap. 26), so wurde 
Öläfr, König von Grenland, nach seinem 
Tode als Geirstadaalfr göttlich verehrt und 
um Fruchtbarkeit angerufen (Flatb. II 7). 
So leben in den Asen wie in den Alfen 
in gleicher Weise Seelen Verstorbener fort. 
Noch spätere isländische Sagen wissen zu 
erzählen, wie Bardr als Snaefellsäss nach 
seinem Tode der Schutzgeist der Gegend 



um den Snaefell ist (Bardar S., Kap. 6) 
und auch in dem Svinfellsäss der Njäla 
(Kap. 123) mag ein angesehener Isländer 
des Svinafellgebietes fortleben. 

§ 2. Ist nun Wödan-O&inn (s. d.) von 
Haus aus Führer des Totenheeres, so gehörte 
auch er zu den Asen; er wurde der Ase 
schlechthin. Als dann dieser Seelenführer in 
den Mittelpunkt des Kultes getreten war und 
sich nun sein Machtgebiet wesenthch er- 
weiterte, wuchs mit ihm zugleich die Be- 
deutung des Begriffs „Ase", der sich einer- 
seits vertiefte, andererseits aber auch ver- 
engte. Wie der Träger des Namens zum 
höheren Wesen geworden war, dem bei allen 
wichtigeren Gelegenheiten Opfer und Gebet 
galten, so bekommt auch Ase die Be- 
deutung Gottheit, Gott. In dieser Be- 
deutung haben die Nordgermanen, nament- 
lich die Dichter, das Wort in der Wikinger- 
zeit. Wie dann Odinn hier besonders in 
höfischen und kriegerischen Kreisen in den 
Mittelpunkt der Verehrung und des Kultes 
trat und sich gleichsam ein göttlicher 
Hofstaat entwickelte, wurden die anderen 
Gottheiten, die ihm weichen mußten, 
nach Vorbild der germanischen Familie 
zu ihm in Abhängigkeitsverhältnis ge- 
bracht; sie werden seine Söhne [äsmegir) 
oder Blutsbrüder. Und so geht die Be- 
zeichnung Ase auch auf diese über. Zu 
diesem Familienkreise gehören auch die 
weiblichen Gottheiten, die nun als Asinnen 
(äsynjur) begegnen. In ihm ist Odinn 
der mächtigste der Asen {oeztr äsa Grim. 44) 
der allmächtige Ase (Isl. S. I 258); in 
ihm wird sein starker Sohn Thor zum 
Asen schlechthin; Baldr, Heimdallr, Tyr, 
Loki treten in diesen Kreis, und selbst 
die alten Vanen Njqrdr und Freyr werden 
wiederholt Asen genannt. Und diese 
Bezeichnung geht auch dort auf die alten 
Götter über, wo diese, wie der norwegische 
Bauerngott Thor, nach wie vor im Mittel- 
punkte des Kultes standen. 

§ 3 . Eine bestimmte Zahl der Asen kennen 
erst ganz junge Quellen: die jüngere Vqluspa 
aus dem Ausgang des 12. Jahrhs. kennt die 
Zwölfzahl (Hyndlul. 29), und Snorri zählt 
in seiner Edda neben den zahlreichen 
Asinnen ihrer 14 auf, obgleich er im Ein- 
gang von zwölfen spricht (SnE. I 82 ff.). 

E. Mogk. 



ÄSGARD— ASTRONOM 



131 



Asgar&r in der nordischen Dichtung 
und im Volksglauben Sitz der Äsen (s. d.). 
Doch begegnet der Name hier ziemlich 
selten (f)rymkv. 17; Hym. 7). Wo man sich 
diesen Asensitz dachte, geht aus den 
Quellen nicht hervor. Erst Snorri sucht 
in der Edda von Asgard ein Bild zu ent- 
werfen, in dem er euhemeristische An- 
schauungen mit Vorstellungen eines mittel- 
alterhchen Fürstensitzes verbindet. Dar- 
nach soll sich Asgardr als Burg der Äsen 
in der Mitte der Welt erhoben haben 
(SnE. I 54). Als Aussichtswarte befand 
sich hier Hlidskjälf, von wo aus Ödinn 
als Herr von Asgard die ganze Welt über- 
schaute. In der Mitte der Burg war dann 
die Gerichtsstätte der zwölf Äsen. Daneben 
war der Tempel und ein Saal für die Götter 
(Glaäsheimr mit Valhgll) und einer für die 
Göttinnen [Vingolf). Hier sollen dann 
auch, was Snorri aus der Vqluspa ge- 
schöpft hat, die Werkstätten der Götter 
gewesen sein, wo sie Gold und Erz, Holz 
und Stein bearbeiteten und Gefäße und 
Waffen schmiedeten (SnE. I 62). Ein 
Gitter, die Äsgrind, umgab diese Burg 
(SnE. I 212). Snorri ist dieser Äsgardr 
der neue A. im Gegensatz zum alten A., 
den die Äsen einst bewohnt haben sollen, 
da sie noch in Asien ihre Heimat hatten. 

E. Mogk. 

\(3iii^o6p^iov opo? heißt ein in süd- 
östl. Richtung verlaufender Gebirgszug in 
der Germ, magna des PtoL, in dem der 
SuTJßoi; iroxajjLo?, die Oder, und an der 
Germanengrenze die Weichsel entspringt. 
Danach handelt es sich um die östlichen 
sog. Sudeten, und nach dem unter 
Asciburgium Bemerkten haben wir es 
dabei mit einem 'Eschengebirg' zu tun. 
Dazu stimmt der cech. (von jasan 'Esche' 
abgeleitete) Name Jeseniky des Grenz- 
gebirges zwischen Mähren und Schlesien, 
woraus deutsch Gesenke geflossen ist, und 
der vorgerm. Acfof^xa bei PtoL H ii, 14, 
der von einer Entsprechung zu lit. üsis 
'Esche' abgeleitet scheint. Auch die 
JassafJQÜ oder jQSurfJQÜ der Hervararsaga 
gehören noch hierher: s. ZfdA. 33, i ff. 

R. Much. 

Asthma. Atembeschwerden außer bei 
Schwindsucht, Bräune, Seitenstechen (s. d.), 
also unbestimmter Natur, begegnen uns 



in einigen Übersetzungen des asthma der 
alten Medizin: herzspann, herzsper, herzen- 
kist, herzkist, herzstech, odymhroch, Balds 
Laeceboc (10. Jahrh.) nennt das I 15, 6 
angbreost, ebenso Lacnunga 63, dagegen 
Lacnunga 116 breost nyrwet (Cockayne, 
Leechd. H 58; HI 48 u. ^6] Leonhardi, 
Bibl. d. ags. Pros. VI 18, 142 u. 152) und 
Laeceboc II 21 nearuness (Cock. III 106 
u. 116 ff.). 

M. Heyne Hausaltert. III 131. Joh. Geldner 
Untersuch, zu altengl, Krankheitsnamen I (1906) 
14 f.; III (1908) 8. M. Höfler Krankheits- 
namenbuch 18, 658. Sudhoff. 

Astronom, der, (§1) so pflegt man 
wegen seiner astronomischen Interessen, 
die er neben medizinischen bekundet, 
den ungenannten Geistlichen zu bezeichnen, 
der in den letzten Jahren Ludwigs 
des Frommen in dessen Umgebung 
weilte und bald nach dessen Tode (u. 
zwar, falls die neuerdings von E. Müller 
angenommene Benutzung schon durch 
Nithard richtig ist, bereits vor Herbst 841) 
eine umfassende Biographie des 
Kaisers schrieb. Dies Werk ist aus drei 
völlig ungleichartigen Bestandteilen nicht 
ohne Geschick zusammengefügt. 

§ 2. Die kundige und lebendige J u - 
g e n d g e s c h i c h t e Ludwigs in 
Aquitanien entstammt dem bei der 
Fülle von Einzelheiten wohl nur schriftlich 
zu denkenden Bericht eines Mönches 
A d e m a r , der von hoher Abkunft und 
mit Ludwig auferzogen war. Da dieser 
für das Kriegshandwerk überhaupt und 
insbesondere für die spanischen Feld- 
züge intimstes Verständnis zeigt und 
gerade die an sich wenig bedeutenden 
Unternehmungen, an denen ein viermal 
erwähnter Heerführer und Gesandter 
Hademar oder Hadhemar beteiligt war, 
so eingehend und anschaulich schildert, 
wie es nur ein Teilnehmer vermag, so er- 
scheint mir die von Giesebrecht und Dorr 
vermutete Identität des Mönches Adhe- 
mar mit dem Heerführer Hademar, der 
dann im Alter ins Kloster gegangen wäre, 
doch höchst einleuchtend. Die abweichende 
Orthographie, die Wattenbach dagegen 
geltend macht, an sich schon ohne Belang, 
fällt um so weniger ins Gewicht, als (selbst 
die Übereinstimmung der Ausgabe mit der 



132 



ASTRONOMIE 



Urschrift vorausgesetzt) die eine Schreibung 
(in der Vorrede) dem Astronomen geläufig 
gewesen sein wird, während er die andre 
aus seiner Vorlage übernahm. Die Nicht- 
erwähnung der Identität und die Häufig- 
keit des Namens in Aquitanien können 
das Gegenargument nicht verstärken. Als 
laienhafter geschichtschreibender Kriegs- 
mann trotz seines späteren Mönchtums 
würde sich Ademar in gewissem Sinne 
Nithard an die Seite stellen. 

§ 3. Der Astronom wird Ademars 
Bericht in ähnlicher Weise rhetorisch 
überarbeitet haben, wie in dem zweiten 
Abschnitt seiner Biographie von 814 — 829 
die Annales Laurissenses. Hier sind daher 
nur die Zusätze von Wert. 

§ 4. Ganz als eigene Arbeit des Astro- 
nomen hat der letzte Teil von 829 — 840 
zu gelten. Er ist aus naher Kenntnis des 
von den Wogen des Schicksals umher- 
getriebenen, alternden und kränkelnden 
Kaisers geschrieben, voll Verehrung für 
ihn wegen seiner Milde und Kirchlichkeit, 
aber ebenso auch für das Papsttum einge- 
nommen, dagegen in lebhafter Feindschaft 
gegen Ludwig d. D., also trotz geringerer 
Leidenschaftlichkeit des Tones ebenso- 
wenig wieThegans (s. d.) Schrift eine ruhige 
historische Würdigung, in der Chronologie 
oft verwirrt, im Ausdruck ohne feineren 
Geschmack, aber in den inhaltlichen Mit- 
teilungen doch recht wertvoll. 

Ausg.: Vita Hludowici imperatoris MG. II 

604 ff. Übersetzung: Geschichtschreib. 

d.d. Vorzeit 2 19, 1889. — Wattenbach 

DGQ. 17, 230. Simson Jahrb. d. fränk. 

Reiches unier Ludw. d Fr. II 294 ff. K. Hampe. 

Astronomie. § i. Die astronomischen 
Kenntnisse der germanischen Völker bis 
zum Eintritt des arabischen Einflusses 
können, da eine Pflege der wissenschaft- 
lichen Astronomie durch lange Zeiträume 
fortgesetzte und verarbeitete Beobach- 
tungen erfordert, lediglich als ein Erbe 
des griechisch-römischen Altertums an- 
gesehen werden. Weder die germanischen 
Kulte noch die Mythen lassen astrale 
Beziehungen größeren Umfangs erkennen. 
Zwar überliefert Caesar (Bell. Gall. 
6, 21), daß sie als Götter nur die verehren, 
deren Dasein und Hilfe sie unmittelbar 
erkennen, nämlich .Sonne und Vulkan 



und Mond; und die Nachricht hat manche 
anderweitige Stütze (s. zuletzt Much GGA. 
1909, 95 f-; R- M. Meyer, Altgerman. 
Religionsgesch. 105), bei Tacitus freilich 
nur die Stelle in der Germania Kap. 11, 
wonach die Germanen ihre Versammlungen 
abhalten nisi quid fortuitum et subitum 
incidü, certis diebus, cum aut incohatur 
luna aut impletur; nam agendis rebus hoc 
auspicatissimunt initium credunt; vgl. auch 
Cnuts Gesetze 11 5 (Liebermann Ges. d. 
Ags. I 312) und Abt Aelfrics Homilie (ed. 
Thorpe I 366): ,, einige glaubten an die 
Sonne, einige an den Mond, einige an das 
Feuer und manche andere Geschöpfe; sie 
sagten, daß sie ihrer Schönheit wegen 
Götter wären". Auf den Mond wird Rück- 
sicht genommen auch in Theodors Poeni- 
tential (bei Thorpe, Ancient Laws & In- 
stitutes of England [ 1840] II 34 § 25). Aber 
die einfachen Beobachtungen, die dafür 
nötig sind, bedürfen keiner astronomischen 
Schulung und Tradition. Die von Jakob 
Grimm (DMyth. II 4 601) herangezogene 
sagenhafte Nachricht bei Jordanes (cap.ll), 
wonach zu Sullas Zeit die Goten unter 
ihrem König Baruista ( Börebista) von dem 
w'eisen Dikineus in allen Künsten und 
besonders eindringlich in der Astronomie 
unterrichtet w'urden und nicht Weniger 
als 346 Sterne gekannt, dh. doch wohl 
benannt haben sollen, könnte höchstens 
die Geten, aber nicht die Goten angehen. 
Die Annahme, die Germanen hätten, wie 
sich besonders im Julfest zeige, die Wenden 
und Solstitien genauer beobachtet, darf 
nach Tilles 'Yule and Christmas' (London 
1899) und Bilfingers wie immer sehr 
gründlichen und sachkundigen Erörte- 
rungen (Untersuchungen über d. Zeit- 
rechnung d. alten Germanen I. II. Progr. 
Stuttgart 1899. 1901) als unhaltbar be- 
zeichnet Werden; Bilfinger schließt seine 
Untersuchung mit dem Satze, daß bei 
genauer Betrachtung von dem germani- 
schen Julfest nichts Urgermanisches übrig 
bleibt als der Name Jul, und Tille betont 
sehr mit Recht: ,,The Observation of the 
change of cold in Winter and heat in summer 
is one thing, that of the movement of the 
rising-point of the sun on the horizont 
is another". Die germanischen Stämme 
wußten so wenig von Solstitien und 



ASTRONOMIE 



133 



Äquinoktien, daß sie nicht einmal Namen 
dafür hatten und den Begriff erst durch 
die Römer erhielten. Selbst einfache 
astronomisch-astrologische Texte, die den 
Fernerstehenden zunächst den Eindruck 
der Volkstümlichkeit machen könnten, er- 
weisen sich bei näherer Prüfung stets als 
bloße Übersetzungen aus dem Lateinischen 
und zum Teil durch dieses Medium aus 
dem Griechischen, sind also rein gelehrten 
Ursprungs und gehen erst sekundär ins 
Volksbewußtsein über (vgl. Max Förster 
über ae. Donnerbücher, Nativitätslunare 
u. dgl. in Herrigs Archiv 120 u. 121). 
Vollends von Gestirnmythen haben unbe- 
fangene Beurteiler (zB. Herrmann, Deut- 
sche Mythol. 199 ff., ders., Nord. Mythol. 
575 f., R. M. Meyer aaO. 106 f.) nur äußerst 
dürftige Spuren entdecken können. Auch 
aus den Vorstellungen von der Weltesche 
Yggdrasil, den neun Welten und deren 
Weltbäumen und der Entstehung des 
Himmelsgewölbes aus Ymis Schädel in 
der nordischen Mythologie, über die im 
Art. Kosmologie zu sprechen sein wird, 
hat sich keine wenn auch primitive wissen- 
schaftliche Astronomie entwickelt. 

§ 2. Auf dem Boden des germanischen 
Volkstums sind also nicht einmal die 
Wurzeln zu finden, aus denen das astro- 
nomische Wissen des früheren MA. 
erwächst; vielmehr handelt es sich bei 
diesem ausschließlich um literarische Über- 
tragung, um die Rezeption der römischen 
astrognostischen und astronomischen Lite- 
ratur, in die allerlei biblische und christ- 
liche Gedanken einen mehr erbaulichen 
als wissenschaftlichen Einschlag liefern. 
Und da der Stand des Wissens dieser 
Vorbilder nirgendwo durch eigene Arbeit 
überschritten wird, so muß man hier 
statt eines Stücks Geschichte der Wissen- 
schaften, dh. der wissenschaftlichen For- 
schung, vielmehr einen Abschnitt aus der 
Überlieferungsgeschichte und Imitation der 
römischen Literatur im MA. suchen: 
Delambre hatte daher in seiner Histoire 
de V astronomie du moyen-äge über diese 
Zeiten nichts zu sagen, und Wolf in seiner 
Geschichte der Astronomie in Deutschland 
(S. 75 f.) lediglich einige Notizen über den 
astronomischen Unterricht zu geben, im 
Gegensatz zu den sehr wesentlichen Fort- 



schritten, die die arabische Astronomie 
in Benutzung und Weiterführung ihrer 
griechischen Vorbilder macht. Der Grund 
für die völlige Verschiedenheit von Abend - 
und Morgenland auf diesem Gebiete liegt, 
abgesehen von politischen und religiösen 
Verhältnissen, in der Unmöglichkeit, aus 
der lateinischen astronomischen 
Literatur die mathematische Grundlage 
der griechischen Astronomie wiederzu- 
gewinnen, wie sie die Araber vor allem 
im Almagest des Ptolemäus und in den 
Handtafeln der alexandrinischen Schule 
besaßen; es sind ausschließlich dogmatische 
Darstellungen, zum Teil ganz populären 
Charakters, oft in äußerster Knappheit 
nur das Wichtigste vermittelnd. Was 
das frühere MA. besaß, Waren haupt- 
sächlich folgende Schriften: das Gedicht 
des Arat in den Übersetzungen des Ger- 
manicus und (teilweise) des Cicero, mit 
den Scholien; das Poeticon astronomicon 
des Hygin; Plinius Nat. hist. Buch II, 
eine Hauptquelle; Macrobius Kommentar 
zum Somnium Scipionis; Chalcidius Über- 
setzung des platonischen Timaeus nebst 
dessen Kommentar dazu; Martianus Ca- 
peila (B. VIII); ganz vereinzelt (s. Gerberti 
opera mathem. ed. Bubnow p. 99 f., 103) 
vielleicht auch die verlorene Astronomie 
des Boethius nach Ptolemäus; und zuletzt 
die bis aufs äußerste dürftigen Notizen im 
letzten Abschnitt der Institutiones des 
Cassiodor. Die Kenntnis des gestirnten 
Himmels, der Sternbilder, Wie sie die 
Griechen benannt hatten, ihrer Auf- und 
Untergänge und der Wetterzeichen ver- 
mittelte (außer Germanicus und Cicero) 
auch noch die nach E. Maaß vor dem 
8. Jh. entstandene barbarische Übersetzung 
des Arat in Prosa nebst Einleitung und 
Scholien (hgg. von E. Maaß, Commen- 
tariorum in Aratum rell. p. 98 — 396, wo 
S. 583 ff. auch die darauf sich gründenden 
ma. lateinischen Texte von Beda bis Ekke- 
hard IV. von St. Gallen abgedruckt sind und 
lehrreich die völlige Abhängigkeit von den 
antiken Vorlagen veranschaulichen). Man 
Würde freilich sehr irren. Wollte man an- 
nehmen, diese Hilfsmittel, die übrigens 
großenteils sich nahe berühren und teil- 
weise decken, seien auch nur an den 
größeren Zentren ma. Bildung überall 



134 



ASTRONOMIE 



vorhanden gewesen; besonders verbreitet 
war das barocke Werk des Martianus 
Capella, das seltsamerw'eise dem Schul- 
unterricht im Quadrivium besonders gern 
zugrunde gelegt Wurde. 

§ 3. Was sich aus diesen Schriften 
gewinnen ließ, War ein Bild der geozentri- 
schen Astronomie, wie sie das spätere 
Altertum, nach dem frühzeitigen Zurück- 
drängen von Aristarchs (3. Jh. v. Chr.) 
großartiger VorWegnahme von Copernicus' 
heliozentrischem System, als communis 
opinio festgestellt hatte. Es Waren zu- 
nächst die Einteilung des Himmels nach 
Sternbildern, die durch Arat auf Eudoxos 
zurückging, nebst den daran geknüpften 
Sternsagen, und die himmlischen Kreise, 
die jährlichen Auf- und Untergänge der 
Fixsterne und Sternbilder in jenen römi- 
schen Schriften zu finden; sodann all- 
gemeine Vorstellungen über das Wesen, 
die Bahn, die Abstände der fünf Planeten, 
der Sonne und des Mondes; die Erklärung 
der Sonnen- und Mondfinsternisse; die 
pythagoreische Lehre von der Sphären - 
harmonie; das Nötigste über Meteore und 
Verwandtes, über Jahreszeiten und meteoro- 
logische Erscheinungen; auch die Grund- 
begriffe der astronomischen Geographie. 
Mancherlei Hinweise auf minder vulgäre 
Lehren, besonders über das Planeten- 
system, kamen namentlich bei Chalcidius, 
Macrobius, Martianus Capella hinzu. In 
der Hauptsache aber konnte man überall 
nur kurze und nicht immer korrekte 
Zusammenfassung der antiken Forschung, 
aber nicht ihre nähere Wissenschaftliche 
Begründung finden. 

§ 4. Die Literatur des MA., die sich 
hier anschheßt, wird eröffnet durch Isidor 
[Eiym. III und de nat. rerum); auf ihm, 
wie zum Teil auch auf Plinius beruht in 
der Hauptsache Bedas de natura rerum 
(vgl. die vielen Parallelstellen bei K.Werner, 
Beda der Ehrwürdige lOl ff.). Das ge- 
nannte Buch des Beda und sein größeres 
de ratione temporum schreibt wiederum 
zum Teil ganz Wörtlich Hrabanus Maurus 
aus {de computo, die Astronomie dort 
c. 37ff. ; vgl. auch de universo lib. IX); 
von seines Lehrers Alcuin selbständigeren 
Versuchen wird unten zu reden sein. 
Am Schluß der Epoche steht als eine 



hervorragende Erscheinung dann vor allem 
Gerbert von Aurillac, der spätere Papst 
Sylvester IL, dessen mathematische Ge- 
lehrsamkeit ihn noch für Jahrhunderte 
nachher mit dem Ruf eines Zauberers 
umgab: von seinen astronomischen Ein- 
sichten erfahren wir freilich nicht viel. 
Es sind damit nur die Wesentlichsten 
Namen genannt, ohne Berücksichtigung 
der minder bedeutenden. — Plinius, Isidor 
und besonders Beda und Hrabanus Maurus 
liegen dem Unterricht im Computus zu- 
grunde, der den letzten Teil des für schwer 
geltenden und darum gewiß nicht überall 
auch nur in der knappsten Form gepflegten 
Quadriviums bildete: der Zweck dieser 
astronomischen Belehrung War Wesentlich 
die kirchliche Osterrechnung, Wenn auch 
die köstliche Schulstunde aus dem Quadri- 
vium, die in Hrothsvithas Drama Paphnu- 
tius der fromme Einsiedler mit seinen 
Schülern abhält, recht Wohl erkennen läßt, 
wie diese Dinge auch für sich doch ihr 
bescheidenes Maß von Interesse erzwangen 
und die Geheimnisse der Sphärenharmonie 
einen romantischen Reiz zu üben fort- 
fuhren. Als Hilfsmittel der Belehrung 
und der Himmelsbeobachtung dienten die 
aus dem Altertum in manchmal sehr 
getreuer Nachahmung überkommenen Mi- 
niaturen der Germanicus-, Hygin-, Cicero- 
und Beda- Handschriften (vgl.Thiele, Antike 
Himmelsbilder, Berlin 1898, und einzelne 
Hinweise in meiner 'Sphaera', Leipzig 
1903); ferner Astrolabien, Globen und — • 
seit Gerbert^ — Armillarsphären. Himmels- 
globen sind namentlich für St. Gallen 
(unter Abt Purchardus gefertigt, s. Die 
Schriften Notkers, hgg. von Piper 1 112, 15) 
und durch Gerberts Beschreibung im 
Brief an Constantin (opera math. ed. Bub- 
now p. 25 ff.) bezeugt. Der Tubus, dh. 
das gläserlose Fernrohr, diente zur Him- 
melsbeobachtung; Gnomone (Sonnenuhren) 
zur Zeitbestimmung am Tage. 

§ 5. Eigene neue Wahrnehmungen oder 
Berichtigungen der überlieferten Gelehr- 
samkeit wird man im astronomischen 
Unterricht so wenig wie in den genannten 
Traktaten des Isidor, Beda, Hrabanus er- 
warten dürfen. Die verkehrten Anschau- 
ungen der antiken Vorlagen — beispiels- 
halber die Lehre von einer Breiten- 



I 



ASTRONOMIE 



135 



beWegung (sog. Nutation) der Sonne (Plin. 
II ^'] ^ Chalcidius und Martianus Capella; 
näheres darüber bei Rehm in Wissowas 
Realenzyklopädie V 2212 f. und Günther, 
Gesch. des math. Unterrichts im MA. 
S. 6, 2), von der Erhellung aller Sterne 
durch die Sonne (Plin. II 45, vgl. die 
antiken von Diels herausgegebenen Doxo- 
graphen), die Meinung, der Mond sei 
größer als die Erde (ebd. II 49) — werden 
unbesehen mit ihren Begründungen bei 
Isidor, Beda, Hrabanus herübergenommen. 
Überraschend wirkt es zunächst, bei dem 
großen Johannes Scotus Eriugena zu 
lesen [de divis. nat. III 27 p. 698 A 
Migne), daß zWar nicht Saturn, aber die 
übrigen Planeten, also Jupiter und Mars 
gleich Venus und Merkur sich um die 
Sonne — also nicht unmittelbar um die 
Erde — bewegen {qui circa eum volvuntur, 
Jovem dico et Martern, V euerem et Mer- 
curtum quae semper circulos suos circa 
solem peragunt, sicut Plato in Timaeo 
edocet) ; allein diese Berufung auf Piaton 
im Timäus (dh., trotz seiner griechischen 
Kenntnisse, auf Chalcidius' Übersetzung) 
lehrt, daß ein Mißverständnis des bei 
Plato oder Chalcidius Gelesenen die auf- 
fallende neue Anschauung veranlaßt haben 
muß; vermutlich eine grundlose Erweite- 
rung dessen. Was in Chalcidius' Kommentar 
Kap. HO S. 176 f. (Wrobel) über Herakleides 
des Pontikers Anschauungen zu lesen War. 
§ 6. Eine teilweise Modifikation des 
antiken Weltbildes konnte das Christentum 
hervorbringen; doch ist das im Abendland 
nicht mit dem plumpen Haß gegen die 
heidnische Wissenschaft geschehen, der 
das (wohl nicht einmal originelle) biblische 
W'eltbild des Kosmas Indikopleustes dem 
Photios unerquicklich und einem der 
neueren Beurteiler verehrungswürdig 
macht. Divina auctoritas rationes rerum 
visihilium et invisihilium non solum non 
prohibet, verum etiam hortatur investigari 
sagt Johannes Scotus von der Astronomie 
(aaO. III 35). Die Auffassung der Erde 
als Scheibe ist durch die Annahme der 
Kugelgestalt seit dem 8. Jahrh. ganz in 
den Schatten gestellt worden. Selbst eine 
Lehre wie die von der Gestirnbeseelung 
glaubt Isidor de nat. rer. noch aus der Bibel 
und im Anschluß an Augustin rechtfertigen 



zu können. Positive Zusätze aus christlicher 
Anschauung, die freilich nicht zu wissen- 
schaftlichen Fortschritten führen konnten, 
Waren die allegorische Deutung — zB, 
Christus als Sonne (Sol iustitiae), die Kirche 
gleich Luna (oder auch dem Himmels- 
Wagen), die im Winter aufgehenden Sterne 
des Orion als die in der Verfolgung sich 
zeigenden Märtyrer, die Sterne allgemein 
als viri sancti gedeutet (Isidor) oder Ver- 
wandtes bei Hrabanus de univ. IX — 
und die Hinweise auf den Stern der Magier, 
wie sie schon Chalcidius (S. 190 Wr.) 
gegeben hatte. Negativ hatte man be- 
sonders mit den heidnischen Benennungen 
der Sternbilder, quae Deus ad honorem 
nominis sui creavit et in caelestihus con- 
stituit, nach ,, verbrecherischen Menschen 
oder unvernünftigen Tieren" zu schaffen; 
aber auch hier ist der byzantinische Osten 
entschiedener, bis zur Umnennung 
dieser Gestirne nach Heiligen, vorgegangen. 
Ganz abgelehnt wurde die in der Kaiserzeit 
mit der Astronomie fast unlösbar ver- 
bundene Astrologie; die Kirchenväter haben 
den Kampf gegen sie mit solchem Erfolge 
geführt, daß sie aus dem Abendland bis 
zur Einwirkung der arabischen Kultur 
wie verschwunden scheint; auch Cassiodor 
(in seinem kurzen Abriß der astronomi- 
schen Begriffe, Migne S. 12 18) hatte vor 
diesem frevelhaften und abergläubischen 
Versuch, das Schicksal aus den Sternen 
erkennen zu wollen, scharf geWarntj und 
Isidor wiederholt das wörtlich (Etym. III 
171» 39)- Die Lehre von den Antipoden, 
die Lactanz (III 24, i) und Augustin 
(de civ. Dei XVI 9) als unchristlich und 
unvernünftig verworfen hatten, wagte der 
aus Irland stammende Bischof Virgilius 
von Salzburg wiederaufzunehmen, eine der 
Ursachen seines Zusammenstoßes mit dem 
hl. Bonifatius; so mutig die Tat erscheint, 
so steht freilich auch da nur wieder Tradi- 
tion gegen Tradition, da Virgilius seine 
Ansicht aus Plin. II 161 oder Martianus 
Capella VIII 874 entnommen haben wird, 
so gut wie Bonifatius die seinige aus der 
Lehre der Kirchenväter. 

§ 7. Am anziehendsten ist das Bild 
dieser Wesentlich Überliefertes auf Treu 
und Glauben hinnehmenden und kaum 
irgendwo selbständig verarbeitenden Stu- 



136 



ASYL 



dien, \\''enn sich unmittelbar die eigene 
Beobachtung geltend macht. In rein 
praktischem Sinne war sie unumgänglich 
für die Mönchs- und Nonnenklöster um 
der rechtzeitigen Abhaltung der nächt- 
lichen Hören willen; es ist uns mehrfach 
auch für das frühere MA. bezeugt, daß 
von den Klosterbrüdern gelernt werden 
mußte, die nächtlichen Stunden in den 
Wechselnden Jahreszeiten an den Sternen 
abzulesen (vgl. zB. auch Hraban. de comp. 
Kap. $i: ad dignoscendum horas nocturnas 
adiuvant calculatorem sidera praeter zodia- 
ctim). In Alcuins Briefwechsel mit Karl 
d. Gr. wird eine Frage über das Ver- 
schwinden und Wiederauftauchen des Pla- 
neten -j Mars ausführlich behandelt, die 
direkte und ständige Beobachtung des 
nächtlichen Himmels, und zwar durch den 
großen Kaiser wie durch seinen gelehrten 
Berater, voraussetzt (ep. 103 bei Jaffe, 
Bibl. rer. german. VI 435); auch die 
Worte, mit denen Alcuin im 99. Brief 
(ebd. S. 417) den Verfall der Astronomie 
durch seinen Lehrer Aelbert beklagen 
läßt, sind bezeichnend für die karolingische 
Renaissance mit ihrem neu erfrischten 
geistigen Leben. Nach Alcuins Tode ver- 
handelt der Kaiser mit Dungal über zWei 
für das Jahr 810 vorausgesagte Sonnen- 
finsternisse (Werner, Alcuin S. 30, i), und 
selbst auf Ludwig den Frommen ist dieses 
astronomische Interesse übergegangen. — 
Vgl. Weiter die Art. Kosmologie, Mond, 
Sonne, Sonnen- und Mond- 
finsternisse, Sterne. 

Außer den im Text genannten Werken noch 
Cantor Gesch. d. Mathematik 1^ 821 £F. 
Specht Gesch. des Unterrichtswesens im 
deutschen MA., Stuttgart 1885, S. 136 £F. Rück 
Auszüge aus der Naturgeschichte des Plinius in 
einem astronomisch-komputistischen Sammelwerk 
des 8. Jhs. (es stammt wohl aus einer angel- 
sächsischen Bildungsstätte, vielleicht unter 
Bedas Einfluß), München 1888 (Progr.). M a - 
rinelli-Neumann Die Erdkunde hei den 
Kirchenvätern, Leipzig 1884. K. Kret- 

Schmer Die physische Erdkunde im christl. 
MA. Pencks Geogr. Abhandlungen Bd. IV (1889). 

F. BoU. 

Asyl. Das A. ist in erster Linie ein Ort, 
an dem der (verfolgte) Verbrecher, ver- 
urteilt oder unverurteilt, vor dem unmittel- 
baren Zugriff seiner Feinde, insbesondere 



auch während der Fehde, und des Richters 
sicher ist; es ist ihm eine ,, Freistatt", 
eine ,, Friedensstatt" (ags. fri^hüs, friästöw, 
anorw. griäastaär, lat. immunitas) . Das 
Asyl hängt zusammen mit dem Sonder- 
frieden (s. d.). Von Anfang an sind es 
Stätten, an denen Sonderfriede herrscht, 
die dann auch Freistätten darstellen. 
So schon beim ältesten Asyl, den Hainen 
und Tempeln der Götter, an deren Stelle 
in folgerichtiger Weiterbildung die christ- 
liche Kirche getreten ist, meist mit dem 
sie in gewissem Umkreis oder innerhalb 
einer Mauer als ,, Friedhof" (ahd. frithof) 
umgebenden Gebiet; dazu kamen Klöster 
und, nach den Forderungen der Kirche 
wenigstens, Häuser der Geistlichen, ins- 
besondere des Bischofs. Nicht anders 
liegt die Sache bei dem Hause als Asyl 
(lang, fraida), das es insbesondere seinem 
Eigentümer, mit dessen Willen auch An- 
deren sein kann und vor allen als Haus 
des Königs oder hoher Herrn und beim 
Dingplatz. Die Kraft des Asyls war aber 
weder zu allen Zeiten noch in allen Fällen 
gleich groß. Im fränkischen wie im angel- 
sächsischen Recht zeigt sich eine allgemeine 
Tendenz zur Abschwächung der Asyl- 
wirkungen. Dort wurde in der Karohnger- 
zeit zwischen den verurteilten und unver- 
urteilten Tätern geschieden, hier der Asyl- 
schutz zeitHch auf bestimmte Fristen, be- 
schränkt. Soweit das Asyl noch Wirkung 
hatte, bestand diese wie früher vor allem 
darin, daß die Lebensstrafe und Leibes- 
strafe ausgeschlossen wurde: nur gegen 
die Versicherung, daß er nicht an Leib 
und Leben gestraft werde oder, wie man 
zu sagen pflegte, ,,excusaius'' brauchte 
der Täter ausgeUefert zu werden. Diese 
Wirkung fiel später beim verurteilten 
Täter weg, dem überdies, wie bei den 
Angelsachsen später durchweg, während 
des Aufenthaltes im Asyl keine Nahrung 
gereicht werden durfte. 

DieVerletzung des durch Asyl geschützten 
Verbrechers, der Asylbruch, galt, weil 
damit ein Sonderfriede gebrochen wurde, 
als ein sehr schweres Delikt und war von 
der Kirche mit der Exkommunikation 
bedroht. 

W e i n h o 1 d Fried- u. Freistätten. Frauen- 

Stadt Blutrache u. Totschlagsühne 51 ff. Brun- 



ATRIUM— ATTILA 



^?>7 



n e r DRG. II 6io fF. Schröder DRG.'> 

350. Wilda Strafrecht 242 f. 250 f. 537 ff. 

Grimm Z)i?A II 4 532 ff. Hildebrand 

Sveriges Medeltid III 837. v. A m i r a Alinorw. 

Vollstreckungsverf. 15 f. ^ , . 

V. Schwerin. 



gewisse bischöfliche Bauwerke, so in Me- 
rida, als Atrien bezeichnet; wie es scheint, 
palastartige, vielleicht für jedermann offene 
Gebäude oder Hallen (s. a. Vorhalle). 
Ein wichtiges Zubehör ist der Brunnen 




Abb. 22. Atrium vor der Aachener Pfalzkapelle. Längenschnitt. Nach Buchkremer. 
Aus Zeitschrift des Aachener Gesch. Vereins. Aachen, Cremer. 



Atrium. Ringsum abgeschlossener Vor- 
hof bei Kirchen und Palästen, besonders 
bei den Franken gern als nach innen 
offener Portikus gestaltet, selbst wie bei 



in der Mitte {cantharus, nymphaeum), das 
Sinnbild der Reinigung. 

Dehio u. v. Bezold Kirchl. Bank. d. 
AbendL I 88 ff. J. Buchkremer Das 




Abb. 23. Atrium vor der Aachener Pfalzkapelle. Grundriß. Nach Buchkremer. S. Fig. 22. 



arabischen Moscheen mit Bäumen besetzt, 
also ein Vorgarten. Hervorragend war 
das Atrium vor dem Aachener Münster 
(Abb. 22. 23); ähnHch in Essen; auch zu 
Lorsch als einst in bedeutenden Ab- 
messungen vorhanden und ansteigend 
durch Ausgrabung festgestellt. 

Bei den spanischen Westgoten wurden 



Atrium d. karol. Pfalzkapelle z. Aachen, Zeitschr. 
d. Aachener Gesch.-Ver. 20, 247 ff. A. Haupt. 

Attila als Sagengestalt. § i. Der gewaltige 
Hunnenkönig (f 453), der einen gotischen 
Namen führt und an dessen Hofe gotische 
Sitten herrschten, ist der einzige Nicht- 
germane, der eine bedeutende Stellung 
in germ. Heldensage einnimmt. Durch 



138 



ATTILA 



fünf Lieder kam er in die Dichtung herein: 
den Burgundenuntergang, die Hunnen- 
schlacht (nach Wids. 122), Dietrichs Exil, 
den Fall der Etzelsöhne, die Walthersage. 
(Dagegen die alteErmenrichdichtung wußte 
nichts von den Hunnen, trotz dem Er- 
eignis von 375, und gewann die Be- 
ziehungen zu Etzel erst dadurch, daß 
Ermenrich im 9./10. Jahrh. als Erbe 
Otachers in Dietrichs Ebcilsage trat.) In 
all den fünf Sagen war A. entweder Gegen- 
spieler oder Nebenfigur: eine eigene 
Stammsage besaß A. nicht, 
die gewann er erst durch die nd. Spiel- 
mannsepen im 12./13. Jahrh. Die fünf 
Sagen geben A.s Bild in zwiefacher 
Auffassung: nach der westlichen (fränki- 
schen und westgotischen) ist er der ge- 
fürchtete Feind, so in i und 2; nach der 
östlichen (ostgotischen, später obd.) ist 
er die Zuflucht fürstlicher Recken und 
der milde Herr vergeiselter Königskinder, 
so in 3 — 5. Dort bestimmten die Hunnen- 
stürme von 437 und 451 die Zeichnung, 
hier A.s langjähriger Patronat über die 
Ostgoten. 

§ 2. Folgende Data aus A.s Kreise 
haben die Sagen festgehalten. Den Namen 
*Hünöz] A 1 1 i 1 a > mhd. Etzel, ae. Etla 
(Liber Vitae), aber die Form Mtla im 
Wids. und Waldere fordert die Zwischen- 
stufe nd. *Atlo, die sich auch in nord. 
Atli fortsetzt (ps. hat buchmäßig Attild). 
Nur durch die got.-obd. Sage sind be- 
wahrt : A.s Bruder B 1 e d a umgebildet zu ae. 
Bl^dla (Liber Vitae), mhd. Blcedel{in)] A.s 
Gemahlin KpExa als edd. Herkia, ps. Erka, 
mhd. Herche, Reiche. Nur die fränkische 
Sage nahm die letzte GemahHn, Hildiko 
> Gnmhild, auf. Unabhängig voneinander 
kennen die älteste Burgundensage (Edda) 
und die Dietrichsage zwei Söhnchen A.s, 
die, unter ganz verschiedenen Umständen, 
getötet werden, und von denen der eine 
übereinstimmend Erpr, hd. Erphe (Bite- 
rolf) heißt. Dieser Name, 'der Braune', 
ist vielleicht eine Umbildung von Ernac 
(so heißt A.s Liebhngssohn, sein Jüngster, 
oder E 1 1 a c (so heißt der älteste Sohn) 
der a. 454 fiel). Ellacs Fall kann sich 
in dem Tod der Etzelsöhne durch Witege 
spiegeln (s. Dietrich von Bern § 5). Da- 
gegen die Ermordung der zwei Knaben 



durch ihre Mutter Grimhild ist gewiß 
freie Dichterschöpfung, die nur den Namen 
Erp aufgriff und die allgemeine Tatsache, 
daß man bald nach A.s Ende von dem 
Tode seines Ältesten hörte. Die Zweizahl 
der Kinder kann beidemal spontan, nach 
einem 'epischen Gesetze', eingeführt worden 
sein. Es ist nicht ratsam, für diesen 
einzelnen Punkt Abhängigkeit der fränk. 
Burgundensage (in ihrer älteren, nordischen 
Fassung) von der gotisch-obd. Dietrichsage 
anzustrengen. (Falls der Erp der Svanhild- 
sage, s. Ermenrich § 3, ebenfalls auf EUac 
zurückginge, hätte man da eine dritte 
Variante.) Die Namen, die außer Erp 
für die Knaben erscheinen (Akv. Eitül, 
DFL Orte, Scharpfe, NL. Ortlieb, ps. Aldrian), 
haben kein geschichtliches Gegenbild. Das- 
selbe gilt von: edd. Buäli, mhd. Botelunc 
(vgl. ae. Wcels: anord. Vglsungr), dem 
Vaternamen, der gleichfalls in die fränk. 
und die got.-obd. Tradition einzog; und 
dann von den drei (75-namen, die in nd. 
Dichtung an A. antraten: Öserlch (J>s. 
Osanctrix), der Wilzenkönig, A.s Schwäher; 
Öspirin, A.s Frau; Ösiä, nach der ps. A.s 
Vater und Neffe. Oserich begegnet auch 
im Biterolf 1962 und in bair. Urk. 12. Jahrh., 
Ospirin nur im Waltharius: wie dieser 
Name in Eckehards obd. Überlieferung 
geriet, ist ein Rätsel. Die Zusammen- 
gehörigkeit und der nd. Ursprung der 
drei Namen sind sicher; ds- wäre hd. uos-. 
Sie ersetzten die älteren Namen Helche 
und Botel(unc). §3. Mit dieser nd. Neuerung 
ging vielleicht zusammen die Lokalisierung 
des Hunnenreiches in Niedersachsen, der 
Residenz A.s in Soest. Die besonderen 
Gründe des Vorgangs sind nicht be- 
friedigend aufgeklärt. Die deutliche Fixie- 
rung Attilas (bei Eckehard) und des mhd. 
Etzel in Ungarn (Etzelenburc = Ofen) 
ist gelehrte Auffrischung im Hinblick 
auf die Avaren und Ungern, die man für 
Nachkommen der Hunnen hielt. Die 
ursprüngliche Burgundensage legte den 
feindlichen Hof sicher nicht in das ferne 
Land; ob etwa die älteste Dietrichsage 
pannonische Ortsnamen festhielt, ist nicht 
zu entscheiden (vgl. Hild. 18 östar und 
entsprechend 43 westar). 

§ 4. Als im 8. Jahrh. die Burgundensage 
in die Donaulande kam, stießen die zwei 



ATTILAPALAST— AUFGEBOT 



139 



entgegengesetzten A.-traditionen, die west- 
liche und die östliche, aufeinander. Den 
Sieg behielt die einheimische, östliche: 
dies führte zur Umdichtung der Bruder- 
rache in die Gattenrache. Außerdem 
erhielt die Sage neue Elemente aus der 
got.-obd. Dietrichdichtung, v. a. Dietrich 
selbst. Dessen 30 Verbannungsjahre be- 
kamen durch seine Einfiechtung in den 
Burgundenfall einen neuen Inhalt, der 
doch an dem Verlaufe der Exilsage nichts 
änderte. So wurde A. das Bindeglied 
zwischen den rheinischen Helden und dea 
Amelungen. Die beiden Gemahlinnen, 
die östliche Reiche und die westliche 
Grimhild, brachte man in zeitlichem Nach- 
einander an; daß jene im dritten Gudrun- 
liede als A.s Kebse neben (Grimhild-) 
Gudrun agiert, kommt lediglich auf die 
Rechnung des Nordländers. — Die spätere 
Anschwellung der Dietrich- und der Bur- 
gundensage hat auch das Personal um A. 
vermehrt. Sein Markgraf Rüedeger wurde 
für die Dietrichsage gedichtet, seineStellung 
zu Dietrich und zu A. ist gleichalt (vgl. 
Amelunge). 

§ 5. Eine 'Attilasage* im eig. Sinne, d. h. 
eine Dichtung, die um A. als Mittelpunkt 
geschaffen wurde, kennen wir einzig in 
den Erzählungen der J)s.: sie sind nicht 
über das 12. Jahrh. zurückzudatieren. Bei 
der großen Brautwerbungsnovelle c. 42 — 56, 
die einerseits den Wilzen Oserich als 
Gegenspieler, anderseits den Österreicher 
Rüedeger (bzw. 'Ro^olf von Bakalar') 
verwendet, kann man zwischen hd. und 
nd. Ursprung schwanken. Sicher nd. sind 
A.s Kriege mit Wilzen und Russen c. 132 ff. 
291 — 315 (in hd. Dichtung einzelne Ab- 
leger) : eine eigentümlich realistische, chro- 
nikenhafte, scheinhistorische Dichtung, die 
an die Slavenkriege der Kaiser im 10. und 
II. Jahrh. knüpft und A., den in West- 
falen lokalisierten, zum Vertreter der 
Sachsen macht. Die günstige Zeichnung 
A.s fußt auf der obd. Dichtung; und so 
steht denn auch Dietrich, sein Schützling, 
neben ihm. Er und seine Helden voll- 
bringen die großen Taten. Zur persön- 
lichen Streitbarkeit hat es die Gottes- 
geißel auch in dieser ihrer späten Stamm- 
sage nicht recht gebracht. 

G. S t r m Aarb. 1877, 341 £f. Müllen- 



hof f DA. 5, 397 f. Burg ZfdA. 45, 128 ff. 

Matthaei ebd. 46, i ff. Bleyer PBBeitr. 

31, 429 ff. — Weiteres u. Burgunden- 

sage, Dietrich von Bern. 

A. Heusler. 

Attilapalast. Großartiges Holzbauwerk, 
das sich Attila in der Theißniederung, sicher 
von einem Germanen (Mösogoten), er- 
richten ließ. Die Gesandtschaft, die 
Theodosius H. unter Führung des Priscus 
dorthin sandte, hat eine ausführliche Be- 
schreibung hinterlassen. Aus dieser geht 
hervor, daß das Ganze eine nur aus Holz 
errichtete Anlage war, innerhalb einer 
hölzernen mit Türmen besetzten Um- 
friedigung. Ein innerer Bezirk nahm 
den höchsten Punkt in der Mitte des 
großen Dorfes ein, ebenfalls mit Holz- 
umfriedigung und Türmen befestigt. In- 
mitten davon des Königs Palast, die 
Regia, nach germanischer Art quer ge- 
stellt; dem Eingang gegenüber des Königs 
Hochsitz, ringsum Bänke. Hinter dem 
Thron verhüllt des Königs Bett. Ge- 
rühmt werden die schön geglätteten Balken 
und die geschnitzten und zierlich zu- 
sammengefügten Bretter. 

Stephani Wohnbau I 173 ff.; dort die 

Literatur. A. Haupt. 

Attunger, ein schwedisches Flächen- 
maß, in latein. Urkunden durch 'Octo- 
narius' übersetzt, also der achte Teil einer 
Maßeinheit, die wahrscheinlich die hamna, 
der kleinste Heerbezirk, war. Auf eine 
beträchtliche Größe lassen die gesetzlichen 
Pachtzinse schließen, die von demselben 
gegeben werden, sowie die Unterteilung 
bis auf Zwölftel und darunter. Vgl. 
V. Amira NOR. I 436. 

Luschin v. Ebengreuth. 

Auferstehung Christi. Selten nach heute 
üblicher Art dargestellt, öfter symbolisiert 
in der Gestalt des Daniel in der Löwen - 
grübe (s. d.) und des Jonas, der vo m Wall- 
fisch ausgespieen war, manchmal auch des 
Elias gen Himmel fahrend. A. Haupt. 

Aufgebot. § I. Das Aufbieten zum 
Heere konnte in germanischer Zeit durch 
Landgeschrei [feindio^ wapenio) erfolgen. 
Doch geschah dies nur in dringenden 
Fällen, während in der Regel das Aufgebot 
in einem allgemein bekannten Beschluß 
der Landsgemeinde über die Kriegseröff- 



140 



AUGENARZT 



nung enthalten war, oder eine geregelte 
Verkündung des Aufgebots durch Boten 
und Aufstecken eines Feldzeichens erfolgte. 
Das Aufgebot konnte nach Bedürfnis auf 
bestimmte Gebiete oder Bevölkerungs- 
gruppen beschränkt werden, richtete sich 
aber grundsätzlich an jeden Wehrfähi- 
gen. In fränkischer Zeit ging das Auf- 
gebot, der ,, Heerbann" [bannitio in hostem) 
vom König aus, der es durch seine Beamten, 
in karolingischer Zeit durch Königsboten, 
oder durch Königsbriefe verbreiten ließ. 
Es erging zunächst an die Herzöge und 
Grafen, die dann in ihrem Bezirk für seine 
Durchführung zu sorgen hatten. Ein be- 
sonderes Aufgebot konnte aber auch durch 
einen vorangegangenen Beschluß einer 
allgemeinen Heeresversammlung überflüssig 
werden. Wer zu den Waffen gerufen nicht 
folgte (ohne echte Not), hatte eine Heer- 
bannbuße zu zahlen, die unter den Karo- 
lingern von eigenen Beamten, den Bau- 
bannatons, eingetrieben wurde. Aus sach- 
lichen Gründen konnte es schon nach 
Chlodwig hier nie zu einem allgemeinen 
Aufgebot des ganzen Reiches kommen. 
Es war der Bestimmung des Königs über- 
lassen, wieviele Leute und welche er auf- 
bieten wollte; er wählte in alter Regel die 
dem bedrohten Reichsgebiet oder dem 
feindlichen Lande nächsten und auch dann 
nicht immer alle Wehrpflichtigen, sondern 
oft nur einen Teil, etwa einen von jedem 
Hof, so daß dann der Sohn den Vater ver- 
treten konnte. — Gegen unmittelbare 
Feindesgefahr konnten auch Herzöge, 
Markgrafen und Grafen zur ,, Landfolge" 
aufbieten. — Eine regelmäßige Zusammen- 
kunft des Heeres war zur Zeit der Mero- 
winger das Märzfeld [campus Martins), 
seit 755 das Maifeld [campus Malius), die 
insbesondere auch der Waffenschau dienten. 
Sehr öder Z)i?G 5 3 ff. 158 ff., Brunn er 

DRG. II 203, 211 f. W a i t z DVG. ID 2, 207 ff. 

IV» 547 ff. 

§ 2. Das Aufgebot zur Heerfahrt (Jyrd, 
wovon auch das aufgebotene Heer = fyrd) 
richtete sich bei den Angelsachsen im äußer- 
sten Notfall an alle, die überhaupt zu 
kämpfen fähig waren. In der Regel aber 
beschränkte es sich auf die wehrfähigen 
freien Männer, die bei Versäumung des 
Aufgebots eine Heerbannbuße {jyrdwite) 



zu zahlen hatten. Nachdem die Heeres- 
last auf die Grundstücke gelegt worden 
war, richtete sich das Aufgebot an die 
Grundstückseigentümer. Das Recht des 
Aufgebotes hatte der König, bei einem 
Angriff aber ebenso gereja und ealdornian. 
Vinogradoff Engl. Society in the eleventh 

Century 22 ff. S t u b b s Constit. History I^ 208 ff. 

§ 3. Im Norden war das Aufgebot 
(aschw. hoerhup anw. uthod'} in erster Linie 
Sache des Königs. In Norwegen konnten 
auch Jarl und Herzog ein solches erlassen. 
Das Aufbieten (aschw. adän. uthiufae) 
erfolgte durch Verkündung in Versamm- 
lungen oder durch Beamte, in Norwegen 
den syslumadr (s. d.), durch Boten oder 
durch Briefe. Im Falle des Einfalls von 
Feinden wurde in Norwegen die Botschaft 
von Haus zu Haus und von Dorf zu Dorf 
getragen durch Umsenden des ,, Heerpfeils", 
oder, wie auch in Dänemark, durch An- 
zünden von hohen Holz- oder Reisig- 
(Weiden-)haufen (anorw. viti). Doch ist 
zu beachten, daß die skandinavischen 
Könige jedenfalls später nicht zu aller 
Heerfahrt aufbieten konnten. Es wurde 
unterschieden, ob es sich um einen An- 
griffs- oder einen Verteidigungskrieg han- 
delte. So konnte selbst der norwegische 
König das volle Aufgebot (almenningr) nur 
zur Landesverteidigung und nur bis zur 
Reichsgrenze (Götaelf) aufbieten; sonst 
mußte er sich mit dem halben Aufgebot 
begnügen. Auch die Dauer des Aufgebotes 
war begrenzt, in Norwegen auf zwei 
Monate jährlich. Wer nicht aufgeboten 
wurde, hatte aber durch Zahlung von 
Steuern beizutragen. Jährlich aufbieten 
konnte der schwedische König, und zwar 
sollte das Aufgebot am Kyndil{)ing er- 
folgen; dabei bestimmte der König, wie 
lange das Heer ausbleiben sollte. 

Taranger Udsigt lli, 2)0$ ^- Steenstrup 

Valdemars Jordehog 198 ff. Jargensen 

ForelcBsninger 178 f. 

V. Schwerin. 

Augenarzt, der den Staar operiert, wird 
nur einmal in den alten deutschen Rechts- 
quellen, in der Lex Visigothorum genannt 
(s. Staarstich). Daß römische Augenärzte 
schon früh auch auf deutschen Boden 
ihre Tätigkeit übten, beweisen die bei 
Bonn, Köln, Wiesbaden, Mainz, Worms, 



AUGENKRANKHEITEN— AUGUSTIN 



141 



Frankenthal, im Taunus (Heddernheim), 
in Baden (Frohnhofbuck bei Riegel), bei 
Rottweil, Regensburg und Enns gefun- 
denen Augenarztstempel. Augenkrank- 
heiten (s. d.) waren freilich bei den alten 
Germanen keine Seltenheit. Die Bezeich- 
nung glasartzt für den Augenarzt begegnet 
erst im 15. Jahrh. 

M. Heyne Hausaltert. III 177. K. Baas 

Mitielalt. Hlkst. im Bodenseegebiet, Arch. f. 

Kulturg. IV (1906) 156. E. Esperandieu C. 

I. L. XIII 3, 2. Sudhoff. 

Augenkrankheiten. Bindehautentzün- 
dungen waren in der rauchigen Germanen- 
hütte allenthalben gewiß nicht selten, 
daher häufig Triefäugigkeit erwähnt : anord. 
suregr, ags. sür-eaged [ää sürigan eagan), 
ahd. sürougi, mhd. süröuge, auch maczer- 
augeht und augenrcetig, augenroytig sowie 
augentrief-ßg, augentropffig, oeckdroppich, 
drieflen ougen, fiuzougin, augenfiltzig. Dunkel 
ist houwisal, houvisal, howesal, hewisal, 
howisil und ougisal, ougesal, dgisal, ousal- 
ouchsal, ougsal; es bezeichnet den Narben- 
zustand (leukoma) nach Augengeschwüren 
(ougeswer), auch ahd. augvlecco, ags. flean 
on eagan {fliah, flie, flw, fleo, flzg, 'Fleck, 
macula'), während das dicke, fleischige 
Flügelfell auf dem Auge mit ags. gewif, 
mhd. gewib, altdän. mit kedpcer wax oer 
i eghnce noestcBns warthcer bezeichnet wird. 
Der schiefe Blick des Schielens fiel früh 
auf: ahd. scelah, ags. sceolh {sceol-eaged, 
sceol-zge), anord. skjöl-eygr bedeutet den 
Schielenden mit seinem schrägen Blick; 
ebenso bedeutet mhd. schlichen, schilen, 
altnord. skelgja das Schielen, geht aber 
auch in die Bedeutung des Augentriefens 
über, während das unsichere Sehen auch 
mit bler, hleer (Nebel) bezeichnet wird 
[pler augat). Tiefere Sehstörung bis zur 
völligen Blindheit bedeutet got. blindt, 
anord. blindr, asächs., afries. ags. blind, 
nid. u. mhd. blint, das jedoch ursprünglich 
'trübe, dunkel', auch unpersönlich besagt, 
während das lautlich dem lateinischen 
caecus entsprechende got. haihs, altir. 
caech der Sinn des Einäugigen erhalten 
hat (s. d.). Starablint, starblint, ags. 
stcerblind (vgl. J. Z a c h e r in den klin 
Monatsbl f. Aughlknde 12 (1870), 279 ff. 
u. HZDA. IX 478) bedeutet so völlig 
erblindet, daß die Augen stille stehen, 



starren, keinem sich bewegenden Gegen- 
stande oder Licht mehr folgen. Für eine 
solche völlige ErbHndung findet sich auch 
ein altsächs. Adj. reginblind im Heliand, 
daneben afries. eile blind 'völlig, ganz 
blind'. Das ahd. glas-ougi, mhd. glase-öuge, 
meint den stieren Blick des Glaukomatösen, 
der auch als prehanougi, plehinouki, plehin- 
ouga, plenoukiu bezeichnet zu werden 
scheint, wenn nicht das Glanz- oder Blink- 
äugige des sezernierenden (tränenden) 
Auges damit gemeint ist. Wieviel von 
abnormer Weitsichtigkeit oder Kurzsichtig- 
keit in den mhd. Bezeichnungen höchsünig, 
nachsünig, walzend ougen, übersichtig, 
■ßitzcegig, sticksuynit, sticksehende, über- 
sehende, blintzaug, gluraugen, by-sienich 
usw. steckt, bedarf noch besonderer Unter- 
suchung, wobei auch Hemeralopie und 
Nyktalopie (ags. nihteage) zu berück- 
sichtigen wären. — Von abergläubischen 
Augenmitteln handelt schon die Einsiedler 
Homilia de sacrilegiis (s. Heilaberglaube), 
vom Staarstich (s. d.) die noch ältere Lex 
Visigothorum. Eine umfängliche Therapie 
der Augenleiden liefern die 23 Abschnitte 
des 2. Kap. vom i. Laeceboc B a 1 d s aus 
dem Anfang des lO. Jahrhs. [dimnes 'Blöd- 
sichtigkeit'; cesmcel 'contractio pupillae'), 
während die ags. Lacnunga (ii. Jahrh.) 
noch eine Reihe einzelner Rezepte gegen 
poc, tyran, wen und mist (Trübung) der 
Augen bringen. 

M. Heyne Hausaltert. III 138 — 141. H ö f - 
1er Altgerman. Hlknde im Hdb. d. Gesch. der 
Med. I 478. Cockayne Leechd. II 26 — 39. 
III 2 ff. Leonhardi Bibl. d. ags. Prosa 
VI 9 ff. 121 ff. J. Geldner Unters, zu altengl. 
Krankheitsnamen I (1906) 30 f.; II (1907) 4 f., 
18 f.; III (1908) 7,9,22, 30 f., 43 f. Höf ler 
Krankheitsnamenbuch 19 ff., 54 f., 669 ff. 

Sudhoff. 
Augustin, erster Erzbischof von Canter- 
bury und Apostel der Angelsachsen. § l. 
Geboren in unbekanntem Jahre, wurde er 
im Frühjahr 596 von P. Gregor L als 
Präpositus des römischen, von Gregor 
gegründeten Andreas-Klosters mit einer 
Schar wohl demselben Kloster entnomme- 
ner Mönche nach England gesandt, hielt 
es aber den ungeheuren Schwierigkeiten 
seiner Reise gegenüber für richtig, an der 
Rhone umzukehren und sich neue In- 
struktionen zu holen. Er nahm eine Menge 



142 



AUGUSTIN 



Empfehlungsbriefe und die Ernennung zum 
Abt mit Juli 596. 

§ 2. Von Chlothar IL und namentlich 
Brunhilde von Austrasien und Burgund 
unterstützt, gewiß schon jetzt auf Grund 
päpstlicher Erlaubnis a Germaniarum epis- 
copis (Greg. reg. VIII 29) mit der Bischofs- 
weihe versehen, von Presbytern aus dem 
fränkischen Reiche begleitet, die ihm bei der 



ihm Gregor das Pallium und knüpfte den 
Primat der neu entstehenden Kirche an 
Canterbury — der Absicht nach zunächst 
nur, solange Augustin lebte, in Wahrheit 
für alle Zukunft. 

§ 3. Trotz seiner Neigung fürs Mönch- 
tum, die sich auch in der Stiftung des 
später nach ihm benannten, reich aus- 
gestatteten Klosters in Canterbury zeigte, 




Abb. 24. Bronzen und Tongefäße des Aunjetitzer Typus aus Hockergräbern 
Nordböhmens. (Nach J. L. Pic.) 

Verkleinerung: Fig. i — 8. 10. 11 ca. ^2; Fig". 9 ca. 1/3; Fig- 12 — 14 ca. ^4 n. Gr. 



Überwindung der sprachHchen Schwierig- 
keiten behülflich sein konnten (ebenda 
XI 51, Beda I 25) — eine Tatsache, die 
wiederum beweist, daß sächsische Volks- 
splitter an der fränkischen Nordseeküste 
zurückgeblieben waren; Hoops Waldb. 
u. Kulturpii. 566 ff. — , begann A. 597 
in Kent die Tätigkeit, deren Verlauf den 
ersten Abschnitt der ags. Bekehrungs- 
geschichte (s. d.) ausmacht. 601 sandte 



muß er doch als der besondere, von Selbst- 
bewußtsein erfüllte Vertreter des hierarchi- 
schen Systems gelten, das gegenüber dem 
britischen Mönchtum völlig versagte und 
dessen rasche erste Erfolge unter den 
Angelsachsen ihn und seinen großen Auf- 
traggeber über das wirklich Erreichte 
gründlich täuschten. Er starb schon 26. Mai 
604 oder 605. Hauptquelle ist Gregors 
Registrum, dazu Beda (mit Vorsicht). 



I 



AUNJETITZER TYPUS— AURITHER TYPUS 



143 



D u d d e n Gregory the Great II 99 — 147. 1905. 
Hodgkin Political Hist. of Engl. I 112 — 120. 
1906. Plummer Noten zu seiner Beda- 
Ausgabe. 1896. v. Schubert Lehrh. d. KG. 
II I (im Druck). 

H. V. Schubert. 

Aunjetitzer Typus (§ i), eine lokale Aus- 
prägung der ältesten, aus Depotfunden 
und flachen Skelettgräbern (mit sog. 
„liegenden Hockern") bekannten Bronze- 
Zeitformen (etwa 2000 — 1500 v. Chr.) 
im östlichen Deutschland und im nörd- 
lichen Österreich bis zur Donau, besonders 
in Thüringen, Nordböhmen und Mähren, 
zum Teil auch in Niederösterreich und 
Westungarn. 
An dem epo- 
nymen nord- 
böhm. Gräber- 
fundort bei 

Smichow 
(tschech. Un- 
Stice) umfaßt 
sie an Bronzen 
kurze und 
breite, drei- 
eckige Dolch- 
klingen, kan- 
tige Pfriemen, 
gerade Nadeln 
mit ringförmi- 
gem Kopf und 
„Säbelnadeln" 
mit krummer 
Spitze und 
einer Öse auf 

dem stempeiförmigen Köpfchen, Hals-, 
Arm- und Fingerschmuck in Gestalt von 
Drahtspiralrollen und verschiedenen Spiral- 
ringen, darunter den sog. (manchmal auch 
aus Gold geschmiedeten) ,, Noppenringen", 
einfache stabrunde Armreifen, dann viele 
Bernsteinperlen und charakteristische Ton- 
gefäße ohne Verzierung, aber mit scharfem 
Profil und glänzend polierterWandung. Sonst 
finden sich noch eigentümliche, oft schön 
verzierte manschettenförmige Armbänder, 
ruderförmige oder nicht in dieser Weise breit- 
gehämmerte Nadeln mit umgerolltem Kopf- 
ende, Schleifennadeln, Nadeln mit senkrecht 
durchbohrten Kugelköpfen u. a., zuweilen 
auch nochWerkzeuge aus Stein und Knochen, 
Schmucksachen aus Bein und Muscheln. 




Abb. 25. Tongefäße und 
(ca. Y9 1^' Gr. 



§ 2. Mehrere dieser Formen verraten 
Beziehungen zu süd- und nordeuropäischen 
Kulturprovinzen der frühesten Metallzeit, 
eine ganz natürliche Sache, aus der man 
mit Unrecht auf eine von Nordeuropa 
bis Westgriechenland reichende idg. Völker- 
wanderung geschlossen hat. Ebensowenig 
Grund hat die Annahme eines bestimmten 
,, Volkes der Hockergräber" (Pic), dem 
dieser Typus und allerlei jüngere Fund- 
gruppen angehören sollen. Der A. T. ist 
evident unter dem Einflüsse von Süden 
her vermittelter Kulturfortschritte ent- 
standen, zeigt aber auch Einbußen gegen- 
über dem jüngeren Erwerb der neoHthi- 

schen Kultur, 
so im Auf- 
geben der Ge- 
fäßverzierung, 

vermutlich 
schon infolge 
der Nachah- 
mung von 

Bronzegefä- 
ßen in Ton. 
Nach Süden 
weisen die 
Dolche,Schlei- 
fennadeln, 
Goldringe, 
nach Norden 
die Ösenna- 
deln und Man- 
schetten-Arm- 
bänder. Ein 
allmählicher 
Übergang von den letzten Formen der 
jüngeren Steinzeit im gleichen Gebiet zum 
A. T. läßt sich nicht nachweisen. Soweit 
Tongefäßverzierung vorkommt, zeigt sie 
den Charakter des neohthisch nordischen 
und kupferzeitlichen Rahmenstils. — Abb. 24. 
O. Montelius Arch. f. Anthr. 25. 26. 
J. L. Pic Öechypfedhist. I, 71 — 90. Taf.5 — 24. 
G. Kossinna ZfEthn. 1902, 161 — 222. M. 
H o e r n e s Jahrb. d. k. k. Zentr.-Komm. 
NF. I 1903, I — 52. M. Hoernes. 

Aurither Typus, eine Untergruppe des 
früheisenzeitlichen schlesischen 
T. (s. d.), so benannt von A. Voß nach 
einem Fundort am r. Oderufer, südl. von 
Frankfurt a. O. Er ist hauptsächlich 
in der südl. Hälfte der Neumark und den 



Bronzen des Aurither Typus 
, nach A. Voß). 



144 



AUSFUHR— AUSSATZ 



angrenzenden Gebieten, nach SO. bis 
Posen, verbreitet und größtenteils durch 
reihenförmig angelegte flache Urnengräber 
mit oder ohne Steinsetzung, seltener 
durch Tumuli, vertreten. Die Keramik 
ist äußerst mannigfaltig, vorwiegend hell- 
farbig. Kleinere Gefäße herrschen durch- 
aus vor und die regelmäßige Wiederkehr 
gewisser großer Typen, wie der Buckel- 
urnen im Lausitzer, der hochhalsigen 
Urnen in anderen Gruppen des schlesischen 
Typus, fehlt. Die Ornamente sind zahl- 
reich und meist fein ausgeführt. Das 
(abgeflachte) Buckelornament und die 
Kannelierung tritt vor der schmalen Strich- 
verzierung zurück. Die spärHchen Metall- 
beigaben (Messer, Sicheln, Pfeilspitzen, 
verschiedene Nadeln u. a. kleine Schmuck- 
sachen) sind fast ausschließlich aus Bronze 
Die sog. „Käsesteine" sind unbekannter 
Bestimmung. — S. Abb, 25. 

A. V o ß Mitt. Niederlaus Anthr. Ges. I 394. 
ZfEthn. Verh. 1890,491. ZfEthn. 1903, 179 — 184. 
202 — 205. A. Götze Vorgesch. d. Neumark, 
Würzb. 1897, 30 ff. M. Hoernes. 

Ausfuhr. Der Begriff der Ausfuhr, wie 
der Einfuhr, findet schon Anwendung auf 
den prähistorischen Handel, und zwar 
sowohl auf das Gesamtgebiet Mitteleuropas 
wie auf einzelne und begrenzte Teile des- 
selben. Gegenstände des Verkehrsaus- 
tausches, die nur an bestimmten Stellen 
Mittel- und Nordeuropas produziert wurden 
und sich von dort aus nach Ausweis der 
Bodenfunde weiter verbreiteten, innerhalb 
Mitteleuropas und über dieses hinaus, 
können schon in vorhistorischer Zeit als 
Export- bzw. Importwaren bezeichnet 
werden. Dahin gehört vor allem der Bern- 
stein, die in schriftlichen Quellen am 
frühesten genannte Handelsware des Nor- 
dens. Auch beim Handel mit Salz, Vieh, 
Waffen, Metall ist man berechtigt, schon 
in der Urzeit von Aus- bzw. Einfuhr zu 
sprechen. Denn der Handel zwischen den 
einzelnen Völkerschaften, und demgemäß 
auch Aus- und Einfuhr, wurde, soweit 
schriftliche Quellen, die freiHch nicht über 
das I. Jh. V. Chr. hinaufreichen, ein Ur- 
teil gestatten, nicht willkürlich und nach 
Belieben Einzelner ausgeübt, sondern durch 
die Völkerschaft geregelt. Cäsars bestimm- 
te Angaben über das Verhalten der Sueven: 



vinum ad se omnino importari n n s i - 
nunt, und der Nervi er: nihil pati vini 
reliquarumque verum ad luxuriam perti- 
nentium inferri (BG. 4, 2; 2, 15) beweisen 
die Abhängigkeit der Handelseinfuhr von 
dem Willen der Völkerschaft. Dasselbe 
dürfte gelten für die Handelsausfuhr (Salz, 
Vieh u. a.). Römische Ausfuhrverbote, 
die sicher auch gegen die Germanen 
gerichtet waren, finden sich in der späteren 
Kaiserzeit (Samwer, D. Grenzpolizei des 
röm. Reichs, Westd. Z. 5, 314). Sie be- 
trafen Waffen, Roheisen, Eisengerät, Gold, 
Wein u. a. und ergingen vorwiegend aus 
politischen Gründen. Dieselben Gründe 
waren maßgebend im fränkischen Reich für 
die Ausfuhrverbote Karls d. Gr. Auch sie 
bezogen sich auf den Waffenhandel: De 
brunias, ut nullus foris nostro regno vendere 
praesumat, Cap. Haristall. 779; De negotia- 
toribus qui partibus Sclavorum et Avarorum 
pergunt ... Et ut arma et brunias non 
ducant ad venundandum, Cap. v. Dieden- 
hofen 805, MG. Cap. r. Franc. I 51, 123. 

W. Stein. 

Auslieferung. Den Verbrecher aus- 
zuliefern war grundsätzlich Pflicht jedes 
Volksgenossen, andernfalls hätte er sich 
der Begünstigung (s. d.) schuldig gemacht. 
Doch fehlten nicht Ausnahmen. Teils 
ergaben sich solche aus dem Asylrecht 
(s. Asyl), teils aus dem Recht des Herrn, 
seinen Eigenmann oder Hintersassen, 
statt ihn auszuUefern, zu vertreten {re, 
praesentare) . 

V. Schwerin. 

Aussatz, Lepra, (§1) wird in den 
got Evangelien des Ulfilas mit prüts-fill 
'quälende, lästige, schmerzende Haut' über- 
setzt, adj. ßrüts-fills, ags. ßrüstfell, daneben 
das ähnlich gedachte ags. lic-^röwere [pro- 
wian 'leiden, Pein empfinden'), anord. 
Uk-ßrär. Doch darf man daraus nicht 
etwa schließen, daß die aus dem Neuen 
Testament vertraute Krankheit darum 
auch schon zu Ende des 4. Jahrhs. bei 
den Südgermanen verbreitet gewesen wäre. 
Im Ahd. ist Aussatz mit hrüf^ ruf, hriubi 
wiedergegeben, aussätzig mit hriob, riob, 
riobsuhtig, ags. mit hreof, hreofl, hreofiig, der 
Aussatz mit hreofl, hreofla, hreofness, hrtfßo, 
anord. hrjüjr, was also nur eine schorf- 
artige Hautaffektion bedeutet, für Lepra 



AUSSATZHÄUSER 



145 



gewiß nicht charakteristisch. Die schon 
im Ahd. vorkommende Bezeichnung misal- 
suht, miselsuht ist dem spätlat. misellus, 
altfranz. mesel nachgebildet, bedeutet also 
nur den Bedauernswerten. Durch masel- 
suht, 'Leiden mit fleckiger Haut', suchte 
man sich die Bezeichnung sprachHch zu 
assimiHeren. Eine ähnhche mitleidige 
Bezeichnung, gleichfalls aus dem Franz. 
entlehnt, ist mhd. malätes, malade, malät, 
maläs, malz, malätzic, malzig mit dem 
Hauptwort maläterie, maläzie, während 
auf die Verpflichtung zur Absonderung 
vom Verkehr und zum Abseitswohnen die 
Ausdrücke deutscher Abkunft ahd. üz-säzeo, 
mhd. üz- setze, üz-setzel, üz-setzig und die 
gleichfalls mhd. Bezeichnungen veitsiech 
und sundersiech hinweisen (Hauptw. feit- 
siechtag, jeldsiechy). Die Bezeichnung 
des Leprösen bei O t f r i e d und T a - 
t i a n (zweite Hälfte des 9. Jahrhs.) als 
horngibruoder oder horngihruader ist ein 
sicheres Zeichen, daß damals der Aussatz 
bei den Franken schon vöUig heimisch 
war. Das Hörn der Leprösen als Warnungs- 
mittel für die anderen, die Nähe des An- 
steckenden zu meiden, hat einige Jahr- 
hunderte im Gebrauch gestanden, bis es 
von der Klapper [schlatterlin, klaffel, klapfel, 
klepperlin, beteclappir) abgelöst wurde. 
Der gibruoder zeigt uns, daß damals die 
Aussätzigen schon zu kleinen Bruder- 
schaften sich zusammenzuschheßen be- 
gonnen hatten, die später durch milde 
Stiftungen und eignen Besitz Lepröser 
zu großen Vermögen gelangten (s. Aus- 
satzhäuser). 

§ 2. Ebenso heimisch war der Aussatz 
zu Anfang des lO. Jahrhs. bei den Angel- 
sachsen. Nur einmal findet sich die 
Bezeichnung lepra in der Rezeptsammlung, 
die als Balds Laeceboc geht, H 30: 
ßonne becymä . . . sio hwite riefpo ße mon 
on superne lepra hcet (*die weiße Rauhigkeit, 
die man im Süden Lepra heißt'); sonst 
heißt es immer, namentlich I 32,3 Lcecedom 
wip hreofum lice (auch micel lic öfters, 
s. Elephantiasis), wip hreofie, eben- 
so in Lacnunga 14 wid' hreofum lice 
(Cockayne, Leechdoms H 78 f., 228 f. 
HI, 16 f. Leonhardi, Bibl. d. ags. Prosa 
VI 24 f. 68. 128); desgleichen wird im ags. 
Herbarium Apulei um 1000 der leprosus 

Ho ops, Reallexikon. I. 



stets mit wip hreofian übersetzt. Auch 
historisch sind schon im Jahre 921 Aus- 
sätzige in irischen Annalen erwähnt. Von 
Wikingerfahrten brachten die Nordländer 
aus England und Irland die Kenntnis 
vom Aussatz nach Hause. Im Altnordi- 
schen, wo horundfall (Verfall des Fleisches, 
vielleicht nur populäres Mundgerecht- 
machen des hreofi, hrjüfr) die älteste 
Bezeichnung für Aussatz ist, geht likprä 
bis in das ii. Jahrh. zurück und gilt im 
II. und 12. schon als Ehescheidungsgrund. 
§ 3. Die ältesten selbständigen (soweit 
damals von Selbständigkeit in medizini- 
schen Dingen die Rede sein kann) Schrift- 
steller des MA. über Lepra gehören übrigens 
dem 13. Jahrh. an: Bernhard Gor- 
d o n und Gilbert der Eng- 
länder; beide standen unter dem 
Einfluß von Salerno, trotzdem der erstere 
bis nach 1300 Professor in MontpeUier 
war. Die Überlegenheit der süditalischen 
Schule über die südfranzösische spricht 
sich ja naiv auch im armen Heinrich 
Hartmanns v. Aue (f etwa 1220) aus, 
dem klassischen Zeugen für die Trost- 
losigkeit der Leprösen im Mittelalter 
(s. auch Krüppel). 

Heyne Hausaltert. III 148 — 152. Grön 
D. äliest. Spuren der Lepra in der altnorw. LH. 
Janus 1906, 44 — 53. D e r s. Altnord. Hlknde. 
Janus 1908, S.-A. S. 95 f. Tidskrift for den 
norskeloegeforening 1906, 151 — 152 A. Bugge 
Vikingerne, 2den samling, 1907 S. 340. C r e i g h - 
ton, history of epidemics in Britain I 69 ff. 
A. Hirsch Hist.-geogr. Pathologie II a i — 40, 
Joh. Geldner Unters, zu altengl. Krankheits- 
namen II (1907) 36 ff. u. 47 f. Höf 1er Krank- 
heitsnamenhuch 541 ff. 

Sudhoff. 

Aussatzhäuser sind seit dem Ende des 
5. Jahrhs. im Frankenreiche nachzuweisen. 
Die Synode von Orleans 549 und später 
die von Lyon 583 beschäftigen sich mit 
dieser schHmmen Seuche, die schon be- 
denklich überhandzunehmen begann. Im 
J. 636 ist ein Leprosenheim bei Verdun 
urkundlich erwähnt, ungefähr -gleichzeitig 
ein Leprosorium bei Maestricht und bei 
Metz. Um 736 sammelte Abt Otmar 
von St. Gallen die Leprösen seines Spren- 
geis in der Nähe seines Klosters; 871 
finden wir bei Moutier-Grandval im Kanton 
Bern eine domus lepro&orum. Von Süden 



10 



146 



AVIONES— AVUNCULAT 



und Westen zog so die Geißel der furcht- 
baren Krankheit mit schleppender Lang- 
samkeit, aber unaufhaltsam über die deut- 
schen Lande und ein immer dichteres 
Netz von Aussatzhäusern war das Ergebnis 
der mildtätigen Sorghchkeit der Nächsten- 
liebe für diese Ausgestoßenen und der 
ängstHchen Sorge um die eigene Gesund- 
erhaltung. Ursprünglich war es offenbar 
nur ein ZusammenUegen einzelner Hütten 
an angewiesener Stelle, wie es noch U 1 - 
rieh von Lichtenstein be- 
schreibt, wo nur die Mahlzeiten gemeinsam 
genommen wurden, während die Leprösen 
von dort aus einzeln mit ihren Näpfen 
auf Nahrungsmittel- und Geldbettel aus- 
zogen und durch Anschlagen an die 
hölzernen Näpfe die Aufmerksamkeit der 
Mildtätigen auf sich lenkten, dagegen durch 
Hörn oder Klapper wegen der Infektions- 
gefahr warnten. Daß die Leprosenkolonien 
zu Aufruhrherden wurden, tritt erst in 
späteren Zeiten in die Erscheinung, aber 
WidersetzUchkeiten werden schon früh 
berichtet; namentlich die Absonderung 
wird nicht strenge innegehalten. Bürger- 
lich tot war aber jeder diesen Kolonien 
oder Häusern Überwiesene. Auch die 
Kirche nahm sich dieser Ärmsten und 
Verstoßenen und ihrer Pflege durch die 
Gründung des Ordens der Lazaristen an, 
dessen Meister ein Aussätziger sein mußte. 
In Schweden läßt sich das St. Görgens- 
Hospital zu Lund bis 1 149 zurückverfolgen; 
als Leproserie wurde das Hospital von 
Drontheim, das 1170 zum erstenmal er- 
wähnt wird, von Anfang an verwendet. 
In England sind Leprosenhäuser vor 1084 
(Canterbury) bisher nicht sicher nach- 
gewiesen. 

Heyne Hausaltert. III 167. J. P. K i r s c h 

Die Leproserien Lothringens. Jahrb. d. Ges. f. 

lothr. Gesch. u. Altertumskunde XV (1903), 

46 ff. XVI (1904) 57 ff. Fr. Bühl er Der 

Auss. i. d. Schweiz I — III, Zürich 1900 — 1905. 

K. Baas Mittelalt. Gesndhtspfl. in Baden, 

Hdlbg. Njhrsbl. 1909 S. 8. 33. 46. C r e i g h t o n 

Hist. of epidemics in Britain I, Cambridge 1891, 

S. 86 f. Sudhoff. 

Aviones. Eines der Nerthusvölker bei 

Tacitus Germ. 40, nach den Reudigni 

und vor den Anglii genannt. Man versteht 

den Namen mit Recht als Ableitung von 

gtrm.*awjö-, Nom. ""awi, 'Insel, Wasserland'; 



zur Stammbildung vgl. Völkernamen § 8. 
Durch die Bedeutung des Namens ist auch 
ein Hinweis auf die Sitze des Volkes 
gegeben, das wir wohl auf den nord- 
friesischen Inseln zu suchen haben werden. 

Den Namen bewahrt auch noch Wids. 26: 
Oswine weold Eowum and Ytum Gefwulf, 
und Eoua ist uns bei Nennius 65 als 
mercischer Königsname bezeugt. In antiken 
Quellen außer Tacitus ist aber von den 
Aviones keine Spur zu finden. Die"Oßtot 
des Petrus Patricius, die zur Zeit des 
Markomannenkrieges mit Langobarden zu- 
sammen in Pannonien auftauchen, sind 
von ihnen fernzuhalten, da dies keine 
Schreibung für Aviones sein kann. S. auch 
Ubii. 

R. Much. 

Avunculat. Ebenso wie das indische, 
kannte auch das germanische Altertum 
ein besonders enges Verhältnis zwischen 
Mutterbruder und Schwestersöhnen. 
Bezeugt wird dasselbe von Tacitus in 
der berühmten Stelle Germ. 20: Sororum 
filiis idem apud avunculum qui ad patrem 
honor; quidam sanctiorem artioremque hunc 
nexum sanguinis arbitrantur et in acci- 
piendis obsidibus magis exigunt. Die Stelle 
ist häufig als Beleg für ein urgermanisches 
M u 1 1 e r r e c h t (s. d.) verwertet worden. 
Mit Unrecht. Der Vergleich mit den indi- 
schen Verhältnissen spricht dafür, daß 
die näheren Beziehungen zum Mutter- 
bruder nicht rechtlicher, sondern ledighch 
tatsächlicher Natur waren und dem natür- 
lichen Schutzbedürfnis entsprangen. Die 
Erklärung dieser näheren Beziehungen 
dürfte wohl in den sozialen Verhältnissen 
zu suchen sein. Die Bemerkung des 
Tacitus, daß die mütterUche Verwandt- 
schaft besonders bei der Stellung von 
Geiseln berücksichtigt werde, zeigt, daß 
hier vor allem von den herrschenden 
Familien die Rede ist; in diesen brachte 
es aber die allgemein verbreitete Poly- 
gamie (s. d.) mit sich, daß die Kinder 
der verschiedenen Frauen eines Mannes 
nicht in der ihnen allen gemeinsamen 
väterlichen Sippe, sondern in der mütter- 
lichen Sippe und vor allem im Mutter- 
bruder den natürhchen Beschützer er- 
blickten, wie es noch heute z. B. in den 
islamischen Herrscherhäusern der Fall 



AXT 



147 



ist. Daher auch die in diesen Familien 
verbreitete Sitte, die Söhne am Hofe des 
mütterHchen Oheims erziehen zu lassen 
(Weinhold Altnord. Leben 283). 

Dagegen dürfte die weitere Stelle des- 
selben Taciteischen Kapitels, welche neben 
den fratres und patrui die avunculi als 
Erben nennt, wohl auf einem Mißver- 
ständnis des Tacitus beruhen und nicht 
mit Brunner [DRG. I 2 128) auf ein schon 
zur Zeit des Tacitus vorhandenes Erbrecht 
der Spillmagen zu deuten sein. Mit dem 
Avunculat jedenfalls hat sie nichts zu tun. 
Delbrück Preuß. Jahrb. 79, 14 ff. 

S. Rietschel. 

Axt. § I. Die Axt (Beil, Celt) gehört 
zu den wichtigsten Stücken anfänglicher 
Kulturhinterlassenschaft. Sie hat beim 
Beginn der ältesten hier in Betracht 
kommenden Epoche, der jüngeren nordi- 
schen Steinzeit, eine lange Entwicklung 
hinter sich. — Das Herstellungsmaterial ist 
in der Regel Feuerstein, der allein scharfe 
und haltbare Schneiden lieferte. Die 
Feuersteinaxt unterliegt einer langsamen 
stetigen Umwandlung und wird dadurch 
eine Leitform durch das nordische Neo- 
lithikum. 

§ 2. Die älteste Form, das spitznackige 
geschliffene Beil (Periode der Flachgräber.?) 
mit zwei gewölbten Seiten, die in der 
Schneide und den scharfen Seitenkanten 
zusammenstoßen (Taf. lO, l), zeigt deutlich 
seine Abkunft aus dem zweikantigen Beile 
der Kjökkenmöddingstufe. Anfänglich wird 
nur der Schneidenteil, dann der ganze 
Axtkörper geschhffen und poliert und 
allmählich zwei Seitenkanten entwickelt 
(Taf. 10, 2). Durch Verbreiterung des Bahn- 
endes entsteht hieraus das dünnackige Beil 
(Taf. 10, Nr. 3.4; Periode der kleinen Stein- 
kammergräber) und aus diesem das dick- 
nackige Beil (Tai. 10, 5; Periode der Gang- 
gräber), das in seinen jüngsten Formen mit 
stark verbreiteter Schneide (Taf. lO, 6) aus- 
schließlich auf Skandinavien beschränkt ist 
und als eine spezifisch germanische Form 
zu gelten hätte. Alle diese Äxte werden 
durch Einsetzen in einen Holzstiel geschäf- 
tet und sind, wie praktische Versuche 
gezeigt haben (F. Sehested, Archaeologiske 
Unders0gelser 1884), vorzügHche Arbeits- 
geräte. 



§ 3. Neben diesen Feuersteinäxten gehen 
ähnliche Formen aus Bergsteinarten her 
(Taf. 10, Nr. 7.8). Doch sind sie viel seltener. 
Das weichere Gestein (an dem man wahr- 
scheinlich auch zuerst den Schliff an- 
wendete) erlaubte eine haltbare Einrichtung 
der Schäftung und eine reichere Entwick- 
lung der Form als der Flint. So entstehen 
in diesem Material eine Menge von zeitlich 
und örtlich getrennten Typen. Die gröberen 
sind mit einer Rille oder einem Absätze 
am Bahnende zum Aufbinden oder Ein- 
klemmen in den Stiel versehen (Taf. 10, Nr. 
10 — 12) oder grob zu gehauene Keile oft 
von bedeutender Größe mit einem Schaft- 
loch (Taf. 10, 9), die feineren alle mit Schaft- 
loch und von schlanken, bisweilen sehr 
eleganten Formen mit einer oder zwei 
Schneiden (Taf. 10, Nr. 13 — 15). Eine Reihe 
dieser Typen dürften als Waffen an- 
zusehen sein (vgl. Streitaxt). 

§ 4. Durch einen großen Teil der Bronze- 
zeit, vereinzelt bis in die Eisenzeit, hält 
sich die Steinaxt als Arbeitsgerät neben 
den Metalläxten (über ihr weiteres Fort- 
leben vgl. M o n t e 1 i u s Kulturgeschichte 
Schwedens 1906, S. 67 ff.). Das Material 
ist gewöhnlich Bergstein. Die Feuerstein- 
äxte sterben schneller aus, da die schwieri- 
gere Flinttechnik sich früher verliert. — 
Die metallene Flachaxt (Taf. ii, i) tritt 
schon am Ende der nordischen Steinzeit 
aus Kupfer oder zinnarmer Bronze gefertigt 
auf und scheint auf die Formgebung der 
Steinbeile eingewirkt zu haben. Aus ihr 
entwickeln sich in geschlossener Folge die 
verwandten Beiltypen, so daß dieseFormen- 
reihe ein wichtiges Hilfsmittel für die 
relative Zeitbestimmung der Bronzealter- 
tümer wird (MonteHus, Kulturperioden 
S. 26). Das Hauptagens in der Entwick- 
lung des Typus ist das Bestreben, die 
Schäftungsvorrichtung zu vervollkommnen. 

§ 5. So entsteht aus der F 1 a c h a x t 
(Taf. II, i) die Randaxt (MonteUus 
Per. I u. H), oft in der Mitte leicht ver- 
dickt oder mit einem Steg als Widerlager 
für den Schaft versehen, bisweilen an den 
Seiten ausgeschweift (Taf. II, 2). Eine 
weitere Verstärkung des Steges und Ver- 
tiefung der Rinne für das Schaftlager führt 
zur Form der Absatzaxt (Taf. II, 3) , 
eine Verbreiterung der Ränder an der 



10^ 



148 



AXT 




AXT 



149 




150 



BACENIS— BÄCKER 



Schaftendigiing zu lappenartigen Um- 
fassuneen zu dem im Norden selteneren 
Lappenaxttyp (Taf. II, 8; beide Montel. 
Per. II, III). Ungefähr gleichzeitig ent- 
steht auch schon (Montel. Per. II) die mit 
einer Röhre zur Aufnahme des Schaftes 
endigende Tüllenaxt (Taf. 11,9), die 
in der jüngeren Bronzezeit die häufigste 
Beilform ist (Taf. II, Nr. lO. il). Gegen das 
Ende der Bronzezeit werden die Tüllen- 
äxte immer kleiner und in ihrer Aus- 
stattung einfacher. 

§ 6. Manche dieser Beiltypen sind 
sicher auch als Streitäxte verwendet (vgl. 
Streitaxt). Die ältesten Eisenäxte von 
germanischem Boden sind Nachbildungen 
der bronzenen Hohläxte. Es sind meist 
ziemlich kleine Exemplare mit runder oder 
viereckiger Tülle (Taf. II, 12). Sie haben sich 
anscheinend bis in das frühe Mittelalter 



hinein gehalten. In den nordischen Moor- 
funden sind sie ziemlich häufig. Daneben 
tritt gegen das Ende der Latenezeit, wohl 
aus dem keltischen Kulturkreise eingeführt, 
die noch heute gebräuchliche Axtform auf: 
ein langer eiserner Keil mit Schaftloch 
(Taf. II, Nr. 13. 14). 

§ 7. Aus ihm entwickeln sich seit dem 
Ende der Kaiserzeit durch Verbreiterung 
der Schneide nach unten oder gleichzeitig 
nach oben und unten die mächtigen Breit- 
beile, die als Werkzeug und Waffe benutzt, 
besonders in dem letzten Drittel des 
I. Jahrtausends auf süd- und nordgermani- 
schem Boden in Aufnahme kommen (Taf. 1 1, 
Nr. 15. 17. 18). 

Osborne Das Beil iSSy. ZfEthnol. 1904, 
537 ff.; 1905, 793 ff-; 1906, 817 ff. — AUgem. 
Lit. unter Bewaffnung. ^^ ^^^^^^ 



B. 



Bacenis heißt nach Cäsar BG. 6, 10 der 
Wald, der wie eine natürhche Mauer 
Cherusker und Sueben voneinander schei- 
det, wobei nur der Harz gemeint sein 
kann, aber eine falsche Verwendung des 
Namens nicht ausgeschlossen ist: s. 
R. Much PBBeitr. 17, 21. Jedenfalls 
deckt sich dieser, vom Suffixablaut ab- 
gesehen, mit Boconia, Buconia, Buohh- 
unna, wie im MA. die waldige Umge- 
bung von Fulda hieß, und stellt eine 
Ableitung aus dem germ. Wort für die 
Buche, *bökö-, dar, das hier aber noch das 
dem germ. ö vorausliegende ä (vgl. lat. 
fägus) zeigt. 

Bremer IF. 4, 22. R. Much. 

Bäcker. § i. Das Brotbacken wurde ur- 
sprünglich im Hausbetrieb von Frauen 
besorgt; dem Hausherrn als hläford (ne. 
lord) aus *hläf-ward, dh. 'Brotwart, Brot- 
herr', steht im Ags. die Hausherrin als 
hlcejdige (ne. lady), dh. 'Brotkneterin, 
-bäckerin' (zu got. deigan 'kneten') gegen- 
über. 

§ 2. Aber auf Herrenhöfen und in 
Klöstern, wo Massenproduktion erforder- 
lich war, wurde das Brotbacken wie die 



meisten andern häuslichen Verrichtungen 
schon im Frühmittelalter von Männern 
als selbständiges Gewerbe betrieben (Cap. 
de villis 45). Doch hat sich diese Ent- 
wicklung wohl noch nicht in urgermani- 
schen Zeiten vollzogen, da eine gemein- 
same alte Namensform für den Bäcker (im 
Gegensatz zB. zum Schmied) fehlt: neben 
ahd. bröthecko, mhd. hecke^ nhd. obd. beck, 
einer Nomen Agentis- Bildung auf -jan^ 
stehen in den andern germ. Sprachen jün- 
gere Bildungen auf -arja: and. bakkari, 
ags. bcBcere, me. bäker, anord. bakari m. 
In England spiegelt sich die Ausbildung 
der Bäckerei als Männergewerbe in lehr- 
reicher Weise in dem Wort bcBcestre, das 
mit seinem Feminin -Sufüx -estre ursprüng- 
lich die Bäckerin bezeichnete, beim Über- 
gang der Tätigkeit auf den Mann aber wie 
die meisten andern Wörter auf -estre all- 
mählich maskuline Funktion annahm. 
Wenn sich die feminine Bedeutung auch 
bis ins 16. Jh. erhalten hat (Murray NED. 
unt. baxter), so überwiegt doch schon im 
Ae. die männliche (Klump Ae. Hand- 
werkernamen 58 f.), und ne. baxter, das 
heutige nordengl. und schott. Äquivalent 



BACKOFEN 



151 



für haker^ hat ausschließlich männlichen 
Sinn. 

§ 3 Doch blieb das Brotbacken, neben 
diesem gewerbsmäßigen Betrieb durch 
Männer, in kleineren Haushaltungen 
dauernd als häusliche Verrichtung in 
Händen der Frauen. Wie neben dem ags. 
bcBcere 'Bäcker' die bcecestre 'Bäckerin', 
neben me. bäker die hakster steht, so steht 
dem ahd. hrötbecko m. die beccha, bröt- 
pechi, -bechüa f. zur Seite (Graff 3, 24). 
Noch heute bäckt ja die Bäuerin vieler- 
wärts auch in Deutschland ihr Brot selber. 

§ 4. Der dem Bairischen und Alemanni- 
schen eigne Ausdruck ahd. phistur, mhd. 
phister, nhd. p fister, ein altes Lehnwort 
aus lat. pistörem, scheint den Fein- 
bäcker, namentlich wohl in Klöstern, 
gegenüber dem brötbecko, dem Grobbäcker, 
bezeichnet zu haben (Heyne Handw. 
138 f.). Dazu ahd. phistrina aus lat. 
pistrina 'Bäckerei' (Graff 3, 354). 

§ 5. In den Städten wurde die Bäckerei 
schon im 9. Jh. als Verkaufsge- 



Backofen beim h. Gallus, in dem angeblich 
auf einmal tausend Brote gebacken werden 
konnten, erzählt Ekkehart Casus cap. 1.3 
In kleineren Haushaltungen öfter mit in 
die Wohnung eingebaut, konnte er zugleich 
als Wärmespender dienen und der direkte 
Vorläufer des Zimmerofens werden. Auf 
den kleineren Gütern Karls d. Gr. waren 
coquina et pistrinum in einem Räume ver- 
einigt. Sonst steht er nicht im Hause 
selbst, sondern in dessen Nähe als beson- 
deres Bauwerk. Backhäuser (ags. 
bcec-ern, ahd. bachüs) werden wir außer auf 
großen Besitzungen zunächst in den auf 
altem römischem Gebiet liegenden Städten 
voraussetzen müssen, wo sich die Bäckerei 
zu einem Verkaufsgewerbe ausgebildet 
hatte (s. Bäcker 5). Öffentliche Backhäuser 
in Dörfern und Städten scheinen erst eine 
spätere Einrichtung zu sein. 

§ 2. Das im Backofen gebackene Brot 
heißt ags. ofenbacen hläf, ahd. canstella 
(s. unter Brot). 

§ 3. Das Backgerät unterscheidet 



< ai!MBi!iB!I i l5S ! BBig.^"'i"«J5'Il^g 




Abb. 26. Ruderartige Brotschaufel, Engelhardt, Vimose Fundet. '/s- 
Müller, Nord. Altertumsk. II. Abb. 96. 



werbe betrieben; wenigstens treffen wir 
in der alten Römerstadt Mainz 870 bereits 
eine Verkauf sbäckerin (Annal. Fuldens., 
MGS. 1,382: mulier quaedam . . . panes 
coxü venales, . . . quaestus causa). 

M. Heyne Altd. Handwerk 31 — 33. 138 f. 
Klump Altengl. Handwerkernamen 1 5f . 57 — 59 

Johannes Hoops. 

Backofen. §1. Er wird in den ersten 
nachchristlichen Jahrhunderten in die ger- 
manischen Länder eingedrungen sein, doch 
muß zugegeben werden, daß wir vorläufig 
über seine Herkunft noch im Unklaren 
sind, wie ja auch die Etymologie des Wortes 
»Ofen« noch strittig ist (vgl. R. Meringer 
in Mitt. d. Anthrop. Ges. Wien 27, 231 ff.; 
JE. 21, 293 f. — s. auch unter Ofen). Er 
hatte wohl, wie später, eine bienenkorb- 
artige Gestalt, war aus Steinen und Lehm 
aufgebaut und mit Feuerloch und Rauch- 
abzug versehen. Von einem sehr großen 



sich, soweit es uns durch die Glossen der 
ahd. Zeit überliefert ist, nicht von dem des 
späteren MA.s. Das Mehl wurde, bevor 
man es anmengte, durch ein Sieb (ahd. 
cribrum: riter a, cribellum: sib, sif, sedacium: 
härsib) geschüttelt, dann kam es zur Teig- 
bereitung in den Backtrog oder die Mulde 
(ahd. capisterium: multra, multer, mulda, 
ascia: teigetroch, deichbüta). Der fertige 
und geformte Teig wird auf der Back- 
schaufel (ahd. exes l. misellius ovinscuzil, 
ovenscüzel) in den Ofen geschoben, nach- 
dem dieser mit dem Ofenwisch (ahd. 
furnitergius: ovenwisc) gereinigt ist. Das 
Feuer wird angeregt durch die Ofengabel 
(ahd. rotabulum: redistab, astuarius: oven- 
staf) und die verglimmenden Kohlen mit 
der Scharre oder Kisse (ahd. tractula: 
kissa, kissel) aus dem Ofen entfernt (M. 
Heyne Hausaltert. II 279 f.). — Wahr- 
scheinlich werden die ruderartigen Holz- 



152 



BACKWERK 



gerate, die im Vimoor (Schleswig) ge- 
funden wurden, als Backschaufeln gedient 
haben (s. Abb. 26 u. Müller Nord. Altert. II 
143). Fuhse. 

Backwerk. Es sei unter dieser Bezeich- 
nung alles Feingebäck sowie alle durch 
besondere Form sich auszeichnenden Ge- 
bäcke, das sogenannte Gebildbrot, 
verstanden. Bezüglich des letzteren ver- 
weisen wir auf die inhaltreichen Arbeiten 
Dr. M. H ö f 1 e r s in der Ztschr. f. öst. 
Volkskunde 1902, 1905, 1906 (Supplem.-H. 
III u. IV) u. Arch. f. Anthrop. N. F. III ff. 
Die große Mehrzahl dieser Gebildbrote, 
die meist im Zusammenhang mit dem 
Totenkult oder mit religiösen Fest- oder 
Fastentagen stehen, ist uns erst aus einer 
Zeit bekannt, die außerhalb des Rahmens 
unsrer Betrachtung steht, wenngleich wir 
annehmen dürfen, daß manche von ihnen 
uraltes germanisches Eigentum sind. Es 
dürfte darauf der altsächsische Indiculus 
superstitionum et paganiarum in de simu- 
lacro de conparsa jarina (26) und ebenso 
der ags. solmönath [potest dici mensis 
placentarum, quas in eo diis suis ofjerebant 
bei Beda) hindeuten. 

Viele feinere Backware geht auf ita- 
Hschen Ursprung zurück und ist durch 
die Mönche nach dem Norden verpflanzt 
worden. Auch ,,der vorzügHch im Süden . 
eingebürgerte fremde Name für den Bäcker 
im allgemeinen, ahd. phister, pjister aus lat. 
pistor, zielt ursprüngHch auf die Herstel- 
lung des klösterlichen Feingebäcks" (Heyne 
Handw. 138 f.). Ekkehart IV. v. St. Gallen 
(11. Jh.) führt in seinen Benedictiones ad men- 
sas 10 — 28 (Mitteil, der antiquar. Ges. Zürich 
3, 106 f.) zehn Gebäcke zum segnen auf: 
panem lunatum (Glosse: in lune modum 
factum [mondförmige Brote erhielten die 
Freckenhorster Nonnen im 11. Jh. in der 
Fastenzeit dreimal in der Woche]), elixum 
{cesotin brot), frixum cum sale mixtum, 
per ova levatum [ova levant sicut fex), de 
fece levatum, fermentatum {levatum fer- 
mento), oblatas, azima, panem de spelta, 
triticeum panem, panem sigalinum, ordea 
panes, panem de avena, noviter coctos panes, 
recens coctum panem, calidos panes, geli- 
dum panem, sub einer itium. Letzteres, das 
uralte Aschenbrot (s. Brot i), hieß ahd. 
fochanza, fochenza, aus mlat. focacius 



{cinere coetus et reservatus), bezeichnet jetzt 
aber ein Feingebäck, wahrscheinlich in 
Form des westgermanischen Fladens, 
ahd. flado, urverwandt zu griech. irXaxü?, 
auch ahd. breitinc genannt, also breites, 
flaches Backwerk. Gleich flache Form 
besitzt der nur hochdeutsche Zelte, 
ahd. zelto, mit Pfeffer gewürzt phefor- 
celtun Hiba, libamina^. Dieses lat. libum 
*Kuchen' wird mhd. mit zelte zu lebe-zelte 
oder mit kuoche zu lebe- kuoche verbunden; 
libum: libenzelten vel lepkuoch Voc. opt. 
10, 127. Kuchen ahd. kuocho, chuocha, 
mhd. kuoche, mnd. koke, im Ablaut zu 
anord. kaka, kann sowohl grobes wie feines 
Gebäck bedeuten. Als letzteres steht es 
im MA. häufig in Zusammensetzung mit 
den Zutaten, durch die der Kuchen 
schmackhafter gemacht ist: pfefferkuck^ 
ayrkueh ua. 

Andere Form setzt der Weck voraus, 
von seiner Gestalt nach gemeingerm. 
anord. veggr, ags. wecg, ahd. weckt, mhd. 
wecke, wegge *Keil' benannt, also *keilför- 
miges Gebäck* (cuneus). — Die B r e t z e 1 , 
aus mlat. bracellum, bracitellum, 2hd. bre- 
zilla, precilla, brezitella, breztella, mhd, 
bretze, bretzel, glossiert durch 'collirida, 
panis tortus' und *crustulum' = genus panis 
oleo conspersus in medio concavus et 
tortus, hart gebackenes Klosterbrot in 
Bretzelform, wohl damals schon besonders 
an Fastentagen und den mit einem Toten- 
kult verbundenen Zeiten genossen. Von 
ähnlicher Form und Beschaffenheit war 
der Ringel oder Kringel, ahd. 
torta chuocho 1. ringila, ringele; crustula 
rinc Steinm. 3, 153, 25 ff., 617, 42; arto- 
copus rinck, cringel Diefenb. 52 a., auch ahd. 
halsta, ags. healston (Steinm. i, 414; 4, 
136, 281) genannt. 

Von seiner hakenförmigen Gestalt hat 
der K r a p f e seinen Namen, ahd. krapfun, 
kraphun, craphen, krephilm, krephelm; 
wulstartig ist der S t r u t z e 1 ahd. lolifa 
strucel] die K r o s e oder Flecke sieht 
dem Gekröse, den Kaidaunen ähnlich, 
ahd. frixum ehr ose, torta kuocho vel flekke- 
Im. Ein ahd. canstella, clibanicus panis, 
deutet Steinmeyer (s. Heyne Hausaltert. 
II 277, A. 75) aus lat. canistellum, Demi- 
nutiv zu canistrum, Brotkörbchen als Brot, 
das in Korbform in den Ofen geschoben wird. 



BADEGERÄT— BADEWESEN 



153 



Scharf gebackene, mit harter Kruste ver- 
sehene Ware wie Bretzel und Kringel, auch 
ahd. stechelinc (zu mhd. stechet hart) 
torta chuocho l. ringüa l. stechüinc, stekki- 
lingi, stekketingi, stekketinga, ste kitin Stein- 
meyer 3, 153, 25 ff. konnten, wie auch 
andere Brot- und Kuchenarten, durch 
einen Überguß von Öl oder heißem Schmalz 
schmackhafter gemacht werden. Solches 
Brot nannte man mhd. begozzen bröt 
(Heyne Hausattert. II 272 ff.). — Semmel 
s. unter Brot. 

Fuhse. 

Badegerät (§1) für den Kleinge- 
brauch (der einzelnen Körperteile) 
scheint dem vorgeschichtlichen Deutsch- 
tum gefehlt zu haben, mit Ausnahme etwa 
eines Handkübels zum Überschütten. Man 
wusch sich am Brunnen der Hofstätte, 
bedurfte also keines Waschbeckens. Das 
ahd. tabu, tabat, ags. tebit, tcebit, tcefel 
stammt von lat. tabrum, tabettum, ist also 
auch entlehntes Gebrauchsgerät, bestehend 
aus Erz [tuteres = Irin lapel Ahd. Gl. I 
205, 27), Stein, Holz oder Ton. Später 
tritt an seine Stelle das ahd. bcekin, mhd. 
becken, becke aus spätlat. baccTnum , Wasser- 
gefäß zum Hand- und Fußwaschen (zB. 
Otfr. 4. II, 14 ff.), das dann völlig heimisch 
wird als Handbecken {hantbecke, hantkar, 
dwahatkar, hantvaz, wandvaz, waschkar), 
während Waschbecken erst nhd. vorkommt. 
Auch das ags. mete, m^te scheint Fremd- 
wort. 

§ 2. Dagegen sind die Geräte zum 
Vollbad rein deutsches Spracheigen- 
tum, haben also schon zum urgerman. 
Hausbedarf gehört, zunächst bestimmt 
von Holz gefertigt, erst später auch von 
Metall. Anfänglich höhlte man dazu einen 
Baumstamm aus {stunz, badestunze, auch 
scaf, das Schaff, vom Ausschaben, Aus- 
kratzen, Aushöhlen), später aus Dauben 
mit Reifen zusammengefügt, aber noch 
immer rund, ahd. vaz, badevaz, standa, 
stanta und mhd. stände, batstande, ferner 
ahd. zuibar, zubar, mhd. zuber, ein Gefäß 
mit zwei Handhaben, ahd. badzubertin; 
kuofa, mhd. kuofe, ahd. kubit, chubitz, 
mhd. kübet; ahd. butina, butin, mhd. 
bütten, büte; ahd. gettida, mhd. gette, bat- 
gelte und weit später die längliche wanne, 
Badewanne (s. über die Herkunft aller 

Hoops, Reallexikon. I. 



dieser M. Heyne, Hausaltert. III 41 
u. 42 Anm.). Diese Geräte waren im Bade- 
gelaß des Hauses aufgestellt (s. Bade- 
zimmer), wurden aber auch in die Räume 
getragen, wo man sich ihrer bedienen, 
also baden wollte, dem Gaste in sein 
Schlafgemach, dem Krieger aus dem Dorfe 
in sein Zelt. Vgl. M. Heyne aaO. III 

37—43- 

Sudhoff. 

Badeofen (mhd. padoven, badojen). Ein 
Herd ist in allen Baderäumen des Grund- 
risses vom Kloster zu St. Gallen v. J. 820 
vorgesehen, im allgemeinen balneatorium 
et lavandi locus, wie im Badehaus für 




Abb. 27. Schwitzbad. Wandgemälde 
in Konstanz um 1300. 



Schüler und dem für Kranke. Das ur- 
sprüngliche Vorgehen zum Erwärmen des 
Badewassers bestand im Einlegen an 
Feuer glühend gemachter Steine (s. Abb. 27), 
später hing man das Wasser in einem 
Kessel über offenes Feuer. Der Herd 
bzw. Ofen für die Erwärmung des Wassers 
erwärmt zugleich den Baderaum. 

Heyne Hausaltert. I II9 f. III 44 u. 46. — 
Vgl. Ofen. SudhofF. 

Badewesen. § i. Kalte Abspülungen 
am Bache, am Laufbrunnen des Gehöftes, 
im Flussewaren seit alters her eifrig geübter 
Brauch der Germanen. Sie erstreckten 
sich über den gesamten Körper und 
kommen in einem besonderen Wortstamm 
zum Ausdruck, der offenbar mit diesem 
Brauche später ganz außer Verwendung 

1 1 



154 



BADEZIMMER, -STUBE 



kam: got. ßwahan, anord. /z;5, 2igs.^wFan, 
as. thwahan, ahd. dwahen, mhd. twahen 
und deren Komposita (vgl. M. Heyne 
Hausaltert. III 36 f.). Daneben ging zur 
gründlichen Körperreinigung das warme 
Bad im Kübel (anord. ba^, as. bath, ags. 
bceß, afries. beth, ahd. bad, mhd. ^ß/), 
das schon früh ein fast täglicher Gebrauch 
gewesen zu sein scheint, und zwar gerade 
als Vollbad, während, nach den Be- 
zeichnungen seines Gerätes zu schließen, 
zB. das Fußbad ausländischer Import 
gewesen sein dürfte. Offenbar scheute 



männlichen Angehörigen, von Dienern 
(später auch von »Badern«) und vornehm- 
lich von weiblicher Bedienung vorgenommen 
wurde. Nach dem Baden trocknete man 
sich Gesicht und Hände mit dem Hand- 
tuche (ahd. dwahilla, dwehilla, mhd. twehel 
*das beim Waschen dwahen twahan ge- 
brauchte Tuch', heute noch dialektisch 
Zwehel) hüllte den feuchten Körper in 
ein Badelaken oder einen Bademantel (ahd. 
padelachan, mhd. badelachen) und legt 
sich für einige Zeit zum Ausruhen und 
Ausdünsten hin. S. auch Schwitzbad. 







■ simstia^ismmiimassü 



Abb. 28. Taufe in tiefer Badekufe. Zeichnung aus dem »Hortus deliciarum« der Herrad von Landsberg, 

12. Jahrh. 



man die Übeln Hautausdünstungen als 
merkbare Folgen des Schweißes nach der 
Arbeit, der Jagd usw. sehr (s. Wohl- 
gerüche). 

§ 2. Das Badewasser wurde warm ge- 
braucht, durch Hineinlegen glühender Steine 
oder in einem Kessel über offenem Feuer 
oder auf einem Badeofen (s. d.) erhitzt, 
die nötige oder erwünschte Temperatur 
durch Mischen heißen und kalten Wassers 
hergestellt und so das bat bereitet. Zur 
gründlichen Reinigung wurden Laugen 
und Seifen verwendet (s. d.). Man setzte 
sich in die Badekufe, wie es Miniaturen 
zeigen (Abb. 28), und ließ sich die Haut 
waschen, streichen und kneten, was von 



M. Heyne Hausaltert. III 35 — 48. W e i n - 
hold Dtsch. Frauen II 113 — 118. Z a p p e r t 
Über das Badewesen, Arch. f. Kde österr, Ge- 
schichtsquellen XXI I — 166. E. Martin 
Murners Badenfahrt, Beitr. z. Lds.- u. Volksk. 
V. Els.-Lothr. II (1887). Kochendörffer 
Zum mittelaÜ. Badewesen, ZfdPhil. 24, 492 — 502 
(1892). Alfred Martin Gesch. d. dtsch. Bade- 
wesens 1905. K. Baas Gesundheitspflege in 
Baden, Hdlb. Neujahrsblätter 1909 S. 64 jff. 

Sudhoff. 

Badezimmer, -stube. § i. Deutsch- 
land. Ein besonderer Raum zum 
Waschen und Baden wurde früh im 
deutschen Hause abgetrennt, wo das 
Badegerät (s. d.) fest aufgestellt war und 
Einrichtung getroffen wurde, Wasser zu 



BADUHENNA 



155 



erhitzen (s. Badeofen). Wenn auch das 
Vorbild der Römer, die keine Villa ohne 
B. bauten, diese Entwicklung befördert 
haben mag, so waren größere Wohn- 
gebäude der Germanen auch schon im 
alten freien Germanien mit einem Bade- 
gelaß versehen, oder im Hofe ward ein 
selbständiges kleines Haus hierfür her- 
gerichtet. Der Grundriß des Klosters 
von St. Gallen (820), der freihch niemals 
ausgeführt wurde, zeigt mehrere Bade- 
räume mit Wandbänken, die an der Wand 
herliefen, und feststehende kreisrunde 
Standgefäße und im selben Räume oder 
im Räume direkt nebenan einen Herd. 
Auf einen Herd kamen vier Badekufen. 
Solche Badegelasse waren für die Mönche, 
für die Schüler, für Kranke und für die 
Diener getrennt vorgesehen, während dem 
Abte und den Gästen die Badekufe wohl 
in ihr Zimmer getragen werden sollte. 
Später treffen wir den Baderaum direkt 
neben dem Schlafzimmer, oft mit be- 
sonderem Ruhebette (nach dem Bade) 
ausgestattet und auch wohl mit einem 
Auskleideraum [abcziehkemerlin) in Ver- 
bindung. 

M. Heyne Hausaltert. III 44 — 46. Ferd. 
Keller Bauriß des Klosters St. Gallen, Zürich 
1844 (Mitt. d. Antiq. Ges. Zürich. 6. Anhang). 
W e i n h o 1 d D. dtsch. Fragten IIi 14. 

Sudhoff. 

§2. England und Norden. Das 
germanische Dampfbad (anord. had^ im 
Gegensatz zu laug, ags. stofhcBp, stänbceß, 
mit bähen verwandt) hat mit dem 
römischen, auf Luftheizung beruhenden 
Bade nichts zu schaffen. Die Ein- 
richtung der altnordischen Badestube 
(ba^stofa, vgl. ags. stofa neben bcephüs, 
bcepslöw 'thermae', s. Stube) stimmt da- 
gegen mit der des slavischen Badehauses 
ziemlich genau überein. Der Dampf wurde 
dadurch hervorgebracht, daß über einen 
Steinofen Wasser gegossen wurde (vgl. ags. 
stänbcBp). Eine in mehreren Absätzen auf- 
steigende Bühne machte es möglich, den 
Körper einer immer höheren Temperatur 
auszusetzen; diese Bühne hieß im Anord. 
pallr (der Name ist noch in norweg. Dia- 
lekten bewahrt), was zu der russischen Be- 
nennung der obersten Stufe (polok) stimmt. 
Auf dieser Bühne liegend peitschten sich 



die Badenden mit Ruten (vgl. lit. pirtis 
'Badestube': perti 'baden, mit dem Bade- 
quast schlagen'). Auf Island gab es auch 
über heißen Quellen errichtete Badehäuser 
(ein solches, das im angelsächsischen Ge- 
dichte Ruine erwähnt wird, war wohl eine 
alte römische Anlage). Ein paar Sagastellen 
scheinen unterirdische Badestuben zu schil- 
dern, was nur rein äußerlich an die gleich- 
artige römische Sitte erinnert. Während 
in der Sagazeit Badehäuser auf den Höfen 
ganz allgemein gewesen zu sein scheinen 
und in den Städten als öffentliche Einrich- 
tung bestanden, gerieten sie später außer 
Gebrauch. Auf Island wurde, nachdem 
der Ofen der alten Badestube in die 
Wohnstube übertragen worden war, bad^- 
stofa die gewöhnliche Benennung jeder 
erwärmten Stube, später auch der heu- 
tigen, nicht erwärmten Stube, wo alle 
Leute des Hofes sowohl am Tage wie 
in der Nacht sich aufhalten (vgl. finn. 
pirtti 'Wohnung, Stube' aus lit. pirtis 
'Badestube'). Im Neunorw. dagegen be- 
deutet badstova 'Darrhaus' (wie die 'Bade- 
stuben' der bajuvarischen Alpen): viel- 
leicht war von Anfang an das Dörren des 
Kornes und Malzes ein Nebenzweck der 
Badestube. 

V. Gudmundsson Privatboligen paa Is' 
land 240 ff. Meringer Mitt. d. Anthrop. Ges. 
Wien 23, 166 ff. R h a m m Ethnogr. Bettr. z. 
germ.-slaw. Altertumskunde II i passim. 

Hjalmar Falk. 

Baduhenna. Tacitus (Ann. 4, 73) be- 
richtet, daß die Friesen bei ihrem Aufstand 
28 n. Chr. 900 Römer apud lucum quem 
Baduhennae vocant erschlagen hätten. Es 
handelt sich offenbar um den Hain einer 
friesischen Göttin B., von der wir sonst 
nichts wissen. Einigen Anhalt zur Beur- 
teilung ihres Charakters gewährt der Name, 
dessen erster Bestandteil sicher dem ags. 
beadu, ahd, batu-, anord. bg^ f. 'Kampf 
entspricht, und dessen zweiten Teil v. 
Grienberger wohl mit Recht mit 
ahd. helli-winna swf. 'Furie, Eumenide' 
und got. winnö f. 'Leidenschaft', ahd. 
winna swf. 'Streit', mhd. winnen stv. 
'toben, wüten', ags. winnan 'kämpfen, 
streiten, sich mühen' verbindet, so daß 
der Name eigentlich *Badu-wenna gelautet 
und 'die Kampfwütige' bedeutet hätte. 



I r 



156 



BAIERN 



Wir haben demnach in B. wohl eine 
Kriegsgöttin zu erblicken. 

V. Grienberger PBBeitr. 19, 531 — 33 
(1894). G 1 1 h e r GMyth. 459 f. (1895), "^'t wei- 
terer Lit, M o g k PGrundr. ' 3, 374. H e r r - 
mann DMyth. 308. Johannes Hoops. 

Baiern. § i. Die zuerst von Zeuß 
364 ff. (und in einer besondern Schrift 
Die Herkunft der Bayern von den Marko- 
mannen 1839 und 1859) vertretene Ansicht 
über den Ursprung der Baiern kann als 
völlig gesichert gelten. Keine andre 
Hypothese kommt dagegen ernstlich in 
Betracht, auch die Müllenhoffs {DA. 
4, 120) nicht, der in den B. dem Zeugnis 
ihrer rein westgerm. Sprache zum Trotz 
ein Mischvolk mit vandilischem Einschlag 
sieht und die Heruler und Rugier bei der 
Ausgestaltung des Stammes beteiligt sein 
läßt, die allerdings auch in der Donau- 
gegend, aber nicht an derselben Stelle, 
ja nicht einmal in der Nachbarschaft der 
B. auftreten. 

Wir müßten B. und Markomannen schon 
deshalb zusammenbringen, weil es eine 
andre Möglichkeit nicht gibt. Ein starkes 
Volk wie die Markomannen kann nicht 
unbemerkt spurlos verschwunden sein; 
für die B. aber kommt als Grundlage nur 
ein größeres westgerm., den Alemannen- 
Schwaben von Haus aus sprachlich nicht 
zu fernstehendes Volk in Betracht, und ein 
solches steht sonst nicht zur Verfügung. 

§ 2. Dazu gesellt sich das Zeugnis des 
Namens Baiern selbst. Dem Baioarii 
Baiuarii, später — mit roman. Monophthon- 
gierung von germ. ai zu a — Bavarii lat. 
Quellen steht ahd. Peigira, ags. B^geras, 
aisl. (auf der as. Form beruhend) Beiarar 
zur Seite. Diese germ. Formen im Verein 
mit dem jetzt noch in Baiern im Gegen- 
satz zu Beheim, Böhmen erhaltenen Diph- 
thong lassen germ. *Bajja- (mit ge- 
schärftem ; wie in Ei) als erstes Kom- 
positionsglied erkennen; über das zweite 
s. unter Völkernamen § 9. Man mag 
Bai-varii mit Bremer Ethn. 213 (947) 
aus Bai-haim-varii erklären nach der 
Regel, »daß bei der neuen Komposition 
eines Kompositums der zweite Wortstamm 
weggelassen wurde«, oder seinen ersten 
Teil für einen aus dem Volksnamen der 
Boii bzw. seiner germ. Form, in der kelt. 



oi den Übergang von idg. oi zu ai im 
Germ, mitgemacht hatte, mittels eines 
fa- oder ;J- Suffixes abgeleiteten Landes- 
namen halten, auf den auch das Baias, 
ein Teil der 'patria Albis' beim Kosmo- 
graphen von Rav. 4, 18 zurückgehen 
kann und für den das alte Doppel-/ in 
Baiern zu sprechen scheint: jedenfalls 
bedeutet Baioarii ganz dasselbe wie schon 
Bat(v)o)(ar(xat (s. d.), nämlich 'Bewohner 
des Boierlandes'. Ohne Zweifel hat der 
Name bereits für den Stamm gegolten, 
als er noch in Böhmen seßhaft war. Daß 
wir ihn nicht kennen lernen, hängt damit 
zusammen, daß über die Markomannen 
durch lange Zeit auch sonst nichts ver- 
lautet. 

§ 3. Wann sie ihre Sitze gewechselt 
haben, ist nicht unmittelbar bezeugt und 
nicht genau feststellbar. Bei Jordanes 
Get. 55 werden die B. bereits als Ost- 
nachbarn der Alemannen angeführt, was 
aus der zwischen 526 und 533 verfaßten 
Gotengeschichte Cassiodors stammen 
dürfte. Schwieriger ist es, einen terminus 
a quo anzugeben, denn L. Schmidts 
Behauptung (Allg. Gesch. d. germ. Völker 
179), daß die Wanderung erfolgt sein 
müsse, nachdem Ufernorikum durch Odo- 
aker aufgegeben wurde, hat die Voraus- 
setzung, daß die B. zunächst Ufernori- 
kum links der Enns, sodann westwärts 
vordringend Raetia H bis zum Lech 
besetzt haben, wo sie mit den Alemannen 
zusammenstießen. Diese ist aber uner- 
wiesen und stimmt schlecht dazu, daß 
nach Ausweis von Funden und Ortsnamen 
die deutschen Siedlungen in Oberösterreich 
jünger sind als in Bayern westlich vom 
Inn und sichtlich von West nach Ost sich 
ausbreiten. Eher scheinen sie daher über 
den Böhmer- und bayrischen Wald in 
den Nordgau und zur Donau herabgestiegen 
zu sein und in der Gegend von Regensburg 
etwa diese überschritten zu haben. Mit 
ihrer Wanderung läßt sich dann die von 
Engilberts vita s. Ermenfredi bezeugte 
Austreibung der Waresci (d. i. Varisti) 
aus dem Gau Stadevanga am Fluß Regnus 
in Zusammenhang bringen (s. Naristi). 

Die Räumung Böhmens durch die Baiern 
hat die Besetzung dieses Landes durch 
die Slaven zur Folge gehabt, wenn auch 



BAIMOI— BALDACHIN 



157 



nicht unmittelbar; sie sind erst mit den 
Avaren dahingekommen. 

§ 4. Zum ältesten Siedlungsgebiet der 
Baiern gehört das Land östlich vom Lech 
bis hinein ins Salzburgische, wo im Flach- 
gau auch noch auf dem rechten Salzachufer 
ihre aus merowingischer Zeit stammenden 
Grabfelder sich finden. Auch in Reichen- 
hall sind sie so früh durch ein solches 
iDczeugt; ebenso in Tirol durch Funde 
aus Igls bei Innsbruck. Südlich dehnte 
sich ihr Machtbereich bis zu dem der 
Langobarden aus. So wie die Alemannen 
haben sie erst die offeneren Landschaften 
dichter besetzt und sich in den tieferen 
Alpentälern später und allmählich ein- 
geschoben. 

Über die Enns greifen sie zuerst nach 
der Niederwerfung der Avaren durch 
Karl d. Gr. und mit größerem. Nachdruck 
noch nach der Bändigung der an deren 
Stelle getretenen Ungarn. Auffallend 
ist allerdings ein Flußname wie Erlaff 
in Niederösterreich gegenüber röm. Arlape, 
Arelape, da nach allgemeiner Annahme 
die hd. Lautverschiebung im 9. Jh. längst 
abgeschlossen war. Dies könnte darauf 
hinweisen, daß die bair. Kolonisation 
schon während der Avarenherrschaft ein- 
setzte, oder daß mit den vordringenden 
B. verstreute Reste älterer germ. Be- 
völkerung verschmolzen; dafür spricht 
auch ein Name wie March, der nicht erst 
aus slav. Morava entstanden ist; s. Marus. 

§ 5. Politisch sind die B., seit wir 
sie unter diesem Namen kennen, immer 
ein Teil des Frankenreiches, ein Ver- 
hältnis, in das sie auf friedlichem Wege 
gekommen sein dürften. Im Zusammen- 
hang mit dieser Abhängigkeit steht es, 
daß wir von Anfang an nur von ihren 
Herzogen, nicht von Königen erfahren. 

Neben ihrem Herzogsgeschlecht mit dem 
deutlich patronymischen Namen Agüolfingi 
begegnen uns in der Lex Baioariorum 
noch mehrere Adelsgeschlechter, die Hösi 
{Huost), Thrözza [Draoza), Fagana, Hähi- 
linga, * Annion. Auch davon scheint 
Hähüinga patronymisch zu sein und Ab- 
kömmlinge eines Hähilo zu bezeichnen. 
Fagana sind 'die Fröhlichen' nach as. 
Jagan, ags. fcegen, anord. feginn 'laetus'; 
daneben Thrözza wohl 'die Verdrießlichen' 



oder 'die Widerspenstigen' nach germ. 
*ßrauta- 'Beschwerde, Mühsal', anord. /nJ/r 
'widerspenstiger Mensch' ; Hösi^ das an ags. 
hös 'bramble, thorn' anklingt, ist unklar; 
* Annion — so von Dietrich v. Kralik 
N. Arch. d. Ges. f. alt. d. Geschichtsk. 
Bd. 38) hergestellt statt überliefertem 
Anniona, woneben jüngeres ^nnion be- 
legt ist, — stellt einen /flW-Stamm germ. 
Anjan- oder Annjan- von unbekannter 
Bedeutung dar. Vermutlich bezeichnen 
diese Namen nicht nur Adelsgeschlechter, 
sondern auch alte Gauvölker, an deren 
Spitze diese standen. Doch darf man die 
Hösi nicht mit Fastlinger (Beitr. z. 
Anthr. u. Urgesch. Bayerns 19) von den 
pannonischen Osi ableiten. 

Lit. b. B^eme^£//^7^.2II (945) u. L.Schmid t 
AGdgV. 178. Zum Namen R. M u c h ZfdA. 39, 
31 ff. R. Much. 

Batjxoi, ein Volksname, den Ptolemäus 
II II, II zwischen Aoüva üXtj und Donau 
einträgt. Der Name ist gekürzt aus 
Baehaemi, somit dasselbe wie Bat(v)o5(ai[xat 
bei Ptol. II II, 10, und bezieht sich auf 
die zwischen Marus und Cusus angesiedelten 
Gefolgscharen des Maroboduus und Catu- 
alda. S. auch Boavo'/aXiiOii u. Quaden. 
M ü 1 1 e n h o f f DA. 2, 328. R. Much. 

Baivo^^aiixai bei Ptolemäus II li, 10 
ist verderbt aus Bato)(ar{xai und bezeichnet 
die germ. Bewohner Böhmens, d. i. die 
Markomannen, die aber daneben auch 
unter diesem Namen an andrer Stelle in 
die Karte eingetragen sind. Der Name 
B., der selbst vom Landesnamen her- 
geleitet ist, lebt fort, übertragen auf die 
slav. Nachfolger der Markomannen, als 
ahd. mhd. Beheim, Plur. Beheima, Beheime. 
Unser Böhmen ist Dat. Plur. dieses Volks- 
namens. Vgl. Markomannen u. Tsupioj^aTixai. 
Müllenhoff DA. 4, 558. R. Much 

AfdA. 23, 29 f. R. Much. 

Baldachin^ ciborium, auf Stützen (Säulen) 
stehende Überdachung, tragbar oder fest. 
Steinerne Baldachine der Frühzeit über 
Altären sind hier und da noch ganz oder 
teilweise erhalten (Ravenna; Valpolicella; 
Mailand, S. Ambrogio). Ein reichgezierter, 
allerdings aus älteren langobardischen 
Stücken zusammengesetzter auf zwei 
Säulen über dem Bischofsitz {cathedra) 
des Domes zu Grado. Ein sechseckiger 



158 



BALDENHEIMER HELM— BALDR 



auf Säulen über dem Taufbecken zu 
Cividale im Dom, bezeichnet als durch 
den Patriarchen Sigwald (762 — T](i) her- 
gestellt; mit reichgeschmückter Brüstung 
echt langobardischen Stils. S. a. Ziborium. 
E n 1 a r t I 740. M o t h e s Milielalterl. 
Eauk. in Italien I 265 266. R i v o i r a Origini 
delV architettura lombarda 154. 164. Milano 1908. 

A. Haupt. 

Baldenheimer Helm. § i. Der B. H. 

wurde im Jahre 1902 in dem Dorfe Balden- 
heim (Elsaß) in einem germ. Reihen- 
gräberfeld des 5-/6. Jhs. gefunden. Er 
besteht aus einem kupfervergoldeten 
Spangengerüst von konischer Form. Die 
Spangen werden oben durch eine auf- 
genietete Platte mit einem Fuß für die 
Helmzierde zusammengehalten. Nach 
unten zu verbreitern sie sich zu flügel- 
artigen Schweifungen, die einander be- 
rühren. Die Füllungen zwischen den 
Spangen bestehen aus ovalen Eisenblättern. 
Den Randabschluß bildet ein Doppelband, 
das unten aus Eisen, oben aus vergoldetem 
Kupferblech besteht. Alle diese Bestand- 
teile sind durch Nieten miteinander ver- 
bunden. Zum Helme gehören zwei eiserne 
Wangenklappen mit vergoldeter Bronze- 
auflage und Ledereinfassung. 

§ 2. Der B. H. repräsentiert einen 
Typus, von dem noch acht weitere Exem- 
plare aus Dalmatien, ItaHen, Süddeutsch- 
land und Frankreich bekannt sind (vgl. 
den Helm von Gammertingen auf der 
Tafel zum Artikel 'Helm' Nr. 4). Man 
hat ihr Fabrikationszentrum in Gallien 
oder einem dem ravennatischen Kunst- 
kreis nahestehenden Bezirke ItaHens ge- 
sucht. Jedoch sind diese Spangenhelme 
nach ihrer Technik, Form und Verzierung 
in Mitteleuropa ganz isoliert. Die Ab- 
hängigkeit der Helmform von östlichen 
Vorbildern sowie die Mischung spätantiker 
und orientalischer Motive auf den Helm- 
bändern machen es sehr wahrscheinlich, 
daß sie in Osteuropa, vermutHch in Süd- 
rußland entstanden sind. 

§ 3. Direkte Gegenstücke von dorther 
fehlen bis jetzt, doch sind aus den Griechen- 
städten des Bosporus (2. — 3. Jh. n. Chr.) 
konische, aus vier dreieckigen Blättern 
zusammengenietete Eisenkappen bekannt, 
die als der Urtypus der Spangenhelme 



angesehen werden dürfen. Ein eiserner 
Helm aus Ägypten und ein bronzener, 
angeblich in Persien gefundener, des Briti- 
schen Museums zeigen die Etappen der Ent- 
wicklung vom Prototyp zur entwickelten 
Form. 

Die ältesten Exemplare der »germani- 
schen« Spangenhelme stammen aus dem 
3./4. Jh. n. Chr., die jüngsten reichen bis 
ins 6.ly. Jh. 

R. Henning Der Helm von Baldenheim 

1907. M. E b e r t Prahlst. Z. i (1909), 65 ff. 

163 ff. Max Ebert. 

Baldr* § i. Die Mythen und Sagen^ 
die sich an Baldr knüpfen, kennen wir 
nur aus nordischen Quellen. Ja wir wissen 
nicht einmal, ob bei den andern germani- 
schen Stämmen eine Gottheit unter diesem 
Namen verehrt worden ist, da Baldaeg, 
der in den ags. Stammtafeln als Sohn 
Wodens begegnet, ein unsicheres Zeugnis 
ist und von dem balderes des Merseburger 
Zauberspruches nicht feststeht, ob es 
Nomen proprium oder Appellativum ist. 
§ 2. Über Baldrs Wesen erfahren wir 
wenig. Er begegnet überall als jung und 
schön, weshalb in ganz Skandinavien die 
Hundskamille Baldrshrä 'Baldrs Braue* 
genannt wird. Daneben erscheint er kühn 
(Lok. 27; Fas. I 373), ohne daß jedoch 
besondere Taten seiner Tapferkeit erwähnt 
werden. Auch ist er Feind alles Unrechts. 
In Breidablik 'Weitblick' hat er seinen 
Sitz (Grimn. 12). Sein Vater ist OÖinn, 
seine Mutter Frigg (Vsp.). 

§ 3. Der Mythus, den wir von Baldr 
haben, dreht sich um seinen Tod. Er 
findet diesen durch Hqdr (s. d.), und zwar 
fällt er durch ein zauberhaftes Schwert, 
den Misteltein, aus dem die isländische 
Dichtung (Vsp., Baldrs dr.) den Mistel- 
zweig gemacht hat. Schwere Träume 
des Gottes haben den Göttern diesen 
Untergang voraus verkündet. Sein Tod 
wird von seinem Stiefbruder Väli (s. d.) 
oder Bous gerächt, der zu diesem Zwecke 
von Odin gezeugt wird. 

§ 4. In dieser Mythe, die mehrfach 
weitergebildet und bei Saxo zur Sage 
geworden ist, ist eine wesentHche Ver- 
änderung dadurch eingetreten, daß auf 
Island an die Stelle Hqdrs Loki gekommen 
ist. Vor 1000 kann dies nicht geschehen 



BALDR 



159 



sein, da die eddische und skaldische 
Dichtung nur Hqdr als Mörder Baldrs 
kennt. Durch diese Verschiebung ist 
Hqdr zum bhnden Äsen geworden, der 
nur ein Werkzeug in der Hand Lokis ist 
und an dem deshalb auch die Rache 
nicht vollzogen zu werden braucht. In diese 
spätere Dichtung haben sich auch christ- 
liche Züge eingemischt. 

§ 5. In dieser späten Gestalt, zum Teil 
mit eignen Zusätzen und Kombinationen, 
erzählt S n o r r i den Baldrmythus (SnE. 
I 172 ff.). Nach ihm ist Baldr der Gemahl 
der Nanna; beider Sohn ist Forseti (s. d.). 
Infolge der schweren Träume, die der 
Gott gehabt hat, nimmt Frigg allen 
Gegenständen den Eid ab, Baldr kein Leid 
zuzufügen. Nur der unscheinbare Mistel- 
zweig wird nicht vereidigt. Jetzt schießen 
und werfen die Götter mit Steinen nach 
Baldr; nichts verletzt ihn. Loki ist darüber 
erzürnt, erfährt, daß der Mistelzweig nicht 
vereidigt ist, holt ihn, drückt ihn dem 
blinden Hqdr in die Hand und veranlaßt 
so den Tod des Gottes. Alsdann folgt 
der feierliche Leichenbrand Baldrs, dar- 
gestellt nach dem Gedichte des Ulf 
Uggason, das dieser im Ausgang des 
10. Jhs. nach dem Gemälde in der Pracht- 
halle des Öläfr päi verfaßt hat. Auf Ver- 
anlassung der Frigg reitet dann Hermödr 
zur Hei, damit er Baldr wieder zur Ober- 
welt bringe. Diese verspricht auch die 
Rückkehr, wenn alle Kreaturen und Gegen- 
stände Baldrs Tod betrauern würden. 
Nur die Riesin pqkk, in der der verkappte 
Loki sich befindet, weigert sich, und so 
muß Baldr im Reich der Hei bleiben. 
Nach diesem vergeblichen Versuch be- 
schließen die Götter die Rache: Loki wird 
gefangen und in einer Felsenhöhle an- 
geschmiedet. 

§ 6. Saxo (Hist. Dan. I iioff.) 
bietet eine zweifache Darstellung von 
Baldrs Ende, in der einen ist der Mythus 
euhemeristisch dargestellt, in der andern 
erscheint er als Heroensage. Jene zeigt 
auffallende Übereinstimmungen mit der 
Mythe von Frey und Gerd. Balderus 
erblickt im Bade die Nanna, die Geliebte 
des Hotherus, und ist von ihrer Schönheit 
so entzückt, daß er um sie während 
Hotherus' Abwesenheit wirbt. Er wird 



jedoch von dem Mädchen zurückgewiesen. 
Darauf entbrennt der Kampf zwischen 
Hotherus und den Göttern, der dadurch 
zu deren Niederlage führt, daß Hotherus 
mit dem Zauberschwerte des Mimingus 
dem Thor die Keule aus der Hand schlägt 
und ihn so der trefflichsten Waffe be- 
raubt. — Offenbar ist in der Quelle Saxos 
in diesem Kampfe Baldr gefallen, wenn 
auch Saxo nur von der Flucht spricht. 

§ 7. In der zweiten Darstellung ist der 
Mythus zur Sage geworden. Hotherus 
führt nur gegen Baldr den Kampf; die 
Götter begegnen dabei nicht. Auch die 
Nanna spielt hier keine Rolle; es handelt 
sich mehr um einen Kampf um den Besitz 
von Dänemark. Die Dänen geben Balderus 
Dänemark, und so sieht sich Hotherus 
nach einer Niederlage zur Flucht nach 
Schweden genötigt. Aber auch dies Land 
verläßt er. In der Einsamkeit, wohin 
er sich zurückzieht, erfährt er von Jung- 
frauen, daß Baldr durch eine bestimmte 
Speise seine Kraft besitze; wenn er diese 
erlange, werde er über Baldr Herr werden. 
Nach dieser Erkundigung nimmt Hotherus 
von neuem den Kampf auf, schleicht sich 
während der Nacht heimlich in Baldrs 
Lager, weiß durch List die Jungfrauen, 
die die Speise bereiten, zu gewinnen und 
erhält nun von ihnen die Speise und einen 
siegverleihenden Gürtel. Dadurch ist 
Baldrs Schicksal besiegelt. Auf seinem 
Heimweg trifft ihn Hotherus und bringt 
ihm die Todeswunde bei, an der er am 
dritten Tage stirbt. Später übernimmt 
Baldrs Bruder Bous die Rache. 

§ 8. Der Baldrmythus ist auf die 
mannigfachste Weise gedeutet worden. 
Zweifellos haben sich an den einfachen 
Kern im Laufe der Zeit, namentlich in 
den Darstellungen, die Saxo bietet, ver- 
schiedene Märchenmotive angegliedert. 
Wenn man aber von der einfachsten 
Form ausgeht und den Namen Baldr 
mit bal 'licht, glänzend' zusammenbringt 
(ZfdA. 25, 237ff.), so liegt es am nächsten, 
im Baldrmythus einen alten Mythus vom 
Tod des lichten Himmelsgottes zu er- 
blicken, nach dem der lichte Gott von 
dem Dämon der Finsternis vernichtet 
wird. Mit ihm mögen alte Kulte ver- 
bunden gewesen sein; nachweisen lassen 



i6o 



BALLSPIEL 



sich keine, wie wir überhaupt keine 
sichern Zeugnisse eines Baldrkultes haben. 
B u g g e Studien über die Entstehung der 
nordischen Götter- und Heldensagen I 32 ff. 
N i e d n e r ZfdA, 41 , 305 ff. Kauffmann 
Balder (1902), wo sich die zahlreiche ältere 
Literatur verzeichnet findet. Schuck Studier 
i nordisk Litter atur- och Religionshistoria II i ff. 
K r o h n Finnisch-ugrische Forsch. 1906, 3 ff. 

E. Mogk. 

Ballspiel. A. Sprachliches. §i. 
Obwohl unsere Zeugnisse (besonders für 
Deutschland und England) recht späten 
Datums sind, unterliegt es keinem Zweifel, 
daß die Germanen das Ballspiel seit 
alterZeit gepflegt haben. Es ist eines 
der weitverbreitetsten Spiele, auch kulturell 
niedriger stehenden Völkern "bekannt; zu- 
dem stellt der Terminus Ball eine g e - 
m e i n g e r m. Bezeichnung des Spiel- 
gegenstandes dar: ahd. hallo m. und halla 
f., spätahd. auch schon hal m., andd. hallo 
m. und hal m., anord. h^Ur m. ; das ae. 
Äquivalent fehlt, kann aber mit Sicherheit 
aus dem Deminutivum healluc m. 'Hode' 
(eigentl. 'Bällchen') erschlossen werden. 
Andere Ablautsstufe derselben Wurzelsilbe 
weisen Bolle, ae. holla m. holle f. 'kugel- 
förmiges Gefäß, Becher', usw. auf, so daß 
einerseits Echtheit des deutschen Wortes 
und andererseits Entlehnung der roman. 
Ausdrücke it. halla, franz. balle 'Kugel, 
Bair außer Frage stehen. Als urverwandt 
betrachtet man lat. follis 'lederner Schlauch, 
Windbair, zuWz. *hhel- 'aufblasen, schwel- 
len' gehörig (Walde EWb. 234). — Neben 
Ball sind einzelsprachig andere 
Termini im Gebrauch gewesen. Zu 
ahd. stoz, das pila glossiert, ist das Demi- 
nutivum mhd. stützel m. 'Ball' und ober- 
emsländ. staitken 'Ballspiel' zu stellen (vgl. 
mhd. stutz 'Stoß, Anprall', spätmhd. und 
nhd. stutzen, ndl. stuiten 'hemmen, zurück- 
prallen'). Ae. ßödr (pöd'ur, -or, -er) m., 
nach Kluge (Glossar z. Ags. Lesebuch 3) 
mit ßindan 'schwellen' verwandt, ist schon 
in den Epinaler Gl. bezeugt und bleibt 
einziger Terminus bis in die spätae. Zeit 
hinein; es hatte also offenbar das anzu- 
setzende *bealla m. (viell. auch *healle f.), 
mit dem es auch in seinem ursprünglichen, 
sinnlichen Bedeutungsinhalt überein- 
stimmte, schon früh vollkommen ver- 



drängt; me. ball{e), ne. hall ist daher 
sicherlich — franz. oder nord. — Lehnwort. 
Im Norden war kngttr m. Gen. knattar 
statt des sehr seltenen h2llr in Gebrauch. 

B. Deutschland u. England. 
§ 2. Während bei den Griechen und 
Römern Kinder und Erwachsene beider- 
lei Geschlechts Ballspiele verschiedenster 
Art als ausgesprochen gymnastische Leibes- 
übungen betrieben, scheinen in D e u t s c h- 
1 a n d bis ins MA. hinein vornehmlich die 
Kinder, namentlich die Mädchen, und auch 
junge Frauen Ball lediglich zum Zeitver- 
treib und zur Belustigung gespielt zu 
haben; in zwei Glossenhss. des 12. Jhs. 
finden wir die Eintragungen, Ahd. Gl. IV 
235, I4ff. : ,,Pila autem quatuor modis 
intelligitur. . . . secundum dicitur pal. quo 
utuntur mulieres in ludo." IV 237, 14 f.: 
,,. . .pila pal qua utuntur muliercule tem- 
pore ludi." 

§ 3. Ähnliches gilt für England, 
wo das Ballspiel die beliebteste Kurzweil 
der ae. Jugend war. Der talentvolle Illu- 
minator der Hs. Cott. Claud. B IV (ii. Jh., 
Brit. Mus.) zeichnet fol. 35 b, wie Ismael 
und Isaac Ball spielen, um ^Elfrics Über- 
setzung von Genesis c. 21,9 zu illustrieren: 
,,Hyt gelamp eft syddan, \>(Bt Sarra be- 
heold, hü Agares sunu wid Isaac plegode." 
— Aus dieser Miniatur (s. Reproduktion) 
und einer anderen derselben Hs. auf 
fol. 102 a (zu Exodus c. 32,6) können wir 
etwas über den Spielbetrieb ent- 
nehmen: die Kinder übten entweder ein- 
fachen Fangball, oder gestalteten das 
Spiel etwas komplizierter, indem sie mit 
einem Balle oder mehreren in jeder Hand 
zugleich jonglierten. Derartige 

Kunststücke gehörten auch zum Reper- 
toire der Fahrenden: einer der Spielleute, 
die König David auf einem Bilde der 
Psalterhs. Cott. Tib. C VI fol. 30 b um- 
geben, fängt mit Bällen und Messern (Re- 
produktion bei Strutt-Cox Sports and 
Pastimes of the People of England gegen- 
über S. 148 u. Wülker Gesch. d. engl. Lit.^ 
I gegenüber S. 65). — Wie in nachae. 
Zeit eine Reihe anderer Formen des Spieles 
üblich waren und es noch sind, so wird es 
auch vorher mannigfache Variationen ge- 
geben haben. Von ihnen ist noch mit 
großer Wahrscheinlichkeit eine Art 



BALLSPIEL 



i6i 



S c h 1 a g b a 1 1 bezeugt; in vElfric Batas 
(um 1005) erweiterter Fassung des sog. 
CoUoquiums seines Lehrers, des Abtes 
iElfric, legt jener den Klosterschülern die 
Bemerkung in den Mund (Napier Old 
Engl. Gl. 222 A. 8): ,,Pergamus omnes 
simul iocare foris cum baculis nostris et 
pila nostra seu trocho nostro." — Die 
Schilderung des Ballspiels in der ae. Über- 
tragung des Apolloniusromanes (Herrigs 
Archiv XCVII 25, 8 ff.) kann sachlich 
nicht verwertet werden, da sich der Über- 
setzer eng an seine Vorlage anlehnt. 

Die vorhandene Lit. berücksichtigt nur das 
Mittelalter. Fritz Roeder, 

C. Norden. §4. Bei den Skandi- 
naviern war entsprechend der rauheren 
Natur ihres Landes und ihrer Körper- 
konstitution die Neigung zu einfachen 
Kraftübungen stärker entwickelt als bei 
Deutschen und Engländern. Das Ballspiel 
erfuhr daher bei ihnen allgemeinere Pflege 
und eine eigenartige, jenem Hange entgcgen- 
kommendeAusgestaltung. Eine sichere Hand 
zu Griff und Wurf zu haben, war eine ange- 
sehene und unter den Verhältnissen des 
Altertums höchst nützliche Fertigkeit, 
die man sich auf mancherlei Weise anzu- 
eignen suchte. Teils traten solche Übun- 
gen in den Dienst der Waffenfertigkeit 
(s. Waffenübungen), teils treten sie als 
mehr oder minder zusammengesetzte Spiele 
auf, geübt von Kindern und Erwachsenen. 
In alten Erzählungen lebt die Erinnerung 
an Knochenwurf (hnütukast) und andere 
gewaltsame Wurf spiele als Gesellschafts - 
Unterhaltung einer vorhistorischen Zeit. 
Über ein Wurfspiel mit Rasenstücken 
(torfleikr) auf einem Landschaftsting auf 
Island im 10. 'Jh. berichtet die Eyrbyggja- 
saga. 

§ 5- Ähnlichen primitiven Charakter 
hat das älteste Ballspiel, von dem man die 
erste Andeutung auf dem einen dänischen 
Goldhorn von ca. 500 findet. Es waren ein- 
fache Wurf- und Greifübungen, mit einem 
harten und schweren Ball, gefährlich und 
gewc'.ltsam, darauf berechnet, die Stärke 
zu fördern und den Mut zu stählen. Ein 
solches Spiel scheint allgemein in vSkandi- 
navien und Dänemark bis weit über die 
Wikingerzeit gebräuchlich gewesen zu sein; 
literarisch wird es dort erst in den Volks- 



liedern und in den nachklassischen islän- 
dischen Prosaromanen {Fms. IH 186; Bös. 
K. 3: soppleikr, vgl. A. Olrik, Danske 
Studier 1906) erwähnt. 

§ 6. Von mehr zusammengesetztem und 
sportmäßigem Charakter war der nationale 
isländische knattleikr, der von den Sagas 
als die beliebteste Freiluftübung der Is- 
länder und Volksunterhaltung auf offnem 
Felde dargestellt wird, bis er in den ersten 
christlichen Jahrhunderten mehr und mehr 
durch Ringkampf und Tanz verdrängt 
wird. Er wurde mit Ball und Ballstock 




Abb. 29. Ballspiel angelsächsischer Knaben. 
Hs. Cott. Claudius B. IV fol. 35 b, 11. Jh., Brit. Mus. 

von zwei zwischen Richtlinien aufgestellten 
Parteien gespielt, wobei jedoch jeder 
einzelne Spieler seinen besonderen Gegner 
hatte; bei der Einrichtung des Spiels 
ordnete man es so, daß ungefähr gleich- 
starke Leute einander gegenüber zu stehen 
kamen, denn auf die Stärke " kam es am 
meisten an. Der Ballstock [knatt-tre] 
wurde sowohl zum Schlagen {knattdrepa) 
verwendet, als auch als Auffanggerät, um 
den Ball im Flug aufzuhalten (knattgildra) . 
Die nähere Einrichtung des Spiels kennen 
wir nicht mit Sicherheit. Unter den gegen- 
seitigen Bemühungen der Spieler, (durch 
Schlag, Stoß oder Wurf) den Ball übers 
Ziel zu bringen — was das entscheidende 



l62 



BALSAM— BANDKERAMIK 



Moment war — entfaltete sich ein lebhafter 
VVettkampf: Wettlauf nebst Ringkampf 
und anderen Handgreiflichkeiten. Nament- 
lich sind Ringkämpfe vorherrschend. Es 
ist daher wahrscheinlich, daß die Entwick- 
lung des Ringens zur sportmäßigen glJma 
aus dem Ballspiel stammt. In seiner Ge- 
samtheit bot das Spiel vortreffliche Be- 
dingungen dar zur Entwicklung von Stärke, 
Schnelligkeit in der Bewegung, Geschmei- 
digkeit und Fertigkeit in Griff und Wurf. 

§ 7. Der in der Hardars. erwähnte 
skgfuleikr war eine Modifikation des 
knattleikr, bedingt durch die Anwendung 
eines aus Hörn verfertigten Gerätes, skafa, 
dessen Bestimmung nicht mit Sicherheit 
angegeben werden kann. 

§ 8. Der Knattleikr konnte wohl zu 
jeder Zeit des Jahres gespielt werden, bei 
stattfindenden Gelagen und Volkszusam- 
menkünften. Aber hauptsächHch war der 
Winter die Saison dafür, sowie er es heute 
für Bälle und Theatervorstellungen ist. 
Alle Knattleik-Zusammenkünfte, von denen 
die Sagas berichten, finden im Herbst 
oder Winter statt. Doch lag der Grund 
nicht so sehr in der Arbeit des Sommers — 
denn zur Erfrischung des Leibes und der 
Seele und zu andern Belustigungen fand 
man gern ledige Stunden — sondern er 
hängt am ehesten mit dem Umstand zu- 
sammen, daß die ebene, harte und weitaus- 
gestreckte Fläche des Eises der zweck- 
mäßigste Spielplatz war. — In der Regel 
kamen die Übungen zustande durch den 
Zusammenschluß der jungen Leute in 
jeder Gegend, indem sie im Spätjahr Zeit 
und Ort verabredeten. Innerhalb eines 
begrenzten Bezirks konnten so stehende 
Übungen zustande kommen, die den gan- 
zen Winter hindurch fortgesetzt wurden, 
nur mit den durch Unwetter und andre 
äußere Ursachen bewirkten Unterbrechun- 
gen. Wenn dagegen Teilnehmer von 
weither sich trafen, wenn die Übungen 
Turniere für zwei oder mehr Landschaften 
waren, dauerten sie auch nur wenige, 
höchstens 14 Tage. Die von fernher kom- 
menden nahmen alsdann ihren Aufenthalt 
in Buden {leikskälar) , die beim Spielplatz zu 
diesem Zweck aufgeführt waren, und die von 
Jahr zu Jahr benutzt wurden, indem man 
ungern den Treffplatz wechselte (vgl. Orts- 



namen wie Leikskälar). Zuweilen gaben 
die Großbauern den Anstoß zum Ballspiel- 
sport im Herbst, indem sie zu diesem Zweck 
ein Fest veranstalteten {Laxdcelas. K. 45). 
Engelstoft Skand. Museum 1802, 1. 

R. Keyser Nordmcendenes priv. Liv i Old- 

tiden, 1867. Weinhold Altnord. Leben, Berl. 

1856. Mogk ZfdPh. 22. Hertzberg in Hist. 

Skr. (Fest sehr. f. L. Daae) Kristiania 1904. 

Knudsen u. Olrik in Danske Studier 1906. 

Bj arnason Jpröüir fornm. Reykjavik 

1908; Nordboernes legemlige uddannelse. Köbenh. 

1905. Björn Bjarnason. 

Balsam. Der B. wurde den germ. Völ- 
kern mit der antiken Heilkunde als Wund- 
salbe bekannt. Schon das Gotische kennt 
das Lehnwort halsan n. als Übersetzung 
von gr. [lupov 'wohlriechende Salbe'; das 
auffallende n erinnert mehr an das aus dem 
Griechischen rückentlehnte arab. balasän, 
armen, balasan als an gr. ßdX(Joc[xov, ist 
also offenbar kein gelehrtes, sondern ein 
volkstümliches Lehnwort. Zu den übrigen 
germ. Stämmen kam der B. erst im Ge- 
folge des Christentums; sein Name geht 
hier überall auf lat. balsamum (seinerseits 
eine Entlehnung aus dem Griech.) zurück: 
ahd. mit Geschlechtswechsel balsamo m., 
mhd. balsam(e), balsem(e) m. ; ags. baisam, 
balzam (m. } n. }) und balzame sv^i., ein 
spätes, gelehrtes Lehnwort, wofür in den 
ags. Rezepten auch balsamum mit ganz 
lat. Form; anord. baisam m., wohl aus dem 
Deutschen übernommen. 

W a g 1 e r b.Pauly-Wissowa (1896). S c h r a- 

der Reallex. (1901). Heyne DHausaltert. 

3, 189 (1903). Johannes Hoops. 

Bandkeramik. § i. Unter diesem 
Namen wird eine schwankende Anzahl 
n e o 1 i t h. Kulturgruppen zusammen- 
gefaßt, die in den Formen und Verzierungen 
der Tongefäße zum Teil sehr wenig Gemein- 
sames besitzen und auch nach Zeit u. Ort 
stark auseinanderfallen. Nach dem ur- 
sprünglichen Sinn des Wortes bezeichnete 
es hauptsächlich den Unterschied gewisser 
Gefäßformen, Verzierungen u. Begleitfunde 
von der im gleichen mitteldeutschen Gebiet 
verbreiteten Schnurkeramik (s. d.). Wäh- 
rend aber diese eine zwar recht aus- 
gedehnte, doch in Zeit u. Raum ziemlich 
geschlossene Gruppe bildet, verteilt sich 
die B. (im weitesten Sinne) auf sehr ver- 
schiedenartige Stufen und Gruppen und 



BANDKERAMIK 



163 



widerstrebt jeder kurzen und bestimmten 
Charakterzeichnung. In einem sehr fund- 
reichen Gebiete Westdeutschlands, der 
Umgebung von Worms, gelangte man 
durch die Gräberforschung zur Aufstellung 
dreier zeitlich getrennter Gruppen, nämlich 
der älteren und der jüngeren 
Winkelbandkeramik und der 
Spiral-Mäander-Keramik. Die 
erste heißt nach einem schon länger be- 
kannten Fundorte bei Monsheim auch 
Hinkelstein-Typus (Abb. 30), die zweite wird 
mehrseitig dem Rössener Typus (s. d.) bei- 



ters getreten ist. Die wahrscheinliche, 
aber doch nicht ganz sichere Zeitfolge 
ist demnach : Spiralmäander- 
keramik — Hinkelsteintypus 
— jüngere Winkelbandkera- 
m i k (Rössener Typus). 

§ 2. Im Sinne der von mir versuchten 
Unterscheidung zweier großer neolith. 
Stilgruppen ist nur die Spiralmäander- 
keramik echter Umlaufstil, die beiden 
anderen sind Rahmenstilarten. Im südöstl. 
Mitteleuropa ist die Abfolge deutlicher, 
die Spiralkeramik reicher und reiner (But- 




Abb. 30. .Vltere Winkelbandkeramik (Hinkelsteintypus) bei Worms. Ca. V4 n. Gr. 



gezählt, die dritte ziemlich allgemein auf 
südl. Einflüsse zurückgeführt, während 
die beiden anderen stilistisch an weiter 
nördl. gelegene Gruppen erinnern. Ihre 
zeitliche Abfolge ist unsicher. In der ersten 
und dritten Gruppe überwiegt die Kugel- 
form der Gefäße, so daß die jetzt beliebte 
Einschiebung der zweiten (mit vorwiegend 
anderen Gefäßformen) zwischen jene bei- 
den wenig Wahrscheinlichkeit hat. Die 
dritte macht den Eindruck ungeschickter 
Nachahmungen südlicher Muster, an deren 
Stelle (aber auch unter deren Einfluß) 
in der ersten ein fester und reicher, aber 
geradliniger Zierstil nordischen Charak- 



mir, Abb. 31), in jüngerer Entwicklung in 
mehreren lokalen Gruppen auch durch 
bemalte Gefäße vertreten, die ältere 
Winkelband- (Hinkelstein-) Keramik als 
Stichbandkeramik ersichtlich jünger; und 
als letzte Gruppe folgen Rahmenstilarten, 
wie die Keramik der ostalpinen Pfahl- 
bauten im Mondsee und im Laibacher 
Moor (Abb. 32), die bereits der Kupferzeit 
angehören. Diese zeigen nun deutliche 
Anschlüsse einerseits an den noch rein 
neol. Norden, (megalith. Keramik), ander- 
seits an frühmetallzeitl. Erscheinungen 
des Südens (Kupferbronzezeit Zyperns, 
mykenische Keramik Griechenlands), wo- 



164 



BANDKERAMIK 



raus sich zu ergeben scheint, daß der 
Rahmenstil in jüngerer Zeit auf ähnHche 
Weise von N. nach S. vorgedrungen ist, 
wie in älterer Zeit der Umlaufstil von S. 
nach N. Wenn der Name B. alle ge- 



die jüngeren hauptsächlich der teutoni- 
schen (nordgerm.) Rasse an (s. auch 
Mondseegruppe). Die Skelettfunde aus den 
Gräbern leiten da nicht weiter, weil jene 
beiden Rassen noch ganz dolichomeso- 










Abb. 31. Bandkeramik von Butmir, Bosnien. Abb. oben rechts ca. V5, die übrigen 

ca. V2 n. Gr. 



nannten Gruppen umfassen soll, wie manche 
wollen, so täte man besser, ihn ganz auf- 
zugeben. Auch die Steingerät-, sowie 
teilweise die Wirtschafts-, Siedelungs- und 
Gräberformen jener Gruppen sind ziemhch 
verschieden, und wahrscheinlich gehören 
die älteren vorwiegend der mediterranen. 



cephale sind und sich die Komplexion 
nicht mehr feststellen läßt. 

C. Kohl Festschr. Worms 1903. M. H o e r - 
nes Deutsch. Geschichtsbl. III 145 — 152 
(1902). D e r s. Jahrb. k. k. Zentr.-Komm. 
III I — 128 (1905). D e r s. Congr. intern. 
Monaco 1906 II 34 — 60. M. Hoernes. 



BANDORNAMENT— BÄNINGAS 



165 




Fig. 10. 



i't; 5>. 



FiK 7. 



Abb. 32. Bandkeramik der Kupferzeit. Rahmenstil-Keramik aus dem Pfahlbau im Laibacher Moor. 



Bandornament pflegt man die für die 
steinzeitliche Donaukultur charakteristi- 
schen Spiral- und Mäandermuster zu 
nennen, die den von der Kürbisform 
stammenden Tongefäßen eingekratzt oder 
aufgemalt sind: weil sie nur selten eine 
einfache Linie, meist vielmehr ein breites 
Band bilden, das beiderseits durch eine 
eingekratzte Linie begrenzt und dazwischen 
durch Punkte markiert ist, zum Zeichen, 
daß diese Kratztechnik eine Malerei er- 
setzen will. Dieser Stil hat den germani- 



schen Kreis nur an seinen südUchen 
Rändern berührt: in Böhmen, Sachsen, 
Thüringen und bei Göttingen (Diemarden) 
als nördlichstem Punkte. S. Bandkeramik 
und Ornamentik. 

Schuchhardt. 

Bäningas sind Wids. 19 zusammen mit 
Burgendas genannt. Daß sie ein Volk in 
deren ostgerm. Nachbarschaft waren, zeigt 
Bainaib, das als Name einer Landschaft 
des östlichen Deutschland neben Bur- 
gundaib unter den Stationen der langob. 



i66 



BANK 



Wanderschaft aufgeführt wird. Der Volks- 
name, got. *Bainös, *Bainjös neben * Bai- 
niggös wie später Vläme neben Vlceminge, 
gehört wohl zu anord. beinn 'gerade' und 
'entgegenkommend, gastlich'. S. auch 
Langobarden § 6 u. Helvecones. 

R. M u c h PBBeitr. 17, 65. R. Much. 

Bank. A. Deutschland. § i. 
Bänke gab es im german. Haus schon in 
der Urzeit, wie der gemeingerm., nur im 
Gotischen unbelegte Name *bankiz zeigt: 
ahd. panch (pl. penchi), mhd. banc (pl. 
benke) f. und m., nhd. bank f.; as. mnd. 
bank f.; ags. benc, me. ne. bench; anord. 
bekkr m. Es war der allgemeine Ausdruck 
für Bänke mit oder ohne Lehne, feste oder 
bewegliche. Bänke waren der gewöhnliche 
Sitz für Hausgesinde und Gäste, wenn sie 
zum Essen oder zur Unterhaltung zusam- 
men kamen. Hausherr und Hausfrau 
und zum Teil auch die erwachsenen Söhne 
saßen in vornehmen Häusern Deutsch- 
lands und Englands auf einer besonders 
hergerichteten, oft kunstvoll geschmückten 
Ehrenbank, dem sog. Hochsitz (s. d.). 
Doch macht der Heliand zwischen Bank 
und Hochsitz keinen deutlichen Unter- 
schied und bezeichnet die Ehegatten als 
Bank- und Bettgenossen (V. 147 gibenkeon 
endi gibeddeon). 

§ 2. Eine besondere Art von Bank ist 
wohl unter ahd. scranna f. zu verstehen 
(Steinm.-Siev. HI 211, 6 scamnum: scranna; 
640, 9 scamnum: scranna, panch), worauf 
nach der Übersetzung der Benediktiner- 
regel (ed. Hattemer, Kp. 9) die Mönche 
in der Klosterkirche saßen. Das Wort 
ist auf Oberdeutschland beschränkt; in 
Franken bedeutet schranne heute eine Bank 
mit Rückenlehne (Schmeller^ H 607). 
Otfrid, der das Wort als schwaches Masku- 
linum gebraucht, nennt die Tische der Geld- 
wechsler, die Christus umstürzt, thie skran- 
non {II II, 17). Die skranna war also wohl 
eine Bank mit breitem und hohem Sitz; 
doch geht der Begriff 'Bank' auch sonst 
mehrfach in den des 'Tisches' über (Grimm 
DWb. SV. 4. Rhamm Ethnogr. Beitr. 
II I, 97 A. 3). 

§*3. Zum weicheren Sitzen waren die 
Bänke schon im Frühmittelalter vielfach 
mit Decken überzogen (ahd. panchlahhan 
n. 'bancales, scamnales, stragulum, sagma. 



Stratoria': Graff 2, 158. Steinm.-Siev. 
HI 622, 4. 623, 53. 664, 49). 

Grimm DWb. udW. Heyne Hausaltert. 
I 55. 108 f. HO. Hoops. 

B. Norden u. England. §4. Die 
ursprüngliche Bedeutung von ,,Bank" 
scheint 'langgestreckte flache Erhöhung' 
zu sein. Eine solche mit der Wand fest 
verbundene Bank einfachster Art scheint 
der mit flet synonyme bekkr der Edda 
gewesen zu sein, während der mit pallr 
gleichbedeutende bekkr der Sagas schon 
eine künstlichere Einrichtung aufweist: 
s. 'Flett'. Eine kurze, für geringere Leute 
bestimmte Wandbank an der Tür hieß 
brik. Daneben kamen auch bewegliche 
Bänke vor. Eine solche war das fors^ti, 
das vor den Tisch gestellt wurde. Eine 
andere, wohl schmale und niedrige, umgab 
das Feuer im eldhüs und hieß langknakkr. 
Die Bequemlichkeit der Sitzbank wurde 
bei feierlichen Anlässen durch Polster, 
Federkissen und Teppiche [Iwgindi, pall- 
koddi, -dyna, -kl^äi) erhöht. 

§ 5. Von der Beschaffenheit der angel- 
sächsischen Bänke [benc) weiß man nur 
wenig. Freistehende Bänke scheinen durch 
Beow. 1240 vorausgesetzt zu werden. Die 
,, goldgeschmückten" Bänke der Trinkhalle 
im Beow. 778 trugen wohl goldgestickte 
Decken (vgl. sethrcegl, setlhroegl). Vor der 
Tür der Halle war eine Bank angebracht, 
worauf die Ankömmlinge sich niederließen, 
bis sie eingelassen wurden (Beow. 325 ff.); 
vgl. Nibelungenlied 1299. 

Hjalmar Falk. 

§ 6. In den altnorweg. Kirchen lief 
eine feste, niedrige Bank [pallr, setupallr) 
um das Schiff herum; sie ruhte in den 
Stabkirchen entweder auf Säulchen, die 
durch Rundbogen verbunden waren, oder 
auf einem geschlossenen Unterbau, war 
aber immer mit der Wand fest verbunden. 
In mehreren alten Stabkirchen sind diese 
Bänke noch erhalten. Auch in Stein- 
kirchen kommen sie gemauert vor, zB. 
in der Kirche zu Mostr und in der Peters- 
kirche zu Broch of Birsa, Orkney. Außer 
in Kirchen und Privathäusern kam der 
pallr auch in den Königshallen vor, wo das 
Wort teils von den Sitzen (längs den Wän- 
den, wie in dem Privathause), teils aber 
auch von der seit der Regierungszeit 



BANN, BANNGEW ALT 



167 



Olaf Kyrres (1066 — 93) im Hintergrunde 
der Halle quer über dieselbe laufenden 
Estrade, wo der König und seine nächste 
Umgebung saßen, gebraucht wird. Auf der 
Estrade stand der Tisch, an dem getrunken 
und gegessen wurde, und daneben die 
Trapiza, der kleine Schenktisch. Die 
Estrade lag nur einige Stufen über die 
Diele erhöht. Eine Spur einer solchen 
Estrade aus dem 13. Jahrh. ist in der 
Königshalle zu Bergen (Haakonshallen) 
erhalten, indem eine Tür in der Hinter- 
wand der Halle ihre Schwelle ungef. 
2 Ellen über dem Fußboden der Halle hat 
und sich offenbar in der Höhe der ur- 
sprünglichen Estrade befindet. 

Dietrichson Norske Stavkirker. N i c o - 
1 a y s e n Norske Bygninger. 

Dietrichson. 

Bann, Banngewalt. § i. Der König 
hat das Recht zu gebieten und 
zu verbieten, er hat den Bann. 
Das Wort hannus stammt von bannen 
in der Bedeutung 'unter Strafandrohung 
ge- oder verbieten' (Kluges EWb. : 
ahd. ban, ags. bann^ ndl. ban). Eine Bann- 
gewalt besitzt jede Obrigkeit, nicht allein 
der König. Ohne zwingende Ge- 
walt (potestas distringendi) kerne Obrig- 
keit. Es ist müßig zu fragen, woher die 
zwingende Gewalt des Königs stammt, 
ob sie priesterlichen oder richterlichen 
Ursprungs sei. Denn sie ist der königlichen 
Gewalt eo ipso eigentümhch. Die könig- 
lichen Gebote verlangen Gehorsam, der 
Ungehorsame verfällt der Strafe. Diese 
Strafen waren verschieden. Die Bann- 
gewalt der merowingischen Könige ist 
niemals eine Gewalt gewesen, bei An- 
drohung einer bestimmten nicht zu über- 
schreitenden Geldstrafe — etwa von 
60 Schillingen — zu gebieten und zu ver- 
bieten, vielmehr stets die viel ausgedehn- 
tere Gewalt, Gehorsam zu fordern auf 
Grund des Treuverhältnisses, auf Grund 
der Rechtsanschauung, daß den Ungehor- 
samen die Strafe der Infidelität mit allen 
ihren Abstufungen und schweren Folgen 
treffen kann. 

§ 2. Die Ungehorsamsstrafe richtete 
sich in erster Linie nach dem Gegenstand 
des mißachteten Befehls: die Gesetze 
hatten in der Hinsicht verschiedene Normen 



aufgestellt, sei es, daß es sich um einen 
vom König selbst oder um einen von 
Beamten ausgehenden Befehl handelt (vgl. 
z. B. Lex Salica 13,6. 14,4. 56. 106. 
Lex Franc. Chamav. 36. 38. 39. 40). 
Aber neben den gesetzlich vorgesehenen 
Strafnormen über einzelne bestimmte Un- 
gehorsamsfälle (Aufbietung zum Kriegs- 
dienst, zum Polizeidienst u. dergl.) mußte 
den Beamten generell eine Strafandrohung 
in all den Fällen zugestanden werden, 
über die das Gesetz keine Einzelbestimmung 
getroffen hatte. In diesem Sinne gedenkt 
das bairische Volksrecht eines Herzogs- 
bannes von 15 Sol., das alamannische der 
Herzogs-, Grafen- und Centenarbänne von 
12, 6 und 3 Solidi, in dem Sinne bestimmt 
ein sächsisches Kapitular Karls d. Gr., 
daß der gräflichen Gewalt in wichtigen 
Fällen eine Bannbuße von 60 Seh., in 
minder wichtigen eine von 15 Seh. zur Ver- 
fügung stehe. So wurden der Strafgewalt 
der Beamten gegen Ungehorsame bestimmte 
Grenzhnien gezogen. Naturgemäß aber 
nicht der des Königs. Eine analoge all- 
gemeine Königsbuße existierte nicht. Der 
König behielt sich vielmehr vor, in 
allen vom Gesetz nicht schon fixierten 
Ungehorsamsfällen selbst zu strafen und 
verschieden zu strafen, kraft seiner arbi- 
trären Strafgewalt. Der bekannte Königs- 
bann von 60 Schillingen hat nicht ur- 
sprünglich die Bedeutung einer generellen 
Strafe für Ungehorsam gegen Königs- 
befehle, wie etwa die 6-Schillingbuße des 
alamannischen Volksrechts für Verachtung 
des Grafengebots. Er hat vielmehr einen 
andern Ursprung und eine andre Ent- 
wicklung. 

§ 3. Das ribuarische Volksrecht und 
die ungefähr gleichzeitige Decretio Childe- 
berti von 596 erwähnen die 60- Schilling- 
buße als Strafe für Mißachtung des obrig- 
keitlichen, nicht ausschließlich des un- 
mittelbar vom König ausgehenden Befehles. 
Wer dem Centenar oder einem andern 
Beamten gegen einen Verbrecher nicht bei- 
stehen will, zahlt 60 Schillinge, sagt diese 
Decretio Childeberti c. 9. Wer sich gegen 
den vom König erklärten Sonderschutz 
vergeht, wer ein königliches Niederlassungs- 
privileg nicht achtet, wer der rechtmäßigen 
Aufbietung [bannitus) zum öffentlichen 



168 



BANN, BANNGEW ALT 



Dienst, sei es zum Krieg oder sonst zum 
königlichen Nutzen, nicht folgt und sich 
nicht mit Krankheit entschuldigen kann, 
wer dem im Königsdienst Reisenden keine 
Unterkunft gewährt, wer einen gefangenen 
Dieb ohne königliche Erlaubnis befreit, 
wer einen aus der Rechtsgemeinschaft 
Ausgestoßenen [homo forbannitus) auf- 
nimmt, wird mit 6o Schillingen bestraft, — 
so berichtet die Lex Ribuaria (35,3. 58,12. 
60,3. 65,1,3. 73,1,2,4. 87). Die 60-Schil- 
lingbuße ist damit zu einer beliebten 
Fiskalstrafe bei Ungehorsam gegen könig- 
liche Befehle bestimmter Art geworden. 
Sie fand in der karoHngischen Periode 
immer weitere Anwendung. 

§ 4. Als die gesteigerte Staatstätigkeit 
zahlreichere und neue Fiskalstrafen be- 
gehrte, als eine Fortbildung und Ergänzung 
des Strafrechts nach dieser Richtung hin 
notwendig wurde, da ward sie, die als Buße 
für Mißachtung bestimmter Befehle des 
Königs und seiner Beamten festgesetzt 
war, in der Art ausgeübt, daß gesetzlich 
gewisse Verbrechen als Mißachtung des 
Königsbefehls erklärt wurden. Nicht ge- 
rade solche Verbrechen, die ihrer Natur 
nach als Ungehorsam zu gelten hatten, 
sondern solche, bei denen im Interesse der 
Gesellschaft eine Erhöhung der Strafe 
erwünscht erschien. So wurde Versäumnis 
der Heerespflicht, Verbrechen gegen Kir- 
chen, Witwen, Waisen, Schutzbedürftige, 
ferner Frauenraub, Brandstiftung und Ein- 
bruch mit der 60-Schillingbuße bedacht. 
Das sind die acht Bannfälle, die seit Karl 
d. Gr. bestanden, denen dann andre sich 
hinzugesellten. Aber wenngleich so die 
60-Schillingbuße als Strafe auf Verletzung 
des Königsbefehls (Königsbannes) galt, so 
ist damit keineswegs der zwingenden Ge- 
walt der karolingischen Könige eine engere 
Grenze gezogen worden: der König gebot 
(bannte) auch unter Androhung höherer 
Strafen, ja der dem unmittelbaren Königs- 
gebot Ungehorsame wurde gewöhnlich 
nicht mit dem Bann (60 Seh.), sondern 
anders bestraft. »Alle die es wagen, einem 
königlichen Befehl entgegen zu handeln, 
sollen zur Pfalz gebracht werden«, heißt 
es in einer Verordnung Karls. Und den 
gleichen Standpunkt vertritt eine Ordnung 
Ludwigs d. Fr. Im Hofgericht entschied 



der Monarch über die Bestrafung des Un- 
gehorsamen kraft der arbiträren Straf- 
gewalt, die Recht und Verfassung ihm 
eingeräumt hatten. 

§ 5. Nicht anders in der nachkarolingi- 
schen Zeit. Verschieden hoch sind die 
Strafen, die bei Erlaß königlicher Befehle 
dem Ungehorsamen angedroht werden. 
In den königlichen Urkunden, in denen dem 
Verächter regelmäßig eine Strafe in Aus- 
sicht gestellt wurde, werden verschiedene 
Sätze von 2 bis looo Pfund erwähnt, meist 
100 Pfund Gold. Das letztere ist die häu- 
figste königliche Bannstrafe, aber der 
Ungehorsame verliert nicht selten die 
königliche Gnade, ja gilt als Majestäts- 
verbrecher. 

§ 6. So sind zwingende Gewalten (Ban- 
ne) von verschiedener Intensität zur Ent- 
wicklung gelangt. Einmal sehen wir eine 
Befehlgewalt des Königs, die niemals durch 
bestimmte allein zulässige Strafsätze be- 
grenzt wird, die sich auf alle Gebiete der 
staatlichen Tätigkeit bezieht, und die man 
daher nach Beheben in verschiedenste 
Einzelbänne gruppieren und teilen darf: 
Heerbann, Friedensbann, Gerichtsbann u. 
dergl. Sodann beobachten wir: der König 
kann den hannus dominicus, d. i. den 
60- Schillingbann, als besonders kräftige 
zwingende Gewalt an unmittelbare Pro- 
vinzialbeamte, an Grafen und Vögte, über- 
tragen. Schließlich ist festzustellen: es 
sind verschiedene andre Inhaber einer 
zwingenden Gewalt vorhanden, die unter 
Androhung von niedrigeren Geldbußen 
gebieten und verbieten. Es gibt mannig- 
fache Banne. Und dementsprechend gibt 
es auch verschiedene Banngebiete. 

§ 7. Mit dem Wort bannus wird nicht 
nur die zwingende Gewalt bezeichnet, 
sondern auch die Strafe, in die der 
Ungehorsame verfällt, und schließlich das 
Gebiet der Gewalt. Wir finden 
Bannbezirke als Gebiete des bannus do- 
minicus, in denen die 60-Schillingbuße gilt, 
wir finden aber auch solche Gebiete, in 
denen der bannus weit weniger, häufig 
5 Seh. beträgt. Verleihungen des bannus 
als der allgemein zwingenden Gewalt 
werden in Deutschland vom König seit 
dem 10. Jahrh. vorgenommen. Der bannus 
bezieht sich dabei entweder auf einen ge- 



BAPTISTERIUM— BÄR 



169 



schlossenen Bezirk, der unabhängig ist 
von der Ausdehnung des herrschaftlichen 
Grundeigentums, oder er ist Appendix des 
herrschaftlichen Gutes. Der bannus wird 
aber auch in nachkarolingischer Zeit, wie 
alle politischen Befugnisse, als selbständi- 
ges, dem privaten Rechtsverkehr über- 
lassenes Recht betrachtet, vererbt, ver- 
kauft usw., ohne daß der König gefragt 
wurde. Die Entstehung der B a n n - 
herrschaften, d. i. der obrigkeit- 
lichen Gewalten, unabhängig von den Ver- 
hältnissen des provinzialen Beamtentums, 
war für die Bildung neuer partikularer 
politischer Mächte in Deutschland von 
grundlegender Bedeutung. 

§ 8. Nicht immer schließt ein Bann- 
recht die allgemeine behördliche Befehl- 
gewalt in sich. Neben den allgemeinen 
Bannrechten, die naturgemäß regelmäßig 
zu Rechten der Gerichtsbarkeit hinüber- 
leiteten, bestanden besondre, die sich 
nur auf einzelne bestimmte Gerechtsame 
und auf die nur zur Aufrechterhaltung 
dieser Gerechtsame anwendbare zwin- 
gende Gewalt bezogen. Sie hängen mit 
dem allgemeinen Bannrecht zusammen, 
sie sind mitunter aus ihm hervorgegangen, 
sie^ sind jedenfalls staatlichen Ursprungs. 
So der Burgbann, der in ältester Zeit 
die zwingende Gewalt für Aufbietung zum 
Burgdienst bedeutet, so der Forstbann 
u. dergl., so auch die zahlreichen G e - 
werbebänne, welche dem Bann- 
herrn bestimmte Gewerbemonopole in ge- 
schlossenen Bezirken gewährten: Back- 
ofenbann, Mühlenbann, Brauhausbann u. 
a. m. 

Waitz DVG. 2 a, 210 ff. 2 b, 286 ff. 3, 
315 ff. 6, 560 ff. 8, 5 ff. 276 ff. W. Sickel 
Zur Geschichte des Bannes, Marb. Progr. 1886. 
A. V. H a 1 b a n Das röm Recht in den german. 
Volksstaaten 3, 199 ff. (1907). S e e 1 i g e r 
Hist. Vtjsch. I, 356 ff. D e r s. Bedeutung 
der Grundherr Schaft S.iiiff. Ders. Staat 
u. Grundherrsch. Leipz. Progr. 1909, S. 21 ff. 
C. K o e h n e Studien über die Entstehung der 
ZwangS" u. Bannrechte, ZfRG. 25, 172 ff. 

G. Seeliger. 

Baptisterium, lat. aula baptismatis, eccle- 
sia baptismatis, Tauf kirche, Tauf - 
kapelle; naturgemäß der Regel nach 
Johannes dem Täufer geweiht. Im ersten 
Jahrtausend ganz besonders wichtiger 

H o o p s , Reallexikon. I. 



Raum in, neben oder (häufig) vor den Kir- 
chen. Der Grundriß zentral, da das Tauf- 
becken die Mitte einnimmt, in der Frühzeit 
als Eintauchbecken (Immersions-B.) oft 
mit Stufen zum Einsteigen des entkleideten 
Täuflings eingerichtet. In Frankreich 
ist aus der ersten Zeit des Christentums 
(6. Jh.) noch St. Jean zu Poitiers wohl er- 
halten (Abb. 33 ) ;das nicht genau im Zentrum 
(etwas nach Osten zu) gelegene Taufbecken 
mit sehr hohen schmalen Stufen und noch 
mit unterirdischem Wasser-Zu- und Ablauf 
versehen. In Riez ein achteckiges mit Um- 
gang auf Säulen, 7. Jahrh. InDeutsch- 




Abb. 3^. Baptisterium St. Jean zu Poitiers. 

1 a n d scheint nichts dieser Art mehr übrig, 
wenn nicht etwa der Zentralbau zu Alt- 
ötting (s. d.) ursprünglich als B. anzusehen 
ist oder S. Michael zu Fulda (s. d.), ein 
runder Zentralbau mit Umgang, durch 
8 Säulen getrennt, ursprüngHch als Tauf- 
kapelle geplant war. Dafür spricht die 
Lage nahe der Kathedrale des Bonifatius, 
nach Norden zu — dagegen die Krypta 
darunter. 

Enlart I 189 ff. 763. 

A. Haupt. 
Bär. § I. Für den Bären, der noch in 
historischer Zeit in den Wäldern Europas 
überall verbreitet war, gibt es einen uralten 
idg. Namen: aind. fksas, awest. arsa- 
armen. ar/, alban. ari, gr. apxxoc, lat. 

12 



170 



BARON— BARREN 



urstis aus *urcsos, mir. art (vgl. Brugmann 
Grdr.* I S. 790; Schrader Reallex. ; Walde 
EWb.2). Die germ. Sprachen haben statt 
dessen einen andern Namen eingeführt: 
ahd. bero, mhd. ber, nhd. bär; mnd. bare, 
mndl. bere; ags. bera, me. b^re, ne. bear; 
anord. bjgrn (aus * bernuz), schwed. dän. 
björn. Germ, beran- m. ist ein substanti- 
viertes Adjektiv, das im lit. beras 'braun' 
vorliegt (Froehde Bezz. Beitr. 10, 295); 
Bär bedeutet also eigentlich 'der Braune'; 
führt er doch auch in der Tiersage den 
Namen Braun. Die Bärin heißt ahd. 
birin, ags. byren, byrene, anord. bera, 
birna. Vgl. Palander Ahd. Tiern. 56 f. 
Jordan Ae. Säugetiern. 68 ff. 

§ 2. Von der Häufigkeit des Bären in 
altgerm. Zeit zeugt die Rolle, die er im 
Mythus (EHMeyer Germ. Mythol. S. 103 f.) 
und später in der Tiersage spielt, zeugt die 
große Menge der von ihm hergeleiteten 
Personen- und Ortsnamen (s. Förstemann 
Namenb. I^ 258 ff. II^ 228 ff.). 

Johannes Hoops. 

Baron. §1. Deutschland. Das 
Wort B. findet sich in unsern Quellen nur 
selten. In der älteren Zeit scheint es den 
einfachen Freien, vielleicht aber auch ge- 
legentlich den Halbfreien (s. Laten) zu 
bezeichnen. Später bezeichnet es (in der 
Zusammensetzung mit Über und auch 
allein) den ,, freien Herrn" (s. Adel). Un- 
gefähr die gleiche Geschichte hat das Wort 
liber. 

Bürk bei Heck Der Sachsenspiegel u. die 

Stände der Freien 846 ff. Halle 1905. 

G. V. Below. 

§2. In England erscheint der Titel 
mlat. baro, anglonorm. barun, baroun, baron 
erst zur Normannenzeit. Er dient in den 
Gesetzessammlungen einerseits als Über- 
setzung des ags. ßegn, anderseits (gelegent- 
lich synonym mit proceres) zur Bezeichnung 
vornehmer Untertanen, die hinter Prälaten 
und Grafen, jedoch vor Beamten und unbe- 
titelten Untertanen rangieren. Im Lehns- 
system sind barones die unmittelbaren 
Kronvasallen im Gegensatz zu den After- 
vasallen, den vavasores] sie werden erklärt 
als 'comites sive alii qui de rege tenent'. 
Bisweilen werden unter barones nur die 
Groß kronvasallen im Gegensatz zu den 
alii homines regis cum terra verstanden. 



Anderseits wird der Ausdruck auch in 
weiterem Sinne von Vasallen überhaupt 
gebraucht, während der König von seinen 
unmittelbaren Kronvasallen als barones 
regis, barones mei oder dominici barones 
mei im Unterschied von den vavasores 
alicuius baronis mei honoris spricht. 

F. Liebermann Gesetze d. Angelsachsen 
II I, 19 b und die dort zitierten Stellen der Ge- 
setze. Johannes Hoops. 

§ 3. Nach dem Norden dringt der 
Titel ,, Baron" im 13. Jahrh. Das Stadt- 
recht von Schleswig § 6^^ spricht von einem 
miles oder baro, der innerhalb der Mauern 
der Stadt wohnen will, und den Landherrn 
(s. Ständewesen) legt 1277 König Magnus 
Lagabaetir den Baronentitel allgemein (wohl 
nach englischem Vorbild) bei. 

Maurer Vorles. I i, 155. K. Lehmann. 

Barren. § i. Das zur Münzerzeugung 
bestimmte Metall wurde nach dem Ein- 
schmelzen entweder in die Form flacher 
oder gewölbter Kuchen, Gußkuchen, 
gebracht oder zu Stäben, zu Barren 
geformt. Zu Münzzwecken in viereckige, 
flache Formen eingegossene Barren, die 
dünn und blechartig sein konnten, nannte 
und nennt man Z a i n. 

§ 2. Barren und Zaine sind vom Stand- 
punkt der Münzprägung Halberzeugnisse, 
da sie erst durch weitere Arbeiten, das 
Hämmern, Glühen, Stückeln, Justieren usw. 
in die fertige Münze verwandelt werden 
sollen. Da indessen der sog. innere Wert 
der Münze auf ihrem Feingewicht (s. d.), 
d. i. auf dem Wert ihres Metallinhalts 
beruht, so kann auch Zahlung durch Hin- 
gabe von Münzstoff, durch Zahlung in 
Metallbarren, mithin in Ware, statt in 
Münze erfolgen. 

§ 3. Größere Zahlungen wurden im 
MA. in der Tat gern in unverarbeitetem 
Metall, in Barren wie in Gußkuchen ge- 
leistet, so daß man in dieser Zeit geradezu 
von Barrengeld, von Barren - 
Währung spricht. Das Barrengeld in 
den Urkunden durch das Gewicht des be- 
dungenen Metalls gekennzeichnet, war 
lange Zeit beliebt, weil man dadurch die 
bedeutenden Prägekosten sparen konnte, 
die nicht bloß wegen der häufigen M ü n z - 
erneuerungen (s. d.), sondern auch 
darum drückend waren, weil das gesetz- 



BARSCH— BART 



171 



liehe Umlaüfsgebiet der Münzen auf enge 
Bezirke eingeschränkt war, was durch das 
Rechtssprichwort ,,Der Heller gilt nur 
dort, wo er geschlagen ist" ausgedrückt 
wurde. 

§ 4. Wer nun reiste oder Zahlungen in 
die Ferne zu leisten hatte, zahlte also lieber 
mit Metall als mit Münze, weil diese in 
der Fremde nur nach ihrem Handelswert 
unter Abzug des Wechsler gewinns 
(s. d.) oder geradezu nur als Metall ange- 



nndl.baars] mhd. bars, nhd. barsch m. mit 
einer obd. Nebenform ahd. bersich (Graff 
HI 215), nhd. bersch] ferner mit Ablaut 
des Wurzelvokals adän. agborrce, aschwed. 
aghborre, ndän. nschwed. aborre, deren 
zweites Glied ausgerm. *burzan- entstanden 
ist. Der Name gehört zu der germ. Wz. 
bars-: burs- 'Spitze, Borste', die in bürste, 
börste vorliegt; kommen doch auch volks- 
tümliche nhd. Namen wie bürste, bürstet, 
borstling für den B. vor (Nemnich Poly- 




Abb. 34. Zu Art. Bart. Rasiermesser aus der jüngeren Bronzezeit, ältere und jüngere Form. Vi> 
Aus »S. Müller, Nordische Altertumskunde I.« Straßburg 1897. 



nommen wurde. Bis zu welchem Grade 
die Mißachtung der Münzform im Aus- 
land führen konnte, zeigen die H a c k - 
Silber schätze (s. d.) im slavischen 
Osten. 

V. Luschin Münzk. 64. 138 ff. 214. 

A. Luschin v. Ebengreuth. 

Barsch. [Perca fiuviatüis L.) Der B., 
dieser stachelige Raubfisch, der schon in 
den Schweizer Pfahlbauten nachgewiesen 
ist und noch heute in den Seen, Flüssen 
und Bächen Europas sehr gewöhnlich vor- 
kommt, hat einen alten gemeingerm. Na- 
men: ags. boers, bears m., me. bars; and. 
hars (Gall^e Vorstud. 18), mndl. bars, 



glottenlex. H 905). Er ist also nach seinen 
Stacheln benannt; auch das ag- der nord. 
Namen, das im mhd. ag, nhd. dial. egle 
(Nemnich aaO.) als selbständiger Name für 
den Barsch wiederkehrt, scheint 'Stachel* 
zu bedeuten. 

Schrader Reallex. Kluge EWb. Köh- 
ler Ae. Fischnamen 21 ff. Falk-Torp 
EWb. unter aborre. Hoops. 

Bart. A. S ü d e n. §1. Der B. war 
von Anfang an Vollbart, doch unterschied 
man früh den Bart der Oberlippe, anord. 
gri^n f., ags. granu f., mnd. gran, ahd. 
grana f., mhd. gran, grane, vom Wangen- und 
Kinnbart, got. kinnubards {cinna - bar). 



12 



172 



BART 



Backenbart allein scheint in der ger- 
man. Frühzeit und im MA. kaum getragen 
worden zu sein, wogegen Schnurrbart 
in wechselnder Länge schon frühzeitig 
auch allein getragen wurde. Die Bart- 
tracht im allgemeinen und in den ein- 
zelnen Formen wechselte, wie Bildwerke 
und Geschichte zeigen; doch war eine 
kurze Barttracht früh die herrschende; 
der Bart wurde unter Kamm und Schere 
gehalten und durch die Bartzange (s. d.) 
namentlich der Franken, in der Form ge- 
pflegt. Das völlig bartlose Gesicht der 



scheint es um die Mitte der Eisenzeit 
üblich geworden zu sein, einen Vollbart 
zu tragen; denn das Rasiermesser wird 
in den Funden jetzt von einer Schere 
abgelöst, die zum Schneiden des Barts 
und der Haare diente. 

§ 3. Zur Wikinger- und S a g a - 
zeit scheint der Bart {skegg, harü) in den 
verschiedenen Perioden sehr verschieden 
getragen worden zu sein. So wird uns von 
Männern berichtet, die einen so langen 
Bart hatten, daß er bis auf den Schoß 
nieder reichte und sich über die ganze Brust 




Abb. 35. Barttrachten; Kummet von Söllested, Fünen. Mem. d. Antiqu. du Nord 1878 — 83. 
Nach »S. Müller, Nord. Altertumsk. II.« Straßburg 1898. 



V4- 



Miniaturen der Minnesängerzeit bildete 
wohl auch damals, bestimmt in den frühe- 
ren Jahrhunderten, die Ausnahme trotz der 
so häufigen Rasiermesserfunde früher Zeit 
(s. d. und § 2). 

M. Heyne Hausaltert. 3, 70 — 78. L. L i n - 
denschmit DA. I 318. Sudhoff. 

B. N o r d e n. § 2. Daß die Nordlän- 
der schon sehr früh Sinn für die Pflege und 
Ordnung ihres Bartes hatten, kann man 
ua. aus den zahlreichen prächtigen R a - 
s i e r m e s s e r n (s. d.) entnehmen, die in 
den Gräbern der Bronzezeit gefunden 
worden sind (Abb. 34). Es scheint danach 
in dieser Periode allgemein Mode gewesen 
zu sein, seinen Bart zu rasieren. Hingegen 



ausbreitete. Und von einem langen Bart 
ist sehr oft die Rede. Auf Abbildungen 
auf einem Kummet aus der Wikinger - 
zeit (Abb. 35) dagegen sieht man einen 
kurzgeschorenen ■ Kinnbart und zierliche 
Knebelbärte {grgn, kampr), während zu 
Beginn des 11. Jhs. sehr lange Knebelbärte 
[gransiär, langir kampar) üblich waren. 
Um die Mitte des 12. Jhs. war es in Nor- 
wegen bei Hofe Mode, einen kurzen Bart 
{stutt skegg) und gestutzte Knebelbärte 
{sngggr kampr) zu tragen, wobei der Bart 
bis auf einen Randbart oder Kragenbart 
{jaä'arskegg) nach deutscher Art rasiert 
{raka) wurde. Ein langer Spitzbart, Zie- 
genbart [geitarskegg, geitskegg) genannt, 



BARTZANGE— BASILIKA 



173 



war weniger angesehen, und ganz bartlos 
{skegglauss) zu sein, galt geradezu als ein 
großer Mangel. 

Valtyr Gudmundsson. 
Bartzange. Ein häufiger Gräberfund bis 
in die Hallstattzeit zurück sind kleine 
kurze Zänglein aus Bronze von 6 — 8, 
selbst 12 u. 13 cm Länge, meist mit breitem 
Maule (12 — 15 mm). Dieser vielfach recht- 
winkelig in 2 — 3 mm Länge umgebogene 
Faßteil ist bald stumpf, bald schneidend 
scharf, in ersterem Falle nur zum festen 
Fassen kurzer Haare direkt über der Haut 
geeignet, um sie samt der Wurzel aus- 
zureißen, im letzteren zum Abzwicken des 
einzelnen Haares hart über der Wurzel. 
Neben Kamm und Schere (s.d.) finden wir 
diese Haarzängelchen in Männergräbern 
von den Alpen bis nach Britannien, auch 




Abb. 36. Bartzänglein, 

gefunden in Dänemark. 

Vi nat. Größe. 

bei bewaffneten Kriegern, bei Alemannen 
wie Angelsachsen, am häufigsten bei den 
Franken. Ob sich der Germane auf das 
Epilieren im Gesichte beschränkte, steht 
nicht völlig fest; namentlich scheint man 
aber den Bart damit in Form gehalten 
zu haben, daß man die Haare an un- 
erwünschten Stellen ausriß. So spricht 
SidoniusApollinaris (Ep. I 2, 2) 
von pilis infra narium antra fructicantibus 
cotidiana succisio^ das wäre das Abzwicken; 
er erwähnt aber auch ausdrücklich das 
Ausrupfen: barbam in subdita parte sur- 
gentem tonsor assiduis genis ut adhuc 
vesticipibus evellit. Exemplare dieser Bart- 
zänglein (Abb. 36) sind in allen Museen, 
nicht selten auch mitNagelreiniger, Ohrlöffel, 
Zahnstocher oderTatuiernadel als Toilette - 
Gehänge am Bügel, Ringe oder Kettlein 
vereinigt, z. B. L. Lindenschmit DA. Taf. 
XXV, S. 321 f. 460. M.Heyne Hausaltert. 
III yy. MüUer-Jiriczek Nord. Altrtsk. I 



267 ff. Daß, wie L. Lindenschmit 
anzunehmen schien, die Bartzupfzange 
oder die Bartzwickzange in Merowinger- 
zeit völlig an Stelle des Rasiermessers ge- 
treten sei, halte ich für zweifelhaft. 

Sudhoff. 
Basilika, die aus der altchristl. Baukunst 
übernommene Kirchenform, bezeichnet 




Abb. 37. Basilika: Einhards Basilika 
zu Steinbach i. O. 

durch das höhere seitlich beleuchtete 
Mittelschiff, die niedrigeren Seitenschiffe 
und die (meist östliche) Apsis (s. d.). Die 
Hochwände des Mittelschiffes ruhen auf je 
zwei Bogenreihen, in denen sich die Seiten- 
schiffe nach dem Mittelschiff zu öffnen. 
Die Stützen der Bögen meist Säulen, so 
in der Stiftskirche zu Höchst a. M. (s. d.). 
Die Einhardschen Basiliken zeigen recht- 
eckige Pfeiler (Michelstadt, Seligenstadtj 



174 



BASTARD 



s. d.) ; später tritt der Wechsel von Säulen 
und Pfeilern ein (Gernrode/ s. d.). Quer- 
schiffe fehlen im Norden selten. Den West- 
Eingang bildet meist eine Vorhalle (Nar- 
thex), ursprünglich für Katcchumenen und 
Büßer. Vor dieser war der Ort des Atri- 
ums (s. d.), eines mit offenen Hallen um- 
gebenen Vorhofs (Abb. 37). Die Decke der 
Schiffe war flach oder nur aus dem offenen 
Dachstuhl bestehend, aber auch getäfelt, ja 
vergoldet (Frankreich). 

Der Zentralbau der Aachener Palast- 
kirche (s. d.) wird (bei Einhard und sonst) 
als B. bezeichnet; wohl ein Beweis dafür, 
daß dieser Name, wie in Italien noch jetzt, 
fryh Kirchenbauten von besondrer Würde, 
namentlich Kathedralen gegeben wurde. 
Dehio u. v. Bezold I62ff. Enlart 

I 116 ff. Mothes Baulexikon I 267. 

A. Haupt. 

Bastard. § i. Ebenso wie andre indo- 
germ. Sprachen unterscheiden die ältesten 
germ. Dialekte durchaus zwischen dem 
unehelichenKind im engeren Sinne 
und dem einer Kebsehe (Minder- 
ehe) entstammenden Kind. 
Eine beide Klassen umfassende gemein- 
same Bezeichnung fehlt; jede Klasse hat 
ihre besonderen Benennungen. Ja, auch 
die einer Kebsehe entstammenden Kinder 
scheinen ursprünglich, je nachdem sie mit 
einer Freien oder Unfreien erzeugt waren, 
verschieden benannt worden zu sein. 

§ 2. Eine gemeingerm. Bezeichnung für 
das Kind einer Minderehe ist das Wort 
'H o r n u n g* (wohl das im Winkel er- 
zeugte Kind). Es findet sich als hornungr 
im Awnord., als hornungsunu = nothus in 
einer ags. Glosse, als horneg, hoerning im 
Fries., als ornongus (= naturalis filius, id 
est de concuhina) in der Lex Rom. Cur. IV, 6. 
Daß das Wort auch den Deutschen geläufig 
war, zeigt seine Verwendung als Personen- 
name im Alamannischen, Bayrischen und 
Fränkischen (vgl. Förstemann Altd. Na- 
menbuch I* 867; Zeumer SZfRG. 9, 5), sowie 
der Monatsname Hornung, der, wie G. 
B i 1 f i n g e r (Bes. Beil. des Staats-Anz. 
f. Württemberg 1900, 193 ff.) gezeigt hat, 
den Februar mit seinen 28 Tagen als den 
in seinem Erbe verkürzten filius naturalis 
unter den zwölf Geschwistern bezeichnet. 
In den norweg. Quellen tritt deutlich die 



Beschränkung auf den Sohn der freien 
Beischläferin zutage. Dagegen heißt dort 
der mit der unfreien Beischläferin erzeugte 
Sohn Pyborinn sonr, ein Wort, das sich 
auch im Altschwedischen als ßybarn findet 
(abgeleitet von awestnord. ßy 'Sklavin'). 
Entsprechende Benennungen nach der 
Mutter sind awnord. frillusonr, ambättar- 
sonr, aschwed. frillubarn, hüskonubarn, 
amyobarn, adän. slegfredbarn, vor allem 
aber das wgerm. Wort K e b s k i n d 
(mhd. kebeskint, ags. cifesboren). Noch 
nicht sicher aufgeklärt ist das ebenfalls 
das Kind aus einer Minderehe bezeich- 
nende, seit dem li. Jh. in normannischen 
Kreisen aufkommende Wort Bastard 
(mlat. bastardus, afranz. fils de bast); das 
Wort weist auf eine afrz. Bezeichnung der 
Kebsehe als bast, die vielleicht mit bastum 
'Packsattel' zusammenhängt. Auch der 
Wanbürtige (MG. Dipl. 4° IV Konrad 
II 152) entstammt wohl einer Minderehe. 

§ 3. Vom hornungr und pyborinn sonr 
unterscheiden die norw. Quellen ausdrück- 
lich den risungr, das im Busch erzeugte, 
schlechthin uneheliche Kind. Eine andre 
Benennung dafür ist awnord. launbarn^ 
laungetit barn 'heimlich erzeugtes Kind', 
ferner in allen nord. Sprachen hörbarn 
'Unzuchtkind' (nicht etwa nur Ehebruchs- 
kind), dem das deutsche Wort hurkint 
entspricht. Andere, zum Teil recht drasti- 
sche Bezeichnungen des unehelichen Kindes 
gehören erst der späteren Zeit an und ent- 
behren z. T. der technischen Bedeutung. 

§ 4. Schon in verhältnismäßig früher 
Zeit ist aber eine Verwirrung des Sprach- 
gebrauchs eingetreten. Während die älte- 
ren norweg. Quellen (Gulathingslqg, Frostu- 
thingslqg) noch genau das Kind der freien 
Kebse, das der unfreien Kebse und das 
uneheliche Kind unterscheiden, ist in den 
späteren norweg. Quellen frillubgrn eine 
Bezeichnung aller nicht voUeheHchen Kin- 
der geworden, und in den isländ. Quellen 
ist geradezu eine völlige Verwilderung des 
Sprachgebrauchs eingetreten. Im got- 
ländischen Recht werden die Ausdrücke 
ßybarn, pysun auch für die nicht vollehe- 
lichen Kinder freier Weiber verwendet. 
In Deutschland endlich werden im MA. 
die Bezeichnungen Bastard und Kebskind 
für alle Kinder gebraucht, die keiner 



BASTARD 



175 



echten Ehe entsprungen sind. Man darf 
diese Veränderung der Bedeutung in der 
Hauptsache auf den Einfluß der Kirche 
zurückführen, die nur eine Form der Ehe, 
keine Minderehe, anerkannte, und für die 
deshalb im Grunde nur zwei Klassen von 
Kindern, eheliche und uneheliche, vor- 
handen waren. Und auf kirchlichem Ein- 
fluß beruht es auch, wenn im schwedischen 
Recht, das noch durchaus jrilluharn und 
hörharn unterscheidet, doch die im Ehe- 
bruch mit einer Beischläferin erzeugten 
Kinder den hörbarn zugerechnet werden. 
§ 5. In bezug auf die rechtliche 
Stellung der nicht vollehelichen Kinder 
finden wir in den german. Rechtsquellen 
zwei verschiedene Tendenzen. Wir finden 
auf der einen Seite die Auffassung, daß 
das uneheliche Kind außerhalb jedes 
Sippenverbandes steht, daß es höchstens 
mit seiner Mutter verwandt ist (Sachsen- 
spiegel, Landr. I 51 § 2: man seget dat 
neu kint siner müder keves kint ne si, des 
n'is doch nicht] vgl. auchWestgötal. I. AeB. 
VIII 3), daß dagegen zwischen ihm und 
seinem Erzeuger keinerlei rechtliche, vor 
allem nicht erbrechtliche Beziehungen be- 
stehen. Und wir finden auf der andern 
Seite eine Fülle von Zeugnissen dafür, daß 
die nicht vollehelichen Kinder durchaus 
als Angehörige der väterlichen Sippe an- 
gesehen werden. Besonders stark tritt 
diese Auffassung im westnord. Recht zu- 
tage, das den Unehelichen in die Erb- 
schaft des Vaters, in Island hinter den Ge- 
schwistern, in Norwegen hinter den agna- 
tischen Geschwisterkindern, beruft und 
ihm auch in bezug auf die übrigen Ver- 
wandtschaftsrechte und -pflichten (Vor- 
mundschaft, Verloberrecht, Alimentation, 
Blutklage usw.) im wesentlichen eine dem 
Erbrecht entsprechende Verwandtenstel- 
lung einräumt. Auch sozial stehen diese 
Kinder keineswegs hinter den ehehchen 
zurück. In Schweden gewähren die Svear- 
rechte dem frillubarn zwar kein Erbrecht, 
aber eine Abfindungssumme neben den 
ehelichen Kindern, während das gotlän- 
dische Recht den pysun^ der eine got- 
ländische Mutter hat, neben den nächsten 
Verwandten ins Erbe beruft, und das 
westgötische Recht wenigstens bis ins 
13. Jahrh. ein Erbrecht der jrüluhörn 



kannte. Ein Erbrecht sogar neben den 
ehelichen Kindern hatten die liheri natu- 
rales des langobardischen Rechts und, wie 
es scheint, auch des bayrischen Rechts, 
wenn sie von einer freien Mutter stammten. 
Ja, die Kinder der spanischen harragana 
waren sogar im Erbrecht den ehelichen 
Kindern desselben Vaters gleichgestellt. 
Auch das Recht des späteren deutschen 
Mittelalters kannte vereinzelt ein Erbrecht 
der Unehelichen dem Vater gegenüber. 
Andre Rechte, wie das friesische, dänische, 
östgötische, gewährten wenigstens dem 
Vater das Recht, gewisse Zuwendungen 
dem Unehelichen zu machen (fries. horne- 
gieua) ; derartige Zuwendungen waren auch 
nach westnord. Recht gestattet, selbst 
wenn eheliche Söhne vorhanden waren. 
Nach ags. Recht nahm der Vater das 
Wergeid jedes von ihm nicht heimlich 
erzeugten Kindes; auch müssen bis ins 
8. Jh. in den anglischen Gebieten unehe- 
liche Söhne neben ehelichen erbberechtigt 
gewesen sein. 

§ 6. Am auffallendsten aber ist das 
Thronfolgerecht der unehelichen Söhne 
bei den Herrscherfamilien, bei 
dem allerdings vielleicht besondere Ge- 
sichtspunkte (Kostbarkeit des königlichen 
Blutes) entscheidend waren. Bei Vanda- 
len, Westgoten und Franken kamen auch 
Bastarde zur Regierung, bei den Mero- 
wingern sogar neben den ehelichen Söhnen 
(Theuderich L, Theudebert IL), bei den 
Karolingern nur in Ermangelung solcher 
(Bernhard, Arnulf, Zwentibold, dagegen 
nicht Grifo und Pipin der Bucklige). In 
der Normandie folgte im 10. u. 11. Jh. 
ein Bastard auf den andern; der letzte 
von ihnen, Wilhelm der Eroberer, hieß 
bei den Zeitgenossen geradezu Guilelmus 
Bastardus, ohne daß mit dem Beinamen 
eine ehrenrührige Bedeutung verbunden 
gewesen wäre. Ähnlich war es in Nor- 
wegen, wo Jahrhunderte hindurch nur ein 
geringer Teil der Könige vollehelicher Ab- 
kunft war, und erst ein Thronfolgegesetz 
von 1260 den relativen Vorzug der ehe- 
lichen Kinder und Enkel aussprach. 

§ 7. Wiederholt ist die Meinung ge- 
äußert, daß dieser Dualismus in der Be- 
handlung der nicht ehelichen Kinder auf 
den Gegensatz zwischen g e r m a n i - 



176 



BASTARD 



s c h c m und kirchlichem Recht zu- 
rückgehe; die Kirche habe die nach ihrer 
Meinung in Sünde erzeugten UneheHchen 
aus der besseren Rechtsstellung, die sie 
bei den Germanen hatten, in eine schlech- 
tere Rechtsstellung herabgedrückt. In 
dieser Formulierung ist die Meinung un- 
richtig. Es fehlt an genügenden Anhalts- 
punkten für eine derartige Wandlung des 
weltlichen Rechts durch die Kirche; im 
Gegenteil beruft sich die älteste Satzung, 
die eine Zurücksetzung der Unehelichen 
für das kirchliche Recht (Ausschluß von 
der Ordination) ausspricht, Canon 8 der 
Synode von Bourges von 103 1 (Mansi XIX 
p. 501), auf die im weltHchen Recht schon 
vorhandene Zurücksetzung {nee apud saecu- 
lares lege hcEveditare possunt nee in testimo- 
nium suscipi). Der Dualismus ist viel- 
mehr uraltes germanisches Recht; er be- 
ruht auf dem Gegensatz der Kinder aus 
einer Kebsehe und der UneheHchen im 
engeren Sinne. Das zeigen noch deutlich 
das schwedische und das langobardische 
sowie das spätere spanische Recht, die nicht 
jedem Unehelichen, sondern nur dem 
frillubarn, dem filius naturalis, dem Kind 
der barragana die bevorzugte Erben- 
stellung einräumen. Auch die nicht voU- 
ehehchen Söhne, die in den Herrscher- 
familien dem Vater in der Regierung 
folgen, sind fast ausnahmslos Kinder aus 
Kebsehen. 

§ 8. Wohl aber hat die Kirche, indem 
sie ein besonderes Rechtsinstitut der Kebs- 
ehe nicht anerkannte, jener Unterscheidung 
zwischen Kindern aus Kebsehen und sonsti- 
gen Unehelichen den Boden entzogen; 
sie hat eine einheitliche Klasse von Un- 
ehelichen geschaffen, die bei einigen Stäm- 
men die sippenlose Stellung der alten 
UneheHchen im engeren Sinne einnahm, 
bei andern die famiHen- und erbrechtHche 
Position der früheren Kebskinder erlangte. 
So unterscheidet das ältere norw. Recht 
zwar noch hornungr, risungr und ßybo- 
rinn sonr, räumt aber den beiden ersten 
das gleiche Erbrecht ein und läßt den 
letztern, wenn er freigelassen ist, nur wenig 
zurückstehen; so spricht das spätere norw. 
und das isl. Recht von dem Erbrecht und 
den sonstigen Verwandtschaftsrechten der 
früluborn oder launcfetnir vtenn, indem es 



darunter alle UneheHchen ohne Unter- 
schiedversteht: so konnte im 12. Jh. König 
Hakon, obwohl von König Sigurd bei 
einmaliger Begegnung mit der Magd eines 
Bauern erzeugt, auf Norwegens Thron 
gelangen. 

§ 9. Dort, wo infolge dieser Ent- 
wicklung alle von einem Manne außer - 
eheHch erzeugten Kinder in verwandt- 
schaftlichen Rechtsbeziehungen zu ihm und 
seiner Sippe standen, wie im skandinavi- 
schen Norden, tauchte das Bedürfnis nach 
dem Beweise dieser Erzeugung auf, und 
es entwickelte sich ein besonderer Pater- 
nitätsbeweis, in dem das Gottes- 
urteil, vor allem die Eisenprobe, die ent- 
scheidende Rolle spielte. Daneben war 
von Bedeutung die Anerkennung 
des Kindes durch den Vater; in den däni- 
schen Rechten des 13. Jhs. war sie sogar 
das einzige Mittel, um das uneheliche Kind 
in die Sippe einzuführen. Eine wirkliche 
Legitimation war diese im Gericht 
erfolgende Anerkennung ebensowenig, wie 
es ursprünglich die norw. Geschlechtsleite 
(s. d.) war, durch welche der Vater dem 
ßyhorinn sonr die Freiheit in der Form 
der Einführung in seine Sippe verschaffte. 
Erst später, als sie allen UneheHchen, auch 
dem hornungr und risungr zuteil wurde 
und den Betroffenen Gleichstellung mit 
den ehelichen Kindern verschaffte, eine 
Entwicklung, die allerdings schon in den 
ältesten uns erhaltenen norw. Rechtsquellen 
eingetreten ist, hat die Geschlechtsleite 
Legitimationscharakter angenommen. Im 
übrigen war bis zum Eindringen der 
römisch-canonisehen Legitimationsformen 
dem germanischen Recht eine Legitimation 
Unehelicher unbekannt. Doch hat sich die 
römische legitimatio per subsequens matri- 
monium schon in den nordischen Rechts - 
queUen des 13. Jhs. zum größten Teil 
Eingang verschafft. 

W i 1 d a Zschr. f. deutsches Recht 15, 237fF. 
Grimm DRA. 4 I 637 f 654 ff. Brunn er 
RG. 2, 17, 1 ff. 23, 202 ff. W. S i c k e 1 ebenda 
24, HO ff. Amira PGrundr. III 165 (115). 
R. L a g u s Om oäkta harns rättsförhällande 
1858. K. Maurer Die unechte Geburt nach 
altnord. i?^/:/i/5 (Münchener Sitzungsber. philos.- 
philol. Kl. 1883, 3 ff.). Zwei Rechtsfälle in der 
Eigla (ebenda 1895, 65 ff.)» Vorl. III 124 ff. 
Ficker Mitteil. d. Inst. f. öst. GF. Erg.-Bd. II 



BASTARNEN 



177 



470 ff., Untersuchungen zur Erbenfolge III 386 ff. 
V 13 ff. 60 £F. K o g 1 e r Die Legitimatio per 
rescriptum 1904, i ff. A s k Om oäkta Barns 
arfsrätt 1885, 6 ff. Estlander Östgötalagens 
stadganden om oäkta barns arfsrätt (Tidskr. utg. 
af. jurid. fören. i Finland 35, 123 ff.). Taranger 
Det uegte Barns Retshistorie (Samtiden 1905, 
214 ff.). B e n t z o n Ucegte Born 1906. D e 1 i n 
Om oäkta börd samt om oäkta barns rättsställning 
enligt äldre svensk rätt 1908. Boden Mutter - 
recht u. Ehe im altnord. Recht 8 ff. 29 ff. 34 ff. 
98 ff. R a b e 1 1 e Des enfants naturels dans 
l'ancien droit frangais 1907. — S. unter Bei- 
schläferin, Eltern, Geschlechts- 
leite. S. Rietschel. 

Bastarnen. § i. Wie Ende des 2. Jhs. 
n. Chr. die Goten von der untern Weichsel 
aus an den Pontus abrücken, so ist schon 
fast 400 J. früher von ihrem Quellgebiet 
aus ein Vorstoß erfolgt, der außer den 
vorübergehend im Süden auftauchenden 
Skiren (s. d.) den Stamm der B. früher als 
alle andern Germ, in den Gesichtskreis der 
antiken Welt eintreten läßt. 

Zwar ist es nicht geraten, die G a 1 a t e r 
der Protogenesinschrift, die Verbündeten 
der Skiren, für B. zu nehmen, da für den, 
der die B. für Galater hielt, auch die 
Skiren solche waren, und bei jenen Galatern 
der Gedanke an die wirklichen Kelten an 
der Donaumündung allzu nahe liegt. Doch 
werden die B. schon um 200 v. Chr. von 
Demetrios aus Kallatis beim Pseudo- 
Skymnos 797 als Ankömmlinge, sttyjXuSsc:, 
in der Nähe des Pontus bezeugt, und 
König Philipp von Mak. lud sie 182 v. Chr. 
ein, weiter an die nördliche Grenze seines 
Reiches zu übersiedeln, um sie gegen die 
Dardaner und später gegen die Römer ver- 
wenden zu können. Unter seinem Sohn 
Perseus kam dieser Plan teilweise zur Aus- 
führung, zu einem Eingreifen ihrerseits im 
Kampf gegen Rom kam es aber nicht. 
Dagegen machten die Römer mit ihnen 
als Söldnern des Mithridates Bekannt- 
schaft und schlugen sich später im Norden 
der Balkanhalbinsel unter C. Antonius als 
Statthalter von Makedonien unglücklich, 
dann unter M. Licinius Crassus mit 
besserem Erfolg mit ihnen. 

Auf einen andern Schauplatz weist ihre 
Erwähnung auf der Vinuciusinschrift. Auch 
im Markomannenkrieg und als Verbündete 
der Goten werden sie genannt. Die letzte 



geschichtliche Nachricht über sie bezieht 
sich auf die Ansiedlung von angebhch 
100 000 B. auf dem rechten Donauufer 
durch Kaiser Probus. 

§ 2. Wir haben zwei Abteilungen von 
B. zu unterscheiden; eine an der Donau- 
mündung, die dort durch Besetzung der 
Donauinsel P e u k e den Namen ITeuxivoi, 
Peucini erwarb, der aber dann öfters auch 
dem ganzen Stamme beigelegt wird; die 
andre sitzt über den nordwestlichen Kar- 
paten, in der Nähe der Weichselquelle, 
sich dort mit andern Germ, berührend. 
Dieser Gruppe, an die auch bei den B. zu 
denken ist, mit denen Vinucius (im J. 14 
V. Chr..?) wohl in Mähren zu kämpfen 
hatte (v. Premerstein Jahresh. des 
öst. arch. Inst. 7, 215 ff. ; 1904), gehören 
im besondern an die Siöovsc, die Strabo 
306 und Valerius Flaccus, Argon. 6, 95 ff. 
als bast. Volk kennt und von denen die 
Sioojvsc; nicht verschieden sind, die Ptol, 
II II, 10 in den östlichsten Teil der Germ, 
magna zwischen die Buren und Kotinen 
setzt. Möglicherweise gehören aber auch 
noch andre Namen auf seiner Karte (so die 
'0[xßpü>v£?, OpoüYOüvoiajvss, ''\'\uk\iiavz'^) den 
B. zu. Strabo kennt außer jenen 2i8ov£c und 
den Peukinen auch noch die 'Axjxovot als 
eine ihrer Abteilungen. 

Mit den Skiren, deren Name gleichfalls 
frühzeitig am Pontus auftaucht, waren die 
B. an der obern Weichsel benachbart, falls 
nicht noch engere Beziehung zwischen 
beiden Stämmen anzunehmen ist. S. 
Skiren. 

§ 3. Über die Nationalität der B. 
herrscht bei den Alten nicht überall Klar- 
heit; doch hat es nichts zu bedeuten, daß 
man sie in einer Zeit, als man die Germ., 
noch nicht als selbständiges Volk erkannt 
hatte, für Kelten hielt. Strabo 306 ver- 
mutet als Erster germ. Ursprung, und be- 
stimmt rechnet sie Plinius NH. 4, 81. 99 
zu den Germ. Tacitus bezeugt sogar aus- 
drücklich ihre germ. Sprache (Germ. 46). 

Was wir über ihre Art und Sitte und ihre 
Kampfesweise erfahren, würde ohne diese 
Zeugnisse eine bestimmte Entscheidung 
nicht zulassen, da es sich dabei um Kelten 
und Germ, gemeinsame Züge handelt. 
Übrigens waren die B. sowohl von dem 
bis um Beginn unsrer Zeitrechnung kelt. 



178 



BATAVER 



Mähren und Oberungarn aus, als auch 
seitens der Galater an der Donaumündung 
kelt. Kultureinflüssen ausgesetzt, wozu 
auch thrak. gekommen sein werden. Durch 
diese und vielleicht auch das Medium, 
durch das sie hindurchgegangen sind, 
mag es sich erklären, daß von den wenigen 
hast. Personennamen, die uns überliefert 
sind, der eine (AsaBojv) ganz unbestimmbar 
ist, und zwei [Clondicus und Cotto) ungerm. 
aussehen. 

§ 4. Dagegen macht der Volksname 
Bastarnae oder Basternae selbst — für 
beide Formen finden sich zahlreiche Be- 
lege ■ — durchaus den Eindruck eines germ. 
und im besondern ostgerm. und stimmt 
in seiner Bildungsweise mit^ got. widu- 
wairna 'Waise, d. i. Witwensohn*, Dirne, 
got. *ßiwairnö eig. 'Knechtstochter' und 
ahd. zwitaran, mhd. zwitern, zwidorn 
'Mischling, Hermaphrodit' überein. Seine 
Etymologie ist unsicher. Die Erklärungs- 
versuche von Zeuß 127 und Grimm 
GddSpr. 461 sind unhaltbar. R. M u c h 
PBBeitr. 17, 37 deutet ihn mit Hinweis 
auf Tacitus Germ. 46 connuhiis mixtis 
nonnihil in Sarmatarum habitum joedantur 
als 'Bastarde'. Doch ist dieses Wort selbst 
noch nicht sicher erklärt und spät belegt. 
Vielleicht darf man an Bezeichnung des 
Volkes nach Bastmänteln denken, wie 
solche durch Mela 3, 3, 26 für die Germ, 
bezeugt sind, aber besonders bei ihren 
östlichen Stämmen üblich sein mochten. 

Sidones ist vielleicht Ableitung von 
germ. *stdön- 'Seite, Küste' und weist dann 
auf eine ältere Heimat des Stammes an 
einem der nördlichen Meere; s. auch Siosivoi. 

Nach den Anwohnern haben die Bastar- 
nicae Alpes auf der Tab. Beut., die Kar- 
paten oder ein Teil derselben, den Namen. 
Bei Ptol. HI 5, 5 heißt ein Gebirge in Sar- 
matia eur. FIeüx'/j opoc. 

Zeuß 127 ff. Müllenhoff DA. 2, 

104 ff. W T o m a s c h e k GGAnz. 1888, 300. 

R Much PBBeitr 17, 34 f. 46 f. 134 f. 

D e r s. AfdA. 32, 263 ff. Sehmsdorf 

Die Germanen in den Balkanländern 1899, 2 ff. 

S t ä h e 1 i n Der Eintritt der Germanen in die 

Geschichte, Festschr. für Plüß 1905, 56 ff. L. 

Schmidt Allg. Gesch. d. germ. Völker 51. 

D e r s. Gesch. d. deutschen Stämme bis zum 

Ausgange d. Völkerwanderung I 459 ff. Ihm 

D. Pauly-Wissowa unter Bastarnae. R. Much. 



Bataver. § i. Schon bei Caesar BG. 
4, 10 ist von der insula Batavorum die Rede 
und damit der erste Nachweis für Namen 
und Wohnsitz der B. gegeben. Von 
späteren Zeugnissen ist besonders das des 
Tacitus wichtig, weil es uns lehrt, daß sie 
außer ihrer Insel auch einen Teil des gall. 
Ufers — nach Germ. 29 non multum ex 
ripa sed insulam Rheni antnis, nach Hist. 4, 
12 extrema Gallicae orae vacua cultoribus 
simulque insulam iuxta sitam — besetzt hiel- 
ten. Ferner erfahren wir an diesen Stellen, 
daß die B. (und nach Hist. 4, 15 auch die 
Kannenefaten) ein durch innere Streitig- 
keiten zur Auswanderung getriebener Teil 
der Chatten sind, eine Mitteilung, die 
Müllenhoff (ZfdA. 23, 7 u. DA. 4, 
399) mit nichtigen Gründen bestreitet. 
Auch die Vermutung von Zeuß lOO, daß 
Chattuarii ein gemeinsamer Name der B. 
und Kannenefaten gewesen sei, ist abzu- 
weisen, weil mit dem, was unsre Quellen 
über das verschiedene Verhältnis der B. 
und Chattuarier zu den Römern berichten, 
nicht verträglich. 

§ 2. Schon Caesar hat mit den B. Ver- 
bindungen angeknüpft und wohl von ihnen 
hauptsächhch jene Hilfstruppen erhalten, 
die ihm Gallien erobern halfen. Ebenso 
schließen sie sich den Römern unter Drusus 
freiwillig an und sind für sie ein wichtiger 
Rückhalt bei dem weiteren Vordringen 
in Deutschland. Sie blieben dauernd von 
allen Steuerleistungen befreit, stellten aber 
zum röm. Heer ein starkes Kontingent, 
im J. 70 aus einer ala miliaria und 9 oder 
10 Kohorten bestehend; außerdem haben 
B. einen hervorragenden Anteil unter den 
kaiserlichen Leibwächtern und den zur 
Garde gehörigen equites singulares. Die 
B. zählten zu den besten Truppen des 
röm. Heers und legten wiederholt Proben 
ihrer Tapferkeit ab. Besonders als Reiter 
und Schwimmer waren sie berühmt. Wie 
Tacitus Germ. 29 lehrt, wurde auch die 
große und für die Römer gefährliche Er- 
hebung der B. unter Civilis (69, 70 n. Chr.) 
unter Bedingungen beendet, die an ihrem 
Verhältnis zu den Römern nichts Wesent- 
liches änderten. 

§ 3. Das Land der zuletzt gewiß schon 
stark romanisierten B. ging Anfang des 
4. Jhs. an die Franken verloren, und 



BATEINOI— BAUER 



179 



wenn später — so im J. 357 in der Schlacht 
von Straßburg — noch B. genannt wer- 
den, handelt es sich dabei nur mehr um 
den Namen einer Truppe, die sich längst 
nicht mehr national rekrutierte. Aus- 
geschlossen ist, daß sie selbst an der Bildung 
des Frankenstammes beteiligt waren, wie 
manche annehmen. 

§ 4. Der Name Batavi wird von Dichtern 
überwiegend mit Länge der Ableitungs- 
silbe gebraucht, was aber nichts beweist, 
da das Germanische gar kein ä hat, das 
hier vorliegen könnte. Die Endung, die 
sich übrigens noch in Chamavi und Frisiavi, 
Frisiavones, Namen von Nachbarvölkern, 
zeigt, dürfte von Haus aus zu den u- 
Stämmen in Beziehung stehen und wie 
griech. Tava(F)6c: neben xavu? zu beur- 
teilen sein, was nicht hindert, daß sie 
als selbständiges Suffix in neue Ver- 
bindungen treten konnte. Die Wurzel 
von Batavi ist wohl die von germ. *batis, 
*batts 'besser'. 

§ 5. Für die Insel der B. begegnet vom 
4. Jh. ab der Name Batavia, Bafavio, 
der aber keine Zusammensetzung mit 
-avia 'Inser, sondern eine Bildung nach 
Art von Germania, Britannia ist. Im MA. 
treten auch die Formen Batauua, Batuua 
auf, und noch jetzt lebt der Volksname 
in dem der Landschaft Over- und Neder- 
Betuwe zwischen Waal und Lek fort. 
Auch durch diese Namenform, deren 
Mittelvokal dem von holl. schaduw zu 
vgl. ist, wird übrigens der Gedanke an 
ein ä in der Endung des Volksnamens 
ausgeschlossen. In hd. Gestalt hat sich 
dieser im Namen der Stadt Passau, vor- 
mals Batava (castra), dem Standort der 
9. bat. Kohorte, erhalten. 

Z e u ß 100 f. 329 ff. R. M u c h PBBeitr. 

17, 147 £F. Bremer Ethn. 148 (882) ff. 

Müllenhoff DA. 4, 397 ff. L. Schmidt 

Allgem. Gesch. d. germ. Völker 203 ff. (hier u. 

bei Bremer weitere Literatur). Ihm b. 

Pauly-Wissowa unter Batavi. Bang Die 

Germ. im. röm. Dienst 32 ff. R. Much. 

Baxeivot'. Wir kennen ein Volk dieses 
Namens nur aus Ptol. II 11, 10, der auf 
seiner Karte über den Bai(v)o)^aT}xai die 
Baxsivof eingetragen hat; weiter über 
ihnen, unterhalb des 'AaxtßoupYiov opo? 
die KopxovTOi und AooYioi Boupoi bis 



zur Weichselquelle. Soweit auf diese An- 
gaben überhaupt zu bauen ist, kommen 
die B. an den Nordrand von Böhmen zu 
stehen, aber nicht in den Westen, den 
wir mit großer Wahrscheinlichkeit für die 
2ou5ivr>r (s. d.) in Anspruch nehmen 
dürfen. 

Der Name ßaisivoi sieht nicht ungerm. 
aus und ließe sich mit Wz. bat 'ersprießlich 
sein' und dem Volksnamen der Batavi 
zusammenbringen. Man beachte aber 
auch, da sich am Gebirg Reste vorgermani- 
scher Bevölkerung gehalten haben können, 
den pannonischcn Namen Bato. Für Zu- 
sammenhang mit Batavi könnte es sprechen, 
daß die Marsigni des Tacitus ebenfalls 
an den Nordrand von Böhmen, also wohl 
in ihre Nähe gehören, während nicht 
allzufern von den Batavi die Marsacii 
im Gau Marsum stehen und auch die 
Chatten, von denen die Bataver sich her- 
leiten, Nachbarn der Marsen sind. Ander- 
seits zeigt der Name die gleiche Ableitung 
wie der benachbarte in dieser Form 
ungerm. der 2ouoivor. 

Die Frage, ob die B., wenn sie Germanen 
waren, einen Teil der Markomannen bil- 
deten, muß gleichfalls offen bleiben. 
Jedenfalls aber sind sie in diesen aufge- 
gangen, da später nichts mehr von ihnen 
verlautet. 

R. Mach. 

Bauer. §1. Deutschland. Das 
Wort B. bedeutet 'Nachbar'. Demgemäß 
bezeichnet es den Eigentümer wie den 
auf fremdem Grund und Boden sitzenden 
Landwirt. Und zwar nennen sich sowohl 
die Mitglieder der ländlichen Ortsgemein- 
den, welche Dorfform haben, als auch 
derjenigen, die sich aus Einzelhöfen zu- 
sammensetzen, Bauern. In einer späteren 
Zeit — die ersten Anfänge fallen schon in 
die erste Hälfte des Mittelalters — traten 
den Bauern die Kötter (Hausler, Büdner, 
Seidner) gegenüber, d. h. solche Gemeinde- 
insassen, welche an dem im Gemenge 
liegenden Ackerland (dem eigentlichen 
Ackerland) keinen Anteil haben. Sie 
sind nicht stimmberechtigt in der Ge- 
meinde. Nach einem weiteren Sprachge- 
brauch werden sie freilich zu den Bauern 
gerechnet. Innerhalb des Kreises der 
Bauern im engeren Sinne sondern sich im 



i8o 



BAUERNHOF— BAUHOLZ 



Laufe der Zeit die Voll-, Halb-, Viertel- 
hufner. Häufig begegnen im Mittelalter 
für B. die Ausdrücke ,, armer Mann" und 
,, Hausmann". 

S. die Lit. zu den Artt. 'Ständewesen', 'Un- 
freie'. R. Schröder DRG.S § 41, S. 434. 

G. V. Below. 
§ 2. Norden. Die Bezeichnung für 
Bauer ist im Anord. büandi, höndi, 
bände, böhdcß: ein Wort, welches jeden auf 
dem Lande grundangesessenen Gemein- 
freien [bümaär, büßegn) bezeichnet im Ge- 
gensatz zu den Städtern [bejarmenn), 
den nichtansässigen Leuten [einleypis- 
menn, lausir menn, Dienstboten, Tage- 
löhnern, Vagabonden) und endlich dem 
Adel und den Fürsten. Gleichgültig ist 
für den Begriff, ob der Grundbesitzer 
Eigentümer oder Pächter {leiglendingr, 
landböe), ob er Besitzer eines Stammgutes 
{öäal) oder eines Kaufgutes {kauplendingr) 
ist. Wirtschaftlich und zum Teil auch 
rechtlich stufen sich freilich die verschiede- 
nen Klassen von bäuerlichen Eigentümern 
und Pächtern ab, wie ebenso die Größe 
des Besitztums eine Rolle spielen kann. 
In einzelnen, zumal in schwedischen Rech- 
ten wird als bönde nur der bäuerliche Eigen- 
tümer [öpolbönde) gegenüber den sonstigen 
bökarlar [landböe, bryti) oder böande man 
oder bölfasH man bezeichnet. (Vgl. ' Stände - 
wesen'.) 

Gl ssare von Schlyter zu den schwedischen, 
von Hertzberg zu den norwegischen Land- 
schaftsrechten. Maurer Vorl. I/i, 121. IV 
196 ff. Matzen Forel, Offentl R. I, 122 ff. 
Taranger II i, 167 ff. H. Hildebrand 
Sveriges MedeUid I 63 ff. K. Lehmann. 

Bauernhof. In der germanischen Zeit 
läßt sich jeder Hof als ein Bauernhof be- 
zeichnen, da jeder Freie typisch ein 
,, Bauer" (s. d.), anord. böndi, ahd. gibüro, 
ist. Mit dem Aufkommen der Grundherr- 
schaft (s. d.) scheiden sich die Höfe der 
zu Nachbarrecht und genossenschaftlich 
lebenden Eigentümer von dem domi- 
nierenden Hof des Grundherrn in dem 
Maße, in dem der Landbebauer, sei er 
Zinsbauer oder freier Eigenbauer, zum 
Grundherrn als dem Angehörigen einer 
höheren Klasse in Gegensatz tritt. 

V. Schwerin. 

Baug, Ringgeld. Als Geld (s. d.) hatten 

teils vor Einführung der Münze, teils auch 



neben dieser, in der Vorzeit mancherlei 
Dinge Umlauf. Unter den Metallgegen- 
ständen, die, nach der Häufigkeit zu ur- 
teilen, in der sie als Grabbeigaben erschei- 
nen, besonders verbreitet gewesen sein 
müssen, erscheinen größere oder kleinere 
Ringe oder Spiralen (Bauge) aus Gold, 
Silber oder Erz. Man trug sie in der ger- 
man. Vorzeit an Arm und Füßen, zuweilen, 
namentlich bei Galliern, auch um den Hals. 
Es ist nun wahrscheinlich, daß diese Ge- 
bilde nicht bloß Schmuck, sondern zu- 
gleich Geld waren. Größere Zahlungen 
konnten durch Abstreifen eines oder meh- 
rerer Ringe, Ausgleichungen durch Ring- 
bruchstücke erfolgen. Bauge- oder Ring- 
brecher, baugbroti, ist der dichterische 
Ehrenname nordischer Könige, die in 
ihrer Freigebigkeit die Dienste der Skalden 
oder Getreuen durch Hingabe von Bruch- 
stücken ihrer Armringe belohnten. Vom 
,, roten Ring" als Geld ist oftmals in den 
Eddaliedern die Rede. 

V-, A m i r a II 527. v. L u s c h i n Münzk. 
138. A. Luschin v. Ebengreuth. 

Bauholz. §1. Archäologisches. 
B. ist in wirklicher Erhaltung bei Häusern 
wohl kaum, mehrfach dagegen in den 
Wällen der Burgen gefunden worden; es 
war hier fast immer Eichen-, nur zuweilen 
auch ein weiches Holz. Daß bei den 
Häusern ebenfalls starkes Bauholz in Ge- 
stalt von Pfosten und Riegeln — da- 
zwischen meist Flechtwerk mit Lehm- 
verstrich — verwendet sein muß, zeigt 
deren Grundriß (s. Haus). 

Einen Rückschluß auf germanische Ver- 
hältnisse dürfen wir auch aus den römi- 
schen Holzbauten in Westfalen ziehen: 
im Graben des Römerlagers bei Oberaden 
(s. d.) b. Lünen a. Lippe, der eine Strecke 
weit durch Grundwasser läuft, haben sich 
viele von der hölzernen Wallfront ab- 
gestürzte Teile erhalten: Pfosten mit 
profilierten Köpfen, die eingezapften Rie- 
gel, das Flechtwerk der Zinnen; und das 
ganze Balken- und Bohlenwerk ist Eiche. 
Die Funde befinden sich im Stadt. Museum 
zu Dortmund. 

Schuchhardt Prähist. Z. i, 227 (1909). 
Baum Bericht Dortmunder Verbandstag 
Korr. Bl. d. Ges. v. 1908. Schuchhardt; 



BAUHÜTTE— BAUMKULT 



i8i 



§2. Sprachliches. Das gemein- 
germanische Wort für 'Bauholz' (anord. 
iimhr, ags. timber, ahd. zimhar) ist von der 
idg. Wurzel dem- 'bauen' (s. Hau s) 
abgeleitet. Die zum Schrotbau ver- 
wandten Holzstämme — wozu in Nor- 
wegen die Kiefer, in Dänemark die Tanne 
bevorzugt ward — wurden nur rauh be- 
hauen (vgl. Byrhtferf): and eac man poet 
timber beheawp, anord. telgja 'behauen'.) 
Dazu diente eine leichtere Axt (anord. 
tälgueXj tälgex). Zu besondern Zwecken 
wurde eine Krummaxt, die Dechsel (anord. 
pexla, ahd. dehsa, dehsala, ags. adesa), 
oder auch ein Aushöhlungseisen (anord. 
greypijärn = mnd. gröptsen) benutzt. Da- 
gegen wird die Säge (anord. sqg, ags. 
sagu, ahd. saga) beim altnordischen Haus- 
bau nirgends erwähnt. Die Bohlen (anord. 
bord', ags. bord) und Bretter (anord. fjg,l, 
ags. ßel) wurden wohl mittels Keile (anord. 
veggr, ags. wecg) abgespalten, vielleicht 
nachdem die Holzstämme (anord. timbr- 
stokkr, ags. beam) mit einem Bohrer (anord. 
nafarr, ags. nafugär) durchlöchert waren, 
wie in Norwegen vielfach bis ins 19. Jh. 
Die Abglättung konnte durch ein Schab- 
eisen oder einen Hobel (anord. lokarr, 
ags. locor^ sceafa = ahd. scaba, vgl. anord. 
skafa 'Bretter oder Bauholz glätten') er- 
folgen. 

Hjalmar Falk. 

Bauhütte. Vereinigung einer Gruppe 
technisch geschulter Bauleute zum Zwecke 
gemeinsamer Bauausführungen. Insbe- 
sondere werden hier Steinmetzen, die Trä- 
ger der bis ins tiefe MA. fühlbaren antiken 
Tradition, in Frage kommen. Bei Bauaus- 
führungen wie dem Aachener Münster war 
solcher Zusammenschluß, der dort unter 
Einhards Oberaufsicht stand, unentbehr- 
lich, schon wegen der langen Dauer des 
Baus. Eine solche Gruppe bildete sich 
beim Bau des Klosters Resbaix, wo unter 
Agilus Leitung zwölf Brüder sich zur Er- 
bauung des Ganzen verbanden. 

Bei den Langobarden bildete vermutlich 
die Baubrüderschaft der Commacini eine 
Art von Bauhütten. 

Unter Karl d. Gr. sollen solche zu Osna- 
brück, Fulda, Paderborn, St. Gallen usw 
bestanden haben. Der Klosterplan von 
St. Gallen bezeugt in der Tat so unver- 



kennbar handwerkHche und zeichnerische 
Tradition, daß man sich des Gedankens an 
schulmäßig -technisch wirkende Körper- 
schaften nicht wohl entschlagen kann. 
S t e p h a n i Wohnbau II 276. A. Haupt. 
Baukunst s. Deutsche B., Englische B., 
Nordische B, ^/^^-^^^^^^[^^ifr-^fjfT^*^-^ , 



Baumeister von Asgard. Das weit- 
verbreitete Märchen vom Riesen oder 
Teufel, der gegen kostbares Gut einen 
Prachtbau aufführen will, findet sich in 
der SnE. an die Göttersage geknüpft. 
Darnach kam einst ein Riese zu den Äsen 
und versprach ihnen, in drei Halbjahren 
eine Burg (Asgard) zu bauen, wenn sie 
ihm Freyja, Sonne und Mond zum Lohn 
geben wollten. Auf Lokis Rat gehen die 
Götter auf den Vorschlag ein. Mit Hilfe 
seines Rosses Svadilfari schafft er so viele 
Steinmassen herbei, daß er allem Anschein 
nach in der bestimmten Frist fertig ist. 
In ihrer Verzweiflung zwingen die Äsen 
den Loki, ihnen aus der Verlegenheit zu 
helfen. Da verwandelt sich Loki in eine 
Stute, wiehert dem Hengst Svadilfari zu 
und lockt so diesen von seiner gewohnten 
Arbeit ab. Dem Baumeister gelang es 
nicht, sein Roß einzufangen. Als er sieht, 
daß er nun sein Werk nicht vollenden 
kann, gerät er in Riesenzorn. So ist der 
Friede gebrochen, und nun rufen die 
Äsen Thor, der alsbald den Riesen mit 
seinem Hammer erschlägt. Loki aber 
wurde von Svadilfari schwanger und 
gebiert das Roß Sleipnir (SnE. I 132 ff.). 

E. Mogk. 

Baumkult. § i. Sowohl Wälder als 
auch einzelne Bäume genossen bei allen 
germanischen Stämmen heilige Verehrung. 
Ursprünglich mögen beide, vor allem die 
Wälder, als Wohnsitze der Seelen auf- 
gefaßt worden sein, zur Zeit des Tacitus 
waren letztere den Göttern geweiht (Germ. 
9). Im Semnonengebiete befand sich der 
dem 'regnator omnium deus* heilige Wald 
(Germ. 39), auf einer Insel der Ostsee 
das 'castum nemus'der Nerthus (Germ. 40), 
in der Nähe der Weser die *silva Herculi 
Sacra' (Annal. 11 12), in Nordwestdeutsch- 
land der *lucus Baduhennae*(Annal. IV 73), 
und noch später erwähnen Gregor von 
Tours und die fränkischen Annalen wieder- 
! holt heilige Haine im westlichen Deutsch- 



l82 



BAUMKULT 



land, wie Adam von Bremen eines solchen 
bei Bremen (II 46) und in der Nähe 
Upsalas (IV 27) gedenkt. Mit der HeiHg- 
keit der Haine hing es zusammen, daß 
hier die signa deorum, wie der Wagen der 
Nerthus, aufbewahrt wurden. Aus ihrer 
Bedeutung als Verehrungsstätte der Götter 
erklärt es sich auch, daß die ahd. Be- 
zeichnung des Waldes haruc, in Skandi- 
navien die Bedeutung 'Tempel' annahm, 
als den Göttern besondere Gotteshäuser 
erbaut wurden. 

§ 2. Neben dem Waldkult haben aber 
auch die Germanen einen tiefgewurzelten 
Baumkult gehabt. Von Agathias an, der 
im 6. Jh. den B. bei den Alemannen (28, 4), 
und Gregor von Tours, der ihn bei den 
Franken bezeugt (2, lo), haben wir zahl- 
reiche Zeugnisse über den deutschen B., 
namentlich in den Verboten altheidnischer 
Sitte der Geistlichen und weltlicher Fürsten 
erhalten (vgl. Wilh. Müller, Gesch. u. 
Syst. der altd. Relig. S. 59 ff.). Fast 
immer begegnet darin die Baumverehrung 
neben der Quellenverehrung, wie sich 
auch in Altupsala ein heihger Baum 
neben heiliger Quelle befand. Die ganze 
Umgebung war tabu, und hieraus erklärt 
sich, daß Baum und Quelle später, als 
anthropomorphische Göttergestalten in den 
Mittelpunkt des Kultes getreten, diesen 
heilig waren, wie zB. die robur Jovis 
dem Donar bei Geismar. Solche heilige 
Bäume gaben dann auch Veranlassung 
zu Mythen, wie die Weltesche Yggdrasils 
in einem solchen ihr Vorbild gehabt hat. 

§ 3. Die Heiligkeit des Baumes und der 
sich daran knüpfende Kult wurzeln in seiner 
Verbindung mit der Mutter Erde, in der 
damit zusammenhängenden sprossenden 
Kraft, die er im Frühjahr zeigt, und in 
dem Glauben, daß er der Sitz seelischer 
Geister sei. Infolge dieses wird alles ver- 
mieden, was ein fühlendes Wesen ver- 
letzen könnte, alles getan, was einem 
solchen gebührt. Baumfrevler werden 
mit den schwersten Strafen belegt; wenn 
der Baum gefällt wird, wird er um Ver- 
zeihung gebeten; der Tod seines Herrn 
wird ihm feierhchst angekündigt. 

§ 4. Seine Verbindung mit der Mutter 
Erde läßt den Baum besonders im medi- 
zinischen Volksglauben hervortreten. Wie 



durch ihn und aus ihm vielfach Krank- 
heiten kommen sollen, so nimmt er diese 
auch ab. So werden Kranke durch hohle 
Bäume gezogen; der Baum wird gebeten, 
die Krankheit zu entfernen; Gegenstände, 
die der Kranke getragen, werden im 
Baume Verpflöckt', damit so die Krankheit 
in den Baum gehe. 

§ 5. Noch mehr tritt der Baum hervor 
im Zauberkult als Spender frischen Lebens 
und der Fruchtbarkeit. Nach Erwachen 
der Natur im Frühlinge wird er unter 
allen möglichen rituellen Gebräuchen aus 
dem Walde nach der menschlichen Woh- 
nung gebracht, wird im Dorfe als Mai- 
baum auf dem Anger aufgepflanzt, wird 
vom Liebhaber dem jungen Mädchen vor 
ihrem Gemach oder vor dem Stall der 
Tiere aufgestellt, damit die Fruchtbarkeit 
des jungen Baumes auf die Geschöpfe 
übergehe. Daß man es hier mit einem 
Fruchtbarkeitszauber zu tun hat, dafür 
spricht schon die Tatsache, daß die Maie 
auch beim Hochzeitsritual nicht fehlen 
darf (Mannhardt, BK. 221 ff.). Auch 
den letzten Erntewagen schmückt vielfach 
ein grünender Baum, der vor der Scheune 
aufgepflanzt oder an ihren Toren an- 
genagelt, vorher aber öfter mit Wasser 
begossen wird, damit die Fruchtbarkeit 
der Felder im kommenden Jahre nicht 
ausbleibe. In der Auffassung vom Baume 
als Spender des Lebens und der Frucht- 
barkeit wurzelt auch der Schlag mit der 
Lebensrute. Mit jungen Birkenreisern, 
an denen sich das erste Grün zeigt, werden 
im Frühjahr junge Mädchen, das weibliche 
Vieh, besonders die jungen Kühe, aber 
auch die Äcker geschlagen, damit die 
Lebenskraft des Zweiges frisches Leben 
bei ihnen erwecke. Dasselbe geschieht 
vielfach mit der jungen Braut am Hoch- 
zeitstage. 

§ 6. Der Baum gilt aber auch als Sitz 
der Seelen Abgeschiedener, und in diesem 
Glauben, der uns seit dem 5. Jahrh. in 
den Quellen immer von neuem begegnet, 
wurzelt vor allem der B. Nach weit- 
verbreitetem Volksglauben wohnt noch 
heute in jedem Baume eine 'arme Seele'; 
die Seele Verstorbener geht oft in den 
Baum über (Mannhardt S. 35 ff.). Wer 
daher einen Baum verletzt oder fällt, 



BAUMSARG 



183 



verletzt oder tötet eine Seele. Und wie 
man sich die Seele nur körperlich vor- 
stellen konnte, so konnte die Baumseele 
auch bluten, und es entstand der Glaube, 
daß verletzte Bäume bluten. Um die 
Baumseele oder den elfischen Geist oder 
die Gottheit, mit der man in spätheidnischer 
Zeit vielfach den Baum in Zusammenhang 
gebracht hatte, gewogen zu stimmen, 
hing man Spenden (Blumen, Bänder, 
Bilder u. dgl.) an dem Baume auf, wie einst 
an den heiligen Bäumen von Upsala 
die Körper der geopferten Menschen und 
Tiere (Adam von Bremen IV 27). Auch 
die Tänze, die im Mittelalter vielfach um 
heilige Bäume stattfanden, und die damit 
verbundenen Gesänge erinnern an die 
'neniae' und die andern Riten, die Adam 
von Bremen zu erwähnen sich scheut. 

§ 7. Im Glauben an den Baum als 
Seelensitz wurzelt auch der Glaube an 
den Schutzbaum, an den Schicksalsbaum. 
Namentlich in Skandinavien ist der Schutz- 
baum der Familie verbreitet. In dem 
schwed. Värdträd, der meist eine Linde 
oder Esche ist, glaubt man, wohne der 
Schutzgeist des Hauses, der bei allen 
Krankheiten den Menschen Hilfe bringe. 
Und wie einzelne Häuser, so haben ganze 
Gemeinden ihren Schutzbaum, dem man 
noch bis in die Gegenwart blutige und 
unblutige Opfergaben spendet. Vielfach 
besteht auch der Glaube, daß das Schick- 
sal eines Menschen, einer ganzen Familie 
an das Leben eines Baumes geknüpft ist. 
Deshalb werden bei der Geburt eines 
Kindes oft Bäume gepflanzt, von deren 
Wachstum und Gedeihen man das des 
Kindes abhängig wähnt. Die Menschen- 
seele im Baume war zum elfischen Geist 
geworden. Als dies eingetreten war, 
konnte dieser elfische Geist auch mit dem 
Baumstamme, wo er seinen Sitz hatte, 
wandern, und hieraus erklärt sich die 
Sage vom norddeutschen Klabautermann, 
der durch den gefällten Baumstamm in 
den Mastbaum des Schiffes kommt, dessen 
Schutzgeist er nun wird, wenn ihm die 
Schiffsleute die verlangte Spende und 
Nahrung zuteil werden lassen. 

§ 8. Im Glauben an die Baumseele 
wurzelt auch die eddische Mythe vom 
Ursprung der Menschen. Nach ihr sind 



die ersten Menschen aus den Bäumen 
askr (Esche) und cmbla {Ulme? vgl. ahd. 
elmboum; durch Metathesis und Einschub 
des euphonetischen b) geschaffen worden, 
denen die Äsen Odinn, Hoenir und Lödurr 
Atem, Blut und menschliche Gestalt gaben 
(Vqluspä 18). 

Mannhardt Der Baumkultus der Ger- 
manen u. ihrer Nachbarstämme (1875). F r a z e r 
The golden bough I 166 ff. III 26 ff. 391 ff. 
H ö f 1 e r Wald- u. Baumkult in Beziehung 
zur Volksmedizin Oberbayerns (1892). 

E. Mogk. 

Baumsarg. Die Sitte, Leichen in aus- 
gehöhlten Baumstämmen beizusetzen, ist 
in Nordeuropa schon zur jüngeren Stein- 
zeit nachweisbar. Allgemeiner wird sie 
aber erst in der älteren Bronzezeit. Süd- 
schweden und die cimbrische Halbinsel 
scheinen ihre eigentliche Heimat zu sein. 
Seltener beobachtet ist sie auf den däni- 
schen Inseln, in Mecklenburg, Pommern, 
Hannover, England und Schottland. Die 
Särge sind aus 2 — 3 m langen dicken 
Eichenstämmen hergestellt, die an den 
Enden gerade abgehauen, der Länge nach 
gespalten und ausgehöhlt wurden. In 
den untern Teil bettete man auf einer 
Kuhhaut den bekleideten Toten. Waffen, 
Schmuck und allerlei Hausrat wurden 
ihm mitgegeben, Mantel und Decke hüllten 
ihn ein. Der Oberteil diente als Deckel. 
Zuweilen wurde noch ein größerer Schutz- 
deckel darüber gestülpt. Steine oder 
Pfähle stützten den Sarg, ein Steinhaufe, 
in der Nähe der Küste auch wohl eine 
Tangschicht, bedeckten ihn. Über dem 
Ganzen wölbte sich der Grabhügel empor. 
Dieser Bestattungsart verdanken wir die 
merkwürdigsten Funde, die man aus dem 
nordischen Bronzealter kennt. Die durch 
den Hügel eindringende und in den Särgen 
angesammelte Feuchtigkeit hat nämlich 
in Verb'ndung mit der Gerbsäure des 
Eichenholzes eine konservierende Wirkung 
auf alle organischen Bestandteile, wie 
Holz, Leder, Stoffe, Haare u. dgl. aus- 
geübt, so daß wir dergestalt Aufschluß 
nicht bloß über viele sonst unbekannte 
Gerätschaften, sondern auch über die 
männliche und weibliche Tracht (s. d.) 
und über die blonde Haarfarbe 
jener Menschen erhalten. — In Schonen 



i84 



BAUNONIA— BAUTASTEIN 



und Hailand sindB.c auch einige Male mit 
verbrannten Gebeinen und Beigaben aus 
der jüngeren Bronzezeit gefunden worden. 
Im allgemeinen verschwinden sie aber mit 
der Einführung der Leichenverbrennung. 
Doch treten sie aufs neue auf bei den 
Körpergräbern der römischen Kaiserzeit 
in Pommern und Ostpreußen, und der 
Völkerwanderungszeit in Thüringen, Süd- 
deutschland und Frankreich. Auch für das 
christliche Mittelalter ist ihr Gebrauch an 
zahlreichen Stellen Nord- und Süd- 
deutschlands, der Schweiz, der Nieder- 
lande, Englands und Schwedens bezeugt. 
Noch heute wird in manchen Gegenden 
Württembergs der Sarg als Toten- 



über deutsche Altertumsfunde, 1899, i ^^ 
L. L i n d e n s c h m i t Handb. d. d. Altertumsk. 
121 f. H. Seger. 

Baunonia. Diesen an die deutsche 
Nordseeküste gehörigen Namen bietet Pli- 
nius NH. 4, 94: insulae complures sine 
nominibus eo situ traduntur^ ex quibus ante 
Scythiam qiiae appellatur Baunonia (var, 
Rauronia, Rauroniain, Raunomiam) unam 
abesse diei cursu, in quam veris tempore 
fluctibus electrum eiciatur, Timaeus pro- 
didit. Danach ist es unsicher, ob eine 
Insel oder ein Küstenstrich mit dem 
Namen bezeichnet werden soll. Man hat 
Baunonia aus germ. *baunö'n- 'Bohne' ge- 
deutet und an F^^ö^n« erinnert. Kossinna 




Abb. 38. Baumsaig: Eichensarg (auseinander genommen) und Schutzdeckel, gefunden im 
Muldbjerg-Hügel. Aus »S. Müller, Nord. Altertumskunde I.« 



bäum bezeichnet, und es unterliegt wohl 
keinem Zweifel, daß der Ausdruck nauffus 
des Salischen Gesetzes (tit. LVIII 2) und 
truncus der späteren kirchlichen Statute 
auf diese Art von Särgen gemünzt war, 
wobei an deren Ähnlichkeit mit den zur 
Schiffahrt gebrauchten Einbäumen 
zu denken ist. — Außerhalb der ger- 
manischen Länder kennt man einige Bei- 
spiele, die sämtlich schon in die Eisenzeit 
fallen, aus Italien, Böhmen und Rußland, 
und endlich liegen Berichte über B.e vor 
aus dem Kaukasus, aus Indien, China, 
den Sundainseln, Madagaskar und Ala- 
bama. Vgl. Sarg und s. Abb. 38. 

S. Müller Nord. Altertumsk. I 341 f. 
Montelius Swenska fornminnesfören. tidscr. 
9,77 f. Boye Fund af Egekister fra Bronze- 
alderen i Danmark 1894. 40- Ber. d. Schlesw.- 
Holst. Mus. vaterl. Altert., 1894. Nachrichten 



möchte R als aus dem vorausgehenden 
Wort stammend abtrennen und Auionia, 
Land der Aviones, herstellen. 

Müllenhoff DA. i, 476. Kossinna 
IF. 7, 294. Detlefsen Die Entdeckung des 
germ. Nordens 16 ff. R. Much. 

Bautastein. § i. B.e — der Name ist 
aus der altisländischen Literatur genom- 
men — nennt man die unbehauenen Grab- 
und Gedenksteine ohne Inschrift in der 
Eisenzeit Skandinaviens. In Dänemark 
(Bornholm ausgenommen) sind sie ver- 
hältnismäßig selten, zahlreich aber auf 
der nördlichen skandinavischen Halbinsel 
und dem geographisch und ethnologisch 
dazugehörigen Bornholm. Sie finden sich 
öfters in größeren Gruppen auf Gräber- 
feldern mit Hügeln und allerlei Stein- 
setzungen zusammen, mitunter auf einem 
Hügel oder in der Mitte einer Steinsetzung 



BAYEUX— BEAMTE 



185 




Abb. 39. Bautastein auf der 

Fraenne-Mark, Bornholm. Aarb. 

1872. Aus »S. Müller, Nord. 

Altertumsk. II S. 261.« 



stehend. Die Größe variiert von l bis 
6 Meter. (Abb. 39.) 

§ 2. Das erste Auftreten der Bauta- 
steine darf man in die fünfte Montelische 
Eisenzeit-Periode setzen, also etwa 300 
n. Chr., und sie reichen bis zum Ende der 
Wikingerzeit (dem ii. Jh.). Mehrmals 
hat man Brandgräber (mit oder ohne 
Gefäß) in der Nähe eines Bautasteines 
gefunden. Sie waren also Grabsteine, 
wurden aber später sehr oft, vielleicht 
am öftesten Gedächtnissteine ohne Be- 
gräbnis. Eines der größten Gräberfelder 
dieser Art ist Fjäras bräcka in Halland 
(Schweden) mit 73 Steinen; es sind hier 
früher mehr als 200 gewesen. Andre schöne 
finden sich bei Greby in Bohuslän (Schwe- 
den) und auf Bornholm im Walde Gryet, 
Kirchspiel Bodilsker (60 Steine) und bei 
Gyldensaa, Kirchspiel Östermarie (50 
Steine). Auf Bornholm hat es gegen lOOO 
Bautasteine gegeben und gegen 350 kann 
man noch zählen. 

§ 3. Mit den Bautasteinen natürlich 
verwandt sind die nordischen Runen- 
steine; es ist auffallend, daß die ersten 
Runensteine (mit älteren Runen) eben 
in derselben Zeit wie die Bautasteine 
erscheinen. Es ist in mehreren Fällen 
konstatiert, daß diese ältesten Runen- 
steine wirkliche Grabdenkmäler waren; 
daß die jüngeren Runensteine, aus der 
Wikingerzeit, meistens nur Gedenksteine 
sind, ist allbekannt. 

Hoops, Keallcxikon. I. 



§ 4. Ein andrer Verwandter der Bauta- 
steine ist der speziell gotländische B i 1 d - 
stein mit Darstellungen aus beliebten 
Heldensagen oder nur mit geometrischen 
Mustern, in sehr flachem Relief. 

S. Müller Nord. Altertumsk. I 461. II 260. 
Oscar A 1 m g r e n Sveriges fasta jornlämningar 
frän hednatiden 32. G. G u s t a f s o n Norges 
Oldtid 139. B. Schnittger. 

BayeuX) Teppich von, Stickerei der 
Königin Mathilde {,,tapisserie de la reine 
M."). Gestickter Wandteppich von yi m 
Länge, 71 cm Breite, der die Eroberung 
Britanniens durch Wilhelm den Eroberer 
darstellt, heute in der Kathedrale zu 
Bayeux. Eines der kulturgeschichtlich 
wichtigsten Bildwerke, zugleich für die 
Architekturgeschichte des ii.Jhs. (die 
sich von der des 10. nur wenig unter- 
scheiden dürfte) durch die vielfach im 
Hintergrunde dargestellten Gebäude von 
höchster Bedeutung. Besonders inter- 
essant ist die Darstellung der Königshalle 
Wilhelms d. Eroberers, ein gewölbtes 
Untergeschoß mit oberer Festhalle, durch 
eine Treppe am Ende zugänglich, zeigend. 
Auch einige Türen mit Umrahmung sowie 
der EinbHck in eine Küche mit Herd und 
Bratspieß sind dargestellt. 

S t c p h a n i I 433. (Arundel Society) The 
Bayeux-tapestry reproduced in autotype plates 
with historic notes by Fd. F o w k e , Lond. 1875. 

A. Haupt. 

Beamte. A. Deutschland. §1. 
Die ältesten Funktionäre im politischen 
Gemeinschaftsleben der Germanen sind 
Beauftragte des Volkes. Die römischen 
Geschichtschreiber sprechen von magi- 
stratus. Principes und duces der Germanen 
dürfen als Volksbeamte gelten. Das 
Königtum aber wuchs aus der Sphäre 
des Beamtentums hinaus; der König ist, 
auch wenn das Volk bei seiner Erhebung 
und an seiner Regierung Anteil hatte, 
nicht mehr Beauftragter des Volkes (T a c. 
Genn. 25: gentes quae regnantur). 

§ 2. Der König bedarf der Gehilfen, 
es entsteht ein Beamtentum [agentes, 
actores der fränkischen Zeit), und dieses 
befindet sich in einem gewissen Gegensatz 
zum Volksbeamtentum. Auch in den 
monarchisch organisierten Staaten blieben 
Volksbeamte. Denn der König mit seinen 

13 



i86 



BEAMTE 



Beamten hat nicht alle Funktionen des 
Gemeinschaftslebens übernommen, die 
Volksbeamten wurden nur mehr und mehr 
eingeengt und beiseite geschoben. Im 
salischen Volksrecht trat dem königlichen 
Beamten, dem Grafen und Sakebaro, 
der Thunginus oder Centenarius als Volks- 
beamter gegenüber (s. Sonderartikel). Und 
der Gegensatz von Königs- und Volks- 
beamten ist geblieben, er klingt noch 
nach in dem vom Sachsenspiegel hervor- 
gehobenen Dualismus der ,, gekoren oder 
belent rieht ere'' (Ldr. I, 55. 56). Er lebt 
noch weiter, auch nachdem das von oben 
her abhängige und abgestufte Beamten- 
tum die alten Volksvertreter verdrängt 
hatte, in dem Gegenüber von bestellten 
bzw. belehnten Beamten des Staates und 
von Funktionären der Gemeinden (Dorf- 
und Markgenossenschaft). 

§ 3. Die Staatsbeamten sind nach dem 
Umfang ihres Wirkungskreises in drei 
Gruppen zu sondern: Zentral-, Mittel-, 
Unterbeamte. Schon in der älteren 
germanischen Zeit ist da, wo über die 
kleinere Hundertschaft hinaus in einer 
größeren Civitas ein ständiges Regiment 
wirkte, ein Unterschied zwischen unteren 
und höheren politischen Funktionären zu 
beobachten. Noch mehr ist das der Fall 
im größeren Stammesreich, vollends im 
fränkischen Großstaat: neben den Be- 
amten des Königshofes wirkten in mehr- 
facher Abstufung Mittelbeamte (Herzoge, 
Grafen) und Unterbeamte (Centenare u. 
dergl.). 

§ 4. Feste Besoldung der Beamten war 
unbekannt. Der am Hofe Wirkende trat 
in den herrschaftlichen Hausstand ein 
und wurde hier versorgt, er erhielt auch 
darüber hinaus reiche Geschenke und 
Güter mit dauernden Einnahmen. Der 
Provinzialbeamte aber wurde für seine 
Mühewaltung dadurch entlohnt, daß er 
Anteil an den Einnahmen des Staates 
erhielt. Kannte doch der ältere Staat 
die uns selbstverständliche Zentralisierung 
der Einnahmen nicht. Die provinzialen 
Eingangsstellen waren zugleich die Aus- 
gabestellen, und nur eventuelle Überschüsse 
wurden an die höheren und höchsten 
Instanzen- abgeführt. Im fränkischen 
Reich — nachzuweisen ist es erst im 



karolingischen Zeitalter — erhielt der 
Graf, der wichtigste Provinzialbeamte, den 
dritten Teil der Bußgelder und Gerichts- 
einnahmen, er war aber überdies, wie 
auch die andern Beamten, mit bestimmtem 
Gute ausgestattet. Amtsbefugnisse und 
Gut verbanden sich zu einer Einheit. — 
Noch ein Moment ist als charakteristisch 
für das ältere Beamtentum hervorzuheben: 
die äußerst schwankende Kompetenz- 
abgrenzung. Keine Sonderung von Ver- 
waltung und Justiz, keine festen Dezernate 
auf bestimmtem Gebiet; den Mittel- und 
Unterbehörden waren die verschiedensten 
politischen Funktionen zugewiesen. Selbst 
jene Zentralbehörden, welche einen festeren 
Wirkungskreis besaßen, wurden nach dem 
freien Belieben des Monarchen zu den 
mannigfaltigsten Diensten verwendet. 

§ 5. Trotz der hervorgehobenen Eigen- 
tümlichkeiten ist doch das dem Beamten- 
tum als solchem wesentliche Moment schon 
in älterer Zeit anzutreffen: die Beamten 
sind Organe dessen, der als Inhaber der 
Staatsgewalt gelten darf, sie sind von ihm 
ein- und absetzbar, sie sind ihm durchaus 
verantwortlich. Besonders im Staate 
Karls d. Gr. ist das kräftig zur Geltung 
gelangt. Aber dann beginnt sich eine 
bedeutsame Wandlung zu vollziehen. Das 
partikulare Amt mußte sich bei dem 
naturalwirtschaftlichen Charakter der mate- 
riellen Kultur emanzipieren, den Beamten- 
charakter abstreifen und zum Träger 
selbständiger wohlerworbener Rechte wer- 
den. Diese Umbildung hat vielfach, nicht 
ausschließlich, eine äußere Anlehnung an 
das Lehnwesen gesucht und gefunden, hat 
eine Feudalisierung der Provinzialämter 
bewirkt. Und so sind in nachkarohngischer 
Zeit diejenigen, welche politische Befug- 
nisse im gesellschaftlichen Leben ausübten, 
in zwei Gruppen zu scheiden: in Belehnte 
und in amtsmäßig Beauftragte. Des 
Unterschiedes von beneficium bzw. feudum 
und officium bzw. ministerium wsly man 
sich wohl bewußt. Seinen zentralen 
Beamten hat der König niemals amtliche 
Befugnisse als beneficium übertragen, auch 
wenn, wie das beispielsweise beim Kanzler 
der Fall war, die Form der Amts- 
übertragung dem Lehnsformalismus nach- 
gebildet war. Die wichtigsten Provinzial- 



BEAMTE 



187 



ämter (Herzogtum, Grafentum) dagegen 
wurden feudalisiert, und nur da, wo un- 
mittelbares Königsgut zu verwalten war, 
ward die Feudalisierung vermieden und 
der Beamtencharakter erhalten. Über- 
haupt sind die unteren politischen Funk- 
tionäre in geringerem Maße zur Feudali- 
sierung und damit zur Emanzipation ge- 
langt als die höheren. Überall suchten 
die glücklich vom Reich Emanzipierten 
bei ihren Untergebenen ähnliche Versuche 
zu verhindern, sie suchten die Umbildung 
des ius officiale in ein ius feodale zu hindern, 
ja das ius feodale in ein ius officiale zurück- 
zubilden. Erst im späteren Mittelalter 
sind in den deutschen Territorien die 
ersten Grundlagen gefunden worden, auf 
denen ein wirkliches Beamtentum zur 
Entwicklung gelangen konnte. — S. u. 
Centenar, Herzog, Hofbeamte, Graf, 
Kanzlei, Kapelle, Markgraf, Patricius, 
Sakebaro, Schultheiß, Thunginus, Tribunus. 

G. Seeliger. 

B. England. § 6. Das Beamten- 
wesen der angelsächsischen Zeit ist nicht 
organisch aus den Verhältnissen der ger- 
manischen Zeit herausgewachsen. Es 
fehlt von Anfang an der Hundertschafts- 
vorsteher; der altsächsische satrapa ist 
nicht nach England mitgewandert. Einen 
Beamtenkönig kannten die einziehenden 
Stämme nicht. Der heretoga war ein 
Leiter, dem man aus freien Stücken folgte, 
aber ihm Untertan; dies erklärt es, daß 
in den ältesten Quellen von Volksbeamten 
nichts zu sehen ist. Lediglich erwähnen 
die Corpus Glossen und ^Elfric's Glossen 
einen folcgeroeha 'actionarius', bei dem 
vielleicht an einen Volksbeamten gedacht 
werden könnte. Im übrigen zeigen sich 
nur königliche Beamte. Als deren wich- 
tigster ist der gerefa (s. d.) zu betrachten, 
der, zunächst nur königlicher Finanz- 
beamter, als Träger königlicher Macht diese 
immer weiter ausdehnt. Nächst ihm ist 
der ealdorman zu nennen (s. d.), der dem 
gerefa allmählich weichen muß. 

Eine frühestens unter Alfred stattge- 
fundene Organisation einzelner Gebiete 
in hundred und teoä'inga bringt das Amt 
des hundredesman (s. d.), in London hyn- 
denman; auch dieser ist nach den Gesetzen 
kein Volksbeamter. Das Gleiche gilt von 



dem Zehntschaftsvorsteher, dem teoä'ing- 
man (s. Staatsverfassung 5). 

Die auch hier vorhandenen königlichen 
Hofbeamten sind in ags. Zeit nicht zu 
staatlichen Zentralbeamten geworden. 
Ebensowenig ist der tünes gerefa (villicus) 
staatlicher Beamter. 

L i t. s. Staatsverfassung. v. Schwerin. 

C. Norden. § 7. Die Betrachtung 
des nordischen Beamtentums muß aus- 
gehen von der kleinstaatlichen Zeit. Da- 
mals zerfielen die Gebiete der skandinavi- 
schen Völker in eine nicht geringe Zahl 
von Kleinkönigreichen (s. König, 
Staatsverfassung), an deren Spitze Klein- 
könige standen. Soweit diese Reiche 
größeren Umfangs waren, zerfielen sie in 
territorial und der Einwohnerzahl nach 
verschiedene Hundertschaften mit Hundert- 
schaftshäuptlingen (aschw. hcBraßshöfpingi, 
anorw. (adän..^') hersir) an der Spitze. Diese 
waren wie die Könige Beamte des Volks, von 
diesem gewählt, ihm verantwortlich und 
von ihm absetzbar. Der König ist Zentral- 
beamter, der hersir (s. d.) Bezirksbeamter. 
Nur äußerlich konnte hier und dort das 
Festhalten am gleichen Geschlecht, ins- 
besondere bei den Königen, den Anschein 
der Erblichkeit dieser Würden herbei- 
führeii, zu denen in heidnischer Zeit die 
des Priesters kam. Die Beamten waren 
Organe des selbstregierenden Volks. 

§ 8. Die Errichtung des Gro ßkönig- 
t u m s hatte in den drei Ländern eine 
wesentliche Umgestaltung dieses einfachen 
Beamtenwesens zur Folge. Diese bewegte 
sich in der Richtung einer Zurückdrängung 
und schließlichen Verdrängung des ge- 
wählten Volksbeamten zugunsten eines mit 
dem Herrscherkönig einziehenden könig- 
lichen Beamten. Folgerichtig wurden die 
Kleinkönige entweder gänzlich beseitigt 
oder in die Stellung königlicher Beamten 
übergeführt, wobei die dem Volk gegenüber 
schwächeren Königtume der Schweden 
und Dänen stärkere Wirkung erzielten 
als der Norwegerkönig. Überall war ferner, 
soweit nicht das Kleinkönigtum den An- 
knüpfungspunkt für einen Beamten abgab, 
der Ausgangspunkt die Vertretung der 
königlichen Finanzinteressen, weshalb die 
königlichen Bezirksbeamten in der Regel 
aus dem königlichen Krongutsverwalter 



U' 



i88 



BEAMTE 



herausgewachsen sind. Die Eintreibung 
von Abgaben führte zur Eintreibung von 
Bußen und Gerichtsgefällen; von hier führte 
der Weg zur Beteiligung am Strafwesen, 
Prozeßverfahren, an Polizei und Voll- 
streckung. Allerdings ist noch im 13. Jh. 
dieser Weg in den einzelnen Ländern sehr 
verschieden weit zurückgelegt. 

§ 9. Die angegebenen Veränderungen 
bieten demgemäß ein sehr verschiedenes 
äußeres Bild. 

In S c h w e d e n ist dieses noch dadurch 
verwickelt, daß die einzelnen Lande nicht 
ein gleichgestaltetes Beamtenwesen haben, 
sondern die Reiche der Svear und 
Götar als große Gruppen auseinander- 
fallen. Besonders geartet sind vor allem 
die Verhältnisse in Uppland, da diese 
sich aus drei ,, Ländern" (s. Staatsver- 
fassung) zusammensetzten. Hier steht 
an der Spitze jedes Landes ein folklands- 
hcerra, an der Spitze jeder oder je mehrerer 
Hundertschaften ein IcensJicerra; in jedem 
hcerap befindet sich als des letztgenannten 
Unterbeamter ein Icensman. Diese drei 
Beamte sind königliche Beamte, haben ihr 
Amt vom König zur Leihe und vertreten 
in erster Linie königliche Interessen, vor- 
wiegend finanzieller Natur. Als Volks- 
beamte kommen die zwei ,,dömari" in jedem 
hatrap in Betracht, die von zwölf durch den 
Icensman bestimmten Männern gewählt, 
am Ting zu urteilen haben, nachdem ihnen 
der König ,,die Urteilsgewalt in die Hände 
zu legen" hatte; sie vertreten hierin das 
Volk. Dagegen hat sich in Vest- und Ost- 
götaland der hcsraßshöfpingi als Vorsteher 
der Hundertschaft und als Volksbeamter 
erhalten. Über ihm steht in Vestgötaland 
wie in Uppland der landshcerra (domi- 
nus terrae) oder landsdömari, unter ihm 
in Ostgötaland als Vorsteher eines Viertels 
des hcerap der fjcßrpungshöfpingi. Die könig- 
lichen Interessen wahrt neben jenem der 
hryti (auch Icensmaper) vom königlichen 
Gutshof aus (s. Krongut), in Ostgötaland 
der kimungs söknari. An Uppland schließen 
sich Westmannaland, Södermannaland und 
Helsingeland an. Dazu findet sich in jeder 
Landschaft als Volksbeamter ein lagh- 
maper (s. Gesetzessprecher). Königlicher 
Beamter wiederum und zwar höchster ist 
der vornehmlich mit der Seewehr betraute 



Jarl in Ostgötaland und Ropin {Sveriges 
jarl) und der Jarl auf Gotland (s. Jarl). 
In diesem wie in dem ,, Landherrn" kann 
man die Nachfolger der alten Kleinkönige 
sehen. 

Erst die Gesetzgebung des 14. Jhs. strebt 
zur Vereinheitlichung dieser Verhältnisse. 

§ 10. Radikaler hat das Königtum mit 
den Volksbeamten in Dänemark auf- 
geräumt. Hier ist der Hundertschafts- 
häuptling vöUig verschwunden, und, wenn 
ein Gesetzessprecher je vorhanden war, 
ist er jedenfalls aus den uns bekannten 
Quellen nicht zu entnehmen. Den König 
vertritt hier, aber bis ins 13. Jh. wiederum 
nur nach der Seite finanzieller Interessen, 
der königliche Vogt (umbuzman), oder Ver- 
walter (kunungs bryti), dem in Jütland ein 
Unterbeamter [undcersökncsr) zur Seite 
stand. Erst später bekommt dieser Einfluß 
auf die Rechtspflege. Außerdem finden 
wir in Südjütland einen mit den früheren 
Kleinkönigen zusammenhängenden Jarl, 
später Herzog (dux Jutiae), und in Schonen, 
mit dem Sitz in Lund, als praefectus 
Scaniae den gcelkceroe. Neben diesen 
Bezirksbeamten sind hier noch Zentral- 
beamte zu nennen, da die Inhaber der 
Königlichen Hofämter (Truchseß, Kanzler, 
Marschall, Schenk) noch vor dem 13. Jh. 
an der Reichsverwaltung in obersten 
Stellen beteiligt wurden. 

§11. In Norwegen mußte vor 
allem mit der alten Heradseinteilung der 
Hundertschaftsvorsteher [hersir) sehr bald 
verschwinden (s. hersir). Das Kleinkönig- 
tum hat sich geraume Zeit, in seinem letzten 
Ausläufer bis ins 14. Jh., im jarl erhalten 
(s.d.). In ähnlicher Stellung, aber immer aus 
der königlichen Familie genommen, ist 
der Herzog [hertogi). Königlicher Beamter 
ist der ärma^r (s. d.), der, auch hryti (s. d.) 
genannt, zunächst Verwalter königHcher 
Güter war und von hier aus zum Vertreter 
der königlichen Finanzinteressen im all- 
gemeinen wurde und zur Obrigkeit über 
einen bestimmten Bezirk überhaupt (yfir- 
söknarmaär). Er wird verdrängt etwa im 
13. Jh. (in der Gesetzgebung von Magnus 
lagaboetr zum Ausdruck gelangt) durch den 
syslumaär (s. d.), als dessen Unterbeamter 
der lensmaär (exactor) auftritt. Jenes 
Amtsbezirk ist die Syssel (s. d.). Von den 



BECHER— BEDA 



189 



lensmenn sollen sich mindestens zwei in 
einem fylki befinden; diese werden vom 
svslumaär gewählt und sind dessen Ge- 
hilfen. Syslumaär und ärma^r sind manch- 
mal, jener ist in der Regel lendr maür, weil 
er Grund zur Leihe vom König hat (s. § 12). 
Im übrigen schreiben auch unabhängig 
hiervon die Quellen den lendir menn öffent- 
liche Funktionen in Konkurrenz mit 
syslumaär und ärmaär zu, ohne daß jedoch 
die lendir menn regelmäßige Glieder des Be- 
amtenorganismus bildeten. Zuerst Volks - 
beamter. dann aber seit dem Ende des 
12. Jhs. königlicher Beamter war der 
Gesetzessprecher (s. d.), der kgmadr. — In 
den norwegischen Schatzlanden 
findet man ein königliches Beamtenwesen 
mit Rücksicht auf die sehr wechselnde 
Abhängigkeit der einzelnen Länder immer 
nur periodenweise; es treten auf jarlar 
und syslumenn. Auf Island endlich kennt 
die freistaathche Zeit als gewählten Volks - 
beamten den Gesetzessprecher (s.d.). 

§ 12. Das Beamtenwesen der drei 
skandinavischen Reiche ist mit der Grund- 
leihe in Verbindung gekommen, wie am 
deutUchsten die Namen der oben aufge- 
führten Beamten zeigen. Gleichwohl ist 
dieses Beamtenwesen nicht etwa wie das 
kontinentale feodalisiert. Weder waren 
diese Lehen in der Regel erblich, noch war 
die damit verbundene Nutzung so unein- 
geschränkt, wie beim deutschen Lehen, 
noch endlich ist ihnen die Gefolgschaft 
eigentümUch, aus der gerade das konti- 
nentale Lehen sich entwickelt hat (s. Lehns- 
wesen, veizla). 

Vgl. die zu Staatsverfassung und die zu den 
einzelnen Artikeln angeführte Literatur. 

V. Schwerin. 

Becher aus Bronze, Erzeugnisse des 
Hallstatt-Kulturkreises, s. Bronzegefäße 

§ 3- 

Hubert Schmidt. 

Becken aus Bronze. Kessclförmige Ge- 
fäße mit beweglichen Bügelhenkeln. Hall- 
stattkulturkreis. S. Bronzegefäße §30. — 
Griechische Fabrikate, mit Greifenproto- 
men. S. Bronzegefäßc § 4 a. — Flache, 
mit und ohne aufrecht stehenden Hand- 
haben am Rande; fein verziert. Griechisch 
5. Jh. V. Chr. Ebenda § 4 b. — Italische 
Fabrikate aus republikanischer und Kaiser- 



zcit. Ebenda § 6 b u. c. — Nachrömische 
Fabrikate der Verfallzeit. Ebenda § 7 a. — ■ 
Fränkisch -alemannische Erzeugnisse des 
7. u. 8. Jhs. n. Chr. Ebenda § 7 b. — Vgl. 
auch ,, Kessel" u. ,, Schüssel". 

Hubert Schmidt. 

Beda (673—735). 

A. Leben 1—8. — B. W e r k e. L Philo- 
logische 9 — 12. IL Naturwissenschaftliche und 
chronologische 13 — 19. IH. Theologische 20 — 33. 
IV. Hagiographische Schriften 34 — 37. V. Histo- 
rische Originalwerke 38 — 45. VI. Gedichte 46 — 49. 
VIL Briefe 50 — 51. — Ende 52 — 53. 

A. L e b e n. §1. Was wir über das 
Leben dieses größten Geschichtsschrei- 
bers und Gelehrten des älteren eng- 
lischen Mittelalters wissen, verdanken 
wir fast ausschließlich der kurzen auto- 
biographischen Notiz, die er seiner Historia 
Ecclesiastica anfügte. Danach stand Beda 
— über die Schreibung seines Namens: 
Beda, Bieda, Bceda vgl. H. Zimmer Neues 
Arch. d. Ges. f. alt. deutsche Geschichtsk. 
16, 599 — 601 (1891) — 731 in seinem 
59. Lebensjahr, war also 672 oder wahr- 
scheinlicher 673 geboren. Im Nordosten 
von England, in der heutigen Grafschaft 
Durham, südlich vom Tyne und unfern der 
Nordseeküste stand seine Wiege, in der 
Gegend, wo ein Jahr darauf 674 Benedikt 
Biscop das Kloster Wearmouth und 682 
das einige englische Meilen entfernte 
Schwesterkloster Jarrow gründete. An- 
scheinend früh verwaist, wurde B. von 
seinen Verwandten mit sieben Jahren 
(679 od. 680) dem Abt Benedikt zu Wear- 
mouth und später dessen Stellvertreter in 
Jarrow und Nachfolger in der Abtswürde 
Ceolfrith zur Erziehung übergeben. 

§ 2. Auf der Synode von Whitby 664 
war der langdauernde Streit zwischen der 
schottisch-irischen und römischen Kirche 
in Britannien zugunsten der letztern ent- 
schieden und durch die Vereinigung der 
nord- und südhumbrischen Kirchen der 
Grund zu einer englischen Nationalkirche 
gelegt worden, die in engste Verbindung 
mit Rom gebracht wurde (Stephens and 
Hunt, Hist. of the Engl. Church i, iioff.). 
Während in Schottland die keltische Kirche 
sich noch weiter behauptete, wurde in ganz 
England die Regellosigkeit des schottisch - 
irischen Kirchenwesens, dessen Vertreter 



igo 



BEDA 



mehr umherziehende Missionare oder Ein- 
siedler als Priester und Seelsorger waren, 
durch die straffe Organisation der römi- 
schen Diözesankirche ersetzt. Der ehr- 
geizige Wilfrith, der auf dem Festland den 
Geist der römischen Kirche in sich auf- 
genommen hatte, wurde Bischof von York; 
Theodor von Tarsus brachte als erster Erz- 
bischof von Canterbury die Neuordnung 
der englischen Kirche im Sinne Roms zur 
Durchführung und gründete, unterstützt 
durch Hadrian von Nisida, Klöster nach 
der Regel des Benediktinerorderis und 
Schulen, die bald zu regen Pflanzstätten 
klassischer Bildung wurden. Hier wurde 
nicht nur das Studium der Heiligen Schrift 
betrieben, sondern auch Gramniatik, Metrik, 
Astronomie und die Berechnung der Kir- 
chenfeste gelehrt, und manche ihrer Schüler 
beherrschten Latein und Griechisch so gut 
wie ihre Muttersprache (Hist. Eccl. 4, 2, 
ed. Plummer S. 204f.; 5, 8; 5, 20). 

§3. BenediktBiscop (628 r—po) 
war einer der eifrigsten Vorkämpfer der 
neuen Richtung. Er hatte mehrere Rom- 
reisen gemacht, war eine Zeitlang Mönch 
auf der Insel L6rins bei Cannes gewesen 
und hatte die Disziplin des klösterlichen 
Lebens hier persönlich kennen gelernt, 
hatte dann auf des Papstes Wunsch Theo- 
dor 669 als Führer und Dolmetscher nach 
England begleitet und war zwei Jahre Abt 
des Petersklosters in Canterbury gewesen 
(Hist. Abb. 3. 4, ed. Plummer S. 366—68). 
Als er darauf seine Klöster Wearmouth und 
Jarrow als Pflegestätten geistlicher Diszi- 
plin und gelehrter Bildung im Norden 
gründete, ließ er für den Bau und die Aus- 
stattung derselben geschulte Arbeiter und 
Kirchenschmuck aus Gallien kommen; von 
seinen fünf Auslandsreisen brachte er 
reiche Bücherschätze heim, die der Grund- 
stock der Bibliothek von Wearmouth und 
Jarrow wurden. Innwnterahilem lihrorum 
omnis generis copiam adportavü, heißt es 
namentlich von seiner vierten Romreise im 
J. 678 (Hist. Abb. 6) ; und bei seinem Tode 
legte er den Mönchen dringend ans Herz, 
daß die von ihm gesammelte Bibliothek 
{Bibliothecam, quam de Roma nohilissimam 
copiosissimamque advexerat) vollständig er- 
halten und nicht beschädigt oder zerstreut 
werde (ebd. 1 1). Ceolfrith, bisher Abt von 



Jarrow, seit 689 Benedikts Nachfolger als 
Abt beider Klöster, setzte sein Werk im 
gleichen Geiste fort und vermehrte die 
Bibliothek noch bedeutend. In kirchen- 
politischer Hinsicht herrschte in dem 
Kloster natürlich die entschieden römische 
Richtung, ohne daß darum die Fühlung 
mit der benachbarten schottischen Kirche 
verloren ging, wie Ceolfriths Brief an den 
Piktenkönig Naiton oder Nechtan erkennen 
läßt (Hist. Eccl. 5, 21). 

§ 4. Dies waren die Zeitumstände, unter 
denen B. aufwuchs, die geistige Atmo- 
sphäre, die er atmete, die Faktoren, die 
für seine kirchliche Richtung und seine 
Wirksamkeit als Gelehrter maßgebend 
wurden. Es entspricht der in seinem 
Kloster herrschenden Stimmung, wenn er 
in seiner Kirchengeschichte zB. in der Be- 
urteilung des schottisch -römischen Streits 
entschieden auf römischer Seite steht, 
ohne doch den objektiven Blick des Histo- 
rikers für die Verdienste und Vorzüge der 
schottisch-irischen Missionsprediger zu ver- 
lieren. Seine vielseitige literarische Tätig- 
keit aber und seine staunenswerte Belesen- 
heit wären undenkbar ohne eine solch 
reichhaltige Büchersammlung, wie sie ihm 
zu Wearmouth und Jarrow zu Gebote stand. 

§ 5. Früh durch Gelehrsamkeit und 
Frömmigkeit ausgezeichnet, wurde Beda 
schon mit 19 Jahren (691 oder 692), also 
unter dem kanonischen Alter (25 J.), zum 
Diakon und mit 30 Jahren (702 od. 703) 
zum Priester geweiht. Von gelegentlichen 
kleineren Reisen, wie nach Lindisfarne und 
York, abgesehen, hat er fortan sein ganzes 
Leben in der Klostereinsamkeit von Jarrow 
zugebracht, ein stilles Gelehrtenleben, dem 
Dienste Gottes, dem Studium der Schriften, 
der Lehrtätigkeit und der Schriftstellerei 
gewidmet. ,, Neben der Befolgung der 
Ordensregel und der täglichen Pflicht des 
Singens in der Kirche war das Lernen, 
Lehren und Schreiben meine einzige Freu- 
de", so sagt er selbst an seinem Lebens- 
abend. 

§ 6. Von dem Umfang seiner Studien 
und seiner Belesenheit zeugt die Zahl der 
Quellenschriften, die er für seine Werke 
benutzte. Seine Interessen -und Kennt- 
nisse erstreckten sich über die verschieden- 
sten Wissensgebiete. Seine gründliche Be- 



BEDA 



191 



herrschung des Griechischen ergibt sich 
aus der Tatsache, daß er bei der Revision 
seines Kommentars zur Apostelgeschichte 
(s. unten § 23,4) die lateinischen Über- 
setzungen beständig mit seinem Graecum 
exemplar verglich. Auch sonst wird uns 
Bedas Kenntnis des Griechischen durch 
viele Stellen in seinen Werken bezeugt 
(s. die Zusammenstellung bei Plummer, 
Ausg. d. HEccl. I S. LIV A. 3 u. 5). 
Aus der gelegentlichen Anführung hebräi- 
scher Wörter darf man schließen, daß ihm 
auch die Elemente dieser Sprache nicht 
fremd waren. 

§ 7. Als Lehrer und als Mensch muß 
B. höchst imponierend und anregend ge- 
wesen sein. In seinen theologischen Schrif- 
ten kommt er immer wieder darauf zurück, 
daß der Lehrer das, was er andern bei- 
bringen wolle, zuerst selbst üben müsse, 
daß das Leben nicht mit der Lehre im 
Widerspruch stehn dürfe (Belege bei 
Plummer Introd. XXXVI, Anm. 3). Und 
in dem Leben Alkuins wird Beda das 
Zeugnis ausgestellt: ,,Ouicquid verbo do- 
cuit, exemplo roboravit"(MGS. 15, 187; 
Monum. Alcuin. 10). Mehrere der be- 
kanntesten damaligen Kirchenmänner ge- 
hörten zu seinen Schülern und wurden 
nachher seine Freunde: Nothhelm, später 
Erzbischof von Cantcrbury, Ecgberht, 
Erzhischof von York, ferner Hwaetberht 
und Cuthberht, die nacheinander Äbte von 
Wearmouth waren. Aus der von Ecgberht 
gegründeten Schule von York ging Alkuin 
hervor, der in einem Brief an die Mönche 
von Wearmouth und Jarrow 793 der 
jungen Generation das Vorbild Bedas als 
das Muster von Gelehrsamkeit und Fröm- 
migkeit vorhielt (Monum. Ale. S. 200). Und 
durch Alkuin, den Begründer des fränki- 
schen Unterrichtssystems, reicht der Ein- 
fluß von Bedas Lehrtätigkeit über den 
Kanal hinüber nach Frankreich und an 
den Hof Karls des Großen. 

§ 8. Bedas literarische Wirksamkeit 
war ebenso fruchtbar wie vielseitig; sie 
bewegt sich fast auf allen Gebieten des 
damaligen Wissens. Am Schluß seiner 
Historia Ecclesiastica 5, 24 zählt er nicht 
weniger als 39 Schriften auf, die er bis 
731 verfaßt hatte. Dazu kommen noch 
einige weitere, die in seinen letzten Lebens- 



jahren entstanden, oder die er in jener Auf- 
zählung vergessen hatte. 

Seine Werke sind philologischen, natur- 
wissenschaftlichen, chronologischen, theo- 
logischen, hagiographischen, historischen 
oder poetischen Inhalts. Über ihre zeit- 
liche Reihenfolge vgl. Werner, Beda 226 ff. ; 
Plummers Ausg. d. HEccl I, S. CXLV ff. 
Bei der nachfolgenden Zusammenstellung 
von B.s Schriften habe ich mich in der 
Fassung der Titel möglichst an seine eig- 
nen Benennungen in der erwähnten Liste 
HEccl. 5, 24 gehalten. 

B. Werke. I. Philologische 
Werke. § 9. Zu seinen frühesten Er- 
zeugnissen gehören einige Schriften philo- 
logisch-pädagogischen Inhalts. 

De Orthographia (hrsg. v. Giles, Bedae 
Opera omnia 6, l — 39; beste Ausg. v, 
H. Keil Grammatici Latini 7, 261 — 94; 
1880) behandelt nicht bloß die Recht- 
schreibung, sondern ist ein lexikalisch an- 
gelegtes Verzeichnis lateinischer und grie- 
chischer Wörter mit Bemerkungen über 
ihre Bedeutung, syntaktische Funktion, 
ihr grammatisches Geschlecht und ihre 
Orthographie. Der Wortgebrauch wird 
zum Teil durch Beispiele aus lat. Schrift- 
stellern erläutert. Das Werkchen ist offen- 
bar aus Bedas pädagogischen Erfahrungen 
erwachsen und für Lehrzwecke bestimmt 
gewesen; aber es ist ungleichmäßig durch- 
geführt und beruht zum größten Teil, wie 
Keil (a a O. 223 f.) nachgewiesen hat, 
auf älteren Autoren. Aus Charisius hat er die 
Namen der von ihm erwähnten Grammati- 
ker und die meisten der Beispiele aus den 
klassischen Schriftstellern entlehnt. Die 
Bemerkungen über die Buchstaben und 
die Präpositionen stammen entweder aus 
Diomedes oder aus Dositheus. Sehr viel 
hat er aus der Orthographie des Caper 
geschöpft, und die alphabetisch .geord- 
neten Regeln des Agroecius hat er fast 
vollzählig in sein Buch übernommen. 
Seine eignen Zutaten beschränken sich auf 
Beispiele aus der Heiligen Schrift und den 
Kirchenvätern. 

§ 10. Einen Abriß der Metrik gibt 
B. in der Abhandlung De Arte Metrica. 
die gleichfalls Unterrichtszwecken diente. 
(Hrsg. V. Giles aaO. 6, 40 — 79. Beste 
Ausg. V. H. Keil Gramm. Lat. 7, 227 — 60; 



192 



BEDA 



1880.) "i?Da. B. am Schluß dieser Schrift 
Cuthberht seinen conlevita nennt, er selbst 
also damals noch levita, dh. Diakon, war, 
muß sie zwischen 691 und 703 entstanden 
sein, und aus der gleichen Zeit dürfte De 
OrthograpJiia stammen, für deren Datierung 
wir keinen sichern Anhaltspunkt haben, 
p- Wie dieses letztere Werk, so ist auch 
De Arie Metrica großenteils ein Auszug 
aus älteren Autoren. Nach einer Einlei- 
tung über die lat. Buchstaben (Kp. i) 
handelt B. im ersten Teil ausführlich über 
Silbenquantität (Kap. 2 — 8), wobei vor- 
wiegend Donat und seine Ausleger Pom- 
peius und Sergius, sowie Servius, Victori- 
nus und vereinzelt Charisius benutzt wer- 
den. Es folgt ein Kapitel (9) ,über Vers- 
füße und dann im zweiten Teil eine ein- 
gehende Abhandlung über die einzelnen 
Versarten. Dabei wird zunächst besonders 
ausführlich der Bau des Hexameters und 
Pentameters besprochen (Kp. 10 — 16) im 
Anschluß an Donat, Pompejus, Sergius, 
Mallius Theodorus, Audax und Victorinus; 
dann werden verschiedene Versarten jün- 
gerer Hymnendichter erörtert (Kp. 17 — 23), 
wobei B. sich hauptsächlich an Mallius Theo- 
dorus, daneben auch an Victorinus und 
Audax anlehnt. Kp. 24 handelt über den 
Unterschied von Metrum und Rhythmus 
nach Audax. Das Schlußkapitel 25 über 
die drei Dichtungsga^'tungen (die ,, drama- 
tische", ,, erzählende" und ,, gemischte") 
ist Diomedes entnommen. Die aufge- 
stellten Regeln werden durch zahlreiche 
Zitate fast ausschließlich aus christlichen 
Dichtern erläutert: Juvencus, Ambrosius, 
Prudentius, Paulinus, Prosper, Sedulius, 
Venantius Fortunatus, Arator werden er- 
wähnt, aber nicht überall sind die Autoren 
angegeben; von klassischen Dichtern ist 
nur Virgil häufiger vertreten. 

§ II. Die obige Zusamm.enstellung der 
zu den einzelnen Abschnitten benutzten 
Vorlagen, die sich auf Keils Einzelnach- 
weise stützt, gibt uns einen guten Einblick 
in Bedas Arbeitsweise Sie ist typisch für 
die meisten seiner pädagogischen und ex- 
egetischen Werke Sie zeugt von den gründ- 
lichen Vorstudien, die er zur Abfassung 
seines Lehrbuchs gemacht hatte, nicht 
minder aber von der weitgehenden, großen- 
teils wörtlichen Abhängigkeit seinen Vor- 



gängern gegenüber. Die meisten der von 
ihm benutzten Schriftsteller zitiert er ge- 
legentlich mit Namen, ohne jedoch in allen 
Einzelfällen seine Verpflichtungen anzu- 
deuten. Originell sind in manchen Punkten 
seine Ausführungen über die Versarten der 
jüngeren Dichter, originell ist auch die Aus- 
wahl und Gruppierung des Inhalts. Durch 
das Ansehn, das B. im MA genoß, hat 
aber dieses wie viele andere seiner Lehr- 
bücher für die Verbreitung mancher darin 
vorgetragenen Auffassungen, selbst wenn 
sie nicht sein geistiges Eigentum waren, 
eine maßgebende Vermittlerrolle gespielt. 

§ 12. An die Darstellung der Metrik hat 
B. einen Abriß der biblischen Stilistik 
angeschlossen: De Schematibus et Tropis 
Sacrae Scripturae. (Hrsg. v. Giles 6, 80 — 98. 
Beste Ausg. v. Halm Rhetores Latini 
Minores 607 — 18; 1863.) Nach der Angabe 
des Verzeichnisses am Schluß der Hist.Eccl. 
gehört dieser Traktat mit der Metrik enger 
zusammen (,,librum de metrica arte, et huic 
adiectum alium de schematibus sive tropis"), 
wird also um die gleiche Zeit wie jene, 
zwischen 691 u. 703, entstanden sein. Er 
enthält Erörterungen über stilistische Figu- 
ren (wie Prolepsis, Zeugma, Asyntheton, 
Polysyntheton, Anaphora, Paronomasie, 
Klimax ua.) und Tropen (Metapher, Met- 
onymie, Synekdoche, Anastrophe, Paren- 
these, Hyperbel, Allegorie, Parabel usw.), 
die durch zahlreiche Belege aus der Heiligen 
Schrift erläutert werden. B. wählt Bei- 
spiele aus der Bibel, um zu zeigen, daß alle 
in den klassischen Schriftstellern auftreten- 
den Redefiguren und Tropen sich auch 
schon und noch ausdrucksvoller in der viel 
älteren Bibel nachweisen lassen. Dabei legt 
er die lateinische Übersetzung zugrunde; 
aber unter 'Paronomasie' zitiert er ein Wort- 
spiel des hebräischen Textes in der Ur- 
sprache, weil es in der Übersetzung nicht 
wiederzugeben ist. Diese biblischen Belege 
für die einzelnen Redefiguren beruhen, wie 
bei der Orthographie, wohl auf eignen Samm- 
lungen Bedas; sonst lehnt sich die Ab- 
handlung in ihrer Anlage an Donat an. 

n. Naturwissenschaftliche 
und chronologischeWerke. §13. 
Die Schrift De Natura Rerum (hrsg. v. 
Giles 6, 100 — 122) enthält einen Abriß der 
Kosmographie in 51 kurzen Ka- 



BEDA 



193 



piteln. Für die Beurteilung ihrer Ent- 
stehungszeit und ihres Zwecks ist ihre Er- 
wähnung in dem Vorwort zu De Temporum 
Ratione (725) beachtenswert: ,,Z)^ natura 
rerum et ratione temporum, duos q u n - 
dam stricto sermone libellos d i s c e n t i - 
b u s , ut rebar, necessarios composui" 
(Giles 6, 139). Daraus geht hervor, daß das 
Werk ein kurz gefaßtes Lehrbuch sein 
sollte, und daß seine Abfassung damals 
schon weiter zurück lag; und da es sowohl 
hier wie in dem Verzeichnis am Schluß der 
Kirchengeschichte mit De Tcmporibus zu- 
sammen genannt wird, so dürfte es (trotz 
Plummer, Ausg. d. Hist. Eccl. I S. CXLIX) 
etwa in der gleichen Zeit wie dieses (vor 
703) entstanden sein. 

Bedas Vorbild bei der Abfassung die- 
ses kosmographischen Lehrbuchs war Isidors 
De Natura Rerum, worauf nach Welzhofer 
etwa ein Drittel des Ganzen zurückgeht. 
Ein paarmal zieht er auch Isidors Ety- 
mologiae heran. Außerdem hat er Plinius 
Naturalis Historia Buch 2 — 6, wovon ihm 
eine vorzügliche Handschrift in seiner 
Klosterbibliothek zur Verfügung stand, 
stark benutzt, vor allem das 2. Buch. 
(S. die Nachweise bei Werner, Beda 108 ff. 
und deren Zusammenstellung bei K. Welz- 
hofer, Bedas Zitate aus der Nat. Hist. des 
Plinius, Abh. aus d. Gebiet d. klass. Alter - 
tumswiss., Festschr. f. Christ, München 
1891, S. 40; s. auch S. 26. Ferner Mani- 
tius I 77 f.) 

Der Verfasser beginnt mit der Erschaf- 
fung der Welt und behandelt dann nach- 
einander in knapper Form die Elemente, 
das Himmelsgewölbe, die Weltzonen und 
Weltgegenden, die Sterne, ihre Arten und 
ihre Bewegung, den Tierkreis, die Sonne, den 
Mond und Mondwechsel, Sonnen- und Mond- 
finsternisse, Kometen, Luft, Winde, Donner 
und Blitz, Regenbogen, Wolken, Regen, 
Hagel und Schnee, Wetterprognose, Pest- 
krankheiten, Wasser, Meer, Ebbe und Flut, 
Rotes Meer und Nil, die Erde, ihre Kugel- 
gestalt und Breitengradeinteilung, Erdbeben 
und Vulkane, endlich die Erdteile. Genaue- 
res über den Inhalt s. bei Werner 107 — 21. 

§ 14. Dem Lehrbuch der Wcltkunde rei- 
hen sich zwei Darstellungen der Zeitkunde 
in einem kürzeren und einem ausführliche- 
ren Werke an. 



In der älteren Schrift De Temporibus 
(hrsg. v. Giles 6, 123 — 38), die nach Kp. 14 
im J. 703 verfaßt war (vgl. dazu auch 
Plummer, Ausg. d. HEccl I S. CXLVI) und 
nach der eben (§ 13) erwähnten Angabe des 
Verfassers gleichfalls Unterrichtszwecken 
dienen sollte, gibt B. zunächst einen kurzen 
Abriß der allgemeinen, astronomischen 
Chronologie, die dann im zweiten 
Teil in die konkrete Chronologie der Haupt - 
ereignisse der Menschenzeitalter übergeht. 
Das Vorbild für die Anlage beider Ab- 
schnitte war wieder Isidor, und zwar für 
Kp. 1—5: Etym. 5, 29 — 33 u. Nat. Rer. 
2—6; für 6—10: Et. 5, 33—35; 6, 17 u. 
NRer. 4. 7. Außerdem ist Macrobius Sat. 
I, 12^17 (f. Kp. 2 u. 10) und Plinius 
NH. 2, 188. 186 (f. Kp. 2 u. 7) benutzt 
(s. Manitius yy). 

Die Schilderung der sechs Weltalter in 
der kleineren Chronik Bedas, De 
Temp. 17 — 22, ist im wesentlichen identisch 
mit der gleichartigen Darstellung in Isidors 
Etym. 5, 39. Einige Stellen sind aus Isidors 
größerer Chronik entnommen, ein paar 
andere stammen aus der Bibel oder aus der 
Chronik des Eusebius-Hieronymus (s. G. 
Wetzel, Die Chroniken des Baeda, Dissert. 
Halle 1878, S. 41). Originalen Wert hat 
die Arbeit nicht. Die Zeitrechnung gründet 
sich in dieser kleineren wie später in der 
größeren Chronik (unten § l8) auf die 
Zählung der Jahre von der Erschaffung der 
Welt. Bemerkenswert ist aber, daß B. 
dabei hier wie dort nicht mit Isidor der 
Zählung der offiziell anerkannten Septua- 
ginta folgt, sondern im Anschluß an Augu- 
stin sich für dieziemlich abweichende Rech- 
nung der Bibelübersetzung des Hieronymus 
entscheidet, die nach dem hebräischen Ur- 
text angefertigt war. Doch führt er da- 
neben die Jahre nach der Septuaginta an. 
(Beste Ausg. v. Mommsen MG. Auct. 
Antiqu. 13, 247ff.) 

§ 15. Die Jahreszählung nach der hebrä- 
isch-hicronymianischen Bibel zog ihm von 
Seiten gewisser Eiferer, die anscheinend 
dem Kreise Bischof Wilfriths von York 
nicht fernstanden, den Vorwurf der Ketze- 
rei zu. Sie warfen ihm vor, er leugne, daß 
Christus im sechsten Weltalter Mensch g( - 
worden sei. B. verteidigte sich entrüstet 
gegen diese Anschuldigungen in der Epi- 



194 



BEDA 



Stola ad Plegninum \'oni J. 708. (Hrsg. v. 
Giles I, 144 — 54. Die Datierung stützt sich 
auf die Bemerkung ,,opusculum meum de 
Teniporibiis, quod ante quinquen- 
n i u m edidi" S. 145: vgl. dazu Plummer, 
Ausg. d. Hist. Eccl I S. CXLVI.) 

§ 16. Auf Wunsch der Mönche, denen 
die erste chronologische Schrift gar zu 
knapp war, hat B. dieselbe dann später zu 
einem ausführlichen Hand- 
buch der Chronologie unter dem 
Titel De Temporum Ratione erweitert 
(hrsg. V. Giles 6, 139 — 342). Es ist 725 
geschrieben (vgl. Kp. 49. 52. 58), aber die 
angehängte Chronik wurde in einem kurzen 
Zusatz bis 729 fortgeführt. Dieses größere 
Werk zeigt im wesentlichen die gleiche An- 
ordnung des Stoffs wie der Abriß De Tem- 
poribus (§ 14), aber ist viel ausführlicher, 
durch zahlreiche neu eingefügte Abschnitte 
erweitert, im ganzen fast dreizehnmal so 
lang als jener und enthält ein völliges 
System der Zeitrechnung mit eingehender 
Begründung. 

§17. Der erste, astronomisch-chro- 
nologische Teil geht aus von der Finger- 
rechnung, den Ziffern, der Zeiteinteilung 
im allgemeinen und den Gewichten; er 
handelt dann über Tag und Nacht, Woche 
und Weltwoche, Monat (mit besondern 
Kapiteln über die Monate der Juden, 
Ägypter, Römer, Griechen und Angeln), 
Monatszeichen des Tierkreises, Mondlauf 
und seine Bedeutung für den Kalender, 
über Sonnen- und Mondfinsternisse, den 
Einfluß des Mondes auf Ebbe und Flut, 
über Äquinoktien und Solstitien, die un- 
gleiche Länge der Tage und ihre Ursache, 
die fünf Weltzonen, vier Jahreszeiten, Jahr 
und Schaltjahr, den 19 jährigen Zyklus und 
seine Einteilung, die Rechnung nach Christi 
Geburt, die Indiktionen und Epakten, den 
Jahresanfang und schließlich die Oster- 
rechnung, die theoretisch wie praktisch 
gleich gründlich erörtert wird. (Ausführ- 
licheres über den Inhalt s. bei Werner 
122 — 42).) Die Berechnung der christlichen 
Feste, insbesondere des Osterfestes, war ja 
ein Hauptzweck dieser chronologischen 
Schriften, und vielleicht hat gerade der 
Streit um die Datierung des Osterfestes, 
für den sich Beda immer auffallend stark 
interessiert hat, den Anstoß zu seiner Be- 



schäftigung mit diesem Gegenstand ge- 
geben, zumal die keltischen Kirchen, nach- 
dem der Streit auf der Synode von Whitby 
664 für England zugunsten der römischen 
Rechnungsweise entschieden war, in ihren 
eignen Ländern noch bis ins 8. Jh. an 
ihrer angestammten Berechnung festhielten. 

Wie bei dem kürzeren Werk (§ 14) warei^ 
die Hauptvorlagen Bedas in diesem ersten 
Teil wieder die entsprechenden oben er- 
wähnten Abschnitte aus Isidors De Natura 
Rerum und Etymologiae (s. die Nachweise 
b. Werner 122 ff.). Auch Macrobius wird 
wieder benutzt und Plinius A^at. Hist. 2 — -6 
mehrfach in größerem Umfange ausge- 
schrieben (Nachweise b. Welzhofer 40). 
Weitere Quellen b. Manitius I 78. 

§ 18. Das ,,Chronicon sivedesexhuius 
seculi aetatibus" (beste Ausg. v. Mommsen 
MGS. Auct. Antiqu. 13, 247 ff.) ist, wie die 
kurze Weltchronik in jD^ Temporibus, ein inte- 
grierenderBestandteil des Werks (Kp. 66 ff.), 
aber ganz bedeutend ausführlicher als jene. 
In der Gruppierung der weltgeschichtlichen 
Begebenheiten folgt B. auch hier wieder 
Isidor, der in seiner Chronik zum ersten 
Mal die Einteilung nach sechs Weltaltern 
durchgeführt hatte. Die Anregung dazu 
hatte Isidor von Augustin erhalten, der im 
Gegensatz zu der früher üblichen Gliede- 
rung der Weltgeschichte in Perioden von 
gleicher Dauer zu je lOOO Jahren in seiner 
Civitas Dei eine neue Abgrenzung in un- 
gleich lange Epochen nach hervorragenden 
Ereignissen begründet hatte. Beda geht 
in der Erklärung und Begründung der Ein-; 
teilung auf Augustin selbst zurück, den er 
auch sonst mehrfach benutzt und zitiert, 
und an den er sich in seinen geschichts- 
philosophischen Anschauungen und in der 
allegorischen Schriftauslegung auch sonst 
gern anschließt. (Vgl. G. Wetzel, Die 
Chroniken des Baeda, S. 43. 36 f.) 

Für den weltgeschichtlichen Stoff selbst 
ist die Bibel seine wichtigste Quelle und 
zwar in der lat. Übersetzung des Hierony- 
mus, der er als der hebraica veritas vor der 
offiziell anerkannten Übertragung der Sep- 
tuaginta den Vorzug gibt (s. oben § 14). 
Für die Darstellung der ersten beiden 
Weltalter ist diese Bibelübersetzung fast 
seine einzige, für die jüdische Geschichte 
im dritten, vierten und fünften Weltalter 



BEDA 



195 



seine Hauptquelle, die er meist wörtlich 
benutzt (Wetzel 12 f.). Neben der Bibel 
kommt vor allem die Chronik des Eusebius 
in der Überarbeitung des Hieronymus als 
Quelle in Betracht, nächstdem auch die 
Weltchronik des Orosius, diese insbesondere 
von Christi Geburt bis zur Einnahme Roms 
durch Alarich. Beide schreibt er in aus- 
gedehntem Maße wörtlich aus, bisweilen 
sie miteinander verbindend (Wetzel I4ff.) 
Wichtige Quellen sind ferner Marcellinus 
Comes, Isidor und die Pontifikalbücher. 
Weiterhin kommen Prosper Aquitanus, Eu- 
sebius' Kirchengeschichte bearb. v. Rufin, 
Arnobius, Josephus, Eutrop, Dionysius, 
Gregor, Gildas ua. in Betracht (s. Wetzel 
llff. Mommsen 227 ff.). 

§ 19. Die beiden Chroniken des Beda 
sind demnach lediglich Kompilationen, 
die der ausgedehnten Belesenheit und dem 
Fleiß des Verfassers das beste Zeugnis aus- 
stellen, aber bei ihrer weitgehenden, großen- 
teils wörtlichen Anlehnung an bekannte 
Vorlagen jedes selbständigen Wertes als 
Geschichtswerke ermangeln. Ihre Bedeu- 
tung liegt darin, daß sie aus den Werken 
der früheren, allerdings fast ausschließlich 
christlichen oder jüdischen Historiker alles 
Wissenswerte in nicht ungeschickter Weise 
zu knappen, übersichtlichen Kompendien 
zusammenfassen und dadurch die ersten 
Versuche einer Universalgeschichte auf 
englischem Boden werden. Darauf beruht 
auch die Beliebtheit und große Verbreitung, 
deren sie sich im MA. erfreuten (wie die 
zahllosen Handschriften beweisen), und da- 
her erklärt sich der weitreichende Einfluß, 
den sie auf die späteren mittelalterlichen 
Chronisten ausübten. (S. auch Manitius 8of .) 

ni. TheologischeWerke. §20. 
Die Mehrzahl von B.s Schriften ist theolo- 
gischen Inhalts. Sie ziehen sich in langer 
Reihe durch seine Hauptschaffenszeit von 
709 bis an sein Ende. (s. Plummer, Ausg. 
d. HEccl. I S. XL IX). Für uns kommen 
sie weniger in Betracht, so daß von einem 
Eingehn auf Einzelheiten hier abgesehen 
werden kann. 

Sie beschäftigen sich sämtlich mit der 
Exegese der biblischen Bücher Alten und 
Neuen Testaments, zerfallen aber der Form 
nach in zwei Gruppen: eigentliche Kom- 
mentare und Homilien. 



§ 21. Erhalten sind uns die fol- 
genden Kommentare zum Alten 
Testament (hrsg. v. Giles Bd. 7 — 9) : 

1. In principium Genesis, usque ad nati- 
vitatem Isaac et eiectionem Ismaelis, libri 
IV. Hrsg. V. Giles 7, i — 224. Nach Plum- 
mer (Ausg. d. HEccl. I S. CXLIX) 720 
entstanden. Der Kommentar reicht bis 
Gen. 21. Inhalt bei Werner, Beda 152 — 61. 

2. De Tabernaculo et vasis eins ac vestibus 
sacerdotum, libri III. Ausg. Giles 7, 225 
bis $6y. Vor der Schrift De aedificatione 
Templi (Nr. 5), also wahrscheinlich vor 729, 
entstanden (Plummer CL). Stark allego- 
rische Deutung. Inhalt b. Werner 161 — 68. 

3. In primam partem Samuelis, i. e. usque 
ad mortem Saulis, libri IV. Ausg. Giles 7, 
368 — 8, 231. Es sind 4, nicht 3 Bücher; 
die Lesart III der Textausgaben in dem 
Verzeichnis am Schluß der HEccl. ist nach 
den Hss. C. O^. D ua. in IUI zu ändern 
(vgl. Plummers Varianten u. Anm. z. d. 
Stelle). Buch i — 3 ist vor. Buch 4 nach 
dem Tode Ceolfriths Juni 716 entstanden 
(Plummer XV f. CXLVIII). Die Schrift 
zeichnet sich durch besonders kühne AUe- 
goristerei aus (s. unten § 29). Inhalt b. 
W^erner 168 — 72. 

4. In Regum libriim XXX quaestiones. 
Ausg. Giles 8, 232 — 61. In dieser Schrift 
gibt B. auf Bitten seines Freundes Nothhelm 
Erklärungen von 30 Stellen der Bücher 
Samuelis und der Könige (die in der Vul- 
gata zu einem Buch zusammengefaßt 
werden). Undatierbar, aber vor 73 li 
Weiteres b. Werner 172. 

5. De aedificatione Templi oder De Te?nplo 
Salomonis, libri II. Ausg. Giles 8, 262 — 359. 
Nach Plummer (aaO. CL) entstanden 
zwischen 729 und 731. Inhalt b. Werner 
172 — 74. Zur Kennzeichnung desselben 
fügt B. im Verzeichnis seiner Werke dem 
Titel die Worte hinzu: allegoricae expositi- 
onis, sicut et cetera. 

6. In Ezram et Neemiam, libri III. 
Ausg. Giles 8, 360 — 9, 52. Entstanden 
zwischen 725 u. 731 (Plummer CL). Die 
beiden ersten Bücher enthalten den Kom- 
mentar zu Esra, das dritte den zu Nehe- 
mia. Inhalt b. Werner 174 — y6. 

7. In Proverbia Salomonis, libri III. 
Ausg. Giles 9, 53 — 185. Undatierbar, doch 
vor 731. Inhalt b. Werner 178 f. 



19^ 



BEDA 



8. In Cantica Canticorum, libri VII. 
Ausg. Giles 9, 186—404. Vor 731 ent- 
standen. Inhalt b. Werner 1/9 f. 

9. In Canticum Habacuc, über 1. Ausg. 
Giles 9, 405 — 26. Vor 731. Inhalt b. Werner 
180—82. 

10. In libriim beati patris Tobiae, liber I. 
Dazu im Verzeichnis seiner Werke am Schluß 
der HEccl. der Zusatz: explanationis alle- 
goricae de Christo et ecclesia. Ausg. Giles 9, 
427 — 44. Vor 731. Inhalt b. Werner 176 f. 

§ 22. In dem Verzeichnis seiner Schriften 
führt ßeda außerdem noch die Titel von 
6 weiteren Kommentaren zu alttestament- 
lichen Büchern auf, die uns nicht er- 
halten sind: Capitula lectionum in Pen- 
tateiicum Mosi, losue, ludicum; In libros 
Reguni et Verba dierum; In librum beati 
patris lob] In Parabolas, Ecclesiasten et 
Cantica Canticorum; In Isaiam prophetam, 
Ezrant quoque et Neemiam; In Isaiam, 
Danihelem, XII prophetas et partem Hieve - 
miae, distinctiones capitulorum ex tractatu 
beati Hieronimi excerptas. 

§ 23. Die folgenden Kommentare 
zum Neuen Testament sind e r - 
halten (hrsg. v. Giles Bd. lO — 12) : 

1. In Evangelium Marci, libri IV. Ausg. 
Giles 10, I — 264. Entstanden zwischen 716 
und 731, nach dem Samuel-Kommentar, 
der 716 geschrieben wurde (oben § 21, 3), 
und lange nach dem Lucas-Kommentar, 
der ,,ante annos plurimos" verfaßt war. 
(Vgl. Plummer aaO. CXLVIII.) Über den 
Inhalt s. Werner 195 f. 

2. In Evangelium Lucae, libri VI. Ausg. 
Giles IG, 265 — II ganz. Dieser umfang- 
reichste von allen Kommentaren wurde 
nach denen zur Apokalypse und Apostel- 
geschichte, wahrscheinlich kurz vor dem 
Samuel-Kommentar 716 geschrieben (Plum- 
mer CXLVII). Inhalt b. Werner 194 — 99. 

3. In Acta Apostolormn, libri IL Ausg. 
Giles 12, I — 95. Wahrscheinlich zwischen 
709 und 714 etwa, vor dem Lucas-Kommen- 
tar entstanden (s. Plummer CXLVII). 
Inhalt b. Werner 189 — 94. 

4. Retractationes in Acta Apostolorum 
(hrsg. V. Giles 12, 96 — 156); Verbesserungen 
zu dem Kommentar über die Apostel- 
geschichte, auf Grund einer sorgfältigen Ver- 
gleichung des griechischen Originals. Die 
Schrift wird in der Liste von 731 nicht er- 



wähnt, ist also wahrscheinlich zw. 731 u. 
735 geschrieben, jedenfalls aber ,,plures 
annos" nach dem ursprünglichen Kommen- 
tar zur Apostelgeschichte (vgl. Plummer 
CLI). 

5. In Epistulas VII catholicas, libri sin- 
guli. Ausg. Giles 12, 157 — 336. Etwa 
gleichzeitig mit dem Kommentar zur 
Apostelgeschichte, zwischen 709 u. 714 
etwa, entstanden. (Vgl. Plummer CXLVII.) 
Inhalt b. Werner 200 — 203. 

6. In Apocalypsin sancti lohannis, libri 
III. Ausg. Giles 12, 337 — 452. Vor dem 
Kommentar zur Apostelgeschichte verfaßt, 
anscheinend der früheste unter den Bibel- 
kommentaren (vgl. Plummer CXLVII). 
Inhalt b. Werner 186—89. 

§24. Verloren sind uns 2 in der 
Liste von 731 aufgeführte Schriften über 
das Neue Testament: Exzerpte aus Augu- 
stin über den Apostel Paulus {In apostolum. 
quaecurnque in opusculis sancti Augustini 
exposita inveni, cuncta per ordinem Irans - 
scribere curavi, sagt er), und Capitula lec- 
tionum in totum NovumTestamentum, excep- 
to Evangelio. Auch die Übersetzung des 
Johannesevangeliums, mit der B. nach 
dem Bericht des Abtes Cuthberht (Plum- 
mers Ausg. d. HEccl. I S. LXXV u. 
CLXII) auf seinem Sterbebette beschäftigt 
war, ist nicht auf uns gekommen. 

§ 25. Eine zweite Gruppe unter den 
theologischen Schriften B.s bilden seine 
2 Bücher H m i 1 i e n (hrsg. v. Giles 
5. Bd.). Homiliae Evangelii nennt er selber 
sie treffend; denn sie sind in der Haupt- 
sache Auslegungen von neutestamentlichen 
Textstellen und vielfach nur Auszüge aus 
den Kommentaren. Über ihren Inhalt vgl. 
Werner I99f., ihre Echtheit Plummer CLIII. 

§ 26. Von der Topographie des 
HeiligenLandes handelt ein kleiner 
Traktat De Locis sanctis (hrsg. v. Giles 4, 
402 — 43 mit engl. Übers.; krit. Ausg. v. 
P. Geyer Itinera Hierosolymitana30i — 24; 
1898), der in der Liste HEccl. 5, 24 fehlt, aber 
ebd. 5, 17 erwähnt wird und danach schon 
,,dudum" verfaßt war. Nach B.s eigner 
Angabe (5, 17) ist er ein Auszug aus 
Adamnans Schrift De Situ urbis Hieru- 
salem. Er diente wohl Unterrichtszwecken. 

§ 27. Bedas theologische Werke haben 
ebensowenig selbständigen Wert wie die 



4 



BEDA 



97 



meisten seiner wissenschaftlichen Schriften. 
Er selbst sagt im Anhang der Hist. EccL, 
er habe sich bemüht, ,,ex opsuculis vene- 
rabilium patrum breviter adnotare sive 
etiam ad formam sensus et interpretationis 
eorum superadicere". Seine Kommentare 
sind zum großen Teil nur Auszüge aus 
den Kirchenvätern, insbesondere Augustin, 
Hieronymus, Ambrosius und Gregor (vgl. 
Werner aaO.). Aber sie entfalten eine aus- 
gedehnte theologische Belesenheit, und die 
Zahl der von B. zitierten Schriftsteller ist 
erstaunlich (s. die Liste bei Plummer, 
Ausg. d. HEccl. I S. L, A. 3). 

§ 28. Sehr anerkennenswert für diese 
frühe Zeit ist sein richtiges Verständnis 
für biblische Textkritik. Er 
vergleicht beständig die Itala und Vulgata, 
zieht manchmal sogar den griechischen 
Text heran, beachtet die Varianten der 
verschiedenen Handschriften und weist 
auf fehlerhafte Lesarten und Textverderb- 
nisse hin* (vgl. Plummer aaO. XIX. LIV ff.). 

§ 29. Seine Auslegung der bibli- 
schen Texte ist meist allegorisch 
nach der Art, wiesieseit Origenes (185 — 254) 
und seiner alexandrinischen Schule in der 
Bibelexegese üblich geworden war. Hinter 
dem wörtlichen Sinn des biblischen Textes 
vermutet B. einen verborgenen, symboli- 
schen; besonders das Alte Testament wird 
symbolisch aufgefaßt, aber auch in den 
Kommentaren zum Neuen Testament und 
sogar zur Apostelgeschichte kommt diese 
Art der Exegese zur Anwendung. B.s Aus- 
legungen sind oftmals sehr willkürlich, 
phantastisch und subjektiv; sie erreichen 
den Gipfelpunkt der Kühnheit und Künstelei 
vielleicht in dem Kommentar zu Samuel. 

§ 30. In seinem Glauben ist B. streng 
orthodox. Alle Ketzereien werden von 
ihm aufs schärfste verurteilt, besonders 
häufig der Arianismus und Pelagianismus. 
(Eine Zusammenstellung der sonst noch 
von ihm gebrandmarkten Ketzer gibt 
Plummer aaO. LXII A. 3.) Hieraus er- 
klärt sich wohl auch seine entschiedene 
Abneigung gegen die keltische Osterrech- 
nung, und wir begreifen seine Erregung, 
als er einmal selber der Ketzerei bezichtigt 
wurde (oben § 15). Auf der andern Seite 
weist er auf die tröstliche Erscheinung hin, 
daß die Ketzereien durch die Reaktion, die 



sie unter den Rechtgläubigen erzeugen, 
eine segensreiche Wirkung üben: ohne sie 
hätten wir die großen apologetischen Werke 
der Kirchenväter nicht. (Plummer aaO. 
LXIII.) 

§ 31. Bemerkenswert ist Bedas Stel- 
lung zur antiken Literatur. 
Wir sahen schon, daß er seine Beispiele in 
De Arte Metrica in der größten Mehrzahl 
der Fälle christlichen Dichtern entnimmt, 
während von klassischen Autoren nur Vir- 
gil häufiger zitiert wird (oben § lO). Das 
ist kein Zufall, darin ist System. In den 
übrigen Werken ist es ähnlich. Von den 
klassischen Schriftstellern wird Ovid ge- 
legentlich, Horaz, Homer ua. nur ein- bis 
zweimal erwähnt, alle wahrscheinlich aus 
zweiter Hand. Dagegen kannte er Virgil 
näher, wie eine Reihe von Zitaten in der 
Historia ecclesiastica beweisen; und Pli- 
nius' Naturalis Historia wird in der Kirchen- 
geschichte wie in den wissenschaftlichen 
Werken häufiger verwertet. Aber im gan- 
zen schwärmt B. nicht sehr für die Benut- 
zung heidnischer Literatur durch christ- 
liche Schriftsteller. Er ist nicht gerade 
dagegen, aber meint, sie sei mit Vorsicht 
zu genießen; denn die antiken Philoso- 
phen seien vielfach die geistigen Väter der 
Ketzer (s. die Belege bei Plummer LIII). 
So verschwinden denn in der Kirchen- 
geschichte die wenigen Entlehnungen aus der 
antiken Literatur vollkommen gegenüber 
den zahllosen Zitaten aus der HeiligenSchrif t. 

§ 32. Aber B.s dogmatische Orthodoxie 
nimmt selten einen schroffen Charakter an ; 
sie wird durch eine überall hervortretende 
ehrliche Frömmigkeit und echte 
Demut gemildert. Tugendstolzes Phari- 
säertum ist ihm ebenso fremd wie selbst- 
gefälliger Gelehrtendünkel; gern läßt er 
sich von jedem seiner Mitbrüder belehren 
und verbessern. 

§ 33. Ein starker Sinn für das 
Wunderbare, das überall ins mensch- 
liche Leben hineingreift, tritt uns in allen 
seinen Schriften entgegen, nicht nur in den 
theologischen und hagiographischen, son- 
dern auch in den historischen. B. ist in 
diesem Punkte eben auch nur ein Kind 
seiner Zeit. Dieser naive Wunderglaube 
wirkt oftmals um so seltsamer, als ihm in 
andern Dingen ein durchaus gesunder 



198 



BEDA 



Menschenverstand und eine auf- 
fallend nüchterne Urteilsfähigkeit gegen- 
übersteht. 

IV. HagiographischeSchrif- 
t e n. § 34. Ein kalendarisches Verzeichnis 
der Märtyrerfeste des Kirchenjahrs, in dem 
auch die Martern sehr ausführlich ge- 
schildert werden, gibt B. in seinem Mar- 
tyrologium (entstanden vor 731). Es ist 
uns nur in einer Überarbeitung des Florus 
von Lyon aus dem 9. Jh. erhalten (hrsg. 
V, Giles 4, 16 — 172), beruht auf den Acta 
Martyrum, den Pontifikalbüchern und dem 
Martyrologium des Hieronymus und ist 
seinerseits der Ausgangspunkt für die zahl- 
reichen späteren Martyrologien des Mittel- 
alters geworden. Weiteres bei Werner 
145—49. Ebert AUg. Gesch. d. Lit. d. MA. 

1 646. Brandl Gesch. d. ae. Lit. in PGrundr. 

2 II 1053. 

§ 35. Außer diesem Märtyrerkalender 
hat B. einige Heiligenleben ge- 
schrieben. Eine Vita et Passio sancti Ana- 
stasii, die er in der Liste von 731 erwähnt, 
ist uns nicht erhalten. Es war nach seinen 
eignen Worten nur die Verbesserung einer 
schlecht übersetzten und von einem Un- 
fähigen noch schlechter überarbeiteten 
griechischen Legende. 

§ 36. Seine Vita et Passio sancti Felicis, 
das Leben des hl. Felix von Nola (hrsg. 
V. Giles 4, 173 — 201 mit engl. Übersetzung), 
ist nur eine Prosawiedergabe der Carmina 
natalitia des P a u 1 i n u s , einer Sammlung 
von Lobliedern auf den hl. Felix, die 
394 — 408 entstanden und in Hexametern 
abgefaßt waren (vgl. über sie Ebert AUg. 
Gesch. d. Lit. d. MA. I 302). B. wollte 
durch seine kurze prosaische Bearbeitung 
(in 8 Kapiteln) das Werk auch gewöhnlichen 
Lesern zugänglich machen. Die Ent- 
stehungszeit der Arbeit fällt vor 731; ein 
weiterer Anhalt zur Datierung fehlt. 

§ Z7' Weit bedeutender und inter- 
essanter ist die Vita sancti Cuthberhti, das 
Leben des hl. Cuthberht von Lindisfarne 
(hrsg. V. Giles 4, 202 — 357 mit engl. Über- 
setzung). B. hatte schon zwischen 705 und 
716 (vgl. Manitiusl84) ein Gedicht De Mira- 
culis S. Cuthberhti verfaßt (s. unten § 47), 
aber darin nur die Wunder des Heiligen 
verherrlicht. In der prosaischen Vita, die 
um 720 entstand (Plummer CXLVIII), gab 



er auch eine Darstellung seines übrigen 
Lebens. Dadurch erhält das Werk für uns 
geschichtlichen und kulturgeschichtlichen 
Wert; es ist ein Vorläufer und eine Ergän- 
zung der Kirchengeschichte. 

Die Hauptquelle B.s ist ein älteres 
Leben des Cuthberht von einem Mönch 
von Lindisfarne (abgedruckt b. Giles 6, 
357 — 82). Aber um in seinen Angaben 
möglichst genau zu sein, legte B. sein 
Werk außerdem einigen Mönchen vor, die 
Cuthberht (f 687) persönlich gekannt hat- 
ten, und verbesserte es nach ihren Angaben, 
um es dann noch einer Versammlung der 
Ältesten des Klosters Lindisfarne zur Be- 
gutachtung zu unterbreiten, — ein Beweis 
für die Gewissenhaftigkeit, mit der er hier 
wie in seinen andern historischen Schriften 
arbeitete. Trotzdem ist B.s Werk, wie 
Plummer (aaO. XLVI) mit Recht bemerkt, 
nicht gerade als eine Verbesserung seiner 
Vorlage zu bezeichnen. Sprachlich ist es 
allerdings wesentlich gewandter, sachlich 
ist die schlichtere Darstellung des Mönchs 
vorzuziehen. Die Wunder spielen bei B. 
gar zu sehr die Hauptrolle; die natür- 
lichsten Dinge werden von ihm zu Wundern 
gestempelt. Anderseits bietet er doch auch 
wirkungsvolle Zugaben, so besonders den 
Bericht vom Tode Cuthberhts nach einem 
Augenzeugen (Kp. ■^y — 40). Auch kultur- 
geschichtlich interessante Einzelschilde- 
rungen von dem Leben der Mönche und 
Einsiedler bietet B. in dieser Schrift. 

V. Historische Original- 
werke. § 38. Die Vita Cuthberhti 
bildet den Übergang von den hagiographi- 
schen zu den historischen Originalwerken. 
Das Legendarische und Wunderbare spielt 
auch in diesen vielfach eine bedeutende 
Rolle. Die politische Geschichte tritt nur 
in dem Hauptwerk stärker hervor, obschon 
auch hier das kirchengeschichtliche Inter- 
esse überwiegt. Eine vortreffliche Ausgabe 
der historischen Originalwerke B.s mit 
Einleitung, Varianten, Anmerkungen und 
Glossar in 2 Bänden hat C. Plummer 
veranstaltet (Oxford 1896). 

§ 39. In der Historia Abbatum mona- 
sterii in Wiremutha et Gyrvum gibt B. eine 
Geschichte seines eignen Doppelklosters 
unter den Äbten Benedikt, Ceolfrith, 
Eosterwine, Sigfrith und Hwaetberht. 



BEDA 



199 



(Hrsg. V. Giles 4, 358 — 401 mit engl. Über- 
setzung. Beste Ausg. v. Plummer mit 
kritischem Apparat, s. § 38.) Das Werk 
schließt mit dem Tode Ceolfriths und der 
Erwählung Hwaetberhts 716, ist also nach 
diesem Jahr, aber vor 731 verfaßt, da es 
HEccl. 5, 24 erwähnt wird. 

B. benutzte zum Teil eine uns erhaltene 
Gedächtnisschrift auf Ceolfrith von einem 
Mönch seines Klosters (hrsg. v. Giles 6, 
416 — 32; beste Ausg. v. Plummer aaO. 
388 — 404 mit krit. Apparat). Er hat 
vieles an seiner Vorlage gekürzt, aber 
anderseits wertvolle eigne Zutaten hinzu- 
gefügt, wie die rührende Abschiedsszene 
zwischen den beiden Äbten Benedikt und 
Sigfrith auf ihrem Sterbelager. Kultur- 
geschichtlich interessant ist namentlich 
seine Schilderung von Benedikts frucht- 
barer Wirksamkeit. Da er in diesem Werk 
meist Selbsterlebtes aus seiner unmittel- 
baren Umgebung berichtet, so hat dasselbe 
einen bedeutenden Quellenwert. Es ist 
die älteste Klostergeschichte Englands und 
eine Vorarbeit zu seiner Kirchengeschichte. 

§ 40. Die Historia Ecclesiastica gentis 
Anglorum in 5 Büchern (nach 5,23 im J. 
731 vollendet) ist nicht nur B.s umfang- 
reichstes, sondern zweifellos auch sein be- 
deutendstes Werk. (Hrsg. von Holder, 
Freiburg i. B., o. J., 2. Ausg.; gut, aber 
nur Text. Beste kritische Ausg. v. Plum- 
mer, s. § 38.) Es gibt die Geschichte der 
angelsächsischen Kirche von ihren An- 
fängen bis auf Bedas Tage mit starker 
Berücksichtigung auch der politischen Ge- 
schichte. In den einleitenden Kapiteln 
(i, I — 22), wo über die Geschichte Bri- 
tanniens und der britisch-irischen Kirche 
bis zur Gründung der angelsächsischen 
berichtet wird, ist B. nicht selbständig; 
seine Nachrichten sind Exzerpte aus an- 
dern Autoren, besonders Orosius, Eutrop, 
Constantius' Leben des Germanus und vor 
allem Gildas. Eutrop und Gildas erwähnt 
er einmal (Kap. 8 bzw. 22), von seinen 
zahlreichen sonstigen Verpflichtungen be- 
merkt er nur im allgemeinen in der Vorrede: 
ex priorum maxime scriptis hinc inde 
collectis ea, quae promeremus, didicimus. 
Erst von 597 an ist seine Darstellung 
originell, und hier hat sie einen hervor- 
ragenden Quellenwert, ja, in sehr vielen 



Fällen ist B. die einzige Autorität. Über 
die Quellen, aus denen er seine Angaben 
schöpft, berichtet er selbst in der Ein- 
leitung. Danach stützte er sich bei der 
Abfassung seines Werks auf mündliche und 
schriftliche Mitteilungen seiner geistlichen 
Freunde in allen Gegenden Englands, auf 
Abschriften von Papstbriefen, die ihm sein 
Freund Nothhelm aus Rom mitbrachte, und, 
soweit der Norden in Betracht kam, auf 
seine persönlichen Erinnerungen. Er be- 
nutzte aber auch ältere legendarische und 
kirchengeschichtliche Werke, wie die Vita 
Für sei (3, 19), die Wunder der Äbtissin 
y^thelburg von Barking (4, 7 — lO) und 
Eddius' Leben Wilfriths (5, 19). Das 
letztere nennt er nicht; im übrigen gibt 
er seine mündlichen und schritflichen Ge- 
währsmänner entweder in der Vorrede 
oder an den einzelnen Stellen meist ge- 
wissenhaft an. 

(Über B.s Verhältnis zu seinen Quellen 
s. Werner 204 — lO für die Einleitung, 
210 — 13 für den Hauptteil. Ferner Plum- 
mers Nachweise am Rand seiner Ausgabe, 
sowie Bd. I S. XXni. XXIV A i. XLIV 
A. 3. Speziell für die Einleitung s. C. W. 
Scholl De ecclesiasticae Britonum Scotorum- 
que historiae fontibus, Berl. u. Lond. 1851, 
S. 21. Über sein Verhältnis zu den kelt. 
Geschichtsquellen A. G. van Hamel De 
oudste Keltische en Angelsaksische Ge- 
schiedsbronnen, Amsterdamer Diss. 191 1, 

s. 173—91.) 

§41. In den ersten drei Büchern wird 
die Einführung, Ausbreitung und Organi- 
sierung der römischen Kirche in Britannien, 
ihr Streit mit der schottischen Kirche, der 
Sieg über dieselbe und die Gründung einer 
einheitlichen englischen Nationalkirche ge- 
schildert. Die Bedeutung des Werkes 
nimmt zu, je mehr der Verfasser sich seiner 
eignen Zeit nähert. Im 4. und 5. Buch 
wächst sich die Darstellung zu einem vor- 
trefflichen Gesamtbild der angelsächsischen 
Kultur seit der Ankunft Theodors von 
Tarsus (669) aus. Wohl nehmen die Bio- 
graphien von Bischöfen, Äbten und Hei- 
ligen mit Wundergeschichten und Visionen 
einen breiten Raum in diesem Gemälde 
ein, aber sie bilden einen integrierenden 
Bestandteil desselben, insofern sie zeigen, 
wie kräftig der christliche Glaube hundert 



2a) 



BEDA 



Jahre nach seiner Einführung im angel- 
sächsischen Volk bereits Wurzel gefaßt 
hatte, und wie tief selbst die Gebildetsten 
der Nation im Wunder- und Aberglauben 
steckten. 

§ 42. Als Historiker hebt sich B. von 
den meisten frühmittelalterlichen Chro- 
nisten weit ab. Ein pragmatischer Ge- 
schichtsschreiber im Sinne des Thuky- 
dides oder der Modernen freilich ist B. 
nicht; das kann man von einem Mönch 
des 8. Jhs., der in seiner Klostereinsamkeit 
dem großen Getriebe der Politik fernstand, 
auch kaum erwarten. Er schreibt Ge- 
schichte von seinem einseitig kirchlichen 
und manchmal etwas beschränkten mönchi- 
schen Standpunkt aus, er kann sich bei 
der Einschätzung der politischen Mächte 
und Ereignisse von seiner klerikalen Brille 
nicht frei machen; aber das gilt ja von den 
meisten geistlichen Schriftstellern des frü- 
hen Mittelalters. Man muß sich anderseits 
doch auch wieder wundern, welch freien, 
unbefangenen und weiten Blick er in 
politischen und nationalen Fragen oftmals 
hat. Dabei ist er von ernstem Wahrheits- 
streben und von kritischem Geist gegen- 
über seinen Quellen erfüllt. Er sucht 
zwischen Tatsachen und Vermutungen zu 
scheiden und bemüht sich, möglichst genau 
zu berichten. Zugleich hat er das Streben 
nach Objektivität und vorurteilsloser Ge- 
rechtigkeit, das den echten Historiker aus- 
zeichnet, in einem für seine Zeit ungewöhn- 
lichen Grade verwirklicht. Nur hin und 
wieder geht der Eifer mit ihm durch, so 
wenn er die Osterdatierung und Form der 
Tonsur der schottischen Christen bekämpft. 
Im allgemeinen ist er auch gegen die 
andersgläubigen Schotten tolerant und 
gerecht in der Beurteilung ihrer Verdienste 
als Pioniere des christlichen Glaubens. 
Er rühmt Aidan (HEccl. 3, 15) und ver- 
urteilt anderseits rücksichtslos König Ecg- 
friths grausamen Krieg gegen die Pikten 
(HEccl. 4, 26/24), obgleich dieser ein Wohl- 
täter seines Klosters gewesen war. 

§ 43. Bedas lateinischer Stil ist mit 
seltnen Ausnahmen klar und durch- 
sichtig, seine Ausdrucksweise ruhig, schlicht 
und natürlich, was besonders vorteilhaft in 
die Augen springt, wenn man seine Sprache 
mit der schwulstigen, gewundenen, unklaren 



und unnatürlichen Schreibweise seines 
älteren Zeitgenossen Aldhelm vergleicht. 
Dabei ist er ein vortrefflicher Erzähler: 
die Begegnung Gregors d. Gr. mit den 
blonden anglischen Jünglingen auf dem 
Sklavenmarkt in Rom, die Verhandlung 
des northumbrischen Witenagemot, die 
Synode zu Whitby, die poetische Er- 
weckung und der Tod des Caedmon, das 
Leben Cuthberhts u a. sind treffliche Be- 
weise dafür. 

§ 44. Eine epochemachende Neuerung 
Bedas in seiner Kirchengeschichte betraf 
die chronologische Jahreszählun g. 
Dionysius Exiguus hatte in seiner Oster - 
tafel 532 die damals übliche christliche 
Zeitrechnung nach der ,,Aera Martyrum'*, 
dh. seit der Diokletianischen Christenver- 
folgung, bekämpft und auf die Rechnung 
von Christi Geburt ab als die für Christen 
allein mögliche hingewiesen. Cassiodor in 
seinem Coinputus paschalis war ihm darin 
gefolgt, aber im übrigen hielten die Chro- 
nisten an der bisherigen oder an der Zäh- 
lung seit Erschaffung der Welt fest (s. 
Grotefend, Zeitrechnung des deutsch. 
MA. I 32). Auch B. bediente sich in 
seinen beiden Chroniken noch dieser letztern 
Rechnung (s. oben § 14) unter gelegent- 
licher Berücksichtigung anderer Zähl- 
weisen, wie der von der Gründung Roms 
an oder der nach Regierungsjahren der 
römischen Kaiser. In der Kirchenge- 
schichte hat er die Dionysianische Zeit- 
rechnung von Christi Geburt ab 
[ah incarnatione Domini) in die historische 
Praxis eingeführt, und sein Vorgehen hat 
fortan allgemeine Nachahmung gefunden. 

§ 45. Die nationale Bedeutung der Hi- 
storia Ecclesiastica und ihre Wertschätzung 
durch die Zeitgenossen ergibt sich aus der 
angelsächsischen Überset- 
zung des Werks, die zur Zeit Alfreds 
d. Gr. veranstaltet wurde und in meh- 
reren Handschriften auf uns gekommen 
ist. (Ausg. : a) Von Thom. Miller in d. 
Early Engl. Text Soc, Lond. 1890—98; 
Text nach allen Hss., mit neuengl. Über- 
setzung, b) Von J. Schipper in Grein - 
Wülkers Bibl. d. ags. Prosa 4, Lcipz. 
1897 — 99; rnit Paralleldruck zweier Hss., 
Varianten der übrigen und lat. Original.) 
Sie ist an vielen Stellen bedeutend gekürzt : 



BEDA 



201 



latein. Briefe und Dokumente, die Ge- 
schichte des Osterstreits, sowie Mittei- 
lungen über nordenglische Verhältnisse 
sind weggelassen, weil sie für das 9. Jahrh. 
oder für Südengland ohne Interesse waren. 
Demgegenüber sind die Zutaten des Über- 
setzers unbedeutend (s. Brandl Gesch. d. 
ae. Lit. in PGrundr.^ II 1069). Die Über- 
tragung wird von u^lfric (um looo), von 
einer Bedahandschrift des 11. Jhs. und 
von Wilhelm v. Malmesbury Alfred dem 
Großen selbst zugeschrieben, aber da die 
Sprache stark mercische Spuren zeigt, 
die mercischen Ortsnamen am genausten 
wiedergegeben werden, die Zusätze gering- 
fügiger sind als in Alfreds sonstigen Über- 
setzungen und von seiner Persönlichkeit 
in diesem Werk trotz dessen eminent na- 
tionaler Bedeutung nichts zu spüren ist, 
so stammt die Übertragung wohl nicht von 
Alfred selbst, sondern ist vielleicht auf 
seine Anregung hin von einem mercischen 
Geistlichen verfaßt. (Vgl. hierzu Miller 
in der Einleitung zu seiner Ausg. S. XXVIff. 
Weitere Lit. b. Brandl aaO. 1070.) 

VI. Gedichte. § 46. Auch auf 
poetischem Gebiet hat B. sich versucht, 
ohne eigentliche dichterische Begabung 
zu haben. Seine Gedichte sind zwar for- 
mell nicht ungeschickt, in Wahrheit aber 
doch nur versifizierte Prosa ohne poe- 
tisches Empfinden. 

§ 47. Die Dichtung De Miraculis Sancti 
Cuthherhti (hrsg. v. Giles i, i — 34; kritische 
Ausg. fehlt) ist unter der Regierung des 
jugendlichen Königs Osred von Northum- 
brien, dh. zwischen 705 und 7 16, entstanden 
(so Manitius 84 gegen Plummer CXLVl). Sie 
ist in Hexametern abgefaßt, metrisch im 
allgemeinen gut gebaut, auch stilistisch 
recht fließend und ohne Schwulst, aber 
im Grunde doch unpoetisch. Die spätere 
prosaische Neubearbeitung der Legende 
(um 720), die zu den Wundern eine Lebens- 
beschreibung fügt (s. oben § 37), ist sach- 
lich wesentlich interessanter. 

§ 48. In der Liste seiner Werke HEccl. 
5,24 führt B. auch einen Liber Hymnorum, 
diver so metro sive rhythmo und Liber Epi- 
grammatum, heroico metro sive elegiaco auf. 
Das Buch der Epigramme scheint 
verloren zu sein. Einige Hymnen 
werden B. beigelegt, aber ohne zwingende 

Hoops, Reallexikon. I. 



Gründe. Von den 14 bei Giles (1,54 — 103) 
unter diesem Titel abgedruckten Gedichten 
sind die 3 ersten: De ratione Temporum, 
De celebritate quatuor Temporum und De 
variis Computi regulis überhaupt keine 
Hymnen, sondern Lehrgedichte und wohl 
sicher nicht von Beda, sondern spätere 
versifizierte Bearbeitungen von Stücken 
aus seinem größeren chronologischen Werk 
De Temporum Ratione von 725 (s. Ebert 
AGdLit. I 648, A. 2). Eher könnte von 
den übrigen ii bei Giles abgedruckten 
Dichtungen die eine oder andere B. gehören, 
besonders De Die Jiidicii (s. Ebert 648. Mani - 
tius 86). Sicher authentisch ist nur ein 
in elegischem Versmaß abgefaßter Hym- 
nus auf die Königin ^thelthryth HEccl. 

4, 18/20 (s. Manitius 86). Er ist in schlichter 
Sprache, aber ohne poetischen Schwung 
geschrieben und nach der beliebten Sitte 
der Zeit mit übrigens recht geschickt aus- 
geführten Verskünsteleien geschmückt : 
mittels der Epanalepsis beginnt und endet 
jedes Distichon mit den drei gleichen 
Worten; und mittels Akrostichons ergeben 
die Anfangsbuchstaben der Hexameter 
das Alphabet von A — Z und die vier letzten 
das Wort «Amen'. ZB. V. 1—4: 

Alma deus trinitas^ quae saecula cuncta gubernas, 
Adnue iam coeptis, alma deus trinitas. 

Bella Maro resonet, nos pacis dona canamus: 
Munera nos Christi, bella Maro resonet. 

§49. Unter B.s Namen gehen noch 
verschiedene andere, aller Wahrschein- 
lichkeit nach unechteDichtungen; 
dazu gehören: das dialogische, in Hexa- 
metern geschriebene Gedicht Cuculus, sive 
Veris et Hiemis Conflictus (Giles i, 35 — ^y^ 
vgl. ebd. S. CLXIX), die trochäische Passio 

5. Justini Martyris (Giles i, 38 — 49, vgl. 
CLXIX), das öde, schwerfällige Martyro- 
logium Poeticum (ebd. i, 50 — 53), das 
Giles CLXX Beda zusprechen möchte, 
aber von B. selbst in der Liste seiner 
Werke HEccl. 5,24 nicht aufgeführt wird, 
während er bei der Cuthberht -Legende 
beide Versionen nennt. Unecht sind ferner 
die kurzen Lehrgedichte De duodecim 
signis Zodiaci und De Aetatibus (Giles i, 
104, vgl. CLXXI). 

VII. Briefe. § 50. In der Liste 
seiner Werke erwähnt B. endlich noch einen 
hiber Epistularum: fünf Briefe, deren In- 

14 



202 



BEDA 



halt er angibt, und die 731 augenschein- 
lich von ihm schon zu einem ,,Buch" zu- 
sammengefaßt und für die Öffentlichkeit 
bestimmt waren. Sie sind uns sämtlich 
erhalten : 

1. Epistola ad Plegwinum apologetica 
De sex Aetatibus Saeculi {708). Hrsg.v. Gilesi, 
144 — 54. S. oben § 15. 

2. De Mansionibus Füiorum Israel (716), 
An Acca. Hrsg. v. Giles I, 198 — 202. 

3. De eo quod ait Esaias ,,Et claudentur 
ibi in carcere et per dies multos visitabuntur"' 
(716). An Acca. Hrsg. v. Giles i, 203 — 14. 
Über die Datierung des 2. u. 3. Briefes s. 
Plummers Ausg. d. HEccl. I, S. CXLVHI. 

4. Epistola ad Helmwaldum De Ratione 
Bissexti. Der Brief ist als Kap. 38 (Giles 6, 
222 — 24) in das Werk De Temporum Ratione 
(725) eingefügt worden, und da er damals 
,,quondam" geschrieben war (S. 222), muß 
er geraume Zeit vor 725 entstanden sein. 
Den ursprünglichen Eingang des Briefes 
s. bei Plummer I S. XXXVH A i. 

5. Epistola ad Wicredam De Aequinoctio 
iuxta Anatolium. Hrsg. v, Giles i, 155 ff. 
Datierung unsicher. Das Jahr yyö in 
einigen Hss. ist spätere Interpolation 
(vgl. Giles I S. CLXXIVf.). 

§ 59- Weiterhin sind zu erwähnen: 
10 Begleitbriefe zu den theologischen Kom- 
mentaren (oben § 21. 23), von Giles ab- 
gedruckt vor diesen und noch einmal ge- 
sondert I, 169 — 97 u. 215 f. 

Endlich zwei Briefe, die erst nach Vol- 
lendung der Kirchengeschichte geschrieben 
wurden : 

Epistola ad Albinum (731), kurzer Be- 
gleitbrief mit einem Exemplar der Hist. 
Ecclesiastica. Hrsg. v. Giles i, 106 f. mit 
engl. Übersetzung; und v. Plummer in s. 
Ausg. d. HEccl. I S. 3. 

Epistola ad Ecgberhtum Episcopum, am 
5. Nov. 734, ein halbes Jahr vor B.s Tode 
geschrieben. (Ausg.: Von Giles i, 108 — 43 
mit engl. Übersetzung. Von Plummer 
aO. I 405 — 23 nach zwei Hss.) Ein be- 
deutsamer Brief an seinen Freund Ecg- 
berht, Bischof von York, mit einer ein- 
dringlichen Schilderung der unerfreulichen 
Zustände in der northumbrischen Kirche 
und Vorschlägen zur Hebung der Kirchen- 
und Klosterzucht. Weiteres über den In- 
halt bei Werner, Beda 88 — 91. 



Ende. § 52. Der Brief an Ecgberht war 
Bedas geistliches Testament. Schon bei 
der Abfassung desselben kränkelte er, und 
seine Leiden nahmen im Lauf der nächsten 
Monate zu. Noch auf dem Krankenlager 
war er mit rastloser Energie geistig tätig. 
Er verfaßte einige poetische Zeilen in eng- 
lischer Sprache, die als Bedas Sterbegesang 
bekannt und das Einzige sind, was wir in 
seiner Muttersprache von ihm besitzen. 
(Gute Ausg. bei Zupitza-Schipper Alt- u. 
Mittelengl. Übungsb.9 19 10, Nr. 3, m. 
Bibliographie.) Seine Hauptarbeit galt in 
diesen letzten Wochen seines Lebens 
einer Übersetzung des Johannesevan- 
geliums und einiger Auszüge aus Isidor 
ins Angelsächsische, die er einem jungen 
Schreiber diktierte. Leider sind diese 
Werke uns nicht erhalten. Ein Augen- 
zeuge, Cuthberht, später Abt von Wear- 
mouth und Jarrow, hat uns einen 
Bericht von ergreifender Schlichtheit 
und Anschaulichkeit über seines verehrten 
Lehrers letzte Lebenstage gegeben. (Ab- 
gedruckt b. Giles I, CLXIII ff., dazu 
Übersetzung LXXIX ff. ; beste Ausg. b. 
Plummer I S. CLX— CLXIV mit krit. 
Apparat, dazu Übersetzung LXXII ff. 
Vgl. auch Werner 91 f.) Am 25. Mai 735, 
dem Tage vor Himmelfahrt, starb er. 
(Über andere Datierungen s. Plummer 
LXXI A 3 und LXXIII A i.) 

§ 53. Schon zu seinen Lebzeiten als 
Mensch, Lehrer und Gelehrter in ganz Eng- 
land bekannt und gefeiert, wurde B. von 
der Nachwelt durch den Beinamen 'Vene- 
rabilis' ausgezeichnet, unter dem er schon 
im 9. Jh. bekannt war (s. Mabillon b. 
Migne Patrol. Lat. 90, 24 ff.). Das ganze 
Mittelalter verehrte in ihm einen seiner 
führenden Geister. Von seinen Schriften 
wird die Historia ecclesiastica dauernd das 
klassische Werk über Englands älteste Ge- 
schichte bleiben, durch das er der Vater 
der englischen Geschichtschreibung ge- 
worden ist; für das Mittelalter aber waren 
seine wissenschaftlichen und theologischen 
Schriften fast von noch größerer Be- 
deutung und von weiter reichender Wirkung. 

Gesamtausgaben. Von Giles in 
12 Bd. Lond. 1843 — 44. Migne Patrol. Lat. 
90 — 95- Paris 1850. Beide Ausgaben genügen 
"wissenschaftlichen Ansprüchen nicht. — Ein- 



BEDE— BEERENOB ST 



203 



zelausgaben s. oben unter den betr. Wer- 
ken. — Biogr. u. Kritiken. Mabillon 
Ven. Bedae Elogium historicum, Act. Sanct. III 
u. Migne PL. 90, 9 — 36. Gas. Oudinus 
Dissertatio de Scriptis Ven. Bedae b. Migne 
PL. 90, 71 — 102. Th. Wright Biogr. Lit. 
I 263 — 88; 1S42. Scholl in Herzogs Real- 
encyklop. 3 II 510 — 14. Karl Werner 
Beda d. Ehrwürdige u. s. Zeit, Wien 1875. 
A. E b e r t Allg. Gesch. d. Lit. d. Ma. I^ 634—50; 
1889 (i. Aufl. 1874). W. H u n t im Dict. Nat. 
Biogr. 1885. C. Plummer in der Einleitung 
zu s. Ausg. d. Hist. Eccl I S. IX ff. Oxf. 1896. 
Manitius Gesch. d. lat. Lit. im Ma. I 70 — 85 
(1911). 

Johannes Honps. 
Bede. Seit dem 12., spätestens dem 
13. Jh. begegnet uns in allen deutschen 
Territorien eine ordentliche, jährliche (in 
der Regel mehrmals jährlich gezahlte) Ab- 
gabe an den Landesherrn, die vom Ver- 
mögen (faktisch vom Grund- und Haus- 
besitz) gezahlt wifd und die Bezeichnungen 
(lokal verschieden) petitio, precaria, exactio, 
collecta, tallia, Bede, Schatz, Schoß, Steuer 
(so insbesondere in Süddeutschland) führt. 
Die Anfänge dieser Steuer liegen in weit 
früherer Zeit. In den Kapitularien der 
Karolinger und in alten Immunitätsprivi- 
legien finden wir nämHch bereits verein- 
zelte Andeutungen über eine offenbar ent- 
sprechende Abgabe, welche die Inhaber der 
gräflichen Rechte — die Vorläufer der 
Landesherren — von den Insassen ihrer 
Gerichtsbezirke erheben. Jetzt ist diese 
freilich noch nicht allgemein verbreitet 
und hat ohne Zweifel meistens den Cha- 
rakter der Freiwilligkeit gehabt. Den 
Namen petitio, Bede (nd. für Bitte) leitet 
man daher, daß die Abgabe ursprünglich 
eine freiwillige Leistung war. 

G. V. B e 1 o w Art. Bede, Handwb. d. Staats - 
wiss , 3, A., 2, 735 ff. W a i t z DVG. 4 *, 171 ff. 

G. V. Below. 
Beerenobst. § i. Außer den Baum- 
früchten sind auch die eßbaren Beeren- 
arten von jeher von den Menschen gesam- 
melt und als erfrischende Zukost genossen 
worden. In den steinzeitlichen 
Pfahlbauten der Schweiz fanden sich neben 
den Resten des Kern- und Steinobstes auch 
die Kerne der verschiedensten Beeren - 
fruchte zum Teil in reichlichen Mengen 
vor (s. Obstbau i); so besonders häufig 
die Brombeere (Rubus fruticosus u. 



caesius L.), Himbeere {Rubus idaeus L. ) , 
Erdbeere {Fragaria vesca L. ; s. Neu - 
Weiler Prähist. Pfianzenr. 56) und die Beeren 
des Holunders {Sambucus nigra L.), 
vereinzelt auch die Heidelbeere [Vac- 
cinium myrtillus L.) und Preißelbeere 
( V. vitis idaea L.). Die Kerne kommen unver- 
kohlt haufenweise vor: sie gelangten, nach- 
dem sie den menschlichen Darmkanal pas- 
siert hatten, mit dem Kot in den See (Neu - 
weiler 56. 58). Die im Rohzustande 
kaum genießbaren Holunderbeeren wurden 
vielleicht gekocht (Neuw. 85). Recht häufig 
kommen ferner die Früchtchen des At- 
tichs oder Zwergholunders [Sambucus 
ebulus L.) und in mehreren Pfahlbauten die 
des wolligen Schneeballs [Viburnum 
lantana L.) vor. Ob die letztern auch ge- 
gessen wurden, ist unsicher (vgl. dazu Heer 
30, Neuweiler 86). Die Beeren des Attichs 
(ebenfalls unverkohlt) wurden vielleicht 
zum Blaufärben der Zeuge gebraucht, da 
sie einen blauen Farbstoff enthalten, oder 
sie fanden wegen ihrer schweißtreibenden 
Eigenschaft offizineile Verwendung; zum 
Essen werden sie bei ihrem ,, widerwärtigen 
Geruch und unangenehmen säuerlichen und 
bittersüßen Geschmack" kaum gedient 
haben (Heer 30). 

§ 2. Übereinstimmend mit diesen 
archäologischen Zeugnissen lehrt uns die 
Sprachgeschichte, daß die indogermani- 
schen Völker früh den Beeren des Waldes 
ein lebhaftes Interesse zuwandten. Für 
den Begriff 'Beer e' im allgemeinen 
liegen zwei Wortreihen vor, die eine aus 
der idg. Urzeit stammend: lat. üva (aus 
*öug^ä) 'Weinbeere', lit. uga, akslaw. 
jagoda 'Beere' (aber s. Walde EW. 2 sv.) ; 
die andre aus der urgerm. Epoche: got. 
basi n. (in weina-basi), anord. ber n., dän. 
beer, schw. bär, ags. berige f., ne. berry, 
as. beri n., ndl. bes u. bezie, ahd. 
beri n., nhd. beere f. (urgerm. *bdsja-, 
*bazjd-). Auch für die Brombeere 
[Rubus fruticosus L.) gibt es zwei alte 
Namenreihen, eine idg. : gr. {xopov, [xoipov, 
lat. mörum 'Brombeere', dann auf die 
'Maulbeere' übertragen, ir. merenn, kymr. 
mer-wydden 'Maulbeere', armen, mor, mori 
(Schrader Reallex. 64. 533, Hoops Waldb. 
u. Kulturpfl. 557); die andre gemeingerm. : 
dän. brambccr, brombeer, schwed. brombär, 

14* 



204 



BEFESTIGUNGSWESEN 



ags. hrSmelberian (pl.), ne. hramhle-herry, 
mnd. brämber, ndl. hraamhezie, ahd. bräm- 
beri, nhd. brombeere. Gemeingerm, sind 
ferner die Namen der Himbeere {Ru- 
bus idaeus L.) : dän. hindbcer, ags. hindberige, 
as. hindbert, ahd. hintberi, nhd. himbeere; 
Erdbeere [Fragaria vesca L.) : dän. 
jordbcer, schw. jordbär, ags. eorßberge, ndl. 
aardbezie, ahd. erdberi, nhd. erdbeere; und 
des Holunders [Sambucus nigra L.) : 
dän. Äy/^, schwed. norw. /^y//, mnd. holder, 
nnd. holler, ahd. holantar, holuntar, nhd. 
holunder, holder, urverwandt mit poln. 
kalina 'Hirschholunder*, czech. sorb. russ. 
kalina 'Viburnum opulus, Schneebair. 

Es sind durchweg Namen von Beeren, 
die auch archäologisch in menschlichen 
Siedlungen der Vorzeit nachgewiesen sind. 

§ 3. Die Stachelbeere [Ribes 
grossularia L.) scheint in der Urzeit wenig 
beachtet worden zu sein; in prähisto- 
rischen Siedlungen ist sie nicht gefunden. 
Doch war sie wenigstens im frühen MA. 
bekannt; wir haben einen alten westgerm. 
Namen für sie: ags. ßefanßorn, ßifeporn, ahd. 
depandorn (Graff Sprachsch. 5, 227. Schade 
Ahd. Wb. I 99 b). 

§ 4. Dagegen fehlt für die rote und 
schwarze Johannisbeere [Ribes ru- 
brum u. nigrum L.), die heute überall in 
den Gärten gezogen werden, in der alten 
Zeit merkwürdigerweise jegliches sprach- 
liche und archäologische Zeugnis. Ihre 
heutigen Benennungen in den germ. Spra- 
chen sind durchweg jung; und da beide 
Arten in Norddeutschland wie im ganzen 
Norden und Osten Europas einheimisch 
sind, so scheint es in der Tat, daß sie im 
Altertum und Mittelalter unbeachtet ge- 
blieben und, wie Fischer- Benzon vermutet, 
erst gegen Ende des 14. Jhs. für weitere 
Kreise entdeckt worden sind. 

§ 5. Von einer Kultur der ein- 
heimischen Beerensträucher ist uns aus 
dem MA. in ganz Nordeuropa nichts 
bekannt. Es scheint, daß damit erst 
etwa vom 16. Jh. ab der Anfang gemacht 
wurde. Manche viel genossenen Beeren - 
arten, wie Brombeeren, Heidelbeeren und 
Preißelbeeren, haben sich der Kultur ja bis 
heute entzogen. 

§ 6. Die einzigen schon im frühen MA. 
in Mittel- und Westeuropa vielerwärts 



gebauten Beerenfrüchte sind zwei süd- 
ländische, von den Römern eingeführte: 
die Weintraube und die Maul- 
beere (s. d.). 

Heer Pflanzen d. Pfahlbauten 28 — 30 (1865). 
R. V. Fischer-Benzon Zur Gesch. un~ 
sers Beerenobstes, Bot. Centralbl. 64 (1895), 321- 
369. 401. Hoops Waldb. u. Kulturpfl. 298 f. 
612 ff. E. N e u w e i 1 e r Prähist. Pflanzen- 
reste Mitteleuropas; Zürich 1905. 

Johannes Hoops. 

Befestigungswesen. § i. Sehr weit, 
nicht weniger als anderthalb bis zwei Jahr- 
tausende vor alle literarische Überlieferung 
gehen auf deutschem Boden die Befesti- 
gungen selbst zurück. Wir kennen bereits 
ihrer drei aus der Steinzeit: i. den 
Michelsberg b. Untergrombach zwischen 
Bruchsal u. Karlsruhe; 2. den großen Halb- 
mond bei Urmitz (Neuwied) am Rhein und 
3. Mayen in der Eifel. ' Sie sind mit Wall 
und Graben wohl befestigt, aber wir wissen 
noch nicht, ob sie dauernd bewohnt oder 
nur Fluchtburgen waren. In die Bronze- 
zeit werden in Süd- und Mitteldeutsch- 
land ebenfalls eine Anzahl Burgen zurück- 
geführt, deren nähere Untersuchung aber 
noch aussteht, aus der Hallstattzeit 
hat Soldan bei Neuhäusel (nördl. Ems) 
und Traisa ein paar untersucht und über- 
raschenderweise in jeder ein großes hallen- 
artiges Hauptgebäude (Pfostenbau) ge- 
funden. Aber alle diese Anlagen liegen auf 
einem Gebiete, das in jenen frühen Zeiten 
noch nicht germanisch war, sondern keltisch. 

§ 2. Auf altgermanischemBo- 
d e n treten die ältesten Befestigungen erst 
einige Jahrhunderte vor Chr. auf und zwar 
in Ostdeutschland bei den Sueben (s. 
Volksburgen). In Westdeutschland muß 
es nach dem Ausdruck saltus Teutobur- 
giensis zur Zeit der Römerkriege eine 
Teutoburg gegeben haben, die am wahr- 
scheinlichsten in der Grotenburg b. Det- 
mold (Taf . 1 2) zu erkennen ist : der Berg dort 
heißt noch im MA. ,,der Teut'*, und die 
Reste des, ,großenHünenringes"zeigennach 
keltischem Muster eine trockne Bauart 
aus großen Steinklötzen, wie sie in den 
späteren Perioden germanischer Befesti- 
gungskunst nicht mehr vorkommt. 

§ 3. Landwehren (s. d.) treten um- 
gekehrt eher in der Literatur auf, als wir sie 



Tafel 12. 




enourg 

bei Niedenstein 

Au/gt/iomme/i rgo G fisentraut und IKLgnqt,^ 
StzKi'chntt vQn i¥. L 9fige JSOS, 



Maßstab 






Die Altenburg bei Niedenstein. i : 1 1 ooo. 




Die Grotenburg bei Detmold, i : loooo. 

Befestigungswesen : Volksburgen. 



RÖMERSCHANZE 
POTSDAM^ 




Tafel 13. 




I : 200 



I I : 4400 





I : 10 000 



I : 10 000 





5 I : 200 6 I : 10 000 

Befestigungswesen : Volksburgen. 

I. Römerschanze bei Potsdam (Altgermanische Volksburg). — 2. Wall der Römerschanze. — 3. Sigiburg 

(Hohensyburg) am Zusammenfluß der Ruhr und Lenne. Sächsische Volksburg. — 4. Skidroburg 

(Herlingsburg) bei Schieder. Sächsische Volksburg. — 5. Tor der Sigiburg (vgl. 3). — 

6. Stantonbury camp, westlich Bath, am Wansdyke. 



BEFESTIGUNGSWESEN 



207 



in der Wirklichkeit nachweisen können. Der 
latus agger, den die Angrivaren als Grenze 
gegen die Cherusker aufgeworfen hatten, 
ist im Gelände nicht nachzuweisen. Die 
vielen andern Landwehren aber, die man 
nach ihrer Lage (in Aen Pässen des Lippi- 
schen Waldes, an der Südgrenze von Alt- 
sachsen gegen Hessen, wie gegen Thü- 
ringen) für alte Verhältnisse in Anspruch 
nehmen möchte, erweisen sich schon durch 
ihre Form als mittelalterlich. Noch zur 
karolingischen Zeit haben Landwehren, 
Wegesperren, Talsperren immer nur das 
Profil von einfachem Wall und Graben 
gehabt, wie die Linie des römischen 
limes; der breite Wall mit Graben jeder- 
seits oder die zwei- und dreiwalHge Land- 
wehr ist überall, wo man sie einmal be- 
stimmt datieren kann, erst aus dem 13., 
gewöhnlich aber 14. Jh. 

§ 4. Die Sueben mit ihrem Kern- 
volk der Semnonen (Mark und Lausitz) 
sind die ersten großen Burgenbauer unter 
den Germanen gewesen, wahrscheinlich 
weil sie die Ostmark zu halten hatten gegen 
die Kelten in Böhmen und die sarmatischen 
Völker in Schlesien und Polen. Man 
gewinnt den Eindruck, daß hier in alt- 
germanischer Zeit schon ähnliche Verhält- 
nisse herrschten wie nachher unter dem 
Burgenbauer Heinrich L 

§ 5. Die nächste große Zeit des Burgen- 
baus oder doch der Burgenbenutzung ist 
die der Sachsenkriege gegen Karl d. Gr. 
Wir lernen hier durch die fränkischen 
Annalen eine Reihe von Sachsenbur- 
gen kennen, wie die Eresburg, Sigiburg, 
Skidroburg, Brunsburg, Iburg, Hohsiburg, 
die wir auch fast alle im Gelände noch 
nachweisen können und zum guten Teil 
ausgegraben haben. Sie liegen auf Berges- 
höhen, haben die unregelmäßige Form des 
Bergplateaus, an den Toren eingebogene 
Wallenden und an den gefährdeten Seiten 
vermehrte Vorlinien. Daneben haben in 
der Ebene die Burgen derselben Zeit runde 
oder ovale Form. (S. Taf. 12 u. 13.) 

§ 6. Von welchen Seiten die Sachsen 
zum Bau dieser Burgformen angeregt sind, 
war lange zweifelhaft. Denn in ihrer alten 
Heimat, in Schleswig-Holstein gibt es nur 
wenige und späte Burgen, in Dänemark 
werden die spärlichen Ringwälle (S.Müller 



Nord. Altk. n 241 ff.) wohl mit Recht 
ins 9. — II. Jh. gesetzt, und in Schweden 
und Norwegen kennt man ebenfalls vor 
der Wikingerzeit keinen Burgenbau. 

Hölzermann hat 1868 die Römerschanze 
bei Potsdam wegen ihres von innen her 
aufgeworfenen Walles, der eingebogenen 
Wallenden am Tore und der vermehrten 
Grabenlinien am sanften Hange für das 
Nachtlager eines sächsischen Heerhaufens 
erklärt, der in der Völkerwanderungszeit 
in diese östlichen Gegenden versprengt 
worden sei. Die Beobachtung von der 
nahen Verwandtschaft dieser Burg mit 
sächsischen zwischen Weser und Elbe ist 
durchaus richtig, die Erklärung muß aber 
umgekehrt lauten: was die Sachsen in der 
Völkerwanderungszeit zwischen Weser und 
Elbe bauen, ist bei den Semnonen in der 
Mark und der Lausitz seit Jahrhunderten 
vorgebildet, und zwar nicht allein die 
Bergburgen in der eben geschilderten Form, 
sondern auch die einfachen runden oder 
ovalen Burgen in der Ebene. Die Rich- 
tung, die hier die Kulturentwicklung nimmt, 
können wir auch sonst mehrfach beob- 
achten, z. B. an der Keramik und an den 
Urnenfriedhöfen . 

§ 7. Nicht bloß altgermanisch, sondern 
auch altgriechisch und italisch ist die 
Form des fürstlichen Wohnens auf einem 
offenen Hofe am Fuß einer Flucht- 
burg (Volksburg, s. d.). Bei Dio- 
genes Laertius wird uns die Aufklärung 
gegeben, wie diese Fluchtburgen gedacht 
waren. Servius Tullius, sagt er, legte sie 
an und nannte sie mit griechischem Aus- 
druck iraYOuc: (von ttt^'j'vujxi) 'Befesti- 
gungen', damit die Bewohner des flachen 
Landes in Zeiten der Gefahr eine Zuflucht 
hätten; auf der Burg wurden Listen ge- 
führt von denjenigen, die zu ihr gehörten, 
wurden die Steuern erhoben und das Auf- 
gebot gesammelt. 

§ 8. Diese Volksburg hat auf altger- 
manischen Gebieten bestanden, bis der 
fränkisch-römische befestigte Herrenhof 
und weiterhin die dadurch hervorgerufene 
mittelalterliche Herrenburg sie ablöste. 
Der befestigte Herrenhof, im 
fränkischen Gebiet auf römischer Grund- 
lage von selbst erwachsen, ist in Nord- 
deutschland durch Karl d. Gr. eingeführt 



Tafel 14. 




Tafel 15. 




o 
o 

o 







'^mm^m 






:^ 








ö \ 





o 

CO 




Befestigungswesen : Herrenburgen. 

I. Grundriß Schloß Rheden bei Graudenz nach Piper Burgenkunde. — 2. Aderno am Ätna nach Piper 
Burgenkunde. — 3. Tower-London nach Baedeker. — 4. Marienburg i. Wpr, nach Piper Burgen- 
kunde. — 5, Marodei in Mecklenburg-Str. nach Piper Burgenkunde. — 6. Burg a. d. Tapete v. Bayeux 
nach Piper Burgenkunde. — 7. Burg Bodmann a. Bodensee nach Piper Burgenkunde. 



Tafel 16. 




Hunnenschanze am Uddeler Meer in Holland, i : 2200. 




pipinsbur^-. 



M n.M, ---,^&i:p-Gr^*^^ 




Hünenburg b. Todenman (Rinteln), i : 700. 



Pipinsburg. i : 1250. 





Aseburg b. Herzlake, i : 750. Hünenburg b. Todenman (Rinteln), i : 3500. 

Befestigungswesen : Herrenburgen. 



BEFÖRDERUNGSWESEN 



211 



(s. Königshöfe). An den Grenzen 
wie an den Land- und Wasserstraßen hat 
Karl diese Höfe etappenweise angelegt, mit 
Grafen und Königsbauern besetzt und als 
Unterkunfts- und Verpfiegungsstationen für 
die vielfach verwendeten fliegenden Korps 
benutzt. (S. Taf. 14.) 

§ 9. Vielfach ist im Sachsenlande in 
der Form dieser Königshöfe der Einfluß 
der alten Volksburgen zu spüren (Pöhlde, 
Sichtigvor). Er bricht noch stärker 
hervor, als es Sitte wird, daß der Herr den 
Hof mit seinen' Scheunen und Stallungen 
verläßt und sich für die nächsten Bedürf- 
nisse der Familie eine stark befestigte 
kleine B u r g (s. d.), womöglich an oder auf 
dem Berge baut. Das beginnt um 900 
(Todenman) und wird nachher durch 
Heinrich I. stark verallgemeinert. Im 
mittelalterlichen Burgenbau treten 
die beiden Elemente, das romanische und 
das germanische, zusammen auf, vielfach 
getrennt, öfter auch gemischt. Den rein 
romanischen Typus bietet die Normannen- 
veste mit dem Keep in der Mitte des vier- 
eckigen Burghofes und einfachen Linien 
der äußeren Umwehrung. Ihm entspricht 
die Warte in Form der motte und das 
Schloß der Deutschordensritter (s. H e r - 
r e n b u r g). Germanisch dagegen ist die 
Anpassung des Grundrisses der Burg an 
das Gelände mit ungleichmäßiger Um- 
wehrung an den verschiedenen Seiten, und 
die Besetzung des Innenraums durch Ge- 
bäude an der Mauer entlang, so daß in der 
Mitte ein Burghof frei bleibt. Dieser 
Typus, den wir zuerst bei der Pipinsburg 
(Geestemünde) und der Hunneschans am 
Uddeler Meer (Holland) auftreten sehen, 
wird nachher für das ganze deutsche und 
vielfach auch das wälsche MA. maß- 
gebend (Wartburg, Chillon, s. Taf. 15 u. 16). 

§ 10. Die Stadt (s. d.) schließlich 
entwickelte sich, außer einigen Fällen, wo 
römischer Einfluß sie schon früh hervor- 
gerufen hat (Köln), erst vom 12. Jh. an, 
und zwar, wenn eine Burg schon vorhanden 
ist, gewöhnlich aus der an ihrem Fuße ge- 
legenen offnen Siedelung, unter Einbe- 
ziehung der Burg in den neuen allgemeinen 
Mauerring. Einen Namen auf - hurg 
führen nur diejenigen Städte, die in solcher 
Weise eine vorher schon vorhandene Burg, 



sei es altgermanische Volksburg (Würz- 
burg, Hammelburg) oder mittelalterliche 
Herrenburg (Quedlinburg, Merseburg) in 
sich aufgenommen haben. Schuchhardt. 

Beförderungswesen. A. England. §1. 
Der Landtransport von Personen und 
Gütern geschah zuerst zu Pferde. Nach der 
Anlage der Römerstraßen erfolgte er großen - 
teils auf Wagen (ags. wcegn m., crcEt n.), 
die gewöhnlich zweirädrig waren und 
von einem Ochsenpaar gezogen wurden. 
In einigen Gegenden wurde diese Methode 
der Güterbeförderung sehr frühzeitig an- 
gewandt. Diodorus Siculus (der einige 
Jahre vor unsrer Zeitrechnung schrieb) 
schildert die Beförderung von Zinn 
in Wagen zum Markt auf der Insel 
Wight (s. Archaeologia 59, 281 ff.). In 
andern Gegenden wurden Waren, beson- 
ders Salz, auch auf Pferden transportiert: 
s. die traditionellen Gewohnheiten der 
salzbereitenden Bezirke im Domesday- 
Buch (I 268, 2: Middlewich). 

§ 2. Die Wörter wcegn und crcEt werden 
beide für lat. currus gebraucht; wcEgn gibt 
auch lat. plaustrum und carrus wieder. 
Wcegn- gew^du n. pl. (Angl. 9, 264) ist die 
Wagenbekleidung. Eine Darstellung eines 
von zwei Pferden gezogenen Gefährtes 
gibt Th. Wright (Hist. of Dom. Manners 
and Sentim. ; 1862) nach einer altenglischen 
Prudentius-Handschrift. 

§ 3. Die gewöhnliche Art zu reisen 
war bei den obern Klassen, Männern wie 
Frauen, zu Pferde. Die Frauen ritten auf 
einem Polster- oder Seitensattel. In den 
seltnen Fällen, wo ältere Frauen oder 
Kranke zu reisen gezwungen waren, konn- 
ten sie in einer Sänfte getragen werden, 
die zwischen zwei Pferden befestigt war. 

§"4. Das Geschirr der Reitpferde 
zeigen die von' Wright (aaO. 71 ff.) gege- 
benen Abbildungen aus Manuskripten. 
Es bestand größtenteils aus Leder und 
wurde vom Schuhmacher verfertigt. yElfrics 
'Colloquium' zählt unter den von diesem 
gemachten Artikeln auf: Zügel [hrldel- 
pwongas), Pferdegeschirr und Sattel- 
schmuck {gerceda, vgl. 11 Knut 71), Sporen- 
leder [spur-lepera) und Halter [hcclftra). 
Die Form des Sattels sieht man auf dem 
Bilde eines reiterlosen Pferdes in dem Ms. 
des Colloquiums (bei Wright 72). 



212 



BEGNADIGUNG— BEGÜNSTIGUNG 



§ 5. Die Frauen brauchten beim Reiten 
und Fahren eine dreiriemige Peitsche, die 
an einem Stock befestigt und mit Blei- 
küselchen an den Schmicken versehen war. 
Männhche Reiter bedienten sich der Spo- 
ren, um die Pferde anzutreiben, und an- 
scheinend auch der Schäfte ihrer Speere. 
Sporen waren oft von bedeutendem Wert: 
eine Urkunde v. 950 (bei Thorpe Diplo- 
matarium 503) erwähnt ,,zwei Sporen von 
drei Pfund". Ihre Form wie auch die des 
Steigbügels (ags. stTg-räp, hlypa) sieht man 
bei Wright aaO. 

§ 6. Zu ihrem Schutz unterwegs pfleg- 
ten die Reiter Speere zu tragen. Beda 
(Vita Cuthberti c.vi.) erzählt: eines Tages, 
als der hl. Cuthbert nach Melrose kam und 
in die Kirche gehen wollte, um zu beten, 
habe er, nachdem er vom Pferde gesprun- 
gen, ,, dieses und seinen Reisespeer der 
Sorge seines Dieners überlassen, denn er 
hatte noch nicht die Tracht und Gewohn- 
heiten eines Laien aufgegeben." 

Der Fußwanderer trug einen Speer oder 
einen Stab. Das Tragen des Speers war 
so gewöhnlich, daß eine besondere gesetz- 
liche Verordnung darüber erforderlich war. 
S. Alfreds Gesetze 36 (Liebermann 68. 70). 
Fromme Geistliche, wie die Bischöfe Aidan, 
Chad und Cuthbert, fanden es mit der 
Demut ihres heiligen Berufs besser ver- 
einbar, daß sie immer zu Fuß reisten, 
und wollten keinen andern Schutz als einen 
Stab haben. 

B. Über das deutsche und nordische 
Beförderungswesen vgl. 'Verkehrswesen'. 

R. J. Whitwell. 

Begnadigung. Die älteste Form der 
B. im Sinne eines Erlasses der verwirkten 
Strafe sieht man vielfach in der Behand- 
lung des abgelehnten Opfers bei der sa- 
kralen Todesstrafe (s.d.). ÄhnHches liegt 
vor bei der Gewährung des Friedens an 
den Friedlosen durch die Gesamtheit, 
später den König, insoweit diese Ermessens- 
sache war. Ein Begnadigungsrecht, das 
sich in Lösung von jeder Strafe oder in 
Strafumwandlung äußern konnte, hatten, 
insbesondre für den Fall der Todesstrafe, 
der fränkische und der langobardische 
König. Hier wie bei den Nordgermanen, 
denen sonst die B. wenig bekannt ist (s. a. 
Amnestie), ergibt sich eine B. (isl. syknulof) 



der Sache nach aus der arbiträren Strafge- 
walt, sei es des Königs oder des Volkes (s. 
Strafwesen). Im weitesten Umfang kennt 
das angelsächsische Recht die B. Dort 
hat der König das Recht der B. {Izehting), 
kann begnadigen {ärian), insbesondere von 
Todesstrafe (feorhes geunnan) oder Prügel- 
strafe {swingelle forgiefan). 

B e y e r 1 e Von der Gnade im deutschen 
Recht. V. Schwerin. 

Begünstigung. Die B. wurde nach 
allen german. Rechten gestraft, als eine 
Hinderung oder Nichtherbeiführung der 
auf den Friedensbruch folgenden nega- 
tiven oder auch positiven Reaktion. 
Besonders schwer bestrafen die nord. 
Rechte die Unterstützung eines Fried- 
losen (anorw. fiytia ütlagan mann), sei 
es durch Nahrungsreichung, durch Be- 
herbergung (isl. innihgfn, afries. husa and 
howia), durch Fluchtunterstützung, durch 
Dazwischentreten zwischen ihn und die 
Verfolger (isl. fyrirstad'a) ; auch das 
angels. Recht straft die Beherbergung 
des Friedlosen (ags. fiymena fyrmä). Die 
Strafe ist in diesen Rechten meist gleich 
der des Täters; der Begünstiger verfiel 
selbst der Friedlosigkeit oder hatte sein 
Wergeid zu zahlen ; später finden sich im 
Norden die Vierzigmarkbuße, auch geringere 
Bußen. Der Ehefrau war gewisse Hilfe, 
andern Verwandten wenigstens eine Hilfe- 
leistung gestattet. Als B. galt auch das 
vorzeitige Abnehmen auch des toten Ver- 
brechers vom Galgen, der außergerichtliche 
Vergleich (ags. dierne geßinge, afries. dem 
son), durch den der Fiskus geschädigt 
wurde (anorw. drepa nid'r reit konungs), 
die Wiederfreilassung eines festgenommenen 
oder in Verwahrung genommenen Diebes, 
durch die man nach schwedischem Recht 
zum lottakari (Teilnehmer im untechni- 
schen Sinn) des Diebes wird, das Aufhalten 
der Verfolger (afries. urstonda)] auch die 
Befreiung eines Gefangenen (aschw. 
gislingahrut) kann man hierher rechnen. 
Die kontinentalen Rechte strafen die B. 
anscheinend milder. Doch dürften die in 
den Quellen sich findenden Fälle der B. 
nur milder behandelte Einzelformen (ein- 
malige oder unwissentliche Unterstützung) 
der B. oder eine jüngere Entwicklung 
repräsentieren. Im Regelfalle wurde auch 



BEIHILFE— BEINARBEITEN 



21 



hier der Begünstiger dem Täter gleich- 
gestellt, als Friedloser und infidelis be- 
handelt. 

B r u n n e r DRG. II 575 ff. W i 1 d a Straf- 
recht 93 ff., 635 ff. Brandt Retshistorie II 59 f., 
133 f. del Giudice Diritto penale 55 ff. 
S c h m i d Glossar 575 s.v. flymena-fyrm^ und 
feormian. Osenbrüggen Alam. Straf recht i']'^^^ 
Lang. Strafrecht 44. v. A m i r a Altnorw. Voll- 
streckungsverfahren 4 ff . H i s Strafrecht 93 ff. 

V. Schwerin. 

Beihilfe. Wie die Anstiftung (s. d.), 
ist im ältesten german. Recht auch die 
B., die physische Teilnahme (afries. folliste, 
folste ende help), nicht berücksichtigt 
worden. Erst im Laufe der Entwicklung 
ist dies der Fall, werden Beihilfehand- 
lungen und Beihilfedehkte herangezogen. 

Zuerst wohl war dies der Fall bei den 
sogenannten Bandenverbrechen, denen die 
BeteiHgung mehrerer Personen begriffs- 
wesentlich ist. Wenn nämlich mehrere 
Personen in geschlossenem Trupp (anord. 
fgruneyti, flokkr, ags. hlö^, lat. exercitus, 
contubernium, lang, arischild, afränk. hariz- 
hut, heriszuph) zur Begehung von Ver- 
brechen ausziehen (insbes. Heimsuchung, 
räuberischer Überfall) und eine nach den 
einzelnen Rechten verschiedene Zahl er- 
reicht oder doch nicht überschritten ist, 
dann werden neben dem Anführer (aschw. 
hovoßmaßer^ adän. hovcethsman, fries. hau- 
ding, ledare, lat. prior, ille qui in capite est) 
auch die ,, Folger" (aschw. sunt eru mcep i 
ßokk oc farunöte, adän. sum cer i far ok 
fylghce, isl. er veita hanum liä oc jqruneyti, 
fyrirmenn, fries. folgere, samnade siden, 
lat. qui secuti sunt) zur Verantwortung 
gezogen. Dabei ist die Behandlung im 
einzelnen verschieden. Man kann bald 
alle Folger belangen (adän. giva fylgis sac), 
oder nur die ,, ersten" und dazu allenfalls 
noch die unmittelbar folgenden, und bei 
folgerichtiger Behandlung haben dann 
diese Bandenbuße (ags. hlöäböt), der Täter 
(Hauptmann) aber die Deliktsbuße zu 
zahlen. 

Abgesehen hiervon findet sich aber 
auch sonst Verfolgung des Gehilfen. So 
stellt das schwedische Recht dem Haupt- 
mann bei nicht von einer Bande verübter 
Körperverletzung den ,, Helfer" [poer til 
halp) gegenüber [atvistarmaßer) , auch 



strafen manche Rechte den Helfer bei 
der Notzucht und beim Frauenraub. 

Endlich kennen verschiedene Rechte 
Beihilfedelikte, so zB. das Ausleihen von 
Waffen, das Reichen von Waffen bei 
einer Rauferei, das Aufhalten eines 
Fliehenden im Interesse seiner Verfolger 
(abair. wancstodal). Hierher gehört viel- 
leicht die norwegische Bestimmung, daß 
der, der bei einer Rauferei untätig, also 
auch nicht schhchtend, zusieht, eine Buße 
[slanbaugr) an den König zu zahlen hat. 
In der Bestrafung wird die B. ähnlich 
behandelt wie die Anstiftung. Der Helfer 
verfällt in der Regel geringerer Buße und 
außerdem gilt die B. anfänglich nicht als 
Friedensbruch, so daß sie zwar Buße an 
den Verletzten, aber kein Friedensgeld 
erheischt. 

Bei all dem ist zu bemerken, daß trotz 
scharfer Scheidung des Täters von den 
Teilnehmern die Frage, wer als Täter oder 
als Teilnehmer anzusehen ist, in den 
Rechten nicht einheitlich beantwortet ist, 
so daß bei Vergleichung verschiedener 
Rechte die Grenze der beiden Verbrechens- 
formen verwischt erscheinen kann (s. 
Mittäterschaft). 

B r u n n e r DRG. II 569 ff. Schröder 
DRG. 8354. 61. Wilda Strafrecht 612 ff. del 
Giudice Diritto penale 52 ff. Brandt 
Retshistorie II 57 ff. Matzen Strafferet 59 ff. 
H i s Strafrecht 90 ff. Nordström Bidrag 
II 327 ff. Kjer Edictus Rotari 125 ff.; 
M e r k e r Strafrecht d. Grägäs 28 f. Osen- 
brüggen Alant. Strafr. 170. — S. a. Lit. zu 
,, Teilnahme". v. Schwerin. 

Beinarbeiten. Werkzeuge, Geräte und 
kunstgewerbliche Arbeiten aus Knochen 
seit Urzeit gebräuchlich. Ursprünglich 
wurden aus diesem Material vorwiegend 
nützliche Werkzeuge (Pfrieme, Nadeln 
u. dergl.) hergestellt, nach Zutritt der 
Metalle mehr kunstgewerbliche. Insbe- 
sondere wurden die Kämme aus Knochen 
gefertigt — mit breitem, verziertem 
Rücken, öfters auch mit Klappen zum 
Verdecken der Zähne (nach Art heuti* 
ger Taschenkämme). Die Verzierung 
wurde der Regel nach eingeritzt, — doch 
finden sich auch reichgeschnitzte (beson- 
ders doppelseitige) mit Reliefs auf dem 
Mittelteil; zugleich wurden Edelmetalle 



214 



BEINSCHIENEN— BEISCHLÄFERIN 



und Steine zum Ausschmuck verwandt, 
wobei besondere Pracht gesucht wurde. 
(Sog. Kamm Heinrichs L, Dom zu Quedlin- 
burg.) Auch zu Kästchen aller Art, be- 
sonders Reliquiarien (R. von Chillon) als 
Bekleidung gebräuchlich. A. Haupt. 

Beinschienen. Metallene Beinschienen 
fehlen bis jetzt in den german. Funden 
völlig. Wie Helm, Panzer und andre 
Stücke einer vollkommeneren Schutz- 
rüstung werden sie erst in nachrömischer 
Zeit übernommen, und sind bei ihrer 
Kostbarkeit — der Wert von zwei guten 
(d. h. metallenen) Beinschienen entspricht 
nach dem ripuarischen Landrecht dem 
eines Helmes (tit. 36 cap. II : siquis were- 
geldum solvere debet, b ainb er g a s b - 
n a s sex solidis tribuat) — den Führern 
vorbehalten. Paulus Diaconus Kap. 40 
erwähnt sie unter den langobardischen 
Königswaffen. Der gemeine Krieger schützt 
(vgl. Agathias II 5 von den Franken) 
Beine und Schenkel mit Bändern von 
Linnen und Leder (vgl. die Darstellungen 
in den Manuskripten: Jahns Kriegsatlas 
Tafel 37, 6 und Westwood The miniatures 
and Ornaments of Anglos axon and Irish Mss. 
1862 Tafel 8). Auch Lederschienen und 
durch Metallplatten verstärkte Leder- 
strümpfe scheint man getragen zu haben. 
Die ags. Glossen übersetzen ocrea (vgl. 
Heyne Hausaltert. III 253, 286) neben 
bän-beorg, bänrift, sceanc-gebeorg mit leßer- 
hosa und scinhosa (Keller A. S. Weapon 
names 1906 S. in f. 270 f.). Die erste 
Darstellung von Metallbeinschienen ist 
von einem sächsischen Rehquiar aus der 
Zeit nach 890 (S. J. Strutt Dress and 
habits of the people of England iyg(> — 1799 
Taf. XXIV), wo ein Däne dünne Metall- 
platten trägt, die vorn an den Strümpfen 
befestigt sind und vom Spann bis zum 
Knie reichen. In romanischer Zeit be- 
stehen die Beinschienen ganz aus Eisen 
oder Stahl und legten sich vom Knie bis 
zum Fuße reichend um die vordere Hälfte 
des Unterschenkel. Sie bilden ein wesent- 
Hches Stück ritterlicher Rüstung. 

Max Ebert. 

Beischläferin. §1. Die Sitte, neben 
der Ehefrau, eventuell auch statt derselben 
eine oder mehrere Beischläferinnen zu 
halten, ist in der ganzen indogerm. Welt 



bezeugt und auch bei den Germanen in 
der älteren Zeit allgemein verbreitet. Die 
gebräuchliche nord. Bezeichnung dafür ist 
'Friede!' (awestnord. frid'la, frilla, 
aschwed. frilla, slokifrilla, adän. slökfrif)] 
westgerm. bedeutet das Wort meist ein- 
fach 'Liebste'; nur vereinzelt findet sich 
ahd. fridelinna als Beischläferin. Die 
gebräuchhche westgerm. Benennung ist 
'Kebse' (ahd. kebis, chebis, chebisa; 
ags. ciefes, cyfes, cyfese). In der ganzen 
germanischen Welt verbreitet, aber nicht 
häufig, ist das Wort ahd. ella, gella, giella; 
awestnord. elja, arinelja, von arinn *Herd- 
stätte'. Ob eine von diesen Bezeichnungen 
ursprünglich eine engere Bedeutung hatte, 
entweder nur die freie oder nur die unfreie 
Beischläferin bedeutete, ist nicht sicher 
festzustellen. Am ehesten könnte man 
wegen des Zusammenhanges mit awnord. 
kefsir, kepsir 'Sklave' annehmen, daß 
Kebse ursprünglich allein die unfreie Bei- 
schläferin bezeichnete; doch darf man 
nicht, wie es gewöhnHch geschieht, aus 
der Tatsache, daß die ancilla Hagar der 
Bibel bei Alfred mit cyfese übersetzt wird, 
folgern, daß ags. cyfese auch 'Sklavin' 
bedeutete, denn Hagar kommt an der 
betreffenden Stelle gerade in ihrer Eigen- 
schaft als Beischläferin Abrahams in 
Betracht. Andre Bezeichnungen wie 
awestnord. byrgiskona, aschwed. amia [antie 
auch im Sachsenspiegel III 64 § i) dürften 
ebensowenig eine wirkliche technische Be- 
deutung gehabt haben, wie die zahlreichen 
mehr oder weniger anmutigen Bezeich- 
nungen, mit denen das spätere deutsche 
Ma. derartige Verhältnisse benannte. Den 
Gegensatz dazu bildet die echte oder 
rechte Frau (ags. riht wif; aschwed. 
apalkona; awestnord. aäalkona). Die 
latein. Quellen verwenden das Wort concu- 
bina, concubinatus, obwohl das Verhältnis 
mit diesem spätrömischen Institut in 
keinerlei historischem Zusammenhang steht, 
viel eher mit der alten freien Ehe des 
römischen Rechtes Berührungspunkte auf- 
weist. 

§ 2. Die Annahme, daß ursprünglich 
bloß unfreie Weiber als Beischläfe- 
rinnen in Betracht gekommen seien, ist 
nicht beweisbar; dagegen ist es nicht 
unwahrscheinlich, daß die unfreie Bei- 



BEISCHLÄFERIN 



2IS 



schläferin anders benannt wurde als die 
freie. Jedenfalls ist in historischer Zeit 
das Verhältnis durchaus nicht auf unfreie 
Weiber beschränkt, und ebensowenig haftet 
dem Verhältnis etwas Entwürdigendes an; 
war doch die Schwester des Grafen Boso 
Beischläferin Karls des Kahlen. Vor 
allem wird die Beischläferin grundsätzlich 
von dem Weibe, das sich vereinzelt einem 
Manne hingegeben hat, und noch mehr 
von der gewerbsmäßig Unzucht treibenden 
Hure unterschieden. Es handelt sich 
eben dabei nicht um ein bloßes tatsäch- 
Hches, sondern um ein wirkliches Rechts- 
verhältnis, eine Minderehe, die, 
durch einfachen Konsens und Heimführung 
geschlossen, nicht alle rechtlichen Wir- 
kungen der Kaufehe erzeugt, aber doch 
eine Reihe von familienrechthchen Rechts- 
folgen nach sich zieht. Das zeigt sich vor 
allem im westnordischen Recht, das dem 
Mann einen Bußanspruch gegen den Ver- 
führer seiner frid'la gibt und, ebenso wie 
das jütische Recht, nach Ablauf einer 
bestimmten Zeit häuslicher Gemeinschaft 
die Minderehe zur Vollehe werden läßt. 
Aber auch im deutschen Recht finden sich 
Spuren davon, so zB. in der Entscheidung 
des Konzils von Mainz, von 852: Quod 
si quislibet concuhinam habuerü, quae non 
legitime fuit desponsata, et postea despon- 
satam ritae puellam duxerit ahiecta concubina, 
haheat illam, quam legitime desponsavit 
(c. 12, MG. Capit. n 189); die ganze Streit- 
frage hätte unmöglich aufkommen können, 
wenn man das Kebsverhältnis als etwas 
rein Tatsächliches angesehen hätte. End- 
lich ist bezeichnend, daß die Kinder aus 
einem solchen Kebsverhältnis von den 
sonstigen unehelichen Kindern nach Be- 
nennung und rechtlicher Stellung völlig 
verschieden sind (s. Bastard). Den ent- 
scheidenden Unterschied zwischen Ehe- 
frau und Kebse erblickte man, wie der 
eben erwähnte Canon des Mainzer Konzils 
zeigt, in dem Fehlen der Verlobung, oder — 
häufiger noch — in dem Fehlen eines Braut- 
preises, eines Wittums (s. Eheschließung). 
Das altwestnord. Recht hebt es immer 
wieder hervor, daß zum Begriff der rechten 
Ehe die Zahlung eines genügenden mundr 
gehört; im Angelsächsischen wird der 
cyfese die Ehefrau als beweddode wtf gegen- 



übergestellt; ih einer fränkischen Formel 
(MG. Form. 208, Cart. Senon. Append. i) 
ist davon die Rede, daß die Kinder der 
ingenua, die man ad coniugium sich bei- 
gesellt, aber der man keine Dotalurkunde 
ausgestellt hat, filii naturales sind. Die 
Kebse hatte also kein Wittum, und ebenso- 
wenig partizipierte sie dort, wo eine solche 
bestand, an der ehelichen Gütergemein- 
schaft. Um sie nach dem Tode des Mannes 
sicherzustellen, bedurfte es deshalb be- 
sondrer Zuwendungen desselben, unter 
denen vor allem die Morgengabe eine Rolle 
gespielt haben dürfte. Da die Frau nicht 
gekauft war, war das Verhältnis, wenn 
die Beischläferin eine Freie war, von jeder 
Seite frei lösHch; der Unterschied zwischen 
den Ehen more Christiano und den bei den 
Dänen besonders häufigen Ehen more 
Danico, den Kebsehen, wird in den nord- 
französ. und engl. Quellen des lO. und 
II. Jhs. in der freien Löslichkeit der 
letztern erblickt. 

§ 3. Die Kirche hat die Kebsehe 
dem verheirateten Manne von jeher ver- 
boten; der darauf bezügliche Canon 17 
der Synode von Toledo (400), der aller- 
dings zunächst an den römischen Konku- 
binat dachte, ist in zahlreichen späteren 
Rechtsquellen kirchlichen Ursprungs wie- 
derholt worden. Dagegen hat sie der 
Kebsehe des Unverheirateten in Über- 
einstimmung mit dem erwähnten Synodal- 
canon eine weitgehende Duldung zuteil 
werden lassen, indem sie davon ausging, 
daß es sich bei diesem auf die Dauer 
berechneten Verhältnis um eine Ehe handle. 
Damit war aber das Schicksal der Kebsehe 
als besondern Rechtsinstitutes in dem- 
selben Moment besiegelt, in dem die Kirche 
die Ehegerichtsbarkeit erlangte. Da sie 
grundsätzlich nur e i n Rechtsinstitut 
der Ehe kannte, mußte die Kebsehe ent- 
weder mit der rechten Ehe, die ja nach 
kirchlicher Auffassung nur einen form- 
losen Consensus verlangte, zu einem Rechts- 
institut verschmelzen, oder dort, wo sich 
die Anschauung des Volkes gegen diese 
Gleichsetzung sträubte, auf die Stufe eines 
bloßen außerehelichen Geschlechtsverkehrs 
herabsinken. Nur in zwei Rechtsinstituten 
lebte die Kebsehe fort, in der spani- 
schen barragania und in der morganati- 



2l6 



BEISCHLAG 



sehen Ehe. Die erstere ist ein noch in 
den letzten Jahrhunderten des MA.s im 
nördlichen Spanien und in den Pyrenäen 
häufiges, wohl auf westgotische Wurzel zu- 
rückgehendes eheähnliches Verhältnis, das 
rein monogamisch und nur Unverheirateten 
gfestattet ist, durch die freie Löslichkeit und 
den Mangel der dos sich von der Ehe unter- 
scheidet, aber durchaus den Charakter 
eines Familienverhältnisses trägt, dessen 
Sprößlinge neben ehelichen Kindern erben, 
und dessen rechthche Folgen vielfach 
durch Verträge geregelt werden. Die 
morganatische Ehe taucht unter 
dem Namen accipere uxorem ad morgana- 
ticam oder lege Salica zuerst in den Libri 
Feudor. II 29 als ein Recht^institut des 
Mailänder Adels auf, das nachmals all- 
gemeine Verbreitung im hohen Adel er- 
langte; während die Benennung nach der 
Lex SaHca unerklärt ist, hängt der Name 
morganatische Ehe offenbar damit zu- 
sammen, daß wegen des Fehlens des 
Wittums die Morgengabe dessen Funktion 
der Witwenversorgung übernehmen mußte. 
W i 1 d a Zschr. f. deutsches Recht 15, 237 ff, 
K. Maurer Münch. Sitzungsber. 1883, 3 ff. 
1895, 65 ff. Vorl. II, 478 ff. F i c k e r Mitt. 
d. Inst. f. österr. GF., Erg.-Bd. II 478 ff. Un- 
tersuchungen zur Erbenfolge III 408 ff. Boden 
Mutterrecht u. Ehe im altnord. Recht 53 ff. 
R o e d e r D. Familie b. d. Angelsachsen 69 ff. 
K o e h n e D. Geschlechtsverbindungen d. Un- 
freien im fränk. Recht 1888. W e i n h o 1 d 
Deutsche Frauen Yi? 15 ff. Freisen Gesch. 
d. canon. Eherechts 53 ff. D a r g u n Mutter- 
recht u. Raubehe 23 ff. Brunn er SZfRG. 17, 
iff. Schröder DRG.S S. 315 f. — S. u. 
Bastard, Eheschließung. 

S. Rietschel. 

Beischlag (§ i) nennt man die Nach- 
ahmung eines fremden Münzbildes durch 
einen dazu nicht ermächtigten Münzberech- 
tigten. 

§ 2. Der äußern Erscheinung nach den 
Beischlägen ähnlich, dem Wesen nach aber 
von ihnen verschieden sind N a c h - 
münzen, die mit Benutzung eines 
älteren Münzbildes von einem Nachfolger 
in Münzstätten des früheren Münzherrn 
hergestellt wurden. 

§ 3- Aus Beischlägen und Nachmün- 
zungen kann man nicht unwichtige wirt- 
schaftsgeschichtliche Folgerungen ableiten. 



Beide sind jünger als das Urbild, das sich 
im Verkehr bereits einer gewissen Ver- 
breitung erfreut haben mußte, ehe man 
aus münzpolitischen Gründen dessen Nach- 
ahmung unternahm. 

§ 4. Kennt man die Urheber der Bei- 
schläge oder der Nachmünzen sowie ihre 
Zeit, so kann man auf die Verbreitung der 
als Vorbild benutzten Münze, sowie auf 
die Dauer ihrer Beliebtheit im Verkehr 
zurückschließen. 

§ 5- Die Beischläge wurden in gewinn- 
süchtiger Absicht von wirtschaftlich schwä- 
chern Münzherren hergestellt, welche durch 
die Nachahmung eines fremden beliebten 
Gepräges ihren eigenen Münzen größeren 
Absatz zu verschaffen suchten. 

§ 6. Die Ähnlichkeit der Beischläge 
mit ihrem Urbild ist oft täuschend, andere 
Male ist sie weniger gelungen, namentlich 
bei jüngeren Stücken, wenn diese nicht 
mehr unmittelbar nach dem Urbild, son- 
dern mit Benutzung älterer Nachahmun- 
gen angefertigt wurden. Das Gesagte gilt 
mehr noch von späten Nachmünzen, bei 
welchen durch Mißverständnis der Stem- 
pelschneider die Umschriften häufig zu 
sinnlosen Buchstabenreihen aufgelöst, 
oder bloß durch Buchstabenschäfte 
und Ringelchen wiedergegeben sind. Als 
Beispiele nenne ich die sog. Wenden- oder 
besser Sachsenpfennige, die z. T. mißver- 
standene karolingische Gepräge darstellen 
wollen, sowie die in Dänemark entstande- 
nen Nachahmungen der Dürstädter Pfen- 
nige Karls d. Gr., die man früher nach 
Polen legte. 

§ 7. Solche mißverstandene, aber län- 
gere Zeit festgehaltene Münzbilder kann 
man als ,, verwilderte oder versteinerte" 
Gepräge bezeichnen; die Franzosen nennen 
sie type immobilise, ein Beispiel ist der weit 
verbreitete type chinonais. Der auf spät- 
karolingischen Pfennigen von chateau Chi- 
non vorkommende Kopf in Seitenansicht 
wurde nach und nach so weit entstellt, 
daß schließlich nur die Nase, die wie ein 
verkehrtes L gezeichnet wurde und einige 
unbeschreibliche Schnörkel übrig geblieben 
sind. 

V. Luschin Münzk. 47 ff. 116. Mena- 
d i e r Deutsche Münzen 4, 103 ff. und ZNF. 26 
183 ff. A. Luschin v. Ebengreuth. 



BEIZVÖGEL 



21 



Beizvögel. § i. Eine genaue Fest- 
stellung, welche Raubvögel vorwiegend zur 
Beizjagd verwandt wurden, begegnet man- 
cherlei Schwierigkeiten: unsre Quellen 
machen keine detaillierten Angaben, die 
eine sichere Identifikation ermöglichen 
würden, und die Termini, deren sie sich 
bedienen, sind nicht immer eindeutig. 

§ 2. Die deutschen Volksrechte nennen, 
s weit sie eine Unterscheidung nach Art 
und Größe beabsichtigen, nur den accipiter 
[acceptor) und den spervarius, die älteren 
Redaktionen der Lex Sal. sogar nur den 
ersteren. Um 8oo trifft dann ein Kapitular 
Karls d. Gr. die sachlich einwandfreie 
Klassifikation in acceptor es, falcones seu 
spa varios (MGL. Capit. I 95, 24). Zweifel- 
los soll in den Volksrechten jener Ausdruck 
accipiter einen großen Beizvogel be- 
zeichnen, also nicht nur den [Hühner]- 
Habicht, Astur palumbarius, ahd. ha- 
buh, as. *ha3uk- (in Ortsnamen Habuc- 
horst, Hadocas-bröc), ags. hafoc oder deut- 
licher und zum Unterschiede von den 
übrigen nahverwandten Arten nach seiner 
Beute gös-hafoc benannt, anord. [gas-) 
haukr, sondern auch den [W ander] - 
f a 1 k e n. Daneben wurde frühzeitig, 
wenn wohl auch etwas später, die kleinere 
Art des Habichts gezähmt : der Sper- 
ber, Astur nisus, ahd. sparwäri (mit Um- 
bildung des zweiten Kompositionsgliedes 
zum Suffix-ön< *sparw-aro 'Sperlingsaar'), 
ags. spear-hafoc u. anord. spQrr-haukr 
eigentlich 'Sperlingshabicht'. Auf spar- 
wäri, spervarius gehen die Benennungen 
in den roman. Sprachen zurück: ital. 
spar[a)viere, afrz. espervier, nfrz. eper- 
vier usw. 

§ 3. Zur Beantwortung der Frage, welche 
Falconinae im germ. Altertum als 
Stoßvögel beliebt waren, vermag vorläufig 
nichts beizutragen das schwer zu beur- 
teilende Wort Falke: ahd. falko (mhd., 
mnd., mndl. valke), anord. falke (seit dem 
12. Jh. bezeugt); ital. falco, irz. fauconus^. 
(abgesehen vom Rumän. in allen roman. 
Sprachen vorhanden). Das zwar erst von 
Paulus Diaconus überlieferte, aber doch 
gut klass.-lat. falco war kein Vogelname: 
j^Falcones dicuntur, quorum digiti pollices 
in pedibus intro sunt curvati, a similitu- 
dine falcis" (Pauli Excerpta ex lib. Pomp. 

ops, Reallexikon. 



Festi ed. Thewrewk de Ponor 63, if). Als 
Vogelname wird ein Terminus falco zum 
ersten Male um 400 von dem Grammatiker 
Servius in se nem Vergilkommentar ge- 
braucht (ed. Thilo u. Hagen II 403, 6); 
vom 5- Jh. an sind dann weitere Belege 
bald reichlich zu verzeichnen. Eine Reihe 
von Forschern erklären die beiden Aus- 
drücke für identisch: das Schimpfwort 
falco wurde, als man die Beizjagd ausüben 
lernte, Jagdterminus und diente zunächst 
den Romanen (und dann durch ihre Ver- 
mittlung auch den Germanen) als Bezeich- 
nung des Falken, den man wegen seiner 
gekrümmten Klauen und des gebogenen 
Schnabels passend den 'Gesichelten' nannte. 
Zu dieser Ansicht hat sich auch noch ganz 
üngst wieder Suolahti bekannt, trotz der 
Einwürfe, die Baist früher erhoben hatte. 
Als Gegenargument wiegt am schwersten 
die Beobachtung, daß die Germanen sonst 
die Beizvögel nur mit heimischen Namen 
belegten und gerade umgekehrt die alten 
roman. Ausdrücke mit Ausnahme von frz. 
autour usw. 'Habicht' german. Pro- 
venienz sind (frz. epervier, emerillon). 

— Auch Falke gehört zu diesem alten 
Schatz deutscher Falknerei -Nomen- 
klatur. Allerdings ist Baists Interpretation 
'Stößer' (von der Fangweise) sprachlich 
unhaltbar: *fall- (zu fallan 'fallen') + k- 
Suffix ließe ahd. *falluh erwarten. — 
Dagegen hat Edward Schröder die alte 
Deutung Kerns 'der fahle' (in dessen 
Noten zu Hesseis' Lex Salica 460 A. 2) 
mit guten Gründen gestützt und für die 
Behandlung der ganzen Frage prinzipiell 
wichtige Gesichtspunkte geltend gemacht 
(zuletzt im AfdA. 34, 5). Das jetzt noch in 
Südwestdeutschland gebräuchliche Falch, 
Falke 'fahles Pferd' (oder 'Stier') darf 
nicht von unserem Wort getrennt werden, 
sondern ist durch Übertragung der Be- 
zeichnung des Vogels auf das Pferd ge- 
schaffen (vgl. z. B. Rappe für 'schwarzes 
Pferd' aus mhd. rappe 'Rabe', Salzburg. 
Spickt und kämt. Specht 'gesprenkelter 
Ochse'). Dieser Vogelnam.e, zunächst ledig- 
lich auf landschaftlich begrenztem Gebiete 

— wohl des Südens oder Südwestens von 
Deutschland — heimisch, verbreitete sich 
dann, nachdem er Jagdterminus geworden 
war, südlich und westlich in die roman. 

15 



2l8 



BEKEHRUNGSGESCHICHTE 



Länder und gewann auch allmählich nord- 
wärts Boden; doch gelangte er erst spät 
nach Skandinavien und nach England nur 
durch frz. Zwischenstufe in nachags. Zeit. 
§ 4. Zugleich mit der Ausweitung seines 
örtlichen Gebrauchsbereiches verdrängte 
Falke die noch ältere, volkstümliche Be- 
zeichnung des Jagdfalken, die Deutsche, 
Angelsachsen und Skandinavier gemeinsam 
besaßen: ahd. wal(h)-habuh, ags. wealh- 
hafoc 'der fremde Habicht', nicht 'der 
welsche, kelt. H/ (vgl. Wright -Wülker 
361, 29 u. das akymr. Lehnwort gwalch), 
oder ags. se w^lisca ('D. Menschen Ge- 
schicke' V. 90, s. Falkenbeize § 14), aisl. valr 
'der Fremde, Fremdling'. Offenbar ist der 
Falco peregrinus gemeint. Interessant 
ist noch die Tatsache, daß in zwei Be- 
schlüssen von Konzilien, die kurz vor der 
Mitte des 8. Jhs. stattfanden, die beiden 
ältesten Hss. walcones lesen (MGL. Conc. 
11^ 3, 15 u. 47, 20); die Schreiber haben 
gewiß mlat. falco mit ahd. *walho 'Wander- 
falk' konfundiert. 

§ 5. Neben dem Falco peregri- 
nus, der, überall heimisch, wegen seiner 
Eigenschaften unter den Falken offenbar 
der beliebteste Jagdvogel war, wird der 
Merlin- oder Zwergfalke, ahd. 
smerlo {smiril, smirU[n\), anord. smyrell 
(ital. smeriglio, afrz. esmeril, esmerülon, 
nfrz. emerülon usw., zur ältesten Schicht 
der Lehnwörter gehörend) nur eine unter- 
geordnete Rolle gespielt haben. 

§ 6. In welchem Umfange andre Fal- 
kenarten, namentlich der Würgfalke, 
Falco lanarius, schon in älterer Zeit ver- 
wandt wurden, wissen wir nicht; ebenso- 
wenig, seit wann der nur verfeinerter Jagd 
dienende Gerfalke, Falco gyrofalco, 
anord. geir-falke (in deutschen Quellen 
seit dem 14. Jh. und zwar zuerst als 
gerualch bezeugt) aus den skandinav. Län- 
dern nach Mitteleuropa importiert wurde: 
die roman. Namensformen ital. gerfalco, 
afrz. gerfalc nfrz. gerfaut usw. zeigen 
keine Spuren früher Entlehnung. 

B a i s t AfdA. 13, 300 ff. u. ZffSp. 13, 2. H. 
185 ff. Whitman The Birds of Engl. Lit. 
JGPh. 2, 165 f. 170. Kluge EWbl. (s. auch 
6. Aufl.) unt. d. einzelnen Vogelnamen. S u o - 
1 a h t i Die deutschen Vogelnamen XII f. 327 ff. 
359 ff- — Weitere Lit. unter Falkenbeize. 

Fritz Roeder. 



Bekehrungsgeschichte. 

I. Übersicht § i — 7. IL Die Ostgermanen 
§ 8 — 13. IIL Die Westgermanen, i. Die kon- 
tinentalen Stämme bis Willibrord § 14 — 19, 
2. Die Angelsachsen § 20 — 24. 3. Die ags. Mission 
auf dem Festland § 25 — 29. 4. Die Zwangs- 
bekehrung Norddeutschlands § 30 — 33. IV. Die 
Nordgermanen, i. Dänemark § 34 — 42. (Hans 
V. S' hubert.) — 2, Norwegen (mit Beilanden) und 
Schweden, a) Erste Berührungen mit dem Chri- 
stentum § 43 — 48; b) endgültige Bekehrung § 49 
bis 53; c) Art der Bekehrung § 54 — 55 ; d) kirch- 
liche Ordnung § 56 — 60. (B. Kahle.) 

I. Übersicht über den Ge- 
samtgang. §1. Während die Mittel- 
meervölker bis auf Reste in wenigen Jahr- 
hunderten dem Christentum gewonnen und 
k'rchlich organisiert waren, dauerte die 
Christianisierung der Germanen 6 — 7 Jahr- 
hunderte, ja von den ersten Berührungen 
am Rhein bis zur Organisation der nor- 
dischen Kirchenprovinzen verläuft ein Jahr- 
tausend. Somit begleitet die Frage des 
Religionswechsels weithin die Geschichte 
des germanischen Altertums und beein- 
flußt ihre Erforschung. Da sich die alte 
Kultur in der Kirche sammelte, so ist diese 
Frage zugleich die der Kultivierung oder 
doch der Hebung zu höherer Kulturstufe 
und da zu dieser Stufe auch der Besitz 
eines Schrifttums gehörte, so ist die 
Christianisierung auch der Anfang deut- 
licherer historischer Kunde, das Ende der 
Prähistorie. 

§ 2. Der langsame Gang der Bekehrung 
hängt mit dem Mangel einheitlicher poli- 
tischer Organisation zusammen, an die 
sich der neue Kult hätte hängen können 
wie im römischen Reich. So stellen die 
großen Gruppen des germanischen Volks- 
tums auch verschiedene Perioden der 
Christianisierung dar; der ostgermanischen 
Gruppe folgen die deutschen Stämme, 
einschl. der Angelsachsen, zuletzt die Nord- 
germanen. 

§ 3. Die Bekehrung ist aber keineswegs 
nur dadurch bewirkt, daß die Kirche zu 
den Germanen kam, sondern sie ist auf 
allen Punkten entscheidend dadurch ein- 
geleitet worden, daß die Germanen in die 
Einflußsphäre der Kirche kamen: So 
spiegelt die Geschichte der Bekehrung 
auch die der großen Völkerbewegung wi- 
der. Die religiöse Expansivkraft des 



BEKEHRUNGSGESCHICHTE 



219 



Christentums und die nationale des Ger- 
manentums kamen sich entgegen. 

§ 4. Dadurch ist aber der Prozeß der 
religiösen Assimilierung komplizierter ge- 
worden: die positiven Momente kreuzen 
sich mit negativen. Die germanischen 
Eroberer konnten — so die Angelsachsen 
und Friesen — meinen, Herrschaft und Ei- 
genart durch Festhalten an dem religiösen 
Erbe der Väter oder doch — so die Goten 
— durch eine andere Form der christlichen 
Religion stützen zu müssen. Andererseits 
konnte da, wo der Gedanke der Eroberung 
den der nationalen Absonderung ver- 
drängte, wie bei Chlodwig, die Politik 
mit einem Schlage den Prozeß entscheiden, 
wobei der politische Charakter der alten 
Religion helfen mußte. Dazwischen stehen 
die Stämme ohne führende politische Be- 
deutung, ohne große entscheidende Ent- 
wicklungen: hier ist der Bekehrungs- 
prozeß ein allmähliches Einströmen und 
Durchdringen, so in Süddeutschland. 

§ 5. Am Ende des 7. Jhs. war es soweit, 
daß die neuen germanischen Kirchen die 
Bekehrung des Restes auf dem Kontinent 
selbst in die Hand nahmen, in enger Ver- 
bindung mit politischen Gedanken der Er- 
oberung, was zur Folge hatte, daß, wo die 
Macht hinreichte, die Frage wieder wie 
zur Zeit Chlodwigs in einem Menschenalter 
entschieden war, so in Norddeutschland, 
da aber, wo sie unsicher wirkte, der poli- 
tische Gegensatz auch die religiöse Beein- 
flussung hemmte, so bei den Dänen. 

§ 6. Parallel mit der Christianisierung 
der Germmen verlief die Herausbildung 
der absoluten Monarchie in der abend- 
ländischen Kirche, ihre Romanisierung, 
und an einigen Stellen ^ verwoben sich 
beide Erscheinungen auf das innigste: 
die Überwindung der keltischen Sonder- 
kirche entschied sich an der Gewinnung 
der Angelsachsen, die enge Verbindung 
Roms mit den ags. Missionaren auf dem 
Kontinent bedeutete im Endresultat die 
Romanisierung des Frankenreichs. Wäh- 
rend die Bekehrung der Germanen in einer 
Zeit begann, da sich eine oberste Regie- 
rungsgewalt des Papstes im Abendland 
erst bildete und die erste Stufe der Christia- 
nisierung eine völlig romfreie, ja akatho- 
lische Kirchenreform zeigte, verschlang sie 



sich auf der letzten Stufe mit der Geschichte 
Gregors VH. und Urbans I. 

§ 7. Diese Romanisierung bedeutete 
Nivellierung und Internationalisierung des 
geistigen Lebens, die sich doch nirgends 
rein durchsetzen ließ. Die Geschichte der 
Bekehrung ist auch die Geschichte der 
Kompromisse, der Germanisierung, der 
Nationalisierung. Bei den zuletzt, während 
des päpstlichen Universalismus, organi- 
sierten nordischen Kirchen ersetzte die 
Entfernung vom römischen Zentrum, was 
den andern von vornherein an Freiheit der 
Bewegung gestattet war. Nur so führte 
die Bekehrung zu einem Verwachsen der 
Religion mit dem Volksleben und führte 
doch allen neuen Volkseinheiten Europas 
eine gleichmäßige Kultur zu, die die Vor- 
aussetzung war für eine neue gemeinsame 
Geistesgeschichte. 

IL §8. Die ostgermanische 
Gruppe der gotischen Völker 
im weiteren Sinne des Wortes fiel dem 
Christentum und zwar in der arianischen 
Form (s. Arianismus) zuerst zu, so daß 
das arianisch-gotische Christentum (lex 
gotica) als eine erste Stufe des german. 
Christentums bezeichnet werden kann, 
wenn auch der weitere Gang der Be- 
kehrung keine geradlinige Fortentwicklung 
dieses Ansatzes ist. 

§ 9. Und zwar sind die Westgoten, 
die, zur Zeit des Kaisers Valens in mehreren 
Stößen über die Donau gedrängt, sich 
schließlich ganz auf dem Boden der Bal- 
kanhalbinsel innerhalb der Grenzen des 
Reichs niederließen, die eigentlichen Träger 
geworden und geblieben. Voraussetzung 
dafür war, daß ihr Bekehrer und erster 
Bischof Ulfilas (s. d.) sie mit der Bibel in 
der Volkssprache ausrüstete. In den 
Jahrzehnten, die sie sich hier aufhielten, 
zuletzt in Illyricum (402 ff.) und Noricum 
(408), muß der Anstoß zur Bekehrung 
der nahverwandten Ostgoten und Vandalen, 
die sich gleichfalls an die Donau heran- 
gezogen hatten, ausgegangen sein. 

§ 10. Während die letzteren auf ihrer 
weiteren Wanderung nach Spanien und 
Afrika auch die Alanen, die sie mit sich 
verschmolzen, herüberzogen, wird von den 
an der Donau zurückgebliebenen Ostgoten 
die weitere Arianisierung der hier nach- 



15 



220 



BEKEHRUNGSGESCHICHTE 



rückenden stammverwandten Völker aus- 
gegangen sein, der Gepiden, Rugier und 
wohl auch jetzt schon (nicht erst 535) der 
Heruler, auf die sich des Arianers Odoaker 
Herrschaft in Italien besonders stützte. 
Als die Ostgoten dann selbst nach Italien 
rückten und dem Regiment Odoakers ein 
Ende bereiteten, ging ihr Bekenntnis auch 
auf die Langobarden über, die das ver- 
lassene Rugierland (Noricum) etwa 490 
besetzt hatten. 

§ II. Sind diese (nach L. Schmidt 
u. a.) mit Recht als ostgermanischer Stamm 
anzusprechen, so zeigt doch die Notiz des 
Eugippius über die Begegnung des h. Se- 
verin mit dem arianischen Alamannen- 
könig Gibuld (vita Severini c. 19), daß der 
Arianismus auch auf die Westgermanen 
übergegriffen hatte. Die auf Familienver- 
bindungen sich stützende pangermanische 
Politik Theoderichs des Großen brachte 
dann das arianische Christentum auch an 
die thüringischen und fränkischen Königs- 
höfe, so daß Chlodwig vor der Entscheidung 
stand, ob er den von dieser Seite aus- 
gehenden Werbungen folgen oder sich ver- 
sagen sollte. 

§ 12. Um diese Zeit des Höhepunktes 
ost- und westgotischer Macht war nicht 
nur das Suevenvolk in Spanien, das bis 
dahin der Mehrheit nach noch heidnisch 
geblieben, der Minderheit nach katholisch 
geworden zu sein scheint, vorzüglich durch 
die Mission des westgotischen Bischofs 
Ajax dem arianischen Christentum zuge- 
fallen, sondern auch das andere dem 
Reiche Chlodwigs benachbarte Reich der 
Burgunder, damit das letzte der ostger- 
manischen Stämme. Ob dies vorher be- 
reits (seit 413 bzw. 430) eine Zeitlang 
katholisch gewesen (H a u c k u. a.) oder 
nicht vielmehr von seinen Sitzen am obern 
und mittlem Main in der Nachbarschaft 
derVandalen und Ostgoten den Arianismus 
mitgebracht haben, ist strittig (siehe § 15). 

§ 13. Jedenfalls gab es einen Moment, 
da es schien, als solle diese erste Stufe 
der Christianisierung die definitive Form 
abgeben, und auch, nachdem die Wendung 
durch Chlodwig herbeigeführt war, blieb 
die arianische Form noch lange eine Ge- 
fahr oder doch Hemmung für die römisch - 
katholische, zuletzt noch von Italien aus. 



wo der Arianismus sich bis in die 2. Hälfte 
des 7. Jhs. hielt, wohl von Einfluß auch auf 
die benachbarten Baiern. 

Literatur s. bei Arianismus. Dazu etwa 
L. Schmidt Gesch. d. deutschen Stämme bis 
z. Ausgang d. Völkerwanderung. 1905. D e r s. 
Allg. Gesch. d. germ. Völker 1909 u. Gesch. d. 
Vandalen 1901. F. D a h n Könige der Germanen 
Bd. 1—62 1 861 ff. C. B i n d i n g Gesch. des 
burgund.-roman. Königreichs 1868. H. v. 
Schubert Die Anfänge des Christentums bei 
den Burgundern Sitz.-Ber. der Heidelb. Ak. 
d. Wiss. II 3 (1911), dazu auch Ders. Staat 
u. Kirche in d. arian. Reichen u. im Reiche 
Chlodwigs, 19 12 (im Druck). 

III. § 14. Die Bekehrung der W e s t - 
germanen oder der deutschen Stämme, 
einschließlich der Angelsachsen, hat den 
Gang genommen, daß auf einen Anfang 
bei den kont nentalen Stämmen erst der 
Übertritt der nach England gewanderten 
folgte, ehe es zur Vollendung des Pro- 
zesses bei jenen kam und kommen konnte. 

I. Bekehrung der kontinen- 
talen Stämme bis Willibrord. 
§ 15. Einzelne Berührungen haben 
schon vor der Zeit Chlodwigs, seit das 
Christentum in die Nähe von Rhein und 
Donau gedrungen, stattgefunden; schon 
Bischof Irenaeus v. Lyon (adv. haer. I, 10) 
hat um 180 von ecclesiae, quae in Germania 
(seil, provincia) sunt fundatae, geredet; die 
Ornamente aus den Resten der ältesten, 
wohl vorkonstantinischen Kirche dies- 
seits der Alpen, St. Peter auf der Zitadelle 
zu Metz, zeigen neben antiken auch aus- 
gesprochen germanische Motive. Stärkere 
Beeinflussung der ober-undnieder- 
germanischenProvinz und deut- 
lichere Zeugnisse dafür finden sich erst 
seit der Zeit der Staatskirche: Bischöfe 
von Trier und Köln sind 312/13 bezeugt. 
Aber so sehr auch die Bevölkerung der 
Städte, namentlich Triers, bis zur Er- 
oberung durch die nachrückenden Ger- 
manenstämme, vor allem die Franken, 
dem Christentum sich zugewendet haben 
mag, die Inschriften und alle anderen An- 
zeichen sprechen dafür, daß der germani- 
sche Bestandteil der Gemeinden sehr gering 
war. Und als die Reichskirche an Stoß- und 
Anziehungskraft gewann, unter Theodosius 
gegen Ende des 4. Jahrh., ging auch schon die 
Rheingrenze für die Römer verloren (406). 



BEKEHRUNG SGESCHICHTE 



221 



Daß trotzdem um diese Zeit, 413, die am 
Westufer des Rheins zwischen Mainz und 
Speier wohnenden Burgunder so stark unter 
den Einfluß des kathoHschen Christentums 
geraten sein sollen, daß sie bereits 41 7 einem 
in Afrika schreibenden Schriftsteller als ein 
völlig christianisiertes, der klerikalen Er- 
ziehung sich willig beugendes gesittetes 
Volk bekannt sind (Orosius VII 32, 12 f.), 
muß demnach wundernehmen und sollte 
nicht als sichere Tatsache behandelt wer- 
den. Christlich -römische Inschriften aus 
dem 5. Jh. bietet Mainz in größerer Zahl; 
von einer ersten Katholisierung eines gan- 
zen germanischen Stammes künden keine 
weiteren Zeugnisse, wenn man nicht die 
legendenhafte Geschichte bei dem Griechen 
Sokrates, bist. ecM. VII 30, offenbar eine 
Soldatenerzählung, die von dem Übertritt 
■eines rechtsrheinischen friedlichen Bur- 
gundervölkchens bei Gelegenheit einer 
Hunnengefahr etwa 430 berichtet, hierhin 
rechnen will. Jedenfalls finden wir dann 
die Burgunder in der Sapaudia, trotz ihrer 
Versetzung in rein katholische Athmo- 
sphäre hinein, trotz der Beugung ihrer 
politischen Widerstandskraft, als Arianer 
(ob. § 12). Wie weit an der Don au grenze 
christliche Ideen zu den germanischen An- 
wohnern, besonders Alamannen u. Sueven, 
gedrungen sind, ehe mit dem Vorrücken 
der gotischen Völker die große Unruhe 
hier begann und der Arianismus seine Pro- 
paganda in diesen Gegenden entfaltete, 
entzieht sich ganz unserer Kenntnis. Doch 
ist es sehr beachtenswert, daß an einem so 
vorgeschobenen Posten wie Augsburg sich 
eine Kontinuität der katholischen Tradition 
behauptete, wie die St. Afra-Legende 
beweist. Im allgemeinen wird man sagen 
können, daß bei den an und über 
die Grenze dringenden westgermanischen 
Stämmen auch hier höchstens von einem 
negativen Einfluß des Christentums ge- 
sprochen werden kann, insofern die not- 
wendige Berührung mit der christlich- 
römischen Kultur das Zutrauen zu den 
eigenen Formen der Gottesanbetung er- 
s chütterte. 

§ 16. Der Übertritt der Fran- 
ken zum Katholizismus, das bahn- 
brechende Ereignis, ist auch erst erfolgt 
nach einer langen Periode des Nebenein - 



anderwohnens und der Berührung mit dem 
nordgallischen Christentum, die höchstens 
den Boden gelockert, aber keineswegs 
zu einer Volksbewegung zugunsten der 
römischen Religion geführt hatte. Die 
,, Bekehrung" war eine Tat des erobernden 
und reichsgründenden Chlodwig, die sich 
seiner übrigen Politik eng einfügt, ein 
Mittel, sich der Herrschaft über das seit 
486 gewonnene Provinzialland bis zur 
Loire mit seiner christlichen Bevölkerung 
zu versichern, die Bevorzugung des Katho- 
lizismus vor dem Arianismus eben dadurch 
und durch den weiteren Wunsch motiviert, 
auch in den arianischen Nachbarreichen 
die Gunst und Hilfe der unterdrückten 
römischen Schicht zu gewinnen. Die Ver- 
bindung mit der burgundischen Prinzessin 
entsprang bereits solchen Motiven. Wenn 
die Legende, wie sie Gregor v. Tours (II 
29 f.) aufbewahrt hat, den neuen Kon- 
stantin den Christengott im Kampfge- 
tümmel der Alamannenschlacht finden 
läßt, so ist daran wohl richtig, daß der 
persönliche Anteil, den seine Religiosität 
an dem Schritt nahm, in dem Glauben 
an die höhere Macht des römischen Gottes 
bestanden hat. Die Zeit (496) und 
Rheims als Ort der Taufe scheinen sich 
dabei der Erinnerung richtig eingeprägt 
zu haben. Die Gefahr, die mit dem 
Eintritt in die röm. -katholische Kultur- 
welt verbunden war, das Aufgehen des 
national-germanischen Wesens, war bei 
der entfernten Lage und der Rücken- 
deckung durch die reingermanischen Stäm- 
me nicht so drohend wie bei den ent- 
wurzelten gotischen Stämmen, und wurde 
überdies von dem staatsklugen Herrscher 
dadurch abgeschwächt, daß er wie die 
arianischen Könige die Leitung der Kirche 
in seiner Hand behielt (Genehmigung zum 
Eintritt in den Klerus, Beeinflussung der 
Bischofswahlen usw.) und so aus altem 
und neuem, romanischem und germani- 
schem Christentum die fränkische Landes- 
oder Reichskirche schuf. Der wesentlich 
politische Charakter des Prozesses zeigt 
sich auch darin, daß einerseits mit dem 
Übertritt des Königs der des ganzen 
Stammes entschieden war, andererseits 
der missionarische Trieb bei den Franken 
sich nur ganz schwach äußerte: nur 



222 



BEKEHRUNGSGESCHICHTE 



langsam wurde das fränkische Hinterland 
an der Maas und am Niederrhein christiani- 
siert, und von Martyrien hören wir auf 
keiner Seite. 

§ 17. Wenn somit auch die segens- 
reichen Folgen, die Avitus v. Vienne 
prophezeite, für das übrige Ger- 
manien nur ganz allmählich eintraten, 
der Grund war doch gelegt und was von 
einzelnen Versuchen wie von 
allgemeinen Einwirkungen im 6. u. 7- Jh. 
zu nennen ist, nimmt von hier seinen Aus- 
gang. Rom hat keinen erkennbaren Anteil 
daran, obgleich es sich gerade um Süd- 
deutschland handelt: eigene innere 
Schwäche und Not, der steigende Ab- 
schluß der fränkischen Reichskirche gegen 
Rom, der iangobardisch-arianische Gürtel, 
der Rom von Deutschland trennte, ließen 
es dazu nicht kommen. Die bloße Aus- 
dehnung der fränkischen Herrschaft mußte 
aber schon christliche Einflüsse mit sich 
bringen. Während das sächsisch-friesische 
Norddeutschland, das sich dieser Herrschaft 
noch entzieht, ausscheidet, erhält Baiern 
mit den Agilulfingern eine katholische 
Herzogsfamilie; ebenso ist das Christentum 
der alamannischen um 600 bezeugt (vita 
S. Galli c. 16 f.), in Thüringen herrschen 
von Dagobert eingeführte religiosi duces 
(vita Bon. c. 6), und im Elsaß pflegt das 
Herzogsgeschlecht des Ethiko seit der 
Mitte des 7. Jh. eifrig das mönchische Leben 
(Maursmünster usw.). Neben die Herzöge 
treten die kolonisierenden fränkischen Bau- 
ern als Träger des Christentums: wie sie, 
den Alamannen nach, Nordelsaß und Pfalz 
besetzen, so rücken sie den Main 
hinauf, schaffen ein ,, Ostfranken", dringen 
auch ins eigentliche Alamannenland. End- 
lich erstarken unter der christlichen Herr- 
schaft die alten Organisationsreste aus 
römischer Zeit wieder. (Bistum Vin- 
donissa [= Konstanz.?] 567, Augsburg 591, 
Basel-Augst, Straßburg, Worms, Speier 
etwa 600.) 

§ 18. Von einer tieferen und gleich- 
mäßigen Christianisierung kann nicht die 
Rede sein. Mit der Lösung der östlichen 
Stämme vom Reich, der steigenden Ver- 
weltlichung und schließlich völligen Anar- 
chie in der fränkischen Kirche hört auch 
von hier jeder Rest von Kontrolle oder 



systematischer Beeinflussung auf. Die 
Ansätze verfallen, ein Synkretismus ent- 
steht von Thüringen bis zu den Alpenhöhen, 
der dazu führt, daß Christen an Wodans - 
opfern teilnehmen und Heiden taufen 
(vita Col. 27, Bon. ep. 28, MG. ep. HI, 279). 
Zur Verschmelzung germanischer und 
christlicher Vorstellungen und Gebräuche 
mag gerade diese dunkle Zeit viel beige- 
tragen haben. 

§ 19. Die Tätigkeit einzelner weniger 
Missionare, von denen uns außerdem meist 
nur schwache und unzuverlässige Kunde 
zugekommen, fällt wenig ins Gewicht, und 
es ist bezeichnend, daß sich neben die 
Franken Amandus (i. Bischof v. Maas- 
tricht 647) und Eligius (641 B. v. Noyon), 
die jetzt erst die heidnischen Reste im 
salischen Stammland austilgen, und Rup- 
recht, den Gründer des Petersklosters 
und damit indirekt des Bistums zu S a 1 z - 
bürg (s. Ruprecht), jetzt fremde pil- 
gernde Asketen stellen, Iren, wie K i - 
lian, der am Anfang des 8. Jhs. in W ü r z - 
bürg mit zwei Gefährten hingerichtet 
wurde und ein Jahrhundert früher C o - 
1 u m b a n , der auf dem Wege nach 
Italien eine Zeitlang um Bregenz das 
Kreuz verkündete und Heiligtümer stürzte, 
und sein Schüler G a 1 1 u s , der bald nach 
612 im Steinachtal südlich des Bodensees 
eine Zelle gründete, den Anfang St. G a 1 - 
1 e n s. Wenn dann die Nachfolger Colum- 
bans in der Leitung des irischen Mutter- 
klosters Luxeuil in den Vogesen Franken 
waren und diese zu wirklichen Missions - 
versuchen in Baiern schritten, so sieht 
man, von wo sich die Franken den Geist 
der Mission, der mit dem der Askese 
engverbunden war, entliehen haben. Den- 
noch darf diese irische Mission in Deutsch- 
land keineswegs überschätzt werden. Die 
Weltentsagung war wichtiger als die Welt- 
gewinnung und kirchliche Organisation 
die geringste unter den Gaben dieser nicht 
durch Roms Geist geschulten Kelten. Der 
Organisationsansatz, der am Anfang des 
8. Jhs. in Deutschland und zwar in Baiern 
unter Herzog Theodo gemacht wurde, 
geschah ohne fränkische und irische Hilfe 
in Anlehnung an Rom und seinen bedeu- 
tenden Bischof, Gregor IL, blieb aber 
ohne unmittelbare Folgen. Es bedurfte 



BEKEHRUNGSGESCHICHTE 



.223 



einer auswärtigen, stammverwandten, von 

römischem Organisations- und irischem 

Missionsgeist gleichmäßig erfüllten Macht. 

J. F i c k e r Altchristi. Denkmäler u. Anfänge 

des Chr. im Rheingebiet 1909. Rettberg 

Kg. DtschL 1896. Hau c k iTg. Dtschl. I3. 4 1904. 

1898. V. Schubert Die Anf. d. Christ, hei 

d. Burg, und Königt. u. Klerus (zu § 13). 

Ders. Lehrb. d. Kg. II (im Druck). 

2. Die Bekehr ungderAngel- 
Sachsen ist keineswegs nur das Werk 
Roms und seiner Sendlinge, sondern ebenso 
der Kelten. Vorerst sah es allerdings 
nicht danach aus. 

§ 20. Als die Scharen der Juten, 
Sachsen und Angeln in jahrhundertelanger 
Eroberung England besetzten, fanden sie 
sich einer keltischen Bevölkerung gegen- 
über, die, unter römischer Herrschaft bis 
zu einem gewissen Grad christianisiert 
und kirchlich organisiert, seit Preisgabe 
der Provinz am Anfang des 5. Jhs. auf sich 
selbst angewiesen, ein eigenartiges kirch- 
liches Leben mit einer hierarchisch-mönchi- 
schen Mischverfassung ausgebildet hatte. 
Es hätte also auch hier wie so oft und auch 
in Gallien eine religiöse Beeinflussung der 
Sieger durch die Besiegten stattfinden 
können. Allein während die Kelten, in dem 
Vernichtungskrieg immer mehr in den 
Westen zurückgedrängt, ihre geistigen 
Kräfte gleichsam nach rückwärts wendeten 
und in Irland eine Mönchskirche von hoher 
Blüte hervorbrachten, von der wieder 
die Piktenkirche Schottlands eine Tochter- 
stiftung ist, verhinderte die Rassenfeind- 
schaft jede Einwirkung auf die germa- 
nischen Eindringlinge. 

§ 21. Die Aufnahme der angel- 
sächsischen Mission durch Papst 
Gregor den Großen nimmt sich bereits aus 
wie ein Gegenzug gegen die nach Schott- 
land und dem Frankenreich übergreifende 
propagandistische Tätigkeit der Iren, der 
aber zunächst nur zu einem unsicheren 
Erfolg in Englands Südostecke führte, 
obgleich der Anfang weit mehr versprach. 
Die Erzählung Bedas (II, i) von der Be- 
gegnung Gregors mit anglischen Jüng- 
lingen auf dem römischen Sklavenmarkt 
ist nordhumbrische Legende, aber nach- 
weisbar hatte Gregor schon 595 sein Auge auf 
die Bekehrung der Angelsachsen gerichtet 



(Reg. VI 10). Die Wahl K e n t s als des 
Angriffspunktes war außer der leichten 
Erreichkarkeit dadurch veranlaßt, daß die 
Gemahlin König Ethelberchts, Bertha, 
eine fränkische Prinzessin, Tochter König 
Chariberts v. Paris war, die katholischen 
Hofgottesdienst in der Residenz Canter- 
bury eingerichtet hatte; auch standen 
noch aus römischer Zeit Gotteshäuser bereit 
(Martinskapelle, Christuskirche) ; endlich 
versprach die damalige Hegemonie Kents 
über die Nachbarkönigreiche einen raschen 
Fortschritt. Bischof A u g u s t i n (s. die- 
sen) landete Ende 596, ein Jahr später 
konnte er den ersten Massenübertritt nach 
Rom melden, 601 muß auch Ethelbercht 
schon Christ gewesen sein. Augustin 
(f 604) war es auch noch vergönnt, ein 
zweites Bistum, in Rochester, und sogar 
einen ersten Sitz außerhalb Kents, in Essex 
zu London, zu gründen. Die römische, 
ausgesprochen hierarchische, sobald wie 
möglich zur kirchlichen Organisation fort- 
schreitende Weise tritt scharf zutage. 
Ja, schon 601 hatte Gregor ein ganzes Pro- 
gramm der Organisation eingesandt (Reg. 
XI, 39), vielleicht besser der Reorganisation 
der alten brittischen Kirche mit den beiden 
schon 314 bezeugten Sitzen York und 
London als Metropolen zweier Kirchenpro- 
vinzen. Das Programm auszuführen, 
sandte Gregor daneben neue Männer und 
ausgezeichnete Ratschläge voll weither- 
ziger Gesinnung und kluger Akkomodation 
(Reg. XI 56), wie sie notwendig waren, 
wenn man ein so großes oberflächlich 
gewonnenes Volk in Pflege nehmen wollte, 
ohne sich wie den Franken gegenüber auf eine 
alte und lebendige Provinzialkirche stützen 
zu können, Ratschläge von klassischer 
Gültigkeit für alle römische Missionsweise: 
die Tempel sollten in Kirchen, die Götter- 
feiern in Kirchweih- und Märtyrerfeste, die 
Opfermahlzeiten in christliche Freuden- 
mahle verwandelt werden. Trotzdem reif- 
ten die Früchte jetzt noch nicht. Hatte 
schon Augustin den Britten gegenüber nur 
ein Fiasko erlebt, so erfolgte unter seinem 
Nachfolger Laurentius auch in Kent und 
Essex nach Ethelberchts Tode (616) eine 
heidnische Reaktion. Die Bi- 
schöfe von Rochester und London flüch- 
teten zeitweise zu den Franken. Laurentius 



224 



BEKEHRUNGSGESCHICHTE 



war daran, auch Canterbury aufzugeben, 
schließlich wurde der Posten in Kent, das 
auch seine politische Hegemonie verloren 
hatte, mit Mühe gehalten. 

§ 22. Ein neuer Aufschwungder 
römischen Mission erfolgte, wenn 
auch in Verbindung mit den Resten in 
Kent, durch die Gewinnung der anderen 
Gruppe germanischer Eroberer, die unter- 
des von Nordosten aus ihre Macht gewaltig 
ausgebreitet hatten, der AngelnNort- 
humbriens. Als König Edwin, der 
fast das ganze kirchUche England unter 
seiner Vorherrschaft einigte, Ethelberchts 
von Kent Tochter Ethelberga 625 heiratete, 
wurde der in ihrer Begleitung mitgesandte 
Paulinus zum i. Bischofvon York 
geweiht, und dieser wieder bewirkte 627 
den Übertritt des Königs und der Staats - 
häupter, dem Massenübertritte im Volk 
folgten. Die auf mündlicher Kunde be- 
ruhenden Schilderungen von seines Volks 
Belehrung, den Beratungen im Witenage- 
mot, der Absage des heidnischen Staats - 
priesters an den alten Glauben, in dessen 
Heiligtum er zuerst den Speer wirft (H 9 ff.), 
gehören zu den anziehendsten und wert- 
vollsten Stücken aus der altgermanischen 
Bekehrungsgeschichte überhaupt. Die Be- 
wegung schreitet nach Süden fort, Lindsay 
(Lincoln) und Ostanglien werden ergriffen 
und erhalten ihre ersten Bischöfe. Aber- 
mals sehen wir das neue Gebiet sofort 
hierarchisch organisiert. Nachdem auch 
Paulinus v. York das Pallium erhalten, 
scheint der Plan Gregors von den zwei 
Kirchenprovinzen der Verwirklichung nahe 
zu sein. Zugleich setzte eine selbständige 
römische Mission in Wessex an und leitete 
die Romanisierung des Westens ein. 

§ 23. Der Tod Edwins in der Schlacht 
bei Hatfield 633 brachte einen jähen Um- 
schwung, die Flucht des Paulinus und der 
Königin nach Kent, erst eine heidnische 
Reaktion, dann eine kurze Episode kel- 
tischer Herrschaft, bis Oswald, der durch 
Edwin des Thrones beraubte Sohn Ethel- 
f rids von Northumbrien, sich der Herrschaft 
bemächtigte. Das aber bedeutete, da 
Oswald bei den irischen Mönchen von 
St. Jona erzogen und ganz in den Geist 
ihres Christentums eingegangen war, eine 
Herrschaft des keltischen 



Christentums in Northumbrien und, 
da unter dessen Sohn sich der Einfluß auf 
die Halbinsel fortsetzte, eine V o r h e r r - 
Schaft über fast ganz Eng- 
land, die tiefe Spuren hinterlassen hat, 
Zuerst empfängt 653 Mittelanglien, zu 
gleicher Zeit Essex, das schon einmal, von 
Kent, gewonnene, aber abtrünnig gewor- 
dene, das Christentum in keltischer Form; 
655 folgt nach dem Tode des furchtbaren 
Penda das mächtige Mercien; in Wessex 
kreuzen sich irische und römische Ein- 
wirkungen, und nach Ostanglien, ja nach 
Kent selbst erstrecken sich die ersteren. 
Bis auf das Kent benachbarte Sussex 
war das germanische England gewonnen, 
wesentlich durch die Beihilfe der Iro- 
schotten, deren klösterliche Organisation, 
apostolische Einfachheit, durch Predigt, 
Jugendunterricht, Beichte und Buße, also 
Seelsorge, das Volk in der Tiefe packende 
Erziehungsmethode sich als für die Mission 
besonders geeignete Mittel erwiesen. Überall 
entstehen Klöster und Klosterschulen als 
Mittelpunkte des kirchlichen Lebens; na- 
mentlich wurde Lindisfarne auf einer Insel 
bei der Residenz Oswalds für Northumbrien 
ein zweites St. Jona, an dessen Spitze der 
Bischofsmönch Aidan, selbst für den rö- 
misch gesinnten Beda ein christliches Ideal, 
stand. Damit vereinigte man die von 
Rom begonnene, auf die lokalen Bezirke 
sich stützende Bischofsverfassung, ja man 
vollendete sie, indem auch die neu- 
gewonnenen Reiche ihre Bistümer er- 
hielten, nur daß sie tunlichst an Klöster 
angelehnt erscheinen, so wie es etwa im 
keltischen Wales der Fall war. 

§ 24. DieentscheidendeWen- 
dungzu gunsten der römischen 
Form geschah 664 da, wo die Entschei- 
dungen überhaupt in dieser Zeit lagen, in 
Northumbrien, indem König Oswiu, 
der unter dem Einfluß seiner katholischen 
Gemahlin Eanfied, Edwins Tochter und 
Ethelberchts Enkelin, und ihres Stiefsohnes 
Alchfried, des Unterkönigs von Deira stand, 
dem hochbedeutenden Presbyter Wilfried 
(s. diesen) sein Ohr öffnete und auf der 
Synode zu Streaneshalch (Whitby) sich für 
die römische Osterberechnung erklärte, 
beunruhigt durch die Vorstellung von Petrus 
als dem Himmelspförtner. Essex und 



BEKEHRUNGSGESCHICHTE 



225 



Mercien folgten, und eine furchtbare Seuche, 
die die Bischofssitze verwaiste, gestattete 
eine völlige Neuorganisation im katho- 
lischen Sinn. Der von Kent und Northum- 
berland gemeinsam vom Papst erbetene 
neue Erzbischof von Canterbury, Theo- 
dor, ein Cilicier aus der Paulusstadt 
Tarsus (669 — 690), vollendete, nach Neu- 
besetzung und Ergänzung der Bistümer, auf 
der ersten gesamt-englischen Synode zu 
Hertford 673 das Werk der Erneuerung 
und Zusammenfassung in ausgezeichneter 
Weise, sicherte der englischen Kirche und 
damit der in viele Teilreiche gespaltenen 
,, Nation" die einheitliche Spitze im Erz- 
sitz zu Canterbury, gegen Wilfried von 
York, und erlebte, daß der letztere den 
heidnischen Rest zu Sussex ebenfalls in den 
Schoß der römischen Kirche führte (681 — 
685). Die Periode der äußeren Mission 
war zu Ende, und die angelsächsische Ger- 
manenkirche, die, in eine Reihe kleiner 
Landeskirchen mit staatskirchlichem Cha- 
rakter zerfallend, doch als ein Ganzes eben 
diese Teile zum Gefühl nationaler Einheit 
erzog, konnte nun ihrer inneren Mission, 
der Durchdringung des germanischen Volks- 
lebens mit christlichen Ideen ungestört 
obliegen. Zu diesen letzteren aber gehörten 
weithin die auf dem keltischen Boden 
erwachsenen oder besonders gepflegten, 
die der Grieche Theodor weit und weise 
genug war in die germanisch-römische 
Art einzuschmelzen. Auf dem Zusammen- 
wachsen aller dieser Elemente beruht 
Eigenart und Blüte der altenglischen Kirche, 
deren Geschichte noch immer wesentlich 
Klostergeschichte, und deren Ruhm die 
in den Klöstern gepflegte und von hier 
ausstrahlende Disziplin und Geistesbildung 
ist. Während aber das höchste Inter- 
esse für uns darin liegt, das Fortleben des 
germanischen Altertums in kirchlicher Ge- 
stalt weiter zu verfolgen (vgl. zB. das Eigen - 
kirchenwesen, das hier folgerecht vornehm- 
lich als Eigenklosterwesen auftritt, wobei 
sich der germanische Genossenschafts- und 
Gefolgschaftsgedanke in eigentümlicher 
Weise der Klosteridee bemächtigt), for- 
dert der Umstand zugleich unsere volle 
Aufmerksamkeit, daß es gerade die in die 
Germanenkirche aufgenommenen keltischen 
Elemente waren, die jene veranlaßten, 



den Prozeß der Germanenmission weiter- 
zutragen, und die zugleich ihre Methode 
bestimmten. 

Lit. s. bei Augustin, dazu etwa E. W i n k e 1 - 
mann Gesch. d. Angels. 1883. W. Hunt 
The Engl, church from its foundation etc. 1901. 
G. F. Browne Conversion of the Heptarchy^ 
1906. D e r s. Theodor and Wilfrith 1897. 

3. Die angelsächsische Mission 
auf dem Festland {§25) ist 
also gewissermaßen die Fortsetzung der 
keltischen an den Angelsachsen. In diesem 
Sinne und jetzt erst, nachdem es sich mit 
dem angelsächsisch-römischen verschmol- 
zen hatte und dadurch erst recht wirkungs- 
kräftig geworden war, ist das irische 
Christentum von größter Bedeutung für 
die Bekehrung Deutschlands 
geworden, namentlich Mittel- (u. 
S ü d)d eutschlands. 

§ 26. Eine gesonderte Stellung nimmt 
Alemannien in Deutschlands Süd- 
westecke ein. Das unter Herzog Lantfrid 
(730) aufgezeichnete Volksrecht zeigt ein 
wesentlich christianisiertes Land. Wieviel 
zu diesem Erfolg der Stifter des Klosters 
Reichenau am Bodensee (724), P i r m i n , 
der vom Elsaß aus seine klostergründende 
Tätigkeit auch im Schwarzwald und der 
Pfalz fortsetzte, und in dem wir einen 
Angelsachsen (MG. poet. lat. II 224) zu 
erkennen haben, läßt sich ebensowenig 
bestimmen wie der Gang seiner Mission 
m einzelnen. Doch haben wir in den 
Dicta Pirminii (Caspar i, Kirchenhist. 
Anecd. II 157 ff.) ein wertvolles Dokument 
seiner Predigtweise, seines eigenen geistigen 
Niveaus wie desjenigen seiner halbbekehrten 
Zuhörer. 

§ 27. Die eigentliche große angelsäch- 
sische Mission setzte im stammverwandten 
Friesland im Rheindelta ein, dessen 
Nachbarschaft, den Franken längst un- 
bequem, damals auch die erhöhte Auf- 
merksamkeit der aufstrebenden, an Maas 
und Mosel begüterten Karolinger geweckt 
hatte. Hier hatte schon der vertriebene 
Wilfried v. York 678/79 auf einer Reise 
nach Rom längere Zeit unter momentan 
günstigen politischen Umständen unge- 
hindert gepredigt; hierhin wandte sich 
nun der Blick des Abtbischofs Egbert, 
der, obwohl gebürtiger Northumbrier, sich 



226 



BEKEHRUNGSGESCHICHTE 



vollkommen den irischen „Heiligen" ange- 
schlossen und unter ihnen lebend sich 
ganz mit dem Doppelideal der Askese 
und der Mission erfüllt hatte. Nachdem 
sein Sendling Witbert in zweijähriger 
Arbeit unter den Friesen nur einen Miß- 
erfolg zu verzeichnen hatte, zog 690 
Egberts Schüler und Landsmann Willi- 
b r o r d (s. d.) den gleichen Weg, nach Jesu 
Vorbild und Irenart an der Spitze einer Ge- 
sellschaft von 12 Mönchen; angelsächsische 
Weise aber war es, daß er sofort den Segen 
und die Instruktion Roms suchte, und auch 
das entsprach heimischer Auffassung, daß 
er zugleich sich an den weltlichen Herrscher, 
Pippin, anlehnte. Daß dies der einzig 
fruchtbare Weg war, bewies das Schicksal 
Suidberts, der, während Willibrords 
Reise nach Rom von den Missionaren zum 
Bischof gewählt und in England ordiniert, 
unter den Brukterern sich sowenig halten 
konnte wie die beiden Ewalde, der 
,, weiße" und der ,, schwarze", die als Frei- 
missionare unter den Sachsen zu wirken 
versuchten. Während die letzteren das 
Martyrium erlitten, ist der erstere unter 
Pippins Schutz als Stifter des Klosters 
Kaiserswerth auf der Rheininsel Wörth 
gestorben. Im Gegenteil dazu wird 
Willibrord sofort zum Träger der 
organisatorischen und kirchenpolitischen 
Pläne Pippins und des Papstes: 695 
zum ersten Bischof von Utrecht er- 
nannt, erhält er 696 die Würde des 
Erzbischofs mit der Aufgabe, das ganze 
Friesenland, soweit es unter dem Schutze 
der vorrückenden fränkisch-christlichen 
Macht möglich, in Pflege zu nehmen. 
Indem es ihm in langer Arbeit (f 739) 
gelang, sie wenigstens in bezug auf das 
weite Gebiet der Rheinmündung zu lösen, 
teilte seine Stiftung freilich alle politischen 
und kriegerischen Wechselfälle, die,, König" 
Radbod, der Tod feind der Franken 
und Christen, herbeiführte. 

§ 28. Während einer dieser Wechsel- 
fälle (716), der einer Katastrophe nahekam, 
trat derjenige angelsächsische Missionar 
in die Arbeit ein, der sie weit über das 
Gebiet Willibrords hinausführen sollte, zu- 
nächst aber ( — 722) noch ganz als Gehilfe in 
den Bahnen des Friesenapostels anzusehen 
ist, Wynfrith (s.d.) oder Bonifatius. 



Reicht er mit dieser Linie in den Kreis Eg- 
berts, so ist zum Verständnis seiner Auffas- 
sung und seiner Missionsweise wichtig, daß 
er aus Wessex stamm